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Minotaurus ...
Hausherr und Gastgeber
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...   Erstellt am 23.07.2006 - 14:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Bastard


Vierter Teil: Die neue Schule und das Leben in der Stadt.

In der Stadt wohnten sie in einer kleinen 2-Zimmer- Wohnung an einer viel befahrenen Straße.
Die ersten Wochen hatte er Nachts deswegen kaum ein Auge zugetan.
Autos gab es nämlich in dem kleinen Dorf nicht, wo er bisher bei seinen Großeltern gelebt hatte.

Diese sogenannte „Wohnung" war im Grunde nur ein finsteres Loch, ein ehemaliges, altes, feuchtes Stallgebäude in einem Hinterhof, das von dem Besitzer notdürftig für Wohnungen umfunktioniert worden war.
Ganze 21 Mietparteien wohnten zu jener Zeit in diesen alten Gemäuern auf sehr beengten Platzverhältnissen mit Etagen- Plumpsklo und ohne Bad.
Die meisten der Mieter waren Flüchtlinge aus den ehemaligen, deutschen Ostgebieten.
Sie kamen aus Pommern, Schlesien, Danzig und Ostpreußen, da waren Juden aus Rußland, ein Viehhändler aus Rumänien, ein Schuster aus Südtirol, verarmte Adelige, ehemalige Gutsbesitzer und ganz einfache Leute, die in diesen Gemäuern hausten.
Das Hauptgebäude bewohnten der Vermieter selbst mit seiner Frau und noch andere, auserwählte Mieter, die schon sehr lange hier wohnten.
Gewiß, Komfort hatte er zuhause bei seinen Großeltern auch nicht gekannt, aber im Stallgebäude wohnten dort nur die Kühe und die Schweine.
Und das Haus seiner Großeltern lag außerhalb vom Dorf schön gelegen auf einem Hügel, umgeben von Wald und Wiesen, mit einer wunderbaren Fernsicht über die ganze, weite Umgebung.
Allein dieser Umstand entschädigte für alles andere.

Er haßte diese Stadt, diese Wohnung, dieses Haus und alle Menschen, die darin wohnten, einschließlich seiner Mama, seinen Stiefvater und die neue Schule.
Bei der Einschulung an dieser Schule hatte er auch einen neuen Namen erhalten, den er eigentlich gar nicht haben wollte.
Er hieß jetzt nicht mehr so wie seine "Mutti" und sein "Vati", sondern so wie dieser Mann, den seine Mamatante vor kurzem geheiratet hatte.
Er konnte nicht erkennen, wofür das gut sein sollte.
Seine schulischen Leistungen sanken auf einen Tiefpunkt, aber zuhause fiel dieses niemandem auf.
Seine Mama und sein Stiefvater waren beide Berufstätig und hatten andere Sorgen, als sich um seine schulischen Leistungen oder gar um seine Hausaufgaben zu kümmern.

An dieser Schule gab es für 10 Pfennige schon die verbilligte Schulmilch, wahlweise - gegen geringen Aufpreis - sogar als Kakaogetränk.
Allerdings konnten nicht alle Schüler, bzw. deren Eltern diesen Betrag aufbringen.
Auch seine Eltern hatten dafür nichts übrig und solchen Luxus wie z.B. Taschengeld gab es damals noch nicht. Zumindest nicht für alle Kinder.
Der Klassenlehrer wußte dies natürlich und bestellte für sich selbst immer 3 Tüten Milch, von denen er dann immer zwei an solche Schüler verteilte, die sich keine leisten konnten.
Manchmal gab er sogar die bereits angetrunkene Tüte an einen Schüler weg.
Natürlich hingen bei der Milchverteilung in der Pause die Augen von einigen Schülern bereits ganz begierig an diesem Lehrer.
Wer würde wohl heute der Glückliche sein?
Als ein relativ braver Schüler kam somit auch er manchmal in den Genuß von kostenloser Schulmilch.

Schulausflüge waren die nächste Hürde, die zu bewältigen war.
Natürlich gab es immer wieder die gleichen Schüler, deren Eltern den - relativ geringen - Unkostenbeitrag dafür nicht aufbringen konnten oder wollten.
Diese Schüler „wollten" dann natürlich nicht mitfahren, wenn ein Klassenausflug anstand.
Die betreffenden Schüler wurden dann eben für diesen Tag in einer anderen Klasse untergebracht.
Dort lernten sie zwar nichts, waren aber zumindest unter Aufsicht.
Natürlich war auch er immer unter denen, die nicht mitfahren „wollten".

Der alte Religionslehrer, ein „Monsignore" Namens Roßmadl erzählte eigentlich die meiste Zeit über seine Abenteuer bei einer Panzerdivision der Wehrmacht im Krieg an der Ostfront.
Dabei fielen oft unbekannte Ortsnamen wie Minsk, Smolensk oder Dnjepropetrowsk.
Niemand wußte so genau, was er dort eigentlich wirklich gemacht hatte, aber er mußte wohl den Rang eines Sturmbannführers der Waffen-SS gehabt haben?
Zumindest ging dies manchmal aus seinen Erzählungen hervor.
Für die Schüler waren diese Geschichten jedenfalls eine willkommene Abwechslung zum faden Religionsunterricht.

Da er aber irgendwann auch Noten vergeben mußte, verkaufte er kurz vorher für ein Taschengeld immer Missionshefte von „Misereor", die sowieso niemand lesen wollte.
Aber wer viele Hefte kaufte, der bekam eine gute Note, wer keine kaufen konnte, eben eine schlechte Note. So einfach war das.
Der kleine Junge hatte natürlich in Religion immer schlechte Noten.

Ebenso war es bei Beginn eines neuen Schuljahres: Es waren an der Schule immer eine gewisse Anzahl von alten Schulbüchern vorhanden, die an solche Schüler verteilt wurden, deren Eltern finanziell nicht ganz so reich gesegnet waren.
Auf die - schon gefürchtete - Frage hin: „Wer von euch braucht Schulbücher?" mußte er stets die Hand heben und damit war er bei seinen bessergestellten Schulkameraden bereits zu Beginn des neuen Schuljahres wieder der „Barackler".
Zumindest aber war er damit nicht alleine.

Als Neuankömmling an der Schule sollte er - natürlich nach der Schule auf dem Schulweg - von seinen Mitschülern erst einmal eine Tracht Prügel bekommen, damit ihm von Anfang an klargemacht werden sollte, wie in der Klasse die Rangverhältnisse standen.
Einige Male war es ihm jedoch gelungen, dieser Abreibung einfach durch einen anderen Heimweg durch versteckte Gassen auszuweichen.
Einmal aber hatte sie ihm zu sechst aufgelauert und eine Flucht war somit unmöglich geworden.
Der Wortführer rempelte ihn mehrmals an, um ihn zu provozieren, während die anderen grinsend und feixend um ihn herumstanden.
Den schweren Schulranzen hatte er bereits weggeschmissen, um somit schneller rennen zu können, falls es doch ganz überraschend noch einen Ausweg geben sollte.
Er war nämlich kein geübter Raufbold und auch nicht besonders tapfer.
Gleich gegen sechs hatte er natürlich nicht die Spur einer Chance, es schien aussichtslos.

Da erinnerte er sich wieder an das, was sein Großvater einmal zu ihm gesagt hatte:
Niemals nur anrempeln oder nur ganz zaghaft zuschlagen, sondern IMMER sofort mit ALLER zur Verfügung stehenden Kraft zuschlagen!

Beim nächsten Rempler trat er dem Wortführer ganz plötzlich mit dem Fuß kräftig in die Hoden und schlug ihn gleichzeitig mit der Faust voll ins linke Auge, wobei er dessen Nase noch streifte.
Der größere Junge jaulte vor Schmerz laut auf und ging zu Boden.
Noch bevor dieser hinfiel, versetzte er ihm einen weiteren Hieb auf die Nase, so daß dessen Blut herumspritzte und seine ganze Kleidung besudelte.
Bevor sich die anderen auf ihn stürzen konnten, hatte er ihm noch mit den Stahlkappen seiner Schuhe einige kräftige Tritte in die Rippen verpaßt, woraufhin dieser noch lauter aufheulte, sich blutend auf dem Boden wälzte und dabei ganz atemlos keuchte.
Es war ihm jetzt völlig egal, wenn er ihm dabei vielleicht noch einige Rippen brechen sollte, denn die Anderen würden ihn anschließend wahrscheinlich sowieso fertigmachen.

Weder der Wortführer, noch die anderen hatten diese Reaktion von ihm erwartet, waren sie ihm doch zahlenmäßig weit überlegen gewesen.
Jetzt hatte er auch gar nicht mehr die Absicht, wegzulaufen. Mit wutverzerrtem Blick sah er in die Runde und fragte: „Na, noch Einer?"
Dabei blickte er den Zaghaftesten von allen an, woraufhin dieser heftig zurückschreckte.

Er hätte jetzt sowieso gar nicht mehr weglaufen, aber auch keinen weiteren Kampf mehr bestehen können, denn er hatte sich mit den kräftigen Tritten in die Rippen des Gegners den rechten Fuß und beim Faustschlag in sein Auge den rechten Daumen verstaucht.
Wortlos steckten diese die Köpfe ein und trollten sich. Ihren Anführer ließen sie dabei einfach wimmernd und blutend liegen.

Er aber hatte gelernt, daß es in einem Kampf nicht immer nur auf Größe und Kraft ankam, sondern daß eine wilde Entschlossenheit und eine rücksichtslose und ungehemmte Brutalität dabei oft genauso wirksam waren.

"Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir", hatte einer seiner Lehrer einmal gesagt.
Ob dieser Mann überhaupt wußte, wie Recht er damit hatte?
Nur Zaghafte, Ängstliche und Feiglinge bekommen Prügel.
Sein Großvater hatte dies bereits gewußt!

An diesem Tage aber humpelte er nach Hause und hielt seine rechte Hand in eiskaltes Wasser, um die Schmerzen am ausgerenkten Daumen zu lindern.
Es tat höllisch weh und Schreiben konnte er damit am nächsten Tage noch nicht.
Der Wortführer dieser Schlägerei aber konnte einige Tage nicht in die Schule kommen.
Seine Prellungen und Blutergüsse waren zu schmerzhaft, außerdem war dessen Auge noch längere Zeit danach ganz blutunterlaufen und die Nase dick geschwollen.
Jedenfalls aber hatte er von diesem Tage an seine Ruhe auf dem Schulweg.
Daß er von da an unter seinen Schulkameraden den Ruf eines wüsten Schlägers hatte, kümmerte ihn nicht weiter...


Eines Tages kam eine seiner Tanten zu Besuch und er hörte ganz beiläufig, wie diese zu seiner Mama sagte: „Willst Du ihm denn nicht endlich sagen, wer sein richtiger Vater ist?"
Ganz offensichtlich hatte sich seine Mama darüber beklagt, daß er leider ein sehr schwieriger Junge sei? Besonders im Umgang mit seinem jetzigen Stiefvater.
Sein leiblicher Vater war nämlich der Sohn des größten Bauern aus seinem ehemaligen Nachbardorf und er hieß Danninger.
Dieser hatte sich jedoch nie um ihn gekümmert und auch die Alimente nie gezahlt, bis es seinem Großvater schließlich zu dumm wurde und er die Vormundschaft einfach an das Jugendamt abgetreten hatte.
Von da an wurde der Unterhalt einfach regelmäßig vom Einkommen des Vaters gepfändet und war somit sichergestellt.
Dies alles bekam er aus dem Gespräch seiner Tante mit seiner Mama mit, das er heimlich mitgelauscht hatte. Er wußte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht, was Alimente überhaupt sind.
Persönlich kennengelernt hatte er diesen Danninger oder seine Verwandtschaft jedoch noch nie.

In den nächsten Jahren bekam er noch zwei Geschwister: Zunächst einen kleinen Bruder und ein Jahr darauf eine kleine Schwester.
Seine Mama war zwar jetzt nicht mehr Berufstätig, hatte aber auch keine Zeit, sich auch noch um ihn zu kümmern. Die beiden Kleinkinder hielten sie schon genügend auf Trab.
So hatte er genügend Gelegenheit, nach der Schule herumzustreunen, die große Müllhalde nach „Schätzen" zu durchstöbern, Kartoffeln vom Feld zu klauen, fremde Fischteiche mit wohldosierten Karbid - Sprengladungen zu leeren, mit Schulkameraden anschließend am Waldrand ein Feuer zu machen, um die Fische samt Kartoffeln dort zu verzehren und dergleichen mehr Unsinn anzustellen.
Naturgemäß waren dies natürlich dieselben Schulfreunde, mit denen er immer in anderen Klassen „geparkt" wurde, wenn wieder mal ein Schulausflug angesagt war.
Auch alle Hinterhöfe und Gassen der Stadt kannte er mittlerweile wie seine eigene Hosentasche.
Zuhause fiel das niemandem auf. Weder seine Mama, noch sein Stiefvater vermißten ihn und dies beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

Wieder war es seine Tante, die seine Eltern endlich dazu überredet hatte, ihm ein kleines Taschengeld zu geben. Schließlich sollte er doch endlich lernen, wie man mit Geld umging.
Sie hatte sogar eine Geldbörse mitgebracht, in der sich bereits ein Startkapital von zwei Mark befand.
Von seiner Mama dagegen bekam er von da an ziemlich regelmäßig 10 Pfennig Taschengeld pro Tag.

Wahnsinn!! Er war jetzt ziemlich reich!

Wenn seine Mutter ihn manchmal zum Einkaufen geschickt hatte, so hatte er niemals Geld, sondern immer nur einen Zettel mitbekommen, auf dem alles genau aufgeschrieben war, was er nach Hause bringen sollte.
Auf gar keinen Fall aber mehr!
Der Kaufmann mußte daraufhin den Kaufpreis in ein Buch schreiben und am Anfang des Monats ging seine Mutter in den Laden, um alles zu bezahlen.
Manchmal - hauptsächlich im Winter - bekam er jedoch den Auftrag, einen weiten Bogen um diesen Laden zu machen und in einem anderen Geschäft einzukaufen.
Der Stiefvater war in dieser Zeit nicht an seinem Arbeitsplatz im Steinbruch, sondern meistens im Wirtshaus, manchmal aber auch zuhause.
Der Umweg hatte den Hintergrund, daß in dieser Zeit oft das Stempelgeld nicht reichte, um die Schulden beim Kaufmann bezahlen zu können.
Dieser sollte aber nicht sehen, daß man inzwischen bei seiner Konkurrenz Einkaufen ging. (und natürlich auch dort anschreiben ließ).

Oft fuhr er jedoch nach der Schule mit dem Fahrrad in das weit entfernte Dorf, wo er aufgewachsen war, um "Vati" und "Mutti", also seine Großeltern zu besuchen. Dort fühlte er sich einfach immer noch mehr Zuhause als in der Stadt.
Seine Lieblingskatze Minka freute sich jedesmal, wenn er kam und strich schnurrend um seine Beine.
Auch die feuerroten Locken von „Medi", seiner ehemaligen Mitschülerin sah er manchmal schon von der Straße aus in der Sonne leuchten, aber sie waren sich inzwischen fremd geworden.
Andere Freunde hatte er in diesem Dorf ohnehin nie gehabt.
Nur die Heimfahrt war danach immer sehr schwer, obwohl es - im Gegensatz zur Hinfahrt - die meiste Zeit bergab ging.
Durch sein neues Einkommen, das er eigentlich seiner Tante zu verdanken hatte, konnte er es sich jetzt sogar leisten, im Winter oder bei ganz schlechtem Wetter manchmal den Bus zu benutzen.
Auch die Großmutter steckte ihm manchmal das Fahrgeld für den Bus zu.
Sein Großvater aber hatte wirklich Wort gehalten und - wie versprochen - seine Eltern und ihn manchmal mit dem Bus in der Stadt besucht.
Der Abschied war dann immer sehr schwer und jedesmal begleitete er seinen Großvater abends noch bis zur Bushaltestelle, wenn dieser wieder nach Hause fahren mußte.

Der Stiefvater hatte seinen Lebensmittelpunkt so nach und nach immer mehr ins Wirtshaus verlegt. Er kam zumeist spät abends stockbesoffen nach Hause, wo er erst einmal heftig randalierte und dabei seine Frau und die beiden kleinen Kinder verprügelte, bevor ihm in seinem Rausch die Augen zufielen und er laut schnarchte.
Dabei stank die kleine Wohnung immer ganz fürchterlich nach kaltem Zigarrettenrauch, Schweiß und Bierdunst.
Besonders in den Wintermonaten ohne Arbeit war dies ganz besonders Schlimm.

Inzwischen hatte er sich auch mit einigen Kindern von anderen Hausbewohnern angefreundet und sie spielten oft zusammen auf dem großen Innenhof des Mietshauses.
Es waren zwar überwiegend „nur" Mädchen, aber das war eigentlich auch egal.
Nur eines von den Mädchen wurde regelmäßig zurück in die Wohnung gerufen, wenn ihre Eltern sahen, daß auch er mit in der Gruppe war.
Sie hieß Isolde und war ein zaghaftes, mageres, beinahe dürres Kind mit dünnem Haar und blassen, ausdruckslosen Augen.
Ihre Eltern wohnten zwar auch in diesem Loch, aber sie glaubten, etwas „Besseres" zu sein. Deshalb hatten sie auch kaum Kontakt zu den anderen Mietern.

Zu einem anderen Mädchen mit langen, dunklen Zöpfen und großen, braunen Augen dagegen verspürte er richtige Zuneigung.
Sie hieß Brunhilde, war zwei Jahre jünger als er und sie wohnte mit ihren Eltern im obersten Stockwerk des großen Hauptgebäudes, in dem auch der Vermieter wohnte. Ihr Vater war zugleich der Hausmeister des alten Mietshauses.
Ihre ruhige und bedächtige Art gefiel ihm und er spielte sehr gerne mit ihr auf dem großen Innenhof.
Oft machte er ihr sogar kleine Geschenke wie z.B. mal eine ganz besonders schöne Glasmurmel oder ähnliche Dinge.
Sie hingegen hatte ihm sogar einmal eine ganze Eisenbahn geschenkt, sie sie aus leeren Streichholzschachteln und alten Knöpfen selbst gebastelt hatte. Darauf war er unheimlich stolz.
Allerdings wurde er - im Gegensatz zu anderen Kindern - nie in die Wohnung ihrer Eltern gelassen.

Seine schulischen Leistungen hatten sich inzwischen auf ein gutes Mittelmaß stabilisiert.
Nur mit dem neuen Religionslehrer, einem katholischen Kooperator Namens Gregor mit einem nahezu krankhaft missionarischen Eifer hatte er seine Probleme.
Dies war ein athletischer, kräftiger Mann, der bereits in seiner Studienzeit in der Mittelgewichtsklasse geboxt hatte und für seine Grobheiten in der ganzen Stadt bekannt war.
Ganz offensichtlich fühlte er sich wie ein zweiter Don Camillo?
Von diesem bezog er auch des öfteren vor der gröhlenden Klasse eine Tracht Prügel, wenn er nicht auf Anhieb sagen konnte, welcher von den drei Priestern der Pfarrei denn am Sonntag in der Kirche die Predigt gehalten hatte.
Da er die Kirche regelmäßig schwänzte, konnte er diese Frage auch nur sehr selten beantworten.
Mann, der hatte vielleicht einen groben Schlag drauf!
Blutergüsse und mehrtägige, blaue Flecken waren das Mindeste, was davon übrigblieb, einem Schüler hatte er sogar einmal einen Zahn ausgeschlagen, als er auf ihn einprügelte.
Was war er froh, als in der nächsten Klasse der neue Kooperator Perra den Religionsunterricht übernahm.
Dessen Methoden unterschieden sich grundlegend von denen seines älteren Amtsbruders.
Durch seine nette und umgängliche Art war er auch in der gesamten Pfarrei sehr beliebt, was natürlich seinem älteren Kollegen Gregor deutlich mißfiel.
In der Mitte des Schuljahres wurde der neue Kooperator Perra jedoch ganz plötzlich abberufen und in eine weit entfernte Pfarrei versetzt.
In der Stadt wurde gemunkelt, daß er angeblich eine Affäre mit einer verheirateten Frau aus dem Stadtbereich gehabt haben sollte.
Sein mißgünstiger Amtsbruder Gregor habe ihn jedoch beim Bischof angeschwärzt, um damit seine eigene Karriere zu sichern.
Kooperator Gregor hielt von nun an wieder den Religionsunterricht mit eiserner Faust.

Einer seiner Lehrer hatte es jedoch verstanden, sein Interesse an der Literatur zu wecken.
Zunächst mit einem Buch von Mark Twain, des bekannten amerikanischen Schriftstellers.
Es war die Geschichte von einem Jungen, dessen Leben ihn ganz stark an sein eigenes erinnerte:
Es hatte den Titel „Die Abenteuer des Huckleberry Finn".
Zwar spielte diese Geschichte im Amerika des vorigen Jahrhunderts, aber die Parallelen zu seiner eigenen Biographie waren ganz überraschend ähnlich, er konnte sich somit gut damit identifizieren.
Von da an war er ständiger Besucher der Schulbücherei, die eben dieser Lehrer in seiner Freizeit leitete.
Viel Zeit verbrachte er von nun an mit Lesen.
Seine Schulfreunde, mit denen er bisher die meiste Zeit verbracht hatte, konnten damit allerdings nichts anfangen.
Die meisten von ihnen verlachten ihn nur und wandten sich von ihm ab.

Im Alter von ca. zwölf Jahren hatte er dann sein erstes, literarisches "Coming out."
Er hatte in der Schule einen Aufsatz geschrieben, der vom Klassenlehrer als „ganz eindeutig bester von Allen" gekürt und auch mit einer "Eins" benotet wurde.
Es ging dabei um das Thema "Träume" und er begann den Aufsatz mit den Worten eines Schlagers, der zu dieser Zeit gerade aktuell war und oft im Radio lief:
„...Und wenn es auch nicht ganz wahr ist..."

Zur „Belohnung" durfte er seinen Aufsatz anschließend vor der ganzen Klasse laut vorlesen und es bleibt ein Rätsel, was sich der Lehrer wohl dabei gedacht haben mag.
Die Reaktion seiner Mitschüler darauf kann man sich jedenfalls gut vorstellen, "Streber" und "Kameradenschwein" waren dabei noch die harmlosesten Ausdrücke.

Er hat seitdem nie wieder einen Aufsatz geschrieben, der über das Mittelmaß hinausging.



Anmerkungen zur Kurzgeschichte:

Bei dieser Geschichte handelt es sich um den 4. Teil aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte trägt den Titel "Der Bastard" und ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte zu ermüden.
Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr „zerstückelt" und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen „lesegerecht" ausgeglichen zu haben?

Die Titel der einzelnen Kapitel sind wie folgt:

1. Die Wurst
2. Das kleine Häschen
3. Verlust der Heimat
4. Die neue Schule und das Leben in der Stadt
5. Lehrzeit und erste Liebe
6. „Medi"
7. Der Vater
8. Alaska I (Auf nach Alaska!)
9. Alaska II (Der Duft rothaariger Frauen)

Den interessierten Leser bitte ich, diese Geschichten auf meiner Seite einfach anzuklicken.

Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja wissen, ob und wie die Geschichten beim Leser ankommen.

Eigentlich schreibe ich ja viel lieber bissige und satirische Artikel.
Diese Geschichte ist deshalb sozusagen „Neuland" für mich.

Also, - keine falsche Zurückhaltung bitte!





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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 16.08.2006 - 00:33Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Chrissi,

was die Kritik an einem Text angeht, so denke ich, daß die emotionelle Wirkung einer Geschichte auf den Leser mindestens genauso wichtig ist wie z.B. Logik, Stil und Satzbau, die Grammatik oder ein ansprechendes Textbild.
Es gibt also keinen Grund, solche Kritiken als weniger Wertvoll zu betrachten, denn ganz offensichtlich hat Dich die Geschichte irgendwie berührt und eigene Erinnerungen wachgerufen?

Auch wenn wir beide (vom Alter her) nicht in derselben Liga spielen, ist es trotzdem kein Wunder, daß Dir einige Umstände aus meiner Geschichte vielleicht bekannt oder vertraut erscheinen.
Dazu muß man berücksichtigen, daß das sogenannte "Wirtschaftswunder" viele ländliche Gegenden des Bayerischen Waldes - wenn überhaupt - erst viel, viel später erreichte.
Elektrisches Licht z.B. war dort in einigen Haushalten auch Anfang der 60er noch keine Selbstverständlichkeit.
Obwohl ich viele Dinge nie vermißt habe, hätte ich die tägliche Schulmilch doch ganz gerne gehabt.
Tja, so sind die Geschmäcker eben verschieden.

Zur Chronologie dieser Serie:
Nein, den zweiten Teil hast Du nicht übersehen. Er hat nur sehr wenig mit dem chronologischen Ablauf dieser Serie zu tun, sondern ist eigentlich mehr eine Geschichte in der Geschichte. Deshalb habe ich nach dem ersten Teil gleich den dritten gepostet.
Vielleicht sollte ich aber - bei entsprechendem Interesse - auch die anderen Teile noch einstellen?
Danke jedenfalls für Dein Interesse!

Nostalgische Grüße vom Mino.





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...   Erstellt am 16.08.2006 - 19:38Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Minotaurus!
Ich glaube, die Ichform wäre besser, weil persönlicher, somit berührender. Wollt ich nur mal anmerken, weil ich schon des öfteren in Deinen autobiographischen Texten gelesen habe, und das jedes Mal dachte. Obwohl es natürlich auch etwas aussagt, wenn Du "er" schreibst.
Von den "Ereignissen" her macht es ja neugierig, und Dein Wortschatz passt auch.
Ebenfalls nicht uninteressierte Grüße, Gudrun





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...   Erstellt am 17.08.2006 - 02:31Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Gudrun schrieb
    Ich glaube, die Ichform wäre besser, weil persönlicher, somit berührender.

Hallo Gudrun,
ja, ich weiß schon, es wäre möglicherweise besser gewesen...?
Hab auch in dieser Ich-Form damit angefangen.
Warum ich diese Serie dann aber trotzdem in der "Er-Form" als außenstehender Beobachter verfaßt habe, das habe ich versucht, bereits bei den Kommentaren zur ersten Folge "Die Wurst" zu erklären.
Obwohl es vielleicht Unsinn ist, so schafft diese "Distanz" des Autors zum Protagonisten (also zu sich selbst) eine andere Perspektive, aus der heraus sich (in der dritten Person) leichter erzählen läßt.
War das jetzt Schizophren genug? Ja?
Die anderen Teile der Story folgen bald, danke für Dein Interesse.

Schizophrene Grüße vom Minotaurus.





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...   Erstellt am 17.08.2006 - 13:16Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Minotaurus schrieb
    Obwohl es vielleicht Unsinn ist, so schafft diese "Distanz" des Autors zum Protagonisten (also zu sich selbst) eine andere Perspektive, aus der heraus sich (in der dritten Person) leichter erzählen läßt.

Ja, sicher ist diese Perspektive insofern leichter, als man alles Mögliche erzählen kann, das man in der Ichform auslassen müsste, weil das Kind ja das ganze Rundherum nicht so oder anders oder gar nicht mitkriegt - oder so
Vielleicht könnte man ja (zumindest ab und zu)Dialoge einbauen, damit das Ganze mehr Gefühl bekommt???
Was mich noch interessieren würde: Schreibst Du nur Wahrheit oder erfindest Du ein bißchen dazu, wo die Erinnerung nicht mehr ganz so gut ist? Ersteres, oder? Finde ich schwieriger.
Jedenfalls interessant, das Thema Autobiographie und wie baut man's auf, was erzählt man, was nicht, ...

JetztFälltMirNichtEinWelcheGrüße Gudrun





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...   Erstellt am 17.08.2006 - 15:23Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Gudrun schrieb
    Was mich noch interessieren würde: Schreibst Du nur Wahrheit oder erfindest Du ein bißchen dazu, wo die Erinnerung nicht mehr ganz so gut ist? Ersteres, oder? Finde ich schwieriger.
    Jedenfalls interessant, das Thema Autobiographie und wie baut man's auf, was erzählt man, was nicht, ...

Ja, es ist das Erstere, denn mein Erinnerungsvermögen ist glücklicherweise noch recht gut. Nur das eines Elefanten soll (angeblich) noch besser sein.
Ich glaube, eine Autobiographie sollte schon weitgehendst der Wahrheit entsprechen, denn sonst könnte man ja auch einen Roman schreiben, nicht wahr?

Was man schreibt und was man nicht schreibt?
Das muß jeder Autor für sich selbst entscheiden.
Wer ein Problem damit hat, sein Leben einem fremden Leser mitzuteilen, der sollte sich lieber nicht an eine Autobiographie wagen.
Allerdings sollte es auch keine Aneinanderreihung von Tagebucheinträgen werden, so etwas liest sich garantiert stinklangweilig, wie eben alles Wahre im Grunde stinklangweilig ist.
Ich habe es jedenfalls so gemacht, daß ich einige, prägnante Episoden herausgepickt und versucht habe, diese in eine Geschichte zu integrieren. Natürlich mit echten Erlebnissen, Eindrücken und Dialogen, aber in ziemlich geraffter Form. Alle Begebenheiten sind echt, die Reihenfolge aber nicht ganz chronologisch. Ferner wurden natürlich alle Namen etwas verfremdet.
So sind die ersten sieben Kapitel entstanden.
Um für die Geschichte einen stimmigen Abschluß zu erhalten, habe ich die letzten beiden Kapitel (Alaska I + II) dann als Roman geschrieben.
Auch das war natürlich ein Experiment, da ich in dieser Stilrichtung leider nicht so "trittsicher" bin.

Mit SchreibFastImmerWahreGeschichtenGrüßen vom Minotaurus.





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...   Erstellt am 17.08.2006 - 21:23Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Minotaurus schrieb
    Ja, es ist das Erstere, denn mein Erinnerungsvermögen ist glücklicherweise noch recht gut. Nur das eines Elefanten soll (angeblich) noch besser sein.

Echt? Nun, man liest so selten die Autobiographie eines Elefanten ...

Minotaurus schrieb
    Um für die Geschichte einen stimmigen Abschluß zu erhalten, habe ich die letzten beiden Kapitel (Alaska I + II) dann als Roman geschrieben.
    Auch das war natürlich ein Experiment, da ich in dieser Stilrichtung leider nicht so "trittsicher" bin.

Ja, dachte ich mir schon. Experimente faszinieren mich. Wen interessiert schon Trittsicherheit? Naja, viele wahrscheinlich, aber "Abenteuer Schreiben" find ich noch besser!

Experimentelle Grüße, Gudrun





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...   Erstellt am 17.08.2006 - 23:23Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Gudrun schrieb

    Echt? Nun, man liest so selten die Autobiographie eines Elefanten ...

Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe noch gar keine gelesen.
Aber ich habe schon davon gehört, daß diese Viecher angeblich ein ganz tolles Gedächtnis haben sollen, fast so gut wie ich.

Gudrun schrieb
    Experimente faszinieren mich. Wen interessiert schon Trittsicherheit? Naja, viele wahrscheinlich, aber "Abenteuer Schreiben" find ich noch besser!

Auf eine gewisse "Trittsicherheit" lege ich schon Wert, sogar beim Schreiben.
Zumindest was Grammatik, Satzbau, Textbild und Zeichensetzung betrifft.
Plot, Stil, Rahmen, Spannungsbogen, innere Logik usw. sollte nach Möglichkeit auch in Ordnung sein.
"Abenteuerliches Schreiben" finde ich trotzdem ganz interessant, habe selbst schon einige Versuche gemacht und dabei verschiedene Genres und Stilrichtungen gemischt.
Allerdings sind solche Versuche nur in den allerseltensten Fällen von Erfolg gekrönt.
Mischformen sind ein sehr schwieriges Feld, "der Leser" mag das nicht!

Ernüchterte Grüße vom Mino.





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Minotaurus schrieb
    Auf eine gewisse "Trittsicherheit" lege ich schon Wert, sogar beim Schreiben.
    Zumindest was Grammatik, Satzbau, Textbild und Zeichensetzung betrifft.
    Plot, Stil, Rahmen, Spannungsbogen, innere Logik usw. sollte nach Möglichkeit auch in Ordnung sein.
    "Abenteuerliches Schreiben" finde ich trotzdem ganz interessant, habe selbst schon einige Versuche gemacht und dabei verschiedene Genres und Stilrichtungen gemischt.


Naja, ich meinte natürlich auch nicht "experimentelle Rechtschreibung"! Oobwoohl, jeetzt woo iich daarüüber naachdeenke ...

Mino schrieb
    Mischformen sind ein sehr schwieriges Feld, "der Leser" mag das nicht!



Nachdem ich mich nach wie vor mehr als Leser denn als Schreiberling betrachte ... hm, könntest recht haben ... ein bißchen ... ich bemühe mich, so zu schreiben, dass ich selbst es gerne lese ... wenn's nicht gelingt, kann man ja immer noch nach einem anderen Leserkreis suchen

lesersuchende Grüße, Gudrun





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