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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 21.04.2007 - 18:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Wert einer Kritik / Bewertung / Rezension


Bereits des Öfteren habe ich im Literarischen Quartett des TV die Literaturkritiken unseres „Literaturpapstes“ Marcel Reich-Ranicki mitverfolgt. Sie gehören zu den gnadenlosesten und schonungslosesten Kritiken, bzw. Verrissen, die unsere Republik je gehört hat. Und zwar ohne daß dieser Mann in der Verantwortung steht, es selbst besser machen zu müssen.
Man könnte beinahe den Eindruck gewinnen, seine Kritiken an den Werken der jeweiligen Autoren sind nur deshalb so vernichtend, WEIL er es eben selbst nicht besser kann.

Herrrlich! Grrrässlich!

Gibt es im "Quartett" ordentliche Analysen literarischer Werke?
Nein, niemals.
Wird hier vereinfacht?
Unentwegt.
Ist das Ergebnis oberflächlich?
Es ist sogar sehr oberflächlich.

(MRR in "Mein Leben", Seite 538)


Soviel zum Literarischen Quartett, aber nun zu den vielen Autorenplattformen, von denen es unzählige im Internet gibt:
Welchen Stellenwert hat die Bewertung eines Textes für den jeweiligen Hobby-Autor und welchen Stellenwert hat der Kritiker selbst?
Spielt es für den Autor vielleicht sogar eine Rolle, von wem die Kritik stammt?
Wird die Kritik eines Schreiberlings, der selber sehr gute Geschichten schreibt, viel eher angenommen als die Kritik eines völlig unbedarften Lesers, der selbst vielleicht gar nicht dazu in der Lage ist, etwas gut zu formulieren?
Oder anders gefragt: Ist es unbedingt erforderlich, daß z.B. in einem Restaurant der Gast, dem das Essen nicht geschmeckt hat, auch selber gut kochen kann? Ist diese Fähigkeit für die Abgabe einer Kritik über das Essen überhaupt von Bedeutung?

Sehr oft wird ja die Kritik eines Menschen, der selbst nichts fachbezogenes geschaffen hat, in Frage gestellt. Ja, sehr oft wird sogar der Wert des Kritikers selbst in Frage gestellt mit der Begründung: "Wer selbst nicht schreiben kann, der wird eben Lehrer - oder Kritiker."

Ist die Kritik eines Lesers wirklich weniger wert als die Kritik eines Erfolgsautoren?
Ist es für einen Hobbyschreiber überhaupt sinnvoll und hilfreich, Kritiken von „Autorenkollegen“ zu bekommen? Hat nicht jeder Autor seinen eigenen Schreibstil, der für ihn das Maß aller Dinge darstellen?
Ein einfaches Beispiel: Der Eine liebt komplizierte Schachtelsätze, der Andere eher Einwortsätze. Beides ist in der Literatur erlaubt, denn ohne das Eine oder das Andere gäbe es weder einen Thomas Mann, noch einen Ernest Hemingway.
Ebenso verhält es sich natürlich mit knappem, informativen Telegrammstil oder opulenten und ausschweifenden Erzählungen. Nüchterne, emotionslose Sprache oder „schwurbelndes Gewäsch“. Beide Stilrichtungen haben ihre Verfechter.
Das persönliche Empfinden des jeweiligen Lesers (und des Kritikers) aber ist sehr unterschiedlich und genau danach wird auch seine Kritik ausfallen.

Welchen Stellenwert haben Punkte und/oder Benotungen für einen Autor? Oder anders gefragt: Kann der Autor daraus etwas ablesen, was ihm hilft, seine Schreibe zu verbessern oder verwässert so etwas eher die Aussagekraft einer wörtlichen Kritik?

Und weil wir gerade beim Thema sind: Welchen Wert haben Gefälligkeitskritiken, die einzig und alleine dazu dienen, den Autor nicht zu brüskieren? In den meisten Fällen geht es jedoch darum, im Anschluß ebenfalls eine wohlwollende Kritik von ihm zu erhalten.
Auf einer anderen Plattform ist es Sitte, unliebsame Kritiken einfach zu löschen und von dieser Option wird seitens der „Autoren“ reger Gebrauch gemacht. Oft genug habe ich mir über diesen Löschwahn bereits den Schnabel verbrannt.
Wie ehrlich darf, sollte, oder muß eine Kritik sein?

Persönliche Beleidigungen helfen niemandem, aber wohlwollendes „Bauchpinseln“ leider auch nicht. Beides bringt einen Autor in seiner Entwicklung nicht weiter.
Man muß nicht unbedingt Elke Heidenreich, Sigrid Löffler, Iris Radisch, Jürgen Busche oder Hellmuth Karasek heißen, um einen Text bewerten zu können. Ebenso wenig ist dafür ein abgeschlossenes Germanistikstudium oder eine Professur erforderlich.
Meiner Meinung nach bemißt sich der Wert einer Kritik sowohl nach einer objektiven, also sachlichen und fachlichen Aussage, aber auch nach einer rein subjektiven Aussage, die nur die emotionelle Wirkung des Textes, bzw. des Inhaltes auf den Leser beschreibt. Und das kann jeder.

Eine nichtssagende Kritik wie z.B. „Toll geschrieben, ich bin begeistert!“ oder „ So ein Mist!“ nützt dem Schreiberling jedoch gar nichts. Auch nicht dann, wenn so eine Kritik von einem bekannten Bestseller-Autor kommen würde. Nur weil ein bekannter Name dahintersteht, ist eine Kritik nicht automatisch wertvoller, als es eine Kritik von Lieschen Müller sein würde.
Wichtig ist nur, daß der Autor dieser Kritik etwas entnehmen kann, das er für sich verwerten und umsetzen kann.

Marcel Reich-Ranicki jedenfalls würde sagen: „Die Deutlichkeit ist die Höflichkeit der Kritik der Kritiker.“ (im Literarischen Quartett am 18. März 1993)

Außerdem sagte er zum Thema Literatur folgenden, überaus treffenden Satz:





Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki)

<s.tefan>
unregistriert

...   Erstellt am 27.04.2007 - 14:19Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Für mich gibt es nur einen wichtigen Kritiker: den Leser bzw. Zuhörer. Wobei der Zuhörer eigentlich noch wichtiger ist, denn er reagiert spontan und ungefiltert. Am Gesicht des Zuhörers kann ich ablesen, ob er gelangweilt ist, genervt, pikiert, interessiert, gefesselt, erfreut, begeistert oder was auch immer. Nirgends merkt man so gut wie beim Vorlesen, wenn Geschichten oder Passagen schwach sind und nicht ankommen. Es sagt zwar eigentlich niemand was Negatives, aber man spürt es sofort.

Wenn Reaktionen von Lesern kommen, dann sind sie meist positiv, weil dort schon wieder eine Kritik-Hemmschwelle liegt. Aber auch da kommt durchaus mal was Konstruktives.

Ich selbst bewerte den echten Konsumenten, der nicht selbst schreibt und nicht über literarisches Fachwissen verfügt, als Kritiker sehr hoch. Denn für den schreibe ich und bei dem muss es ankommen. Der nämlich will unterhalten werden, und genau das ist der Anspruch, den ich an mich als Autor stelle. Ich will nichts Wertvolles schaffen, sondern einfach unterhalten.

Weiterhin schätze ich den wirklich aufmerksamen und objektiven Leser, der merkt, wenn ich mich wiederhole, Dopplungen benutze, unsauber formuliere, Unklarheiten oder sonstige Mängel schaffe oder mit „olle Faselfehler“ vorwirft. So einen habe ich glücklicherweise zur Zeit als „Privatlektorin“.

Und da gebe ich gern zu, dass es mir anfangs schwer fiel, Verbesserungsvorschläge anzunehmen. Mittlerweile habe ich die Qualität ihrer Überarbeitung erkannt und weiß sie zu schätzen. Und ich lerne daraus. Zwar langsam und unzuverlässig, aber ich versuche jetzt auf Dinge zu achten, die mir früher einfach nicht aufgefallen sind. Das ist Kritik, wie ich sie mir wünsche. Durch sie werde ich besser.

Unsere selbsternannten Volkskritiker interessieren mich nun gar nicht und ich kenne sie auch nur vom Namen her. Was mich natürlich nicht hindert, ihnen kleine Nebenrollen in meinen Satiren zu überlassen.




Minotaurus ...
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...   Erstellt am 30.04.2007 - 19:46Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


s.tefan schrieb
    Für mich gibt es nur einen wichtigen Kritiker: den Leser bzw. Zuhörer.
    Ich selbst bewerte den echten Konsumenten, der nicht selbst schreibt und nicht über literarisches Fachwissen verfügt, als Kritiker sehr hoch. Denn für den schreibe ich und bei dem muss es ankommen. Der nämlich will unterhalten werden, und genau das ist der Anspruch, den ich an mich als Autor stelle. Ich will nichts Wertvolles schaffen, sondern einfach unterhalten.

Diese Einschätzung kann ich bedenkenlos unterschreiben, denn es ist immer der "Endverbraucher", der einem Künstler oder einem Autor die wirtschaftliche Existenz ermöglicht.
Aber auch das eigene Ego wird durch diese Anerkennung befriedigt, diesen wichtigen Aspekt sollte man ebenfalls nicht völlig außer Acht lassen.
Denn ich finde, genau dies ist der eigentliche Antrieb, etwas zu veröffentlichen, auszustellen oder vorzutragen, nicht die Hoffnung auf die vermeintlich "große Kohle."
Allerdings ist es für den Erhalt einer solchen Kritik erforderlich, bereits etwas ausgestellt, veröffentlicht, oder vorgetragen zu haben.

Etwas anders verhält es sich bei jemandem, der auf diversen Künstler- oder Autorenplattformen seine ersten "Gehversuche" unternimmt. Dieser Personenkreis wird sich - zumindest am Anfang - sehr wahrscheinlich mehr oder weniger an den Kritiken, Meinungen und/oder Kommentaren seiner "Kollegen" orientieren.
Auch ich habe das früher mal so gemacht, aber ich denke, über die fachliche und sachliche Kompetenz solcher "Kollegenkommentare" darf man ruhig einmal nachdenken.
Einige "Elite"-Plattformen sind für Kommentare von "Nur-Lesern" völlig abgeriegelt. Sie schmurgeln also ausschließlich im eigenen Saft, ohne jeglichen Bezug und Orientierung nach außen.
Andere dagegen sind gar nicht für ein objektives Kommentarsystem vorgesehen, denn das würde viele Kinder (auch große Kinder) verschrecken. Eine lobende Bemerkung, sowie gute Benotung ist dort völlig ausreichend, alles Andere wird gelöscht.

Aber es gibt auch das genaue Gegenteil.
Es gibt z.B. eine "Autorenplattform", auf dieser ist es nicht nur erwünscht, sondern sogar zwingend erforderlich, daß sich der Autor nach dem Erhalt einer negativen Kritik nochmal mit seinem Text auseinandersetzt und ihn entsprechend nachbearbeitet, bzw. "verbessert."
Wie so etwas nach dem Erhalt von mehreren, völlig konträren Kritiken aussieht, kann man sich bestimmt lebhaft vorstellen.
Selbstverständlich ist es dafür von Bedeutung, zu einem inneren Zirkel von "Experten" zu gehören, dessen Epizentrum natürlich der jeweilige Admin, bzw. die Admina ist.
Verweigert sich der kritisierte Autor einer geforderten Überarbeitung, so wird sein Text entweder in eine Korrekturecke verschoben oder gelöscht.

Insofern sich solche Kritiken z.B. auf bedenkliche Inhalte, bzw. grobe Struktur- oder Grammatkfehler beziehen, kann ich solche Entscheidungen gerade noch nachvollziehen, aber spätestens wenn es um Umfang, Stil und Duktus geht, wird das ganze System etwas zweifelhaft.
Glücklicherweise gibt es nicht sehr vieles, vor dem ich Respekt oder gar Ehrfurcht empfinde und meine masochistische Ader hält sich ebenfalls in erträglichen Grenzen, deshalb kann ich über solche Dinge herzhaft lachen.
Aber nicht jeder Anfänger kann das, schon gar nicht dann, wenn er sich und seine Werke für ungemein wichtig nimmt. Viele sind gekränkt oder sie reagieren gar verschreckt auf solche Koryphäen der Literatur. MRR ist dafür ein ebenso bekanntes Beispiel wie Dieter Bohlen in einem anderen Bereich.





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(Marcel Reich-Ranicki)

<s.tefan>
unregistriert

...   Erstellt am 03.05.2007 - 08:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ist natürlich richtig, dass man bereits an eine gewisse Öffentlichkeit gegangen sein muss, um „Endverbraucherurteile“ zu erhalten. Für mich kenne ich es nicht anders, denn ich bin erst in Foren aufgetaucht, nachdem ich veröffentlicht hatte.

Und eindeutig ist Anerkennung wichtig für die Arbeit. Ich möchte die Reaktionen und den Applaus nicht missen. Jeder, der mal auf einer Bühne oder vor Publikum etwas dargebracht hat, weiß, wie toll so etwas ist.

Ebenso wird jeder nüchtern denkende Autor mit Realitätssinn erkennen, dass die große Kohle eine Wunschvorstellung ist, die für die wenigsten in Erfüllung geht. Den Wert der geistigen Leistung darf man eh nicht rechnen. Aber ich freue mich, wenn ich nach einer Lesung wohlgelaunt nach Hause komme und außerdem noch ein paar knisternde Zehner in der Tasche habe.




Minotaurus ...
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...   Erstellt am 29.05.2007 - 19:49Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


s.tefan schrieb
    Den Wert der geistigen Leistung darf man eh nicht rechnen.

Warum eigentlich nicht? Ist diese Leistung etwa nichts wert?

s.tefan schrieb
    Ebenso wird jeder nüchtern denkende Autor mit Realitätssinn erkennen, dass die große Kohle eine Wunschvorstellung ist, die für die wenigsten in Erfüllung geht.
    Aber ich freue mich, wenn ich nach einer Lesung wohlgelaunt nach Hause komme und außerdem noch ein paar knisternde Zehner in der Tasche habe.

Diese Einschätzung kann ich schon eher unterschreiben. Leider wird diese Realität von den meisten Künstlern und/oder Autoren völlig falsch eingeschätzt.
Aber auch wenn wir beide glücklicherweise nicht davon leben müssen, so ist dieser Spaß doch noch viel größer, wenn es etwas stärker knistert, nicht wahr?

Ich glaube, der Verkauf von Büchern, bzw. der Reinerlös daraus wird bei solchen Veranstaltungen ebenfalls sehr häufig überschätzt. Oftmals sogar so sehr, daß sich so mancher Autor oder Poet gar nicht traut, dafür ein Honorar und/oder Spesen in Anspruch zu nehmen und sich einredet, dies ausschließlich mit dem Verkauf seiner Bücher wieder wettmachen zu können.

Gut, das war zwar nicht das eigentliche Thema dieses Threads, aber es schadet gar nix, wenn dieser Aspekt auch einmal erwähnt wurde.
Hier ging es weniger um den Applaus oder um die Kritiken, die ein Kabarettist oder Comedian bei einem Vortrag oder Auftritt von seinem Publikum erhält, sondern eher um die Rückmeldungen, die ein Schreiberling von seinen Kritikern erhält.

Das können - so wie hier auf einer Internet-Plattform - seine Kollegen oder Leser, oder bei einer Buchveröffentlichung, bzw. Autorenlesung oder sonstigen Bühnenaufführung die professionellen Literaturkritiker, bzw. Kulturkritiker von (zumeist) überregionalen Blättern sein, die sich auch fachlich und sachlich damit auseinandersetzen.
Das Publikum wird vermutlich immer klatschen, wenn der Autor einigermaßen bekannt ist, den Nerv der Zeit getroffen hat, oder sich zumindest einigermaßen humorvoll präsentieren kann. Das gebietet schon die Höflichkeit.
Das heißt aber nicht, daß ich den Wert dieser Rückmeldung in Frage stellen würde. Ganz im Gegenteil, denn es ist genau dieser "Endverbraucher", für den jeder Künstler, Musiker, Dichter oder Autor - im Grunde genommen - arbeitet.
Regionalblätter dagegen werden sich wahrscheinlich eher mit der Person des Autoren als mit dem Inhalt seiner Werke beschäftigen und MRR wird sich kaum solcher "Randprodukte der Literatur" annehmen.

Ohnehin scheint mir die sogenannte "Internet-Literatur" eine völlig eigenständige Subkultur zu sein, die - unter ihrer Käseglocke der Glückseligkeit - nur sehr wenig mit den Gesetzmäßigkeiten des Marktes in Berührung kommt. Eine Unmenge von Gedichteschreiberlinge bestätigt diese Einschätzung tagtäglich mit ihren "lyrischen Ergüssen"; ebenso aber auch deren "Kritiker."
Die meisten Plattformen, die sich in irgendeiner Weise mit Literatur befassen, sind inzwischen fest in der Hand von Poeten und Lyrikern, deren einzige Lebensaufgabe es zu sein scheint, sich gegenseitig über den grünen Klee zu loben und sich damit zu (ver)schaukeln.

Realistische Grüße vom Mino





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