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...   Erstellt am 11.03.2007 - 12:13Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Schicksalsweg der Landesregierung von Deutschböhmen
von Dr.Werner Wenisch

Der Schicksalsweg der Landesregierung soll vom Beginn bis zu ihrer Auflösung im September 1919 kurz nachgezeichnet werden. Die neu geschaffene Behörde hatte trotz mancher Schwierigkeiten personeller Art die Amtsgeschäfte in Reichenberg aufgenommen. Zuvor hatten auch die Stadtvertretungen von Teplitz und Aussig versucht, Ansprüche auf den Sitz des Amtes vorzubringen, doch schließlich bewirkte die Unterstützung der Handels- und Gewerbekammer Reichenberg, dass die Landesregierung ihre Amtsräume einnahm. Die Vorstände der Staatsämter und die gesamten deutschen Bezirksverwaltungen unterstellten sich der Reichenberger Landesbehörde, und in den deutschsprachigen Bezirken wurden Bezirksnationalräte gebildet. Lediglich die deutschen Beamten der Zentralbehörden in Prag zeigten Bedenken, denn der zweite Runderlass des Statthalterei-Vizepräsidenten Hofrat Kosina, der sich dem Tschechoslowakischen Nationalausschuss zur Verfügung gestellt hatte (vom 11.11.1918), wandte sich gegen die Anordnungen der selbständigen Landesregierung für Deutschböhmen und forderte die Befolgung der Anweisungen der Prager Landesbehörde und damit des Tschechoslowakischen Nationalausschusses. Die Vorarbeiten anlässlich der bereits erwähnten Einteilung der Reichsratswahlbezirke 1907 wirkten sich auf die Abgrenzungsversuche der Provinz Deutschböhmen aus, die 38 Bezirkshauptmannschaften und das Gebiet der Stadtgemeinde Reichenberg umfassen sollte. Zwei Bezirkshauptmannschaften (Arnau und Niemes) wurden neu errichtet, einige tschechische Orte ausgegliedert. Neben den Bezirkshauptmannschaften traten auch die Bezirksnationalräte in Erscheinung, oft durch die Funktionäre des Volksrates organisiert.

Über die Einrichtung der stattlichen Verwaltungsorganisation hinaus wurde auch die Schaffung der Oberbehörden in Angriff genommen: Finanzlandesdirektion, Landeswirtschaftsamt und das Oberlandesgericht Reichenberg, sowie ein Post- und ein Bahndirektion.

Allen diesen Behörden war im Lande nur eine sechswöchige Amtstätigkeit beschieden. Schon Anfang 1918 begann die Besetzung der Provinz durch die nunmehr rasch aufgestellten tschechoslowakischen Gruppen unter dem Befehl des Feldmarschallleutnants Jan Divis. Von deutschböhmischer Seite aufgestellte Volkswehrabteilungen liefen auseinander. Sie waren zumeist von den Bezirksnationalräten gebildet worden, sollten für Ruhe und Ordnung sorgen, doch die Katastrophale Situation zur Zeit des Kriegsendes, der Zusammenbruch, die Hungersnot im Grenzgebiet und die völlige Kriegsmüdigkeit der Heimkehrer bewirkten, dass ein Verteidigungswille nicht vorhanden war. So wurde von der Landesregierung den nach und nach – zuerst längs der Hauptbahnlinien – besetzten Gemeinden oder Bezirken lediglich die Weisung erteilt, Protest gegen die Besetzung des Ortes zu erheben. Dazu muss betont werden, dass gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstands von Padua die Alliierten noch vor dem Friedensschluss in St. Germain das Recht hatten, strategisch sichtige Punkte zu besetzen. Trotz einiger bedauerlicher Zusammenstöße im Brüxer Gebiet und im Böhmerwald war bis Mitte Dezember 1918 das gesamte Grenzland okkupiert, wobei es in dem besetzten Gebiet nicht immer gemäß der Haager Landkriegsordnung zuging. Zahlreiche Proteste erfolgten, doch ihre Wirkung richt nicht weit. An einigen Orten wurde das Standrecht verhängt, und Verfolgungen waren an der Tagesordnung.

Auch die Landesregierung in Reichenberg stand vor der Frage, wohin sie bei einer Besetzung der Stadt ausweichen sollte, um ihre Handlungsfreiheit in der Hoffnung auf Entscheidungen der Friedenskonferenz erhalten zu können. Die Erinnerungen des späteren Abgeordneten Dr. Gustav Peters werfen kurze Streiflichter auf den Auszug aus Reichenberg (11. – 14. Dezember 1918). An eine Niederlassung in Dresden oder Zittau war infolge der Haltung der sächsischen Landesregierung nicht zu denken, so dass als Amtssitz das österreichische Abgeordnetenhaus in Wien gewählt wurde. Hierzu gaben die Abgeordneten aller Parteirichtungen des Landes ihre Zustimmung. Wien bot als Dienstort noch den besten Rückhalt für die Vertretung des Selbstbestimmungsrechts. Am 28. Dezember 1918 ergriff Landeshauptmann Lodgman in der deutschböhmischen Landesversammlung in Wien das Wort und legte dar, wie die Situation Deutschböhmens, eines besetzten Gebietes, einschätzte. In dieser eindrucksvollen Rede erhob er die Forderung, der deutschen Bevölkerung die Möglichkeit der Selbstbestimmung zu geben. Die Lage schien noch ungeklärt. Auch wenn die Gebiete dem tschechischen Staat zugesprochen würden, müsste die Bevölkerung in diesem Staat nach demokratischen oder minderheitenrechtlichen Prinzipien ihre Vertretung und Mitwirkung finden können. So glaubte man. Als im Februar 1919 die Wahlen für den österreichischen Nationalrat ausgeschrieben wurden, war es den Deutschböhmen verboten, daran teilzunehmen, da die CSR das Gebiet bereits vor dem Friedensvertrag als ihrem Staat zugehörig betrachtete. So wäre den deutschen Parteien nur die Möglichkeit der Ernennung von eingesetzten, also nicht gewählten Parteivertretern auf Grund der Reichsratswahlen von 1911 geblieben. Das lehnte jedoch die Sozialdemokratie ab.

Diese Partei rief ihre Mitglieder für den 4. März 1919 zu den landesweit veranstalteten Kundgebungen auf. Es waren große Demonstrationen für die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts, an denen sich alle Parteien beteiligten. Die furchtbaren Tragödien vor allem in Kaaden, Eger, Karlsbad, Mies, Aussig und Sternberg (54 Tote) und an anderen Orten erregten in der Weltöffentlichkeit großes Aufsehen, wie auch die Dokumentationen in den Akten der Landesregierung beweisen. Alle Versuche, bei der deutschen Reichsregierung bezüglich der Anspruche auf Selbstbestimmung Unterstützung zu erhalten, scheiterten. Lediglich die deutschösterreichische Regierung wandte sich mit der Forderung nach einem Schiedsgericht und nach einer Volksabstimmung an die Siegermächte. Doch auch dies war aussichtslos. Die Landeshauptleute Lodgman (für Deutschböhmen) und Freißler (für das Sudetenland) suchten vergeblich in der Schweiz diplomatische Kontakte mit den Alliierten herzustellen. Lodgman gehörte mit weiteren Repräsentanten auch als Fachexperte für die beanspruchten Provinzen der deutschösterreichischen Friedensdelegation in St. Germain an. Dieser Delegation wurde die Zulassung zu den Verhandlungen verweigert, nur schriftliche Einwendungen wurden gestattet, blieben jedoch unberücksichtigt. Die Auffassung der Prager Regierung, von Benes und französischen Fachleuten, Historikern wie Ernest Denis, Eisenmann u.a. ausgearbeitet, wurde anerkannt, im besonderen wurden die damals noch wenig bekannten fragwürdigen Memoranden „das geschlossene deutsche Sprachgebiet betreffend), die doch sicher von Benes redigiert worden waren, den Verhandlungen zugrunde gelegt. Innerhalb von fünf Minuten nach Sitzungsbeginn waren sich alle Delegierten der zuständigen Kommission einig, „die Grenze von 1914 zum Ausgangspunkt für ihre Arbeit zu nehmen.“

Am 10. September 1919 erfolgte die Unterzeichnung des Friedensvertrages in St. Germain-en-Laye, und kurz danach musste die Landesregierung für Deutschböhmen aufgelöst werden. Am 24. September 1919 entließ der Präsident der österreichischen Nationalversammlung Karl Seitz im Rahmen einer Festsitzung die Sudetendeutschen aus dem Staatsverband der Republik. Zum Liquidator der Geschäftsstellen der Landesregierung wurde Lodgman vom Landesrat bestellt, und er hat die Abwicklung der Geschäfte in Wien und schließlich in Aussig (nach seiner Rückkehr nach Böhmen Anfang Oktober 1919) vollzogen. Inzwischen war nach Verhandlungen mit tschechoslowakischen Politikern eine Indemnitätserklärung für die Mitglieder der Landesregierung erfolgt. Außerdem erließ Präsident Masaryk eine Amnestie für die einstigen Mitglieder der deutschböhmischen Landesregierung, über die Ferdinand Peroutka in seinem Werk „Budováni státu“ (2.Bd., 2.Teil, S.1296) folgendes berichtet: „Soweit den deutsche Führern eine strafrechtliche Verfolgung drohte, wurden sie der Amnestie teilhaftig, die nach der Entscheidung der Friedenskonferenz Präsident Masaryk aus der sicherlich richtigen Überlegung heraus erließ, dass derjenige, über dessen Staatszugehörigkeit noch nicht entschieden war, nicht Hochverrat im eigentlichen Wortsinn begehen konnte, auch wenn er dem Willen des Staates zuwiderhandelte, dessen Kompetenz er vorläufig anvertraut war. Es wurde stillschweigend anerkannt, dass die Deutsche berechtigt waren, für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen.“

Somit war dem ehemaligen Landeshauptmann die Möglichkeit demokratischer Mitarbeit im Rahmen der Republik gegeben, und er hat nunmehr als Parlamentarier und Obmann der Deutschen Nationalpartei bis 1925 im Interesse seine Partei für die deutsche Minderheit des Staates in einflussreicher Position gewirkt und sich große Verdienste um das Sudetendeutschtum erworben – in späterer Zeit aus als Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Selbstverwaltungskörper in der CSR in Teplitz. Nach dem Krieg war er - wie allseits bekannt – als erster Sprecher am Aufbau der Sudetendeutschen Landsmannschaft führen beteiligt. Als Demokrat hat Lodgman von 1938 bis 1945 keiner öffentliche Funktion übernommen.

Quelle: Tagebücher des Ferdinand Maresch, redigierte Abschrift von Dr.Werner Wenisch (1990)





Signatur
D.W.Winter


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