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Edit ![]() Status: Offline Registriert seit: 01.06.2008 Beiträge: 145 Nachricht senden |
US-Autor Edgar Allan Poe wird 200 | ||||
Damiana ![]() Yo La Tengo ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 22.04.2008 Beiträge: 1972 Nachricht senden |
Wie das halt so ist, nach seinem Tod ging sein dunkler Stern erst auf. Signatur Alma mia sola siempre sola | ||||
Elwood ![]() Status: Offline Registriert seit: 07.07.2008 Beiträge: 59 Nachricht senden |
Ist auch eine Anspielung auf eine Edgar Allan Poe Geschichte. | ||||
Nico ![]() lover of music ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 1813 Nachricht senden |
Kennt ihr die Geschichte Die Grube und das Pendel? Signatur As You Me So I You | ||||
Leandra ![]() Bye, Bye Love ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 15.07.2008 Beiträge: 131 Nachricht senden |
Jetzt werde ich ein wenig fies zu Dir! ![]() Die Grube und das Pendel! Impis tortorum longas hic turba furcres Sanguinis innocui, non satiata, aluit, Sospite nunc patria, fracto nune funeris antro, Mors ubi dira fuit, vita salusque patent.. Inschrift für ein Markttor, das für den Platz Des Jakobiner-Hauses in Paris bestimmt war Ich war krank — erschöpft und todkrank infolge der langen Todesangst — und als man mir die Fesseln löste und mir erlaubte niederzusitzen, fühlte ich, dass mir die Sinne schwanden. Das Urteil, das entsetzliche Todesurteil war der letzte Ausspruch, den meine Ohren deutlich vernahmen. Hiernach schmolzen die Stimmen der Richter in ein traumhaftes, ununterbrochenes Summen zusammen, das in meiner Seele die Vorstellung eines Kreislaufs erweckte — vielleicht weil es an das Sausen eines Mühlrades erinnerte. Das dauerte nur kurze Zeit, denn bald hörte ich nichts mehr. Doch sah ich noch eine Zeitlang — aber in welch seltsamer, schrecklicher Verzerrtheit erschien mit alles! Ich sah die Lippen der schwarzgekleideten Richter. Sie erschienen mir weiß — weißer als das Blatt, auf das ich diese Worte schreibe — und dünn bis zur Groteske; dünn und grausam fest geschlossen, dünn in unbeweglicher Härte, in strenger Verachtung aller Menschenleiden. Ich sah, dass Aussprüche, die mein Schicksal bedeuteten, noch immer über diese Lippen kamen, sah, wie sie sich im Sprechen des Todesurteils verzerrten. Ich sah sie die Silben meines Namens bilden, und ich schauderte, weil kein Laut zu hören war. Ich sah auch für ein paar Augenblicke wahnsinnigen Schreckens das leise, kaum wahrnehmbare Schwanken der schwarzen Stoffe, mit denen die Wände des Gemachs bekleidet waren; und dann fiel mein Blick auf die sieben hohen Kerzen auf dem Tisch. Zuerst blickten sie mitleidig drein und glichen schlanken weißen Engeln, die mich retten würden. Doch dann — ganz plötzlich — wurde mein Geist todmüde, jeder Nerv in mir erbebte, als hätte ich den Draht einer galvanischen Batterie berührt; die Engelsgestalten wurden gleichgültige Gespenster, deren Kopf die Flamme war, und ich sah, dass von ihnen keine Hilfe kommen konnte. Und dann stahl sich in meine Seele gleich einem vollen tröstenden Akkord der Gedanke, wie köstlich die Ruhe im Grabe sein müsse. Der Gedanke kam sanft und verstohlen, und es dauerte lange, bis er in voller Klarheit vor mir stand; doch gerade, als mein Geist ihn ganz begriff, ihn gleichsam innig fühlte, verschwanden wie durch Zauberschlag die Richter vor meinen Blicken; die hohen Kerzen versanken ins Nichts, ihre Flammen loschen aus; schwarze Finsternis siegte; alle Empfindungen gingen unter in einem tollen, rasenden Sturz — als falle die Seele in den Hades. Dann war meine Welt nur Schweigen und Stille und Nacht. Ich lag in Ohnmacht, doch kann ich nicht sagen, dass mein Bewusstsein geschwunden war. Wieviel davon noch blieb, versuche ich nicht zu enträtseln oder zu beschreiben; doch war nicht alles geschwunden. Im tiefsten Schlummer — nein! im Delirium — nein! in Ohnmacht und Betäubung — nein! im Tode — nein! selbst im Grabe ist nicht alles Bewusstsein geschwunden. Sonst gäbe es keine Unsterblichkeit Aus dem tiefsten Schlummer erwachend, zerreißen wir das Spinngewebe eines Traumes; aber eine Sekunde später — so zart ist das Gewebe oft — wissen wir schon nicht mehr, dass wir geträumt. Bei dem Erwachen aus einer Ohnmacht gibt es zwei Stadien: zuerst das Gefühl geistigen oder seelischen — dann das Bewusstsein körperlichen Daseins. Es ist wahrscheinlich, dass wir, falls es uns gelänge, im zweiten Zustand die Eindrücke des ersten zurückzurufen, diese Eindrücke voll fänden von Erinnerungen aus dem Abgrund des Jenseits. Und dieser Abgrund ist — was? Wie sollen wir seine Schatten von denen des Grabes unterscheiden? Wenn nun aber die Eindrücke dessen, was ich den ersten Zustand nannte, nicht willkürlich hervorgerufen werden könne, kommen sie nicht — nach langer Pause oft — ungerufen und uns befremdend? Wer nie in Ohnmacht lag, der gehört nicht zu denen, die oft in der Kohlenglut seltsame Paläste und merkwürdig bekannte Gesichter erschauen; gehört nicht zu denen, die in der Luft düstere Vision erblicken, die der Menge verborgen bleiben; gehört nicht zu denen, die über den Duft einer neuen Blume tiefsinnig grübeln, gehört nicht zu denen, deren Hirn sich nach dem geheimnisvollen Sinn irgendeiner musikalischen Strophe abmüht, der nie vorher ihre Aufmerksamkeit erregte. Bei meinen häufigen bewussten Anstrengungen, mich zu erinnern, bei meinen gewaltsamen Mühen, irgendein Merkmal aus dem Zustand scheinbaren Nichtseins, in den meine Seele entglitten, ins klare Bewusstsein herüberzuretten, gab es Augenblicke, in denen ich ein Gelingen träumte, es gab kurze Momente, in denen ich Erinnerungen heraufbeschwor, die mir in der hellen Vernunft späteren völligen Wachseins als unbedingt jenem Zustand scheinbarer Bewusstlosigkeit entstammend erschienen. Diese Schatten eines Erinnerns reden undeutlich von hohen Gestalten, die mich aufhoben und schweigend abwärts trugen, hinab — hinab — und tiefer hinab, bis ein furchtbares Schwindelgefühl mich erfasste bei dem bloßen Gedanken der Unendlichkeit des Niedergleitens. Sie reden auch von dumpfem Schreckgefühl im Herzen, weil dieses Herz so unnatürlich still war. Dann kommt ein Empfinden völliger Unbewegtheit aller Dinge, als ob die, die mich trugen — ein gespenstischer Zug — in ihrem Vorwärtsbringen die Grenzen des Grenzenlosen überschritten hätten und nun ausruhten von der Mühsal ihres Werkes. Hiernach erinnere ich mich an ein flach ausgestrecktes Liegen, an feuchten Dunst; und dann ist alles Wahnsinn — Wahnsinn eines Bewusstseins, das sich mit dem Unfassbaren, dem Verbotenen abmüht. Ganz plötzlich empfand meine Seele wieder Bewegung und Klang: die stürmischen Schläge des Herzens — und in den Ohren ihren Widerhall. Dann eine Pause, in der alles nichts war. Dann wieder Klang und Bewegung und Gefühl, ein Prickeln durch den ganzen Körper. Dann das bloße Bewusstsein des Daseins, ohne jeglichen Gedanken — ein Zustand, der lange dauerte. Dann, ganz plötzlich, das Denken und schaudernder Schrecken und ernstliches Mühen, meine wahre Lage zu erfassen. Dann ein gieriges Verlangen, in Fühllosigkeit zurückzusinken. Dann ein hastiges Neuerwachen der Seele und ein erfolgreicher Versuch zur Bewegung. Und nun ein volles Erinnern an das Verhör, an die Richter, an die düsteren Wandbehänge, an den Urteilsspruch, an die Ohnmacht. Dann völliges Vergessen alles Folgenden: alles dessen, was ein späterer Tag und eifriges Bemühen mir unklar wieder ins Gedächtnis rief. Bis dahin hatte ich die Augen nicht geöffnet. Ich fühlte, dass ich ungefesselt auf dem Rücken lag. Ich streckte die Hand aus, und sie fiel schwer auf etwas Feuchtes und Hartes. Da ließ ich sie viele Minuten liegen, während ich versuchte, mir vorzustellen, wo und was ich wohl sei. Ich hätte gern die Augen geöffnet, aber ich wagte es nicht. Ich fürchtete den ersten Blick auf meine Umgebung. Es war nicht Furcht, etwas Entsetzliches zu erblicken, sondern das Grauen, nichts zu sehen. Endlich, mit wilder Verzweiflung im Herzen, öffnete ich schnell die Augen. Meine schlimmsten Ahnungen bestätigten sich. Schwarze, ewige Nacht umgab mich. Die Dichtigkeit der Finsternis lastete auf mir und ließ mich erstarren. Die Luft war unerträglich dumpf. Ich lag immer noch still und strengte mich an, meine Vernunft in Gang zu bringen. Ich rief mir den Verlauf der Gerichtsverhandlung ins Gedächtnis zurück und versuchte von da aus meine jetzige Lage abzuleiten. Das Urteil war gesprochen, und es schien mir, als sei seitdem eine lange Zeit vergangen. Dennoch nahm ich keinen Augenblick an, dass ich tot sei. Solch eine Vorstellung ist, was auch darüber geschrieben sein mag, völlig unvereinbar mit dem wirklichen Leben. Doch wo und in welcher Verfassung war ich? Ich wusste, die zum Tode Verurteilten endeten in einem Autodafè, und ein solches war in der Nacht, die meiner Verurteilung folgte, abgehalten worden. War ich in den Kerker geführt worden, um die nächste Hinopferung abzuwarten, die erst in einigen Monaten stattfinden würde? Das konnte nicht sein. Es war geradezu ein Mangel an Opfern gewesen. Auch entsann ich mich, dass mein Kerker, wie alle Gefängniszellen in Toledo, einen Steinboden hatte und nicht ganz ohne Lichtzutritt war. Ein fürchterlicher Gedanke trieb plötzlich mein Blut in Wogen zum Herzen, und für kurze Zeit sank ich von neuem in Bewusstlosigkeit. Als ich mich erholt hatte, sprang ich sofort auf die Füße; jeder Nerv in mir zuckte. Ich streckte die Arme in die Höhe und rundum nach allen Seiten. Ich fühlte nichts und fürchtete dennoch, einen Schritt zu machen, aus Angst, an die Mauern eines Grabes zu stoßen. Der Angstschweiß brach mir aus allen Poren und stand in großen kalten Tropfen auf meiner Stirne. Die Angst der Ungewissheit wurde schließlich unerträglich, und ich bewegte mich vorsichtig mit ausgebreiteten Armen vorwärts; meine Augen drangen fast aus ihren Höhlen; so gierig hoffte ich, einen schwachen Lichtstrahl zu erhaschen. Ich machte viele Schritte vorwärts, doch noch immer war alles Finsternis und Leere. Ich atmete freier. Es war offenbar, dass meiner wenigstens nicht das scheußlichste Geschick harrte. Und nun, während ich mich vorsichtig weiter tastete, drängten sich tausend unbestimmte Gerüchte über die Schrecken von Toledo meinem Gedächtnis auf. Seltsame Geschichten waren über die Kerker in Umlauf — unwahr hatte ich sie immer genannt — aber sie waren furchtbar und so grausig, dass man nur im Flüstertone davon reden konnte. Hatte man mich für den Hungertod in dieser ewigen unterirdischen Nacht bestimmt; oder welches vielleicht noch grässlichere Schicksal erwartete mich? Dass das Ende Tod sein würde, und zwar ein Tod von mehr als gewöhnlicher Bitternis, schien mir, der ich den Charakter meiner Richter kannte, gewiss. Die Art und die Stunde des Sterbens waren das einzige, was mich noch beschäftigte und beunruhigte. Meine ausgestreckten Hände fanden endlich ein festes Hemmnis. Es war eine Mauer — sehr glatt, schlüpfrig und kalt. Ich folgte ihr mit all der misstrauischen Vorsicht, die gewisse Bericht uralter Begebenheiten in mir erweckt hatten. Dieses Vorgehen brachte mir aber keinen Aufschluss über den Umfang meines Kerkers; denn ich konnte, ohne es zu wissen, seinen ganzen Umkreis umschritten haben und wieder am Ausgangspunkt angelangt sein — so glatt und gleichmäßig schien die Mauer. Ich suchte daher nach dem Messer, das sich in meiner Tasche befunden hatte, als man mich in das Untersuchungszimmer geführt; es war fort. Man hatte meine Kleider gegen eine Umhüllung aus grober Wolle vertauscht. Ich hatte beabsichtigt, die Klinge in irgendeinen feinen Spalt des Mauerwerks zu stoßen, um so einen Ausgangspunkt festzustellen. Dies war übrigens nicht so schwierig, als es mir anfangs in meiner Sinnesverwirrung erschien. Ich riss ein Stückchen von meinem Kleidersaum und legte den Fetzen in voller Länge rechtwinkelig zur Mauer auf den Boden. Wenn ich meinen Weg rund um mein Gefängnis machte, musste ich selbstredend bei Vollendung des Umkreises wieder auf den Fetzen stoßen. So dachte ich wenigstens. Aber ich hatte weder mit der Ausdehnung des Kerkers noch mit meiner eigenen Schwäche gerechnet. Der Boden war feucht und schlüpfrig. Ich war eine Zeitlang vorwärts getappt, als ich strauchelte und fiel. Meine ungeheure Müdigkeit zwang mich, ausgestreckt liegen zu bleiben, und bald befiel mich in dieser Lage der Schlaf. Als ich erwachte und den Arm ausstreckte, fand ich neben mir ein Stück Brot und einen Krug Wasser. Ich war zu erschöpft, um über diesen Umstand nachzudenken, sofort aß und trank ich gierig. Bald darauf vollendete ich meinen Rundgang in dem Gefängnis und kam nach vieler Mühe wieder bei dem Wollfetzen an. Bis zu dem Augenblick, da ich hinfiel, hatte ich zweiundfünfzig Schritte gezählt, und als ich nun meinen Gang fortsetzte, zählte ich achtundvierzig, bis ich bei meinem Zeichen wieder ankam. Das ergab zusammen hundert Schritt, und indem ich je zwei Schritt als einen Meter rechnete, schloss ich, dass mein Kerker einen Umfang von fünfzig Meter habe. Doch ich hatte eine Menge Winkel in der Mauer gefunden und konnte mir daher keine Vorstellung über die Form der Gruft bilden — denn eine Gruft war es nach meinem Dafürhalten. Ich fand wenig Sinn — jedenfalls keine Hoffnung — in diesen Nachforschungen, aber eine unbestimmte Neugier veranlasste mich, sie fortzusetzen. Ich verließ die Wand und beschloss, den Raum zu durchqueren. Zuerst ging ich mit äußerster Vorsicht voran, denn ob gleich der Boden anscheinend aus festem Material war, war er doch äußerst schlüpfrig. Endlich aber fasste ich Mut und zögerte nicht, sicher auszuschreiten, wobei ich mich bemühte, in möglichst gerader Linie hinüber zu gelangen. Auf diese Weise war ich zehn oder zwölf Schritt vorwärts gekommen, als der zerrissene Saum meines Gewandes sich in meinen Füßen verfing. Ich trat darauf und fiel mit vollster Gewalt vornüber auf den Boden. In der ersten Verwirrung bemerkte ich nicht sogleich einen befremdenden Umstand, der jetzt, ein paar Sekunden später und während ich noch ausgestreckt da lag meine Aufmerksamkeit erregte. Es war folgendes: Mein Kinn ruhte auf dem Boden des Kerkers, meine Lippen aber und der obere Teil des Kopfes, die meinem Gefühl nach tiefer lagen als das Kinn, berührten nichts. Gleichzeitig schien meine Stirn in klebrigen Dämpfen zu baden, und der unverkennbare Geruch verwesender Schwämme drang mir in die Nase. Ich streckte den Arm aus und schauderte, als ich fand, dass ich genau am Rande einer kreisrunden Schachtöffnung hingefallen war, deren Umkreis festzustellen natürlich gegenwärtig nicht in meiner Macht lag. Es gelang mir, von dem feuchten Mauerrand ein Steinchen loszubröckeln; ich ließ es in den Abgrund fallen. Viele Sekunden lang horchte ich dem Widerhall, den sein Anschlagen an die Seitenwände verursachte; endlich hörte ich ein dumpfes Aufklatschen in Wasser, dem ein vielfältiges Echo folgte. Im selben Augenblick ertönte ein Geräusch wie das rasche Öffnen und Wiederzuschlagen einer Tür mir zu Häupten, während ein schwacher Lichtschimmer durch das Dunkel huschte und ebenso schnell wieder verschwand. Ich erkannte, welches Los man mir zugedacht hatte, und beglückwünschte mich zu dem rechtzeitigen Unfall, der mich rettete. Noch einen Schritt weiter vor meinem Sturz — und die Welt hätte mich nicht wiedergesehen! Die Form der Urteilsvollstreckung, er ich soeben durch einen Zufall entronnen war, entsprach ganz den mir bekannten Berichten über die Inquisition, die ich jedoch stets als Erfindung und alberne Übertreibung angesehen hatte. Ihren Opfern blieb nur die Wahl zwischen Sterben unter entsetzlichen Körperqualen und Sterben unter unerhörten Geistesschrecken. Mich hatte man für letztere aufbewahrt. Durch lange Leiden waren meine Nerven so zerrüttet, dass ich beim Klang meiner eigenen Stimme erbebte und in jeder Hinsicht ein geeignetes Objekt für die auserlesenen Martern geworden war, die man mir zugedacht. An allen Gliedern zitternd tastete ich meinen Weg zur Mauer zurück. Ich war entschlossen, lieber dort zu sterben, als mich in die Schrecken der Grube zu wagen; meine Phantasie malte sich jetzt aus, dass ihrer viele hier im Raum verteilt seien. In anderer Seelenverfassung hätte ich vielleicht den Mut gehabt, mein Elend durch einen Sprung in solch einen Abgrund zu enden, jetzt aber war ich der Feigste der Feigen. Auch konnte ich nicht vergessen, was ich über diese Brunnen gelesen: dass das sofortige Auslöschen des Lebens keineswegs in der Absicht derer lag, die diese entsetzlichen Wassergruben angelegt hatten. Die Seelenaufregung hielt mich viele lange Stunden wach. Schließlich aber schlief ich wieder ein. Als ich erwachte, fand ich wie vorher ein Stück Brot und einen Krug voll Wasser neben mir. Brennender Durst erfasste mich, und ich leerte das Gefäß auf einen Zug. Dem Wasser musste ein Schlafmittel beigemengt sein, denn kaum hatte ich es getrunken, als mich unwiderstehliche Schlafsucht befiel. Ich sank in tiefen Schlummer, in eine Art Todesschlummer. Wie lange er währte, weiß ich natürlich nicht, als ich aber wieder die Augen öffnete, waren die Dinge um mich her sichtbar. Ein seltsamer schwefliger Glanz, dessen Ursprung ich zunächst nicht feststellen konnte, gestattete mir, den Umfang und das Aussehen meines Kerkers wahrzunehmen. In seiner Größe hatte ich mich gewaltig geirrt. Die ganze Mauerrundung umfasste nicht mehr als fünfundzwanzig Meter. Minutenlang verursachte mir diese Tatsache eine Welt von überflüssiger Beunruhigung; wirklich ganz überflüssig, denn was war unter den Schrecken, die mich umgaben, bedeutungsloser als der Umfang meiner Zelle? Doch meine Seele nahm ein merkwürdiges Interesse an Kleinigkeiten, und ich plagte mich sehr, den Irrtum aufzudecken, der mich zu so falscher Messung veranlasst hatte. Endlich fand ich die Ursache. Bei meinem ersten Versuch zur Erforschung des Raumes hatte ich bis zu meinem Hinfallen zweiundfünfzig Schritt gezählt; ich musste damals nur noch zwei oder drei Schritt von dem Wollstreifen entfernt gewesen sein und also den Umkreis beinahe vollendet gehabt haben. Dann schlief ich ein, und nach dem Erwachen musste ich meine Schritte rückwärts gelenkt haben, das heißt ich durchmaß nochmals die vorher bereits zurückgelegte Strecke und berechnete so den Umfang doppelt so groß, als er tatsächlich war. Meine Geistesverwirrung war schuld, dass es mir nicht auffiel, dass ich bei Beginn des Rundgangs die Mauer links, bei der Fortsetzung dagegen rechts gehabt hatte. Auch über die Form des Gefängnisses hatte ich mich getäuscht. Beim Abtasten der Mauer hatte ich viele Winkel gefunden und so den Eindruck großer Unregelmäßigkeit erhalten — so sehr kann völlige Dunkelheit jenen täuschen, der aus Ohnmacht oder Schlaf erwacht! Die Winkel waren nichts als leichte Vertiefungen, die der Zahn der Zeit in unregelmäßigen Zwischenräumen in die Mauer gefressen hatte. Die Grundform des Gefängnisses war ein Viereck. Was ich zuerst für Steinmauern gehalten, schien mir jetzt Eisen oder sonst ein Metall zu sein, dessen große Platten da, wo sie aneinandergenietet waren, die leichten Vertiefungen bildeten. Die ganze Fläche dieser erzenen Wände war mit groben Zeichnungen bemalt, mit all den abscheulichen und abstoßenden Darstellungen, wie der Aberglaube der Mönche sie erfunden. Drohende Teufelsfratzen auf Totenskeletten und andere noch viel grässlichere Gestalten bedeckten und verunzierten die Wände. Ich stellte fest, dass die Umrisse dieser Ungeheuerlichkeiten ziemlich klar, die Farben dagegen, anscheinend infolge der Einwirkung einer feuchten Atmosphäre, verblichen und fleckig waren. Ich betrachtete nun auch den Fußboden, der von Stein war. In seiner Mitte gähnte das runde Brunnenloch, dessen Schlund ich entronnen; es war indes nur dieses einzige im Kerker. Nur undeutlich und mit vieler Mühe konnte ich dies alles erblicken, denn während meines Schlafes hatte sich meine Lage sehr verändert. Ich lag jetzt lang ausgestreckt auf einer Art niedrigem Holzrahmen. Ich lag auf dem Rücken und war mit einem langen Riemen, der einem Sattelgurt glich, an das Holz festgebunden. Der Riemen war mir vielemal um Leib und Glieder geschlungen und ließ nur den Kopf und den linken Arm so viel Bewegungsfreiheit, dass ich mich mit vieler Anstrengung aus einer irdenen Schüssel am Boden mit Nahrung versehen konnte. Ich sah zu meinem Entsetzen, dass man den Krug fortgenommen hatte; ich sage: zu meinem Entsetzen, denn ich war von unerträglichem Durst geplagt. Diesen Durst zu erwecken, schien in der Absicht meiner Peiniger zu liegen, denn das mir gebotene Mahl bestand aus scharfgewürztem Fleisch. Aufwärts blickend betrachtete ich die Decke meines Gefängnisses. Sie war etwa dreißig bis vierzig Fuß hoch und aus demselben Material wie die Seitenwände. Auf einem der Deckenfenster erregte eine sonderbare Figur meine ganze Aufmerksamkeit. Es war eine gemalte Gestalt der Zeit, so wie sie gewöhnlich dargestellt wird, nur dass sie anstatt der Sichel etwas in Händen hielt, was ich auf den ersten Blick als gemaltes Pendel ansah, dergleichen man oft aus alten Uhren findet. Dennoch war da etwas in der Erscheinung des Instruments, was mich veranlasste, es aufmerksamer zu betrachten. Während ich nun senkrecht hinaufstarrte — denn es befand sich genau über mir — bildete ich mir ein, dass es sich bewege. Eine Minute später bestätigte sich meine Einbildung. Seine Schwingungen waren kurz und selbstredend langsam. Ich beobachtete es einige Minuten etwas ängstlich, doch vor allem verwundert. Schließlich ermüdeten mich aber die langsamen Bewegungen, und ich wandte meine Blicke anderen Dingen zu. Ein leises Geräusch erregte meine Aufmerksamkeit; ich sah auf den Boden und gewahrte mehrere riesenhafte Ratten. Sie waren aus dem Brunnen gekommen, der rechter Hand gerade meinen Blicken sichtbar war. Noch während ich hinstarrte, kamen sie scharenweise und hastig herauf, und ihre Augen suchten gierig nach dem Fleisch, das sie gerochen. Es bedurfte vieler Mühe und Aufmerksamkeit, sie von der Schüssel fernzuhalten. Es mochte eine halbe Stunde vergangen sein, vielleicht sogar eine ganze Stunde — denn ich konnte die Zeit nur unvollkommen berechnen — als ich meine Augen wieder aufwärts wandte. Was ich nun sah, verwunderte und entsetzte mich. Die Schwingungen des Pendels hatten an Ausdehnung fast um einen Meter zugenommen. Als natürliche Folge war auch die Schnelligkeit viel größer; was mich aber hauptsächlich beunruhigte, war die Tatsache, dass es sich merklich herabgesenkt hatte. Ich bemerkte jetzt mit namenlosem Schrecken, dass sein unterer Teil in einem Halbmond aus blitzendem Stahl bestand, der von einem Horn zum andern etwa einen Fuß maß; die Hörner waren nach oben gerichtet, und die untere Kante schien scharf wie ein Rasiermesser. Das Pendel schien auch so massiv und schwer wie ein solches, denn es verdickte sich nach oben zusehends. Es hing an einem dicken Messingstab, und das Ganze zischte beim Durchschneiden der Luft. Ich konnte nicht länger zweifeln, welche neue Todesmarter die in Grausamkeiten so erfinderischen Mönche für mich ausgewählt hatten. Es war den Knechten der Inquisition nicht entgangen, dass ich den Brunnen entdeckt hatte — den Brunnen, dessen Schrecken für mich verstockten Ketzer bestimmt gewesen — den Brunnen, diesen Höllenpfuhl, von dem das Gericht ging, dass er das Schlimmste aller ihrer Marterinstrumente sei. Dem Sturz in den Brunnen war ich durch einen bloßen Zufall entronnen, und ich wusste, dass zum Wesen dieser schmerzlichen Kerkertode eine Geißelung durch immer wieder neue Schrecken gehörte. Da ich dem Sturz entgangen war, hatten meine Henker, die mich nicht etwa gewaltsam hinabstürzen würden, von jenem teuflischen Plane Abstand genommen, und es erwartete mich also eine andere, mildere Todesart. Milder! Ich musste trotz meines Grauens über diese Bezeichnung lächeln. Was nützt es, die langen, langen Stunden übermenschlichen Entsetzens zu schildern, in denen ich die sausenden Schwingungen des scharfen Stahles zählte! Zoll um Zoll — Linie um Linie — mit einer allmählichen Senkung, die nur in großen Zwischenräumen, die mir wie Jahre schienen, zu bemerken war — kam es herab und immer tiefer herab! Tage vergingen — es können viele Tage gewesen sein — ehe es so dicht über mich hinfegte, dass mich sein heißer Atem fächelte. Der Geruch des scharfen Stahls drang mir in die Nase. Ich betete — ich beschwor den Himmel, ein schnelleres Ende zu machen. Ich wurde toll und rasend und strengte mich an, soviel ich konnte, um mich dem Schwung der fürchterlichen Schneide entgegenzuheben. Und dann wurde ich plötzlich ruhig und lag und lächelte auf zu dem glitzernden Tod, wie ein Kind wohl ein seltsames Spielzeug anlächelt. Wieder befiel mich Bewusstlosigkeit; sie dauerte nicht lange, denn als ich wieder zu mir kam, war keine wesentliche Senkung des Pendels zu bemerken. Sie konnte allerdings trotzdem lange gedauert haben, denn ich wusste, dass die Teufel mich beobachteten und die Schwingungen nach Willkür gehemmt haben konnten. Nach meinem Wiedererwachen fühlte ich mich — o! unaussprechlich schwach und elend, als hätte ich lange gehungert. Selbst inmitten solcher Todesqualen verlangen die Natur ihre Rechte. Mit schmerzvoller Anstrengung streckte ich den linken Arm aus, so weit es meine Fesseln erlaubten, und ergriff den kleinen Rest der Speise, den mir die Ratten noch übrig gelassen hatten. Als ich ein Stückchen in den Mund schob, durchzuckte es mich wie eine Ahnung von Freude — von Hoffnung. Dennoch, welchen Grund hatte ich zur Hoffnung? Es war, wie ich sagte, nur eine Ahnung, ein halber Gedanke, wie er den Menschen manchmal überkommt, aber ich fühlte auch, dass sich dies Empfinden zu keinem klaren Begriff formen ließ. Vergebens mühte ich mich darum; langes Leiden hatte meine Geisteskräfte untergraben. Ich war ein Dummkopf, ein Idiot. Die Schwingungen des Pendels liefen rechtwinklig zu meiner Körperlänge. Ich sah, dass der Halbmond bestimmt war, mir quer durchs Herz zu schneiden. Er würde den Stoff meines Kleides schlitzen; er würde zurückschwingen und den Schnitt wiederholen — wieder und wieder. Ungeachtet seiner schrecklich weiten Schwingung (einige dreißig Fuß oder mehr) und der pfeifenden Gewalt im Niedersausen, die wohl sogar diese Eisenwände zu durchschneiden vermochte, würde das Pendel doch minutenlang nur meine Kleider schlitzen; und bei diesem Gedanken hielt ich inne. Ich wagte nicht weiter zu denken. Ich prüfte ihn mit hartnäckiger Aufmerksamkeit — als ob ich bei dem Verweilen gerade hier den Stahl aufhalten könnte. Ich zwang mich, mir den Ton auszumalen, mit dem der Halbmond das Gewand durchschneiden würde — das eigentümlich fröstelnde Empfinden, das das Zerschneiden von Stoff auf unsere Nerven auszuüben pflegt. Ich grübelte über alle diese Kleinigkeiten, bis meine Zähne klapperten. Nieder — langsam und stetig kroch es nieder! Ich fand ein wahnsinniges Vergnügen darin, die Schnelligkeit der Schwingungen nach oben und nach unten miteinander zu vergleichen. Nach rechts — nach links — auf und ab — mit dem Kreischen einer verdammten Seele! Los auf mein Herz mit dem schleichenden Schritt des Tigers! Ich lachte und heulte abwechselnd, je nachdem die eine oder andere Vorstellung in mir die Oberhand gewann. Nieder — nieder ohne Erbarmen! Nur noch drei Zoll über meiner Brust sauste es dahin. Ich mühte mich wild — rasend — um meinen linken Arm ganz frei zu bekommen; er war nur vom Ellbogen bis zur Hand frei. Letztere konnte ich mit großer Anstrengung vom Teller neben mir zum Munde führen, weiter aber nicht. Hätte ich die Gurte über dem Ellbogen sprengen können, so würde ich das Pendel erfasst und versucht haben, es zum Stehen zu bringen. Gerade so gut hätte ich versuchen können, eine Lawine aufzuhalten! Nieder — unaufhörlich — unerbittlich nieder! Der Atem versagte mir, und ein Krampf schüttelte mich bei jeder Schwingung. Meine Augen folgten der Aufwärtsbewegung mit dem Eifer sinnlosester Verzweiflung; sie schlossen sich krampfhaft beim Niedersausen, obgleich Tod eine unaussprechliche Erlösung gewesen wäre. Und dennoch erbete ich in jedem Nerv bei dem Gedanken, welch eines geringen Sinkens der Maschinerie es noch bedurfte, um den scharfen, gleißenden Stahl durch meine Brust zu treiben. Es war Hoffnung, die meine Nerven erschauern — meinen Körper zusammenzucken ließ. Es war Hoffnung — Hoffnung, die über die Foltern triumphierte — die selbst den zum Tode Verurteilten in den Kerkern der Inquisition von neuem Leben raunt. Ich sah, dass weitere zehn oder zwölf Schwingungen den Stahl nun tatsächlich in Berührung mit meinen Kleidern bringen würden, und bei dieser Beobachtung überkam meinen Geist ganz plötzlich die klare, gesammelte Ruhe der Verzweiflung. Zum ersten Male seit vielen Stunden und vielleicht Tagen dachte ich. Ich gewahrte jetzt, dass die Riemen oder Gurte, die mich umschlangen, aus einem einzigen Stück bestanden. Ich war nirgends mit einem besonderen Seile festgebunden. Der erste Schnitt des rasiermesserscharfen Halbmonds würde also meine gesamten Fesseln derart lösen, dass ich sie mit Hilfe meiner linken Hand abwinden konnte. Doch wie gefahrvoll war in diesem Fall die Schärfe des Stahls! Die Folge des geringsten Aufbäumens war der Tod. War übrigens anzunehmen, dass meine Marterknechte jene Möglichkeit nicht vorausgesehen und ihr vorgebeugt hatten? War es wahrscheinlich, dass die Fesseln gerade an der Stelle meine Brust kreuzten, die das Pendel berühren würde? Besorgt, meine schwache und, wie es schien, letzte Hoffnung zerstört zu sehen, hob ich den Kopf so hoch, das sich meine Brust deutlich überblicken konnte. Die Gurte umwanden Glieder und Körper nach allen Richtungen — nur nicht in der Schnittbahn des zerstörenden Pendels! Kaum war mein Kopf in seine frühere Lage zurückgesunken, als in meiner Seele etwas aufleuchtete, was ich nicht anders bezeichnen kann, als das sich es die zweite Hälfte jenes vorerwähnten Gedankens an Befreiung nenne, der mir damals, als ich die Speise an die Lippen führte, nur unklar vorgeschwebt. Jetzt hatte sich der ganze Gedanke klar geformt — zaghaft, unsicher, kaum fassbar — aber dennoch klar und ganz. Ich begann sofort mit der Willenskraft der Verzweiflung an seine Ausführung zu gehen. Seit vielen Stunden wimmelten die Ratten um den niedrigen Holzrahmen, auf dem ich lag. Sie waren wild, frech, zudringlich, ihre roten Augen glühten mich an, als warteten sie nur darauf, dass ich mich nicht mehr rührte, um über mich herzufallen. An welche Nahrung, dachte ich, mochten sie im Brunnenloch gewöhnt gewesen sein? Trotz aller meiner Anstrengungen, sie davon abzuhalten, hatten sie den Inhalt meines Speisenapfes bis auf einen geringen Rest aufgezehrt. Ich hatte die Hand unausgesetzt über dem Napf hin und her geschwenkt, und schließlich hatte die unbewusste Gleichmäßigkeit der Bewegung diese ihrer Wirkung beraubt. In seiner Habgier hatte das Ungeziefer häufig seine scharfen Zähne in meine Finger geschlagen. Mit den Stückchen des fettigen und stark gewürzten Fleisches, das mir noch geblieben, rieb ich nun die Gurte überall da ein, wo sie mir erreichbar waren; dann zog ich die Hand zurück und lag atemlos still. Zuerst waren die raubgierigen Tiere darüber, dass die Bewegung der Hand aufgehört hatte, verblüfft und erschreckt. Sie flohen in Scharen zurück; viele eilten zum Brunnen. Doch nur für einen Augenblick. Ich hatte nicht umsonst auf ihre Gefräßigkeit gerechnet. Als sie bemerkten, dass ich regungslos verharrte, sprangen ein oder zwei der kühnsten auf den Holzrahmen und schnüffelten an den Gurten. Dies schien das Signal zu einem allgemeinen Sturm. Aus dem Brunnen ergoss es sich in neuen Schwärmen. Sie klammerten sich ans Holz, stürzten darüber her und sprangen zu Hunderten auf mich herauf. Das gleichmäßige Schwingen des Pendels störte sie nicht im mindestens. Seinen Streichen ausweichend, befassten sie sich mit dem eingefetteten Gurten; sie stürmten mich, sie ergossen sich auf mich in immer neuen Scharen; sie krochen über meinen Hals; ihre kalten Lippen suchten die meinen; der immer zunehmende Druck erstickte mich fast. Ein Ekel, für den es keine Worte gibt, hob meine Brust und legte sich wie eisige Klammern um mein Herz. Doch ich fühlte: noch eine Minute — und der Kampf war zu Ende! Deutlich empfand ich, wie sich die Fesseln lockerten. Ich wusste, dass sie an mehr als einer Stelle schon zernagt sein mussten. Mit übermenschlicher Willenskraft lag ich still. Ich hatte mich in meiner Berechnung nicht geirrt, ich hatte nicht umsonst ausgehalten. Ich fühlte endlich, dass ich frei war. Die Gurte hingen in Fetzen um meinen Leib. Aber das schwingende Pendel berührte schon meine Brust. Es hatte den Stoff meines Kleides geschlitzt. Es hatte das Hemd durchschnitten. Zwei weitere Schwingungen machte es, und ein stechender Schmerz zuckte mir durch alle Nerven. Aber der Augenblick der Befreiung war gekommen. Auf einen schnellen Blick mit der Hand jagten meine Befreier entsetzt von dannen. Ruhig und vorsichtig, mich seitwärts zusammenkrümmend, entglitt ich langsam den umschlingenden Bändern und dem Bereich der stählernen Schneide. Für den Augenblick wenigstens war ich frei. Frei! — Und in den Klauen der Inquisition! Ich war kaum von meinem hölzernen Marterbett auf den Steinboden der Zelle getreten, als die Bewegung der Höllenmaschine aufhörte und ich gewahrte, wie sie von irgendeiner unsichtbaren Kraft zur Decke emporgezogen wurde. Das war eine Lehre, die mir verzweifelt zu Herzen ging. Jede meiner Bewegungen wurde offenbar überwacht. Frei! — Ich war nur einer Todesart entgangen, um nun vielleicht Schlimmeres als Tod zu finden. Bei diesem Gedanken prüften meine angstvollen Blicke die Eisenwände, die mich einschlossen. Irgend etwas Ungewöhnliches — eine Veränderung, die ich zunächst nicht genau feststellen konnte — hatte unverkennbar hier stattgefunden. Viele Minuten lang quälte ich mich in tiefer Versonnenheit mit vergeblichen Vermutungen. In dieser Zeit gewahrte ich zum erstenmal die Quelle des schwefligen Scheines, der meine Zelle erhellte. Er drang aus einem Spalt von etwa einem halben Zoll Breite, der am Boden der Kerkerwände um den ganzen Raum lag und so Wände und Fußboden völlig trennte. Ich versuchte natürlich vergeblich, durch diese Fuge hinunterzuspähen. Als ich mich nach diesem Versuch wieder erhob, begriff ich auf einmal die geheimnisvolle Veränderung des Raumes. Ich erwähnte schon, dass die Konturen der auf den Wänden befindlichen Darstellungen deutlich hervortraten, dass aber die Farben verblasst und unklar schienen. Diese Farben erstrahlen jetzt von Augenblick zu Augenblick in immer stärker werdendem Glanze, der den gespenstischen Teufelsfratzen ein Aussehen gab, das auch stärkere Nerven als meine angegriffen haben dürfte. Seltsam gespensterhafte Augen glotzen mich von tausend Seiten an — Augen, die vorher gar nicht dagewesen waren — und glühten im schauerlichen Glanze eines Feuers, das hinter den Wänden stammen musste, so sehr ich mir auch einzureden suchte, es bestände nur in meiner Einbildung. Einbildung! Bei jedem Atemzug drang in meine Nase der Dunst von glühendem Eisen. Ein erstickender Geruch beherrschte den ganzen Raum. Immer tiefer erglühten die tausend Augen, die meines Todeskampfes harrten. Ein satteres Karmin ergoß sich über die blutigen Gemälde. Ich keuchte. Ich rang nach Atem. An der Absicht meiner Peiniger war nicht zu zweifeln — o erbarmungslose, o satanische Menschen! Ich flüchtete vor dem glühenden Metall in die Mitte der Zelle. Gegenüber der Vernichtung durch das Feuer, die meiner wartete, erschien mir der Gedanke an die Kühle des Brunnens wie lindernder Balsam. Ich eilte an seinen gefahrvollen Rand; ich spähte gespannt hinunter. Der Glutschein von der glühenden Decke erleuchtete seine verborgensten Winkel. Dennoch — eine verzweifelte Minute lang — sträubte sich mein Geist, den Sinn dessen zu erfassen, was ich da unten sah. Doch endlich zwang — wand es sich in meine Seele — brannte es sich ein in meinen schaudernden Verstand. O entsetzliches Begreifen! O wortloser Ekel! — O Grauen über alles Maß! — "Alle anderen Schrecken nur nicht diese!" ächzte ich und stürzte schreiend vom Brunnenrande fort; ich vergrub das Gesicht in die Hände und weinte bitterlich. Die Hitze nahm rasch zu, und wiederum hob ich den Blick, halb wahnsinnig, zur Decke. Eine neue Veränderung hatte sich vollzogen — eine Veränderung in der Form der Zelle. Wie vorher war es vergeblich, dass ich mich bemühte, den Vorgang zu begreifen und einzusehen, was damit beabsichtigt war. Doch nicht lange ließ man mich in Zweifel. Zweimal war ich dem Tode entronnen, die Rachsucht der Inquisitoren war aufs äußerste angestachelt, man zögerte nicht, mich nun gewaltsam mit dem König der Schrecken bekannt zu machen. Der Raum war quadratisch gewesen. Jetzt sah ich, dass zwei seiner Eisenecken spitzwinklig, die anderen folglich stumpfwinklig geworden waren. Die schreckliche Veränderung ging mit leisem Knarren immer weiter vorwärts. Einen Augenblick später hatte der Raum die Gestalt eines schiefen Vierecks. Aber die Bewegung hielt hier nicht inne — ich hoffte und wünschte dies nicht einmal. Ich hätte die rotglühenden Wände an meine Brust ziehen mögen wie ein Gewand ewiger Ruhe. "Tod!" sagte ich, "Willkommen jeder Tod, nur nicht der im Brunnen!" Narr, der ich war! Musste ich nicht wissen, dass es der einzige Zweck des brennenden Eisens war, mich in den Brunnen zu drängen? Konnte ich denn der Glut Widerstand leisten? Und wenn ich es gekonnt — musste ich nicht seiner pressenden Kraft nachgeben? Und jetzt — enger und immer enger schob sich das Viereck zusammen mit einer Schnelligkeit, die mir keine Zeit zum Überlegen ließ. Seine Mitte und also auch sein weitester Raum bildete sich genau über den gähnenden Abgrund. Ich wich zurück — aber die schließenden Wände pressten mich Schritt um Schritt vorwärts. Endlich gab es für meinen wunden, zuckenden Körper keinen Zoll Raum mehr auf dem festen Boden. Ich kämpfte nicht länger, aber die Todesangst meiner Seele schrie auf in einem einzige, langen, lauten, verzweifelten Schrei. Ich fühlte, wie ich auf dem Brunnenrande wankte — ich wandte die Augen ab — Ein verworrenes Geräusch wie von Menschenstimmen! Ein lauter Ton wie gewaltiger Trompetenstoß! Ein Dröhnen und Krachen wie tausendfacher Donner! Die feurigen Wände wichen zurück! Ein Arm packte den meinigen, als ich ohnmächtig in den Abgrund zu fallen drohte. Es war der Arm des Generals Lasalle. Die französische Armee war in Toledo eingezogen. Die Inquisition befand sich in den Händen ihrer Feinde. [Dieser Beitrag wurde am 24.01.2009 - 18:47 von Leandra aktualisiert] Signatur Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. (Victor Hugo) | ||||
Nico ![]() lover of music ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 1813 Nachricht senden |
Das sehe ich erst jetzt, bekomme gleich wieder Angst! Signatur As You Me So I You | ||||
Leandra ![]() Bye, Bye Love ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 15.07.2008 Beiträge: 131 Nachricht senden |
Ich wollt Die keine Angst mache. ![]() Die tausendundzweite Nacht der Scheherazade Forschungen auf orientalistischem Boden ließen mich einen Blick in das "Sagan Wiewares" werfen, ein Werk, das in der Alten und der Neuen Welt so gut wie unbekannt ist; und da musste ich zu meinem Befremden die Entdeckung machen, dass die literarisch gebildete Welt sich bisher auf Grund der Ausführungen in den "Märchen aus Tausendundeiner Nacht" in grobem Irrtum über das Schicksal der Scheherazade, der Tochter des Veziers, befunden hat; der an dieser Stelle gegebenen Lösung kann, will man sie nicht schlechtweg als unwahr bezeichnen, der Vorwurf nicht erspart bleiben, einen wichtigen Teil der Geschichte unterschlagen zu haben. Wissensdurstige Leser, die sich eingehend mit dieser Sache befassen wollen, verweise ich auf den Urtext des "Wiewares"; mir selbst sei gestattet, eine Darstellung in groben Umrissen von dem zu entwerfen, was ich erkundete. Die geläufige Version der Märchen berichtet bekanntlich von einem Herrscher, dem eines Tages seine Gattin Grund zur Eifersucht gab. Es war ihm nicht genug, sie aus der Welt zu schaffen; er schwor auch noch bei seinem Bart und dem Propheten, von nun an Nacht um Nacht die schönste Jungfrau seines Reiches zur Genossin seines Lagers zu erküren und sie am nächsten Morgen in die Hand des Henkers zu liefern. Viele Jahre lang hatte er sein Gelübde nach dem Buchstaben mit frommer Treue und Gewissenhaftigkeit schon erfüllt, so dass er in den Ruf eines Mannes von wahrhafter Gottesfurcht und unwandelbarer Sinnesart gekommen war. Da erhielt er eines Nachmittags (er war wohl ohne Zweifel gerade in Gebete vertieft) den Besuch seines Großveziers, dessen Tochter, wie es scheint, einen Entschluss gefasst hatte. Sie hieß Scheherazade. Und ihr Entschluss war der, entweder das Land von der verheerenden Fron der Schönheit zu befreien oder aber, nach dem bekannten Vorbild aller Heldentöchter, ihr Wagnis mit dem Tode zu büßen. In diesem Sinne hatte sie — obschon kein Schaltjahr war, in dem die Opfer höheres Verdienst erwerben — ihren Vater, den Großvezier, beauftragt, dem Kalifen ihre Hand anzutragen. Und der Kalif nimmt auch das Angebot auf der Stelle an — er hatte ja ohnedies die Absicht gehabt, Scheherazade zu fordern, und nur mit Rücksicht auf den Vezier hatte er die Angelegenheit von einem Tag auf den anderen verschoben — aber in unzweifeldeutiger Weise gibt er gleichzeitig zu verstehen, dass er, ob Großvezier oder nicht Großvezier, nicht die leiseste Absicht habe, auch nur um Haaresbreite von seinem Gelübde und seinen Rechten abzuweichen. Wenn also die schöne Scheherazade darauf bestand, die Gattin des Kalifen zu werden, wenn sie ihren Kopf durchsetzte trotz dem wohlmeinenden Abraten ihres Vaters, so geschah es — ich muss gestehen, ob ich nun will oder nicht — nachdem ihr die wundervollen schwarzsamtnen Augen weit genug geöffnet worden waren. Es scheint nun, dass dieses uneigennützige Mädchen (sie muss Machiavelli gelesen haben) einen höchst geistreichen kleinen Feldzugsplan in ihrem Kopf zurecht gelegt hatte. Unter irgendwelchem Vorgeben setzte sie durch, dass in der Hochzeitsnacht ihre Schwester in einem Bett nahe dem des fürstlichen Paares schlafen durfte, so dass man sich von Bett zu Bett ohne Mühe unterhalten konnte. Und kurz vor dem ersten Hahnschrei weckte sie ihren Gatten, den wackeren Kalifen, aus dem Schlummer (er hatte dank seinem vorzüglichen Gewissen und seiner leichten Verdauung einen gesunden Schlaf) durch eine überaus spannende Geschichte (ich glaube, sie handelte von einer Ratte und einer schwarzen Katze), die sie ihrer Schwester (doch sicher im Flüsterton) erzählte. Nun war aber diese Geschichte zufällig noch nicht zu Ende, als der Morgen graute, und Scheherazade musste, so wie die Dinge nun einmal lagen, im besten Zuge aufhören, denn es war hohe Zeit, dass sie aufstand und sich erdrosseln ließ — eine Sache, die kaum vergnüglicher genannt werden kann als das Hängen, nur um eine Nuance eleganter. Indes die Neugierde — es schmerzt mich, dies feststellen zu müssen — trug den Sieg über die bisher unerschütterlichen religiösen Grundsätze des Kalifen davon. Diesmal ausnahmsweise sah sich der Kalif veranlasst, die Erfüllung seines Gelübdes auf den nächsten Morgen zu verschieben, denn er war voll Begierde, in der kommenden Nacht zu erfahren, wie die Geschichte mit der schwarzen Katze und der Ratte noch ausgehen würde (ich denke doch, dass es sich um eine schwarze Katze gehandelt hat). Die Nacht bracht an; da erzählte die Dame Scheherazade die Geschichte von der schwarzen Katze und der Ratte (sie war nämlich blau, die Ratte) zu Ende, und ehe sie wusste, wie das so kam, steckte sie mitten in den Verwicklungen einer neuen Erzählung, in der (wenn mich nicht alles täuscht) ein rosafarbenes Pferd (mit grünschillernden Schwingen) vorkam, das von einem Uhrwerk in rasende Gangart versetzt wurde und mit einem himmelblauen Schlüssel aufgezogen werden musste. Diese Geschichte fesselte den Kalifen noch mehr als die erste; und als nun der Tag erwachte, noch ehe sie zu Ende war (obschon sich Scheherazade redlich bemühte, mit ihr fertig zu werden, damit sie noch rechtzeitig zur Erdrosselung käme), blieb eben wiederum nichts andres übrig, als die Zeremonie um vierundzwanzig Stunden aufzuschieben. Nun aber ereignete sich in der folgenden Nacht dieselbe Sache und in der nächstfolgenden auch und in der dritten wiederum .. schließlich fand der gute Kalif in einem Zeitraum von nicht weniger als tausendundeiner Nacht keine Gelegenheit, sein Gelübde einzulösen. Und da vergaß er es wohl im Lauf der Zeit oder ließ sich auf dem vorgeschriebenen Dienstweg davon entbinden, oder er brach es schlankweg und den Hals seines Beichtvaters dazu. Auf jeden Fall trug Scheherazade den Sieg davon — sie stamme ja in gerader Linie von Frau Eva ab — und wer weiß, ob sie nicht jene sieben Körbe der Beredsamkeit geerbt hatte, die jene Dame bekanntlich unter den Bäumen des Paradieses einsammelte; die Fron des schönen Geschlechts ward aufgehoben. So ist der Schluss, wie er uns von dem Buch der Märchen vorgesetzt wird, und er ist ja an sich recht gut und schön, aber leider Gottes heißt es von ihm wie von den meisten schönen Dingen auf der Welt: zu schön, um wahr zu sein! Dem "Wiewares" verdanke ich nun die Fingerzeige, wie die Sache einzurenken ist. Es gibt im Französischen ein Sprichwort: "Le mieux est l’ennemi du bien"; wenn ich vorhin sagte, Scheherazade habe die sieben Körbe der Beredsamkeit geerbt, so will ich noch hinzufügen, dass sie sie mit Wucherzinsen ausgeliehen hatte, bis siebenundsiebzig aus den sieben geworden waren. "Meine liebe Schwester," begann Scheherazade in der tausendundzweiten Nacht (ich zitiere hier wörtlich aus dem Text des "Wiewares") "meine liebe Schwester, nun, da ich nicht mehr vor der seidenen Schnur zu bangen habe und die unmenschliche Fron glücklich von uns genommen ist, bekenne ich mich einer groben Unterlassungssünde schuldig, die ich dadurch beging, dass ich dir und dem Kalifen (leider Gottes schnarcht er wieder einmal — als ob ein Mann von Bildung schnarchen könnte!) den wahren Schluss der Lebensgeschichte Sindbads des Seefahrers vorenthalten habe. Dieser Mann erlebte nämlich noch eine Unmenge andrer und noch viel unglaublicherer Abenteuer als die, von denen ich euch erzählt habe; in der Nacht, als ich bei dieser Geschichte war, fühlte ich mich etwas müde und unterlag so der Versuchung, zu kürzen — eine Abscheulichkeit, die mir Allah vergeben möge. Aber noch ist es ja nicht zu spät, mein Vergehen wieder gutzumachen, und ich will jetzt nur geschwind den Kalifen etwas kneifen, dass er sein entsetzliches Sägewerk abstellt, und dir dann (das heißt auch ihm, wenn er zuhören will) die Fortsetzung jener hervorragenden Geschichte erzählen." Daraufhin äußerte Scheherazades Schwester nach dem Text des "Wiewares" keine sonderliche Dankbarkeit; doch hörte der Kalif, nachdem er zur Genüge gekniffen worden war, schließlich auf zu schnarchen und sagte "Hum!" und dann "Hoo!" (Worte, die ohne Zweifel aus dem Arabischen stammen). Scheherazade deutete sie aber als Versicherung, dass ihr Gemahl nunmehr ganz Ohr sei und sein möglichstes tun werde, um nicht mehr zu schnarchen, und nachdem so die Vorbereitungen zu ihrer Befriedigung gediehen waren, kam sie ohne Verzug auf die Geschichte Sindbads des Seefahrers zurück und erzählte in der Rolle des Helden: "Späterhin, in meinem hohen Alter, nachdem ich so manches Jahr in der Heimat der Ruhe gepflegt, kam mich wieder die Lust an, fremde Länder zu bereisen. Ohne meine Familie über mein Vorhaben in Kenntnis zu setzen, packte ich eines Tages einige Bündel mit Waren, die hohen Wert in sich bargen und doch wenig Beschwerlichkeit verursachten, mietete einen Träger dafür und begab mich mit ihm hinab an das Gestade des Meeres, um auf ein Fahrzeug zu harren, das mich, gleichviel wie seine Bestimmung auch lautete, aus der Heimat in ein mir fremdes Land entführen möchte. Wir legten unser Gepäck auf dem Ufersande nieder, lagerten uns im Schatten einer Baumgruppe und hielten Ausschau über den Spiegel des Ozeans in der Hoffnung, ein Schiff zu erspähen; allein wir mühten unsere Augen lange Zeit vergeblich. Sodann bedeuchte mir, als härte ich ein sonderbares Brummen und Summen, und auch der Träger erklärte, nachdem er eine Weile gelauscht, dass er das Geräusch vernähme. Mählich nahm es an Stärke zu, und lauter, immer lauter wurde es; es war kein Zweifel möglich, dass das Wesen, das solches Getöse verursachte, sich uns näherte. Schließlich entdeckten wir denn auch am Horizonte einen dunklen Punkt, der rasch an Größe zunahm, und bald erkannten wir ein gigantisches Ungetüm, das da einherschwamm, denn ein großer Teil seines Körpers ragte über die Oberfläche des Wassers empor. Mit unfasslicher Schnelligkeit kam es uns näher; Wogen von Gischt umschäumten seine Brust, und ein feuriger Schweif, der sich in weiter Ferne verlor, bezeichnete auf dem Wasser den Weg, den es durchmessen hatte. Nun war das Ungeheuer so nahe, dass wir jede Einzelheit unterscheiden konnten. Es war so lang, als wenn man drei der höchsten Bäume der Erde aufeinanderstellte, und so breit wie der große Prunksaal eures Schlosses, erhabenster und großmütigster der Kalifen! Sein Leib hatte nichts mit dem der Fische gemein, sondern war massig wie ein Felsblock und schwarz wie Pech an den über Wasser sichtbaren Flanken; nur ein schmaler, blutroter Streif lief rundum wie ein Gürtel. Der Bauch, der unter dem Wasserspiegel lag, so dass wir nur ab und zu, wenn as Untier sich mit den Wogen hob und senkte, einen flüchtigen Blick darauf werfen konnten, war über und über mit metallischen Schuppen gepanzert, die wie Mondschein bei nebligem Wetter schimmerten. Der Rücken endlich war flach und von heller Farbe; von ihm starrten sechs Stacheln empor, halb so lang wie der ganze Rumpf. Das Scheusal hatte, soweit wir feststellen konnten, kein Maul, aber dafür war es, als ob damit der Mangel ausgeglichen werden könnte, mit mindestens achtzig Augen ausgestattet, die aus ihren Höhlen ragten wie die Augen der grünschillernden Libelle; sie waren in zwei Reihen übereinander angeordnet und liefen parallel zu dem blutroten Streifen rund um den Leib, so dass es den Anschein erweckte, als diene der Streif als Augenbraue. Zwei oder drei dieser furchtbaren Augen waren viel größer als die anderen und leuchtete wie echtes Gold. Das Untier näherte sich uns, wie ich schon sagte, mit rasender Geschwindigkeit, doch musste wohl ein Zauber am Werke sein, dass es überhaupt von der Stelle kam, denn es hatte weder Flossen wie ein Fisch noch Ruderfüße wie eine Ente noch die Flügel der Seemuschel, die sich wie ein Segelboot vom Winde treiben lässt, auch wand es sich nicht dahin wie ein Aal. Kopf und Schwanz glichen sich bei ihm ums Haar, nur befanden sich an jenem zwei kleine Löcher, die für Naslöcher gelten mussten, denn durch sie stieß das Ungetüm mit fabelhafter Kraft und unter ohrenzerreißendem Gekreische seinen dicken Atem aus. Solcher Anblick versetzte uns in nicht geringe Furcht; und doch ward die Empfindung des Schreckens noch übertrumpft durch unser Staunen, als wir bei näherem Hinschauen auf dem Rücken des Ungetüms ein Gewimmel von Wesen erblickten, die in Haltung und Gebaren Menschen glichen, nur trugen sie keine Kleider wie wir, sondern steckten (wohl von Natur) in höchst unbequemen Hüllen, die allerdings mit unserem Tuche einige Ähnlichkeit hatten. Jedoch umschlossen sie die Körper so eng, dass die armen Kobolde einen gar lächerlichen und hässlichen Anblick boten; offensichtlich litten sie schwere Qual darunter. Oben auf ihren Köpfen waren seltsame Kisten von quadratischer Form angebracht; ich hielt diese erst für eine Art Turban, aber bald erkannte ich, dass sie überaus schwer und starr waren, und schloss daraus, dass es Vorrichtungen wären, die durch ihr Gewicht die Köpfe jener Tiere sicher und dauerhaft auf den Schultern festhalten sollten. Um die Hälse der Geschöpfe lagen schwarze Binden (ohne Zweifel Abzeichen der Sklaven), ähnlich wie sie bei uns die Hunde tragen, nur viel breiter und steifer. Infolgedessen konnten die beklagenswerten Opfer den Kopf nicht zur Seite drehen, wenn sie nicht zugleich mit dem ganzen Körper eine Wendung machten; sie waren gezwungen, ständig ihre Nasen zu betrachten. Das Ungetüm hatte beinahe das Ufer erreicht, wo wir standen, da riss es plötzlich eines seiner Augen weit auf und schleuderte aus ihm mit Donnergepolter einen furchtbaren Feuerstrahl, dem eine dicke Rauchwolke entstieg. Als der Qualm sich verzogen hatte, sah ich einen der hässlichen Tiermenschen auf dem Kopf der riesenhaften Bestie stehen mit einer Trompete in der Hand. Die setzte er an den Mund und pustete etliche laute, harte, widerlich klingende Akzente zu uns herüber, die wir vielleicht für eine Art Sprache gehalten hätten, wenn sie nicht durch die Nase gekommen wären. Da wir nun einmal sonder Zweifel angerufen worden waren, geriet ich in nicht geringe Verlegenheit, wie ich antworten sollte, denn ich verstand doch keine Silbe von dem, was der Rufer von sich gegeben hatte. So wandte ich mich an den Träger, der vor Angst einer Ohnmacht nahe war, und fragte ihn, zu welcher zoologischen Gattung das Ungetüm seiner Ansicht nach gehörte, was es im Schilde führte und welcher Art wohl die Geschöpfe sein könnten, die da auf seinem Rücken umherschwärmten. Schlotternd vor Angst gab der Träger zu verstehen, dass er noch nie von diesem Seeschreck gehört hätte; es müsste ein grauenhafter Dämon sein, der den Bauch voll Schwefel und die Adern voll Feuer hätte und von einer Horde Teufel erschaffen worden wäre, um der Menschheit Schaden zu tun. Die Wesen auf seinem Rücken aber wären wohl Flöhe, ähnlich denen, die den Katzen und Hunden bisweilen nachstellten, nur etwas größer und auch viel blutgieriger. Diese Flöhe würden wohl gleichfalls teuflischen Zwecken dienen, denn durch die Qual, die sie dem Ungetüm mit Nagen und Stechen zufügten, würde es in solche Wut versetzt, dass es brüllte und Unheil stiftete und so den Rache- und Vernichtungszweck der Geister des Hasses erfüllte. Nachdem ich dieses vernommen, hielt ich es für ratsam, meine Beine in Bewegung zu setzen. Ohne mich umzublicken, rannte ich in wilder Hast davon, den Bergen zu. Und der Träger bewegte sich mit gleicher Behendigkeit dahin, allerdings nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung. Durch solche List gelang es ihm, mitsamt meinen Bündeln zu entkommen, die er, wie ich hoffe, treu bewahrt hat. Freilich kann ich darüber keine bestimmte Auskunft geben, denn ich sah den Mann niemals wieder. Was mich anlangt, so wurde ich von einem ganzen Schwarm der Flohmenschen (sie waren in Booten ans Ufer gefahren) so hitzig verfolgt, dass ich bald eingeholt war; an Händen und Füßen gebunden wurde ich zu dem Seeungetüm geschleppt, und gleich darauf schwamm es davon, auf die hohe See hinaus. Bitterlich bereute ich da den verrückten Einfall, mein trautes Heim verlassen zu haben, um mein Leben mit Abenteuern wie diesem aufs Spiel zu setzen. Doch die Reue kam zu spät, und so versuchte ich, mir meine Lage so gut als eben möglich zu gestalten, und bemühte mich, die Gunst des Tiermischen mit der Trompete zu erlangen, denn er schien bei seinen Genossen in Ansehen zu stehen. Mein Streben hatte den Erfolg, dass mir das Geschöpf schon nach wenigen Tagen unterschiedliche Zeichen seiner Huld gab, schließlich unterzog es sich gar der Mühe, mir die Anfangsgründe seiner — es war aufgeblasen genug zu sagen — ‚Sprache’ beizubringen, so dass ich nach einiger Zeit imstande war, mich regelrecht mit ihm zu unterhalten. Ich machte ihm begreiflich, dass ich das brennende Verlangen in mir trug, die Welt zu durchforschen. ‚Waschisch sqaschisch squiek, Sindbad, hey diddel diddel grunt unt grumel hiß fiß wiß’, äußerte er sich eines Tages nach Tisch zu mir — Verzeihung, ich hatte vergessen, dass Euer Hochwohlgeboren der Redeweise der Cockneys (dies war der Name der Tiermenschen; vermutlich, weil ihre Sprache ein Zwischending zwischen Pferdegewieher und dem Krähen des Hahnes vorstellte) nicht mächtig sind. Mit dero gütiger Erlaubnis will ich übersetzen. Waschisch squaschisch und so fort bedeutet: ‚Ich stelle mit Vergnügen fest, mein lieber Sindbad, dass du ein ganz famoser Bursche bist. Wir befassen uns eben mit einer Sache, die man Weltumsegelung nennt, und da du so begierig darnach bist, die Welt zu sehen, so will ich mich deiner gern annehmen und dir gestatten, nach Belieben auf dem Rücken des Ungetüms umherzugehen.’" Als die Dame Scheherazade bei diesem Punkt ihrer Erzählung angelangt war, drehte sich — nach dem Text des "Wiewares" — der Kalif von der linken Seite auf die rechte und meinte: "Es ist in der Tat höchst merkwürdig, liebe Frau, wie du früher gerade diese Abenteuer Sindbads auslassen konntest. Ich finde sie nämlich ganz besonders spannend und phantastisch." Nachdem der Kalif sich in solcher Weise zu äußern geruht hatte, nahm die schöne Scheherazade den Faden ihrer Erzählung wieder auf und sprach: "Sindbad berichtete weiter: ‚Ich drückte dem Tiermenschen meine Dankbarkeit für seine freundliche Gesinnung aus und fühlte mich gar bald auf dem Ungetüm heimisch. Mit fabelhafter Schnelligkeit schwamm es über den Ozean dahin, obschon der Meeresspiegel in jener Gegend nicht eben, sondern rund wie ein Granatapfel war, so dass es gleichzeitig bergauf und bergab schwimmen musste, wenn ich mich so ausdrücken darf.’" "Höchst eigentümlich", unterbrach der Kalif. "Und doch die Wahrheit", erwiderte Scheherazade. "Ich bezweifle das", sprach der Kalif. "Aber bitte, erzähle nur weiter." "Gerne", sagte Scheherazade. "’Das Ungeheuer’ — fuhr Sindbad fort — ‚schwamm, wie gesagt, gleichzeitig bergauf und bergab, bis wir zu einer Insel gelangten, die viele hundert Meilen im Umkreis maß; und doch war sie hier mitten im Weltmeer einzig und allein von einem Volke winzig kleiner Wesen erbaut worden, die einige Ähnlichkeit mit Raupen hatten.’" (1) "Hum!" bemerkte der Kalif. "’Wir verließen dieses Eiland’ — fuhr Sindbad fort — (Scheherazade nahm nämlich von dem unhöflichen Zwischenruf ihres Gatten keine Notiz), und erreichten eine andere Insel, auf der die Wälder von Stein waren; und zwar von so hartem Gestein, dass die bestgehärteten Äxte zersplitterten, als wir den Versuch machten, einen der Bäume zu fällen.’" (2) "Hum!" ließ sich der Kalif von neuem vernehmen. Aber Scheherazade hörte nicht darauf, sondern fuhr in Sindbads Erzählung also fort: "’Wir ließen auch diese Insel hinter uns und kamen in ein Land, wo eine Höhle war, die dreißig oder vierzig Meilen weit in das Innere der Erde führte. In dieser Höhle standen Paläste … zahlreicher, stolzer und herrlicher als alle Paläste zu Damaskus und Bagdad. Myriaden von Diamanten und Edelsteinen, größer als ein ausgewachsener Mann, funkelten von den Dächern dieser Paläste. Und an den Fronten der Türme und Pyramiden und Tempel hin glitten gewaltige Ströme, schwarz wie Ebenholz und belebt von Fischen, die blind waren.’" (3) "Hum!" bemerkte der Kalif. "’Darnach gelangten wir in eine andere Gegend und entdeckten einen hohen Berg, von dessen Schroffen sich Ströme gluflüssigen Metalles ergossen; etliche von diesen Strömen waren zwölf Meilen breit und sechzig Meilen lang. (4) Plötzlich erhob sich aus einem Krater auf dem Gipfel des Berges eine Aschenwolke, die die Sonne am Himmel verfinsterte. Tiefere Finsternis noch als die um Mitternacht umgab uns; obschon wir von dem Berge hundertundfünzig Meilen entfernt waren, konnten wir die hellsten Gegenstände nicht mehr erkennen, auch wenn wir sie dicht vor die Augen hielten.’" (5) "Hum!" brummte der Kalif. "’Das Meersungetüm verließ diese Küste und setzte die Reise fort bis zu einem Lande, in dem die Naturgeschichte auf dem Kopf zu stehen schien. Wir fanden da nämlich einen großen See, auf dessen Grund in einer Tiefe von über hundert Fuß ein Wald von mächtigen Bäumen üppig grünte." (6) "Hoo!" machte der Kalif. "’Und etliche hundert Meilen Weges weiter gelangten wir in einen Himmelsstrich, in dem die Luft so dick war, dass sie Eisen und Stahl trug, als ob das leichte Flaumfedern wären.’" (7) "Blödsinn!" sagte der Kalif. "’Wir setzten unsre Fahrt in derselben Richtung fort und erreichten das herrlichste Land der Erde. Ein Fluss von wundersamer Pracht zog sich in vielen Windungen etliche tausend Meilen weit dahin. Er war durchsichtiger als Amber, und seine Tiefe war unermesslich. An Breite schwoll er von drei auf sechs Meilen an; zu beiden Seiten stiegen die Ufer zwölfhundert Fuß hoch senkrecht empor und waren von immerblühenden Bäumen und ewig duftenden Blumen überwuchert, so dass das ganze Land den Eindruck eines köstlichen Gartens machte. Der Name dieses Paradieses aber war — Reich des Schreckens. Wer es betrat, war rettungslos dem Tode verfallen.’" (8) "Hum!" machte der Kalif. "’Eilends kehrten wir diesem Lande den Rücken und nahten uns nach einigen Tagen einer anderen Küste, wo wir zu unserem Staunen viele gewaltige Raubtiere erblickten, die sichelförmige Hörner auf dem Kopfe trugen. Jedes dieser hässlichen Tiere wühlte sich eine ungeheure, trichterartige Höhle in das Erdreich und überkleidete die Böschung mit lose aufgetürmten Felsblöcken. Sobald nun ein anderes Tier mit dem Fuß die Felsblöcke berührte, kollerten sie augenblicks übereinander und rissen das unglückliche Geschöpf mit sich in die Höhle des Ungeheuers hinab. Hier wurde ihm das Blut ausgesogen und hernach der Leichnam ohne jede Pietät weit fortgeschleudert aus der Höhe des Todes.’" (9) "Puh!" seufzte der Kalif. "’Wir setzten die Reise fort und stießen auf ein Land, in dem eine Wirrnis von Pflanzen war, doch hatten diese Pflanzen ihre Wurzeln nicht in der Erde, sondern in der Luft. (10) Wir fanden auch Arten, die den Leibern anderer Pflanzen entsproßten (11), und solche, die ihre Nahrungssäfte aus den Körpern lebendiger Tiere sogen. (12) Und dann waren da noch andre, die weithin helles Licht verbreiteten (13), und wieder andre, die sich nach Belieben von der Stelle bewegen konnten. (14) Schließlich entdeckten wir noch viel verwunderlichere Gebilde: Pflanzen, die lebten und atmeten und ihre Ranken bewegen konnten, wie sie wollten; außerdem hatten sie die verabscheuungswürde Gewohnheit der Menschen angenommen, andre Geschöpfe einzufangen und in hässliche, entlegene Gefängniszellen zu sperren, bis sie eine ihnen auferlegte Fron geleistet hatten.’" (15) "Pah!" machte der Kalif. "’Wir verließen dies Gestade und besuchten ein Land, wo die Bienen und die Vögel über ein so geniales mathematisches Wissen verfügen, dass sie den Gelehrten in jenem Reiche täglich Unterricht in Geometrie erteilen. Der regierende Fürst hatte einst eine Belohnung ausgesetzt für die Lösung zweier verwickelter Aufgaben: sie waren im Handumdrehen gelöst — die eine von den Bienen, die andre von den Vögeln; aber der Fürst hielt ihre Lösungen geheim, und es begab sich, dass nach langwieriger Forschung und Arbeit, nachdem im Verlauf vieler Jahre eine Unmenge dickleibiger Bände geschrieben worden war, die menschlichen Mathematiker schließlich zur selben Lösung gelangten, die die Bienen und die Vögel auf der Stelle gefunden hatten.’" (16) "Du lieber Himmel!" rief der Kalif aus. "’Wir hatten dieses Land kaum aus der Sicht verloren, da befanden wir uns schon vor einem andern, von dessen Ufer her ein Schwarm von Vögeln über uns hinflog, der eine Meile breit und zweihundertvierzig Meilen lang war. Obschon aber die Tiere in jeder Minute nicht weniger als eine Meile zurücklegten, währte es doch nicht weniger als vier Stunden, bis der ganze Schwarm über uns weggeflogen war, in dem sich viele Millionen Vögel befanden.’"(17) "Pfui doch!" sagte der Kalif. "’Eben waren die Vögel, die uns auf die Dauer etwas lästig gefallen waren, verschwunden, da entdeckten wir zu unserm Schreck einen Vogel, der jene Märchenvögel aus meinen früheren Fahrten an Größe weit übertraf; er war größer als der höchste Turm deines Serails, o erhabenster aller Kalifen! Dieser furchterregende Vogel hatte, wie wir deutlich sehen konnten, keinen Kopf sondern war nur Bauch, ein überaus fetter, praller Bauch, der aus feinem, sammetweichen und durchscheinendem Stoff zu bestehen schien und eine Streifung von allerlei Farbe aufwies. In seinen Klauen trug das Ungetüm ein ganzes Haus zu seinem Horst irgendwo in den Lüften empor, ein Haus, von dem es offenbar das Dach abgebrochen hatte. Wir erkannten genau, dass sich menschliche Wesen darin befanden, die ohne Zweifel in einem Zustand dumpfer Verzweiflung dem entsetzlichen Los, das ihrer harrte, entgegenblickten. Wir erhoben laut unsere Stimmen in der Hoffnung, der Vogel möchte erschrecken und seine Beute fallen lassen, aber er gab nur — offenbar aus Wut — ein knarrendes Geräusch von sich und ließ über unsern Köpfen einen Sack fallen, der sich mit Sand gefüllt erwies.’" "Schwindel!" bemerkte der Kalif. "’Bald nach diesem Erlebnis erreichten wir einen Erdteil von unermesslicher Ausdehnung und unwägbarer Schwere; trotzdem ruhte er einzig und allein auf dem Rücken einer himmelblauen Kuh, die nicht weniger als vierhundert Hörner hatte.’" (18) "Dies kann ich nun glauben," sprach der Kalif, "denn ich habe früher ähnliches in dem Buch gelesen." "Wir schwammen unter diesem Erteil durch (zwischen den Beinen jener Kuh), und nach einigen Stunden befanden wir uns in einem Lande, von dem mir der Tiermensch sagte, es sei seine Heimat und werde von Wesen seiner Gattung bewohnt. Diese Tatsache ließ den Tiermenschen sehr in meiner Achtung steigen, und ich machte mir Vorwürfe, dass ich ihn mit einer gewissen herablassenden Vertraulichkeit behandelt hatte. Denn ich sah, dass die Tiermenschen ein Volk von gewaltigen Zauberkünstlern waren; sie hatten nämlich Würmer im Gehirn (19), die sie ohne Zweifel durch ihren Schmerz verursachendes Umherkriechen, Bohren und Winden zu diesen wunderbaren Taten und Erfindungen anregen sollten." "Unsinn!" sagte der Kalif. "’Bei diesen Zauberern lebten höchst eigentümliche Haustiere. Zum Beispiel war da ein ungeheures Pferd, dessen Gebeine aus Eisen und dessen Blut aus kochendem Wasser bestand. An Stelle des Hafers erhielt es schwarze Steine zur Nahrung, und doch war es trotz dieser schwerverdaulichen Kost so stark und schnell, dass es eine Last, die schwerer war als der größte Tempel dieser Stadt, mit einer Schnelligkeit von der Stelle bewegte, die den Flug der meisten Vögel noch übertraf.’" (20) "Quatsch!" bemerkte der Kalif. "’Sodann sah ich eine Henne ohne Gefieder, die größer war als ein Kamel. An Stelle von Fleisch und Gebein hatte sie Eisen und Ziegelsteine; ihr Blut bestand wie das des Pferdes, mit dem sie nahe verwandt zu sein schien, aus kochendem Wasser, auch fraß sie gerade wie das Pferd nur Holz und schwarze Steine. Diese Henne brütete an einem Tag nicht selten hundert Kücken aus. Nach ihrer Geburt aber lebten die Kücken mehrere Wochen lang im Bauch ihrer Mutter.’" (21) "Erlogen!" bemerkte der Kalif. "’Einer aus dem Volk der mächtigen Beschwörer schuf einen Menschen aus Messing, Holz und Leder und hauchte ihm solchen Geist ein, dass er im Schachspiel alle Menschen besiegte mit Ausnahme des großen Kalifen Harun al Raschid. (22) Ein andrer Magier stellte aus ähnlichem Stoff ein Wesen her, das sogar das Genie seines Schöpfers beschämte. Denn es war mit solchen Vernunftskräften begabt, dass es in einer Sekunde Berechnungen bewältigte, die die vereinigten Kräfte von fünfzigtausend Menschen von Fleisch und Blut ein ganzes Jahr hindurch beansprucht haben würden. (23) Ein Zauberer, der noch höhere Macht besaß, baute ein gewaltiges Ding, das weder Mensch noch Tier war. Er hatte ein Gehirn von Blei und einer schwarzen Masse, die wie Pech aussah, und Finger, die es mit so unglaublicher Schnelligkeit und Sicherheit bewegen konnte, dass es ihm leicht gefallen wäre, in einer Stunde zwanzigtausend Abschriften des Koran zu liefern, und zwar Abschriften von solcher Genauigkeit, dass man unter den zwanzigtausend nicht eine hätte finden können, die von den anderen auch nur um Haaresbreite abgewichen wäre. Die Macht dieses Geschöpfes war ungeheuer; es konnte nämlich mit einem Atemzug mächtige Reiche aufrichten und wieder zerstören. Aber seine Kräfte wurden gleichviel zum Bösen wie zum Guten verwandt.’" "Zum Totlachen!" sagte der Kalif. "’Unter dem Volk der Zauberkünstler war auch einer, in dessen Adern das Blut des Salamanders floss. Er machte sich nichts daraus, sich in einen rotglühenden Backofen zu setzen und da seinen Tschibuk zu rauchen, bis oben auf der Herdplatte sein Essen gargekocht war. (24) Ein andrer besaß die Fähigkeit, gewöhnliche Metalle in Gold zu verwandeln; er brauchte nicht einmal hinzusehen, wenn die Verwandlung sich vollzog. (25) Wieder einer hatte einen derart verfeinerten Tastsinn, dass er Drähte ziehen konnte, die so dünn waren, dass man sie gar nicht sah. (26) Ein andrer besaß solche Schnelligkeit der Auffassung, dass er die einzelnen Bewegungsphasen eines Körpers zählen konnte, solange dieser mit einer Geschwindigkeit von neunhundert Millionen Malen in der Sekunde elastisch auf und nieder schwirrte.’" (27) "Unmöglich!" rief der Kalif. "’Sodann war da ein Magier, der mit Hilfe einer Strömung, die niemand sah, seine Freunde zwang, die Arme zu schwingen, die Beine zu werfen, zu kämpfen oder gar nach seinem Willen zu tanzen. (28) Ein andrer brachte es mit seiner Stimme so weit, dass er sich vom einen Ende der Erde bis zum andern verständlich machen konnte. (29) Wieder einer hatte einen so langen Arm, dass er, wenn er sich in Damaskus hinsetzte, einen Brief in Bagdad, oder wo er wollte, schreiben konnte. (30) Einer befahl sogar dem Blitz, vom Himmel herabzufallen, und der Blitz kam auf seinen Wunsch und diente ihm als Spielzeug. Ein andrer nahm zwei laute Töne und machte Stille daraus. Und wieder einer machte Finsternis aus zwei hellfarbigen Strahlen. (31) Einer machte Eis in einem rotglühenden Tiegel. (32) Wieder ein andrer gab der Sonne auf, sein Bildnis zu malen, und die Sonne tat so. 833) Der nächste beschäftigte sich mit dem Mond und den Planeten; er stellte ihr Gewicht mit peinlicher Genauigkeit fest, drang in ihr Inneres ein und erforschte die Dichte des Stoffes, aus dem sie gemacht sind. Im übrigen besitzt das ganze Volk die Gabe des Hellsehens; weder den Kindern noch den gewöhnlichsten Katzen und Hunden bereitet es Schwierigkeiten, Dinge wahrzunehmen, die in Wirklichkeit gar nicht da sind oder die zwanzig Millionen Jahre, bevor das Volk geboren worden war, aus dem Angesicht der Schöpfung getilgt worden waren.’" (34) "Wahnsinn!" sagte der Kalif. "’Die Frauen und Töchter dieser unvergleichlich großen und weisen Magier’", fuhr Scheherazade fort, ohne sich irgendwie durch die häufigen und banalen Zwischenrufe ihres Gatten stören zu lassen, "’sind in jeder Hinsicht gebildet und wohlerzogen, und sie wären auch überaus geistreich und schön zu nennen, wenn nicht ein unglückseliger Wahn sie befallen hätte, vor dem sie selbst die wunderbaren Kräfte ihrer Gatten und Väter bis heute nicht retten konnten. Unglück kommt in mannigfacher Gestalt; das, von dem hier die Rede ist, erschien in Form einer fixen Idee.’" "Einer was?" fragte der Kalif. "’Einer fixen Idee’" sprach Scheherazade. "’Einer der Teufel, die beständig auf der Lauter liegen, um Übles zu tun, hat in die Köpfe der hochgebildeten Damen gepflanzt, dass das, was wir als körperliche Schönheit bezeichnen, in nichts andrem bestünde als in der mehr oder weniger ansehnlichen Rundung jenes gewissen Körperteils, der nicht weit unterhalb der schmalsten Stelle des Rückens liegt. Der Gipfel der Anmut, behauten sie, sei, den üppigsten P… zu haben. Sei langer Zeit schon sind sie von dieser Idee besessen, und es ist allgemeine Sitte geworden, jenen Körperteil zu polstern. Und so sind die Tage längst vergessen, da man in jenem Land noch eine Frau von einem Dromedar unterscheiden konnte.’" — "Schluss" rief da der Kalif. "Ich kann und will das nicht mehr länger mit anhören. Deine Lügen haben mir üble Kopfschmerzen bereitet. Ich sehe, der Tag bricht eben an. Wie lange waren wir doch nun verheiratet? — mein Gewissen plagt mich wieder. Und nun gar die Sache mit dem Dromedar! Hältst du mich denn für einen Narren? Ich meine, du solltest jetzt aufstehen und dich erdrosseln lassen." Solche Worte — ich habe es aus dem "Wiewares" — betrübten und verblüfften Scheherazade gleichermaßen, aber da sie den Kalifen als einen Mann von Grundsätzen kannte und wusste, dass er schwerlich sein Wort zurücknehmen würde, so trug sie ihr Schicksal mit Würde. Ein großer Trost war ihr der Gedanke (während sich die seidene Schnur enger und enger um ihren Hals schloss), dass noch ein guter Teil der Geschichte nicht erzählt war. Die Laune dieses Scheusals von einem Gatten rächte sich von selber in gebührendem Maße, denn sie brachte ihn um gar viele unbegreifliche Abenteuergeschichten. Erklärungen 1. Die Korallentiere. ["Mag der Orkan Tausende ungeheurer Bruchstücke losreißen; was hat das zu bedeuten gegenüber der sich häufenden Arbeit von Myriaden kleiner Architekten, die Tag und Nacht, Jahr um Jahr bei der Arbeit sind? So sehen wir, wie der weiche, gallertartige Körper eines Polypen durch die Wirksamkeit der Gesetze des Lebens die große mechanische Kraft der Meereswogen besiegt, denn weder die Kunst des Menschen, noch die unbelebten Werke der Natur erfolgreich widerstehen können." Darwin "Reise eines Naturforschers". Anm. d. Übers.] 2. "Zu den seltsamsten Naturmerkwürdigkeiten in Texas zählt ein versteinerter Wald nahe den Quellen des Pasignoflusses. Er besteht aus etlichen hundert aufrechtstehenden Stämmen, die allesamt versteinert sind. Einige der Bäume, die noch im Wachstum begriffen sind, weisen teilweise Versteinerung auf. Diese Tatsache muss verblüffend auf die Naturforscher wirken und wird sie wohl veranlassen, die bestehende Theorie über das Wesen der Versteinerung umzubauen." Kennedy. [Nach Berdrow geschah die "Versteinerung" der Stämme durch kieselsäurehaltige Wasserströme, die die von Tonschichten und Sand bedeckten Wälder durchtränkten und unter Beibehaltung der Struktur gewissermaßen kristallisierten. Die Bloßlegung erfolgte in der vierten Erdperiode, dem Zeitalter der Verwitterung, dem die verkieselten Hölzer besser als der sie umgebende Tonsandstein widerstanden. H. C. Hovey, ein amerikanischer Geologe, nimmt an, dass Aschenschichten vulkanischer Ausbrüche die Wälder begruben. In späterer Zeit sei dann diese Schicht überflutet worden mit Wasser, das reich an Kieselsäure war und vermutlich von Geisern (heißen Springquellen) herrührte. Das Holz sei von ihm durchtränkt worden und schließlich im Laufe sehr ausgedehnter Zeiträume "versteinert". Anm. des. Übers.] Diese Mitteilung, die erst auf geringen Glauben stieß, wurde inzwischen ergänzt durch die Entdeckung eines völlig versteinerten Waldes am Oberlauf des Chayenne- oder Chienneflusses, der in den Black Hills im Felsengebirge entspringt. Es gibt wohl auf der ganzen Erde sowohl von geologischen als vom malerischen Gesichtspunkt aus kein eindrucksvolleres Bild als das, das der versteinerte Wald bei Kairo bietet. Der Reisende lässt die Gräber der Kalifen vor den Toren der Stadt hinter sich und wendet sich fast im rechten Winkel zu der Straße, die durch die Wüste nach Suez führt, gen Süden. Er durchwandert ungefähr zehn Meilen weit ein unfruchtbares Tal, dessen Boden aus Sand, Kies und Muscheln besteht, als sei erst gestern Ebbe eingetreten, übersteigt sodann eine niedrige Kette von Sandhügeln, die sich eine Strecke weit parallel zu seinem Weg hinzieht. Und jetzt bietet sich dem Reisenden ein unbeschreiblich seltsamer und trostloser Anblick. Meilenweit in der Runde steht ein entseelter, abgestorbener Wald von Baumüberresten, die zu Stein verwandelt sind und wie Gusseisen klirren, wenn der Huf des Reittieres sie trifft. Das Holz ist dunkelbraun und hat in der Versteinerung seine Struktur beibehalten. Die Stämme, die 1-15 Fuß an Länge messen, liegen so dicht, dass der ägyptische Esel nur mit Mühe seinen Weg zwischen ihnen findet. Das Ganze macht einen so natürlichen Eindruck, dass man, wäre man in Schottland oder Irland, an ein ungeheures entwässertes Moor denken könnte, in dem die ausgegrabenen Baumstämme im Sonnenschein verfaulen. Die Wurzeln und Aststümpfe sind in manchen Fällen fast unbeschädigt erhalten; bei einigen sind noch die Gänge, die die Würmer einst unter der Rinde genagt haben, deutlich wahrzunehmen. Die zartesten Saftgefäße und alle empfindlichen Teile im Innern des Holzes sind noch zu erkennen und halten selbst einer Prüfung durch das stärkste Vergrößerungsglas stand. Das Ganze ist durch und durch mit Kieselsäure getränkt, ritzt Glas und kann zu Hochglanz poliert werden. — Asiatic Magazine. 3. Die Mammuthöhle in Kentucky. 4. In Island, 1783 5. "Beim Ausbruch des Hekla im Jahre 1766 entstand infolge einer Wolkenbildung durch Asche solche Finsternis, dass die Einwohner von Glaumba, das über 150 englische Meilen entfernt liegt, auf allen Vieren kriechend und mit Fackeln ihren Weg suchen mussten. Beim Ausbruch des Vesuv im Jahre 1794 war es in Caferta, zwölf englische Meilen weit entfernt, nur mit Licht möglich, zu gehen. Am 1. Mai 1812 senkte sich aus einem Vulkan der Insel St. Vincent ein Aschenregen über die ganze Barbadosgruppe und verdunkelte um Mittagszeit den Himmel derart, dass man im Freien Bäume und dicht vor Augen befindliche Gegenstände nicht wahrnehmen konnte, nicht einmal ein weißes Taschentuch, das in einer Entfernung von 6 Zoll vor die Augen gehalten wurde." Murray, S. 215, Phil. Edit. 6. "Im Jahre 1790 senkte sich bei einem Erdbeben in Caraccas eine Strecke des granitischen Erdreichs und bildete einen See von 800 Yards Breite und 80-100 Fuß Tiefe. Ein Teil des Waldes von Aripao sank dabei unter; die Bäume blieben unter dem Wasserspiegel noch mehrere Monate lang grün." Murray, S. 221. 7. Der härteste Stahl kann durch ein Gebläse in unfühlbar feinen Staub verwandelt werden, der von der Luft davongetragen wird. [Das Wasserstoff-Sauerstoff-Gebläse wurde 1801 von Dr. Hare erfunden und ist imstande, sogar Diamanten zu verbrennen. Anm. des Übers.] 8. Das Flussgebiet des Niger. Siehe Simmonds "Colonial Magazine". 9. Der Ameisenlöwe (Myrmeleon). Der Ausdruck "Raubtier" ist wohl ebenso gut im kleinen wie im großen zu gebrauchen, dagegen haben Beiworte wie "ungeheuer" und ähnliche proportionale Bedeutung. Der Trichter des Ameisenlöwen ist "ungeheuer" im Vergleich zu der Höhle der gemeinen roten Ameise. Vom gleichen Gesichtspunkt aus wird ein Sandkorn zum "Felsblock" [Aus der Darstellung Poes geht nicht hervor, dass der Ameisenlöwe sein Opfer mit Sand ("Felsblöcken") bewirft, um es dadurch zum Absturz zu bringen. A.J. Kösel von Rosenhof schreibt 1755 in seiner "Insektenbelustigung" hierüber: "Auf dem Grunde des Trichters harrt nun der Ameisrauber unter dem Sande verborgen auf eine Beute. Sobald sich eine Ameise am oberen Rande zeigt, so wirft er mit seinem breiten Kopf den Sand weit heraus. Das Insekt, das auf dem leicht beweglichen Sande der Trichterwand keinen Halt findet und nicht schnell genug entfliehen kann, rutscht unter dem wiederholt auf es geschleuderten Sandhagel immer rascher abwärts, bis es in die geöffnete Zange seines Raubers fällt." Anm. d. Übers] 10. Das Epidendron flos aeris, eine zur Orchideenfamilie zählende Pflanze, klammert seine Wurzeln an einen Baum oder sonst wo an, ohne jedoch dem Substrat Nahrung zu entziehen. Es lebt also in der Tat von der Luft. [Luftwurzeln sind nicht nur Haftorgane, sondern auch Nahrungseinnehmer, die sich Lebensmittel auf verschiedene Weise verschaffen. In den dichten Filzen und Schöpfen dieser Wurzeln verfängt sich Erde und Humus in oft ansehnlichen Mengen, so dass die Pflanze Gelegenheit findet, ihre Wurzeln in normaler Weise zur Aufnahme mineralischer und humoser Nährstoffe zu verwenden. Einige Arten wie die Vandaorchideen treiben ihre Luftwurzeln bis hinab auf den Boden, wo sich dann aus dem silberschimmernden, lockern, schwammigen Gebilde der Luft eine Wurzel wie jede andre Erdwurzel entwickelt. Die Luftwurzeln vermögen auch durch ihr Belamen, eine mehrfache Schicht luftführender Zellen, aus feuchter Luft Wasser zu kondensieren. Anm. d. Übers.] 11. Parasiten ähnlich der prachtvollen Rafflesia Arnaldii. [Die Rafflesia schmarotzt auf Lianen (Cissusarten), in deren Holz sie zahlreiche, vielverzweigte Fäden bilden. Anm. d. Übers.] 12. Schouw erwähnt eine Pflanzengattung, die auf Tieren vegetiert — die Plantae Epizoae. Zu dieser gehören einige Fuci und Algae. Mr. J. B. Williams von Salem, Mass., reichte dem National Institut ein Insekt von Neuseeland ein unter Beifügung folgender Beschreibung: "Die Hotte", eine ausgesprochene Raupe oder Made, lebt auf den Wurzeln des Rautabaumes. Auf ihrem Kopf gedeiht eine Pflanze. Dieses höchst seltsame und außergewöhnliche Insekt wandert an den Rata- und Perriribäumen empor, nagt sich oben in den Stamm ein und frisst sich durch den ganzen Stamm bis zur Wurzel durch. Hier kommt es dann zum Vorschein und stirbt oder verfällt in Schlaf, während die Pflanze aus seinem Kopf wächst. Der Körper der Raume bleibt unversehrt erhalten, nur ist er jetzt härter als zu Lebzeiten des Tieres. Die Eingeborenen machen aus dem Insekt Farbe zum Tätowieren. 13. In Bergwerken und auch in natürlichen Höhlen findet sich eine Art Pilze, die ein helles, phosphoreszierendes Licht ausstrahlen. {Es handelt sich hier wohl um den Vorkeim des Leuchtmooses, Schistostega osmundacae. Anm. d. Übers.] 14. Orchideen, Skabiosen und Vallisneria. 15. Der Blütenkelch dieser Pflanze (Aristolochia clematitis) ist röhrenförmig und läuft in einen zungenförmigen Sporn aus, der am Grunde retortenartig aufgeblasen ist. Der Sporn ist innen mit steifen Haaren bewachsen, die nach unten gerichtet sind. Der kugelförmige Auswuchs enthält den Stempel, der aus Fruchtknoten und Narbe besteht, und die ihn umgebenden Staubgefäße. Nun sind aber die Staubgefäße kürzer als selbst der Fruchtknoten, können also nicht von sich aus den Blütenstaub auf die Narbe befördern, da die Blüte immer aufrecht steht bis nach der Befruchtung. Ohne Eingriff von außen muss der Blütenstaub naturgemäß auf den Boden des Blütenkelches fallen. Dieser Eingriff erfolgt nun auf eine von der Natur bestimmte Weise durch die Tiputa Pennicornis, ein kleines Insekt, das sich in die Blütenröhre zwängt, um Honig zu suchen, und bis in die Retorte vordringt. Hier läuft es umher, bis es über und über mit Blütenstaub bepudert ist, und nun kann es nicht mehr heraus, weil die Stellung der Haare nach innen gerichtet ist; sie wirken also wie die Drähte einer Mausefalle. Nun wird das Insekt ungeduldig über seine Haft, drängt vorwärts und rückwärts, versucht überall hinauszukommen, streift dabei die Narbe mehrmals, bringt Blütenstaub darauf und bewirkt so die Befruchtung. Bald darauf neigt sich die Blüte, die Haare im Sporn verdorren und lassen das Insekt entkommen. — Rev. P. Keith "System of Physeological Botany". [Auch die übrigen Arten der Osterluzeifamilie, Aristolochia, und der Aronstab, Arum maculatum, zählen zu den "Kesselfallenblumen". Anm. d. Übers.] 16. Die Bienen haben von jeher ihre Zellen in genau der Form, der Anzahl und der Anordnung gebaut, die allein — wie mathematisch nachgewiesen wurde — die Lösung des Problems ermöglichte: größter Raum verbunden mit größter Stabilität des Baues. [Der Vollständigkeit halber sei hier eine Stelle aus Maeterlinck "Viedes abeilles" angeführt: "Réaumur hatte den berühmten Mathematiker König folgendes Problem gestellt: Unter allen sechskantigen Zellen mit pyramidalem, aus drei gleichen und ähnlichen Rhomben bestehenden Boden die zu bestimmen, die am wenigsten Baustoff erfordere. König antwortete, es wäre diejenige, deren Boden aus drei Rhomben bestünde, deren große Winkel je 109°26" und die kleinen je 70° 34" betrügen. Nun aber hat ein anderer Gelehrter, Maraldi, die Winkel der Rhomben in den Bienenzellen so genau wie möglich nachgemessen und gefunden, dass die großen 109° 28", die kleinen 70° 32" betragen. Zwischen beiden Lösungen bestand also nur ein Unterschied von zwei Minuten! Und es ist wahrscheinlich, dass der Irrtum nicht von den Bienen, sondern von Maraldi begangen wurde, denn es gibt kein Instrument, das die Zellenwinkel, die nicht so scharf hervortreten, mit untrüglicher Sicherheit nachzumessen erlaubte." Anm. d. Übers.] Gegen Ende des verflossenen Jahrhunderts wurde von Mathematikern die Frage aufgeworfen, welches die beste Form für Windmühlenflügel sei unter Berücksichtigung der verschieden großen Entfernungen vom Mittelpunkt der Drehbewegung. Es ist dies ein sehr verwickeltes Problem, das in anderen Worten bedeutet, die nutzbar angepasste Form zu einer unbegrenzten Strecke verschieden großer Abstände vom Mittelpunkt zu finden. Tausende von fruchtlosen Versuchen rief jene an die berühmtesten Mathematiker gestellte Frage hervor. Und als man schließlich die brauchbare Lösung gefunden hatte, entdeckte einer, dass die Flügelform eines Vogels die Antwort hätte auf der Stelle mit unfehlbarer Sicherheit geben können, seit nur je ein Vogel durch die Luft flog. 17. "Man sah den Schwarm Tauben zwischen Frankfort [gemeint ist wohl Frankfort am Michigansee, nicht Frankfort in Indiana. Anm. d. Übers.] und Indiana-Territory, der mindestens eine Meile breit war. Vier Stunden vergingen, bis der Schwarm vorüber war! Daraus ergibt sich bei einer Fluggeschwindigkeit von einer Meile in der Minute eine Länge von 240 Meilen für den Schwarm. Rechnet man nun drei Tauben auf ein Quadrat-Yard, so findet man eine Summe von 2 230 272 000 Tauben." — "Travels in Canada and the United States" von Lieut. F. Hall. 18. "Die Erde wird getragen von einer Kuh von blauer Farbe, die vierhundert Hörner hat." — Sales Koran. 19. Die Entozoa oder Eingeweidewürmer sind oft in den Muskelgeweben und im Gehirn des Menschen festgestellt worden. Siehe Wyatts Physiologie, S. 143. 20. Bei der Great-Western-Nailway zwischen London und Exeter wurde eine Geschwindigkeit von 71 Meilen in der Stunde erreicht. Ein 90 Tonnen schwerer Zug wurde von Paddington nach Didcot (53 Meilen) in 51 Minuten befördert. 21. Das Eccolabeion (Brutofen, künstliche Glucke). 22. Maelzels automatischer Schachspieler. 23. Babbages Rechenmaschine. 24. Chabert — und nach ihm hundert andre. 25. Galvanoplastik. 26. Wollaston machte für Fadenkreuze in Fernrohren aus Platin einen Draht von 1/18000 Zoll [ein amerik. Zoll = 2,54 cm] Dicke. Dieser Draht konnte nur mit Hilfe des Mikroskops wahrgenommen werden. 27. Newton wies nach, dass die Netzhaut (Retina) des menschlichen Auges unter dem Einfluss des violetten Strahles im Spektrum 900 millionenmal in der Sekunde vibriert. 28. Die Voltasche Säule 29. Der Telegraph vermittelt Gedanken augenblicklich nach allen Teilen der Erde. 30. Der Drucktelegraph [Morseapparat, erfunden 1837. Anm. d. Übers.] 31. Geläufige Experimente aus dem Gebiet der Naturkunde. Wenn man von zwei Lichtquellen aus zwei rote Strahlen in einer Dunkelkammer auf einen weißen Schirm fallen lässt und sie sind in der Länge um 0,0000167 Zoll verschieden, so wird ihre Intensität verdoppelt. Ebenso, wenn der Längenunterschied ein gerade Vielfaches dieses Bruches beträgt. Die Multiplikation mit 2 _, 3 _ usw. gibt eine Intensität, die nur einem Strahl entspricht, aber die Multiplikation mit 2 _, 3 _ usw. verursacht völliges Dunkel. Bei violetten Strahlen werden gleiche Resultate erzielt, wenn der Längenunterschied der Strahlen 0,0000167 Zoll beträgt. Ebenso ist es mit allen andern Strahlen — die Längenunterschiede vergrößern sich entsprechend der Lage im Spektrum von Violett nach Rot hin. Ähnliche Versuche mit Schallwellen haben zu ähnlichen Ergebnissen geführt. 32. Stelle einen Platintiegel über einen Spiritusbrenner und erhitze ihn bis zur Rotglut, sodann gieße etwas schweflige Säure hinein, und du entdeckst, dass sie, obschon ein bei normaler Temperatur rasch verdampfender Stoff, in dem heißen Schmelztiegel unvermindert erhalten bleibt; nicht ein Tropfen verdampft. Denn die eigene Verdunstung hüllt sie ein, so dass sie den Boden des Tiegels nicht berührt. Nun aber werden ein paar Tropfen Wasser hineingeträufelt; die Säure kommt in Berührung mit den glühenden Wänden des Tiegels und verflüchtigt sich als schwefliger Dampf. Das geht so schnell, dass die Wärme des Wassers mit ihm entflieht und die Tropfen als Eisklümpchen auf den Grund des Tiegels sinken. Wenn man nun den Augenblick erfasst, ehe es wieder schmilzt, kann man Eis aus dem rotglühenden Tiegel fischen. [Es handelt sich um den sphäroidalen Zustand, in den die schweflige Säure in dem glühenden Tiegel bei einer Temperatur noch unter ihrem Siedepunkt, der bei -10 liegt, gerät. Träufelt man auf dieses Sphäroid Wasser, so gefriert es. Anm. d. Übers.] 33. Die Daguerreotypie. 34. Obwohl das Licht 167 000 Meilen in der Sekunde zurücklegt, ist die Entfernung zu den 61 Sternen des Schwans (dem einzigen Sternbild, dessen Entfernung wir kennen) so groß, dass ihre Lichtstrahlen mehr als 10 Jahre brauchen, um zur Erde zu gelangen. Für weiter entfernte Sterne sind 20 oder 1000 Jahre eine mäßige Bemessung. Wären sie nun vor 20 oder 1000 Jahren untergegangen, so würden wir sie heute noch am Himmel mit dem Licht leuchten sehen, das vor 20 oder 100 Jahren von ihnen ausging. Dass viele von den Sternen, die wir heute sehen, in Wahrheit nicht mehr sind, ist nicht unmöglich, nicht einmal unwahrscheinlich. 35. Herschel behauptet, dass das Licht der schwächsten Nebelflecke, die wir durch ein großes Fernrohr wahrnehmen können, drei Millionen Jahre brauchte, um zur Erde zu gelangen. Einige, die erst durch das Instrument des Lord Roß sichtbar gemacht wurden, brauchten dazu 20 Millionen Jahre. Hier gibts noch mehr: http://www.symbolon.de/books2003/poe.htm Signatur Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist. (Victor Hugo) | ||||
Nico ![]() lover of music ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 23.04.2008 Beiträge: 1813 Nachricht senden |
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TheCrow ![]() Status: Offline Registriert seit: 10.05.2008 Beiträge: 205 Nachricht senden |
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