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...   Erstellt am 19.10.2009 - 12:13Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Liebe Heimatfreunde, von Lore Schretzenmayer erhielt ich vor einiger Zeit die Kopie eines Artikels aus den Bänden "Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper" hier aus dem Band 3 = Aussig.
Die Bände, über 10 an der Zahl, wurden herausgegeben von Rudolf Lodgman und Erwin Stein im Jahre 1929 im
Deutscher Kommunalverlag, Berlin-Friedenau

In diesem Band 3, der unserer Stadt Aussig gewidmet ist, erschien auch ein Artikel des Fabrikanten Ferdinand Maresch mit dem Titel "Die Entwicklung der Aussiger Industrie". Da gerade hier sehr eingehend die Entwicklung des industriellen Aussigs über ca. 80 Jahre beschrieben ist, möchte ich diesen Artikel allen Heimatfreunden, vor allem auch unseren jungen Lesern und der Nachwelt erhalten.
In den nächsten Folgen werden Sie also die Entwicklung der Industriestadt Aussig vom Jahre 1841 bis zum Jahre 1928 aus der Sicht des Fabrikanten und langjährigen Stadtrates miterleben können. Ich freue mich über Ihr Interesse.





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...   Erstellt am 19.10.2009 - 12:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Die Entwicklung der Aussiger Industrie

Von Fabrikant Ferdinand Maresch, Aussig

Teil I

Aussig war ein weltvergessenes Landstädtchen. Die alte Salzstraße, die von Pirna über das Erzgebirge nach Aussig und von da nach Lobositz – Prag führte, war verlassen und die Wege der Elbe entlang waren kaum fahrbar.
Die Bewohner betrieben Feld-, Gurken-, Obst- und Weinbau. Einige wenige beschäftigten sich mit Schiffbau, mit Obsthandel, mit Obst- und Kohlenverfrachtung elbauf- und abwärts. Die alten Gewerbe wie Weberei, Tuchmacherei, Weißgerberei usw. waren durch anderorts entstandene fabriksmäßige Betriebe bis auf wenige Hauswebereien, die sich mühselig fortschleppten, lebensunfähig geworden.
Im Herbst 1841 kam Adolf Bähr aus Pirna, dem man die Fabrikation von Siderolithwaren in Tetschen unmöglich gemacht hatte, nach Aussig und errichtete eine Fabrik, die er unter schweren Mühen und Sorgen betrieb. Bezeichnend für die Ortverhältnisse war es, dass die Arbeiter, die ja wöchentlich ihren Lohn in barem Gelde erhielten, stets mit „Herr Fabrikant“ angesprochen wurden. Das Unternehmen entwickelte sich nach Eintritt des späteren Schwiegersohnes Johann Maresch in erfreulicher Weise, besteht noch heute und wird von dem Urenkel des Gründers weiterbetrieben.
Das zweite Unternehmen wurde von Carl Wolfrum im Jahre 1843 ins Leben gerufen, der von Meerane in Sachsen kam und die Textilindustrie in Aussig einführte. Die Firma hieß zunächst „Günther und Wolfrum“. Nach dem Ausscheiden Günthers nahm Carl Wolfrum als Alleininhaber die jetzt noch bestehende Firma „C. Wolfrum“ an, während Günther mit dem ebenfalls aus Sachsen stammenden Ludwig Quaas ein neues, gleichartiges Unternehmen unter der Firma „Günther und Quaas“ errichtete.
Als dritter Unternehmer in der Textilindustrie reihte sich Hermann Kroitzsch an, welcher Ende 1849 seine Fabrik von Teplitz nach Aussig verlegte. Alle drei Unternehmen gediehen sichtlich; sie wurden rasch größer; weitläufige Häuser wurden gebaut. Was Wunder, daß Konkurrenzunternehmungen wie Pilze aus der Erde schossen. Allerdings verschwanden diese letzteren Neugründungen fast ebenso schnell wie sie entstanden waren. Um entsprechend geschulte Arbeiter zu gewinnen, wurde nach kurze Zeit eine Webschule ins Leben gerufen; eine weitere Folge des Aufblühens der Textilindustrie war die Errichtung von Färbereien, wie Alexander C. Ostermeyer, und einer Blattbinderei durch die Firma Suske. In der keramischen Industrie entstanden außer der bereits erwähnten Industrie der Firma Johann Maresch nach und nach 5 Unternehmungen, die aber alle nach kurzem Bestande das Zeitliche segneten.
Im Jahre 1850 erwarb Josef Hönig eine Gerberei, die im Laufe der Zeit sich zu der noch heute unter der Firma Josef Hönig bestehenden Lederfabrik entwickelte.
So schien Aussig ein neuer Mittelpunkt der Textilindustrie in Böhmen neben Reichenberg werden zu wollen. Da setzte in den fünfziger Jahren ein gewaltiger Rückschlag ein; die Handweberei verlor mit der Einführung der mechanischen Weberei ihre Konkurrenzfähigkeit; die allgemeine schlechte wirtschaftliche Lage in Österreich verminderte die Möglichkeit des Absatzes. Viel Geld war verloren gegangen, zahlreiche Wohnungen standen leer. Diese Krise überdauerten nur die Firma C. Wolfrum und Hermann Kroitzsch. Letztere stellt erst 1909 den Betrieb ein; die in der Großen Wallstraße gelegenen Gebäude gingen in das Eigentum der Stadtgemeinde über; im Hauptgebäude befindet sich jetzt das Bürgermeisteramt. Die Firma C. Wolfrum, welche bereits im Jahre 1887 die Umstellung großzügig durchführte, und ihren Betrieb aus der inneren Stadt in das inzwischen erstandene Fabrikviertel verlegte, hat sich als erstklassiges , rationell betriebenes Unternehmen in unserer Stadt erhalten.

Aus: Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper, Band 3 = Aussig. Von Rudolf Lodgman und Erwin Stein (Hrsg.) Deutscher Kommunalverlag, Berlin-Friedenau 1929





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...   Erstellt am 20.10.2009 - 10:52Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Teil II


In den Jahren 1848/49 war die Bahn von Bodenbach am linken Ufer der Elbe erbaut, im Jahre 1850 der Betrieb eröffnet worden. Mit einem Schlage war Aussig dem Weltverkehr erschlossen, den bislang nur die Elbedampfschifffahrt vermittelt hatte.
Insbesondere aber begann neues Leben sich zu regen, als im Jahre 1858 die Aussig-Teplitzer Eisenbahn dem Verkehr übergeben wurde, wenn sie auch freilich den damals ganz bedeutenden Fuhrwerksverkehr, der die Kohlen aus den Türmitzer und Karbitzer Schächten zur Elbe brachte, nach und nach zur Gänze verdrängte. Von besonderer Bedeutung für die Stadt war das Jahr 1850. In diesem Jahre fand nämlich in Wien im Palais des Fürsten Schwarzenberg eine Versammlung statt, an welcher eine ganze Reihe von Mitgliedern des Hochadels und der Hochfinanz teilnahmen, um einen Vortrag des Dr. Christian Clemm anzuhören. Dieselbe zeitigte den Beschluss, in Österreich eine chemische Industrie ins Leben zu rufen. Nach langdauernden Verhandlungen wurde Aussig als Standort gewählt.
Maßgebend für die Wahl war die außerordentlich günstige Lage der Stadt an einer Hauptbahn und an der schiffbaren Elbe; die Aussig-Teplitzer Bahn sicherte den Kohlenbezug im Großen. Im Anfang viel angefeindet, entwickelte sich die Fabrik, mit welcher die Großindustrie ihren Einzug in die Stadt gehalten hatte, nach langjährigen Kinderkrankheiten zum führenden Unternehmen der chemischen Industrie in Österreich. Die Erbauung einer Gasanstalt macht die Stadt als eine der ersten Städte im alten Österreich der Wohltat der Gasbeleuchtung teilhaftig. Durch den Ankauf von Grundstücken und im weitaus höheren Maße durch die gewaltige Erweiterung des Fabrikgebietes in der Folgezeit kam sehr viel Geld in die Stadt. Der Baubeginn brachte reiches Leben; viele neue Bauunternehmer machten sich sesshaft. Beamte und Arbeiterschaft vermehrten den Konsum; die Steuerkraft des Unternehmens erleichtere die städtische Finanzgebarung. Noch heute steht das Aussiger Unternehmen des Vereines für chemische und metallurgische Produktion an der Spitze der chemischen Großindustrie in der tschechoslowakischen Republik. Im Jahre 1928 waren im Werke 340 Beamte und 1960 Arbeiter beschäftigt. Es ist selbstverständlich, dass sich an diese Gründung eine Reihe von Neugründungen kleinerer, und zwar insbesondere chemischer Industrien anschloss. Schon im Jahre 1857 errichtete Josef Kranich unter Verwertung seiner in Deutschland erworbenen Fachkenntnisse eine Lacksiederei und begründete damit die heute in Aussig blühende Lack- und Farbwarenindustrie. Sein Besitznachfolger Carl Dürschmidt brachte das Unternehmen zu gewaltiger Höhe und auch die später folgenden Betriebe Anton Seiche (1881), Josef Hammer (1883), Johann Fischer (1906) erfreuen sich des besten Rufes und steigenden Umsatzes. Die im gleichen Jahre ins Leben gerufene Firma „Franz Perl, Mineralöl- und Fettwarenfabrik“, bestand allerdings nur 18 Jahre und musste 1875 ihren Betrieb einstellen.

Aus: Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper, Band 3 = Aussig
Von Rudolf Lodgman und Erwin Stein (Hrsg.)
Deutscher Kommunalverlag, Berlin-Friedenau 1929


[Dieser Beitrag wurde am 20.10.2009 - 11:06 von Gartenzwerg aktualisiert]





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Teil III


Von dem Direktor der chemischen Fabrik Dr. Max Schaffner wurde 1871 die Österr. Glashüttengesellschaft gegründet, die derzeit im Besitz der Mühlig-Union A.-G. ist. Sie entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer außerordentlich leistungsfähigen Flaschenglashütte. Das Jahr 1868 brachte die Gründung der Klavierfabrik D. A. Albert, deren Erzeugnisse sich bis heute noch besten Rufes erfreuen. In der Gründerperiode entstand die Zementwarenfabrik der Firma Anton Großmann beim alten Hafen, welche heute noch blüht, und die später abgebrannte Kleischer Dampfmühe der Firma Gebrüder Klaus, 1874 wurde an der Bahnlinie gegen Teplitz die Aussiger Paraffin- und Mineralölfabrik erbaut, der aber nur ein kurzes Dasein beschieden war. In einem Teil ihrer leer gewordenen Räume errichtete später die Firma J. H. Bornemann in Meerane über Anregung des Herrn Carl Wolfrum eine Stückfärberei, die 1905 an die Vereinigten Färbereien A.-G. überging. Der Betrieb wurde 1924 infolge der weiten Entfernung der Webereien von Aussig aufgelassen. Im anderen Teile der Räume der Aussiger Paraffin- und Mineralölfabrik siedelte sich die Firma C. Kraus & Co. mit einer Paraffinkerzenfabrik an; letztere wurde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in die Zuckerwarenbabrik Karl Krause & Co umgewandelt.

Die erste Maschinenfabrik in Aussig wurde 1862 von Baron Riese-Stallburg gegründet; später wurde dieses Unternehmen von der Firma Breitfeld, Danek & Co., Maschinenfabrik A.-G., übernommen, die jedoch den Aussiger Betrieb, weil veraltet, im Jahre 1925 einstellte. Anfang der siebziger Jahre errichtete die Priv. Aussig-Teplitzer Eisenbahngesellschaft ihre groß angelegten Werkstätten, die heute noch als Werkstätten der tschechosl. Staatsbahnverwaltung im Betriebe sind.

In der elbabwärts gelegenen Nachbargemeinde Schönpriesen, die im Jahre 1899 eingemeindet wurde, begann die industrielle Entwicklung fast gleichzeitig mit Aussig: als erste Industrie wurde dort im Jahre 1847 von der Firma Eckelmann & Bramsch eine Spititus- und Presshefefabrik gegründet, die heute unter der Firma „Spiritus- und Presshefefabrik GmbH, vormals Gebrüder Eckelmann“ Stellung auf diesem Gebiete einnimmt. Im Jahre 1867 errichtete Dr. Viktor Ruß, seinerzeit ein bekanntes Mitglied des Österr. Reichsrates, eine Brauerei, die nach wechselvollem Schicksale 1892 von der Aussiger Braubürgerschaft erworben wurde. Letztere ist eigentlich das älteste industrielle Unternehmen Aussigs; sie bestand bereits um 1642 und besaß ihr alter Bräuhaus in der Langen Gasse. Dieses wurde nunmehr aufgelassen und der ganze Betrieb nach Schönpriesen verlegt. Einige Zeit später wurden auch die Brauereien in den Nachbarorten Türmitz und Tschochau stillgelegt. Nach dem Aufschwung der sogenannten Gründerjahre (1873) folgte ein allgemeiner Stillstand. Erst anfangs der achtziger Jahre regte sich neues Leben in der Stadt, und zwar zunächst im jetzigen Stadtteil Schönpriesen.

Die Brüxer Zuckerraffinerie siedelte sich dort im Jahre 1882 an und entfaltete sich sehr rasch zu einem ganz bedeutenden Unternehmen. (Forts. folgt)

Aus: Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper, Band 3 = Aussig
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Deutscher Kommunalverlag, Berlin-Friedenau 1929


[Dieser Beitrag wurde am 22.10.2009 - 09:35 von Gartenzwerg aktualisiert]





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Teil IV


Im gleichen Jahr (1882) kam die Firma Georg Schicht nach Aussig, welche in Obersedlitz mit der Fabrikation von Seife begann. Aus dieser Keimzelle entwickelte sich in rascher Folge die Weltfirma Georg Schicht A.-G. zu weitumfassender Tätigkeit.

1883 bauten Fieber, Krobshofer & Bruck die Aussiger Zuckerraffinerie, die später in der Besitz der Landwirtschaftl. Kreditbank überging und 1920 Aktiengesellschaft wurde.

1885 wurde eine Zweigniederlassung von Ernst Heuer in Cotta bei Dresden zur Erzeugung ätherischer Öle in der Nähe des alten Hafens errichtet. 1887 ließ sich die Firma Louis Hessel & Co aus Nerchau bei Leipzig in Aussig nieder und erwarb für ihre Farbenerzeugung die vormals Perlsche Fabrik an der Schönpriesener Straße.

Die Firma Klepsch & Söhne, welche sich bisher nur mit Obsthandel beschäftigt hatte, begann 1897 mit der Konservenerzeugung. Die erstklassigsten Erzeugnisse der Firma sind weltbekannt. Inzwischen hatte sich auch die Arbeiterbewegung auf wirtschaftlichem Gebiete betätigt und schuf im Jahre 1899 die Arbeiterbäckerei, die heute im Stadtteile Schönpriesen ein Großbäckerei besitzt.

Für die weitere Entwicklung der Aussiger Industrie war aber von ausschlaggebender Bedeutung der gegen eine in der damaligen Zeit ganz ungewohnte heftige Opposition von Bürgermeister Dr. Ohnsorg und Stadtrat Ing. Rehatschek durchgesetzte Beschluss der Gemeindevertretung vom 30. April 1898, den Kleischer Meierhof zu kaufen. Damit wurde, nachdem schon früher zielbewusste Grunderwerbungen durchgeführt worden waren, der größte Teil des westlich der Stadt gelegenen Geländes in das Privateigentum der Gemeinde übernommen.

Dank der verständnisvollen Mitwirkung der Aussig-Teplitzer Eisenbahn und ihres Präsidenten Carl Wolfrum wurden diese Gelände durch die Erbauung einer Industriebahn erschlossen und gleichzeitig die direkte Verbindung des Großbetriebes der Österreichischen Glashüttengesellschaft mit der Hauptbahn hergestellt. Nunmehr war es der Stadt möglich, den Interessenden Baugrund zu angemessenen Preisen zur Verfügung zu stellen. Die Verhandlungen, die in der Hauptsache vom damaligen Stadtrate Ferdinand Maresch geführt wurden, brachten folgende Industrien nach Aussig:

Schäffer & Budenberg, Magdeburg, Armaturen und Manometer, 1899; Heinrich Haensel, ätherische Öle, Pirna, 1899: Hydroxygen-Gesellschaft m.b.H., 1903: „Norgine“, pharmazeut.Produkte, 1907; Walzenfabrik G.m.b.H., Siegen, 1907; Fritz Schulz jun., chem.-techn.Produkte, Leipzig, 1910; Eschebachwerke, Dresden, jetzt Hermann Schubert, Eisschrank- und Möbelfabrik, 1910; Union A.-G. für chem. Industrie, 1920. Die schon früher bestandene Kampferraffinerie, jetzt Aussiger Boraxwerk Backer & Gerstley, die 1892 erbaute chem. Fabrik A. Lackmann & Co und der 1887 verlegte Betrieb von C. Wolfrum wurden gleich dem Lagerhaus, der städtischen Gasanstalt, dem städtischen Schlachthaus, an die Industriebahn angeschlossen. Langstein & Klein erbauten eine Akkumulatorenfabrik auf städtischem Grunde, ebenso die Firma Plechaty, jetzt Böhmische Glühlampenwerke A.-G. Die Glühlampenfabrik Zimmer & Zschokke und Josef Kücher, Seilerwaren, fanden Unterkunft in einer aufgelassenen Fahrradfabrik; die Aussiger Röhrenindustrie G.m.b.H. in der vormaligen Lackfabrik Vinzenz Wagner. (Forts. folgt)

Aus: Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper, Band 3 = Aussig
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[Dieser Beitrag wurde am 10.11.2009 - 10:39 von Gartenzwerg aktualisiert]





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Teil V


So entstand im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts in Aussig ein Fabrikviertel, das mit Industriegleis versehen ist, Wasser-, Gas- und Elektrizitätsanschluss bei den städtischen Werken erhalten kann und von vornherein planmäßig und zweckentsprechend ausgestaltet wurde. Dieses Fabriksviertel beherbergt anschließend an die große chemische Fabrik mehr als 20 größere und kleinere industrielle Betriebe. Ein zweites Fabriksviertel hat sich im Stadtteil Schönpriesen in dem westwärts durch den alten Hafen, ostwärts durch den neuen Hafen, nördlich durch die Bezirksstraße Aussig – Bodenbach, südlich durch die Elbe begrenzten Gebiete entwickelt. Dort befinden sich heute die bereits erwähnten Unternehmen der Schönpriesener Zuckerraffinerie A.-G., des Bürgerlichen Bräuhauses A.-G. und der Schönpriesener Spiritus- und Presshefe-Fabrik, vorm. Gebr. Eckelmann, Ges.m.b.H., ferner die Wasserglasfabrik Karl Dlouhy, die chemische Fabrik Gehe & Co. (1909) und E. Heuer, sowie die Zementwarenfabrik Anton Großmann und die Turngerätefabrik (Heinrich Oettl) Ges.m.b.H. neben kleineren Unternehmungen, während nördlich der Straße sich noch die Farbenwerke Lous Hessel & Co, der Ringofenbetrieb der Firma Alwin Köhler & Co., die Lackfabrik Anton Seiche und einige kleinere Industrien anreihen. In der inneren Stadt befinden sich eigentlich nur mehr drei größere fabriksmäßige Betriebe, die Lederfabrik Josef Hönig und die Konservenfabrik Klapsch & Söhne sowie die Terrakottafabrik Ferd. Maresch; an der Peripherie der Stadt gegen Bokau lagert sich längs des oberen Stadtparkes die Malzfabrik, die ursprünglich als Zichorienfabrik bestimmt, von der Firma Pick in eine Malzfabrik umgewandelt, 1891 von der Berliner Bockbrauerei und nach dem Kriege von der Firma Brüder Brode erworben und sich in flottem Betrieb befindet. In der Dulce, einer schluchtartigen Gasse unterhalb des Marienberges, hat die Firma W. Dieck in Prag 1919 eine Kupferschmiede angekauft und zur Fabrik erweitert.

Am rechten Bielaufer hat sich neben der bereits erwähnten Fabrik der Firma C. Dürschmidt im Jahre 1906 die Münzerhütte, Eisen- und Metallwarenfabrik, G.m.b.H., angesiedelt, die sich außerordentlich günstig einwickelt hat, so dass sie mehrfach erweitert werden musste. Bielaabwärts liegt die bereits erwähnte Fabrik der Firma Breitfeld, Danek & Co. Und knapp vor der Mündung der Biela in die Elbe befindet sich heute die letzte Mahlmühle im Stadtgebiete, die von der Firma B. Kraus betrieben wird, welche dem Mühlenunternehmen im Jahre 1913 die Adlerwerke zur Erzeugung von Backwerk angegliedert hat, die sich ganz bedeutend entwickelt haben.

Die verlassenen Räume der Maschinenfabrik Breitfeld, Danek & Co. Und der Vereinigten Färbereien stehen keineswegs leer; in ihnen haben eine Anzahl kleiner Industrien Unterkunft gefunden, die sich allem Anschein nach gedeihlich entwickeln. Die städtischen industriellen Werke, das städtische Elektrizitätswerk (gegründet 1899) und das städtische Gaswerk (1912) sollen in diesem Zusammenhange nur erwähnt werden.

Selbstverständlichentwickelte sich auch in den Vororten ein lebhafte industrielle Tätigkeit. Die Nestomitzer Zuckerraffinerie und die Ammoniaksodafabrik Solvay sind Standardwerke geworden, auch die Maschinenfabrik Gebr. Commichau in der Nachbargemeinde Nestomitz vergrößert von Jahr zu Jahr ihren Betrieb. In Türmitz wurde von der Nordböhm. Elektrizitätswerke-A.-G. ein Unternehmen ins Leben gerufen, das heute weite Strecken des Landes mit Strom versorgt. In dem am rechten Elbeufer gelegenen Schreckenstein seien lediglich die großen Schichtwerke erwähnt.

Wechselvoll waren die Geschicke der Aussiger Industrie. Gar viele Unternehmen haben Schiffbruch gelitten, andere aber ganz gewaltige, ungeahnte Erfolge erzielt.

Mit dem Ankauf des Kleischer Meierhofes war es der Stadt ermöglicht, durch Beistellung von Grund auf die Entstehung von Industrien fördernd einzuwirken; knapp vor und während des Krieges gelang es der Stadt, den sich an das Gelände des Kleischer Meierhofes westwärts anschließenden Prödlitzer Meierhof zu erwerben; es stehen ihr daher noch große Grundflächen an der Industriebahn zur Verfügung. Örtlich ist also der Voraussetzung zur industriellen Entwicklung gegeben. Es wäre zu wünschen, dass die wirtschaftliche Entwicklung die Ausnützung dieser günstigen Gelegenheit ermöglicht.

Aus: Die Sudetendeutschen Selbstverwaltungskörper, Band 3 = Aussig
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[Dieser Beitrag wurde am 08.03.2011 - 16:30 von Gartenzwerg aktualisiert]





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