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Brack ...
Söldnerhauptmann und Bärentöter
......

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Registriert seit: 20.05.2007
Beiträge: 59
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...   Erstellt am 02.01.2008 - 18:32Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden 


Die Mütze voll Schlaf tat gut. Der nächste Morgen begann relativ unspektakulär. Da Brack schon ziemlich integriert in das Lager war und die meisten der Menschen, die es bewohnten ihn schon zum Inventar zählten, kam er sich nicht mehr so fremd vor und der Umgang mit Hagen und Sarah, die nun mal für das Essen und die niederen Arbeiten zuständig waren, wurde allmählig fast freundschaftlich. An diesem Morgen fand Brack ohne viele Worte und Fragen ein Mahl auf seinem Baumstumpf vor. Er stand auf, brachte seine Gewandung in Ordnung und spannte die Seile seiner Überdachung nach. Anschließend setzte er sich auf den Boden und holte das bereitgestellte Essen vom Baumstumpf. Als der erste Bissen Brot schmackhaft seine Kehle herunter glitt, landete sein Blick bei Ritter Ulrich, der Brack anscheinend beobachtete. Als dieser merkte, dass Brack ihn ansah, prostete er ihm mit seinem Becher zu und Brack erwiderte diese Geste. Nach dem Frühstück räumte Sarah das Geschirr weg und schaute Brack an der sich gerade vom Boden hoch mühte und dabei ausgiebig streckte und mit weit geöffnetem Mund gähnte.
“War’s gut Brack?” sie deutete auf das leere Geschirr.
“ Ja !… Ja, danke“, erwiderte Brack sich immer noch streckend.
Sarah setzte ihren Weg fort und verschwand hinter einem Zelt, wo sich wahrscheinlich die Abwaschstelle befand.
Brack schulterte seine Axt und machte sich gemütlichen Schrittes zum Zelt seines Herren, um nach möglichen Aufträgen zu fragen. Iras saß wie gewohnt beim ausgedehnten Frühstück, zusammen mit Lady Rabea. Brack trat bis zum Tisch vor, verneigte sich und sprach:
“Mein Herr, meine Dame, ich erwarte Eure Befehle für heute.“
Iras schluckte den Bissen herunter, den er gerade im Mund hatte und entgegnete mit ruhiger Stimme:
“Hauptmann Brack, im Moment habe ich nichts. Ihr könnt heute den Tag genießen, auf den Markt gehen oder in den Wald zum Jagen, wenn ihr wollt, denn unsere Fleischvorräte gehen zur Neige, aber es eilt noch nicht, der Vorrat den wir haben, mag noch für ein paar Tage reichen. Haltet Euch bereit, ich lasse nach Euch schicken, wenn ich Euch brauche.“ Iras wandte sich wieder dem Essen zu und begann ein Gespräch mit Lady Rabea.
“Herr, my Lady.“, sagte Brack schnell und entfernte sich wieder in Richtung seiner Schlafstelle.
Ein Zelt an dem Brack schon zig mal vorbei gegangen war, jedoch keine Zeit hatte, diesem eine größere Bedeutung zuzumessen, fiel ihm nun ins Auge. Das Zelt vor dem diese köstliche Suppe köchelte, als er ankam. Er hielt kurz an und schaute sich das Zelt genauer an. Es sah gänzlich unbewohnt aus; er erinnerte sich jedoch daran, dass damals eine Frau aus diesem heraustrat. Brack wollte schon weiter gehen, als zu seinem Erstaunen eine Stimme aus dem Zelt ertönte, die Stimme einer Frau.
“Brack, … Kommt doch herein und guckt nicht nur.“
Brack stoppte. Wie konnte sie wissen, dass er gerade vor dem Zelt stand und dass ausgerechnet er es war? Das war seltsam unheimlich, aber es weckte seine Neugier. Also betrat er langsam das Zelt, seine Axt schützend vor sich her haltend.
Das Zelt sah von innen seltsamer aus, als von außen: Schnüre, an denen Kräuter hangen waren quer durch das Zelt gespannt, so niedrig, dass Brack sich bücken musste, um nicht daran hängen zu bleiben. Seltsame Düfte schlugen Brack in die Nase und an den Seiten des Zeltes standen auf Regalen aufgereiht komische Artefakte, die anscheinend jedes für sich eine besondere Bedeutung hatten.
In der Mitte saß eine Frau mit langen rötlichen Haaren. Sie hatte ein schlichtes Kleid an und über eine Holzschüssel gebeugt, in der ein paar Knochen lagen, schaute sie wie gebannt hinein.
Brack verbeugte sich und fing an sich vorzustellen:
“Ich grüße Euch, ich bin…“, doch bevor er den Satz beenden konnte, unterbrach ihn die Frau:
“Brack, Söldnerhauptmann in unserem Lager, der letzte Überlebende der Roten Wölfe und Ihr denkt, Ihr hättet heute einen freien Tag.“ Brack stutzte.
Wer er war pfiffen ja schon die Spatzen von den Dächern, aber woher wusste die Frau, dass er heute keine Befehle von seinem Herren hatte? Er dachte tatsächlich, dass er heute frei hatte. Das war zu viel für Brack. Er setzte sich vor der Frau auf den Boden und seufzte, dann öffnete er den Mund, um zu sprechen, aber auch da unterbrach ihn die Frau in seinem Vorhaben.
“Ich bin Zora, Kräuterfrau, Wahrsagerin und die Feldscherin hier im Lager. Ich weiß, dass es unhöflich ist, Euch zu unterbrechen, doch bevor Ihr es mir übel nehmt, entschuldige ich mich bei Euch dafür.“
Brack nickte nur noch, ohne ein Wort zu sagen. Kräuterfrauen kannte er gut und er achtete sie, sie brachten nach einer Schlacht Linderung für die tiefen schmerzenden Wunden, die der Feind geschlagen hatte. Eine von ihnen rettete sogar Brack das Leben. Nun wusste er, dass hier eine besondere Frau vor ihm saß, eine weise Frau, deren Fähigkeiten über das dem Menschen Vorstellbare gingen. Brack hörte zu, denn er erinnerte sich genau, was ihm immer über Kräuterfrauen gesagt wurde. Sein Mentor sagte immer folgende Sätze, die nun in seinem Geiste hallten: Wenn eine Kräuterfrau spricht, hör zu! Wenn eine zweite Kräuterfrau dazu kommt, geh fort! Wenn Kräuterfrauen sich streiten, laufe schnell von dannen!“
Zora nahm die Knochen aus der Schüssel und warf sie wieder hinein. Sie schaute erneut in die Schüssel und schüttelte den Kopf. Brack schaute ebenfalls in die Schüssel, aber das einzige was er dort sah, waren ein paar Tierknochen.
“Und Brack, was seht Ihr? “ sprach Zora, die Augen nicht von der Schüssel lassend.
Brack wusste ganz genau, dass es keinen Zweck hatte, zu lügen, also antwortete er wahrheitsgemäß:
“Knochen.“
Zora nickte, nun schaute sie Brack an und sprach:
“Freut Euch nicht zu früh. Der Tag heute wird noch von viel Arbeit geprägt werden, schwerer Arbeit!“
Sie seufzte und schaute traurig wieder in die Schüssel.
“Egal wie oft ich das Ritual von Neuem beginne, die Knochen sprechen immer wieder die gleiche Sprache zu mir, Brack. Macht Euch auf was gefasst! Eine unsichtbare Macht ist im Anmarsch, eine teuflische Armee ist in der Stadt! Sie macht keinen Halt vor Frauen und Kindern. Viel Leid wird es heute Nacht geben, viel Blut. Menschen die sich wie Tiere verhalten, vor Angst, dem Teufel zu erliegen. Kein Krieger, kein Ritter und keine Magie kann diese Armee stoppen! Das einzige, was uns zu tun bleibt, ist zu warten bis der Teufel satt ist und genug Leid ausgestanden wurde.“ Zora hob ihre Augen. Tränen kullerten ihre Wangen herab. Brack schien total versteinert im Angesicht solch dunkler Prophezeiung und vermochte sich nicht zu rühren. Er spürte mit einem Mal die Geister, die sich um ihn versammelten, um solch schwarze Visionen zu überbringen. Brack tippte auf die Schneide seiner Axt und meinte tröstend:
“Ich werde Euch und alle in diesem Lager bis zum letzten Atemzug mit dieser Axt verteidigen!“
Ein sanftes Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht von Zora, doch kurz danach wich dieses ihrer tiefen Trauer und sie sprach wieder mit unheilvoller Stimme:
“Brack, Eure Axt vermag den stärksten Krieger nieder zu strecken, doch heute Nacht wird die Hand, die sie führt auf einen einzigen Befehl hin mit dem Blut von Frauen und Kindern besudelt werden! Gebt Euch nicht die Schuld dafür, auch nicht dem, der Euch diesen Befehl erteilt. Des Teufels Armee wird Euch und Eure Herren zu solch Grausamkeiten zwingen! Nun geht und lasst mich allein. Ich muss mich jetzt ausruhen.“
Scheinbar völlig entkräftet sackte Zora zur Seite und rollte sich zusammen. Ihr Atem wurde ruhig und sie schlief ein.
Brack kroch rückwärts aus dem Zelt, entsetzt von den Worten der Kräuterfrau.
Schockiert blieb er eine Weile vor dem Zelt sitzen, seine Gedanken rasten wie eine Herde Wildpferde durch seinen Kopf.
Frauen und Kinder morden? Ich soll solch abscheuliche Taten begehen? Auf ein Befehl meiner Herren hin? Was ist mit meiner Ehre, mit der Ehre der Roten Wölfe? Was werden meine toten Brüder über mich denken? Was werden die Götter dazu sagen? Fragen über Fragen, die Prophezeiung warf einen dunklen Schatten über die Freude, das im Lager zu sein, was Brack nun war. Das konnte nicht sein, das durfte nicht passieren. Seine Überzeugungen und sein Stolz widersetzten sich den von Zora gesprochenen Worten. Eine Rebellion brach in seiner Seele aus. Was ist, wenn die weise Frau Recht hat und mir wird befohlen solches zu tun? Kann ich mich einem Befehl meines Herren widersetzen? Nein! Sie muss sich irren, sie irrt sich! Unbewusst riss sich Brack vom Boden hoch, erhob seine Axt und schrie in Richtung des Zeltes, das er gerade verlassen hatte:
“Du irrst Dich!!! Hast Du gehört, weise Frau?! Du irrst Dich!!!“ Voll Wut und Verzweiflung wollte er in das Zelt stürmen und der Frau das ins Gesicht schreien, doch bevor seine Beine sich vom Boden abstießen, packte ihn eine Hand an der Schulter und mit einem Ruck riss sie ihn wieder zu Boden. Brack fiel vorwärts in den Dreck und spürte wie sich ein Gewicht auf ihn warf, und dann noch eines. Seine Hände wurden von starken Männerhänden fixiert, bis er sich schließlich nicht mehr rühren konnte. Brack wehrte sich nach Kräften, doch unter dem Gewicht von mittlerweile mehreren Männern, blieb ihm keine Chance.
“Brack! Hauptmann Brack!!! Beruhigt Euch! Sofort! Das ist ein Befehl!!!“ schrie ihm eine Stimme ins Ohr, eine Stimme, die er zu gut kannte, denn es war die seines Herren.
Brack ließ nach und blieb liegen. Es dauerte eine Weile, bis das Gewicht der Männer auf seinen Rücken allmählich nachließ und schließlich ganz verschwand. Er schloss seine Augen, doch bevor er einen Gedanken fassen konnte, riss ihn jemand vom Boden und stellte ihn auf die Beine.
“Brack!? Ist alles in Ordnung? Hast Du Dich wieder beruhigt?“ ertönte die Stimme seines Herren, diesmal ruhig und sanft, ja fast voller Sorge. Brack öffnete langsam seine Augen und schaute sich um, er war umringt von mehreren Männern. Ritter Conrad, Ritter Arnulf, Ritter Ulrich und schließlich Ritter Iras standen um ihn herum und schauten ihn fragend an.
“Ja, ich bitte um Verzeihung meine Herren. Ich verlor die Kontrolle über meinen Geist.“ sagte Brack in untertänigstem Ton und verneigte sich vor jedem der anwesenden Ritter tief.
“Schon gut Brack. Du bist nicht der Erste, der nach Zoras Prophezeiung die Kontrolle verlor.“ sagte Iras verständnisvoll.
“Danke, meine Herren. Es ist nicht leicht, einen Wolf zu bändigen, der außer Kontrolle ist - ich stehe in Eurer Schuld.“ Danach wandte sich Iras zu den übrigen Rittern, die wieder zu ihren Lanzen zurück kehrten.
Brack stand sprachlos da. Es tat ihm leid, dass er so dermaßen die Kontrolle verloren hatte. Sein Herr verbürgte sich für ihn und nun stand Brack vierfach in seiner Schuld, vier Gefallen die er nun um seine Ehre zu wahren, dem Ritter Iras schuldete. Brack hob seine Axt vom Boden und wandte sich zu Iras, neigte sein Haupt und sprach:
“Herr, Ihr habt Euch für mich verbürgt und das vierfach. Ich stehe in Eurer Schuld, die Roten Wölfe stehen in Eurer Schuld. Als erstes möchte ich ein Versprechen ablegen: Bei den Göttern, ich verspreche, dass niemals einer der Roten Wölfe das Schwert gegen Euch oder Eure Männer richten wird und sollte es dennoch passieren, werde ich denjenigen persönlich zur Verantwortung ziehen und zum Kampf auf Leben und Tod fordern.“
Iras lächelte und entgegnete:
“Gut Brack, jetzt sind es nur noch drei. Kommt mit und erzählt mir, was in dem Zelt vorgefallen ist.“
Er drehte sich um und steuerte auf sein Zelt zu. Brack folgte wortlos. Am Tisch angekommen, wo Iras immer frühstückte, setzte er sich wieder auf den gewohnten Platz und schaute Brack fragend an, der sich wie üblich am anderen Ende hinstellte. Die Dame Rabea schaute Brack ebenfalls fragend an und Iras, es sich auf seinen Platz gemütlich machend, blickte kurz zu Brack und sprach:
“Setzt Euch, ich bekomme einen steifen Nacken, wenn ich immer zu Dir herauf schauen muss!“ Lady Rabea rückte ein Stück zur Seite, so dass Brack zur Linken von Iras Platz nehmen konnte.
Unsicher und mit rot angelaufenem Kopf folgte Brack der Einladung und nahm den angebotenen Platz an.
“Nun, was ist passiert?“, fragte Iras neugierig.
Brack erzählte das, was im Zelt von Zora passiert war. Er erzählte Iras alles, seine Befürchtungen, sein Dilemma, seine Zweifel. Rabea hörte auch gespannt zu.
Iras dachte kurz nach und schaute Brack sorgenvoll an. Er sprach leise mit gedämpfter Stimme:
“Brack, uns Christen ist es nicht erlaubt, an Wahrsagungen zu glauben, deswegen möchte ich nicht, dass du jemandem erzählst, was ich Dir hier nun sage.“ Brack nickte, Iras sprach daraufhin weiter:
“Auch wenn viele sagen und vor allem die Inquisition, dass Wahrsagungen Teufelswerk sind, hat sich bisher jede Vorhersage unserer Zora bewahrheitet. Leider , denn sie waren nicht immer gut, sondern eher wie diejenige, die du erhalten hast. Wir sollten uns wappnen und auf das Schlimmste vorbereiten, obwohl wir den Sinn der Prophezeiung noch nicht verstehen. Ich will Euch sagen, was ich weiß, vielleicht haben die bevorstehenden Ereignisse damit zu tun. Unser Markt dauert nun länger, als geplant und das hat sich im Lande herumgesprochen. Viele neue Händler kamen, um ihre Waren zu verkaufen, doch nicht jede Ware lässt sich immer verkaufen. Vor allem alte Lebensmittel werden immer wieder wie in den Städten einfach auf die Straßen geworfen. Dies zieht Ungeziefer an und Bettler die in diesem Abfall herumwühlen, um was Essbares zu finden. Ich habe von manchen Händlern gehört, dass schon viele Bettler krank davon geworden sind, doch gestorben ist noch keiner.“ Iras lehnte sich zurück und sprach wieder mit dem gewohnten Ton seiner Stimme:
“Brack, ich habe nicht umsonst heute Morgen gesagt, dass Ihr vielleicht auf den Markt gehen sollt. Nur so, amüsiert Euch oder geht jagen. Der an den Markt angrenzende Wald soll angeblich voller Wild sein. Na los, schaut Euch dort um.“ Dieser Satz klang aber sehr komisch und wie aus einem Buch. Brack dachte eine Weile nach, denn es steckte etwas anderes in diesem Satz direkt vor seiner Nase, zwischen den gesprochenen Zeilen. Iras holte ein paar Münzen aus seinem Beutel und legte sie auf den Tisch vor Brack.
“Hier, Eure Bezahlung für die letzte Woche.“, sagte er zu Brack, ihn sehr seltsam anschauend. „Geht Euch A - m - ü - s - i - e - r - e - n, nur sooooo zum Spaaaaaß! Amüsiert Euch für mich miiit!“ Brack wollte dieses Geld nicht, er war schon drauf und dran die Münzen von sich zu schieben, doch eins ließ ihn nicht in Ruhe: Wieso Sprach der Herr so seltsam mit ihm? Hielt er ihn etwa nach dem letzten Vorfall für verrückt? Nein, der Gedanke hämmerte sich in Bracks Kopf ein, wie der Schlag seiner Axt. Natürlich, dachte er nun. Ich verstehe, der Herr möchte, dass ich mich für ihn umsehe, ganz heimlich, ohne das es auffällt. Deswegen spricht er so komisch, es soll keiner mitbekommen, dass er etwas vermutet aufgrund einer heidnischen Vorhersage einer Kräuterfrau. Und mit Recht, denn würden das die Templer herausbekommen, hätte Iras einen Verbündeten weniger und statt dessen einen mächtigen Feind mehr.
Brack grinste leicht und Iras merkte an diesem Gesichtausdruck, dass Brack es endlich verstanden hatte. Brack sagte:
“Ohh Herr, zu viel Güte. Aber wenn Ihr wollt, werde ich heute den Tag frei nehmen und tatsächlich über den Markt spazieren und dann werde ich vielleicht Jagen gehen. Interessantes Wild interessiert mich immer, da kann ich auch interessante Beute machen.“ Brack steckte das Geld ein und Iras nickte leicht. Brack stand auf und verneigte sich vor Iras und Rabea.
“Mein Herr, meine Dame.“ Rabea grinste und schüttelte den Kopf, als ob sie damit andeuten wollte, dass sie in die Sache auch involviert war.
Brack verließ das Lager und machte sich auf den Weg zum Marktplatz.
Unterwegs versuchte er seine Gedanken zu sortieren. Brack befürchtete, dass er dort in eine Sache hineingerutscht war, aus der er nicht mehr so schnell heraus kommen würde. Er erinnerte sich noch an das Leben im Lager der Roten Wölfe. Es war einfach im Vergleich zu der Geschichte, die nun lief. Man hatte sein Zelt und eine Feuerstelle, ab und zu kam der Hauptmann und suchte Männer für eine Schlacht, man ging mit oder auch nicht, am Ende winkte eine Bezahlung, die einen über die nächsten Tage brachte. Nun war Brack dieser Hauptmann und was noch schlimmer war: Er hatte noch keine Männer, die er seinen Herren bieten konnte, also blieb die ganze Arbeit an ihm hängen, da er sich nun an Iras verpfändet und ihm Treue versprochen hatte. Eindeutig hatte diese Geschichte auch positive Seiten, Brack hatte genug zu Essen und genoss den Schutz einer Ritterlanze. Man akzeptierte ihn und er fühlte sich nützlich. Das Lager der Duhlsteiner bot ihm ein Zuhause und ruhige, bequeme Nächte in denen er ohne Angst vor Räubern und wilden Tieren seine Augen schließen konnte. Brack überlegte, ob diese Vorteile es wert waren, seinen Kopf für seinen Herren hinzuhalten. Er wusste zwar noch nicht warum, aber es gab da noch etwas anderes, etwas was Brack glaubte zu kennen, aber sich nicht mehr daran erinnern konnte. Es war das Gefühl nach Hause zurück zu kehren. Die Freude das Lager zu betreten und in die bekannten Gesichter zu sehen. All das brachte ihn zu einer Entscheidung, die wahrscheinlich den Rest seines Lebens beeinflussen würde. Er beschloss zu bleiben, sich in der nächsten Zukunft eine würdige Unterkunft zu besorgen, vielleicht ein Zelt und einen Platz neben dem Zelt seines Herren zu beziehen. Ein paar Männer um sich zu scharen und damit seinen Herren die erwünschte Söldnerrotte zu bieten, die natürlich gegen Bezahlung an seiner Seite und der seines Herren es gegen jeden Gegner aufnehmen und den Feinden stets eine schmachvolle Niederlage bescheren kann. Es war Brack durchaus bewusst, dass ein Zelt teuer war und ihm ohne entsprechende Ausrüstung, die einem Iras würdig war, der Platz neben dem Zelt des Herren verwehrt bleiben würde. Auch die Suche nach geeigneten Kriegern würde sich sehr schwierig gestalten. Vor allem jetzt, da die meisten Söldnerrotten von Vogelfreien Banden vernichtet worden waren und die, die überlebten, befanden sich auf Kreuzzügen, um wieder Geld zu verdienen. Der ganze Rest waren entweder Feiglinge, die während ihre Rottenbrüder um ihr Leben kämpften wegliefen oder Überlebende die meistens verletzt oder schwer verstümmelt wurden. Brack runzelte die Stirn. Eine Menge Arbeit wartete auf ihn und er musste jede Menge Aufträge von seinem Herren bekommen, um genug Geld zu verdienen für ein Zelt, auch eine Ausrüstung war nicht gerade billig.
So in Gedanken versunken ging Brack langsam den Waldweg entlang, der bekanntlich am Markt endete.
Eine Kollision mit jemandem brachte ihn wieder in die Realität zurück und seinen Hintern hart auf den Boden.
Brack schaute nach der Ursache der schmerzhaften Landung. Auf dem Boden sitzend vor ihm schaute Brack einen Mann an, der in eine blauen Kutte gekleidet war und eine Kapuze auf dem Kopf trug. Um den Hals gehangen hatte er ein schlichtes Lederband, an dem dieses merkwürdige Symbol befestigt war, das Brack schon vom Templerlager her kannte. Also erhob sich Brack und half auch dem Mann auf die Beine.
“Entschuldigt meine Unachtsamkeit.“, sprach Brack zu dem Mann, während er ihn vom Dreck befreite.
“Nicht der Rede wert“, entgegnete der seltsam gekleidete Mann.
“Wisst Ihr, wo ich das Lager des Ritters Iras von Hagenburg finde?“ fragte der Mann weiter, seinen Stab auf den er sich stützte vom Boden aufsammelnd.
Brack nickte:
“Ja, das weiß ich. Was wollt Ihr von meinem Herren?” fragte er forsch. Der Mann musterte nun Brack von oben nach unten und sein Blick landete auf Bracks Axt. Der Mann lächelte und sprach wieder:
“Aaahja, Ihr seid vermutlich Brack, der neue Söldner vom Herren Iras. Man hat mich vor Euch gewarnt, Ihr sollt schnell und unerbittlich mit Eurer Axt sein... Ich habe jedoch keine Angst vor Euch, denn ich weiß, dass Eure Söldnerehre es verbietet, einem Priester Leid zuzufügen.“
Brack trat einen Schritt zurück und sprach mit einem deutlichen Ton, der nicht gerade bedrohlich, aber ernst und streng klang:
“Ja, Priester, Ihr habt Recht. Ich würde niemals einen Mann der Götter angreifen und ja, ich bin Brack, Hauptmann Brack und es ist meine Pflicht für die Sicherheit meines Herren und seines Gefolges zu sorgen. Das ändert die Sache etwas, meint Ihr nicht? Was wünscht Ihr also von meinem Herren?“
Der Priester zuckte zusammen.
“Schon gut, schon gut. Beruhigt Euch wieder. Ich möchte nichts Böses, ich bin schließlich ein Mann Gottes. Mein Orden schickt mich zu Eurem Herren. Es geht um den Markt und ich soll mich vom Gesundheitszustand im Lager überzeugen. Wir Johanniter sind Heiler, wisst Ihr? Also keine Sorge.“
Brack war zufrieden mit dem ihn entgegen gebrachten Respekt und musterte den Priester noch einmal und sprach, diesmal nicht mehr so streng, aber ernsthaft und mit einer angemesseneren Lautstärke:
“Geht diesen Weg entlang, Priester, bis Ihr an die Waldkante kommt. Dort befinden sich zwei große Lagerplätze, das Lager zur linken Seite ist das der Templer, das zu Rechten ist das, welches Ihr sucht. Das Zelt des Herren Iras befindet sich im hinteren Teil des Lagers.“
So trennten sich die Wege der beiden Männer wieder. Der Priester machte sich auf den Weg Richtung Lager und Brack setzte seinen Weg zum Markt fort.
Kurze Zeit später erreichte Brack auch sein Ziel und stand nun am Rande des Marktes. Er betrat den Marktplatz und spazierte langsam an den Ständen der Händler vorbei. Tatsächlich war die Anzahl der Stände mehr geworden und nach genauerem Hinsehen, auch hinter den Ständen, fielen die Müllhaufen, die langsam ein Innenleben entwickelten, auf. Die starke Entwicklung von Maden und Würmern wurde durch das warm-feuchte Wetter noch begünstigt, so dass nicht nur der Anblick sondern auch der Geruch einem ungewohnten Magen den Appetit gehörig verderben konnte. Brack ging weiter und nach der ersten Beobachtung hatte er tatsächlich beschlossen, etwas genauer nachzuschauen. Halb um den Markt herum passierte Brack die Stallungen, dort herrschte ein besonders starker Geruch, der ihm fast den Atem raubte. Nur wenige Menschen hielten sich dort auf, nur die, die besonders dringend mussten. Aber auch diese verschwanden schnell, nachdem sie ihr Geschäft erledigt hatten. Brack wollte schon weiter gehen und das nicht ohne Grund. Im letzten Moment jedoch vernahm er Geräusche, die hinter den Stallungen herzukommen schienen. Einmal tief Luft geholt, schlich sich Brack hinter die Absperrung der Stallungen, doch was er dort sah, ließ sein Frühstück wieder vom Gedärm in Kehlenhöhe wandern.
An einem großen Haufen verdorbenen Fleisches hockten zwei Bettler, die in Lumpen gekleidet waren und die Kapuzen tief in das Gesicht gezogen hatten. Sie durchwühlten den nach Verwesung stinkenden Haufen mit den Händen nach Essbarem. Brack konnte sich nicht vorstellen, dass es dort noch Essbares gab, einer der Bettler jedoch hob ein Stück Fleisch auf und schien es tatsächlich zu essen. Als der andere Bettler dies sah, rückte dieser zu seinem Kumpanen, nahm ihm das restliche Fleisch aus der Hand und biss ebenfalls herzhaft hinein. Brack wurde schlecht und er stieß laut auf. Das blieb von den Bettlern nicht unbemerkt und einer von ihnen drehte seinen Kopf in Bracks Richtung. Da die Kapuze ziemlich tief in das Gesicht des Bettlers gezogen war, konnte Brack nicht das ganze sehen. Die blasse Unterhälfte des Gesichtes endete in einem verklebten ungepflegten Bart, am linken Mundwinkel der entstellten und aufgeplatzten Lippen kämpfte gerade noch eine fette Made um ihr Leben, der Rest der Madenfamilie ergriff gerade im Bart des Bettlers die Flucht. Brack drehte sich angewidert weg und verließ den Platz so schnell er nur konnte. Er betrat wieder den Marktweg, holte tief Luft und blieb gebeugt stehen, sein Magen rebellierte und seine Lunge fühlte sich wie mit Blei gefüllt an. Eine Weile verharrte er in dieser Stellung, bis endlich das üble Gefühl nachließ und Brack weiter gehen konnte, was er auch schnell tat. Er beschloss seine Marktrunde zu beenden und in den an den Markt angrenzenden Wald zu gehen. Eine Jagd würde ihm jetzt wirklich gut tun, um das gerade erlebte zu vergessen.
Brack betrat also den Wald und ging ein Stück weit hinein. Er fing an nach Spuren zu suchen und eine Weile später musste er feststellen, dass es keinerlei Tierspuren gab. Wieso sagte Iras, dass der Wald voller interessanter Beute wäre? Hier waren eindeutig keine Tiere zu finden. Brack vertraute aber mittlerweile auf das Wort seines Herren und suchte weiter. Nachmittags konnte Brack immer noch keine Tierspuren sichten, gab die Suche auf und orientierte sich kurz. Er bestimmte die Richtung zum Lager. Im Wald hatte er zwar nichts finden können, aber das, was er auf dem Markt sah würde Iras bestimmt interessieren. Brack schlug sich durch das Unterholz und nach mehreren Metern kam er an eine kleine Lichtung, wo ihm deutliche Schleifspuren auf dem Boden auffielen. Es war keine einzelne Spur sondern mehrere übereinander liegende, als ob jemand mehrere schwere Sachen hier entlang gezogen hätte. Er folgte dieser Spur, die weiter in den Wald führten. Brack hockte nieder und schaute sich diese Spur genauer an. Das Gras und Laubwerk war von der Spur weggefegt und an manchen Stellen konnte man eine seltsame Flüssigkeit entdecken. Sie stank bestialisch und hatte eine gelbliche Farbe. Brack ekelte sich viel zu sehr, um diese anzufassen. Doch das brauchte er auch nicht, der penetrante Geruch war auch stehend deutlich zu vernehmen. Er ging weiter und nach wenigen Metern schlug ihm hinter einer Buschreihe herkommend ein starker Verwesungsgeruch in die Nase. Brack ahnte Böses. Sein armer Magen erreichte wieder die Drehgeschwindigkeit einer Windmühle. Befehl ist Befehl, dachte Brack im Stillen und trat mutig hinter das Gebüsch. Dahinter endete die Spur abrupt in einer Grube, in der mehrere Kadaver vor sich hin gammelten. Es waren Leichen von Bettlern - manche in Jutesäcke eingehüllt, manche einfach so hineingeworfen. Die Leichen waren vermutlich nicht sehr alt, schätzungsweise drei bis vier Tage und deutlich zu sehen mit eitrigen beulen übersät, aus denen der stinkende Eiter heraus quoll. Brack blieb stehen und wandte sich ab, er schüttelte sich und nahm unverzüglich den Weg zu seinem Lager in Angriff. Schnellen Schrittes lief er durch den Wald, immer Richtung Lager ohne Halt zu machen. Wieder an der Waldkante angekommen, sah Brack schon das Zelt seines Herren und den Tisch an dem wie üblich Iras, Rabea und diesmal der Priester saßen und aufgeregt diskutierten. Brack ließ die Waldkante hinter sich und überquerte die Wiese, an deren Rand das Lager lag. Er betrat das Lager und steuerte den Tisch an. Iras bemerkte ihn und wies ihm direkt einen Platz an seiner linken Seite, ohne Worte setzte sich Brack auf dem zugewiesenen Platz. Schwer atmend schaute er um sich, fragende Blicke kreuzten sein Sichtfeld und nachdem Brack etwas zu Atem gekommen war, sprach Iras seinen Kopf Richtung Brack hinbewegend:
“Brack, wir warten schon auf dich. Bruder Guidonius kennt ihr bereits. Er ist gekommen, um vielleicht das Schlimmste zu verhindern. Sein Orden hatte sich auf Heilung spezialisiert und unsere nächsten Schritte hängen davon ab, ob Ihr Eure Arbeit richtig gemacht habt. Also sprecht: Was hat Euer aufmerksames Söldnerauge erblickt?“ Brack schluckte laut und nickte Guidonius zu. Er schaute Iras ins Gesicht und sprach leise:
“Herr, Schreckliches bahnt sich an! Ich habe einen Fluch gesehen! Menschen, die Würmer essen und Tote, die im Wald weggeworfen wie Abfall herumliegen. Der Gestank aus der Hölle!“ Er erzählte Iras detailliert von seinen Entdeckungen und schloss seine Erzählung mit der für ihn im Moment wichtigsten Frage ab:
“Herr, was sollen wir tun?“
Guidonius und Iras, sichtlich entsetzt im Angesicht von Bracks Worten, schauten sich an. Die Dame Rabea seufzte nur tief und sprach zu Brack:
“Eure Arbeit in allen Ehren, aber konntet Ihr nicht bessere Neuigkeiten bringen?”
Brack antwortete ernsthaft, denn auch ihm waren die sorgenvollen Blicke von Iras und Guidonius nicht entgangen.
“Lady Rabea, ich habe nur meinen Auftrag erledigt, so wie der Herr es mir auftrug.“
Iras sprach dazwischen:
“Ihr habt gute Arbeit geleistet, Brack. Lasst Euch nicht durch die Worte der Dame beirren. In der Tat ist es schlimmer, als ich dachte und Lady Rabea weiß, was nun folgen muss, deswegen ihre Besorgnis. Auch Euch werde ich nun eröffnen, was als nächstes zu tun ist. Aber bevor Ihr entscheidet, hört Euch die Worte von Bruder Guidonius an.“ Iras übergab das Wort an den immer noch entsetzten Guidonius, der sich langsam nun in Richtung Brack wandte und leise sprach:
“Brack, das was Ihr gesehen habt ist kein Fluch, es ist eine Krankheit. Wir nennen sie die Pest! Sie ist sehr ansteckend und in der Lage ganze Völker auszulöschen. Es gibt nur einen Weg dieser Einhalt zu gebieten: Eine Säuberung. Es ist eine grauenvolle Aufgabe und sie muss überraschend geschehen, damit die Kranken keine Möglichkeit haben, das Weite zu suchen und durch ihre Flucht die Krankheit weiter zu tragen.“ Guidonius verstummte, aber bevor Brack Fragen stellen konnte, sprach Iras weiter:
“Diese Aufgabe kann ich Euch nicht befehlen, Hauptmann. Wie Guidonius schon sagte, es wird grauenvoll. Entscheidet selbst: Wollt Ihr mitkommen? Wollt Ihr Euch der Aufgabe stellen und gegen das drohende Unheil an unserer Seite kämpfen?“ Brack überlegte eine Weile. Er wusste zwar nicht, was eine Säuberung ist und wie sie vonstatten ging, aber der erwartungsvolle Blick seitens Iras ließ ihm keine Wahl.
“Ja Herr, ich werde mit Euch gehen.“ Iras nickte zufrieden und Guidonius stand auf. Die Holzbank überschreitend auf der er vorhin saß, sagte er zu den Versammelten:
“Es wird Zeit, die Templer zu benachrichtigen und die Säuberung mit ihnen abzusprechen.“ Brack schaute ihm nach, als er langsam das Templerlager betrat und schließlich hinter dem Wehrtor verschwand. Nun stand auch Iras auf und sprach zu Brack:
“Es gibt nun viel zu tun, ich muss mich jetzt um viele Sachen kümmern. Ich erwarte Euch beim Mondaufgang vor dem Lager.“ Er schritt zu der Dame und reichte ihr seine rechte Hand. Rabea stand auf und legte ihre Hand in die von Iras und beide verließen langsam das Lager. Sie waren auf dem Weg zur Burg, anscheinend wollten sie Savertin von der Lage in Kenntnis setzen.
Brack ging wieder zu seiner Schlafstelle, setzte sich unter sein Dach in das Stroh und träumte vor sich hin. Wie gerne hätte er jetzt ein paar Männer. Er würde jetzt zu ihnen gehen und ihnen einen Job anbieten. Denen, die sich bereit erklärt hätten mitzumachen würde er mit strengem Ton die Gefechtsbereitschaft befehlen. Sie würden sich aufrüsten, ihre Waffen in Ordnung bringen und dann bereit sein ihm und seinem Herren zu folgen, sogar bis in den Tod.
Der Abend verlief ruhig. Irgendwann kehrte auch Guidonius zurück in das Lager und kurze Zeit später auch Iras samt Gefolge. Ein reger Botenaustausch begann zwischen dem Templerlager und Iras. Er verbrachte den Abend eigentlich nur mit Lesen von Botschaften und mit Schreiben der Antworten auf diese.

Es war bereits dunkel, als Brack bemerkte, wie der Mond langsam seine silberne Scheibe über die Baumwipfel erhob. Das war der Zeitpunkt, den Iras meinte, also stand Brack auf und machte sich auf den Weg zu der von Iras beschriebenen Stelle. Von Weitem konnte er die Fackeln sehen, als er näher kam, trat er in eine Versammlung von Männern die je nach Lagerzugehörigkeit und Kleidung kleine Grüppchen bildeten. Er sah sich um und entdeckte zwischen den vielen Gesichtern drei, die ihm bekannt waren. Konrad, Arnulf und Guidonius bildeten wohl die Gruppe, die seinem Lager angehörte. Brack trat dieser bei und sprach:
“Seid gegrüßt, meine Herren.“
Die Ritter nickten Brack grüßend zu und Konrad sprach leise zu Brack:
“Grüße Euch, Hauptmann Brack. Gut, dass Ihr auch dabei seid. Wir können jeden Mann gebrauchen.“
Kurze Zeit später trat Iras in die Mitte der Versammlung und erhob die Stimme:
“Männer! Eine schwere Aufgabe steht uns bevor. Die Pest hat das Volk befallen und unsere Pflicht ist es, diese Krankheit zu beenden! Deswegen werden wir gleich eine Säuberung durchführen. Dank meinem Hauptmann Brack, der sich heute gegen Mittag ein Bild der Lage machte und diese Informationen mit Erfolg an mich weiter gab, konnten die genauen Herde der Krankheit ausgemacht werden.”
Ein anerkennungsvolles Raunen überlief die Menge, ein paar Hände klopften Brack freundlich auf die Schulter. Er hatte Glück, dass es relativ dunkel war, denn so konnte man den roten Kopf den Brack nun vor Verlegenheit bekam, nicht genau sehen. Iras sprach indes weiter:
“Jeder, der die Krankheit aufweist, wird in Kader genommen, die schon Verstorbenen werden auf einen Karren geladen und das ganze wird Richtung Burg getrieben. Macht keine Ausnahmen! Es geht darum, das gesunde Volk vor der Krankheit zu bewahren. Sollte jemand von euch scheitern und einen Kranken entkommen lassen, ist die Säuberung umsonst gewesen und wir müssen befürchten, dass noch mehr sterben werden.“
Nach diesen Worten wurde die Menge still. Auch Iras verstummte und alle hielten ein paar Sekunden inne, bis die Stimme von Iras wieder die Stille zerriss:
“Habt keine Furcht um euren Seelenfrieden! Die Tempelbrüder haben eine Selbstgeißelung beschlossen, um die Sünden, die wir heute Nacht auf uns laden werden, abzumildern. Außerdem sind bei Bruder Guidonius Ablassbriefe zu bekommen. Bruder Guidonius ist bereit, jeden, der sich nach heutiger Nacht schuldig fühlt Morgen die Absolution zu erteilen und die Beichte abzunehmen. Bruder Guidonius wird jeden, der sich mit dem unreinen Blut der Kranken besudelt, nach der Säuberung eine Kräutermixtur verabreichen, um den Ausbruch der Krankheit in den eigenen Reihen zu verhindern. Die Abfallhaufen werden mit Öl übergossen und verbrannt um die Krankheit auf dem Marktrund auszurotten.“
Die Stille der Nacht dauerte an, nachdem die letzten Worte von Iras verhallt waren. Keiner rührte sich, nach einer Weile ergriff Iras als erster eine Fackel, hob sie in die Luft und schrie:
“Im Namen unseres Herren im Himmel: Lasst uns dem Teufel die Stirn bieten und das Leid beenden!!!“
Auf diesen Ruf hin rissen sich ein paar Templer die Kleidung vom Leib und harte Peitschenschläge prasselten auf ihrem Rücken nieder. Mit schmerzverzehrten Gesichtern folgten sie Iras. Auch Brack erhob eine Fackel und eilte seinem Herren hinterher. Direkt neben ihm bildeten die Pikeniere einen quadratischen Kader, der aus ihren Lanzen bestand und hinter diesem wurde ein schwerer Handkarren angeschoben. Auf der anderen Seite des Kaders bezog Ritter Konrad die Stellung und schrittgleich mit Brack folgte er der Spitze, bestehend aus Iras, Guidonius und dem Komtur der Templer, der ein riesiges Kreuz in die Luft hielt. Als das Gefolge den Markt erreichte, stellte Brack fest, dass das Volk ausgelassen feierte. Eine Falle, um alle Kranken auf die Straßen zu locken. Bevor er sich versah, riss einer der Männer einem Bettler die Kapuze vom Kopf. Ein blasses und entstelltes Gesicht kam zum Vorschein. Entsetzlich entstellt und voller eitriger Beulen. Der Bettler wurde direkt in das Kader gestoßen. Als er zu fliehen versuchte, stießen ihn die Pikeniere unsanft wieder hinein. Kurz darauf hin wurde ein zweiter Mann verhaftet, er schrie und jammerte laut und schwor auf alles, was er besaß, dass er nicht krank sei, doch die Beulen in seinem Gesicht zeugten von einer anderen Tatsache. Eine Frau streckte diesem Mann ihre Arme entgegen und schrie in Panik seinen Namen, doch Ritter Konrad stieß sie hart zurück. Sie schlug unsanft auf dem Boden auf und blieb anscheinend bewusstlos liegen. Ein kleiner Junge sprang heran und versuchte seine bewusstlose Mutter aus dem Gefahrenbereich zu zerren. Mittlerweile wurde ein junges Pärchen in den Kader geworfen, vollkommen apathisch und desorientiert klammerten sie sich krampfhaft aneinander. Auch Brack wurde es langsam aber sicher klar: Es gab kein Entrinnen.
“Was passierte hier?“ dachte Brack verstört. All die Menschen in dem Kader, die Templer, deren Rücken schon blutig von den Peitschenhieben waren, der Karren, der sich allmählich mit Leichen füllte... Wer hatte die Menschen alle umgebracht? Was haben sie getan, um solche Qualen erleiden zu müssen? Und das alles vor den Augen der Götter? Sind die Götter so grausam oder sind es wir Menschen, die ihre Grausamkeit übertreffen und als Entschuldigung ihren Namen verwenden? Dies war der Teufel von dem Zora sprach und wir sind die schwarze Armee! Wir klammern uns an unseren Glauben und füttern den Teufel mit Leid anderer, bis er satt genug ist, um uns frei zu kaufen und ihm nicht selbst zu verfallen. Grausam, grausamer als jede Schlacht, als jede Hinrichtung.
“Brack, neben Dir!!!“, hallte eine Stimme von der anderen Seite des Kaders. “Brack !!! Was ist los mit Dir?” Brack wirbelte herum und sah Konrad, der wild auf etwas zeigte, was sich anscheinend neben Brack befand. Er schaute neben sich. Ein Mann kauerte direkt neben ihm auf dem Boden und sich erbrechend, versuchte er kriechend aus Bracks Reichweite zu kommen. Wilde Gedanken schossen Brack durch den Kopf.
“Was soll ich jetzt tun?“, dachte er. Ist der Mann wirklich krank? Hat er den Tod verdient? Seine Gedanken und das kürzlich Erlebte waren zu viel für ein einfaches Söldnergemüt, das er nun einmal war. Das Tier brach in Brack durch. Kein denken mehr! Keine Gefühle! Kein Mitleid, keine Gnade! Nur noch Instinkte, die Urtriebe des Tieres, der Drang zu überleben und jeden Eindringling aus seinem Revier zu entfernen, sein Rudel zu schützen!
Also griff Brack nach dem Mann und erwischte seine Haare. Als er ihn mit voller Kraft vom Boden heben wollte, gab die von der Krankheit geschwächte Kopfhaut des Mannes nach und ein Büschel Haare an dem ein Stück eitrige Haut haftete, verfing sich in Bracks Hand. Doch er hörte nicht auf, Brack warf das Stück Haut auf den Karren und griff noch einmal nach dem vor Schmerzen schreienden Mann. Diesmal erwischte er seinen Hals. Der abgemagerte, von der Krankheit ausgezehrte Körper des Mannes hob vom Boden ab und im hohen Bogen die Absperrung überfliegend, schlug dieser mitten im Kader auf dem Gesicht liegend auf. Einer der Pikeniere trat schnell zu dem Mann und drehte ihn um, sein Kopf bewegte sich, als ob er an einem Band befestigt worden wäre. Der Pikenier packte ihn an der Hälfte des Körpers und warf ihn anschließend auf den Karren, auf dem die Toten transportiert wurden.
“Er ist tot.“, sagte er zu einem der Männer, die den Karren bedienten. “Er hat ihm gerade mit einer Hand das Genick gebrochen“ sagte der Kämpfer und deutete unauffällig auf Brack. Beide schauten ihn kurz an und nahmen schnell ihre Blicke von Brack, als ob sie Angst hätten, dass er mit ihnen gleich dasselbe machen würde.
So ging es immer weiter und weiter. Begleitet vom Knallen der Peitschen der Templer, den Schreien der Gefangenen und dem Gestank brennenden Abfalls erreichte der Pestumzug das Kinderkarussell. Den letzten Punkt, bevor es zu Burg ging. Das Karussell befand sich an Bracks Seite. Im Fackellicht erkannte er am Rande des Karussells eine gekrümmte, wimmernde Gestalt, die etwas fest umklammerte. Brack trat heran und riss dieser Gestalt die Kapuze vom Gesicht. Eine junge Frau schaute ihn entsetzt an. Sie sprach mit ihren vereiterten Lippen, ein ekliger Gestank schlug Brack in die Nase:
“Herr, nehmt mich, lasst aber mein Kind am Leben! Ich bitte Euch, lasst mein Kind leben!”
Brack schaute auf das Bündel Stoff, das sie in den Armen hielt und die Frau streckte ihm dieses entgegen, als ob sie ihn nun für ihr Kind verantwortlich machen würde. Brack nahm es entgegen und schob den Stoff zur Seite. Was er dort sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Das kleine Menschlein, das sich in den Tüchern befand, schaute ihn mit leeren Augen an. Das Gesicht blass und aufgeplatzt, die Wangen eingefallen. Es atmete nicht mehr, das Kind war tot.
Wut und Ekel überfielen Brack. Das Tier übernahm nun endgültig die Kontrolle über Bracks Taten. Er schleuderte das Bündel mit voller Wucht auf den Karren. Die Mutter - laut aufschreiend - riss sich vom Boden und hechtete hinterher. Brack ließ dieses jedoch nicht zu, mitten im Sprung versetzte er der Mutter einen heftigen Schlag mit der Faust ins Gesicht. Blut und Eiter spritzten auf die bunten Pferde des Karussells, das er ein paar Tage zuvor noch mit Freuden antrieb und mit dem Herren Savertin über seine Missgeschicke lachte. Die Frau brach von dem gewaltigen Schlag niedergestreckt zusammen und sackte zu Boden. Brack packte sie am Kragen und warf sie in den Kader der mittlerweile erweitert worden war, aufgrund der Masse an Menschen, die sich dort befand. Einer der Kranken half der Frau auf die Beine und zog sie mit. Ein anderer wagte es, Brack ins Gesicht zu schauen. Er erschrak sichtlich und wich zurück und schrie in die Menge:
“Seine Augen!!! Seht seine Augen!!! Sie glühen rot !!! Der Teufel wird uns holen!!!“ Brack wandte sich ab.

Er atmete schwer, um ihn herum wurde es still. Nur der Schlag seines Herzens und das Geräusch seines Atems begleitete diesen Zustand der völligen Leere. Sein Geist schien sich von seinem Körper zu lösen und er sah das Tier vor sich. Es kam langsam auf ihn zu und lächelte vertraut. Er streckte seine Hand aus und das Tier legte sein Kopf vertrauensvoll in seine Handfläche. Der Kopf des Tieres versank in der seiner Hand und langsam verschmolzen sie beide zu einer Einheit - sie waren Eins, Mensch und Tier in einen Körper vereint, ein Gefühl des Friedens erfüllte seine Seele und Brack verfiel in eine sanfte Euphorie. Er schwebte fort und wünschte sich, dass dieser Zustand ewig andauern würde, keine Probleme, keine Sorgen, keine Fragen. Brack wusste nicht, wie lange er in diesem Zustand verharrte. Ein Klopfen auf der Schulter holte ihn in die Realität zurück. Die Gedanken waren wieder da und das Tier wich langsam wieder seinem Verstand.

Er fand sich auf den Boden sitzend wieder , Ritter Konrad legte sanft seine Hand auf Bracks Schulter und sprach:
“Alles in Ordnung Brack!? Es ist vorbei, wir haben sie alle.” Brack stand auf und schaute sich um. Der Marktplatz war leer, die im Kader eingesperrten Menschen hatten sich anscheinend mit ihrem Schicksal abgefunden und standen wie eine Herde Schlachtvieh ruhig da. Die Geißler waren am Ende ihrer Kräfte angelangt und zogen vor Schmerz stöhnend saubere Kleidung über ihre blutigen Rücken. Vorne schaute Iras den beiden zu und rief Brack zu:
“Hauptmann, alles gut?”
Brack antwortete:
“Ja Herr, mir ist nur etwas schlecht geworden.“
Guidonius trat zu Brack in seiner Tasche kramend. Nach einer Weile holte er eine kleine braune Flasche aus seinem Beutel und reichte sie Brack.
“Hier, trinkt das. Es wird Euch stärken und verhindern, dass Ihr krank werdet.“ Brack schaute zu Iras und dieser nickte ruhig. Er öffnete die Flasche und trank daraus. Das Zeug schmeckte scheußlich, es war bitter, es brannte in der Kehle und doch nach wenigen Momenten, fühlte Brack dass die Stärke in seinen Körper zurückkehrte. Guidonius wiederholte diese Prozedur bei den anderen Helfern. Er gab jedem einen Schluck der seltsamen Mixtur, am Ende nahm er selbst und Iras auch diese ein.
Nachdem Iras die Mixtur runtergewürgt hatte, befahl er mit deutlichen Ton.
“Zur Burg, lasst es uns zu Ende führen!“
Die Karawane bewegte sich nun langsam in die Richtung der Burg. Dort angekommen, übergab Iras seine Ladung den Kerkerwächtern und gab den Befehl zum Rückzug. Brack wollte sich wieder auf den Weg in Richtung Lager machen, Iras jedoch rief ihm zu:
“Wartet auf mich Brack, wir sind noch nicht fertig. Bruder Guidonius wird gleich zu Euch stoßen.“ Das schwere Eisengitter schloss sich vor Brack und das Gefolge löste sich allmählich auf. Kurze Zeit später stand Brack alleine mit seiner Fackel vor dem Tor, jedoch nicht lange. Eine kleine Tür ging im Wachtor auf und Guidonius kam heraus. Er steuerte auf Brack zu und sobald angekommen sprach er:
“Das letzte Sakrament ist gespendet, jetzt ist es nur eine Frage der Zeit.”
“Mmhm” entgegnete Brack und schaute Richtung Mond.
Guidonius verstand, dass Brack gerade nicht nach Reden zumute war und stellte sich still neben ihn.
Eine Stunde später ging mit lautem Rumpeln das Tor wieder auf. Diesmal wurden zwei Karren aus den Tor herausgeführt. Den einen kannte Brack, der andere von zwei Ochsen gezogen, war neu und mit einem blutigen Leinentuch zugedeckt. Gleich hinterher durchschritt Iras in Begleitung mehrerer Knechte das Tor. Er trat auf Brack zu und sprach:
“Brack, könnt Ihr mir zeigen, wo die Grube ist, von der Ihr gesprochen habt?“
Brack nickte und antwortete leise:
“Folgt mir, Herr.“
Nach einer kurzen Suche fanden sie die stinkende Grube. Iras sprach kurz mit einem der Knechte und die Karren wurden allmählich in die Grube geleert. Als der zweite Karren abgedeckt wurde, wusste Brack, was mit den Gefangenen geschehen war. Säuberlich getrennt lagen ihre enthaupteten Körper neben den Körben mit ihren Köpfen. Die Knechte warfen einen nach dem anderen in die Grube, bis auf dem Karren nur noch zwei Fässer standen, die aufgemacht wurden und nun auch in die Grube entleert wurden. Ein scharfer Geruch stieg Brack in die Nase, der Geruch von Lampenöl. Guidonius trat nun vor die Grube, nachdem die Knechte mit ihrer Arbeit fertig waren und segnete die menschlichen Überreste. Anschließend verteilte er seine Mixtur an die Knechte, die sich einer nach dem anderen schüttelten. Nun schaute Iras Brack erwartungsvoll an und sprach:
“Brack, dank Eurer Hilfe konnten wir die Krankheit besiegen. Ihr sollt das ganze nun beenden und die Seelen der armen Teufel frei lassen.“ Er deutete auf die toten Körper.
Brack nahm seine Fackel und trat an die Grube. Leise sprach er:
“Mögen die Götter Euch willkommen heißen.“ Er warf seine Fackel hinein, worauf die Leichen dank der Menge des Lampenöls sofort in Flammen aufgingen. Er drehte sich weg und schaute Iras an. Dieser nickte ihm zu.
Die Karawane machte sich auf den Rückweg und ihre Wege trennten sich am Lager, die Karren zogen weiter Richtung Burg. Iras, Guidonius und Brack bogen in das Lager ab. Brack wollte sich schon verabschieden und seine Schlafstelle aufsuchen, Iras jedoch langte ihm auf die Schulter und richtete seine Schritte auf sein Zelt zu, Guidonius eilte hinterher.
“Ich habe guten Met.“, sprach Iras leise zu Brack. Es klang wie eine Einladung und es war eine. Am Zelt angekommen, forderte Iras Brack und Guidonius auf, Platz zu nehmen und verschwand in seinem Zelt. Kurze Zeit später erschien Iras wieder vor dem Zelt und hielt in den Händen zwei große Tonflaschen. Er öffnete eine und reichte sie Brack. Die andere öffnete er ebenfalls und füllte einen Krug mit Met, diesen reichte er Guidonius.
“Na dann: Zum Wohl!“, sprach Iras und setzte die Flache an. Nun tranken sie zusammen - wie lange? Sehr lang! Eine Flasche nach der anderen wurde geleert und Iras holte immer wieder volle Flaschen aus dem Zelt. Bracks Kopf wurde schwer, das Sichtfeld verdoppelte sich und die Zunge wurde taub. Den Kopf auf dem Tisch gelegt wollte Brack noch einmal nach einer Flasche greifen, doch seine Hand gehorchte ihm nicht mehr. Er stieß mit dem Handrücken gegen eine leere Flasche und sie fiel zu Boden.
Bracks Hand blieb regungslos auf dem Tisch liegen.





Signatur
Schwarz , ist die Farbe der Geborgenheit .


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