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...   Erstellt am 15.06.2006 - 02:05Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Westen

(Erinnerungen eines alten Trappers, der im vorigen Jahrhundert einmal „Alaska" genannt wurde.)



Yeah, es ist lange her...

Wir schreiben ein neues Jahrtausend und ich merke es an den Augen und in allen Knochen, daß ich langsam alt werde.
Der Westen ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

Ja, früher,- da konnte man sich noch das Bowiemesser, den Kugelbeutel und seinen Colt einstecken, das Pulverhorn und die Kentuckybüchse schultern und tagelang durch die Wälder streifen.
Charly Schmutzfuß, Nick Bones, „Kid" Webber, Geronimo, und Vierauge Boris waren lange Zeit meine engsten Freunde und Begleiter.
Besonders Vierauge war in dieser Zeit immer wie mein eigener Schatten.


Zu Hunderten haben wir die Bleikugeln selbst gegossen. Als Schußpflaster diente meistens ein altes Trapperhemd und als Geschoßfett war uns Hirschtalg, Bärenfett oder Schmierseife gut genug.
Das Schießpulver haben wir auch selbst gemacht und wenn einmal das Salz ausgegangen war, konnte man es sogar zum Würzen des Büffelfleisches abends am Lagerfeuer verwenden.
Und im Herbst ist kein Blatt zu Boden gefallen, das nicht ein Loch in der Mitte hatte.


Anno .74 / .75 - in der Zeit der großen Indianerkriege - war ich mit Nick Bones über ein Jahr bei der 8th Cavalry als Kundschafter und Scout.
Unter dem Sattel haben wir das Büffelfleisch weichgeritten, aus geröstetem Hafer oder Mais haben wir Kaffee zubereitet und in der Glut des Lagerfeuers haben wir aus Sägespänen, Birkenrinde, gekochten Eicheln und Salz unser Brot gebacken.
Im Winterbiwak haben wir uns oft nur mit der Flamme einer Kerze und mit Whisky gewärmt, weil wir kein Lagerfeuer machen durften.
Aber es gab auch andere Tage, wo wir kein Auge zumachen konnten, an denen die Schießeisen Tag und Nacht dröhnten und nicht kalt wurden.

Die Indianer gaben mir den Namen: „Lakota ikejelo tatanka yaka-hee", was übersetzt soviel heißt wie: „Jäger, der den Büffel ins Auge trifft"

Nun, die Büffelherden gibt es schon lange nicht mehr und so mancher der alten Weggefährten wie z.B. Nick Bones und Vierauge mußten auch schon vorzeitig ins Gras beißen.
Schließlich hat es auch General Custer und seine ganze 7th Cavalry anno .76 am Little Bighorn erwischt.
Charly Schmutzfuß hat sich eine indianische Squaw genommen und sich zur Ruhe gesetzt.
Auch mein alter Freund Geronimo ist zurückgegangen ins Reservat, nachdem ihn seine Squaw verlassen hat und auch sein Bruder in die ewigen Jagdgründe zum großen Manitou gegangen ist.

Die Zeit der alten Kämpfer ist vorbei.

Heute laufen nur noch junge Grünschnäbel herum, die jeden Tag warm Duschen und sich zum Scheissen doppellagiges Klopapier kaufen.
Sie haben aber alle einen amtlichen Schein vom Gouverneur, wo draufsteht, daß sie ein Gewehr anfassen und sich ein paar Pfund Schießpulver kaufen dürfen.

Diese Warmduscher tragen am Schießstand das Gewehr mit weit ausgestrecktem Arm und mit der Mündung nach oben zum Schießplatz.
Sie setzen sich eine Brille auf und stopfen sich Watte in die Ohren.
Das Schießpulver wird heutzutage in dünne, zerbrechliche Glasröhrchen abgefüllt und nicht - wie es sich im Westen gehört - in eine schöne Pulverflasche oder in ein Pulverhorn.
Das Zündhütchen setzen diese Feiglinge auch erst kurz vor dem Schuß und nicht - wie die alten Trapper - bereits vor dem Laden des Pulvers.
Wenn mal gerade nicht das richtige Schußpflaster oder das Geschoßfett im richtigen Kaliber vorrätig ist, sind sie völlig ratlos und können vor Hilflosigkeit überhaupt nicht mehr Schießen.
Wenn das die Indianer wüßten...

Aber über dieses neumodische Waffengesetz der Regierung wissen sie alles und glauben, den „alten Hasen" ungefragt darüber Belehrungen geben zu müssen.
Das geht schon so weit, daß auf diesen neumodischen Schießplätzen die alten Trapper ganz herablassend als „Unwürdige" tituliert werden, nur weil sie diesen Wisch vom Gouverneur nicht in der Tasche haben.
Yeah, der Westen ist auch nicht mehr das, was er einmal war...

Oft denke ich zurück an so klangvolle Namen wie Alamo, Bull Run, Manassas, Shenendoah, Shiloh, Pittsburgh, Get-tysburg, Harpers Ferry, Little Round Top, Chattanooga und Cold Harbor, aber auch an den Knast in Andersonville und den Litte Bighorn, an gesetzlose Rinderstädte westlich des Mississippis wie Tombstone, Dodge City, Abilene, Sweetwater, Kansas City, Laramie und St. Louis, dem Tor zum Westen, von wo aus alles seinen Ausgang nahm:

Die großen Siedlertrecks nach Oregon und San Francisco, wo der Schweizer Johann Suter Gold gefunden hatte, der Pony- Express, der jedoch bald vom „singenden Draht" abgelöst wurde, sowie die erste transkontinentale Eisenbahn der Union Pacific Railroad mitten durch das Indianergebiet, die Plains, die Rockies und die Sierra Nevada bis Frisco.
An Sitting Bull, Quannah Parker, Red Cloud, Crazy Horse, Running Bear und Chief Joseph, an Cochise, Geronimo und Vittorio.

An die Trapper der Hudson Bay Company, den Chisholm- Trail, auf dem die Longhorns Cole Thorntons von Texas nach Abilene in Kansas getrieben wurden, an Roswell, Durango, El Dorado, Chihuahua, El Paso und Laredo, wo sich der ganze Abschaum der Yankee- Desperados herumtrieb: Glücksritter, Deserteure, Spieler, steckbrieflich gesuchte Killer und Kopfgeldjäger.

An den Yukon im Norden von Alaska, den Chilcoot- Trail, an Skagway, Whitehorse, Forty Miles und Dawson City, an Jack London, Burning Sunrise, Sundance Kid und Soapy Smith, wie wir das Gold aus dem Klondyke gewaschen haben und wie wir es wieder ausgegeben haben in den Bars und Saloons, wo jeder Mann nur so viel wert war wie sein Colt.

Ich denke an Namen wie Davy Crockett, Daniel Boone, Jim Bowie, Sam Houston, Ulysses S. Grant, der es später bis zum Präsidenten gebracht hat, Phil Sheridan, den alten Säufer William T. Sherman, Sam Colt, aber auch an einige gute Männer des Südens: Robert E. Lee, Stonewall Jackson, James Stuart, Wade Hampton mit seiner gefürchteten Reitermiliz, an Buffalo Bill Cody, George A. Custer, Billy the Kid, Frank und Jesse James, die Youngers, Wild Bill Hickock, Black Bart, Lucky Luke, Indiana Jones, die Daltons, die Clantons, Wyatt Earp, Doc Hollyday, Richter Roy Bean, John Wayne und an den alten Sam Hawkens aus St. Louis.
Er hat meine erste Plains- Rifle gebaut, die mir bis heute gute Dienste leistet.

Yeah, es war ein weites und rauhes Land.

Aber auch Namen wie Kathie Elder, Calamity Jane, Chihuahua-Pearl und diverse Rosies, Marys und Conchitas gehören zur Geschichte des Westens.



© „The Mississippi Chronicle" St. Louis/ Illinois im Januar 2002


Anmerkungen zur Kurzgeschichte:

Diese Geschichte habe ich geschrieben anläßlich einer kleinen Auseinandersetzung mit meinen Freunden auf dem Schießstand für Vorderlader- Schützen.
Dort war ich zwar der Teilnehmer mit der längsten Erfahrung in diesem Bereich, (ca. 30 Jahre) jedoch ohne gültigen Schwarzpulver- Erlaubnisschein.

Den Spitznamen ALASKA hatte ich früher wirklich.
Insider wissen natürlich auch, wer mit Vierauge Boris, Geronimo, Kid Webber und Nick Bones gemeint ist. Dies waren Freunde von mir aus früheren Zeiten, bzw. deren Spitznamen.
Vierauge Boris und Nick Bones sind mittlerweile verstorben.
Auch die Zeit bei der 8th Cavalry im letzen Jahrhundert (1974/75) ist Realität. (Bundeswehr 8. Aufkl. Batallion)
Ebenso der Schuß mitten ins Auge des Büffels. (Büffel- Zielscheibe auf dem Schießstand)

[Dieser Beitrag wurde am 14.07.2006 - 21:43 von Minotaurus aktualisiert]





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