PumpisUndCo  Administrator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.04.2006 Beiträge: 184 Nachricht senden | Erstellt am 21.03.2008 - 21:25 |  |
Erfahrungsbericht von K. Christian Sommer 2007
Die Tragesysteme und die Menüführung der Insulinpumpe Accu-Chek Spirit
Abgesehen von der unsäglichen Menüführung (dazu weiter unten noch ein paar Sätze), fand ich die Pumpe beim einwöchigen Probetragen recht angenehm:
- handliches Format,
- die Möglichkeit, endlich anständige Batterien verwenden zu können (AA-Mignonzellen anstatt der ausgefallenen und überteuerten Lithium Power-Packs),
- die Möglichkeit, den Adapter mehrfach zu verwenden,
- das Zwei-Pumpensystem, das vor allem auf Reisen Sicherheit gibt,
- die Option, auch bei laufendem verzögertem Bolus zusätzliche Boli abgeben zu können.
Eine Reihe von guten Gründen also, einen Wechsel von meiner bewährten D-Treu plus bei der anstehenden Folgeversorgung vorzunehmen.
Für mich ist es wichtig, dass sich die Pumpe als ständiger Begleiter unkompliziert und sicher tragen lässt. Bei mir kommt dabei eigentlich nur die Befestigung am Gürtel in Frage. Die Hosentasche ist ohnehin mit Handy, Schlüsselbund, Traubenzucker und Co. notorisch überfüllt, die Baumelvariante um den Hals taugt nur in Notfällen und der BH als Tragesystem steht für mich als männlichem Zeitgenossen auch nicht wirklich zur Wahl.
Bleiben also die Gürteltaschen - und da beginnt bei der Spirit, die mit einem umfangreichen Set von "Tragesystemen" geliefert wird, der Ärger. Worüber er sich am meisten ärgern soll, kann der geneigte Leser natürlich selbst entscheiden. Meine Hitliste sieht so aus (die Namen entsprechen den Herstellerbezeichnungen):
1. "Hard Shell"-Tragesystem (zum Bild hier)
Wenn man so etwas von seinem Handy Provider zum Gratis-Handy bekäme, würde man wahrscheinlich den Provider wechseln. Aber im Ernst: Wenn man sich mit der Plastikoptik anfreunden kann, fallen folgende Punkte negativ auf:
- Die an sich schlanke Pumpe wird durch das Case unnötig dick.
Die Gürtelklammer trägt auf.
Sie hält so lange zuverlässig, wie man nirgends aneckt. Passiert das eigentlich nur mir?
Bedienbar ist mit dem Case nur der schnelle Bolus. Scrollen, Zugriff aufs Menü, Sicht auf die Ampulle etc.: Fehlanzeige.
- Die Gürtelschnalle ist so angebracht, dass der Luer-Verschluss oben liegt. Prima: Jede Luftblase kommt so aus der Ampulle garantiert in den Katheter. Aus diesem Grund schrieb Disetronic früher mal, dass der Auslass möglichst nach unten zeigen soll.
Kurzformel: größere Luftblase in der Ampulle - zu wenig Insulin - Überraschung!
"Alcantara Pouch" Tragesystem (zum Bild hier)
In dieses Täschchen wird die Spirit hineingefummelt. Man kann es oben mit einem Reißverschluss öffnen, dessen Sinn sich mir nicht ganz erschließt. Am linken Ende ist eine Lasche für einen beiliegen¬den Schnürsenkel eingearbeitet, die bei Nichtbenutzung zumindest unschön aussieht.
Im aufwändig gestalteten Prospekt gibt's unter "Raus in die Natur" sogar ein Foto mit einer älteren Dame bei der Gartenarbeit, der die Pumpe vor der Brust bau¬melt (schade, dass es kein Video ist - das wäre anschaulicher!). Macht sich eigentlich niemand Gedanken darüber, wie hinderlich das ist? Vielleicht wird im Eifer des Gefechtes beim Rosenschnitt der Katheter gleich mit durchtrennt?
Hat man die Spirit im Täschchen untergebracht, kann man sie noch mit einem winzigen Riegel sichern, der mit einem sehr friemeligen Kunstoffdruckknopf an der Rückseite eingeklickt wird - nicht sehr dauerhaft, dafür aber beim Hin- und Herschieben selbstöffend.
Trotzdem: Von den mitgelieferten Taschen ist die Alcantara Tasche noch die brauchbarste!
Mein persönlicher Favorit aber ist das "Neoprene Pouch"! (zum Bild hier)
Hier muss ich etwas ausholen: Ich verwende seit nunmehr vier Jahren das entsprechende Gegenstück zur D-Tron plus. An dem gibt es wirklich nichts zu mekkern: Es ist gut verarbeitet, besteht ganz aus Neopren, es gibt keine scharfen Kanten, alles ist gut zugänglich und die Befestigung am Gürtel ist mit einer weichen Neoprenlasche sicher möglich. Ich verwende das Case gern zum Segeln und Paddeln, man kann es auch prima in den Neoprenanzug stecken, alles tipp topp!
Entsprechendes erwartete ich auch vom "Pouch" der Spirit . Da haben wir als erstes wieder diesen fantastischen Reißverschluss, völlig überflüssig an einem elastischen Beutel.
Da man den Neoprenbeutel in nassen Umgebungen einsetzt, bestehen hier die Druckknöpfe natürlich aus Metall... (beim Alcantara Pouch aus Kunststoff).
Die Sicherungslasche ist aus Kunstleder, aber meine Lieblingskonstruktion ist die Gürtelbefestigung: Nylon mit zwei Druckknöpfen und einer dick auftragenden Lasche, die auf dem mitgeliefertem 'Belly Belt" wunderbar hin und her schlabbert. Das Nylongefühl auf der Haut ist super!
Besonders durchdacht ist die oben zu öffnende Lasche: Ein mittlerer Druck auf die Pumpe und - richtig! - sie fällt runter... Kommt das nur bei mir beim Sport vor?
Nun gibt es auch Hersteller, die ähnliche Laschen z.B. für Handytaschen, Taschenlampenhalterungen etc. verwenden; ko¬misch ist nur, dass diese die Laschen ent¬weder dauerhaft vernähen oder deren Öffnung nach UNTEN gelegt ist. Ein Anruf bei ROCHE und bei meinem freundlichen Diabetes-Zubehörversand ergaben, dass ich kein Montagsstück erwischt habe, son¬dern dass alle Neoprentaschen so genäht sind! Insgesamt gibt es auch für diese Tasche ein vernichtendes Fazit:
unpraktisch,
- unnötiges Verletzungsrisiko durch den überflüssigen Reißverschluss,
potentielle Scheuerstellen, wenn man die Tasche mit dem Sportgurt auf der Haut trägt und
eine Befestigung, die bestimmt alles kann, außer festhalten.
Dabei könnte doch alles so einfach sein: Das D-Tron Case einfach auf die Maße der Spirit bringen und man hätte ein einfaches, weiches, super für den (Wasser-) Sport geeignetes Behältnis. Und durch die einfachere Fertigung dürften sich obendrein noch günstigere Produktionskosten erzielen lassen, was wohl für ROCHE nicht unwichtig ist (made in China)...
Bevor ich diese Zeilen schrieb, habe ich mich natürlich bei ROCHE beschwert, man war dort sehr freundlich und zuvorkommend, aber leider auch etwas ahnungslos. Die einzelnen "features" der Taschen waren den (sehr freundlichen!) Mitarbeiterinnen nicht geläufig, und es verfestigte sich mein Eindruck, dass man dort wirklich nicht weiß, was es heißt, den ganzen Tag mit einer Pumpe herumzulaufen. Sonst würde man so wichtigen Fragen wie den Tragesystemen nicht so wenig Aufmerksamkeit schenken.
Auch beim Menü
hat sich einiges im Vergleich zur älteren D-Tron plus verschlimmbessert. Hier sei nur ein Punkt herausgegriffen, den ich abschließend im direkten Vergleich ausführen möchte:
D-Tron-plus: Drücke ich hier die "Blättern"-Taste, sehe ich sofort den zuletzt abgegebenen Bolus - eine Funktion, die ich sehr häufig nutze. Bestätige ich, bin ich sofort im "Scroll-Bolus"-Menü und kann die gewünschte Insulinmenge einstellen. Wenn ich den Bolus strecken möchte, komme ich durch erneutes Drücken der "Blättern"-Taste sofort zur Einstellung der Verzögerungszeit. Bestätigen - fertig.
Bei der AccuCheck Spirit wird der gleiche Vorgang zum Gameboyspiel: Zuerst tippe ich mich zum "Informationen" -Menü durch, das heißt je nach gewähltem Menü sechsmal drücken und einmal bestätigen. Aha, jetzt sehe ich auf dem sehr kleinen Display, wann der letzte Bolus abgerufen wurde und freue mich darüber, zu erfahren, der wievielte der gespeicherten Datensätze der angezeigte ist. Dann bestätige ich. Wieder raus aus dem Menü und zurück zum "Standard Bolus"-Menü. Hier bestätigen, den Wert einstellen und - uups - ich wollte ja "verzögert bolen". Macht nix, also den Wert wieder auf "Null" stellen, raus aus dem Menü, hier zum "Verzögerter Bolus" Menü (im Profil Menü nur zweimal drücken und einmal bestätigen!), ab jetzt geht's weiter wie bei der D-Tron plus
Ja Himmelherrgottsakrament - wer erfindet denn so etwas? Ich wollte doch nur ein einfach zu bedienendes Menü und kein Videospiel!
Die Insulinpumpen-Konfigurationssoftware hilft hier auch nicht wirklich weiter; richtig "konfigurieren" ("Vom Anfänger zum Profi") kann man hier auch nicht!
Das war noch zu Zeiten von Disetronic, da dauerte die Garantieabwicklung
einer defekten Pumpe auch nur zwei Tage.
Der letzte Schaden an meiner D-tron plus (Elektronikstörung) im vergangenen Oktober brauchte fast vier Wochen und mehrere Anfragen beim Support, bis ich die Pumpe zurückerhielt. Gut, wenn man zwei Pumpen hat!
Letzte Sätze:
Ich habe heute telefonisch den Support gebeten, bei Gelegenheit mal einen Außendienstmitarbeiter vorbeizuschicken, damit er sich die von der Firma Roche verschickten Tragesysteme auch mal live ansehen kann. Ich möchte meine Erfahrungen so gerne weitergeben.
Vielleicht kann ich ja auf diesem Wege einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass der "Spirit" bei Roche sich wieder etwas mehr an den täglichen Belangen der Kunden orientiert.
Da es ja im INSULINER nach meinem Verständnis auch darum geht, Verbesserungen für Diabetiker einzufordern und zu fördern, habe ich den Artikel vor der Veröffentlichung auch an Roche gemailt - mit einem Echo, dass so deutlich ausfiel, dass ich Eines nun sicher weis: Der INSULINER ist wichtig und wird auch von der Pharmaindustrie ernst genommen. Nicht weniger als knappe zwei Stunden mit drei verschiedenen Mitarbeiterinnen von Roche dauerten die Gespräche am Tag nach meiner Mail, dazu kam ein Besuch der freundlichen Außendienstmitarbeiterin. Angekündigt und zugesagt wurde dabei Folgendes:
- Meine Anregungen wurden bereits an die zuständige Abteilung weitergeleitet, man zeigte sich offen für Anregungen (wenn auch die Veröffentlichung im INSU¬LINER auf weniger Begeisterung stieß).
Neue Tragesysteme (auch in anderen Farben, die v. a. von Diabetikerinnen und Kindern gewünscht seien) sind voraussichtlich ab Mai im Handel. Ich bin gespannt, ob sich dabei mehr als nur die Farbe geändert hat!
Man kann sich vorstellen, dass es für die Spirit ein Firmwareupdate geben könnte, was eine wirklich individuelle Konfiguration der Software ermöglicht v. a. die Reihenfolge der einzelnen Menüpunkte im Individualmenü wäre dann möglicherweise frei gestaltbar.
Quelle Insuliner-Zeitschrift
[Dieser Beitrag wurde am 21.03.2008 - 21:35 von PumpisUndCo aktualisiert]
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