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...   Erstellt am 24.02.2007 - 14:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919

Ferdinand Maresch (1854 – 1940) war nicht nur ein äußerst rühriger Fabrikant und „Manager“, sondern auch über ca. 30 Jahre ein bedeutender Stadtrat in unserer Stadt Aussig. Sein Leben und seine Familie werde ich in einer anderen Sparte unseres Forums bringen. Hier jedoch soll die Zeit heraufbeschworen werden, die das Ende des Österreichischen Kaiserreiches und den Beginn der Tschechoslowakischen Republik kennzeichnet.

Vieles, was zum Ende des zweiten Weltkrieges an Schrecklichem uns Deutschen gegenüber geschah, hat seinen Ursprung nicht nur in der Folge dessen, was vor allem die Nazis aus dem „Großdeutschen Reich“ nach 1938 der Tschechoslowakei und vor allem deren Volk angetan haben, sondern findet seinen Ursprung immer wieder im Streben vieler Tschechen nach „Freiheit“, was auch immer das sein mag, und der Verweigerung dieses Dranges durch die Regierenden.

Zum Ende des ersten Weltkrieges brach nicht nur das Kaiserreich auseinander, vielmehr wurde durch die Siegermächte verhindert, dass die deutschsprachigen Völker dieses Reiches zusammenbleiben konnten. Der amerikanische Präsident Wilson vor allem war es in seiner Kurzsichtigkeit, der verhinderte, dass ein Deutsch-Böhmen sich Österreich anschließen durfte. Der Rumpfstaat Österreich widerum war an solchen Bestrebungen gar nicht interessiert, herrschten doch dort starke Strömungen zum Anschluss an das Deutsche Reich; man gab sich selbst keine große Überlebenschance in der Neuordnung.

Diese Übergangszeit, ca. vom September 1918 bis zum April 1919, schildert uns Ferdinand Maresch in seiner persönlichen und völkischen Ausdrucksform. Aus seinen Schilderungen erleben wir immer wieder den Konflikt mit und den Kontrast zu den Tschechen, aber auch den Sturz der eigenen Volksidentität durch Unruhen, die vor allem von Teilen gerade der deutschsprachigen Bevölkerung in Aussig hervorgerufen wurden. Deutsche Umstürzler waren es, die den Bürgermeister und den Stadtrat bewogen, tschechisches Militär zu Hilfe zu rufen. Naiv war es allerdings zu glauben, dass die tschechischen Soldaten danach wieder das Feld räumen würden. Es ist wohl heute erwiesen, dass durch diesen Schachzug die Bevölkerung eines geplanten Deutsch-Böhmens gezwungen wurde, sich in die tschechoslowakische Republik einzufügen.

Ich werde versuchen, am Ende eines jeden Kapitels Namen von Orten und Persönlichkeiten zu erläutern, aber – es wird ein Versuch bleiben. (D.W.W.)

[Dieser Beitrag wurde am 24.02.2007 - 14:08 von Gartenzwerg aktualisiert]





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...   Erstellt am 24.02.2007 - 14:39Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ferdinand Maresch Tagebuchaufzeichnungen 1914 -1935
Original - Tagebuch übertragen aus der Handschrift von Urenkel Dieter W. Winter, Sohn seiner Enkelin Hildegard Maresch,
unter Verwendung der bereits eingegebenen und verkürzten Übertragung von Werner Wenisch (1990)
(Aus dem Besitz von Frau Sigrid Paul geb. Maresch).


Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

22. September 1918

Die Lage ist entsetzlich. Wir müssen eiligst unsere Truppen aus Albanien, Macedonien, Serbien, Montenegro zurückziehen. Was die Banden von Aufrührern uns zufügen werden, darauf darf man gar nicht denken. Die Polen wollen ein Großpolen mit Danzig als Hafenplatz. Man hat sie befreit vom russischen Joche und schon ist der unverwüstliche Größenwahn wieder da. Was haben die Kerle, die polnischen Legionen nicht alles an Verräterei geleistet. Unsere deutschen Truppen sind bis an die Krim zerstreut. Wird das zu halten sein? Was nützt uns das schwarze Meer, wenn die Donau bei Orsowa gesperrt ist. Und Österreich? Eine macht-, ziel- und planlose Regierung. Hussarek räumt den Völkern das Selbstbestimmungsrecht ein, wie bei den Kartoffeln die Selbstversorgung.

Die selbst- und zielbewussten Tschechen verlangen heute das Blaue vom Himmel, weil sie wissen, dass man sie fürchtet. Und ich glaube auch heute noch nicht an den Zerfall Österreichs. Die Tschechen wissen selbst am besten, wie gut es ihnen gegangen ist. Und was der Staat für sie leisten musste. Trotzdem und alledem befanden sie sich in Wien am wohlsten, wo sie sich ausleben konnten. Die Vorherrschaft in Böhmen und Mähren hatten sie und die Vorherrschaft in Österreich wollen sie. Um dieses Ziel zu erreichen werden sie mit den Ungarn packeln, derzeit auf die Slowakei verzichten, Frieden mit Ungarn machen in der festen Überzeugung, dass es ihnen gelingen wird, in späterer Zeit mit den Kroaten und Slowaken auch Ungarn zu erobern. Ein slawisches Österreich, wenn es sein muss mit Habsburg als Herrscher, das wollen sie. „Unterschreibe Ferdinandular“, das möchten sie wieder sagen können.

Hören hätte ich wollen, was sie gestern dem Kaiser gesagt haben. Wie werden sie ihm die schmachvolle Gefolgschaft Österreichs, die traurigen Folgen des deutschen Bündnisses, die Herrschsucht der ungarischen Magnaten, die dadurch gezeitigte Hungersnot in Österreich vorgehalten haben. Und wie das lockt: Frei und unbeschränkt in der Zukunft, von dem Wohlwollen der Entente begleitet, die Ungarn aus ihrer rücksichtslos ausgenützten Vormachtstellung in der Monarchie herausgeworfen, der Kaiser und König wieder ein glanzvoller Kaiser. Das lockt, das weckt neue Hoffnung und was liegt der Dynastie daran, ob sie unter der lästigen Bevormundung der Ungarn oder aber mit der angeblich machtvollen Unterstützung der Tschechen herrscht, die Hauptsache ist Herrscher bleiben zu können und sei es auch über ein slawisches Reich.

Was wird der verängstigte schwache junge Kaiser sagen? Und haben wir Deutsche die Leute, die ihm imponieren, die ihm eine sichere Möglichkeit zum Herauskommen aus dem Labyrinth geben oder wenigstens zeigen können? Jetzt geht es um das Ganze und die große Zeit hat nur kleine Männer unter unseren Abgeordneten vorgefunden. Man hat heute noch die Macht des Staates. Aber wie ich dem Minister Mataja gesagt habe: Die Regierung kann entweder nicht oder will sie nicht oder ist sie zu feige. Wir gehen trüben, schweren, aufregenden Zeiten entgegen. Aus Angst vor den bolschewikischen Ideen, geängstigt durch den Zerfall Russlands, die Ermordung des Zaren, wird Habsburg die Hand dessen ergreifen, die ihm Rettung zu verschaffen verspricht. Ich glaube wir Deutschen werden alles aufbieten müssen, um nicht unter den Schlitten zu kommen.

Orsowa: Rumänien, ehem .türkische Inselfestung in der Donau
Hussarek: Max, Freiherr von Heinlein, vorletzter Ministerpräsident von Österreich-Ungarn (25.07.- 27.10.1918); Urheber des so genannten (österreichischen!) „Oktobermanifestes“.
Mataja: Viktor, leitete 1918 des Ministerium für soziale Fürsorge in Wien


[Dieser Beitrag wurde am 25.02.2007 - 17:28 von Gartenzwerg aktualisiert]





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Ich hoffe das Tagebuch hat noch viele Seiten zu bieten.





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II. - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter

20. Oktober 1918

Gestern mit Dr. Herzfeld und Sieghart über die Neugestaltung Österreichs gesprochen. Beide stimmten mir zu, dass das Manifest ein kluger Schachzug gewesen, dass die Deutschen, speziell die Deutschböhmen in trauriger Lage seien, weil sie nicht organisiert seien und weil die Qualität ihrer nunmehrigen Herrscher eine so mindere sei. Herzfeld stimmte mir zu, als ich sagte: Die Papierkrone wird uns zusammenhalten und wieder zusammenbringen. Günther antwortete mir auf meine Frage: Was wollen wir machen? „Tschechisch lernen.“ Und damit hat er Recht. Mich erfasst ein Grauen, wenn ich mir denke, dass die Kerle wie Kroy, Schreiter, Glöckner, Hummer unsere Geschicke leiten sollen. Logdemann lassen die neidischen Kollegen doch nicht in die Höhe kommen.

Die Tschechen haben die Landeskanzlei, die Landes-, die Hypothekenbank und so viel anderes zu ihrer Verfügung, die Sozialisten sind organisiert und wir Deutsche haben nur Bierbankpolitiker, Schreier, die nichts gelernt haben. Pacher ist auch alt geworden und die meisten der Abgeordneten haben von der Wirklichkeit der Dinge keine Ahnung, sind weltfremd und haben sich darin betätigt, dass sie zur Stärkung ihrer Stellung im Wahlkampfe die unmöglichsten Anträge stellten, die immer nur neue Belastungen des Staates bedeuteten. Um die Deckung der wahnsinnig gestiegenen Ausgangsposten haben sie sich niemals bekümmert. Wie all die gemeinsamen Fragen gelöst werden sollen, das weiß ich nicht. Wohin werden die Steuern abgeführt, gibt es noch eine Landesumlage, Wertzuwachs und Lustbarkeitssteuerabgabe an das Land? Haben wir die Steuergrundlagen für Deutschböhmen? Wohin wird die Personaleinkommensteuer bezahlt, die dem Staate gehört, die Bier- und Schnapssteuer? Was ist mit der Stempelabgabe, mit der Post, dem Telegraf, mit den Eisenbahnen? Wie soll der Staat die Schulden verzinsen, welche Währung ist für uns wertbestimmend? Wenn alle nichts zahlen, dann ist das Chaos fertig. Was zahlt Polen, das aus unserer Mitte scheidet? Werden dort noch K-Steuern bezahlt? Nicht auszudenken ist die Sache und ich glaube auch nicht auszuführen.

Die Bewohner der deutschböhmischen Provinz haben von jeher die größte Anhänglichkeit an die Dynastie Habsburg bekundet und jederzeit nach Wien, der Haupt- und Residenzstadt Österreich gravitiert. Im Völkerkriege haben sie treu zu Kaiser und Reich gehalten und für das Vaterland, das sie hingebungsvoll unterstützten, geradezu ungeheuerliche Opfer an Gut und Blut gebracht. Vom äußeren Feinde bedrängt, vom inneren Feinde bis zur Hungersnot gebracht, siechen Tausende und Abertausende der Volksgenossen dahin. Während im angrenzenden deutschen Reiche, dank der mustergültigen Einrichtungen, das Durchhalten der breiten Massen gesichert erscheint, fällt unsere Bevölkerung mangels staatlicher Führung dem Lebensmittelwucher zum Opfer wird ausgesogen und ausgezogen. Und trotzdem hält auch heute noch Deutschböhmen zu Kaiser und Reich im schärfsten Gegensatz zu all jenen Elementen, welche einen Zerfall Österreichs fordern und fördern. Niemals wird Deutschböhmen sich dem tschechischen Staate anschließen oder unterordnen, es wird sein Selbstbestimmungsrecht festhalten und zu verteidigen wissen.

Was immer auch kommen mag, wir wollen in dem Völkertreiben Deutsche sein und Deutsche bleiben. Mutvoll und zum äußersten entschlossen rufen wir unser Volk zum Kampfe für unsere heiligsten Güter, für die Erhaltung der Scholle, auf der wir geboren und die wir durch unsere Arbeit erworben haben. Wir fordern von unseren Abgeordneten das Zurückstellen aller Parteiinteressen, ein rücksichtslos entschlossenes gemeinsames Vorgehen aller deutsche Volksvertreter. Verbrecher und Volksverräter ist jeder, der einen Sonderstandpunkt einnimmt, denn es gilt den Kampf bis zum Äußersten für die Erhaltung, für das fernere Gedeihen des deutschen Volkes in Österreich. Wir haben nie den Kampf gesucht, jetzt aber wo man die Form zerbrechen will, die uns durch Jahrhunderte zusammengehalten hat, ist lediglich der Selbsterhaltungstrieb unser Leitstern.

Am 5/10 ist Wolfgang gekommen. Macht hier Einkäufe. Bier, Seife etc. An der Front haben es alle satt. Viel Malaria und wenig Essen. Trostlose Verhältnisse überall. Otto schreibt, dass es in Schweden noch viel schlechter sei. In Warschau ist der deutsche Polizeichef erschossen worden. Jetzt fängt auch dieses Gesindel an. Ja, man hatte die Pfingsttage 1914 zu rasch vergessen. Wenn es wirklich zum Frieden kommt, dann werden die Verhältnisse noch viel schlechter werden.


Manifest: Oktobermanifest Kaiser Karl I., verkündete föderalistische Reformen; wurde durch die ungarische Opposition verhindert. (nicht zu verwechseln mit dem Oktobermanifest von Zar Nikolaus von 1905)
Sieghart: wohl Rudolf Sieghart (1866 – 1934), Finanzfachmann. 1910 – 1916 Gouverneur und 1919 Präsident der Bodencreditanstalt, Berater von Ministerpräsident E. von Koerber.
Lodgmann: Rudolf Vinzenz Maria Ritter Lodgman von Auen (1877 - 1962) war ein sudetendeutscher Politiker. Er forderte 1917 den neuen Kaiser Karl I. auf, Österreich in einen Bundesstaat der Nationalitäten umzuwandeln. Da Karl ähnliche Absichten hatte, soll sich dieser mit dem Gedanken getragen haben, Lodgman zum Ministerpräsidenten zu berufen, konnte sich aber hiermit nicht durchsetzen.1918 wurde Lodgman von den in Wien zusammengekommenen deutschböhmischen Abgeordneten des Reichsrates als Nachfolger des nur wenige Tage amtierenden Raphael Pacher zum Landeshauptmann von Deutschböhmen ernannt. 1919 floh er aus Reichenberg - dem Sitz seiner deutschen Landesregierung - über Dresden nach Wien und nahm von Mai bis September 1919 in der österreichischen Delegation an den Friedensverhandlungen von Saint-Germain teil, konnte aber die bereits feststehenden Entscheidungen der Siegermächte - d.h. die Einbeziehung des Sudetenlandes in den tschechoslowakischen Staat - nicht verhindern.
Gravitieren: überprüfen, eingreifen




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III. - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

22. Oktober 1918

Alles ist wie vor den Kopf geschlagen. Gestern kam die Antwort Wilsons an Österreich, in welcher die Tschechoslowaken als kriegsführendes Volk anerkannt werden. Soweit ist es mit uns gekommen, weil die Österr. Regierung niemals die Kraft aufbringen konnte, die Tschechen zum Gehorsam zu bringen. Jetzt werden die Tschechen uns gegenüber alles aufbieten, um uns in die Laube zu locken. Es wird eine schwere Zeit werden. Wie lange werden Stadt und Land noch zahlen können. Die Tschechen haben den großen Vorteil, dass sie Lebensmittel besitzen. Am verflossenen Freitag hat Prof. Martin dem Logdemann zugerufen, dass er nur Phrasen gehört habe und er hat Beifall gefunden. Schade, dass ich nicht dort war, den Martin, den Verderb unseres Gymnasiums hätte ich mir ausgeborgt. Schlau sind die Tschechen. Klofotsch ist gegen jede ungesetzmäßige Handlung, Tisar versichert, dass es den Deutschen im tschechischen Reiche viel besser ergehen wird als unter der Herrschaft Wien. Und wenn dem Hungernden auch noch Lebensmittel versprochen werden, was dann? Sie wollen die Vorherrschaft in Österreich und ein großes slawisches Reich. Hochfliegende Pläne werden selten verwirklicht. Der Adel wird eine Freude haben angesichts der Forderungen der Tschechen auf Abschaffung des Adels. Die Fideikommiswirtschaft wird dann auch ein Ende haben. Der Hass gegen das deutsche Bürgertum bringt jetzt den Adel in eine sehr böse Lage. Wert die tschechischen Forderungen jederzeit unterstützt? Der Feudaladel.

28. Oktober 1918

Gestern und vorgestern Volksratssitzung. In der Vorsitzung habe ich sehr scharf gegen die Kleinmütigen Stellung genommen und mit Erfolg zur Idee der Abscheidung der Kohlenzufuhren gesprochen. Der Verlauf der Tagung war nicht sehr erhebend, wenig Intelligenz, keine Führung.

02. November 1918

Früh im Stadthause. Größte Aufregung. Man plündert das Riesenmagazin bei der Chem. Fabrik und das Magazin bei Rösler, Jauernig, sowie das Magazin der Reisschälfabrik. Keine Mannschaft, weil die Soldaten weggelaufen, die Tschechen weggeschickt sind. Logdemann bewunderungswürdig.


(wird fortgesetzt)





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...   Erstellt am 04.03.2007 - 08:27Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


IV - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

05. November

Was Wunder, dass grenzenlose Verwirrung einriss, die Verhältnisse zeitigte, welche die Tschechen hohnlächelnd ob der Unfähigkeit der Deutschen, dahingehend ausnützen, dass sie mit sanfter Gewalt ein Städtlein nach dem andern unter ihre Botmäßigkeit bringen. Jeder Tag bringt neue Hiobsbotschaften und heute am 5/11 dürften die neuen Regenten endlich ihr Werk in Reichenberg beginnen. Was kann viel werden? Kein Geld, keine Kapitalskraft hinter sich, keine bewaffnete Macht zur Verfügung, keine Männer von Bedeutung zur Hand. In der hungernden Masse, die in blasser und berechtigter Furcht dem 5. Kriegswinter entgegenwankt, eröffnet der Tscheche den Ausblick auf die durch einen Anschluss gewährleistete Versorgung mit Lebensmittel.

Was bietet die deutsch-böhmische Regierung dem Volke? Kein Mensch hat Vertrauen zu ihr, und wenn die Tschechen auch noch die Braunkohlengebiete besetzen, dann gesellt sich zu Hungersnot auch noch die Kohlennot. Aussig bekommt Eisenbahn und Postdirektion. Wie aber, wenn die Tschechen unaufhaltsam die Stationen der beiden Privatbahnen und der Nordwestbahn besetzen, was soll die Direktion dann machen? Ertrinkende in der slawischen Hochflut.

Die Armee in Italien vollständig überrannt, in voller Auflösung und Flucht unter fürchterlichen Verhältnissen. Wo mag der arme Wolfgang weilen, der ganz im Süden an der Liwenze stand? Wo Walther, der am 31. Oktober nichts ahnend von dem Zusammenbruch an Irmgard, tags vorher an mich geschrieben hat. Nur nicht daran denken, nur hoffen auf günstigen Ausgang, auf baldige Wiederkehr der Hartgeprüften. Das waren böse Tage für Aussig und für unser Volk.

Der Allerseelentag 1918 ist ein schwarzer Tag in unserer Geschichte. Grauenhaft war es anzusehen, wie die Plünderung vor sich ging und der Brand der Reisschälfabrik war der beste Beweis, wohin es kommt, wenn sich die Bande des Gesetzes lösen. Wir waren am 1/11 im Stadthause in der Sitzung des B.N.A. Die unglaublichsten Gerüchte kamen von allen Seiten. Plötzlich wurde gemeldet, dass nicht bloß die Reisschälfabrik, sondern auch das riesige Magazin des Österr. Vereins vollgepfroft mit Leder, Uniformen, Wäsche, Zwirn und andere Sachen geplündert werde.

Da meldete mir Lederer, dass es in der Reisschälfabrik brennt und man sah auch schon eine riesige Rauchsäule emporsteigen. Eben hatte Fritz Wolfrum gemeldet, dass es ihm gelungen sei, die Leute aus dem Magazin der Reisschälfabrik zu verjagen und schon war die Antwort irgendeines Verbrechers da. Nun galt es eiligst, Männer zu sammeln, um der Plünderung Einhalt zu tun. Um ¾ 1 h ging ich eilends nach Hause, in Sorge um meine Lieben und um meinen Besitz, hatte ich doch im hinteren Fabriksgebäude gewaltige Mengen von städtischen Lebensmitteln, war mithin von Plünderung unter Umständen ebenfalls bedroht. Auf dem Heimweg sah ich schon Leute mit großen Hucken eilends gehen.

Nach dem Essen kam Bürgergarde mit dem Auto angefahren, besetzte den östlichen Teil des chem. Magazins, und es gelang mir, den Platz zu räumen und verschiedenen Leuten die Beute abzunehmen. Der westliche Teil des Magazins wurde auch besetzt, und es schien, als ob der Ansturm vorüber wäre. Eine Salve aus dem Maschinengewehr hatte gewirkt. Auf einmal hieß es, Hauptmann Hanusch, mit dessen Abteilung ich in der elektr. Bahn hinausgefahren war, verteilt die Sachen. Wie dies vor sich gegangen, weiß ich nicht, aber plötzlich erfolgte ein Ansturm und nichts war mehr zu halten. Und so ging die Plünderung weiter, elektrische Beleuchtung wurde eingeschaltet, und alles raubte und schleppte.

(wird fortgesetzt)


[Dieser Beitrag wurde am 04.03.2007 - 10:12 von gartenzwerg aktualisiert]





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V. - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

11. November

Die Ereignisse überstürzen sich. In Aussig war am Sonntagabend Ruhe. Am Samstag hatte ich den Verkehr der Elektrischen Bahn einstellen lassen und früh fingen die Esel wieder an. Um ½ 8 h stellte ich den Verkehr wieder ein und später wurde der Verkehr auf der A.T.W. eingestellt, weil der erste Zug eine Masse Plünderer gebracht hatte. In der Nacht von Sonntag auf Montag musste gegen die Leute, die das Lagerhaus plündern wollten, geschossen werden. Montag kamen die Leute aus der Umgebung, um bei der Nestomitzer Zuckerfabrik Zucker zu holen. Es gelang dieselben abzuweisen und zu zerstreuen. Dienstag kam ein Beamter der Österrr-Ung-Bank, welcher mich ganz vertraulich frug, was sie machen sollen. Sie hätten 8.000 kg Silbermünzen und auch Gold und möchten dasselbe in Sicherheit bringen. Die Saazer Filiale habe es schon durchgeführt. Man habe 1914 zur Zeit der Gefahr eines russischen Einbruches die Barmittel an die nordböhmischen Filialen verteilt und nicht zurückgerufen. Ich war mir der Gefahr eines Eingreifens voll bewusst und sagte, dass die Verladung Aufsehen erregen und böse Folgen zeitigen könne. Überdies halte ich Sachsen für gefährdeter als Aussig. Logdemann, dem ich am Mittwoch darüber schrieb, antwortete mir am Freitag, dass er mein Vorgehen billige.

Gestern Abend die entsetzlichen Waffenstillstandsbedingungen, heute die Nachricht, dass dieselben angenommen seien. Abdankung Kaiser Karls, Verkündung der Republik. Neuwahlen für alle Vertretungskörper mit allgemeinen freien Wahlen und Frauenwahlrecht. Die meisten Fürsten Deutschlands haben bereits abgedankt. Zweifelsohne greift die Bewegung auch nach Italien, Frankreich, Spanien, vielleicht auch nach England, Amerika und die neutralen Staaten über. Was wohl nun kommen mag? Der Abbau der Preise, noch mehr aber der der Löhne wird sich jetzt umso schwieriger gestalten. Ob die Sozialdemokraten das Heft in der Hand behalten werden, weiß niemand.

Interessant ist es, dass die Tschechen noch nicht von den Sozialdemokraten beherrscht werden. Was wird in Prag geschehen? Wird dort ein Fort des Bürgertums bleiben? Bangt den Agrariern aller Zungen nicht um ihre Zukunft, um ihre bisherige Machtfülle? Ich fürchte, wir gehen recht schlechten Zeiten entgegen und der Winter ist vor der Tür. Der Krieg hat entsetzlich viel Opfer gefordert. Und das Ergebnis: „Umsturz alles Bestehenden.“ Vermögensverluste in beispielloser Höhe. Hoffentlich kann man die Vermögensabgabe in Kriegsanleihe bezahlen. Wenn die Kupons nicht eingelöst werden, dann gibt es ein Unglück sondergleichen. Viele Sparkassen haben sich weit über ihr Einlagekapital engagiert. Es war ja so schön, patriotisch zu sein und dabei noch viel Geld zu verdienen. Die Wohlfahrtsanstalten, wie Arbeiterunfallversicherung, Waisenkassen, Pensionsanstalten und dgl., alles hat sein Geld in Kriegsanleihen investiert. Die Städte, Bezirke, die großen Gesellschaften, unzählige kleine Leute haben ein Großteil ihres Vermögens in Kriegsanleihe angelegt, und wenn die Banken Deckung verlangen werden, dann gibt es einen Zusammenbruch. Man wagt nicht, daran zu denken. Dazu die Unsicherheit ob der Gestaltung der Verhältnisse. Wird es den Sozialdemokraten besser ergehen, wie dem Zauberlehrling, die Geister, die sie riefen, werden sie sie wieder loswerden? Wird die Sturzwelle, die sie so plötzlich und so hoch empor gerissen hat, sie nicht an den Uferklippen zerschellen? Ein Rückschlag wird kommen und ein Kampf Aller gegen Alle entbrennen. Wer dann Ordnung schafft, der ist der Mann der Zukunft!

Arbeiten werden alle müssen und Klassenunterschiede wird es immer geben. Auf die Regierung wird immer geschimpft werden, und früher war es so bequem, auf die Regierung zu schimpfen. Jetzt geht es aber gegen die eigene Regierung. Die Juden haben furchtbare Angst. Sie rechnen zwar auf den Schutz der Sozialdemokraten, ob der aber ausreichen wird, ist eine zweite Frage. Kommt es aber zur Republik, dann werden sie einander schieben und in Kürze, wenn nicht sichtbar, dann unsichtbar, die Fäden lenken.

Soeben heißt es, dass Dr. Viktor Adler einem Herzschlag erlegen ist. Was wird da die „Neue freie Presse“ schreiben, die dem Kaiser Wilhelm in gemeinster Weise den Eselsfußtritt versetzt hat: „der Märtyrer des sozialistischen Gedankens“, „der Mann von weltumfassender Bedeutung, der Leben, Gesundheit und Vermögen für die große Sache eingesetzt hat“, ist beim Anblick des Morgenrots der neuen Zeit gestorben. Ihm war es nicht vergönnt, den vollen Triumph zu erleben… Für Deutsch-Österreich ist es ein großer Verlust, denn er hatte die Autorität, hätte bei den Friedensverhandlungen viel für uns retten können, trotzdem er ein Großdeutscher war.

Deutschböhmen: Die Bevölkerung ist verhungert, zermürbt. Sie will Ruhe, Frieden und Lebensmittel. Und da wird allgemein geglaubt, dass ein Anschluss an die Tschechen die Verhältnisse mit einem Schlage normal gestalten würde. Viele Industrielle, die um ihren Besitz bangen, sind zum Überlaufen bereit. Ist das das deutsche Edelvolk? Und dabei ist es Tatsache, dass in Prag und Pilsen die Ernährungsverhältnisse nicht besser sind, wie bei uns. Wohl aber erzählt man von Semmeln und Salzstangerln in Prag und macht den Leuten lange Zähne.


Dr. Viktor Adler (1852 Prag – 11.11.1918 Wien): jüdischer Augenarzt aus Prag und Mitglied der späteren Deutschen Burschenschaft, Gründer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und der "Arbeiterzeitung". Im November 1918 war Viktor Adler österreichischer Außenminister und bekennender Anschlussbefürworter.





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VI. - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

17. November 1918

Die Tschechen versuchen es auf alle Art, in schlauer Weise Verwirrung in unsere Reihen zu bringen. Da erlässt eine Kohlenvermittlungsstelle Rundschreiben an die Deutsche Industrie, worin sie mitteilt, dass sie in der Lage sei, Kohlen zu besorgen. Der Kohlenhungrige Industrielle fällt darauf herein, macht einen versuch, bekommt vielleicht Kohlen, die ihm ansonst auch auf Grund des Verteilungsschlüssels der hiesigen Kohlenstelle zugekommen wäre, muss den Pragern Vermittlungsgebühren zahlen und schwört trotzdem darauf, dass er nur den Tschechen die Zuteilung der Kohlen zu verdanken habe. Ernst Brode, dem natürlich unser Volkstum Wurst ist, sagte mir gestern, dass er seine ausländischen Forderungen dem „Národní vybor“ übergeben werde, weil er da mehr Hoffnung habe, sein Geld zu bekommen.

24. November

Am 21/11 waren Meixner, Schäfer und Krützner hier, um wegen des künftigen Regierungssitzes zu verhandeln. Vorher waren sie in Leitmeritz und Teplitz gewesen. Sie brauchen 140-150 Zimmer für Amtszwecke, die wir nicht beistellen können. Wir haben ihnen die Knabenschule am Josefsplatz, das Schloss in Türmitz zu Verfügung gestellt. Teplitz will das Kaiserbad, das Deutsche Haus, das Hotel Kronprinz, Hotel Altes Rathaus und Hotel Zentral hergeben und in den Kurhäusern gebe es Wohnungen genug. Teplitz ist Sitz der Eisenbahndirektion geworden und wird so das Zentrum werden – wenn es zu einem solchen kommt.

Wir scheinen auch diesmal hinten `runter zu rutschen. Offen gestanden bin ich darüber nicht so aufgeregt. Kommt es zu einem Deutschböhmen, so wäre ich mit Universität und Technik zufrieden, denn dann sind wir auch der geistige Mittelpunkt, wie jetzt schon der geschäftliche. Aber an Wohnungen gebricht es in Aussig. Kein ordentliches Gasthaus, kein richtiges Café, kein großes Hotel ist vorhanden. Und jetzt die ungewissen Verhältnisse in der Gemeinde. Welche Vertretung wird kommen, was werden die Leute alles wollen?

03. Dezember

Jeder Tag brachte Hiobsbotschaften. Gestern wurde in den Brüxer und Brucher Schächten wieder gefördert, die A.T.E. ist aber zerhackt und die Kohlen gehen nur über Obernitz. Wohin und wer bezahlt, ist Nebensache. Hunderte Waggons sind in der letzten Zeit beschlagnahmt worden und man weiß nicht einmal, wo die Waggons sind. Lederer ist sehr aufgeregt und fürchtet, dass er eingesperrt wird. Herold soll in Kaaden sein. Gestern Abend BVA. Ich habe wiederholt gesprochen und den Herren wegen der Verteidigung der Stadt dann den Soldatenräten den Standpunkt klar gemacht. Beim Schmeykal teilte man mir vertraulich mit, dass ein Erlass des N.Vibor kommen wird, mit welchem Dr. Bornemann befohlen wird, innerhalb 24 Stunden das Land zu verlassen, weil er Ausländer sei. Eine nicht glaubliche Nachricht, die mich aber deshalb sehr aufregte, weil ich mir sagte, dass für mich viel Verantwortung erwachsen könnte, wenn Bornemann abdankte. Eine böse, böse Zeit. In Prag sollen gestern wieder Ruhestörungen gewesen sein. Das Prager Tagblatt wurde gestürmt, alle deutschen Tafeln vernichtet.

Národní vybor: tschechischer Nationalausschuß.
Meixner, Schäfer, Krützner: Regenten = Mitglieder der selbständigen Landesregierung der Provinz Deutschböhmen
Brode, Ernst: Mälzer und Braufachmann in Aussig, Jude, geboren in Raudnitz a.d.Elbe. War anfangs beim Fürsten Lobkowitz tätig. Verheiratet mit Margarethe Wolfrum, Enkelin des Firmengründers Carl Georg Wolfrum (1813 – 1888). B.Rohan sagt von ihr in seinen „Aussiger Schoulets“: „Sie war eine wunderbare und weise Frau.“
A.T.E.: Aussig-Teplitzer-Eisenbahn. Privatbahn, welche zum Zwecke des Transportes der Kohle aus den nordwestlichen Revieren zur Elbe gebaut wurde. Wurde 1918 verstaatlicht und in die CSD eingegliedert.
Bornemann, Dr. chem., Friedr.Wilhelm, (*1857 in Meerane. + 1921 in Leipa): Bürgermeister in Aussig von 1914 – 1919, war in der Zeit des Weltkrieges und danach vor schwere Aufgaben gestellt..





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VII. - Aus den „Tagebuchaufzeichnungen von Ferdinand Maresch“ Sept. 1918 - April 1919
(herausgegeben von Dieter W. Winter)

22. Dezember 1918

Das waren böse, schreckliche Tage, die wir durchlebt haben. Am 9.Dez. Abend hatte man versucht, das Lagerhaus der St.EG in Schönpriesen zu plündern, wobei geschossen wurde und ein Lastautomobil, auf welchem die Sicherheitswehr mit 2 Maschinengewehren war, aufgehalten wurde, wobei man die Wache teilweise entwaffnete und das Auto und ein Maschinengewehr als Beute erhielt. Unsere Sicherheitswache behauptete, dass das Schießen ein großer Fehler gewesen sei und dass es ihr gelungen wäre, ohne die Sicherheitswehr das Magazin zu räumen.

Am Dienstag ging ich mit meiner Frau und Marianne zum Begräbnis des jungen Dr. Kögler. Zurück ging ich mit Josef Max Mühlig durch die Gintlstraße/Fabrikstraße nach Hause. Es war feuchtnebelig, und in der Fabrikstraße sahen wir am hinteren Ende des Bergungsmagazins eine größere Anzahl Heimkehrer herumstehen. Beim Platze vor dem Portierhause der Chem. Fabrik war eine Ansammlung von 60-70 Personen. Ich sagte zu Mühlig: „Mir kommt die Sache verdächtig vor, ich fürchte, die Leute haben Böses vor.“ Mühlig begleitete mich noch ein Stück und ich begab mich, da es inzwischen 5 h geworden war, in den kleinen Saal der Volksbücherei zur Sitzung des BNA. Auf der Stiege traf ich den Verwalter Rumler, der mir erzählte, dass am Markte und in der Kloster- und Salzgasse große Ansammlungen seien und man die Sappeurkaserne plündern wolle.

Ich ging in den Saal, Bornemann saß schon oben, und die beiden Kommandanten Kapuste und Ringelhahn waren auch da. Ich teilte ihnen sofort das Gehörte mit und beide verließen schleunigst den Saal. Dann sagte ich, dass wir wohl keine Sitzung abhalten könnten und es wurde beschlossen, die Sitzung in das Stadthaus zu verlegen. Ich ging rasch nach Hause und dann sofort durch die Teplitzer Gasse. Der Markt war nicht mehr belebt wie sonst, nur beim Eingang zur Klostergasse standen Leute. Bei der Rathausgasse sagte mir eine Frau, dass man den Laden der Arbeiterbäckerei plündern solle. Im Stadthause war ein Teil der BNA-Mitglieder versammelt und Künstner, welcher etwas später kam, erzählte, dass er durch die Salzgasse gegangen sei und in der Klostergasse viele Leute gesehen habe, die gejohlt und Lärm gemacht hätten. Da erschien Ringelhahn und berichtete, dass man die Kaserne nicht mehr schützen kann. Seine Leute würden geprügelt, man nehme ihnen die Gewehre weg. Vorher hatte Dr. Bornemann erzählt, dass man die Polizeiwache gestürmt habe und dass man die Herausgabe von 2 Gefangenen verlangt habe, was er bewilligt habe. Ringelhahn sagte, dass man ohne Waffengebrauch nicht durchkommen werde. In der Sappeurkaserne (Pionierkaserne) verteile man bereits die Sache, nachdem man das Tor erbrochen habe. Plötzlich kommt jemand und meldet, dass man bei Sterbkopf das städtische Lebensmittellager plündere. Entsetzt springt alles auf und läuft davon.

Ich eile nach Hause, fürchtend, dass die Plünderung des städtischen Magazins im unteren Teile meiner Fabrik auch schon im Gange sei. Aus der Bräuhausgasse kommen Frauen. Jede trägt einen Spaten. Hinter mir geht ein Heimkehrer, der sagt: „Heute plündern wir wieder.“ Ich eile und höre zu Hause zu meiner Beruhigung, dass Marianne, welche bei Mizzi war, endlich da sei. Auf der Straße wird es immer lebhafter. Gallebitter ist mein Speichel. Wehrlos und Hilflos harre ich der Dinge, die da kommen werden. Da ruft Marianne, die am Fenster stand. „Jetzt kommen Leute mit Kaffeegeschirr, Töpfen.“ Da war es mir klar, dass man Läden plündere. Die Straße ist voll Menschen. Walther ruft mich an und sagt, dass man auf dem Marktplatz und bei Pick plündere. Das Wegschleppen von Waren wird immer schlimmer. Ich telefoniere Bornemann, dass wir unbedingt uns um Hilfe kümmern müssen. Bittner telefoniert, ob Theater gespielt werden solle. Ich rufe das Theater an. Inzwischen hatte man schon wiederholt Schüsse gehört, die Menschen liefen zurück, massenhaft Weiber, Kinder, Mädchen aus der Tanzstunde. Ich ließ das Theater sperren. Plötzlich begann man bei Kürschner Wolf zu plündern und dann mir gegenüber bei Vogler im hellen Licht der elektrischen Lampe. Jeden Augenblick erwartete ich den Sturm auf mein Haus. Da, neuerliche Flucht infolge Schießerei an der Ecke der kleinen Wallstraße. Die Einbrecher fast ausschließlich Feldgraue, verschwanden blitzschnell, aber einzelne Weiber krochen noch zu Vogler hinein und brachten leere Schachteln, Kisteln und den Rest der Beute heraus.

Da der Weg nun frei, schien die Gefahr für mein Haus und das Lebensmittelmagazin vorüber, eilte ich zum Stadthaus. An der Ecke kam mir ein Mann mit gefülltem Bajonett entgegen, der mich aber dann erkannte und vorbeiließ. Der Anblick, der sich mir bot, war grauenhaft. Ein großer Teil der Läden war ausgeraubt, Auslagen und Einrichtungen zerstört. Die Straße voll Scherben, Papier, Schachteln. Dabei hörte man schießen und das Krachen der Maschinengewehre. Im Stadthause waren nur anwesen: Bornemann, Osthof, Hatschek, Künstner und ich. Dr. Grohmann im telefonischen Gespräch mit Prag. Amtsdirektor Fischer, Kral, Ahne, Lehrer Schlegel. Wir blieben bis ¼ 12. Auf dem Wege zum Stadthause war ich auf der Polizei gewesen. Es lag ein Toter im Hofe und ein Sterbender in der vorderen Stube. Vor der Wache war ein Einspänner, den man aufgehalten hatte. Hier hörte ich, dass man das Lagerhaus der Nordwestschifffahrt in der Elbestraße geplündert habe, dass dort auch geschossen worden sei und dass Kaffee, Mehl und Zucker massenhaft auf der Straße lägen. Da ward es mir zu Gewissheit, dass die Plünderung planmäßig vor sich gegangen ist. Dass man auch die Kaserne der Sicherheitswehr erstürmt und die Vorräte und Kleider gestohlen habe, hörte ich auch. Das Ergebnis der Verhandlungen, die Dr. Grohmann mit der Prager Stadthalterei führte, war die Zusage, dass am nächsten Morgen die Tschechen Hilfstruppen senden würden. Beim Nachhauswege wieder bei der Wache. Plötzlich kommt die Botschaft, dass man die Krausmühle plündern wolle. Die jungen Leute, die bewaffnet dort waren, wurden von einem strammen Leutnant sofort gesammelt. Mit 30 Mann und 2 Maschinengewehren marschierten wir ab. Es war glücklicherweise blinder Alarm.

Am 11/12 musste ich schon um 8 h im Stadthaus sein. In der Stadt war trotz Regenwetters reges Leben. Neugierige kamen scharenweise und Plünderer in Massen. Es wurde 9, 10 h. Ich ging zur Polizei. Da wurde gemeldet, dass man in Hoyers Sälen plündere. Ich eile in das Stadthaus und sehe, wie die Kerle schwer bepackt mit alten Uniformstücken und Schuhen von dort kommen. Plötzlich knallte es und es tritt Ruhe ein. Dabei waren die Tschechen schon im Anmarsch, und da wir schon unsere Leute eingezogen hatten, wollten die Kerle am Markplatz schon wieder plündern. Die Tschechen auf dem Marktplatz seien da, wurde gemeldet, und dann erschien Major Halik mit 2 Offizieren und Aussiger Tschechen. Wir verhandelten mit ihnen, erreichten die Zusage, dass Schicht und Chemische ihr Wachen behalten, die Jäger ihr Waffen nicht abzugeben hätten, dass Sicherheitswache und Gendarmerie ihren Dienst weiter verrichten. Und so kam es, dass Aussig die Tschechen zu Hilfe rufen musste.

Tagtäglich hatten wir Arbeit bei der Stadt. Dazu Aufregungen aller Art. Der eine erklärte, dass er sofort den Befehl zum Schießen gegeben hätte, der andere warf uns vor, dass wir die Tschechen hätten früher rufen müssen, der dritte war empört, dass wir die Tschechen gerufen. Einige Abende kam ich gar nicht aus dem Haus, weil man sich ja viel ärgern musste. Dazu Klagen von allen Seiten über tschechische Übergriffe, Vorwürfe, dass man in die Waffenabgabe eingewilligt habe, weil nach einem Abmarsch der Tschechen die Bevölkerung wehrlos sei. Anklage gegen mich, dass ich in der Versammlung der Händler zum Plündern gehetzt hätte, vertrauliche Mitteilungen, dass man Bornemann und mich von Seiten der Händler mit unserem Vermögen haftbar machen wolle, kurz, Unannehmlichkeiten aller Art. In der Sitzung des BNA wurde über die Abfertigung der Sicherheitswehr beschlossen, dieselben Dekaden auszuzahlen. Ich erklärte zum soundsovierten Male, dass der BNA keinen Heller Geld habe. An und für sich musste man froh sein, dass ein Großteil der Verantwortung uns abgenommen. So konnte es nicht weitergehen. Wohin wären wir gekommen, wenn man all die Anträge, die im BNA gestellt wurden, angenommen hätte. Dass Aussig in so traurige Verhältnisse kam, ist meiner Meinung auch darauf zurückzuführen, dass Sicherheitswache und Sicherheitsdienst nicht zusammengearbeitet haben. Diesbezüglich hat es an der Einrichtung gefehlt. Weder der Heimkehrer Kowanda, der in Zivil auf der Wachstube war, noch Hauptmann Ringelhahn sind Männer, die geeignet waren. Dazu die Demoralisation in den beiden Truppen. Auch die Bevölkerung trägt große Schuld, hat man doch bei jeder Gelegenheit die „Fünfkronenmänner“ verhöhnt und verspottet. Dass Fritz Wolfrum schon seit längerer Zeit bettlägerig ist, kein Ersatz vorhanden war, dass Dir. Pitschmann verreist war und die elektrische Bahn nicht sofort eingestellt wurde, half mit, das Unglück zu vergrößern. Lediglich dem Eingreifen freiwilliger Helfer, die von den Waffen rücksichtslos Gebrauch machten, war die Rettung der Stadt zu verdanken. Rote Garde und Sicherheitswehr schossen nicht, weil sie gegen die Aussiger nicht schießen wollten. Und so kam es, dass eine Bande Verbrecher das Zerstörungswerk in kurzer Frist vollbringen konnten.

Was uns die nächste Zukunft bringen wird, das wissen wir nicht. Traurig genug sieht es aus. Die Arbeitslosigkeit wird immer größer, die Lebensmittelpreise sind unverschämt hoch und die Zahl derer, die nicht arbeiten wollen und bei einem Umsturz nicht s zu verlieren haben, wird immer größer. Die Tschechen haben selbst die größte Angst vor der Masse. Die Kohlenwerke mussten K 500.- für jeden Arbeiter bewilligen. Das gibt K 15.000.000.- im Braunkohlenbecken. Minimallohn K 16 ½.- Die Kohlen werden in Kürze K 200.- kosten. Unser Geld wird immer wertloser. Die Kurse im Ausland sind beispiellos niedrig. Da kommt die tschechische Regierung und macht die Ausfuhr immer schwieriger. Für eine Sendung vielleicht K 10.- Barauslagen und noch ½ % des Wertes. Verpflichtung zur Ablieferung der ausländischen Valuta und Bucheinsicht. Wohin soll das führen. Übermorgen ist Weihnachtsabend, aber von Weihnachtsstimmung keine Rede.

Die junge Welt will aber tanzen und sich vergnügen. Tanzen auf einem Vulkan.
Und schließlich haben sie doch ein Recht auf das Leben.

(wird fortgesetzt)

[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2007 - 08:19 von gartenzwerg aktualisiert]





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...   Erstellt am 15.03.2007 - 08:22Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Zur Erläuterung:

Das vorenthaltene Selbstbestimmungsrecht

Am 13. Dezember 1918 protestierte die deutschösterreichische Regierung bei den Siegermächten gegen die Absicht, die von mehr als drei Millionen Deutschen bewohnten Gebiete Böhmens, Mährens und Österreichisch-Schlesiens dem tschechoslowakischen Staat einzuverleiben und schlug - erfolglos - eine Volksabstimmung vor. Statt dessen gaben Frankreich, Großbritannien, Italien und schließlich auch die Vereinigten Staaten ihre Zustimmung zur Besetzung der sudetendeutschen Gebiete durch tschechisches Militär, als Beneë verbindlich erklärte, daß die tschechoslowakische Regierung sich bedingungslos dem endgültigen Spruch des Friedenskongresses unterwerfen würde. Tatsächlich handelte es sich bei dem Einmarsch tschechoslowakischer Kräfte in die Sudetengebiete um einen Akt, der völkerrechtlich nicht endgültige, sondern einstweilige Verhältnisse schuf.

In der Tat wurde auf der Friedenskonferenz über bedeutende Teile des von den Tschechen besetzten Sudetengebietes Vorschläge zur Übertragung an Deutschland gemacht. Noch am 22. März 1919 forderte Lloyd George eine Neufestlegung der deutsch-tschechischen Grenzen. Dies war lediglich möglich, wenn die Gebiete nur unter tschechischer Verwaltung, im übrigen aber in der Verfügung der alliierten Hauptmächte standen, die sie sich hinsichtlich der gesamten strittigen österreichisch-ungarischen Gebiete hatten übertragen lassen. Da für sie die Republik Deutschösterreich Rechtsnachfolger des kaiserlichen Österreich war, waren diese Gebiete also de jure bis zur Beendigung des interimistischen Zustandes - d.h. bis zur Unterzeichnung des Vertrages von St. Germain, der die Abtretung an die Tschechoslowakei verfügte - österreichisches Gebiet.

Quelle: http://www.schoenhengstgau.de/Geschi

[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2007 - 08:27 von gartenzwerg aktualisiert]





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