<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 20.02.2007 - 07:18 |  |
Welch ein Wahnsinn, dachte ich während ich die pompöse Treppe hinab stieg. Dann drehte ich mich noch einmal um, sah an der imposanten Fassade des Renaissancegebäudes empor und stellte fest, dass es keine Ironie war, wenn man es als Justizpalast bezeichnete.
Dabei handelte es sich um nichts anderes als um eine Fabrik, in der menschliche Schicksale verarbeitet wurden.
Was wussten diejenigen, die hier zu Gericht saßen, schon von den Menschen, über die sie zu urteilen wagten und zu deren Schicksal sie sich aufschwangen?
Vor einer halben Stunde hatte der Richter die Entscheidung verkündet. Mit fester Stimme, er schien keine Zweifel zu haben.
Doch nicht einmal Klaras Eltern waren bereit ihren Schwiegersohn anzuklagen, obwohl er doch den Tod der geliebten Tochter verursacht hatte. Auch sie sahen darin nur ein Unglück, eine Verkettung widriger Umstände, gegen die der Mensch nicht gefeit ist.
Die Ohrfeige, die Philip seiner Frau gegeben hatte als sie ihm den Seitensprung gestand, vor der sie wohl reflexartig, mehr in einer Abwehrreaktion als durch die Wucht des Schlages zurückgewichen war, stürzte, mit der Stirn auf die Kaminkante schlug und innerhalb einer Stunde an Gehirnblutung starb, war Schicksal. Ein schreckliches Drama, das nun mehr als ein Jahr zurücklag und jetzt sein vorläufiges Ende fand.
Dabei hätte es ganz anders kommen können.
Es ist gerade mal ein Jahr her, die Tennissaison hatte gerade erst begonnen, ich saß nach einem anstrengenden Match selbstzufrieden in der Abendsonne vor dem Clubhaus, als Klara neben mir Platz nahm. Hocherfreut lud sie zu einem Cappuccino ein. Sie lehnte dankend ab und zog Camparie vor.
"Nanu", sagte ich leichthin, "Probleme"?
Ich kannte sie von Kindesbeinen und einmal waren wir uns - da mochte sie achtzehn oder neunzehn gewesen sein - für einige wunderbare Momente sehr nahe gekommen. Sie war ein hübsches Ding, doch ich wäre mir vorgekommen wie Humbert Humbert, wenn ich der Versuchung nachgegeben hätte - obwohl sie kein kleines Nymphchen mehr war, weiß Gott nicht.
Später gründete ihr Vertrauen zu mir, wohl auch auf dieser eher väterlichen Zurückhaltung, fragte sie mich doch bei mancherlei Problemen um Rat oder holte eine zusätzliche Meinung ein, nachdem sie vorher ihre Tante Mistel konsultiert hatte.
Als sie mir gestand, dass sie sich zu einem One-Night-Stand hatte hinreißen lassen, gelang es mir nur mit Mühe ein überraschtes Pfeifen zu unterdrücken.
Das hatte ich ihr nicht zugetraut, der mittlerweile so coolen Universitätsassistenten am Institut für kognitive Psychologie.
Außer einem schlechten Gewissen sei nichts weiter passiert, versicherte sie mir. Die Episode war ohne jede Bedeutung. Es habe sich um eine Art Unfall gehandelt.
So weit, so gut. Statt aber die unerfreuliche Geschichte abzuhaken und schnellstens zu vergessen, erwog Klara nun den Fehltritt ihrem Mann zu beichten.
„Du bist wohl verrückt?“, entfuhr es mir.
„Wozu soll das gut sein? Es ist doch alles vorbei und erledigt, oder etwa nicht“?
„Erst wenn ich Philip mein Vergehen gestanden habe“, beharrte Klara.
„Das hört sich ganz nach deiner Tante Mistel an. Richte ihr einen schönen Gruß von mir aus, sie soll dich wegen ihrer späten Reue über ihr wildes Leben, gefälligst nicht auf einen Kreuzzug in falsch verstandener Moral schicken“.
„Wie meinst du das? Wieso falsch verstandene Moral? Ist es falsch wahrhaftig zu sein? Ich jedenfalls finde es unendlich wichtig und ich würde auch von meinem Mann erwarten, dass er im umgekehrten Fall ebenso handelt“.
Ihre Augen verdunkelten sich und die aufkeimenden Tränen machten mich nervös.
Doch ich wollte sie, wie ich meinte, vor einem fatalen Fehler bewahren und gab daher nicht nach.
„Nein, auch ich bin für die Wahrheit, aber man sollte sich ihrer vernünftig bedienen, nämlich nur dann wenn es Sinn macht! Und worin sollte der in deinem Falle liegen? Es gibt nämlich ausgesprochen grausame Wahrheiten, die man einem geliebten Menschen nur in Ausnahmefällen zumuten sollte. Deshalb würde ich es an deiner Stelle lieber mit der barmherzige Lüge versuchen“.
Da sie nicht antwortete, fuhr ich fort.
„Aber vielleicht steckt ja auch nur Egoismus hinter deiner vermeintlichen Ehrlichkeit“.
„Egoismus? Wie kommst du auf diese Idee“?
Auf einmal lag ein zorniges Funkeln in ihren Augen.
„Das ist ganz einfach“, fing ich an zu dozieren, wieder um Einvernehmen bemüht.
„Denke an die Beichte. Sie ist, in gewissem Sinne jedenfalls, eine ganz nützliche, ja raffinierte Einrichtung der katholischen Kirche. Durch sie wird der Sünder entlastet. Er beichtet, ihm wird verziehen und alles ist wie vorher. Das Leben kann neu beginnen.
Mir scheint, dass auch du diese kleine, schmutzige Schuld nur loswerden willst. Es verlangt dir nach Absolution.
„Nein, das stimmt nicht. Ich weiß, dass ich diesen Fehltritt niemals mehr ungeschehen machen kann, ich werde damit leben müssen. Aber gerade deshalb muss es Philip erfahren. Wie könnte er sonst jemals wieder Vertrauen zu mir haben. Vertrauen ist das Wichtigste in einer Beziehung“, verkündete sie nachdrücklich, wenn auch für meinen Geschmack ein wenig zu pathetisch.
Das hättest du dir mal früher überlegen sollen, liebes Kind, dachte ich, gab aber stattdessen zu bedenken:
„Philip vertraut dir doch. Erst nach deinem Geständnis, hätte er Grund zu zweifeln. Nicht wahr“?
Wieder antwortete sie nicht.
"Weil du dir selbst nicht verzeihen kannst, soll es nun dein Mann tun.
Ich meine, das Mindeste, was man nach so einem Malheur verlangen kann, ist, dass man es für sich behält. Oder ist das völlig abwegig?“, schob ich schnell die Frage nach, um meinen Worten die Schärfe zu nehmen.
Klara schwieg weiter.
Der Platzwart schaltete die Wassersprenger ein, auf einmal stiegen überall Fontänen hoch und da die Sonne schräg vom Abendhimmel schien, bildeten sich auf dem Tropfenvorhängen zahlreiche Regenbogen.
Schweigend beobachteten wir beide wie sie mit dem Wasserstrahl weiterwanderte und nach einigen Sekunden, die uns wie Minuten vorkamen, plötzlich wieder verschwanden.
Doch erst als der künstliche Niederschlag, nach einer weiteren Platzrunde, an der gleichen Stelle wieder anlangte und die Regenbogen erneut ihre ganze Farbenpracht entfalteten, fragte mich Klara, und es klang irgendwie verächtlich:
„Du meinst also, ich soll lügen“?
„Nein, du sollst schweigen“, korrigierte ich listig.
„Schweigen ist in diesem Falle Lüge, denn sie wird Zeit unseres Lebens wie eine Wand zwischen uns stehen“, und jetzt sah sie mir direkt in die Augen.
„Dann lüge eben – ja, „DU SOLLST LÜGEN!“, versuchte ich hilflos lächelnd meinen Worten noch einmal Gewicht zu verleihen, wohl wissend, dass ich verloren hatte.
„Nein, das werde ich nicht tun“!
Damit erhob sie sich, reichte mir mit einer beinahe feierlichen Geste die Hand und schritt davon.
Was für eine großartige Frau, dachte ich ihr nachblickend. Philip war zu beneiden.
Wir treffen in unserem Leben aus freien Stücken Entscheidungen, die sich dann, so oder so, als unser Schicksal erweisen.
Vielleicht hatte sie ja Recht. Möglicherweise sind am Ende die verlorenen Ideale, die eigentlichen Verluste in unserem Leben?
Es war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. Zwei Tage später war sie tot.
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Chrissi 
      

Status: Offline Registriert seit: 12.02.2007 Beiträge: 546 Nachricht senden | Erstellt am 20.02.2007 - 16:22 |  |
Hallo Betonhof,
auch zu dieser Geschichte möchte ich gerne etwas Nachdenkliches anführen.
Meine Mutter sagte früher immer: "Kind, es gibt Lügen und Notlügen". Die kleinen Notlügen waren erlaubt! Trotz ihrer absolut katholischen Einstellung.
Stell Dir eine Frau vor, kommt gerade für 150,00 € vom Friseur, ist stolz wie Lumpi, freut sich an ihrem neuen Outfit..... Soll ich jetzt vielleicht sagen, mein Gott, sieht das Schei... aus? Wer mich gut kennt weiß, wenn ich nix sage finde ich es sicher nicht toll. Fragt er/sie trotzdem kommt von mir: "Na ja muss ich mich wohl erstmal dran gewöhnen", oder so ähnlich.
Zu Deiner Geschichte kann ich deshalb nur sagen....
Prima Einstellung! Allerdings nur, wenn es sich um einen einmaligen Ausrutscher handelt. Betriebsfeste sind dafür ja sehr beliebt?
Eine solche "Beichte" halte ich für fatal. Außer Misstrauen hinterher bringt es gar nichts!
Den häufigen Satz von Eheleuten: "Wir sagen uns immer alles", finde ich einfach nur dumm.
Ein länger dauerndes Verhältnis, wüsste ich schon gerne von meinem Mann und nicht, wie ja meistens, ich erfahre es als letzte!
In diesem Sinne.... Prima geschrieben! Ich hoffe nur, Stefan liest meine Antwort jetzt nicht, dann kommt er vielleicht auf dumme Gedanken? 
Liebe Grüße
Chrissi
[Dieser Beitrag wurde am 20.02.2007 - 17:28 von Chrissi aktualisiert]
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