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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 15.06.2006 - 12:37 |  |
Die Wurst
Seinen Vater hatte er nie gekannt.
Er hatte ihn auch nie vermißt, denn seine kleine Welt bot ihm ja alles, was er brauchte:
Da waren seine Großmutter und sein Großvater, die sich beide recht liebevoll um ihn kümmerten, wenn ihre Zeit es erlaubte. Außerdem gab es einen Onkel und mehrere Tanten, die aber nur abends nach der Arbeit oder am Wochenende nach Hause kamen.
Zu einer von diesen Tanten hatte er gelernt, "Mama" zu sagen. Über den Sinn dieses Wortes hatte er noch niemals wirklich nachgedacht und daß diese Tante eigentlich seine Mutter war, wurde ihm erst in viel späteren Jahren bewußt.
"Mutti" und "Vati" hatte er nur seine Großeltern genannt.
Aufgewachsen war er am Rande eines kleinen Dorfes, wo jeder jeden kannte. Seine Großeltern betrieben eine kleine Landwirtschaft mit zwei Kühen, einem Kalb, zwei Schweinen, einer Ziege und einigen Hühnern. Davon konnten sie eher schlecht als recht leben.
Er wuchs in ziemlich ärmlichen Verhältnissen auf, aber das spielte für ihn überhaupt keine Rolle, denn er kannte es ja nicht anders. Er hatte nie etwas vermißt.
Die beiden Kühe wurden bei der schweren Feldarbeit vor den Wagen oder vor den Pflug gespannt.
Ein Pferd für diese Arbeiten konnten sich seine Großeltern nie leisten und einen Traktor erst recht nicht. Nur der größte Bauer im Dorf hatte bereits so einen Traktor, aber der hatte ja auch über zehn Kühe und ein Pferd.
Die Milch von den beiden Kühen - falls sie überhaupt welche gaben - wurde zu Butter geschlagen und mit den Eiern von den Hühnern und dem Hafer vom Feld verkauft, um dafür in dem kleinen Krämerladen im Dorf andere Lebensmittel kaufen zu können.
Brot wurde mehrmals im Jahr selbst gebacken, dazu hatte seine Großmutter immer den kleinen Stein- Backofen angeheizt, der sich vor dem alten Bauernhaus befand.
Die meiste Zeit aber gab es Kraut und Kartoffeln. Davon hatte man genug, denn das hatte man auf den eigenen Feldern angebaut. Wirklich hungern mußte also niemand.
Fleisch gab es nur einmal in der Woche und zwar Sonntags.
Zwar auch nur ein kleines Stückchen, denn das größere Stück war immer dem Großvater vorbehalten, aber wie bereits gesagt - er vermißte es nicht.
Elektrisches Licht gab es ebenfalls nicht, aber Großvater hatte immer eine alte Karbidlampe, die - falls sie überhaupt funktionierte - mit ihrem spärlichen Licht an langen, finsteren Winterabenden die kleine Stube in eine ganz heimelige Atmosphäre tauchte.
Zum Geschichtenerzählen reichte es allemal und auch die - nicht mehr ganz so neue - Ausgabe vom „Altbayrischen Heimatkalender" konnte man damit noch lesen.
Lesen konnte er natürlich noch nicht, aber darin waren auch einige Bilder, u.a. auch von dem schrecklichen, pechschwarzen „Kohlenklau", vor dem er immer etwas Angst hatte.
In dieser kleinen Stube waren dann auch die beiden Katzen, die sich schnurrend eng an ihn schmiegten und sich gerne von ihm kraulen ließen.
Im Sommer dagegen ging er oft mit der Großmutter in den Wald, um Heidelbeeren zu pflücken und Pilze, Reisig und Tannenzapfen zu sammeln.
Wenn der kleine Leiterwagen endlich voll war, ging es wieder nach Hause und er half seiner Großmutter beim ziehen des Wagens, so gut er konnte.
Die Heidelbeeren wurden für ein paar Pfennige an den kleinen Krämerladen verkauft, die Pilze, das Reisig und die Tannenzapfen dagegen zum Kochen und Heizen verwendet.
Es war immer eine ganz heimelige Atmosphäre, wenn die Tannenzapfen in dem großen Holzofen knisterten und einen angenehmen Geruch in der kleinen Stube verströmten.
Als er knapp fünf Jahre alt war, kam des öfteren ein großer, fremder Mann ins Haus, vor dem er auch Angst hatte.
Genaugenommen erinnerte ihn dieser Mann sogar ein wenig an den pechschwarzen Kohlenklau aus dem Heimatkalender.
Dieser Mann kam fast jedes Wochenende zu Besuch, zumeist mit einem alten Moped.
Die meiste Zeit unterhielt sich dieser fremde Mann mit seiner vermeintlichen Tante und beide lachten oft über den größten Unsinn.
Dem kleinen Jungen blieb er jedoch stets Unheimlich und er war immer heilfroh, wenn er endlich wieder weg war. Erst dann war seine kleine Welt wieder in Ordnung.
Dieser fremde Mann aber hatte es sich irgendwann in den Kopf gesetzt, daß der kleine Junge "Papa" zu ihm sagen sollte. Mehrmals wurde er dazu aufgefordert, aber dieses Wort kam nie über seine Lippen.
Zwar wußte er überhaupt nicht, was dieses Wort bedeutete, aber er konnte es trotzdem nicht über die Lippen bringen. Etwas in ihm wehrte sich dagegen, denn dieses Wort und dieser Mann schienen - aus unerklärlichen Gründen - einfach nicht zusammenzupassen.
Eines Tages war Kirchweihfest im Nachbardorf, das eine eigene, schöne Kirche hatte.
Es war ein herrlicher, sonniger Sonntag im Frühling, die Vögel zwitscherten und bunte Schmetterlinge taumelten über die blühenden Wiesen.
Seine Mamatante hatte ihn in einen selbstgenähten Anzug gesteckt, seine Haare gekämmt und ihn ganz fein herausgeputzt.
Auf einem ausgefahrenen Feldweg ging es zu Fuß ins nahegelegene Nachbardorf, von wo man schon die Glocken läuten hörte.
Nur... Der fremde Mann kam dabei leider auch dorthin mit.
Dort gab es viele Stände und Buden mit allerlei Sachen, die der kleine Junge noch nie vorher gesehen hatte: Bunte Luftballons, glitzernde Spielsachen, Bonbons, Lebkuchenherzen und etliches mehr.
Ein Mann in einem eigentümlichen Kostüm und einem hohen, schwarzen Hut spielte Musik aus einem hölzernen Kasten, an dessen Seite sich eine Kurbel befand. Wenn er an dieser Kurbel drehte, erklang eine wunderschöne Melodie, die über den ganzen Kirchplatz zu hören war.
Von überall her wehten ihm völlig unbekannte, wohlriechende Düfte in die Nase. Die Augen wollten ihm übergehen beim Anblick dieser vielen, unbekannten Dinge.
An einem dieser Stände kaufte der fremde Mann ein Lebkuchenherz, das er seiner Mamatante um den Hals hing, an einem anderen Stand kaufte er eine kleine, geräucherte Salami.
Auf dem Heimweg zog er diese Wurst aus der Tasche, schnitt sie mit seinem Taschenmesser an und ließ den kleinen Jungen kurz daran riechen.
Es war ein ganz unbeschreiblicher Geruch. Dem kleinen Jungen, der noch nie in seinem Leben so etwas köstliches gerochen, geschweige denn gegessen hatte, lief bereits das Wasser im Munde zusammen und seine Augen wurden groß und glänzend.
Mit einer Hand wollte er nach dem angeschnittenen Wurstzipfel greifen, aber der Mann zog seine Hand plötzlich zurück.
Der fremde Mann sprach zu ihm: „Wenn du jetzt Papa zu mir sagst, dann bekommst du die ganze Wurst und darfst sie ganz alleine aufessen".
Der kleine Junge war völlig hin- und hergerissen: Da war dieser unbeschreibliche Geruch von dieser Wurst, andererseits war da dieses Wort, das er aus unerklärlichen Gründen noch nie über die Lippen brachte. Was sollte er nur tun?
Ratlos blickte er seine Tante an, die ja in Wirklichkeit seine Mutter war.
„Dann sag doch schon endlich Papa zu ihm, dann bekommst Du auch die Wurst", meinte sie leichtfertig.
Der kleine Junge spürte einen ganz dicken Kloß im Hals, trotzdem wollte er versuchen, dieses Wort zu sagen. Wenigstens einmal.
Seine Lippen versuchten, dieses Wort zu formen, aber es ging nicht, dieses Wort schien in seinem Halse festzustecken. Die Tränen schossen ihm in die Augen und er lief weinend weg. Quer über die Blumenwiese hinweg zum Waldrand, wo er über eine Wurzel stolperte und beim Hinfallen seinen nagelneuen Anzug verschmutzte.
Es dauerte eine Weile, bis seine Mutter ihn eingeholt hatte und wieder zurückbrachte.
Wegen dem verschmutzten, neuen Anzug bekam er heftige Schelte von ihr, aber das war ihm eigentlich völlig egal in diesem Augenblick.
Er konnte beobachten, wie dieser fremde Mann mit seinem Taschenmesser Scheibe für Scheibe von dieser köstlichen Hartwurst abschnitt und lachend ganz alleine aufaß, bis nichts mehr davon übrig war.
Das Wort Papa hat er seitdem nie über seine Lippen gebracht, aber den Duft von dieser Wurst hat er sein Leben lang nie vergessen...
Anmerkungen von Minotaurus zur Kurzgeschichte:
Diese Geschichte ist der erste Teil einer Biographie mit dem Titel: "Der Bastard"
Einige Leserkommentare wären sicherlich ein Anreiz, weitere Geschichten zu schreiben.
Ehrliche Meinung (auch Kritik) ohne Lobhudelei ist gefragt.
Schließlich möchte man ja wissen, ob und wie diese Story`s beim Leser überhaupt ankommen?
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[Dieser Beitrag wurde am 23.07.2006 - 11:17 von Minotaurus aktualisiert]
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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 10.07.2006 - 10:44 |  |
Hallo Minotaurus
Die Geschichte hat mich gerührt. Allerdings hätte ich eine Menge daran auszusetzen. Das aber zu erklären schien mir komplizierter, als den Versuch zu wagen, sie als Ganzes ein wenig zurechtzufummeln.
Die Wurst
Eigentlich war es eine heile, kleine Welt, in der er damals lebte. Zwar hatte er keinen Vater, doch seine Großeltern kümmerten sich, wenn es ihre Zeit erlaubte, liebevoll um ihn. Es gab auch noch einen Onkel und Tanten, die auch mit in dem kleinen Bauernhaus wohnten.
Eine von ihnen war seine Mutter, doch das wusste er nicht. Zwar sagte er Mama zu ihr, doch dieses Wort hatte keine Bedeutung für ihn. Mutti und Vati waren die Großeltern.
Erst Jahre später wurden ihm die wahren Verhältnisse bewusst.
Der kleine Bauernhof lag am Rande eines Dorfes. Zwei Kühe, ein Kalb, zwei Schweine, eine Ziege und etliche Hühner waren ihre ganze Existenzgrundlage. Doch es reichte aus, um davon leben zu können.
Da die beiden Kühe auch Arbeitstiere waren, den Wagen zogen und vor den Pflug gespannt wurden, blieb zum Butter schlagen kaum genug Milch übrig.
Hungern musste man indes nicht, wenn man auch gezwungen war für Dinge des täglichen Gebrauchs, die Eier und den Hafer zu verkaufen.
Brot buk man im eigenen Stein-Backofen selbst. Es schmeckte lecker, doch die meiste Zeit musste man mit Kraut und Kartoffeln vorlieb nehmen, die einzigen Nahrungsmittel von denen man genug hatte. Das bisschen Fleisch gehörte auf den Teller des Großvaters, der wichtigsten Arbeitskraft der Familie, wenn auch zumeist ein kleines Stückchen für den Enkel übrig blieb. Der Junge war’s zufrieden und vermisste nichts.
Damals gab es im Dorf noch kein elektrisches Licht, und so mussten sie sich in der Dunkelheit mit einer Karbidlampe begnügen. Er erinnert sich gern an die heimelige Atmosphäre der Winterabende, die zum Geschichtenerzählen einlud. Auch zum Anschauen des Altbayrischen Heimatkalenders reichte die Beleuchtung. Immer wieder wurde er hervorgeholt, um sich an den schrecklichen Bildern des pechschwarzen „Kohlenklau“ zu ergötzen, der ihn magisch anzog, obgleich er wenig gruselig war.
Dann suchte er die Nähe der beiden Katzen, die sich schnurrend an ihn schmiegten, um sich kraulen zu lassen.
Während des Sommers war er oft mit seiner Großmutter im Wald, wo sie Heidelbeeren pflückten oder Pilze zu suchten. Aber auch Reisig und Tannenzapfen wurden mit dem kleinen Leiterwagen nach Hause geschafft, um für den Winter gewappnet zu sein.
Fünf Jahre war der Junge alt, als plötzlich ein fremder Mann auftauchte. Er besaß ein altes Moped und kam fast jedes Wochenende zu Besuch. Obwohl er sich kaum um ihn kümmerte, zumeist lachte und schäkerte er mit „Mama“, war ihm der Mann unheimlich und so fühlte er sich stets erleichtert, wenn er wieder ging.
Als der Fremde einmal vorschlug ihn Papa zu nennen, weigerte sich der Junge. Es geschah irgendwie instinktiv, er hatte keine Erklärung dafür. Aber er brachte das Wort nicht über die Lippen. Es war, als würde es nicht zu diesem Manne passen.
Eines Tages war im Nachbardorf Kirchweih. Seine Mamatante hatte ihn fein herausgeputzt, das Haar gekämmt und ihn sogar in einen selbst genähten Anzug gesteckt.
Er war voller Vorfreude, die jedoch alsbald getrübt wurde, da er feststellen musste, dass der fremde Mann sie begleitete.
Auf dem Markt gab es phantastische Dinge zu bewundern: Bunte Luftballons, glitzernde Spielsachen, Bonbons, Lebkuchenherzen…
Die Augen konnten einem schier übergehen und auch die unbekannten Gerüche, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, faszinierten ihn.
Der Mann kaufte der Mamatante ein Lebkuchenherz, das er ihr um den Hals hängte. Dann erstand er noch eine geräucherte Wurst, die er in seine Hosentasche steckte.
Später, auf dem Heimweg, zog er die Wurst wieder hervor, schnitt mit dem Taschenmesser ein Stück ab und hielt es dem Jungen unter die Nase. Es roch köstlich. Erfreut wollte er das dargebotene Stück an sich nehmen, als die Hand plötzlich zurückgezogen wurde.
„Erst musst du Papa zu mir sagen. Wenn du das tust, darfst du die ganze Wurst alleine aufessen“, bot der Mann an.
Der Junge war verwirrt. Er wusste nicht was er tun sollte. Die Wurst war sehr verführerisch. Doch warum wollte dieser Mann unbedingt, dass er Papa zu ihm sagte? Er verstand das nicht.
Er blickte zu seiner Tante, deren Miene ihm zuzuraten schien.
„Na, sag halt endlich Papa zu ihm“, forderte sie schließlich, „was ist schon dabei“?
Und da die Wurst gar so verlockend roch, wollte es der Junge tun, er wollte Papa sagen – wenn auch nur ein einziges Mal.
Und so versuchte er es. Mehrmals versuchte er es, aber wieder brachte er das Wort nicht über die Lippen. Es schien im Halse festzustecken.
Die beiden Erwachsenen blickten in böse an. Da drehte er sich um und rannte einfach davon. Quer über die Wiesen, zum Waldrand hin, bis er über eine Wurzel stolperte und mit dem nagelneuen Anzug in den Dreck fiel. Dort blieb er liegen und weinte bitterlich.
Endlich holte ihn die "Mutter" zurück und schimpfte ihn tüchtig aus. Der neue Anzug war völlig verdorben.
Der Mann aber holte wieder sein Taschenmesser hervor, schnitt Scheibe für Scheibe von der Wurst ab und aß sie vor seinen Augen langsam auf, Stück für Stück, bis nichts mehr davon übrig war.
Viele Jahre sind seither vergangen und der Junge ist längst keine Junge mehr. Doch den köstlichen Geruch der Wurst, hat er heute noch in der Nase.
„Papa“, dieses „Zauberwort“ hat der Mann jedoch niemals von ihm zu hören bekommen.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 10.07.2006 - 20:30 |  |
Chrissi schrieb
Hallo Mino,
ich weiß garnicht so genau wie ich diesen Kommentar jetzt abfassen soll. Die Erzählung ist toll? Nee, toll wohl eher nicht. Aber mir geht sie unter die Haut!!!
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Hallo Chrissi,
zunächst möchte ich mich bei Dir dafür entschuldigen, daß ich Deinen Kommentar etwas "zensiert" habe.
Ich mache so etwas nur äußerst ungern, denn es widerspricht der grundsätzlichen Philosophie dieser Plattform.
Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob Du im "Eifer des Gefechtes" wirklich so ausführlich werden wolltest und ich denke, ganz persönliche Dinge sollte man besser nicht auf einer öffentlich zugänglichen Plattform schreiben?
Sollte ich mich darin geirrt haben, so bitte ich vielmals um Entschuldigung. Selbstverständlich kannst Du deinen Kommentar jederzeit wieder herstellen oder auch anders editieren.
Aber nun zu Deinem Kommentar:
Zunächst bin ich mir nicht sicher, ob Du meine Version oder die korrigierte Version unseres unbekannten Gastes gemeint hast.
Ich finde, seine Version bietet (für einen fremden Leser) wesentlich mehr Lesefluß als meine, die leider mit etlichen, stilistischen Mängeln behaftet ist. Dafür weist sie einige andere Mängel auf.
Aber dazu möchte ich in einem gesonderten Kommentar näher darauf eingehen.
Ja, Du hast richtig vermutet: Die Geschichte "Der Bastard" ist keine fiktive Geschichte, sondern es sind Erinnerungen aus meinem Leben.
Es würde zu weit führen, die komplexen Zusammenhänge bereits anhand dieser ersten Folge zu erklären, aber ich kann dazu soviel sagen, daß das Verhältnis des Jungen zu seiner leiblichen Mutter zu keinem Zeitpunkt von einer besonderen Herzlichkeit geprägt war.
Von einer guten Beziehung sowohl zum Stiefvater, als auch zum leiblichen Vater war ebenfalls nicht zu sprechen.
Trotzdem glaube ich, daß ich mein Leben so einigermaßen gut im Griff habe.
Griffige Grüße vom Minotaurus.
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
Brigitte  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 03.07.2006 Beiträge: 104 Nachricht senden | Erstellt am 10.07.2006 - 23:47 |  |
Hallo Mino,
nun möchte auch ich noch meine Meinung zu deiner Geschichte abgeben und ich möchte gleich auf beide Versionen eingehen.
Zum Plot der Geschichte möchte ich mir keinen Kommentar erlauben, denn diesen schrieb sicher das Leben.
Ehrlich gesagt, finde ich die korrigierte Version unseres Gastes etwas besser, weil sie wesentlich flüssiger zu lesen ist als deine.
Der Inhalt wurde nicht verändert, er war somit derselbe.
In deiner Version sind mir etwas zu viele Haken und Stolpersteine eingebaut, der Erzählstil wirkt ziemlich holprig, grade so, als würde nicht ein Erwachsener, sondern der kleine Junge selbst diese Geschichte erzählen.
Das Wort "hatte" ist beispielsweise so ein Stolperstein, er kommt bereits in den ersten beiden Zeilen dreimal vor und zieht sich weiter durch die ganze Geschichte.
Noch etwas ist mir aufgefallen: Warum schreibst du eine (deine?) Autobiografie aus der Sicht eines Außenstehenden? Und vor allem: Warum hat der Junge keinen Namen?
Ich finde, mit einem Namen könnte man viele ungute Wiederholungen wie beispielsweise das ständige und unpersönliche "Er" vermeiden?
Nun zur zweiten Version:
Obwohl ich als Leserin die zweite Version unseres Gastes etwas besser finde, hat sie mich nicht völlig überzeugt.
Abgesehen von einigen Kommatafehlern findet man darin beispielsweise abrupte Wechsel in der Zeitform, die der Leser nur schwer nachvollziehen kann.
Z.B. hier: "Er erinnert sich gern an die heimelige Atmosphäre..." in einem Absatz, der in der Vergangenheit spielt.
Außerdem wirkt diese Version nicht so authentisch wie deine und nun bin ich mir nicht mehr so sicher, ob nicht der naive Erzählstil der ersten Version für diese Geschichte doch passender war...
"Eigentlich" ist eigentlich kein guter Beginn für eine Geschichte und der Begriff "lecker" hat in einer Geschichte nichts verloren, die in Bayern spielt. Das fällt einem norddeutschen Leser wahrscheinlich gar nicht auf, aber für einen Süddeutschen ist es ein fürchterlicher Stilbruch.
Moglicherweise kommt der Gast also aus dem Norden, deshalb hat er es nicht bemerkt.
Puuh!
So, das wars, ich bin vielleicht keine gute Kritikerin, aber habe mein Bestes gegeben.
Nun könnt ihr beide über mich herfallen. 
Furchtsame Grüße von Brigitte 
Signatur Am liebsten ist mir derjenige, der gerade bei mir ist.
(Hermann Hesse) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 11.07.2006 - 08:20 |  |
Hallo Brigitte
Ich weiß gar nicht wovor du Angst hast, zumal du mit allem, was meine Version der Geschicht betrifft, Recht hast. Und auch, dass die Minotaurische authentischer wirkt, trifft den Nagel auf den Kopf. Du schneidest damit ein Thema an, das bei autobiographischen Texten immer wieder eine wichtige Rolle spielt, nämlich: wieviel "Fiktion" darf der "Wahrheit" hinzugefügt werden?
Ich meine, dass die Antwort darauf der Leser geben muss und der darf so wenig wie möglich gelangweilt werden. Wenn man bedenkt, dass man sich kaum daran erinnert, was man als Fünfjähriger empfunden und noch weniger wie man es empfunden hat. so scheint es mir ein müßiges Unterfangen zu sein die Schilderung aus seiner originären Welt heraus in Angriff zu nehmen. Zumal auch die Schilderung der Kinderperspektive die eines Erwachsenen ist.
Daher akzeptiert man bei autobiographischen Texten im Allgemeinen, dass der Wahrheit etwas hinzugefügt wird, ja dass die eigentliche Wahrheit immer nur eine individuell ausgeschmückte sein kann, da es die reine Wahrheit gar nicht gibt.
Kommafehler sind meine große Stärke und in der neuen Version, zu der es mich noch einmal gejuckt hat, besserst du sie am besten gleich aus.
Ich hoffe, dass ich Minotaurus mit meinem rücksichtslosen Herumwühlen in seiner sicherlich schmerzlichen Vergangenheit nicht zu nahe getreten bin und habe nicht die Absicht das Thema weiter auszuwalzen.
Beste Grüße
Die Wurst
Eigentlich war es eine heile, kleine Welt, in der er damals lebte. Zwar hatte er keinen Vater, doch seine Großeltern kümmerten sich, wenn es ihre Zeit erlaubte, liebevoll um ihn. Es gab auch noch einen Onkel und Tanten, die mit in dem kleinen Bauernhaus wohnten. Eine davon war seine Mutter, aber das wusste er nicht. Zwar sagte er Mama zu ihr, doch dieses Wort hatte keine Bedeutung für ihn. Es waren die Großeltern, die für ihn „Mutti und Vati“ waren.
Erst Jahre später kamen die wahren Verhältnisse ans Tageslicht.
Der kleine Bauernhof lag am Rande eines Dorfes. Damals gab es hier noch kein elektrisches Licht und so mussten sie sich bei Dunkelheit mit einer Karbidlampe begnügen. Er erinnerte sich gern an die heimelige Atmosphäre der Winterabende, die zum Geschichtenerzählen einluden. Auch beim Anschauen des "Altbayrischen Heimatkalenders" reichte die Beleuchtung aus. Immer wieder wurde er hervorgeholt, um sich an den schrecklichen Bildern des pechschwarzen „Kohlenklau“ zu ergötzen, die ihm ein wenig Angst einjagten.
Dann suchte er geschwind die Nähe der beiden Katzen, die sich schnurrend an ihn schmiegten, um sich kraulen zu lassen.
Zwei Kühe, ein Kalb, zwei Schweine, eine Ziege und etliche Hühner waren ihre ganze Existenzgrundlage. Doch das reichte aus, um davon leben zu können.
Da die beiden Kühe auch Arbeitstiere waren, den Wagen zogen und vor den Pflug gespannt wurden, gaben sie nur wenig Milch und zum Butter schlagen reichte es dann kaum noch.
Hungern mussten sie aber nicht. Man buk im Stein-Backofen sein eigenes Brot und für Dinge des täglichen Gebrauchs verkaufte man Eier und Hafer.
Dennoch musste man die meiste Zeit mit Kraut und Kartoffeln vorlieb nehmen, die einzigen Nahrungsmittel von denen man wirklich genug hatte.
Das bisschen Fleisch gehörte dem Großvater, der wichtigsten Arbeitskraft der Familie, aber er vergaß nie auch dem Enkel ein kleines Stückchen auf den Teller zu legen. Und so war’s der Junge zufrieden und vermisste nichts.
Er liebte es während des Sommers mit seiner Großmutter in den Wald zu gehen, um Heidelbeeren pflückten und Pilze zu suchten. Aber auch Reisig und Tannenzapfen wurden mit dem kleinen Leiterwagen nach Hause geschafft, um für den Winter gewappnet zu sein.
Der Junge war fünf Jahre alt, als plötzlich ein fremder Mann ins Haus kam. Er besaß ein altes Moped und besuchte sie fast jedes Wochenende. Obwohl er sich kaum um ihn kümmerte, zumeist lachte und schäkerte er mit „Mama“, war ihm der Mann unheimlich und so fühlte er sich stets erleichtert, wenn er wieder ging.
Als der Fremde einmal vorschlug ihn Papa zu nennen, weigerte sich der Junge. Er hatte keine Erklärung dafür, aber das Wort wollte einfach nicht über seine Lippen. Das Wort und der Mann schienen nicht zusammenzupassen.
Eines Tages war im Nachbardorf Kirchweih. Seine Mamatante hatte ihn fein herausgeputzt, das Haar gekämmt und ihn sogar in einen selbst genähten Anzug gesteckt.
Er war voller Vorfreude, die jedoch getrübt wurde, als er feststellen musste, dass der fremde Mann sie begleitete.
Auf dem Markt gab es phantastische Dinge zu bewundern: Bunte Luftballons, glitzernde Spielsachen, Bonbons, Lebkuchenherzen…
Die Augen konnten einem schier übergehen und auch die unbekannten Gerüche, die von allen Seiten auf ihn eindrangen, faszinierten ihn.
Der Mann kaufte seiner Mamatante ein Lebkuchenherz, das er ihr um den Hals hängte. Dann erstand er noch eine geräucherte Wurst, die er in seine Hosentasche steckte.
Später, auf dem Heimweg, zog er die Wurst wieder hervor, schnitt mit dem Taschenmesser ein Stück davon ab und hielt es dem Jungen unter die Nase. Es roch köstlich. Erfreut wollte er es an sich nehmen, als die Hand plötzlich zurückgezogen wurde.
„Erst musst du Papa zu mir sagen. Wenn du das tust, darfst du die ganze Wurst alleine aufessen“, schlug der Mann vor.
Der Junge war verwirrt. Er wusste nicht was er tun sollte. Die Wurst war sehr verführerisch. Doch warum wollte dieser Mann unbedingt, dass er Papa zu ihm sagte? Das verstand er nicht. Und wieder überkam ihm das Gefühl, dass dieses Wort dem Mann nicht gehören sollte. Nein, es war ganz allein sein Wort.
Er blickte zu seiner Tante, deren Miene ihm zuzuraten schien.
„Na, sag halt endlich Papa zu ihm“, forderte sie ihn auf, „was ist schon dabei“?
Und da die Wurst gar zu verlockend roch, wollte es der Junge tun, ja, er wollte Papa sagen – wenn auch nur ein einziges Mal.
Und so versuchte er es, er versuchte es mehrmals, aber er brachte das Wort nicht heraus. Es schien im Halse festzustecken.
Die beiden Erwachsenen schauten böse auf ihn herab und damit seine Qual endlich ein Ende habe, drehte er sich um und rannte davon. Quer über die Wiesen, zum Waldrand hin bis er über eine Wurzel stolperte und in eine Pfütze fiel. Dort blieb er weinend liegen.
Als ihn die Mutter endlich zurückholte, schimpfte sie ihn wegen des verdorbenen Anzugs tüchtig aus.
Doch der Junge kümmerte sich nicht um ihre Vorwürfe, denn sein Blick wurde magisch von dem Mann angezogen. Der hatte nämlich damit begonnen von der Wurst zu essen. Eine Scheibe nach der anderen schnitt er ab, kaute langsam und schmatzend, ehe er sie hinunterschlang. Dabei schaute er den Jungen höhnisch an. Dann machte er mit dem nächsten Stück weiter, und dem nächsten Stück - ohne ein Wort zu sagen - bis er die Wurst vor den fassungslosen Augen des Jungen restlos aufgegessen hatte.
Viele Jahre sind seither vergangen und der Junge ist längst keine Junge mehr. Doch den köstlichen Geruch der Wurst, hat er heute noch in der Nase.
Doch „Papa“, dieses „Zauberwort“, hat der Mann niemals von ihm zu hören bekommen.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 11.07.2006 - 18:31 |  |
Hallo zusammen,
es gibt den alten Spruch: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!"
Inzwischen muß ich nicht nur zu der „verbesserten" Version unseres „unbekannten" Gastes Stellung nehmen, sondern auch noch zu den Kommentaren von Brigitte und Chrissi.
Tja, Pech gehabt, Mino!
Das kommt davon, wenn man einen Leserkommentar nicht sofort beantwortet, sondern dies auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt.
Brigitte hat mir bereits einen großen Teil meiner Antworten vorweggenommen, deshalb zunächst zum Kommentar von Brigitte:
Wie unser Gast bereits erwähnt hat, gibt es keinen Grund zu irgendwelcher Angst und niemand möchte „über Dich herfallen." ...oder... vielleicht doch? 
Nein, ganz im Gegenteil: Ich würde mir wünschen, daß jeder Kommentar so klare Präferenzen aufweisen würde wie Deiner.
Die Zeitsprünge und der Begriff „lecker" sind auch mir aufgefallen, ebenso wie einige andere Ungereimtheiten, obwohl ich - im Gegensatz zu Dir - nicht glaube, daß unser Gast aus dem Norden kommt. 
Ganz im Gegenteil!
Daß meine Version authentischer klingt als seine Überarbeitung, wundert mich nicht, schließlich stammt sie ja von mir. Allerdings finde ich seine Version(en) vom Lesefluß her wesentlich besser, aber das hatte ich bereits erwähnt.
Auch den - ganz bewußt naiv gehaltenen - Erzählstil hast Du völlig richtig erkannt, aber dazu muß ich etwas weiter ausholen:
Bereits seit längerer Zeit schreibe ich überwiegend humorvolle und satirische Texte, deshalb war dieser Versuch, mich an eine Autobiographie zu wagen, völliges Neuland für mich.
Wann und wo sollte sie beginnen? In welcher Form sollte sie geschrieben werden? In der Ich-Form als Protagonist, oder in der Erzählform als unbeteiligter Beobachter?
Damit sich der Leser besser mit der Hauptperson identifizieren kann. wollte ich dem Jungen Anfangs auch einen Namen geben, aber bereits nach kurzer Zeit habe ich bemerkt, daß dieser Umstand meinen Schreibfluß doch ganz ungemein hemmt.
Nach einigem Hin- und Her habe ich dem Jungen dann keinen Namen gegeben und mich für die Erzählform des außenstehenden Beobachters entschieden.
Als Autor bietet mir diese Form mehr Möglichkeiten, da ich in meiner Wahrnehmung nicht in der Rolle eines meiner Protagonisten gefangen bin, sondern freier agieren kann.
Allerdings wollte ich meine Gedanken und Empfindungen - an die ich mich sogar noch sehr gut erinnern kann - nicht in der „geschraubten" Sprache eines Erwachsenen, sondern in der einfachen Sprache und in der naiven Gedankenwelt eines Kindes wiedergeben. (ich hatte mich als Einstieg für das Alter von ca. vier bis fünf Jahren entschieden)
Diese Kombination ist sicher ein gewagtes Experiment, das nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein muß, wie die Leserkommentare überwiegend zeigen.
Einige Stolperstellen wie z.B. die häufigen Wortwiederholungen „Er" und „hatte" möchte ich gerne noch bereinigen und den Lesefluß etwas verbessern, einen Namen wird der Junge aber nicht bekommen.
Sorry, aber so ist das Leben.
Hallo, „unbekannter" Gast,
Nachdem Du deine erste Version mittlerweile überarbeitet hast und mir die zweite besser gefällt, möchte ich mich zur dazu nicht mehr äußern, sondern mich lieber auf Deinen zweiten Kommentar beziehen.
Ja, Du hast völlig recht mit Deiner Meinung, daß auch eine Autobiographie mehr sein sollte, als eine Aneinanderreihung von schlichten Tagebucheinträgen.
Ein wenig Phantasie des Autors ist gefragt und nicht jedes Erlebnis muß im Format 1:1 in die Geschichte übertragen werden.
Wenn Du meine letzten beiden Folgen dieser Geschichte liest, so wirst Du feststellen, daß ich diesen Grundsatz durchaus beherzigt habe. Sie befinden sich ebenfalls auf dieser Plattform unter dem Titel „Alaska I " und „Alaska II."
Und nein, Du hast unrecht, wenn Du glaubst, ich könne mich an Situationen, die bereits ca. 50 Jahre her sind, nicht mehr so klar erinnern. Sicher, nicht durchgehend, aber es gibt Situationen, die laufen in ruhigen Momenten wie ein innerer Film vor meinen geschlossenen Augen ab. Mit Stimmen, Dialogen, Eindrücken, Ängsten und manchmal sogar mit Gerüchen.
Oftmals kann ich mich an solche Dinge sogar besser erinnern als an das, was letzte Woche passiert ist. Aber dieses Phänomen ist ja gerade bei älteren Menschen nicht ungewöhnlich, wie Du sicher weißt.
Aus Deiner zweiten Version würde ich mir gerne einige Formulierungen „ausleihen", die ich besser finde als meine eigenen. Und zwar, ohne mich damit dem Ruf eines Plagiators auszusetzen, der mir auf einer anderen Plattform bereits einmal reingewürgt wurde.
Nicht alles, aber einige Formulierungen - besonders diese Passage: „Das Wort und der Mann schienen nicht zusammenzupassen." - fand ich sehr gut.
Zum Thema „Wahrheit" könnte man sicher ganze Bibliotheken füllen, aber solch philosophische Betrachtungen sollte man besser in einem Philosophie- Forum besprechen.
Wenn Du daran interessiert bist, so bin ich gerne bereit, eine entsprechende Kategorie dafür einzurichten, es sollten sich aber schon etwas mehr als zwei Teilnehmer finden.
Ein „rücksichtsloses Herumwühlen" in einer vermeintlich „schmerzlichen Vergangenheit" kann ich - zumindest bisher - nirgendwo entdecken.
Hätte ich diese Erlebnisse für mich behalten wollen, so wären sie ganz sicher nicht auf einer öffentlichen Plattform gelandet, darauf kannst Du einen lassen.
Hier geht es in erster Linie um einen Text, den es zu bewerten gilt und genau das hast Du bisher - und wie ich finde, sogar recht gut - gemacht.
Danke für Deinen ausführlichen Kommentar!
Beste Grüße vom Minotaurus.
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 12.07.2006 - 07:39 |  |
Hallo Minotaurus
Um es gleich zu sagen, du kannst aus meiner Version verwenden, was du willst, schließlich sind das alles nur Formulierungsvorschläge. Es ist und bleibt deine Geschichte.
Noch ein Wort zu dem Problem der Schilderung von Kindheit. Versucht ein Autor das Sprachvermögen eines Fünfjährigen nachzuahmen, dann liest sich das halt auch entsprechend. Der Text wird aus lauter Hauptsätzen bestehen, die alle mit "und dann" anfangen und zu 90% das Perfekt des Verbs "sagen" aufweisen.
Ich kann mich nicht erinnern einen solchen Text jemals zu Gesicht bekommen zu haben. Stattdessen wird im Allgemeinen versucht eine artifizielle Form kindlicher Sprache zu finden, die aber das wirkliche Vermögen der Kleinen weit übersteigt, vorallem was die betrachtende Reflexion anbelangt. Ein Beispiel dafür ist mein Versuch "das Wort passte nicht zu dem Mann". Hier sollte eine Erklärung dafür gefunden werden, weshalb der Junge nicht Papa sagen wollte, denn der bedurfte es ja. Der Junge verspürte nur ein ablehnendes Gefühl, doch er hatte weder den Wortschatz noch das psychologische Rüstzeug einer Interpretation; dafür hätte er quasi den halben Freud intus haben müssen.
Deshalb handelt es sich bei solchen autobiographischen Schilderungen stets nur um eine Übersetzung durchaus vorhandener Erinnerungssequenzen in das Sprach- und Denkvermögen eines Erwachsenen.
Der Versuch die Erwachsenensprache zu simplifizieren, um der Situation eines Kindes möglichst nahezukommen, den du in deiner Geschichte angestellt hast, erscheint mir daher eher ein untauglicher zu sein. Ohne entsprechende Erklärung entsteht der Eindruck, als habe man es einfach nur mit einem schlechten Text zu tun.
Natürlich habe auch ich einmal versucht, eine Geschichte aus meiner Kindheit zu erzählen, aber von vorneherein darauf darauf verzichtet einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um in die Gefühlsinfantilität meiner damaligen Situation einzudringen.
Mir blieb gar nichts anderes übrig, als das erinnernde Geschehen aus heutiger Sicht und mit meinen heutigen Worten zu erzählen. Es handelt sich dabei um ein Kapitel einer längeren Erzählung, die ich über einen Jugendfreund geschrieben habe, der sich später umbrachte.
Beste Grüße
Kapitel 4
Herman und ich waren leidenschaftliche Fußballer. Es gab kaum einen Tag, an dem dieses Spiel nicht im Mittelpunkt unseres Daseins stand. Wir waren einander ebenbürtig, und beim Spiel auf dem Pausenhof durften wir als Einzige bei den Großen mitmachen.
Unglücklicher Weise hatte die Frau des Lehrers wieder einmal im Hof Wäsche aufgehängt. Das Ehepaar bewohnte den oberen Stock des Schulgebäudes und so wurden wir mit diesem Problem des Öfteren konfrontiert.
An diesem unseligen Tag waren wir so in unser Spiel vertieft, dass in der Tat unsere Blechbüchse – ein richtiger Ball stand uns nicht zur Verfügung - einige Male die blütendweißen Bettlaken touchierte.
Schon am Ende der Pause schwante mir, dass die Angelegenheit nicht ohne Folgen bleiben würde und als mitten in der nächsten Stunde plötzlich die Tür zu unserem Klassenzimmer aufgerissen wurde und Oberlehrer Vogt im Rahmen erschien, war ich so überrascht nicht.
Herauszitiert, empfing uns beim Betreten des Raumes, in welchem die Klassen fünf bis acht unterrichtet wurden, eine unheilvolle Stille. An der Fensterwand aufgereiht standen mit gesenkten Köpfen die Fußballkameraden, zu denen wir uns unaufgefordert gesellten - als nächster Herman und ich am Ende der Reihe.
Wir waren mit Abstand die Kleinsten, was in den Augen unseres Richters allenfalls optische Bedeutung hatte.
Noch eine ganze Weile herrschte eisiges Schweigen, dann erfolgte der Griff hinauf zum Schrank, wo der berüchtigte Rohrstock deponiert war.
Ein Aufstöhnen ging durch die Reihen, das keineswegs nur von den Betroffenen kam; vielmehr vermeinte man auch das Grauen der Unbeteiligten mit Händen greifen zu können, erlebten sie dieses Schauspiel doch nicht zum ersten Mal und es gab sicher nur wenige unter ihnen, die davon nicht schon direkt betroffen gewesen waren.
Der "Allmächtige" ließ sein Zuchtinstrument einige Male mit genau bemessenen Hieben prüfend durch die Luft pfeifen, dann zitierte er den ersten Delinquenten zu sich.
Zum Glück, so schoss mir durch den Kopf, fing er am anderen Ende an und das war dann auch mein letzter bewusster Gedanke, davon abgesehen, dass er sich als falsch erwies, denn je länger das Warten währte, desto größer wurden Angst und Qual.
Jeder der Tatbeteiligten sah sich über eine der vorderen Bänke gelegt und bekam genau ein Dutzend Hiebe auf den Allerwertesten, die von der Klasse laut mitgezählt werden mussten.
Zunächst allerdings wurde der Zustand der jeweiligen Lederhose geprüft. Es war der Grad der Steifigkeit, der den Ausschlag gab ob sie ausgezogen werden musste oder nicht; war doch das Material im Dienste mehrerer Generationen bei Manch einem so hart geworden, dass er dieses Bekleidungsstück am Abend neben das Bett zu stellen pflegte, und so ein Teil hätte die Schläge gewiss mit Leichtigkeit absorbiert.
Die meisten der Gepeinigten ertrugen den Schmerz indes recht tapfer, insbesondere, wenn sie es hinter sich gebracht hatten, waren sie bemüht männliche Würde zu demonstrieren, indem sie verzerrt grinsten oder wegwerfende Handbewegungen machten.
Der mitleidlosen Autorität gelang es jedenfalls ohne allzu große Schwierigkeiten die Abwehrreflexe zu bändigen, so dass man zügig vorankam und am Ende kein Hieb verschenkt wurde.
Die Exekutionshandlungen waren schon weit vorangeschritten, als ich aus meinem Schockzustand erwachte. Vor mir am Fußboden, auf den ich die ganze Zeit über gestarrt hatte, breitete sich eine Pfütze aus. Herman stand zitternd neben mir und machte in die fast nagelneue Lederhose. Er sah aus, als sei er dem Wahnsinn nahe. Seine Augen waren weit aufgerissen und blicklos auf die Szene gerichtet.
Da wurde er auch schon aufgerufen. Doch anstatt der Aufforderung Folge zu leisten, warf er sich hin, wälzte sich in panischer Angst hin und her und flehte verzweifelt: „nein, nein, bitte nicht, bitte, bitte nicht“!
Bei seinem Anblick erlosch meine eigene erbärmliche Angst augenblicklich, sie wurde gleichsam gegenstandslos. An ihre Stelle trat die Wut – wieder einmal die Wut.
Und als unser Zuchtmeister, den sich schreiend mit Händen und Füßen Wehrenden auf die Bank zwang, um in der Übung der letzten Minuten fortzufahren, und damit begann die Rückseite meines Freundes zu malträtieren gleichgültig wohin er nur traf, da war ich mit zwei Sätzen – auf den Sitz, die Bank hoch – bei ihm, und sprang wie eine wütende Wildkatze dazwischen.
Es handelte sich um einen Akt von Tollkühnheit, gewiss, oder besser noch: Tollwut - einer Wut, der ich im Verlaufe meiner Kindheit immer wieder anheim fiel. Immer dann nämlich, wenn nicht ich, sondern Andere, wie ich meinte Schwächere, von jenen Grausamkeiten betroffen waren, die damals die Tagesordnung darstellten.
Bei diesem Reflex geschah Etwas mit mir, an dem ich keinen Anteil hatte und auch wenn ich wieder bei mir war, hatte ich keine Erklärung für das Geschehene.
Im diesem speziellen Falle führte es dazu, dass die drei beteiligten Personen zu Boden stürzten. Wir beiden Buben berappelten uns jedoch rasch, nutzten die Verblüffung des Lehrers aus, und machten, dass wir davonkamen.
Zu unserer großen Erleichterung, gab es keinerlei Nachbeben, nicht einmal bei meiner Mutter. Im Gegenteil. Das Ereignis rief, obwohl damals Prügel als probatestes Erziehungsmittel galten, wegen seiner Unverhältnismäßigkeit im ganzen Dorf ein unwilliges Grummeln hervor. Worauf der ansonsten angesehene Herr Vogt alles tat, um keine tieferen Gräben entstehen zu lassen.
Allzumal auch, da eine ganze Abordnung von Hermans Clan bei ihm vorstellig wurde und unter Androhung eigener Handgreiflichkeiten sich ein für allemal verbat, dass ihrem Schützling jemals wieder ein Haar gekrümmt würde.
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 12.07.2006 - 12:15 |  |
Hallo, unbekannter Gast,
obwohl es nicht möglich ist, daß wir zusammen dieselbe Schule besucht haben, weckt diese kleine Episode aus Deiner Geschichte in mir Erinnerungen an (fast) dieselbe Situation aus meiner Kindheit.
Zugleich verdeutlicht dieser Auszug genau das, was ich bereits vorhin versucht hatte, zu erklären:
Obwohl es an Stil und Form nichts auszusetzen gibt, scheint die Wortwahl des Erzählers nicht in die Erlebniswelt des Kindes zu passen und wirkt daher etwas "abgehoben" und somit fremd.
Es entsteht beinahe der Eindruck, als würde das Geschehen in einer völlig anderen Dimension ablaufen.
Deine Formulierung: „Das Wort und der Mann schienen nicht zusammenzupassen." läßt sich - im übertragenen Sinne - also auch gut in dieser Erzählung verwenden. Aber dies ist vielleicht nur mein ganz persönlicher Eindruck als Leser?
Im Übrigen kannst Du für Deine eigenen Texte - auch als Gast - ebenfalls einen eigenen Thread eröffnen, ohne Dich dafür registrieren zu müssen.
Ein Benutzername ist - falls gewünscht - frei wählbar und würde sowohl die Ansprache, als auch die Zuordnung der Texte und Kommentare erheblich erleichtern, aber das nur am Rande.
Falls Du dafür einen konstruktiven Vorschlag haben möchtest, so bin ich gerne bereit, Dir bei der Wahl eines geeigneten Nicks behilflich zu sein.
Ich bin jedoch überzeugt, daß Deine eigene Phantasie gut dafür ausreicht. 
Informative Grüße vom Minotaurus.
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
<Gast> unregistriert
| Erstellt am 12.07.2006 - 16:17 |  |
Hallo Minotaurus
Den Eindruck in der gleichen Schule gewesen zu sein, haben bei solchen Geschichten viele unserer Generation; so sehr unterschied sich die Situation damals nicht von einander.
Auch ob der Vater im Krieg gefallen ist, oder ob er von vornherein die Verantwortung verweigerte, ist im Ergebnis letztlich ebenfalls wurscht.
Was deine Einladung anbelangt, werde ich später evtl. darauf zurückkommen. Vorläufig verlangt es mich noch nicht danach. Trotzdem: vielen Dank
Beste Grüße
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Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 12.07.2006 - 18:49 |  |
Ersteres mag sicher richtig sein, solche Erlebnisse gibt es in der älteren Generation bestimmt zu Tausenden und sie werden sich kaum großartig voneinander unterscheiden.
Bei Deinem zweiten Argument muß ich Dir allerdings ganz entschieden widersprechen.
Es ist, bzw. es war - zumindest in der damaligen Zeit - sogar ein sehr großer Unterschied, ob der Vater nicht mehr aus dem Krieg zurückkehrte, oder ob er sich einfach seiner Verantwortung entzogen hat.
Zwar war das Ergebnis dasselbe, aber in ersterem Falle wurde der tote Vater i.d.R. als "Held" oder zumindest als Vorbild mystifiziert und sowohl seine Witwe, als auch deren Kinder von der Dorfgemeinde geachtet (oder auch bemitleidet), wogegen eine junge Mutter mit einem "ledigen Balg" dem Spott und der Verachtung genau jener Dorfgemeinde ausgesetzt war und beide wie Aussätzige behandelt wurden.
Gerade in sehr ländlichen Gebieten Bayerns war diese Geisteshaltung recht ausgeprägt und man muß nicht unbedingt sizilianische Filme oder "Alexis Sorbas" gesehen haben, um diese Situation im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre nachempfinden zu können.
Aus diesem Grunde trägt meine Geschichte auch den Übertitel "Der Bastard", der eigentlich bereits in zwei Worten den Kern der Geschichte erzählt.
Kernige Grüße vom Minotaurus.
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |