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unregistriert

...   Erstellt am 11.02.2008 - 16:20Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Wer Ende der vierziger Jahre um Ruhpolding herum wanderte, traf einige Kilometer außerhalb des Ortes auf ein Zuhäusl, den Alterssitz eines größeren Hofes. Das war ein uraltes in schlechtem Zustand befindliches Häuschen, dessen Außenmauern angeblich schon im dreißigjährigen Krieg gestanden hatten. Davor war ein Schild aufgestellt:
„ Von außen nicht schön, doch schau nur herein, es wird bestimmt nicht dein Schaden sein, denn alles Gebotene ist beste Qualität, da seine Majestät, der Gast, sehr hoch bei uns steht."

Das Wohnzimmer des kleinen Häuschens, das sich die fünfköpfige Familie noch mit einem Bruder der Mutter und dessen Frau teilte, wurde zur Gaststube für das „Cafe Märchenwald" umfunktioniert. Dort wurde ihm neben Kaffee, Tasse für Tasse handgebrüht, ein Stück einfacher, aber garantiert frisch gebackener Kuchen, Baumkuchen, Streuselkuchen oder Bienenstich serviert. Vor allem aber konnte sich jeder Gast der ungeteilten Aufmerksamkeit und Zuwendung der Gastwirtin, Richardis von Somnitz, erfreuen.
Eine Mutter aus, die mit ihren Kindern 1944 von Ostpreußen nach Ruhpolding geflohen war, die alles unternahm, um ihre Kinder durchzubringen, ohne jede Ausbildung.
Die Gäste fühlten sich von der Herzlichkeit der Wirtin angesprochen.
Sie hatte keine Ahnung von kochen und backen.

Nicht selten passierte es, dass ein Besucher mitbekam, wie unerfahren sie war, sich zu ihr in die Küche drängte und ihr ein besonderes Rezept oder seinen Lieblingskuchen erklärte und beim Backen anleitete.
Einmal kam ein Gast, dessen Lieblingsgebäck Windbeutel waren und zeigte ihr, wie man sie herstellte.
Als sie ihn das erste Mal versuchte, sie alleine zu backen, tat sie viel zu viel Teig auf das Blech, sie hatte nicht bedacht, dass er noch stark aufgehen würde.
Das gab riesige Windbeutel. Gefüllt mit der Schlagsahne, die wir Kinder ganz frisch bei Bauern in der Umgebung holten, war das eine unglaubliche Köstlichkeit mitten in den Nachkriegs- und Hungerjahren! Diese Windbeutel wurden der Hit und trugen ihr den Spitznamen ,“Windbeutelgräfin“ ein.

Die junge Wirtin machte mit ihrer Tatkraft und Energie einen wesentlichen Schritt nach vorn, als sie den Mühlbauernhof, einen großen stattlichen Bauernhof, pachtete. Auch in diesem großen Cafe, in dem zur Hochsaison bis zu zehn Angestellte arbeiteten, gelang es ihr, der Wirtschaft ihren Stil aufzuprägen sowie die gute Qualität und persönliche Ansprache, die ihr kleines Cafe ausgezeichnet hatten, zu bewahren.
Sie steckte einfach ihre Seele in das Cafe und das merkten die Gäste und honorierten es. So konnte Richardis von Somnitz ihre Familie ernähren und den Kindern eine gute Ausbildung finanzieren, obwohl sie keinerlei kaufmännische Vorbildung hatte und nur durch Erfahrung, manchmal auch bittere Erfahrung lernen musste."
1977 verkaufte Richardis von Somnitz im Alter von 71 Jahren ihr Unternehmen, da die jüngste Tochter, die es eigentlich hatte übernehmen wollen, nach Südafrika geheiratet hatte.
Ihr Nachfolger schlachtet die ungewöhnlichen, tragischen Umstände, die zur Firmengründung geführt hatten - immerhin hatte Richardis von Somnitz weder ihren Mann noch ihre Heimat je wiedergesehen - hemmungslos aus.
Der Mühlbauernhof heißt heute „Die Windbeutelgräfin". Busladungsweise werden die Touristen vor der Tür ausgeladen, um im verkitschten Ambiente riesige Windbeutel, die in Schwanenform als Gedeck „Lohengrin" serviert werden, zu sich zu nehmen.

Online kann man verfolgen, welche Fernsehgröße gerade den zweimillionsten Windbeutel verspeist hat.

Von Richardis von Somnitz ist in diesem seelenlosen Getriebe keine Spur mehr zu finden - nicht einmal mehr die Chronik des Cafes kennt ihren Namen, sondern berichtet stattdessen von einer baltischen (!) Gräfin, die das Windbeutel-Rezept angeblich aus ihrer Heimat mitgebracht habe.


Backende Gräfinnen sind offenbar immer noch besser zu vermarkten, als erfolgreiche Unternehmerinnen.




<Friedl Schulze>
unregistriert

...   Erstellt am 03.04.2009 - 03:09Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ich habe in Ruhpolding mit meiner damaligen Frau schöne Urlaubszeiten verbracht. Meine Frau war (oder ist noch immer?) eine Freundin der Iris von Somnitz, die später nach Afrika geheiratet hat. Diese besaß einen Schäferhund "Nick", der mir sehr ans Herz gewachsen war und ich ihm offensichtlich auch, da er fast jeden Morgen vor unserem Quartier lag und die Wirtin ihn dann letztendlich immer zu uns gelassen hat. Bei einem späteren Besuch dort habe ich erfahren, dass der Nick vor dem Umzug der Iris von Somnitz nach Afrika dann nach München o.ä. vermittelt worden war. Gegen 1980/81 konnte sich dann schon niemand mehr an die ehemaligen "Windbeutelgräfinnen" erinnern. Selbst vom ehemaligen Personal war niemand mehr da. Übrigens, wurden in dem kleinen nebenstehendem Backhaus seinerzeit nicht die Kochsendungen vom Inzinger Max gedreht? mfg Friedl Schulze





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