Brack  Söldnerhauptmann und Bärentöter
 

Status: Offline Registriert seit: 20.05.2007 Beiträge: 59 Nachricht senden | Erstellt am 21.03.2008 - 20:01 | |
Drei sind zuviel Für einen Aal.
Ein tiefer, traumloser Schlaf. Unterbrochen von einer sanften Briese, die über Bracks Wange strich.
Doch sobald der erste Sonnenstrahl das Gesicht berührte, öffnete er seine Augen und noch sehr verschwommen dreinblickend, schaute er sich um. Sein Kopf war schwer wie ein Fels und das Übelkeitsgefühl nach der letzten Nacht zwang Brack wieder in die Horizontale. Ein jämmerliches “Oooh …“ begleitet von einem tiefen Brummen war das einzige, was er im Moment herausbringen konnte. Brack schloss wieder seine Augen und hatte eigentlich vor, sich bis zur seinem Lebensende nicht mehr zu bewegen, denn er glaubte nicht, dass diese Armee, die gerade in seinem Kopf eine Schlacht gegen alle bekannten Mächte des Universums austrug, dort wo sich vermutlich gestern noch ein Hirn befand etwas übrig lassen würde.
Nach einer Weile kehrten auch die Erinnerungen wieder, zumindest die wichtigsten, wie sein Name und der Name des Lagers, wo er sich hoffentlich noch befand. Er schwor sich im Geiste nie wieder einen Schluck Met zu sich zu nehmen, wenn nur doch die Wahnsinnigen in seinem Kopf aufhören würden, diesen mit Gewalt durch die Nase verlassen zu wollen. Eine weit entfernte Stimme, die mit jedem Wort näher kam und schließlich in seinem Kopf wie eine Kriegstrommel hämmerte, holte ihn aus seinem bewegungslosen Zustand. Brack kannte diese Stimme, aber der Name zu dem diese gehörte, war in weite Ferne gerückt. Es war die Stimme einer Frau… Brack öffnete eins seiner Augen und sah in das Gesicht von Sarah, die breit grinsend etwas vom Aufstehen brabbelte. Er konzentrierte alles, was in seinem Kopf noch an Hirn übrig war auf die Worte der Frau, die sich neben dem Hämmern der Kriegstrommeln in seinem Kopf wie Latein anhörten. Doch nach einer Weile verwandelten sich diese in eine für Brack verständliche Sprache.
“Brack, komm steh auf! Du siehst aus wie eine Leiche und so riechst du auch. Es wird Zeit für ein Bad.”
“Bad !?! … Ein Bad …!?!“, dachte Brack. Das zweite Auge sprang daraufhin automatisch auf. Das wäre es! Ein schönes warmes Bad in einem Zuber. Obwohl seine Extremitäten noch nicht wirklich gehorchten, rappelte sich Brack auf, was zunächst einem großen Käfer ähnelte, der verzweifelt versucht, sich wieder auf den Bauch zu drehen und wechselte dann sanft in die Bewegung einer Katze mit Verstopfung über, die sich einen Platz für ihr Geschäft sucht. Sarah konnte ihr Lachen nicht mehr zurückhalten und winkte nach Hagen, der gerade wenige Meter weiter an der Stange des Sonnensegels vor Lachen zusammenbrach. Dieser kam, sich den Bauch haltend, näher und half Brack auf die Beine. Nachdem in Zusammenarbeit mit Sarah Bracks Gewand von den gröbsten Unreinheiten befreit war, holte Sarah einen weißen Waschlappen und winkte damit Brack zu.
“Folge mir, ich zeige dir, wo du baden kannst. Deine Axt lässt du am besten hier, sonst gehst du noch unter!“
Brack überlegte einen Moment und konnte nicht verstehen warum er in einem Zuber mit seiner Axt untergehen sollte, da das Wasser darin doch bloß hüfthoch ist und üblicherweise eine Streitaxt in Bauchhöhe gehalten oder, wie so oft von Brack praktiziert, auf der Schulter abgelegt wird. Da sein geistiger Zustand immer noch sehr beschränkt war, verwarf er diesen Gedanken und folgte Sarah wortlos.
Nach einer Weile kamen sie an das Ufer eines kleinen Tümpels. Brack machte davor halt und beugte sich vorsichtig über das Ufer, während Sarah und Hagen in aller Ruhe eine Decke in der Nähe auf der Wiese ausbreiteten. Das Wasser des Tümpels sah kalt aus, also kam es für ihn nicht in Frage, dort zu baden. Brack schaute sich um, doch er konnte keinen Zuber entdecken. Also drehte er sich mit dem Rücken zum Wasser und schaute Hagen und Sarah an. Schultern zuckend sprach er: “Also ich kann keinen Zuber sehen. Wir sind hier falsch oder es ist ein Scherz von Euch.“
Hagen nickte Sarah zu und langsamen Schrittes kam er Brack näher. Während seine Schritte immer schneller wurden sprach er ruhig: “Nein Brack, wir sind hier richtig. Das große hinter dir ist dein Bad.“ Brack bekam Panik, als die Worte von Hagen bei ihm ankamen, nicht wissend, was er jetzt tun sollte, stotterte er in Richtung des mittlerweile anlaufenden Hagen: “Hey! Wage es ja nicht! Es ist kalt und die ganzen Tiere dort drin! Hagen!!! Hagen, ich mache Hackfleisch aus dir wenn du mich doooort...” Und bevor er seine Drohung zu Ende bringen konnte, rammte Hagen den hin und her tänzelnden und panischen Brack. Einen Satz nach hinten machend, platschte er in das kalte Nass. Sein Körper verkrampfte auf Grund der plötzlich einsetzenden Kälte und das Wasser bedeckte sein Kopf. Eine Weile herumtreibend, landete Bracks Hintern letztendlich auf dem mit Algen bedeckten Grund. Dieser Aufprall presste die Luft aus seinen Lungen. Mit den Armen und Beinen rudernd, schnellte er Richtung Oberfläche, um neue Luft zu holen. Den Kopf aus dem Wasser katapultierend atmete er tief ein und paddelte hin und her. Brack schaute nach dem kürzesten Weg zum Ufer. Als er dieses fand, sah er Hagen und Sarah, die sich auf der Decke hockend in ihren Armen lagen und sich vor Lachen krümmten. Es sah bestimmt sehr komisch aus, wie Brack so nass wie ein begossener Pudel nach der nächsten Möglichkeit schaute die ungeliebte Kälte zu verlassen.
Doch bald merkte er, dass die Sache mit der Kälte gar nicht so übel war: Sein Kopf schmerzte nicht mehr und seine Gedanken waren klar, wie seit gestern Morgen nicht mehr. Also wandte er sich von Ufer ab und schwamm auf die Mitte des Tümpels zu. Er schwamm hin und her und nach einem ausgiebigen Bad, begleitet von Zurufen seitens Sarah und Hagen wie : Vergiss dich nicht hinter den Ohren zu waschen! Und: Schwimm nicht zu weit raus!, erreichte Brack letztendlich wieder das Ufer, wo Hagen sich schon zum Weglaufen bereit machte. Sarah stand auf und warf Brack den Waschlappen zu mit den Worten:
“Hier, trockne dich ab, sonst wirst du noch krank.“ Brack fing den Lappen in der Luft auf, was ihm signalisierte, dass seine Arme und Beine wieder seinen Befehlen gehorchten. Sich die Haare mit dem Lappen trocknend, schaute er Hagen an und sprach gelassen: “Kannst dich wieder setzen, ich tue dir nichts. Vorläufig zumindest.“ Hagen, den friedlichen Worten von Brack sichtlich misstrauend, blieb jedoch stehen. Immer noch bereit, schnell einen langen Schuh zu machen, sollte Brack seine Meinung ändern.
Brack schüttelte sich wie ein Hund und nachdem er damit fertig war, warf er Sarah den Lappen zurück der nun nass war. Sarah fing diesen auf und hing ihn zum Trocknen auf einen niedrig hängenden Ast eines nahen Baumes auf.
Brack setzte sich auf die Decke neben Sarah und schaute zu dem immer noch laufbereiten Hagen.
“Und … Das war doch nicht eure Idee. Wer war denn dieser Fiesling, den ich im hohen Bogen aus dem Lager werfe, wenn ich ihn treffe, der solch eine Folter gegen mich verordnet hat?“ Als Hagen diese Worte hörte, kehrte wieder ein breites Grinsen auf sein Gesicht zurück und er machte es sich auch auf der Decke bequem, als er mit ironischem Unterton sagte: “Der unglaubliche Fiesling, wie du ihn gerade nanntest, den du so sicher wie ein Amen in einem Gebet aus dem Lager werfen willst …“
“...Und das im hohen Bogen.“, unterbrach Sarah die Ausführung von Hagen, auch mit einem unüberhörbaren zynischen Unterton in ihrer Stimme. Hagen nickte und fuhr fort: “Genau …, im hohen Bogen, war kein Geringerer als unser Lanzenritter Ulrich von Auenburg! Er sagte, dass dein Gestank in sein Zelt zieht und wir etwas dagegen unternehmen sollten.“ Beide kicherten wie verrückt und warteten auf eine Antwort von dem jetzt mehr als perplexen Brack.
Brack schluckte laut und entgegnete mit zitternder Stimme und einem Unterton, der intelligent wirken sollte, seine Wirkung aber deutlich verfehlte: “Hab ich mir doch gedacht, ich meine, er ist ja kein Fiesling, das hab ich nie gesagt und der hohe Bogen, na ja, wie hoch kann so ein Bogen schon werden?“ Brack hörte auf und schaute die beiden sorgenvoll an. Er sprach mit einer fast bittenden Stimme weiter: “Ihr werdet mich doch nicht verpfeifen, oder ? So ein Wurfbogen kann sehr hoch werden und vor allem wenn ein Adelsmann mit Katapult der Werfer und ein kleiner Söldner das Wurfgeschoss ist.“
Sarah und Hagen schauten sich gegenseitig an und kicherten, sie schüttelten die Köpfe und Sarah wandte sich Brack zu: “Nein, keine Sorge, wenn du heute Abend bereit bist, auf dein vorhin angedrohtes Hagen - Geschnetzeltes zu verzichten, sagen wir auch Ritter Ulrich nichts von hohen Wurfbögen.“
Brack grinste und schaute Richtung Boden.
“Danke … … Freunde.“, sagte er leise.
Hagen klopfte Brack sanft auf die Schulter und sprach, als ob er ihm antworten wollte: “Genau deswegen!“
Freund war ein Wort, das Brack noch nie zu jemandem gesagt hatte. Es kam ihm so vertraut vor, jedoch wie hinter einer dichten Nebelwand. Ein Mann, einer der ihm sehr ähnlich sah, nannte ihn irgendwann einmal so. Wer es war oder wann das geschah, wusste Brack nicht. Verschwommene Erinnerungen tauchten in seinem Kopf auf: Eine Hütte in einem Wald, vor der eine Frau wartet. Sie winkt Brack freundlich zu und noch jemandem, der bei ihn ist, jemand den er gut kennt, den er schon immer kannte. Auch die Frau auf die er nun in seiner Erinnerung zugeht, kennt er gut. Er liebt sie. Aber nicht so, wie ein Ehemann eine Ehefrau liebt sondern ganz anders. Er kommt näher und stellt fest, dass die Frau riesig ist und auch der Mann der ihn begleitet ist viel größer, als er selbst. Doch egal wie er sich anstrengt er kann die Gesichter der beiden nicht erkennen.
In Gedanken versunken starrte Brack in das Dickicht des angrenzenden Waldes, während Hagen und Sarah auf der Decke herumalberten. Eine vollkommene Stille umgarnte Bracks Seele. Das war einer von diesen Momenten, nach denen sich jeder Mensch sehnt: Einfach abschalten und eine Weile für sich allein sein, wie ein einfaches Wesen ohne die ganzen Aufgaben und Pflichten, die das Wesen erst zum Menschen degradieren. Dieser Moment dauerte scheinbar ewig an und doch bewegte sich das Dickicht, in das er starrte nach wenigen Sekunden und hervor kam ein Mann, ein Krieger von schlanker aber groß gewachsener Statur mit dunkelblondem Haar, das unter seinem Helm hervor schaute. In der linken Hand trug dieser Mann, der sich kurz abklopfend umsah, ein Rundschild mit einem dahinter geklemmten Sachs. Als dieser die Decke mit dem immer noch herumalbernden Pärchen und den träumend darauf sitzenden Brack erblickte, richtete er seine Schritte sicher und direkt darauf zu. Brack bemerkte diese gewagte Aktion und stand langsam auf, um dem Besucher entgegen zu treten. Hagen und Sarah schien das Auftauchen des Kriegers nicht besonders zu beunruhigen. Der Krieger trat nun Brack gegenüber und blieb ein paar Schritte vor ihm stehen. Sich leicht verneigend sprach dieser: “Seid Ihr Hauptmann Brack?“ Brack nickte und antwortete:
“Wer möchte dieses erfahren?“ Der Krieger musterte sein Gegenüber und erwiderte: “Ich bin Ivar, Söldner im Dienste des Herren Ulrich von Auenburg und ich suche schon eine Weile nach Euch, Brack. Ich bringe neue Befehle von Eurem Herren. Sie lauten: Wir beide sollen uns kampfbereit beim Herren Iras von Hagenburg einfinden. Es gibt Arbeit für uns zu erledigen.“ Brack nickte und antwortete: “Danke Ivar. Dann lasst uns aufbrechen. Aus Erfahrung weiß ich, dass Herr Iras nicht gerne wartet.“ Wortlos drehte sich Ivar um und bedeutete Brack ihm zu folgen. Brack winkte noch den mittlerweile total einander verknoteten Hagen und Sarah zu und folgte Ivar, der ein mörderisches Tempo vorgab. Eine Weile später ging dieser schnelle Schritt in einen leichten Trab über. Ivar schien dieses Tempo als normal zu empfinden, Brack jedoch mit der Kraft eines Ochsen, aber nicht mit überragender Kondition gesegnet, geriet außer Atem und egal wie er sich mühte, er konnte Ivar nicht so schnell folgen. Kurz vor dem Eintreffen im Lager rief er den schon ein Stück weiter vorlaufenden Ivar nach: “Ivar … Nicht so schnell!“ Brack verlangsamte seinen Lauf und Ivar drehte sich um und rief zurück: “Könnt Ihr nicht mithalten, Hauptmann!?“ Als Antwort bekam er nur ein gequältes und höhnisches Grinsen seitens Brack. Ivar verlangsamte also seine Schritte und im Lager kamen sie zusammen gleich auf an. Im Schritt schnappte Brack seine Axt und schulterte sie, als die Beiden an seinem Lagerplatz vorbei kamen und unverzüglich traten sie den Weg zu Iras Zelt an. Dort angekommen, bot sich den Beiden ein seltsames Bild: Iras frühstückte nicht! Ob er wohl krank geworden war? Neben Iras saß Savertin und sichtlich aufgebracht mit den Händen herumfuchtelnd, sprach er mit Iras. Als Brack und Ivar näher kamen, verstummte das Gespräch jedoch und zwei paar Augen richteten sich auf das ankommende Duo. Brack verneigte sich und sagte: “Herr, Ihr habt nach mir geschickt?“ Iras nickte und entgegnete aufgebracht: “Ja! Wo zum Henker hast du gesteckt?! Ich musste mir einen Söldner von Ritter Ulrich erbitten, um dich zu finden.” Eine Erklärung erwartend schaute er Brack an. Brack zog es vor, nicht alles zu schildern, also kürzte er seine Geschichte ab.
“Ich war im Tümpel baden, Herr. Entschuldigt mein Fernbleiben.“ Iras schaute Brack erstaunt an und entgegnete schon fast lächelnd: “Ach … … Du badest ?“ Brack nickte. Iras sprach weiter: “Dann sei es dir verziehen … Ein Söldner hat gebadet! Habt Ihr das gehört Savertin? Unser Söldnerhauptmann badet! Na gut, es konnte sicher nicht schaden. So … nun zum Kern der Sache: Ich habe ein Problem, was du für mich lösen sollst, Brack. Der Herr Savertin ist hier, weil oben in der Burg die Fleischvorräte zur Neige gehen, denn aufgrund der ausgebrochenen Pest empfahl uns Bruder Guidonius das eingelagerte Fleisch zu vernichten. Dies taten wir auch, jetzt jedoch reicht das Fleisch, was noch genießbar ist, gerade mal noch einen Tag. Das heißt für euch beide, dass ihr euch unverzüglich auf die Jagd begeben werdet. Den Rest wird euch Herr Savertin erklären.“ Iras wandte seinen Blick nun zu Savertin, der gemächlich aufstand und das Wort übernahm.
“Ich weiß, dass wir im Moment keine Bogenschützen haben, also müsst ihr beide anders vorgehen. Baut Fallen und treibt das Wild zusammen.“ Er wandte sich Ivar zu: “Ich habe gehört, du kannst schnell laufen, also treibst du das Wild auf Brack zu, der sich vorher natürlich verstecken muss.“ Er wandte sich nun Brack zu. “Dann springst du aus deinem Versteck und schlägst mit deiner Axt zu und ich weiß, dass du zuschlagen kannst wie ein Hammer.“ Savertin wandte sich wieder beiden Zuhörern zu. “Ich würde gern selbst jagen gehen, aber ich habe nicht die Zeit dazu und würde auch nicht die dringend benötigte Menge erjagen können. Diese Methode ist nicht für Kleinwild geeignet, jagt also Hirsche oder eine andere Art von Hochwild und Wildschweine. Habt ihr das verstanden?“ Beide nickten doch die Gesichter sagten etwas anderes. Beide hatten in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer, wovon Savertin dort sprach. Nach ein paar Sekunden des Schweigens ertönte die Stimme von Iras.
“Worauf wartet ihr Figuren denn noch?! Los! Ich habe Hunger!“ Diese Worte lösten das Schweigen und sich schnell verneigend entgegnete Brack mit einem Fuß schon in Laufstellung:
“Ja Herr, sofort! Wir sind schon weg, Herr, praktisch im Wald!“ Brack wirbelte herum und zupfte Ivar am Ärmel. Dieser verstand und beide machten sich schnellen Schrittes auf, in Richtung Wald.
Als die beiden die Waldkante und somit ihr Jagdgebiet erreichten, brach Brack das Schweigen: “Ivar, hast du verstanden, was Herr Savertin meinte?“ Ivar blieb stehen und antwortete: “Nein … Ich hab nur verstanden, dass wir eine ganze Menge Fleisch anschleppen sollen.“ Brack schaute ratlos drein und kratzte sich am Hinterkopf. Mit einer sorgenvollen Stimme ergriff er das Wort:
“Und nun? Hast du eine Idee wie wir das jetzt machen? Es wäre nicht ratsam, ohne Beute zurückzukehren, glaub mir.“ Ivar verzog das Gesicht und entgegnete: “Ja, das ist wohl wahr. Nachher sind wir noch das Abendessen! Lass und darüber nachdenken, wir finden schon eine Lösung…“ Beide setzten sich stirnrunzelnd hin und verharrten eine Weile. Ein paar Minuten später unterbrach Ivar das Schweigen.
“Hm…Wir könnten es auf die Söldnerweise versuchen und die Tiere in die Enge treiben und dann einfach erschlagen. Aber dafür sind wir zu wenige. Soweit ich weiß, sind Tiere immer auf Nahrungssuche. Wir können ihnen etwas zu Essen hinstellen und sie dann von hinten überfallen.“ Brack drehte den Kopf schräg und schaute ungläubig.
“Und das funktioniert?“, fragte er sicherheitshalber nach. Ivar zuckte mit den Schultern und antwortete: “Weiß ich nicht … Bei Frauen funktioniert es ganz gut.” Brack seufzte und stand langsam auf.
“Dann lass uns etwas Gras rupfen und ein paar frische Blätter sammeln.“ Ivar nickte und begann hier und da etwas Grünzeug abzurupfen. Brack tat dasselbe, sich unbewusst immer tiefer in den Wald hineinwagend.
Als die Hände prall mit Gras und Blättern gefüllt waren, legten sie das Grünzeug auf einen Baumstumpf und gingen in der Nähe in Deckung. Einige Zeit verging in Stille und den beiden wurde es allmählich klar, dass diese Methode nicht so gut war, wie zunächst angenommen. Brack stupste Ivar in die Seite und flüsterte leise:
“Meinst du, die kommen noch?“ Ivar flüsterte zurück:
“Na ich weiß nicht, ich habe auf jeden Fall keine Lust, die Nacht hier zu verbringen. Jetzt schlag du etwas vor.“ Brack seufzte leise und antwortete nach einer kleinen Denkpause: “Vielleicht müssen wir auf die weiblichen Tiere warten?” Ivar schüttelte daraufhin den Kopf. “Ach. I wo, die kommen auf keinen Fall oder glaubst du die haben keinen Haushalt, Kinder und so?“
Brack leuchtete diese Antwort ein und weise klingend entgegnete er daraufhin: “Du hast Recht, aber mir fällt da noch etwas ein: Wir können versuchen, es so zu machen wie beim Angeln.“ Ivar schaute Brack an, als ob dieser gerade den Verstand verloren hätte.
“Willst du mit einer Angel Hirsche fangen? Wie willst du das denn machen? Auf einen Baum klettern und warten bis einer anbeißt?“ Brack schüttelte den Kopf und ergänzte seine Ausführung: “Nein Ich meine den Köder...um einen Fisch zu fangen, braucht man einen Wurm. Wir können ein kleines Tier erschlagen und das ausweiden. Der Duft wird größere Tiere anlocken, für den Anfang vielleicht einen Fuchs und wenn wir den ausweiden, kommen vielleicht Wildschweine! Schwein ist Schwein, die fressen alles… Verstehst du jetzt?“ Ivar machte einen erleuchteten Eindruck und entgegnete mit einer anerkennenden Stimme:
“Stimmt, meine Oma hat damals unseren Schweinen auch alles zu fressen gegeben, was sie selber nicht runter kriegte. Ich meine sogar, einmal gesehen zu haben, dass Opas alte Schuhe dabei waren. Lass es uns versuchen!“ Ohne weitere Worte zu verlieren ging Brack auf alle Viere und schob das Laub zur Seite, um nach möglichen Rattenlöchern zu suchen. Ivar tat dasselbe. Nach einer halben Stunde erfolgloser Suche richtete Brack sich wieder auf und seufzte erneut. Ivar wühlte immer noch im Laub herum und fragte: “Was hast du denn verloren?“ Brack runzelte die Stirn und antwortete: “Nichts, warum?“ Ivar sprang daraufhin auf und schaute Brack böse an. Vorwurfsvoll fauchte er ihm entgegen:
“Und da lässt du mich auf den Boden rumkriechen und nach etwas suchen, was du nicht verloren hast!? Soll das ein Witz sein?“ Brack schüttelte den Kopf und völlig ratlos antwortete er:
“Wir suchen nach Löchern im Boden. Rattenlöchern. Den Eingängen zu deren Bau...” Ivar beruhigte sich und entgegnete mit resignierten Stimme: “Ach so, wieso sagst du das nicht gleich? Ich habe sofort welche gefunden, gleich als wir angefangen hatten.“
Brack machte nur ein gequältes Gesicht, aber ohne weitere Kommentare, obwohl er einige dazu gehabt hätte, fragte er Ivar:
“Wo denn? Zeig sie mir.“ Ivar deutete in Richtung eines Baumes, wo tatsächlich das Laub zusammengeschoben war. Beide begaben sich zu der Stelle und fanden die besagten Löcher sofort. Ivar sprach, sich die Löcher anschauend: “Und wie kriegen wir jetzt die Ratte dort raus?“ Brack antwortete sofort, da er genug Zeit gehabt hatte sich einen Plan zu überlegen: “Ganz einfach: Wir verstopfen den Eingang und du wartest am Ausgang. Ich schlage mit der Axt auf den Boden und durch den Lärm wird die Ratte flüchten wollen. Wenn sie dann raus kommt, brauchst du nur zuzufassen. Verstanden?“ Ivar nickte und begab sich zum vermeintlichen Ausgang des Baus. Daraufhin holte Brack Erde und ein paar Steine. Er verbarrikadierte den Eingang und holte seine Axt. Brack schaute zu Ivar und dieser nickte ihm zum Zeichen seiner Bereitschaft zu. Brack holte aus und schlug mit der Klinge der Axt mit voller Wucht auf den Boden und noch mal und noch einmal. Der Dreck flog im hohen Bogen durch die Umgebung, doch Brack hörte nicht auf. Die beiden wussten nicht, dass sie schon seit geraumer Zeit beobachtet wurden. Von jemandem, den Brack kannte. Bruder Guidonius auf dem Weg zurück in sein Kloster wurde auf die mehr als seltsamen Gespräche, die aus dem Wald kamen aufmerksam. Seine Neugierde trieb ihn zu den beiden. Als Brack, schon aus der Puste geraten, immer noch auf den Boden hämmerte und Ivar sich ein paar Schritt weiter auf den Boden hockte, entschied sich Bruder Guidonius, den beiden bedauerlichen Figuren zu Hilfe zu eilen. Er machte sich mit einem lauten Pfiff bemerkbar. Daraufhin hörte Brack auf, auf den Boden zu hämmern und als er den näher kommenden Guidonius erkannte, grüßte er ihn freundlich ohne Worte, denn dazu fehlte ihm die Puste. Guidonius kam näher und sprach:
“Sagt mal, Hauptmann Brack, ich beobachte Euch schon eine Weile und möchte ehrlich gesagt nicht wissen, was Ihr hier treibt. Nichts desto weniger bin ich neugierig und frage Euch dennoch danach.“ Brack, mittlerweile halbwegs zu Atem gekommen, antwortete kurz und bündig: “Den Befehl von Ritter Iras befolgen!“ Guidonius stutze und antwortete mit wütender Stimme: “Lügt mich nicht an, Hauptmann! Ich glaube kaum, dass Ritter Iras Euch befohlen hat, sich wie ein durchgedrehter Irrer zu benehmen, mit dem Gesicht im Dreck rumzuwühlen, den Wald zu fegen und auf den Boden herumzuprügeln!“ Guidonius seufzte und wurde ruhiger. Er fuhr fort: “Gut, gut, ganz ruhig. Gewalt ist keine Lösung. Also, was bei der heiligen Dreifaltigkeit tut Ihr hier?” Erwartungsvoll schaute er nun Brack an.
Brack erzählte von dem Plan der beiden und je tiefer er ins Detail ging, desto schräger wurde Guidonius Mine. Am Ende der Ausführung schaute Brack nun erwartungsvoll Guidonius an und der antwortete nach einer Denkpause: “Es ist hoffnungslos. So wird das nichts. Wisst Ihr, ich habe noch ein wenig geräucherten Fisch bei mir und es ist die Pflicht meines Ordens, in Not geratenen Menschen zu helfen. Dabei ist es egal, ob körperlich oder, wie hier in diesem Falle, geistig. Nehmt und esst etwas, vielleicht fällt Euch nach einer Mahlzeit etwas Besseres ein, als den Boden nach Ratten umzugraben.“ Er streckte Brack einen geräucherten Aal entgegen, den er aus seiner Umhängetasche entnahm. Brack nahm dankbar an und schaute Guidonius wortlos nach, als dieser direkt danach seinen Weg fortsetzte und schließlich aus seinem Blickfeld verschwand.
Nun stand Brack mit einem geräucherten Aal in der Hand absolut ratlos in der Gegend herum. Ivar, der diese Unterhaltung wohl mitbekommen hatte, klopfte Brack freundlich auf die Schulter und sagte leise: “Er hat Recht, Brack. Wir benehmen uns wirklich wie Narren. Wir sollten wirklich diese ganze Geschichte gründlich überdenken und einen neuen Plan schmieden und ganz ehrlich: Ohne Beute sind wir aufgeschmissen und werden die nächsten Nächte wohl im Pranger verbringen. Aber bevor es so weit ist, sollten wir noch gut essen.“ Er tippte auf den geräucherten Aal in Bracks Hand und dieser nickte resigniert. Brack erinnerte sich, dass in der Nähe ein kleiner See war und richtete seine Schritte dorthin. Ivar folgte ihm.
Am See angekommen, setzte sich Brack auf einen Stein, der zu einer Gruppe Felsen in Ufernähe gehörte und schaute der mittlerweile untergehenden Sonne zu. Er legte den Aal auf einen anderen Stein in der Nähe. Ivar schaute Brack zu, als er sich ein großes Stück vom Fisch abbrach. Ohne fragen zu müssen verstand er Ivars Blick und sagte:
“Bedien dich. Bin ja nicht der einzige, der heute Nacht im Pranger landet.“ Ivar brach ein Stück des Fisches ab und setzte sich neben Brack. Beide ließen sich den Aal schmecken und wortlos genossen sie ihren vorerst letzten Sonnenuntergang in Freiheit. Als die Sonne die Baumwipfel berührte und die abgebrochenen Stücke längst aufgegessen waren, brach Brack die Stille und sagte zu Ivar: “Na dann! Lass uns zum Lager zurückkehren. Lass mich reden, ich bin der Hauptmann und vielleicht kann ich die Strafe etwas abmildern.“ Ivar entgegnete leise und zerknirscht: “Ja. Lass uns aber vorher den Aal aufessen. Wir wollen den doch nicht liegen lassen!“ Brack nickte und übernahm das Wort: “Bedien dich nur, ich habe keinen Hunger mehr. Im Gegensatz zu meinen Herren...“ Der letzte Teil des Satzes klang wie ein Vorwurf an sich selbst, denn es tat Brack leid, seine Herren im Stich zu lassen. Ivar stand auf, um sich den Rest des Essens zu holen, doch als er auf den Stein schaute wo Brack den Aal abgelegt hatte, lächelte er nur und sprach zu Brack: “So kurz vor dem Pranger und noch zum Scherzen aufgelegt!“ Brack wirbelte herum und musste nicht schlecht staunen, als er Ivar vor dem leeren Stein stehen sah.
“Was? Wieso? Ich hab ihn nicht aufgegessen oder glaubst du, dass ich die Gräten mitgegessen hab?” Sie schauten sich beide an und Ivar stellte nur eine Frage, auf die Brack schon eine Antwort parat hatte: “Ein Dieb?“ Brack riss seine Axt hoch und schaute in das angrenzende Dickicht … er bemerkte, dass ein paar Büsche sich noch heftig bewegten.
“Der kann noch nicht weit gekommen sein … Komm, den kriegen wir noch!“ Ivar hob seinen Schild und schon fast im Spurt, zog er seinen Sachs mit der linken Hand. Auch Brack spurtete in Richtung der Büsche, aus denen laute Schmatzgeräusche zu vernehmen waren. Ivar war jedoch viel schneller als der schwer bewaffnete Brack und war schon fast dort. Ganz zu Bracks Erstaunen stoppte Ivar abrupt und schrie: “Zurück!“ Brack war aber nicht mit einer großen Wendigkeit ausgestattet, schaffte es dennoch gerade kurz vor Ivar zum Stillstand zu kommen. Das Gebüsch bewegte sich heftig und in einigen Schritten Entfernung leuchteten zwei große Augen aus dem im Dunkeln gelegenen Wald auf und fixierten Ivar. Dieser Stand wie gebannt da. Ihm war klar, dass seine Warnung die Aufmerksamkeit des Tieres auf ihn gelenkt hatte, denn um ein solches handelte es sich hier. Es wurde einen Moment unwirklich still, bis ein fürchterliches Brüllen die Stille des Waldes zerriss. Ein gewaltiger Bär baute sich vor dem wie am Boden festgeklebten Ivar auf. Brack glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. War das das Ende? Auch er stand wie festgewachsen aufgrund des Anblickes, der sich ihn dort bot. Das Tier fast zwei mal so groß wie Ivar brüllte noch einmal, was Ivar aus der Starre löste. Er schaute Brack kurz an und schrie ihm ins Gesicht: “Lauf du Trottel! Wir müssen nicht beide sterben!“ Doch Brack dachte nicht daran wegzulaufen.
Ivar nahm Anlauf, sprang hoch und schlug so fest er konnte mit seinem Sachs auf den Oberkörper des Bären ein. Dies verursachte zwar eine Wunde, die jedoch kaum blutete und bestimmt nicht tödlich war. Das Tier brüllte aber vor Schmerz auf und wurde jetzt sichtlich rasend. Ein mächtiger Prankenhieb sollte die Antwort auf die Attacke sein, doch Ivar, so flink wie er war, deckte sich blitzschnell mit seinem Schild zu. Die Wucht des Schlages riss ihn jedoch von den Beinen und ließ ihn einige Meter in der Luft schweben, bis er laut aufstöhnend gegen einen Baum prallte und atemlos mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie ging. Dem Tier war es nun ein Leichtes, den desorientierten Krieger den Garaus zu machen. Noch schlimmer war es, dass der Bär das wusste und zielstrebig auf Ivar zukam. Brack wusste, was nun folgen würde, aber zulassen wollte er dies nicht. Er erinnerte sich an einen Traum, den er vor ein paar Nächten hatte und er verstand. Er war dieser Wolf in seinem Traum. Er würde nicht weglaufen sondern das Leben seines Söldnerbruders mit seinem verteidigen. Es waren schon zu viele vor seinen Augen gestorben. Also hob Brack einen Stein auf und schleuderte ihn auf den Bären. Dieser traf das in Rage geratenen Tier am Kopf und lenkte dessen Aufmerksamkeit auf den Werfer. Um diese nicht zu verlieren schrie Brack dem Bären entgegen so laut er konnte: “Komm her du verfluchte Bestie! Ich hab noch was für dich!“ Brack hob seine Axt in die Angriffsstellung. Eins wurde ihm in diesem Moment klar: Im Nahkampf hatte er genau so wenig Chancen gegen den Bären zu bestehen, wie der auf den Boden kauernde Ivar. Das Tier brüllte wieder und baute sich nun vor Brack auf. Er wusste nicht warum, aber das einzige was ihm einfiel war seine Axt über den Kopf zu heben und sie mit all seiner Kraft und Wut, getrieben von dem festen Willen seinem Söldnerbruder das Schicksal seiner Rotte zu ersparen, dem Tier entgegen zu schleudern. Brack schloss seine Augen, drückte den Kopf seiner Axt mit voller Wucht nach vorne und ließ los. In diesem Moment war sein Seele in dieser Axt, trotz geschlossener Augen konnte er genau spüren, wie die Axt unaufhaltsam ihrem Ziel näher kam.
Ein mit der Gewalt des letzten Atemzuges ausgestoßenes Brüllen zerriss die Luft und dann folgte Stille. Ein dumpfer Aufschlag ließ den Boden kurz erzittern. Zu seinem Erstaunen konnte Brack nicht spüren, dass sein Körper zerrissen wurde. Also öffnete er langsam die Augen. In einigen Schritten Entfernung lag nun der Bär, seinen letzten Lebensfunken aushauchend. Die Axt steckte in dem großen Bärenschädel und dieser war fast bis zum Hals in zwei Hälften gespaltet. Bracks Knie gaben nach und er setzte sich auf den Boden. Drüben im Gebüsch mühte sich stöhnend Ivar hoch und nahm einen Baum beim Aufstehen zur Hilfe. Neugierig schaute er auf den noch zuckenden Körper des Bären. Humpelnd und ächzend bewegte er sich zu dem immer noch auf dem Boden sitzenden Brack und ließ sich dort fallen. Noch sichtlich außer Atem sprach er ihn an: “Saubere Leistung. Ich dacht schon, es wäre um uns geschehen.“ Brack antwortete leise: “Ich war schon mit einem Fuß in Wallhall.“ Er merkte, wie seine Kräfte langsam wieder in seinen Körper zurückkehrten. Ivar sprach weiter: “Und jetzt? Ab an den Pranger?” Er grinste. Brack mühte sich hoch und antwortete: “Von wegen! Noch so ein Spruch und ich mach mit dir dasselbe, wie mit dem Bären!“ Ivar grinste jedoch weiter. Brack trat an den immer noch zuckenden Bären, ergriff seine Axt und zog sie mit einem Ruck aus dem gespalteten Bärenschädel.Dieser zuckte das letzte Mal und blieb schließlich regungslos liegen.
“Jetzt haben wir aber noch ein Problem.“ Brack beschaute genauer den Bärenkadaver und meinte: “Was glaubst du was der wiegt?” Er zeigte auf den Bären.
Ivar machte kurz einen langen Hals und antwortete: “Genug, um uns vor dem Pranger zu bewahren. Du machst dir Sorgen, wie wir ihn hier wegkriegen? Überlass das mir.“
Mit skeptischem Blick stimmte Brack zu und ließ Ivar gewähren. Dieser bastelte schnell einen Zugschlitten und mit vereinten Kräften den schweren Kadaver auf den Schlitten hinter sich her ziehend, machten sie sich wieder auf den Rückweg zum Lager, wo sie schon ungeduldig erwartet wurden. Es war schon dunkel als sie das Lager endlich erreicht hatten.
Als Iras das mehr als ungewöhnliche Gespann sah, stand er sichtlich erstaunt auf, schwang sich über die ihm im Weg stehende Bank und kam langsam näher. Ivar und Brack zogen den Schlitten mit knallroten Gesichtern, japsend hinter sich her. Als Iras wenige Schritte vor ihnen stand, rief er ihnen entgegen:
“Wo wart ihr denn? Und was zum Henker ist das?” Er deutete auf den Bären. “Habt ihr einem Rudel Wölfe die Beute gestohlen? Oder wo habt ihr den her, ihr Halunken?!“ Brack ließ den Schlitten los und fasste sich an den Rücken, seinen Oberkörper wieder gerade biegend und antwortete stöhnend: “Nein, Herr. Wir haben den Bären erlegt. Ich hoffe, dass ist genug Fleisch für alle.“ Iras lachte auf und entgegnete mit einem ungläubigen Ton in der Stimme: “Ja, sicher. Ihr habt diesen gewaltigen Bären zur Strecke gebracht … Brack, Ivar, ihr braucht euch nicht zu profilieren. Und lügt mich nicht an!” Bevor die Situation eskalieren konnte, übernahm Ivar das Wort:
“Es ist wahr, Herr. Dieser Bär hat uns einen Fisch gestohlen. Dafür spaltete Brack ihm den Schädel.“ Iras entgleisten alle Gesichtszüge. Er kam näher zu dem Kadaver und murmelte vor sich hin: “Lass mich mal sehen…“ Er beschaute den Bären genau und musste feststellen, dass der Schädel des Bären in zwei Hälften gespaltet genau zu dem Bild der blutverschmierten Axt von Brack passte. Er richtete sich auf und schaute die beiden eine zeitlang an. Er sprach ruhig und mit Anerkennung: “Hm … Ich fange an, euch zu glauben. Ich weiß zwar nicht, wie ihr das lebend geschafft habt, aber die Wunde am Kopf des Bären stammt eindeutig von einer großen Axt, einer solchen, wie Brack sie trägt und das Blut auf der Schneide seiner Axt beweist den Rest. Also ehrlich gesagt, langsam komme ich zu der Meinung, dass es unklug von dem Bären war, euch einen Fisch zu stehlen. Ich würde mir das jetzt zwei mal überlegen, wo ich weiß, was ihr so mit Dieben macht.“ Noch einmal auf den Bären niederblickend, schaute Iras den beiden in die roten Gesichter, klopfte ihnen fest auf ihre Schultern und sprach laut und deutlich: “Gut gemacht Söldner! Gleich lasse ich ein paar Knechte vom Schloss herkommen, die den Bären in handliche Stücke zerlegen und ihn verwerten. Savertin wird zufrieden sein.“ Er schaute nun Brack an “Hauptmann, Eure Axt hat die Wunde verursacht, die uns Nahrung brachte. Zur Belohnung soll das Fell des Bären Eure Schultern zieren und Euch in kalten Tagen wärmen, Brack Bärentöter.“ Nun schaute er wieder beide an. “Männer, ihr habt euch eine Belohnung verdient. Heute ist der letzte Abend des Marktes, Morgen werden die Händler und Gaukler weiter ziehen, so wie wir auch unsere Zelte hier abbrechen werden. Das Volk feiert und ihr sollt das ebenfalls. Ich übernehme eure Zeche.“
Ivar und Brack schauten sich gegenseitig an und grinsten breit.
Als Iras dies sah grinste er auch und rief ihnen zu: “Ja, worauf wartet ihr denn noch, das war ein Befehl! Los, bevor ich es mir anders überlege! Der Abend ist noch jung, das Bier frisch und die Weiber schön!“ Auf den Hacken umgedreht eilte Ivar sofort den Weg Richtung Markt entlang. Brack war im Begriff dasselbe zu machen, aber in der Drehung warf er noch hinter sich laut zurück:
“Danke, Herr!“ Er eilte Ivar hinterher, der natürlich wieder ein mörderisches Tempo vorlegte.
Schon von Weitem waren die feiernden Menschen zu hören, je näher sie kamen, desto genauer konnten sie das Ausmaß der Feier erkennen. Ein völlig betrunkener Bauer mit einem vollen Krug in der Hand stieß mit Ivar zusammen, hielt sich an ihm fest und schaute ihn an. Ivar blickte zu dem Mann, der vor Trunkenheit schielte und ihm ins Gesicht lallte:
“Duu bischt aberr nist meeine FrFrFrau!? “ Ivar verneinte diese Frage mit Nachdruck und der Betrunkene ließ los und fiel zu Boden. Sich hoch mühend und schließlich sehr wackelig auf den Beinen stehend, erhob er seinen Krug, den er schon bis zur Hälfte verschüttet hatte und sprach Ivar zuprostend erneut an:
“Na, da bin isch ja froooh. Wenn die misch so sehen wüüürd, dann haaaab isch die nääästen huuundert Jahre Bettverbot bei iiihr.“ Beide Wegesseiten abwechselnd benutzend, wackelte der Mann seines Weges, laut vor sich hin singend. Ivar schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort, Brack folgte ihm.
Schließlich erreichten sie den Markt, der sich in Feierstimmung befand. Zielsicher steuerte Ivar die in der Mitte stehende Schänke an und von Weitem rief er schon der Wirtin zu: “Met für die Söldner!“ Die Wirtin schnappte zwei prall gefüllte Krüge Met und hielt sie Ivar entgegen. Er reichte einen davon Brack und setzte den anderen an seine Lippen.
Schnell wurde der erste Krug geleert und dahinter folgte der zweite und der dritte. Ivar erzählte die Geschichte von dem Bären und den zwei Söldnern. Es dauerte nicht lange, bis sich die ersten Verehrerinnen der - ach so tapferen Kriegern - um den erzählenden Ivar scharten. Sie tranken maßlos und je später der Abend wurde, desto größer wurde der Bär, desto kühner der Angriff von Ivar und desto donnernder der Axtwurf von Brack, der den Bären niederstreckte. Als Der Bär schon die Ausmaße und nicht zu verschweigen die Fähigkeiten eines ausgewachsenen Drachen erreicht hatte, übernahm schließlich der Met auch die Gewalt über die Aussprache und die Erzählungen wurden zu einem wirren Gebrabbel. Es war schon spät und der Marktplatz begann sich zu leeren. Auch Ivar und Brack beschlossen nun zum Lager zurückzukehren, was sie denn auch, jeden Baum der ihnen im Weg stand rammend, taten. Im Lager angekommen, ließ Brack sich in sein Stohbett fallen. Ivar dagegen ließ sich einfach in einen Strohhaufen fallen, der gerade in der Nähe war. Lautes Schnarchen begleitete von nun an die Träume der anderen Lagerbewohner.
Signatur Schwarz , ist die Farbe der Geborgenheit . |