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...   Erstellt am 04.07.2006 - 14:48Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Rechtschreibung, Grammatik und der Frau Heckler ihr Tod

Die wichtigsten natürlichen Feinde des Autors - wenn auch bei weitem nicht seine einzigen - sind Rechtschreibung und Grammatik. Während Stil von der Kritik und der Inhalt vom Publikum als das Ausschlaggebende eines Romans angesehen werden, fristen Dinge wie Satzbau oder korrekte Großschreibung ein Schattendasein, für das sich nur Deutschlehrer, langweilige Besserwisser und langweilige, besserwisserische Deutschlehrer erwärmen.
Tatsächlich starben durch falsche, aber auch durch korrekte Grammatik und Rechtschreibung im vergangenen Jahr allein in Deutschland über 17.500 Menschen.

Unkorrekt oder gar nicht gesetzte Kommas und die daraus resultierende falsche Interpretation des Gelesenen rangieren bei den Unfallursachen ganz weit vorne.
Zum Beispiel wurde das Verkehrsschild „Gas weg, Kinder!" von 19 % aller Autofahrer irrtümlicherweise als Aufforderung an Minderjährige gelesen, nicht mit Gas zu experimentieren. Tausende von Schulkindern ließen ihr Leben.

Rechtschreibfehler in schludrig getexteten und hastig übersetzten Beipackzetteln („Dreißig Mal täglich nach den Mahlzeiten") und Bedienungsanleitungen („Stecker stecken dann Finger in Dose"), in Anweisungen für Ingenieure („... Probleme gibt es. Keine Bremsen sind vorgesehen." statt „... Probleme gibt es keine. Bremsen sind vorgesehen.") und Architekten („Mehr Wasser im Beton" statt „Meerwasser im Beton") sowie auf Schnapsflaschen („4 % Alkohol") und Zigarettenschachteln („Raucher erben früher") forderten ebenfalls Tausende von Opfern.

Im Deutschunterricht sterben Jahr für Jahr Hunderte von Schülern aller Klassen, und das keineswegs nur bei Gedichtinterpretationen sondern irgendwo zwischen Abtönungspartikel, Haplologie, Schwa und Zwecksatz (Finalsatz!).
Die Dunkelziffer - Drogennutzung, Todespoesie, Selbstmorde außerhalb des Unterrichts, implodierte Hirne während der Hausaufgaben - ist um ein Vielfaches höher.

Beim Run auf die Bestseller-Reihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" von Bastian Sick kamen dreiundzwanzig Menschen ums Leben. Zwölf starben vor Lachen, sechs wurden bei einer der zu gut besuchten Lesungen tot getrampelt und vier ließen auf dem Weg zur Buchhandlung ihr Leben.
Beim Blättern in Sicks Buch schnitt sich Myriam Heckler aus Vietlipp an einer Blattkante, die Wunde infizierte sich, und auch die sofort von der beherzten Buchhändlerin Anne Popeck vorgenommene Notamputation der rechten Hand konnte Frau Hecklers Leben nicht mehr retten.
Frau Heckler wurde 65, ohne das Buch gelesen zu haben. Bastian Sick erschien nicht zur Beerdigung.

Der Verlust von Menschenleben lässt sich verschmerzen. Weit schlimmer ist jedoch der Kollateralschaden, den die Rechtschreibreform anrichtet. Die in weiten Teilen gescheiterte Reform und, in noch stärkerem Maße, die ebenso end- wie sinnlosen Diskussionen darüber, verhinderten insgesamt neunzehn Bestseller, einhundertelf passable Romane, Dutzende von Sach- und Fachbüchern, aber leider kein einziges Gedicht.
Der Grund dafür: Statt zu schreiben, befassten sich viele Autoren entweder mit Diskutieren, mit dem Erlernen der neuen Regeln oder mit dem Erfinden von Begründungen, warum sie die neue Regeln nicht lernen wollen. Die Dichter aber dichteten.

Während in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und Nora-Nora, einem kleinen Eiland und vergessenen Zeugnis der Bestrebungen des kaiserdeutschen Imperialismus im Südpazifik, über die Rechtschreibreform diskutiert wurde, starben mehrere namhafte deutschsprachige Autoren.
Ob es einen Zusammenhang gibt, untersucht derzeit eine Epikkommission des Bösen Vereins des Deutschen Buchhandels.

Einen Vorteil immerhin hat die Rechtschreibreform den Schreibern gebracht: Sie können schreiben, wie ihnen die Feder gewachsen und die Tastatur konfiguriert ist.

Merke: Wo niemand mehr durchblickt, ist alles erlaubt.

Wenn Sie der rechthaberische Korrektor dann doch eines Fehlers überführt, sehen Sie ihn mit hochgezogener Braue an, schnarren: „Das geschah mit rechter Absicht, Sie Einfaltspinsel!" und erinnern ihn an Goethes Ausspruch: „Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas Neues erfunden." (Johann Wolfgang von Goethe).

Merke: Der Autor sei Erneuerer der Sprache.

Rechtschreiber kommen zudem leicht in den Ruch, Rechthaber zu sein und rechten Parteien anzuhängen.
Mit Ersterem kommen verdammte Autoren ganz gut zurecht, zumal es stimmt (Sie erinnern sich: Der Autor hat immer Recht!), mit Letzterem wollen die meisten jedoch nicht in Verbindung gebracht werden. Die Sorge ist unbegründet, der Rechtsradikale selten der Sprache des Landes mächtig, das ihm angeblich so wichtig ist. Tatsächlich wird in rechten Kreisen recht selten diskutiert, ob es „Heil Hitler!" oder „Heil, Hitler!" heißen muss.

Dennoch kann es vorkommen, dass Sie das Bedürfnis nach korrekter Rechtschreibung haben. Kein Problem: Einfach die Buchstaben R-e-c-h-t aus Ihrer BILD-Zeitung schneiden und oben (in der richtigen Reihenfolge!) auf den Bildschirm Ihres PC oder Laptops kleben. So haben Sie diese immer im Blick.

Merke: Grammatik kommt von Gram, Rechtschreibung meistens zu kurz.

Fazit: Distanzieren Sie sich sicherheitshalber von jeglicher Rechtschreibung und Grammatik. Und lassen Sie um Himmels Willen keinen Deutschlehrer in die Nähe Ihres verdammten Romans!

Dann kann eigentlich nix passieren...

Aus dem Buch: „Schreib den verd... Roman!"
© Stephan Waldscheidt 2006, erschienen im Uschtrin-Verlag.
ISBN-10: 3-932522-04-4
ISBN-13: 978-3-932522-04-8





Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki)


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