| Ersteller | Thema » Beitrag als Abo bestellen |  |
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 18.01.2008 - 23:42 |  |
Homosexualität war um 1970 noch ein gesellschaftliches Tabu. Der alte Paragraph 175 StGB, der Homosexualität unter Strafe stellte, war noch in Kraft.
Bei der Bundeswehr wurden Verstöße gegen den § 175 bei Bekanntwerden disziplinarisch geahndet, was je nach „Schwere des Falls“ sogar die Entlassung zur Folge hatte und auch strafrechtlich verfolgt wurde.
Lange Haare zu tragen war jedoch in jener Zeit bei der Bundeswehr erlaubt. In Kampfeinheiten oder aus Sicherheits- oder Hygienegründen (Maschinisten, Köche) mussten Haarnetze getragen werden. Soldaten in Schreibstuben und ähnlichen Diensten konnten ihre Haarpracht in der Regel so lang und offen tragen, wie sie wollten.
Diese Einleitung habe ich für nötig gehalten, weil dies der jüngeren Generation meist nicht mehr bekannt sein wird.
Ein Wehrpflichtiger wurde für seine letzten Dienstmonate in unsere Staffel versetzt. Ich musste mich zusammenreißen und beherrschen, um meinen Schreck zu verbergen, als ich ihn das erste Mal sah. Ein süßes Gesicht mit großen, braunen Augen, Stupsnase und Grübchen in den Wangen. Dichtes, langes, dunkelblondes Haar, doppelt so lang wie meins, das mir auch schon bis über die Schultern reichte.
Eine leichte Röte stieg in sein Gesicht, als sich unsere Blicke trafen und aneinander hängenblieben. Ich musste mich zwingen, meinen Blick von ihm abzuwenden, um nicht aufzufallen. Wir waren ja nicht allein. Mir ist zu diesem Zeitpunkt nicht gewahr geworden, dass er nach diesem ersten Blickkontakt ebenfalls vermied, mich anzusehen.
Wir hatten „zum Glück“ nicht dienstlich miteinander zu tun und sind uns in den folgenden Wochen förmlich aus dem Weg gegangen. Wir hatten noch kein Wort miteinander gesprochen, und wenn wir uns im Flur begegneten, blitzten sich unsere Blicke an, um dann sofort krampfhaft zur Seite zu schauen. Hoffentlich hat niemand diese Blicke gesehen und schöpfte Verdacht. Es durfte nicht sein. Es war doch verboten!
Eines Samstags waren wir zusammen zum Dienst im UvD-Zimmer der Staffel eingeteilt. Seit ich das auf dem Dienstplan gesehen hatte, war ich innerlich aufgewühlt und total durcheinander. Je näher dieser Samstag kam, um so weniger konnte ich meine Nervosität verbergen. Ich hatte noch versucht, den Dienst zu tauschen, aber am Wochenende ließ sich niemand dafür finden, da wollten alle nach Hause.
Am Wochenende war die Kaserne bis auf die üblichen Wach- und Versorgungsdienste so gut wie leer, auch in unserer Staffel befanden sich nur noch wenige Soldaten.
Wir saßen am Tisch des Dienstraums und blätterten in Zeitschriften, ohne etwas zu lesen. Hin und wieder blickten wir uns mit roten Köpfen an. Ich konnte es nicht mehr aushalten und griff vorsichtig nach seiner Hand. Er hielt meine Hand fest und schaute verlegen zur Seite. Ich stand auf und trat hinter seinen Stuhl. Ich streichelte sein Haar und seine Wangen.
„Du hast wunderschönes Haar.“
Er legte seinen Kopf in den Nacken, schaute mich von unten herauf an und schenkte mir ein zaghaftes Lächeln.
Ich ging zum Fenster und zog die Jalousie zu.
„Steh mal auf!“
Ich nahm seinen Stuhl und keilte die Stuhllehne unter die Türklinke. Wir standen uns gegenüber. Ich legte meine Hände auf seine Schultern und zog ihn leicht zu mir heran. Er umfasste meine Taille und ich empfand ein wohlig-schauerndes Gefühl dabei. Ich ließ sein Haar durch meine Finger gleiten und streichelte seinen Hals und seine Wangen.
„Hast du schon mal einen Jungen geküsst?“
„Nein, noch nie, nur davon geträumt, und du?“
„Ich auch nicht, auch immer nur geträumt ...“
„Dann küss mich. Ich liebe dich.“
Zaghaft, weich, zärtlich trafen sich unsere Lippen.
„Ich liebe dich.“
(Edit: Link eingefügt)
[Dieser Beitrag wurde am 19.01.2008 - 16:18 von Oldface aktualisiert]
|
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 22.01.2008 - 06:11 |  |
Ich habe in der Zwischenzeit zwei PMs erhalten und frage mich, warum die beiden sich nicht hier im öffentlichen Forum zu Wort gemeldet haben. Falsche Scham wegen meines „Outings“ oder so etwas? 
Zur ersten Anfrage: Ja, meine Erzählung ist authentisch. Ich hätte sie vielleicht besser in die Rubrik darüber (Autobiografisches – eigene Lebensgeschichten) schreiben sollen, aber diese hatte ich übersehen. Mein Blick fiel nur auf „Erinnerungen – Lebensgeschichten“. Wenn der Webmaster es für richtig hält, mag er den Thread gerne dorthin verschieben.
Zur zweiten Anfrage nehme ich gerne etwas ausführlicher Stellung. Dazu zitiere zunächst ich einen Absatz aus dem Haarnetz-Erlass.
Wikipedia schrieb
Im Verlauf der 1960er Jahre waren bei jungen Männern verbreitet Langhaar-Frisuren aufgekommen. Noch 1967 hatte ein Erlass ausdrücklich „das Tragen einer schulterlangen oder sonst feminin wirkenden Haartracht“ bei Soldaten untersagt. Insbesondere bei Wehrpflichtigen stieß diese Vorgabe auf Ablehnung. |
Dieser Erlass von 1967, nämlich die Haare kurz zu tragen, ließ sich in den folgenden Jahren immer weniger durchsetzen. Es war ein schleichender Prozess. Unmerklich, zentimeterweise, wurden die Haare bei der Mehrzahl der unter 25-jährigen (geschätzt) Soldaten immer länger. Wer vom Spieß zum Friseur geschickt wurde, ließ nur die anderthalb Zentimeter vom Wuchs des letzten Monats abschneiden, denn diese Länge war ja nicht moniert worden.
Neu eingezogene Wehrpflichtige erschienen, der damaligen Mode entsprechend, mit mehr oder weniger langen Haaren. Zunächst ließen sie Ihr Haar noch auf Befehl stutzen, aber nicht kürzer, als es das Stammpersonal trug, und das war im Sinn des obigen Erlasses auch schon jenseits von Gut und Böse.
Junge Offiziere, Oberleutnants, wurden zu 4-wöchigen Wehrübungen eingezogen und meldeten sich mit schulter- bis hüftlangen Haaren zum Dienst: „Ich lasse mir doch nicht für vier Wochen Wehrübung die Haare abschneiden!“
Das hat dem Erlass von 1967 den Rest gegeben. Es kümmerte sich einfach niemand mehr darum. Ich weiß noch, wie unser Staffelchef von einem Gespräch mit dem Regimentskommandeur berichtete. Der hat gesagt: „Was soll ich denn machen? Soll ich sie wie 'ne Herde Schafe auf dem Exerzierplatz zusammentreiben lassen und gemeinschaftlich scheren lassen?“ Er hat nach diesen Worten wegwerfend abgewinkt, als wollte er sagen „keine Lust, den Erlass mit Disziplinargewalt durchzusetzen“, erzählte unser Staffelchef.
In anderen Kasernen ist das ähnlich gewesen. Als ich einmal für acht Wochen auf einen Lehrgang nach Fürstenfeldbruck musste, habe ich meine inzwischen über schulterlangen Haare selbstverständlich mitgenommen und fand mich dort unter gleichartigen Frisuren wieder. Kein Mensch hat etwas gesagt.
Diese Entwicklung führte dann zu dem Haarnetz-Erlass vom Februar 1971, weil man wohl eingesehen hatte, dass man sich dem Modetrend nicht mehr verschließen konnte. Wäre der Kurzhaar-Erlass von 1967 durchsetzbar gewesen oder durchgesetzt worden, dann hätten ja alle Soldaten kurze Haare getragen und für den Haarnetz-Erlass hätte gar kein Bedarf bestanden. Mit diesem Erlass wurde nur etwas legalisiert, was schon Jahre zuvor schleichend begonnen hatte und nach anfangs vorhandenen, aber fehlgeschlagenen Bemühungen dann zumindest geduldet worden war.
Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, wurde der Haarnetz-Erlass im Mai 1972 wieder aufgehoben, er hat also nicht lange gehalten, knapp anderthalb Jahre. Wie das ablief und wie das praktisch gehandhabt wurde, das weiß ich leider nicht. Vielleicht kann dazu jemand etwas sagen, der in der Zeit dabei war. Das war nämlich nach meiner Zeit. Meine Dienstzeit und auch die meines Freundes endete im September 1971. Aber darüber berichte ich ein andermal, falls daran Interesse besteht.
Gruß von Oldface
|
Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 22.01.2008 - 10:32 |  |
Oldface schrieb
Ich habe in der Zwischenzeit zwei PMs erhalten und frage mich, warum die beiden sich nicht hier im öffentlichen Forum zu Wort gemeldet haben. Falsche Scham wegen meines „Outings“ oder so etwas?
Dieser Erlass von 1967, nämlich die Haare kurz zu tragen, usw, usw, blablabla... |
@ Oldface,
was erwartest Du denn? Du stellst hier - noch dazu als ersten Text - eine (vermutlich authentische) Geschichte zur Diskussion, die immer noch eine hohe, gesellschaftliche Brisanz beinhaltet und wunderst Dich dann, daß keine öffentlichen Kommentare dazu eintreffen, obwohl die Geschichte sehr häufig gelesen wurde.
Abgesehen davon, daß hier Kommentare und Kritiken zwar durchaus erwünscht sind, kann man sie aber nicht einfordern. Schon gar nicht bei gesellschaftlich brisanten Themen, welche die eigene Persönlichkeit des Autors berühren. Und schon gar nicht, wenn man den Verfasser nicht näher kennt.
Wenn ich mich recht erinnere, dann ging es darin nicht um den Haarerlass des Verteidigungsministeriums oder um Haarnetze und diverse Frisuren, sondern um das Kernthema Homosexualität, bzw. Homosexualität bei der Bundeswehr aus eigener Perspektive. 
Ja, ich habe Deinen Text ebenfalls gelesen. Er entspricht unseren Regeln und es gibt - zumindest in stilistischer Hinsicht - nichts daran auszusetzen. Aber auch ich konnte und wollte nichts dazu schreiben.
Zum Thema Haartracht bei der Bundeswehr in den 70ern hätte ich etwas schreiben können, da ich diese Zeit (und die verschiedenen Auslegungen dieser Anordnungen) noch selbst mitgemacht habe. Zum Thema Homosexualität hingegen kann ich mich nicht äußern, weil ich dazu keinen Bezug habe und auch keinen herstellen kann.
Mir ist schon bewußt, daß es Homosexualität - nicht nur in Künstlerkreisen - immer schon gegeben hat und ich kann es akzeptieren und respektieren. Aber ich kann es eben nicht nachempfinden, kann mich also nicht in die Erlebniswelt des (oder der) Protagonisten einfühlen. Was aber erforderlich wäre, um einen adäquaten Kommentar zum Inhalt eines Textes zu verfassen, alles andere wäre Unsinn.
Mich persönlich stoßen solche Schilderungen eher ab, aber das ist nur meine ganz persönliche Einstellung und sollte hier bitte nicht als Wertung verstanden werden.
Allerdings glaube ich kaum, daß es Dir an dieser Stelle um eine kontroverse Diskussion über dieses Thema ging, denn sonst hättest Du vermutlich einen Diskussionsthread in unserem Diskussionsbereich gestartet.
Was also soll es dann sein? Ein öffentliches Outing? Ein mißlungener Ersatz für einen persönlichen Vorstellungsthread? Oder doch "nur" eine Geschichte?
Dieses ist eben sehr schwierig einzuschätzen, wenn man den Verfasser nicht kennt und so wundert es mich nicht, wenn Kommentare ausbleiben.
In Deinem Fall aber hast Du zumindest Kommentare per PM bekommen, was zwar nicht der Sinn einer öffentlichen Plattform ist, aber zumindest menschlich verständlich sein dürfte. So mancher Schreiberling wäre froh um solche Rückmeldungen, ja, er wäre froh, überhaupt Rückmeldungen zu erhalten.
Was die Häufigkeit von Kommentaren angeht, so befinden sich hier mehrere Texte - unter Anderem auch von mir - die weit weniger gesellschaftliche Brisanz beinhalten, aber trotzdem nicht kommentiert wurden.
Warum das so ist, das weiß ich nicht. Vielleicht war der Text eben nicht gut genug, vielleicht aber war er auch nicht schlecht genug? Aber damit muß eben jeder Autor rechnen, daß sein Text zwar gelesen, aber nicht kommentiert wird.
In diesem Sinne wünsche ich Dir mehr "Erfolg" bei (hoffentlich) zukünftigen Texten. Laß Dich nicht entmutigen!
Beste Grüße vom Mino. 
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 22.01.2008 - 18:19 |  |
Oha, in welches Fettnäpfchen bin ich jetzt getreten?
Was soll es nun gewesen sein? „Ein misslungener Ersatz für einen persönlichen Vorstellungsthread?“ Diese Formulierung gefällt mir noch am besten. Ich denke mal, so sollte das betrachtet werden.
Bevor ich mich hier anmeldete, habe ich schon einige Zeit mitgelesen und sehr wohl gemerkt, dass auf viele Erzählungen nicht geantwortet wurde. Ich hätte damit auch kein Problem gehabt und nichts weiter dazu gesagt, wenn ich nicht per PM angeschrieben worden wäre. Einer erkundigte sich lediglich nach der Authentizität meines Berichts, der andere wollte mehr über die Haarerlasse wissen.
Ich nahm von mir aus an, dass das auch andere Mitleser interessieren könnte und habe daher auf beides öffentlich geantwortet. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen, sondern beiden privat schreiben sollen.
Dass ich ausgerechnet dieses Outing zu dieser Zeit als misslungenen Vorstellungsthread verfasst habe, hat einen persönlichen Hintergrund. Angenommen, ich schreibe einmal eine Fortsetzung, dann wird dieser Hintergrund klar. Bis dahin unterhalten wir uns besser über Li-Ion-Akkus, okay? 
Gruß von Oldface
|
Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 23.01.2008 - 01:51 |  |
Oldface schrieb
Oha, in welches Fettnäpfchen bin ich jetzt getreten?  |
In gar keins, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, eines aufgestellt zu haben. 
Ist denn mein Posting wirklich so vorwurfsvoll rübergekommen? 
Falls ja, so tut es mir leid, denn das war nicht meine Absicht.
Über den Inhalt Deiner beiden PM wußte ich nichts, aber da ich ebenfalls keinen Kommentar zu Deiner Geschichte abgegeben hatte, fühlte ich mich eben von Deiner Frage mit angesprochen, deshalb habe ich versucht, diese öffentliche (Nicht)Reaktion auf Deine Geschichte zu erklären.
Zugleich wollte ich dabei ganz kurz meine persönlichen Eindrücke schildern, ohne dabei eine Wertung abzugeben.
Schade, daß mir dieses ganz offensichtlich nicht gelungen ist? 
Oldface schrieb
Was soll es nun gewesen sein? „Ein misslungener Ersatz für einen persönlichen Vorstellungsthread?“ Diese Formulierung gefällt mir noch am besten. Ich denke mal, so sollte das betrachtet werden. |
Natürlich kann man einen Autor auch über seine Geschichten kennenlernen, das ist gar keine Frage. Es dauert halt nur ein bißchen länger als über einen "normalen" Vorstellungsthread und es kann somit zu mehr Mißverständnissen führen. Nichts anderes wollte ich damit sagen.
Oldface schrieb
Bis dahin unterhalten wir uns besser über Li-Ion-Akkus, okay?  |
Nö! Über Li-Ion Akkus möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren, denn dafür gibt es bereits einen anderen Thread.
Dann schon lieber über Haare und Frisuren. 
Haarige Grüße vom Mino. 
Nachtrag:
Falls ich diese Geschichte an eine andere Stelle verschieben soll, bitte kurz Bescheid geben. Ich glaube aber, daß sie hier eh an der richtigen Stelle steht.
.
[Dieser Beitrag wurde am 23.01.2008 - 01:56 von Minotaurus aktualisiert]
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 24.01.2008 - 07:31 |  |
Ich komme auf jenen Samstag zurück, mit dem ich meinen ersten Bericht beendet habe. Der Stuhl war wieder unter der Türklinke weg, die Fensterjalousie war wieder offen, und wir saßen am Tisch und haben geredet. Wir haben einen Tag und eine Nacht geredet. Unser Dienst ging von Samstag 7:30 Uhr bis Sonntag 7:30 Uhr. Es gab abseits einen kleinen Raum mit einem Feldbett, wo die Diensthabenden bei 24-Stunden-Diensten während der Nacht abwechselnd stundenweise ruhen konnten. (Ein Soldat „schläft“ ja nicht, er „ruht“). Davon haben wir keinen Gebrauch gemacht. Wir haben 24 Stunden geredet. Brutto, versteht sich, minus Pausen, wenn wir abwechselnd zum Essen gegangen sind und so weiter. Einer musste ja immer da sein.
Danach wussten wir gegenseitig alles über uns. Keine wichtige Einzelheit war verborgen geblieben, und es war eine kaum glaubliche Vertrautheit zwischen uns entstanden.
Mein Freund hätte nach seiner Dienstzeit in sein Elternhaus zurückkehren können. Aber das wollte er möglichst nicht, weil das Familienklima nicht in Ordnung war, und zwar seinetwegen. Er plante deshalb, sich hier in der Garnisonsstadt eine Arbeit in seinem erlernten Beruf zu suchen und sich für den Anfang in einem möblierten Zimmer einzuquartieren. Aus Zeitungsanzeigen wusste er, dass beides in reicher Auswahl zur Verfügung stand und machte sich deshalb keine Sorgen. Erst vier Wochen vor der Entlassung wollte er sich explizit darum kümmern und die entsprechenden Verträge eingehen. Schriftlich schon mal vorgefühlt wusste er auch, dass er die erforderlichen Unterschriften seiner Eltern (damals wurde man erst mit 21 Jahren volljährig) bekommen würde.
Bei mir war das komplizierter. Meine Eltern lebten in einer 5000-Seelen-Kleinstadt und schämten sich meiner. Besser gesagt, weniger meiner selbst, sondern meiner sexuellen Orientierung, die ich ihnen irgendwann in den Jahren nach der Pubertät einmal offenbart hatte. Deswegen ging ich als Z4 zur Bundeswehr, so früh es möglich war, um von zu Hause weg zu kommen. Nach der Grundausbildung (die für mich schrecklich war) bewarb ich mich erfolgreich für eine Laufbahn in der Verwaltung (ich hatte eine kaufmännische Berufsausbildung). Ab da war alles gut. Sogar den Uffz-Lehrgang, der ja außer dem fachlichen Teil auch wieder eine „militärische“ Komponente hatte, habe ich auf einer Backe abgesessen.
Ich fuhr nie nach Hause. Weder an Wochenenden noch im Urlaub. Es hätte nur Stress gegeben. Wenn Weihnachten war, schrieb ich meinen Eltern eine Karte und erhielt eine ebensolche zurück. Nur mit einem Gruß drauf, kein Wort von „komm doch nach Hause“ oder sowas.
Es klingt hart, es war hart, und ich habe auch schwer daran geschluckt: Meine Eltern „kauften sich von mir frei“! Ihnen gehörte durch Erbschaft ein landwirtschaftliches Gut, also ein größerer Bauernhof, der von einem Pächter bewirtschaftet wurde. 400 Kilometer von unserer Kleinstadt entfernt. Ich wusste davon, war aber nie dort gewesen. Zu dem Anwesen gehörte ein abgelegenes, kleines Grundstück mit einem noch kleineren Häuschen, mehr einer Kate gleich, eine frühere Altenteilwohnung, die aber nicht mehr genutzt wurde. Dieses Grundstück wurde mir, als ich 21 Jahre alt wurde, überschrieben, „geschenkt“, mit der Maßgabe, nicht mehr nach Hause zu kommen und die Kontakte auf das notwendigste Minimum zu beschränken.
Für den Termin beim Notar hatte ich Urlaub genommen. Dabei sah ich meinen Vater das letzte Mal. Meine Mutter war nicht mitgekommen. Wir gingen nach der Abwicklung ohne Händedruck auseinander.
Ich war nun Eigentümer eines Grundstücks und eines Hauses und hatte beides noch nie gesehen. Am nächsten Wochenende tankte ich voll und fuhr hin. Das war weit weg von meinem BW-Standort. Ich kannte mich dort überhaupt nicht aus und musste erstmal fremde Leute fragen, um mein Grundstück zu finden.
Was mich dort empfing, war der Horror: Mannshohe Brennnesseln im verwilderten Garten, und mittendrin stand das „Haus“. Okay, es war ein Haus in dem Sinn, dass es vier gemauerte Wände hatte und ein Ziegeldach oben drauf. Den Schlüssel, den ich hatte, brauchte ich gar nicht, so morsch war der Holzrahmen der Eingangstür. Drinnen ein Flur mit Treppe nach oben, ein Wohnzimmer und eine Küche, alles total verkommen, morscher Holzfußboden, blinde Fensterscheiben, Schimmel an den Wänden. Oben, schon im Dach mit schrägen Wänden, ein Schlafzimmer, ein Duschbad und Toilette. Also „zwei Zimmer, Küche, Bad“, mehr war das Haus nicht. Wäre ja auch genug für mich, ich bin ein bescheidener Mensch, wenn nur der Zustand nicht so erbärmlich gewesen wäre.
Fortsetzung folgt.
|
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 25.01.2008 - 07:03 |  |
Ich entdeckte, dass es eine halbe Autostunde entfernt von meinem Grundstück einen Standort der Teilstreitkraft gab, der ich angehörte. Mit dem Nachweis, in dessen Nähe Haus und Grundstück zu besitzen, wurde meinem Versetzungsgesuch stattgegeben, so dass ich dort mein letztes Dienstjahr verbringen konnte.
Ich nahm eine Hypothek auf und beauftragte ein ortsansässiges Baugeschäft mit der Renovierung meines Häuschens. Der Rest des Geldes, das ich von der Bank bekam, reichte noch für den Gärtner, der das Gestrüpp entfernte, den Boden umpflügte, durcheggte, Rasen ansäte, einen Plattenweg zum Hauseingang anlegte und ein paar Büsche pflanzte. Sogar eine einfache Möblierung war noch „drin“. Nachdem mein Häuschen dieserart bewohnbar gemacht worden war, beantragte ich „Heimschläfer“, das heißt, nicht mehr in der Kaserne wohnen zu müssen.
„Ach, deswegen wohnst du nicht hier in der Unterkunft!“, begriff mein Freund, nachdem ich ihm dies alles erzählt hatte.
Sonntag, 7:30 Uhr. Unsere Ablösung übernahm pünktlich den Dienst. Wir gingen getrennt zum Frühstück. Ich ins Uffz-Heim, mein Freund in die Mannschaftskantine. Wir wollten vermeiden, zusammen durchs Tor zu fahren, damit niemand „Verdacht“ schöpft. Sei es begründet oder nicht, aber wir hatten Angst davor. Wir hatten verabredet, dass mein Freund sich in seiner Unterkunft in Zivil umzieht (ich fuhr als Heimschläfer in Uniform nach Hause) und dass wir uns dann in der Stadt auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums treffen.
Wir hatten anderthalb Tage kein Auge zugemacht und waren hundemüde. Zu Hause angekommen schliefen wir bis zum späten Nachmittag. Dadurch hatten wir gar nicht viel von diesem sonnigen Sonntag. Mein Freund hatte als Mannschaftsdienstgrad „Ausgang bis zum Wecken“, also bis 5:30 Uhr. Ich brauchte als StUffz und Heimschläfer erst zum Dienst um 7:30 Uhr in der Kaserne zu sein. Im Grunde eine blödsinnige Unterscheidung. Aber: In unserer Staffel war nur Stammpersonal, und da wurde überhaupt nicht geweckt und erst recht nicht kontrolliert, wer zu dieser Zeit da war und wer nicht.
„Weißt du was? Das verlängern wir mal eigenmächtig. Denn was soll ich um halb sechs schon in der Kaserne, nur weil ich dich hinfahren muss?“ So konnten wir länger schlafen und gemütlich frühstücken. Trotzdem fuhren wir etwas früher los, weil ich meinen Freund aus „Sicherheitsgründen“ wieder auf dem Parkplatz in der Stadt absetzen musste. Von da aus musste er zu Fuß gehen und sich dann noch in seiner Unterkunft umziehen. Ich war dadurch früher als normal in der Kaserne und hatte noch Zeit für eine Tasse Kaffee im Uffz-Heim. Unabhängig voneinander erschienen wir dann beide pünktlich um halb acht zum Dienst. Niemand hat etwas gemerkt.
So haben wir es bis zur Entlassung jedes Wochenende gemacht. Unter der Woche wäre es aufgefallen, wenn mein Freund gar nicht mehr oder nur noch zeitweilig in der Unterkunft geschlafen hätte. Aber am Wochenende war das egal, da waren fast alle weg und niemandem fiel das auf.
An diesen gemeinsamen Wochenenden schmiedeten wir Zukunftspläne. Es war inzwischen glasklar, dass wir zusammengehören und zusammenbleiben wollten. Ich hatte vor, mich nach der Entlassung mit meiner 5-stelligen Abfindungssumme als Startkapital selbstständig zu machen. Meinen Freund wollte ich als einzigen Mitarbeiter einstellen. Wir renovierten in Eigenarbeit den Schuppen, der hinter dem Haus stand, ließen vom Klempner eine Heizung einbauen und vom Elektriker Licht und Steckdosen anlegen. Wir richteten unsere künftigen Arbeitsplätze mit ausreichend Raum für die noch zu leasenden Geräte ein.
Da wir uns nun so genau kannten, konnten wir im Dienst ganz unbefangen miteinander umgehen, das war nun ganz etwas anderes als am Anfang (siehe ganz oben). Bei einer kleinen Abschiedsfeier am Vorabend unserer Entlassung haben wir sogar nebeneinander gesessen, ohne dass einer der anderen auf die Idee gekommen wäre, dass wir „etwas miteinander haben“ könnten. Händchen halten oder gar Küsschen war natürlich tabu, aber insoweit hatten wir uns in der Gewalt. Nur eine ältere Dame, zivile Schreibkraft im Geschäftszimmer, die wir zur Abschiedsfeier mit eingeladen hatten, schaute uns mit seltsamem Blick an. Sie wusste aus den Papieren schon, dass wir beide dieselbe Entlassungsanschrift angegeben hatten und sie machte sich wohl ihren eigenen Reim darauf. Zum Glück sagte sie darüber nichts, und wahrscheinlich wusste sie selbst nicht, wie Recht sie mit ihren fragenden und vermutenden Blicken hatte. 
Die Bundeswehrzeit war vorbei, wir waren wieder Zivilisten. Unser Geschäft schlug zwar nicht ein wie eine Bombe, aber es lief. Wir konnten unsere Verbindlichkeiten pünktlich bedienen, unsere Steuern und Versicherungen zahlen und von den Erträgen ganz gut leben. Wir waren glücklich und zufrieden.
Ich half meinem Freund, drei Kartons mit gefaltetem Endlospapier, das wir für einen Kunden bedruckt hatten, ins Auto zu laden. Er wollte den Auftrag beim Kunden abliefern. Das gehörte zum Alltagsgeschäft. Einige Kunden brachten und holten, andere hatten dafür keine Zeit oder kein Personal, und da mussten wir halt holen und bringen.
Er hätte schon längst zurück sein müssen. Warum ruft er nicht an, wenn was passiert ist, Autopanne oder sowas? Ich wartete und wartete. Ich rief den Kunden an.
„Ihr Mitarbeiter? Der war schon vor anderthalb Stunden hier!“
Ich bekam es mit der Angst. Ich lief ruhelos auf und ab. Als es an der Tür klingelte, war ich spontan erleichtert, aber sofort schoss mir durch den Kopf: „Warum klingelt er? Er hat doch einen Schlüssel!“
Draußen standen zwei Polizisten mit betretenen Gesichtern. Ein Autounfall. Mein Freund war auf dem Weg ins Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen.
Das war vor 25 Jahren, 1983. Zwölf Jahre haben wir zusammen gelebt und gearbeitet. Zwölf Jahre haben wir uns geliebt, haben gelacht und geweint. Zwölf lange Jahre ... und doch so eine kurze Zeit ...
|
Brigitte  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 03.07.2006 Beiträge: 104 Nachricht senden | Erstellt am 26.01.2008 - 17:04 |  |
Hallo Oldface,
gerne möchte Dir nicht per PM, sondern lieber öffenlich antworten.
Zum Inhalt und zu den Umständen kann ich naturgemäß nicht sehr viel sagen, aber im Gegensatz zum Mino sind mir doch einige stilistische Mängel an dieser Geschichte aufgefallen. Diese ergeben sich aber zum Teil erst nach dem Lesen aller drei Teile, falls die Geschichte damit bereits abgeschlossen ist.
Sehr viele Sätze beginnen mit "Ich habe, ich werde, ich bin", usw.
Oldface schrieb
Ich konnte es nicht mehr aushalten... Ich stand auf... Ich streichelte sein Haar... Ich ging zum Fenster... Ich nahm seinen Stuhl... Ich ließ sein Haar... Ich legte meine Hände... Ich komme auf jenen... Ich fuhr nie... Ich war nun... Ich kannte mich dort... Ich entdeckte... Ich nahm... Ich brauchte als StUffz... (???) Ich war dadurch... Ich war... Ich wartete... Ich rief... Ich bekam... |
Ganz abgesehen davon, dass es ziemlich schwer ist, in eine autobiografische Erzählung etwas Spannung hineinzubekommen, langweilen solche Satzbauten eher den Leser. In den meisten Fällen würde es schon völlig ausreichen, ganz einfach den Satz zu drehen.
Ein Beispiel:
Ich bekam es mit der Angst. Ich lief ruhelos auf und ab.
Mögliche Alternative:
Urplötzlich bekam ich es mit der Angst zu tun, darum (oder deshalb) lief ich ruhelos auf und ab.
Oder:
Innerlich war ich völlig aufgewühlt, denn ich machte mir bereits große Sogen um den Verbleib meines Freundes. Immerhin war er bereits seit über einer Stunde überfällig. Deshalb lief ich in der Wohnung (oder im Büro, Werkstatt, Lager, etc.) auf und ab wie ein Tiger in seinem Käfig.
Merkst Du den Unterschied? 
Ferner sind mir als jüngerer Leserin viele Fachbegriffe, Dienstgrade und Kürzel kein Begriff. Mit UvD, Uffz-Heim, StUffz, Z4, usw. kann ich ohne weitere Erklärung nichts anfangen.
Das mag in der Natur der Sache liegen und für einen ehemaligen Soldaten vielleicht lächerlich wirken, aber es ist nun mal so.
Ein nicht nachvollziehbarer Zeitsprung ist mir ebenfalls aufgefallen:
Während der erste Teil dieser Erzählung in einer früheren Zeit und an einem anderen Ort zu spielen scheint, wird die Geschichte plötzlich an einem anderen Ort, also nach der gemeinsamen Versetzung, fortgeführt.
Hier aber
Oldface schrieb
Sonntag, 7:30 Uhr. Unsere Ablösung übernahm pünktlich den Dienst. | gibt es eine plötzliche Rückblende, obwohl die Handlung längst an einem anderen Ort, ca. 400km entfernt spielt.
Oldface schrieb
Wir renovierten in Eigenarbeit den Schuppen, der hinter dem Haus stand |
Oder habe ich nur als Leserin etwas nicht verstanden? 
Wenn es also mehr werden sollte als nur einige veröffentlichte Tagebucheintragungen, so würde ich Dir raten, diese ganze Geschichte nochmal zu überarbeiten, um sie auch für fremde Leser lesenswert zu machen.
Bitte nicht böse sein wenn ich Dir hier meine Eindrücke schreibe, aber immerhin steht dieser Text auf einer öffentlichen Autorenplattform, auf der nicht nur Lobeshymnen erwünscht sind, sondern auch konstruktive Kritiken. Jedenfalls hoffe ich, dass meine Antwort in die zweite Kategorie fällt. 
Liebe Grüße von Brigitte.
Signatur Am liebsten ist mir derjenige, der gerade bei mir ist.
(Hermann Hesse) |
Oldface  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 18.01.2008 Beiträge: 9 Nachricht senden | Erstellt am 26.01.2008 - 21:09 |  |
Vielen Dank für Deine Kritik. Ich kann dazu nur sagen, dass kein Schriftsteller oder Poet bin und einfach nur Erinnerungen und Schicksal in einfachster und sicher laienhafter Art und Weise niedergeschrieben habe. Möglicherweise habe ich dafür sogar die ganz falsche Plattform erwischt.
Die Abkürzungen will ich gerne erklären:
UvD = Unteroffizier vom Dienst, meist als Nacht- oder Wochenendwache in einer militärischen Einheit (Kompanie, Staffel usw.) zu verstehen. Nicht zu verwechseln mit den Wachposten am Kasernentor.
Uffz-Heim = Unteroffiziers-Heim. Bewirtschaftete, kantinenähnliche Einrichtung für Unteroffiziere. Meist wesentlich kleiner und gemütlicher eingerichtet als die Mannschaftskantinen.
Z4 = Zeitsoldat auf vier Jahre.
StUffz = Stabsunteroffizier, der höchste Dienstgrad, den man als Z4 erreichen konnte. Außer Offizierslaufbahnen, die konnten es als Z4 (glaube ich) bis zum Leutnant bringen.
Was Zeitsprünge oder Rückblenden betrifft, musst Du wohl etwas nicht richtig verstanden haben. Alle drei Teile schießen aneinander an.
Oldface schrieb
Wir haben einen Tag und eine Nacht geredet. Unser Dienst ging von Samstag 7:30 Uhr bis Sonntag 7:30 Uhr. |
Was dann folgt, bis
Oldface schrieb
Sonntag, 7:30 Uhr. Unsere Ablösung übernahm pünktlich den Dienst. |
das haben wir uns in diesen 24 Stunden erzählt. Natürlich wesentlich ausführlicher, als ich es hier wiedergeben konnte. Ich habe hier nur das Wesentliche zusammengefasst. Klar sollte sein, dass das, was ich meinem Freund über mich erzählte, von diesem Tag aus gesehen zeitlich in der Vergangenheit gelegen hat.
Einen Zeitsprung gibt es erst am Schluss. Dass dieser zwölf Jahre beträgt, geht aus dem letzten Absatz hervor.
Gruß von Oldface
|