focour


Status: Offline Registriert seit: 30.07.2004 Beiträge: 9663 Nachricht senden | Erstellt am 12.11.2007 - 00:30 |  |
Die Zelle
Es hatte eine Weile gedauert, bis er es bemerkte. Das Lachen wurde immer lauter und störender, ärgerte ihn fast, weil es ihn von der Sendung im Fernsehen ablenkte. Er hatte es sich am späten Abend vor dem Fernseher im Aufenthaltsraum der Feldjägerkompanie in der Kaserne bequem gemacht. Die Kompanie Militärpolizei war zuständig vom Saarland bis in die Vorderpfalz. Als Dienstgradältester war er bis zum Ende der Schicht am darauf folgenden Morgen um 8 Uhr für das was im Dienstkommando passierte verantwortlich. Solschenyzin hatte sie in „August 14“ als „dumme Feldjäger“ betitelt, er wusste es wohl nicht besser. Man soll halt keine Romane schreiben, wenn man die Fakten nicht kennt. Da das Gelächter anhielt erhob er sich schließlich aus dem Sessel und ging in den Dienstraum um nachzusehen was los war.
Den Kerl in der Zelle hatten er und sein Streifenbegleiter nachmittags in dessen Wohnung in der Innenstadt von Neustadt festgenommen. Der Soldat war mehr als drei Tage unerlaubt von seiner Einheit abwesend und hatte sich allein dadurch schon strafbar gemacht.
Nach der Festnahme in der Wohnung hatten sie ihn zum Fahrzeug gebracht, einem VW-Kübelwagen, um ihn zur Kaserne zu bringen, wo er bis zur Abholung durch Soldaten seiner eigenen Einheit in die Zelle gesteckt würde. Zwei Feldjäger im Dienstanzug mit Knobelbechern und Weißzeug mit Pistolentasche und Schlagstock, dazwischen der festgenommene Soldat in Zivilkleidung, so waren sie sie zu dritt durch die Altstadt von Neustadt gegangen, misstrauisch beäugt von den Passanten um sie herum. „Ich brauche mein Valium“, hatte der Soldat immer wieder laut gejammert, was die Aufmerksamkeit der Zivilisten um sie herum noch erhöhte. Damals wusste er nicht einmal, was Valium ist. Für jemanden, der wie der festgenommene Soldat von irgendeinem Medikament abhängig war hatte er nur Verachtung übrig. Ein seltsames Gefühl, die beiden Feldjäger, dazwischen dieses Bündel Mensch, der ständig nach seinem Valium jammerte. Und das mitten durch die Innenstadt von Neustadt, argwöhnisch beäugt von den „normalen“ Bürgern, die die beiden Militärpolizisten mit ihrem "Opfer" in der Mitte entgeistert anschauten. Hätte der Soldat den Versuch gemacht zu fliehen, sie hätten ihn in der Menschenmenge wohl nicht mehr zu fassen bekommen. Solange der Soldat jedoch keinen Fluchtversuch unternommen hatte waren sie nicht befugt, ihm Handschließen anzulegen. Er war froh, als sie endlich ihr Fahrzeug erreicht hatten. Im Fahrzeug, dann die Wesensänderung. Plötzlich wurde der Soldat mutig. „Heute Abend bin ich wieder zuhause, ich mach Euch fertig, meine Mutter holt mich hier raus. Ihr könnt mich nicht festhalten, ihr nicht“. So ging das von Neustadt bis zur Kaserne, die ganze Fahrt über. Bis er im Dienstkommado in der Zelle eingesperrt war.
Das Lachen der Kameraden war ungewöhnlich für diese Zeit. Was war da los? Allein schon aus Neugier stand er auf, wollte wissen, worüber die anderen lachten. Im Dienstzimmer standen fünf, sechs Mann vor dem Gitter der Zelle, in der der festgenommene Soldat untergebracht war, so daß er zunächst gar nicht durchkam. Der Soldat aus Neustadt saß in seiner Zelle und weinte, weinte bitterlich nach seiner Mutter. Die ganze Überheblichkeit bei der Fahrt zur Kaserne war verflogen, er wollte nur noch heim, nach hause. Wo er hingehörte, wie er meinte. Der Soldat heulte wie ein Schlosshund, jammerte nach seiner Mutter. Ein erbärmlicher Anblick. Und die anderen Feldjäger standen vor dem Gitter, schauten zu und lachten den Soldaten in der Zelle aus.
Er kam sich vor, als würde er wie ein Hund eine Schafherde auf Vordermann bringen, als er die Gaffer vom Zellengitter wegjagte. Dann ging er selbst zu dem Soldaten in die Zelle hinein, um mit ihm allein zu reden. Ein wenig machte ihn das jämmerliche Verhalten des Soldaten verlegen, er hatte sogar fast ein wenig Verständnis für ihn. Auf eine etwas unbeholfene Art versuchte er ihn zu trösten. Nach einer halben Stunde hörte dann das Weinen auf, der Soldat hatte sich etwas beruhigt. Er verlies die Zelle und verbot den anderen, nochmals so ein Spektakel zu veranstalten.
Einen Tag später kam das Abholkommando, um den Soldaten zu seiner Einheit zu bringen, von der er unerlaubt abwesend war.
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