Tagtraeumerin unregistriert
| Erstellt am 07.04.2009 - 12:37 |  |
Seit einigen Tagen sieht sie ihn nun schon, aber ihr fällt der Mann an der Bushaltestelle nicht sonderlich auf.
Die Uhr an der Bushaltestelle zeigt halb sieben. Noch zwei Minuten, dann müsste ihr Bus hier sein, der sie bis fast vor das Firmengebäude bringen würde.
Am darauffolgenden Morgen zur selben Zeit, steht der Mann erneut an der Bushaltestelle.
Sie selbst steht schon ein paar Minuten da und als sie hier ankam, war sie auch ganz sicher alleine. Wann soll er also gekommen sein?
Und woher sollte er so plötzlich gekommen sein? Sie jedenfalls hat ihn nicht kommen sehen, obwohl sie die Straße zu beiden Seiten weithin einsehen kann. Er steht ganz einfach plötzlich da. Sonderbar! denkt sie.
Dennoch lächelt sie dem Mann freundlich zu. Der Mann lächelt kaum zurück. Er steht nur da und sieht sie an. In seinem Blick liegt aber nichts Aufreizendes, nichts Anzügliches, nichts, das ihr Angst einflößen könnte.
Ihr fällt die eigenartige Farbe seiner Augen auf.
Dieses matte, verschwommene Braun, das beinahe einen Grauschleier trägt. Graufahl auch die Augenhöhlen und die Haut der Lider. In diesen Augen liegt eine tiefe Traurigkeit, aber auch so etwas wie Güte. Fürchtete sie sich etwa vor diesem Mann hier?
Nein, denn dazu ist ja auch nicht der geringste Grund vorhanden. Und unbegründete Furcht wäre doch wohl kaum etwas anderes, als Lächerlichkeit.
Aus der Ferne sieht sie die Lichter ihres Busses auf die Haltestelle zukommen. Wenige Augenblicke später hält er vor ihr. Trotzdem ist sie etwas erleichtert und es weicht eine undefinierbare Beklemmung von ihr, als sich die Bustür vor ihr öffnet und sie einsteigen kann.
Sie geht durch den Mittelgang des Busses ganz nach hinten und läßt sich in der letzten Sitzreihe nieder.
Erst jetzt, als sie schon beinahe suchend über die Köpfe all der Businsassen hinwegsieht, bemerkt sie, dass der Mann von der Haltestelle offenbar nicht mit eingestiegen zu sein scheint.
Der Mann jedoch steht auch nicht mehr an der Haltestelle.
Noch oft an diesem Morgen streifen ihre Gedanken mehr ungewollt die Begegnung mit diesem Mann.
Wird er morgen wieder da sein? denkt sie sich so im Stillen; und wo kommt er denn nur jedesmal so plötzlich her, wo geht er hin, wenn er schon nicht mit dem Bus fährt und weshalb steht er denn überhaupt da?
Irgendwie geht für sie aber auch eine gewisse Faszination von diesem Mann aus.
Ist es seine Reserviertheit, seine Rätselhaftigkeit, die ihn so anziehend für sie macht?
Wenn er morgen wieder dasteht, so denkt sie, versuche ich mit ihm irgendwie ins Gespräch zu kommen — das Geheimnis um ihn zu lüften. Dann wendet sie sich gedanklich anderen Aufgaben des Tages zu.
Am Morgen darauf, zur gewohnten Zeit, steht der Mann bereits unter dem breiten Vordach, als Andrea an der Haltestelle ankommt. „Guten Morgen!" begrüßt sie ihn vernehmlich und lächelt ihm dabei freundlich zu. Er antwortet nicht. Er steht wieder nur da und sieht sie an.
Und wiederum steigt der Mann nicht mit in den Bus.
Er wartet nur immer auf sie oder stellt sich dazu, kommt zu ihr, wenn sie auf ihren Bus wartet. Aber er fährt niemals mit, bleibt jedesmal alleine zurück — jeden Morgen. Am Abend hat sie ihn allerdings noch nie gesehen. Er trägt einen altmodischen grauen Anzug und einen ebenso altmodischen, viel zu kurzen Regenmantel, den er niemals zugeknöpft hat.
Er ist in dem Alter ihres Vaters, als dieser tödlich verunglückte. Sie war damals 7 Jahre alt und hatte seinen Tod bis heute nicht verkraftet.
Ihr Vater hatte auch so einen grauen Anzug und einen viel zu kurzen Regenmantel, den ihre Mutter immer belächelte.
Zu gerne hätte sie etwas von dem Geheimnis erfahren, das diesen Mann für sie umgibt. Wenigstens seine Stimme hätte sie einmal hören wollen.
Am Sonntag besucht sie ihre Mutter.
Ein paar mal nimmt sie auch stockend Anlauf, mit ihrer Mutter über diese sonderbare Begegnung mit diesem Mann zu reden. Aber die Mutter hat ganz andere Dinge im Kopf und hört daher auch kaum zu. Resigniert gibt sie deshalb nach einiger Zeit auch auf, weiter in die Mutter zu dringen.
Was könnte sie denn auch weiter erzählen? Da steht immer ein Mann an der Haltestelle? Nein, nein, er hat mir noch niemals etwas getan. Noch nicht einmal angesprochen hat er mich bisher. Ich habe auch gar keine Angst vor ihm.
Dennoch bedrückt mich seine Gegenwart jedesmal.
Seine Anwesenheit mahnt mich irgendwie — vor irgendetwas. Seine Anwesenheit zeigt mir, dass meinem Freiheitswillen und meiner Lust, Gebote zu überschreiten, die mein Leben lang ihre Gültigkeit hatten, doch Grenzen gesetzt sind.
Ist doch lächerlich, was du dir da alles wieder zusammenreimst und einbildest Kind! würde Mutter sagen und sich wieder anderen Dingen zuwenden
Woche um Woche, Tag um Tag, Morgen um Morgen, wartet er auf sie, nur heute Morgen ist er nicht zu sehen.
Immer wieder sieht sie dabei unruhig auf die Uhr, deren Sekundenzeiger weiter und weiter zuckt. Mein Gott, wo bleibt er denn heute nur?
Von weitem sieht sie die Lichter ihres Busses auf die Haltestelle zukommen, der wenige Augenblicke später direkt vor ihr hält. Wie von Geisterhand betätigt, schwingt die Bustür einladend vor ihr auf. Wie angewurzelt steht sie reglos da. Zweifelnd und schon beinahe verzweifelt. Nein, Sie muss warten! Eine unbekannte Macht hält sie hier wie verzaubert fest.
Der Busfahrer beugt sich nun lächelnd zur offenen Tür.
„Wollen Sie nicht mitfahren?" ruft er heraus. Stumm und etwas verwirrt schüttelt sie nur den Kopf. Worte einer möglichen Erklärung, die auch verstanden würden, bleiben ihr augenblicklich im Halse stecken. Sie sieht in die Augen des Busfahrers wie in leere Höhlen und sie hat keine Erklärung für diese Empfindungen, aber sie macht ihr in diesem Moment etwas Angst.
Nein, sie wird den nächsten Bus in zwanzig Minuten nehmen. Kommt sie heute eben um ein paar Minuten zu spät zum Dienst, was soll's. Was sind noch zwanzig Minuten warten, wenn man ein ganzes junges Leben gehofft, gesehnt und gewartet hat?
Er muss wissen, dass sie hier auf ihn wartet, hier, wo doch auch er so oft auf sie gewartet hatte. Erbarmungslos zuckt der Sekundenzeiger der Normaluhr seine Runden und reißt bei jeder Umdrehung auch die anderen beiden Zeiger ein Stück mit nach oben, den einen mehr den anderen weniger, teilnahmslos, stur.
Ein Martinshorn zerreißt die Stille.
Was ist das heute nur für ein Tag, was geschieht heute mit ihr rundherum? Nichts, aber auch gar nichts ist heute so, wie sonst immer.
Es ist alles so unwirklich heute.
„Der Bus hat das Brückengeländer durchbrochen und ist in den Fluß hinuntergestürzt" hört sie Passanten erzählen
Mein Gott! denkt sie. Ein eiskalter Schauer jagt ihr den Rücken hinunter. Sie fröstelt. Wortlos, ohne eine Frage dreht sie sich um und geht davon.
Sie weiß, dass sie ihn nie mehr wiedersehen wird.
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HollyvanMekeren

Status: Offline Registriert seit: 28.05.2007 Beiträge: 116 Nachricht senden | Erstellt am 16.04.2009 - 10:19 |  |
Begegnung
Fragte ein Außerirdischer einen Erdling aus dem Mittelstand mit Durchschnittsbildung:
"Warum habt ihr soviele Waffen?"
Darauf meinte der Erdling:
„Um uns schützen zu können."
Der Außerirdische:
„Schützen vor was?"
"Vor einem Krieg natürlich!" antwortete der Erdbewohner.
„Warum führt ihr Kriege?" wollte der Mann aus dem All wissen.
Da entgegnete ihm der Erdenmensch unverblümt:
"Ganz einfach, um die soziale Erosion und damit die biologische Evolution des vermeintlichen
Homo sapiens voranzutreiben. Denn es dauert uns zu lange, daraufwarten zu müssen bis Mutter Natur einen solchen Menschen hervorgebracht hat, der vernünftig genug geworden ist, keine Kriege mehr zu führen, vernünftiger als wir es augenblicklich sind, da er seine Probleme auf einer höheren Ebene lösen wird.
„Was meinst du damit?" der Extraterrestier auf die Ausführungen des Erdlings bezugnehmend.
Darauf der Erdensohn:
„Nun, nur die reichsten und mächtigsten, sprich die dümmsten von uns überleben. Wir nennen das natürliche Selektion. Außerdem, als willkommener Nebeneffekt wirken wir so einer etwaigen Überbevölkerung entgegen".
„Ein Intellektueller", dachte der Außerirdische, wohlwollend äußerte er: „Nicht schlecht", wußte sofort was zu tun sei und eliminierte den Erdling, der deswegen nicht mehr zu Wort kam.
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Carpenoctem 

Status: Offline Registriert seit: 19.02.2007 Beiträge: 474 Nachricht senden | Erstellt am 10.07.2009 - 10:52 |  |
Immer noch sehe ich ihr Gesicht vor mir, mit den lebhaften Augen, den ausgeprägten sinnlichen Mund.
Wir hatten keine Rendezvous, keine heimlichen Stunden, sondern nur unsere kurzen Begegnungen im ICE, die mir soviel gaben.
Einmal im Monat wusste ich, dass sie zusteigen wird.
Woche um Woche habe ich diesem Wiedersehen entgegen gefiebert. Vorfreude auf ihre impulsive Art, ihre Begeisterungsfähigkeit, ihr spontanes Eingehen auf vielfältige Probleme, und vor allem ihr Interesse an Buch und Wort, das man heutzutage kaum mehr antrifft, ihre Wortspielerei, um mich zu locken, ihr Lachen und ihre strahlenden Augen, Blicke die offen waren, so offen, dass sie mich betroffen machten.
Und um uns der kühle Rahmen eines des Bordrestaurant.
Bei einer Tasse Kaffee und einem Glas oft aber mehreren Gläsern Sekt sprühten ihre Zauberfunken auf mich über, eine wundervolle romantische Stimmung, wundervoll eigenartig, zauberhaft und unvergesslich.
Unvergesslich, denn auf dieser großen, verwunschenen Welt geschieht es nur selten, dass sich zwei Menschen treffen, die die gleiche Wellenlänge haben, sei es im Geistigen oder Körperlichen — ihr sechster Sinn sendet Signale aus — und ein kleines, knisterndes Feuerwerk entsteht, das funkelt und sprüht, und den sonst so kalten Abend erhellt.
Vielleicht ein Fingerzeig des Schicksals, ein Hauch des Wunderbaren, ein Gruß der verlorenen
Märchen? Die auch heute noch, aber mir ganz selten, plötzlich aufleuchten und dann verlöschen.
Jahre sind seit dem vergangen. Ich habe sie nicht wieder gesehen, keine Adresse, keine Telefonnummer, aber die Erinnerung, an eine Frau, die man nie vergisst.
Und dann ist er wieder da — der Funke, der so kurz gezündet — und mich erinnert an eine sprühende Frau, ein Lächeln, das zum kurzen, hellen Lachen wird. Und mit ihm kommt der ganze Zauber der Erinnerung, die Erinnerung an sie.
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<Johannes> unregistriert
| Erstellt am 11.09.2009 - 11:15 |  |
Die beiden U-Bahnwagen, die nach Süden fahren, stehen schon da. Er steigt rasch ein.
Er geht nach vorn, um nicht von der Zugluft, die durch die gekippten Fensterklappen hereinströmt, getroffen zu werden.
Auf den beiden vordersten Bänken haben sich allerdings schon zwei alte Männer niedergelassen. Sie sehen recht gepflegt aus, tragen Jacketts, Krawatten.
Er setzt sich neben einen, drückt sich in die Ecke, die von den Wagenwänden gebildet ist, hofft, dass die beiden nicht husten.
Die U-Bahn fährt los.
Auf der freien Sitzfläche zwischen dem einem Mann und ihm steht groß und schwarz auf grünem Kunstleder: „Jugos sind geil".
Der Zug hält nun am Viktoria-Luise-Platz.
Der eine ältere Herr sagt zu dem andern: „Wer war eigentlich Viktoria Luise? Die letzte Kaiserin?"
Der verzieht den Mund. „Könnte sein."
Soll er sich einmischen?
„Es war die Tochter Kaiser Wilhelms des Zweiten." Die beiden schauen ihn an.
„Die Tochter?" vergewissert sich der, der das Thema aufgebracht hat.
„Ja. Er hatte sechs Söhne und eine Tochter." „Ach ja."
„Viktoria Luise hat dann den Herzog Ernst August von Braunschweig geheiratet. Das war die Versöhnung zwischen den Hohenzollern und den Weifen. Bismarck hat doch nach dem Krieg von 1866 den Weifen das Königreich Hannover weggenommen."
Der Zug fährt wieder an.
„Ja, ja. Wer ist denn der Jetzige? Wer wäre denn jetzt Kaiser?"
„Prinz Louis Ferdinand von Preußen."
„Ach ja."
„Er hat eine Villa in Berlin."
Der andere Alte schaltet sich ein. „Und bei Bremen hat er doch auch ein Haus."
„Ja. Und dann gehört ihm noch die Stammburg Hohenzollern."
„Der hat doch auch was mit Musik zu tun."
„Prinz Louis Ferdinand komponiert. Wie Friedrich der Große und Wilhelm der Zweite."
„Sie sind kein Preuße?"
„Nein. Hört man wohl."
„Sie wissen aber gut Bescheid über preußische Geschichte."
Der Zug hält wieder.
Er lächelt, packt die Sporttasche, steht auf.
„So, jetzt muß ich raus. Wiedersehen!"
„Auf Wiedersehen!" erwidern die beiden.
„Alles Gute!" ruft ihm einer nach.
Er geht auf dem grauen Bahnsteig zu einer Treppe, steigt hinunter.
Das Gespräch hat zu seiner düsteren Stimmung gepaßt; es bezog sich auf eine untergegangene Welt.
Berlin ist voll von Symbolen des Niedergangs, des Untergangs.
Ein Reichstagsgebäude ohne Kuppel, ein verschwundenes Stadtschloß, an dessen Stelle eine Beton-Glas-Stahl-Konstruktion steht, der übriggebliebene Turm des „Hohenzollerntempels", die Hinrichtungsstätte Plötzensee ...
Er geht durch einen grauen, verstaubten Gang auf einen weiteren Bahnsteig zu.
An der Wand hängen zwei Automaten. Einer für Zigaretten, der andere für Kondome.
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