Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 22.10.2006 - 22:03 |  |
Der Bastard
Siebter Teil: Der Vater
Weitere Jahre waren vergangen.
In seiner beruflichen Laufbahn hatte er unter Anderem die Erfahrung gemacht, daß ihm das wenige Türkisch, das er in seiner Lehrzeit von seinem älteren Kollegen Aslan gelernt hatte, oft von Vorteil war.
Auch etwas Englisch, Italienisch und ein wenig Serbokroatisch hatte er inzwischen gelernt.
Die Atmosphäre war immer völlig anders, wenn er einen ausländischen Mitarbeiter in seiner Muttersprache begrüßen konnte, denn dies ist nun mal ein Zeichen von Anerkennung und besonderer Wertschätzung.
Dieser Umstand öffnete ihm oftmals viele Türen, die ansonsten normalerweise einem Deutschen verschlossen blieben. Er wurde sogar in die Familien seiner ausländischen Kollegen eingeladen, wo er vieles von deren Kultur und Religion lernte.
Der Weg zum Herzen eines Menschen führt eben IMMER über dessen Muttersprache, das war ihm inzwischen klar geworden.
Obwohl er eigentlich ein „Freigeist" war, hätte er seine politische Grundeinstellung doch als liberalkonservativ und pazifistisch bezeichnen wollen. Mit „echter" Politik hatte er ohnehin nie viel am Hut, mit Republikanern, Kommunisten, Grünen, Nazis und sonstigen extremistischen Spinnern konnte er nie etwas anfangen, ebensowenig wie mit den elitären Christsozialisten, die in seiner Heimat die absolute politische Macht innehatten und diese auch entsprechend ausübten.
In politischen Parteien hatte er sich deshalb nie engagiert, denn dieses ganze Spektrum war ihm zu sehr verseucht von Lügen und Intrigen.
In einem größeren Betrieb erlangte er - neben seinen beruflichen Qualifikationen - Bekanntheit durch die Organisation eines wilden Streiks, nachdem die Lohnverhandlungen des Betriebsrates ergebnislos verlaufen waren, obwohl die Auftragsbücher voll waren und die Geschäfte glänzend liefen.
Daraufhin wurde kurzerhand nicht nur die gesamte Produktion stillgelegt, sondern auch der komplette Betriebsablauf blockiert, inclusive Labor, Werkstatt, Einkauf und Vertrieb.
Rien ne va plus. Nichts ging mehr!
Mögliche arbeitsrechtliche Konsequenzen waren ihm dabei völlig gleichgültig, es gab jetzt ohnehin kein Zurück mehr.
Wie so oft in seinem Leben konnte er den Rückwärtsgang nicht mehr finden, wenn er sich erst einmal richtig in eine Sache verrannt hatte. „Augen zu und durch", war in solchen Situationen seine Devise, auch ohne Rückendeckung durch eine starke Hand.
Keine 24 Stunden später lag bereits ein akzeptables Angebot der Geschäftsleitung auf dem Tisch und der Generalstreik war damit - mit sofortiger Wirkung - beendet.
Seine rigorose Strategie war also erfolgreich gewesen, er hatte - mit Hilfe seiner Kollegen - die Geschäftsleitung in die Knie gezwungen!
Eigentlich aber wäre dies der Job und die Aufgabe des Betriebsrates gewesen, nicht die eines Außenseiters. Deshalb wurde er anschließend von der Belegschaft sogar in den Vorstand des Betriebsrates gewählt, obwohl er bisher überhaupt nicht im Betriebsrat vertreten war.
Dort war er der Einzige, der nicht Mitglied in der Gewerkschaft war und dies auch nicht werden wollte, da genau dieser elitäre Verein ihn so kläglich im Stich gelassen hatte. Deshalb war er dort so etwas wie ein Fremdkörper, da alle anderen Vorstandsmitglieder sowohl alteingesessene Gewerkschaftsfunktionäre, als auch eingetragene und aktive Mitglieder der kommunistischen Partei DKP waren.
Politisch hatte er also mit denen ohnehin nichts gemeinsam.
Diese verübelten ihm natürlich seinen überraschenden Erfolg, daß er das Recht einfach so spontan in die eigenen Hände genommen hatte und damit eigentlich den offiziellen Betriebsrat ziemlich blamiert hatte.
Seine Zusammenarbeit mit der Firmenleitung jedoch funktionierte sehr gut und er konnte oftmals auf inoffiziellem Wege für seine Kollegen mehr erreichen als über die Schiene der Gewerkschaft.
(Was natürlich weitere Unstimmigkeiten mit den alten Funktionären zur Folge hatte)
Unterdessen hatte er auf dem zweiten Bildungsweg die mittlere Reife und das Fachabitur nachgeholt, seinen Meisterbrief gemacht, mit seinen Ersparnissen eine ehemalige Schreinerei gekauft und dort nach dem Umbau einen eigenen Kfz- Betrieb gegründet. Der Landeshauptstadt hatte er schon vor langer Zeit wieder den Rücken gekehrt.
Dort war er niemals wirklich heimisch geworden, ebensowenig wie in anderen Städten, in denen er vorher gearbeitet und gelebt hatte.
Obwohl eine eigene Familiengründung durchaus in seinem Interesse und in seinen Möglichkeiten stand, hatte er nie geheiratet, obwohl er doch die meiste Zeit fest liiert war. Es hatte sich einfach nie ergeben. (oder hatte es andere Gründe?)
Auch uneheliche Kinder hatte er nicht.
Im Grunde war er immer der mißtrauische, einsame Wolf geblieben, der er von Kindheit an immer schon war. Er hatte gelernt, sich und seinen Haushalt weitgehend selbst zu versorgen, hatte sowohl seiner böhmischen Großmutter, als auch einigen ausländischen Kollegen einige ihrer Kochkünste abgeschaut und war im Freundeskreis sogar als ein recht guter Koch bekannt.
Von seiner Mutter hatte er diesbezüglich nichts lernen können. Kochen war für sie immer nur ein notwendiges Übel gewesen und genauso hatte es auch immer geschmeckt.
Einer seiner ehemaligen Schulkameraden hatte es geschafft, nach einer abgebrochenen Malerlehre und mehreren diversen Jobs - z.B. als Flaschenabfüller in einer Limonadenfabrik - Prediger zu werden.
Angeblich hatte er mehrere Erscheinungen der Jungfrau Maria (wer immer das sein mag) und er hatte daraufhin ein „Erweckungszentrum" gegründet, wo der so „Durchleuchtete" künftig dem Beruf eines Geistheilers, bzw. eines Gesundbeters und Predigers nachging. Dazu hatte er ein altes Möbelhaus gekauft, das er mit Spendengeldern finanziert hatte.
Von Bekannten und Einheimischen wurde er natürlich als religiöser Spinner abgetan.
Trotzdem war es völlig verrückt, wie viele Menschen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz auf diese primitive Masche hereinfielen. Seine Veranstaltungen waren stets sehr gut besucht und es waren überwiegend Leute aus gehobeneren Schichten, wie die Nobelkarossen vor dem „Erweckungszentrum" ganz eindrucksvoll bestätigten.
Sein eigener Wohlstand wuchs natürlich dementsprechend auch, wie seine eigenen Nobelkarossen ebenso eindrucksvoll bestätigten.
Heimlich mußte er grinsen, wenn er manchmal daran dachte, daß genau dieser ehemalige Mitschüler damals im Religionsunterricht nicht einmal die Zehn Gebote aufsagen konnte.
Die Cleverneß und der Erfolg seines ehemaligen Mitschülers allerdings nötigte ihm schon einen gewissen Respekt ab.
Auch sein ehemaliger Kooperator Gregor hatte inzwischen wirklich Karriere gemacht. Er war Pfarrer, bzw. sogar „Monsignore" geworden und er war vor kurzem an Prostatakrebs verstorben.
Mit diesem Schwein hätte er ja zu Lebzeiten noch ein Hühnchen zu rupfen gehabt, aber das hatte sich leider nie ergeben. So konnte er nur hoffen, daß ihn wenigstens der Teufel geholt hatte, falls es überhaupt einen gab.
Aber nicht der weibliche rothaarige mit dem schwarzen Stretch- Body!
Aus der „Heiligen Kirche" war er übrigens schon lange ausgetreten, denn mit diesem heuchlerischen Verein wollte er absolut nichts mehr zu tun haben, ebensowenig wie mit Gewerkschaften und politischen Parteien. Die ersparte Kirchensteuer war dabei nicht der eigentliche Grund, sondern nur ein angenehmer Nebeneffekt.
Seine Angestellten bezahlte er ohnehin alle nach Tarif, auch ohne Gewerkschaft.
Auch seine Großmutter und sein Stiefvater waren inzwischen verstorben.
Besonders seine Großmutter, die er als Kind immer liebevoll „Mutti" genannt hatte, war ein herber Verlust für ihn gewesen. Wenigstens aber hatte sie nicht leiden müssen, denn sie war mit über 86 Jahren am Herd bei der Zubereitung ihres Mittagessens an einem Herzschlag gestorben.
Er selbst hatte - mit Hilfe seines Onkels - ihre Leiche aus der kleinen Kammer getragen, da das Bestattungsunternehmen wegen der engen Platzverhältnisse nicht mit dem Sarg hindurch konnte.
Die anschließende Beerdigung war auf dem kleinen Waldfriedhof, auf dem bereits vor über 20 Jahren sein Großvater beerdigt wurde.
Nun waren sie also endlich wieder zusammen.
Als sein Stiefvater im Sterben lag, hatte er ihn im Krankenhaus an seinem Sterbebett besucht. Jetzt, als er ihn - wie ein kleines Häufchen Elend - so liegen sah, konnte er nicht mehr verstehen, daß er als Kind einmal solch große Angst vor diesem Mann gehabt hatte.
Jetzt sah er nur noch einen alten, kranken und schwachen Mann in einem erbärmlichen Zustand, der im Sterben lag und täglich auf den Tod wartete.
Der Alkohol und das Nikotin hatten ihren Tribut eingefordert.
In diesem Augenblick hatte er nur noch unendliches Mitleid mit diesem Häufchen Elend, aber sehr viel hatten sie sich ohnehin nicht zu sagen. Auch jetzt nicht, wo der Tod unmittelbar vor der Tür stand.
Nachdem er sich von ihm verabschiedet hatte, setzte er sich an einem Waldwanderweg auf eine Parkbank und ließ seinen Tränen freien Lauf.
Die ganzen Jahre liefen jetzt wie ein Film vor seinem Auge ab: Wie er ihn als Kind zum erstenmal gesehen hatte, seine Ängste und sein Unbehagen, die Geschichte mit der Wurst, dessen Geruch er noch heute ganz deutlich in der Nase spürte.
Die Plünderung seines Kontos mit den kleinen Ersparnissen und die Prügel, die er jahrelang von diesem Mann im Suff bekommen hatte.
Die ganzen Jahre seines Lebens hatte er ihn niemals Papa genannt.
Aber auch andere Gedanken gingen ihm durch den Kopf:
Immerhin hatte dieser ihn niemals schlechter behandelt als seine eigenen Kinder.
Alle bekamen Kleidung, etwas zu Essen und alle bekamen dieselben Prügel mit Ausnahme der jüngsten Schwester, die erst viel später geboren wurde und somit immer das kleine Nesthäkchen war.
Dieser Mann hatte ihm nach der Hochzeit mit seiner Mutter seinen Namen gegeben, damit Schulkameraden und Außenstehende ihn nicht sofort als unehelichen Bastard erkennen konnten.
Die ersten Jahre war er manchmal sogar stolz auf „seinen" ältesten Sohn gewesen und hatte ihn überall herumgezeigt. Seinen eigenen Erstgeborenen jedoch hatte er bereits als Kleinkind zum Krüppel geschlagen.
Aber sogar dieser hatte ihn noch als Letzter an seinem Sterbebett besucht, nur einige Stunden bevor er starb.
Ganz sicher war es gut für ihn, diesen Mann noch einmal in diesem erbärmlichen Zustand sehen zu können, bevor der Tod endlich seinen Tribut forderte.
Dieser Mann war trotz allem der beste Vater, den er jemals gehabt hatte.
Er hatte keinen anderen!
Einige Tage später, auf der Beerdigung seines Stiefvaters wurde er gefragt, ob denn eigentlich sein leiblicher Vater noch leben würde. Auf diese Frage konnte er jedoch keine Antwort geben, denn er hatte ihn ja nie persönlich kennengelernt.
Nun, dies ließe sich ja vielleicht noch ändern?
Aber wie und womit sollte er dieses Gespräch beginnen? Schließlich handelte es sich ja um einen völlig fremden Mann, der eigentlich sein Vater sein sollte. Und es war inzwischen beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen!
Ob dieser sich überhaupt noch an ihn erinnern konnte? Und vor allem: Lebte er denn überhaupt noch?
Im amtlichen Telefonverzeichnis suchte er nach diesem Danninger aus seinem ehemaligen Nachbardorf, der angeblich auch nach seinem beruflichen Ruhestand noch immer in der Landeshauptstadt leben sollte.
Bereits nach zwei falschen Verbindungen hatte er schon den richtigen in der Leitung.
Dieser schien jedoch in keinster Weise über diesen - doch recht ungewöhnlichen - Anruf nach so vielen Jahren überrascht zu sein. Ganz im Gegenteil: Es klang beinahe so, als hätte er schon täglich damit gerechnet?
Trotzdem hatte dieser Danninger anscheinend nicht gewußt, wo er jetzt lebte und wie sein heutiger Familienname war.
Eigenartig...!?!?
Wenn er einen Sohn gehabt hätte, dann wüßte er ganz betimmt, wo dieser lebt, wie es ihm geht und vor allem, wie er heißt, - auch wenn er mit dessen Mutter schon lange keinen Kontakt mehr hätte.
Er würde ihn zumindest kennen, dessen war er sich ganz sicher.
Das Verhalten dieses Danninger war ihm deshalb mehr als rätselhaft. Trotzdem vereinbarten sie aber ein Treffen.
Einige Wochen später fand nämlich wieder die große internationale Handwerksmesse in der Landeshauptstadt statt.
Auf dieser Ausstellung wurden viele neuartige Maschinen, Geräte und Verfahrenstechniken gezeigt, von denen er sicher wieder einiges für seinen Betrieb verwenden konnte.
Aber auch im Bereich Kunsthandwerk, Möbel, Schmuck, Gastronomie und Reisen wurde einiges ausgestellt, deshalb hatte in den vergangenen Jahren oft seine Freundin mitgenommen, um am zweiten Tag gemeinsam die Seele baumeln zu lassen.
Bei dieser Gelegenheit konnte er diesmal auch ohne großes Prozédere seinen leiblichen Vater besuchen, der ihn zu sich nach Hause eingeladen hatte.
Eine Unterhaltung auf neutralem Boden, beispielsweise bei einem Glas Bier in einer Kneipe wäre ihm eigentlich viel lieber gewesen, aber sein Vater hatte darauf bestanden, daß er zu ihm nach Hause kommen sollte. Dort wäre man angeblich ungestörter.
Naja, auch gut.
Der Tag rückte näher und obwohl es ihn vorher nie wirklich interessiert hatte, war er nun doch etwas aufgeregt. Wie würde dieses Treffen verlaufen? Hätten sie sich denn überhaupt etwas zu sagen?
Bereits lange vor dem Tode seines Stiefvaters hatte er einmal an einer zweitägigen therapeutischen Familienaufstellung nach Anton Suibert Hellinger teilgenommen.
Eigentlich mehr aus Neugierde, unterschwellig aber doch mit der Hoffnung, daraus vielleicht auch neue Erkenntnisse bezüglich seiner familiären Situation gewinnen zu können.
Außerdem hatte seine derzeitige Partnerin Maria - eine Sozialpädagogin - sehr von diesem Bert Hellinger geschwärmt.
Sie war Bereichsleiterin bei einer großen Behinderten- Organisation und auch sie hatte bereits einmal eine solche Aufstellung mitgemacht, um ihre eigenen, verworrenen Familienverhältnisse damit etwas näher zu durchleuchten.
Solche Berufe wie z.B. Sozialpädagogik studiert man auch nicht, weil man nur irgendeine Ausbildung machen möchte. Es stecken immer eigene, unerledigte Familienprobleme dahinter. Auch das hatte er gelernt.
Ob es nun die Schuhe eines Schusters, das Haus des Maurers, das Bad des Fliesenlegers, das Auto des Mechanikers, das Rechtsempfinden eines Polizisten, die Gesundheit eines Arztes, die Familie eines Sozialpädagogen, der Geisteszustand eines Psychiaters oder die Kinder eines Lehrers waren, - alle hatten sie eines gemeinsam.
Er selbst war ja am Anfang diesem Hellinger gegenüber eher sehr skeptisch eingestellt. Ein katholischer Missionar, der glaubte, bei den Negervölkern in Afrika den Stein der Weisen gefunden zu haben?
Der diese archaischen Strukturen dann auf unsere Zivilisation 1:1 übertragen möchte?
Na, Na, Na, Na!
Später aber hatte er sich einige seiner Vorträge auf Band angehört und dabei den Eindruck gewonnen, daß dieser Mann sicher kein religiöser Spinner war, sondern zumindest Inhaltlich durchaus wußte, wovon er sprach.
Diese Vorträge hießen u.a.
- Ordnungen der Liebe
- Schuld und Unschuld aus systemischer Sicht
Einzig die dogmatische Art, in der dieser Hellinger seine Vorträge hielt, stieß ihm ziemlich unangenehm auf. Diese Art hatte er bereits mehrfach kennengelernt. Trotzdem aber hatte er sich zu diesem Seminar angemeldet.
Die Therapeutin an der Volkshochschule, ebenfalls eine Dipl. Sozialpädagogin hatte jeden Teilnehmer seine Familie so aufstellen lassen, wie er sie durch seine Augen wahrnehmen konnte.
Diese Familienangehörigen wurden durch andere Seminarteilnehmer als Statisten besetzt, das Ganze hatte somit etwas von einem ziemlich skurrilen Theaterstück.
Nach abgeschlossener Aufstellung wurde eine Weile gewartet, um die Konstellation mental wirken zu lassen, dann wurden die einzelnen Teilnehmer nach ihrem Befinden befragt.
Zuletzt wurde die Formation nach diesen Befindlichkeiten richtig umgestellt, manchmal auch noch eine oder mehrere Personen hinzugestellt und anschließend derjenige Statist, der als eigene Person aufgestellt worden war, durch den tatsächlichen Teilnehmer ausgetauscht.
Viele der Konstellationen waren sogar für einen Laien bereits Sonnenklar. Ohne großartige psychologische Vorkenntnisse konnte man bereits deutlich erkennen, wo der Hase im Pfeffer lag.
Auch in dieser Hinsicht war er längst kein Anfänger mehr, aber trotzdem ware er völlig überrascht von der Eigendynamik, die sich dann bei der Befragung der einzelnen Familienmitglieder, bzw. deren Stellvertreter entwickelte.
Da er seltsamerweise der einzige, männliche Teilnehmer an diesem Seminar war, wurde er natürlich bei jeder neuen Aufstellung mit einbezogen. Mal als Ehemann, Vater, Bruder, Onkel, Ex- Partner, Sohn oder als Liebhaber. Auf diese Weise bekam er immer ganz hautnah mit, was in der jeweiligen Familie so alles falsch lief.
Auch er hatte seine Familie so aufgestellt, wie er selbst sie wahrnehmen konnte:
Sich selbst im Vordergrund alleine, etwas schräg dahinter seine drei Geschwister und dahinter seine Mutter und seinen Stiefvater
Dabei hatte er auch seinen leiblichen Vater mit aufgestellt und zwar - da er ihn ja nicht persönlich kannte - ziemlich weit abseits stehend mit einem Jutesack über dem Kopf. Für theatralische Inszenierungen hatte er nämlich durchaus ein gutes Gespür.
Eigentlich wollte er die Szene noch viel eindrucksvoller ausgestalten, aber die Therapeutin hatte ihn gerade noch rechtzeitig eingebremst, bevor das Ganze auszuufern und den Rahmen zu sprengen drohte.
Sie hatte wohl Angst, das ganze Gebilde würde sonst zu unübersichtlich werden?
Leider konnte er somit die Gesamtsituation nicht so komplex darstellen, wie er es eigentlich geplant hatte.
Natürlich waren die Stellvertreterpersonen alles Frauen, da ja außer ihm keine männlichen Teilnehmer verfügbar waren, aber dies spielte dabei eigentlich keine bedeutende Rolle.
Kurzum, - jedenfalls ging die Geschichte so aus, daß er sich zu seiner Familie umdrehen mußte, sowie seinem leiblichen Vater näher heranholen und ihm den Sack vom Kopf nehmen mußte, um ihn anzusehen und ihn mit „Vater" anzusprechen.
Und genau das wollte er an diesem Wochenende machen, - sich ihn zumindest ansehen.
Maria, seine derzeitige Partnerin, die ihm dieses Seminar empfohlen hatte, hatte er diesmal nicht zur Handwerksmesse mitgenommen, denn diesen ersten Besuch bei seinem Vater wollte er lieber ganz alleine machen.
Nachdem die Messehalle abends geschlossen hatte, machte er sich auf den Weg zum Hause seines Vaters, das ganz in der Nähe lag. Die Frau seines Vaters war natürlich über dieses Treffen informiert und sie empfing ihn bereits an der Haustür. Sie hatte auch bereits im Eßzimmer einen kleinen Imbiß und Getränke serviert.
Aber - warum stand eigentlich SIE vor der Tür und nicht ER???
Als er seinen Vater dann zum erstenmal sah, war er doch sehr erstaunt:
Eigentlich hatte er schon damit gerechnet, daß mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwelche äußerlichen Ähnlichkeiten mit ihm selbst vorhanden sein würden.
Aber da war nichts, wirklich gar nichts.
Weder in Größe und Statur, noch in den Gesichtszügen, der Form von Händen, Mund, Nase, Ohren, Kinn, etc. Wirklich nichts. Alles, was er über Genetik und Vererbungslehre wußte, schien hier auf dem Kopf zu stehen.
Das Einzige, worin er eine Ähnlichkeit erkennen konnte, war seine Stimme, aber dies war ihm bereits vor wenigen Wochen erstmals am Telefon aufgefallen.
War dieser Mann wirklich derselbe Danninger, der sein leiblicher Vater sein sollte???
Sie unterhielten sich eine Weile über mehr oder weniger belangloses Zeug. Über ihre jeweilige berufliche Laufbahn, ihre Interessen, über die Familienverhältnisse und über die Verwandtschaft.
Dabei hatte er mit der Frau seines Vaters wesentlich mehr geredet als mit ihm, denn sie schien viel Interessierter zu sein als er?
Die Beiden waren im aktiven Berufsleben an der Uniklinik der Landeshauptstadt beschäftigt gewesen, sie im Labor, er dagegen in der Ausbildung von Jungmedizinern.
Nur zu gerne wäre er endlich zum Kern der Angelegenheit gekommen: Was damals vor fast 50 Jahren eigentlich genau vorgefallen war, warum er sich die ganzen Jahre nie gemeldet hatte, vor allem aber, ob er denn überhaupt glaube, wirklich sein leiblicher Vater zu sein?
Die Frau seines Vaters aber ließ die beiden nicht für 10 Sekunden alleine, nicht einmal, als sie einige Flaschen Bier holen ging.
Hier in ihrer Gegenwart konnte er ihm diese heikle Frage natürlich nicht stellen. Was sollte er denn auch darauf antworten können?
Jede andere Antwort als ein überzeugtes „Ja" hätte ihn ja vor seiner Frau zum kompletten Idioten gemacht.
Schade, aber genau das hatte er eigentlich vermeiden wollen! Die ursprüngliche Idee mit einem neutralen Treffen in einer Kneipe war also doch nicht ganz so schlecht?
Aber vielleicht hatte sein Vater eben genau vor diesen Fragen Angst gehabt? Deshalb vielleicht die Flucht hinter die Schürze seiner Frau?
Kurzum: Die ganze Inszenierung war sozusagen ein Schuß in den Ofen.
Es war mittlerweile schon sehr spät geworden und die Zeiger der Uhr bewegten sich bereits auf Mitternacht zu. Morgen war glücklicherweise Sonntag.
Sein Vater meinte, daß er jetzt seinen Hund noch Gassiführen müsse, hatte ihn aber nicht gefragt, ob er denn noch Lust hätte, dabei mitzukommen.
Das hieß im Grunde nichts anderes als: „Auf Wiedersehen!"
Nach einigen weiteren Höflichkeiten bedankte er sich sehr herzlich für die nette Einladung und verabschiedete sich von den Beiden mit einer Gegeneinladung, falls sie dazu einmal Lust haben sollten. Seine Adresse und Telefonnummer hatten sie ja nun.
Er war sich jedoch ziemlich sicher, daß diese Einladung von den Beiden niemals angenommen werden würde.
Auf der nächtlichen Heimfahrt hatte er einige Stunden Zeit, die ganze Situation nochmals geistig aufzuarbeiten. Er hatte plötzlich die felsenfeste Überzeugung gewonnen, daß dieser Danninger auf gar keinen Fall sein Vater sein konnte.
Nie vorher hatte er dieses angezweifelt, vielleicht aber auch deswegen, weil es ihn nie wirklich interessiert hatte.
Nach dieser Begegnung aber hatte er erstmals ganz ernsthafte Zweifel daran.
Eines stand jedenfalls fest: Falls dieser Danninger wirklich sein leiblicher Vater sein sollte, so war er jedenfalls kein Mann, sondern ein ganz erbärmlicher Feigling!
Aber ... Wenn er nicht sein Vater war, warum hatte er sich dann 18 Jahre lang nie gegen die monatlichen Pfändungen des Unterhaltes zur Wehr gesetzt?
Er würde wohl in den nächsten Tagen mit seiner Mutter einmal ein sehr ernsthaftes Gespräch führen müssen.
Eventuelle, weitere Halbgeschwister hatte er übrigens nicht, die Beiden waren Kinderlos geblieben.
Es vergingen einige Tage, bis er die Zeit fand, seine Mutter besuchen zu können.
Inzwischen hatte er die Situation zuhause mit seiner Freundin besprochen und auch diese fand das gesamte Verhalten dieses Danningers als äußerst merkwürdig. Besonders das mitternächtliche Gassiführen des Hundes - ohne die Einladung, dabei noch auf ein Gespräch unter vier Augen mitzukommen - kam ihr ziemlich eigenartig vor.
Am nächsten Wochenende war es dann soweit: Er hatte am Nachmittag seine Mutter besucht, ihr aber noch nichts von seinem Besuch bei seinem vermeintlichen Vater erzählt.
Völlig unvorbereitet fragte er sie geradeheraus, ob denn dieser Danninger überhaupt sein wirklicher Vater sei? Er wolle auch gar nicht weiterfragen, sondern nur ein ehrliches „Ja" oder ein „Nein" hören, dann wäre diese Angelegenheit für ihn für immer erledigt.
Seine Mutter war so perplex, daß sie gar nicht sofort darauf antworten konnte.
„Ja, - wer denn sonst?" kam es nach einer Weile etwas verstört aus ihrem Munde.
Aber das war nicht die Antwort, die er gewollt hatte, denn er hatte eigentlich ein klares „Ja" oder ein „Nein" eingefordert.
„JA oder NEIN?", fragte er sie deshalb noch einmal in einem schärferen Tonfall.
Sie hatte sich inzwischen wieder gefangen und erwiderte gereizt: „Ja! Verdammt noch mal, warum fragst Du überhaupt so blöd?"
Natürlich fragte sie ihn auch, wie er denn überhaupt auf diese absurde Idee käme und ihr jetzt, nach so vielen Jahren plötzlich solche Fragen stelle.
Er erzählte ihr von dem Treffen mit seinem vermeintlichen Vater am letzten Wochenende in der Landeshauptstadt, von dem seltsamen Verhalten dieses Danningers und den fehlenden äußerlichen Ähnlichkeiten.
Sofort kramte sie einige alte Bilder hervor, um wenigstens damit eine Ähnlichkeit zu ihm zu konstruieren, aber es gelang ihr nicht überzeugend genug. Auch auf den alten Bildern vor fast 50 Jahren war für ihn nichts davon erkennbar.
Es dauerte lange, bis seine Mutter ihm diese überraschende Frage verziehen hatte.
Seine Zweifel aber waren geblieben.
Einige Wochen später - bezeichnenderweise am kommenden Vatertag - war dieser Danninger mit seiner Frau zu Besuch bei Verwandten in der Gegend.
Seine Frau hatte hier vor einigen Jahren ein altes Haus geerbt, das sie renoviert und dann vermietet hatten. Sie selbst waren jedoch in der Landeshauptstadt geblieben.
Zu dieser Gelegenheit hatte er von seinem Vater eine telefonische Einladung zum Mittagessen in einer Gaststätte in der Nähe bekommen.
Diese Einladung wollte er gerne annehmen, vielleicht würde sich ja dabei endlich ein Gespräch unter vier Augen ergeben?
Als kleines Mitbringsel hatte er ihm eine kleine Kiste Frankenwein mitgebracht, worüber dieser überaus erfreut schien. Damit hatte er offensichtlich ganz zufällig ins Schwarze getroffen, obwohl er über die Vorlieben seines Vaters im Grunde überhaupt nichts wußte.
Und wirklich: Nach dem Mittagessen wollte seine Frau noch etwas mit den Mietern des Hauses besprechen und er nahm die Gelegenheit wahr, seinem Vater inzwischen einen kurzen Spaziergang vorzuschlagen.
Dieser willigte ein und so konnte er dabei endlich seine dringendste Frage loswerden, nämlich ob er denn überhaupt glaube, sein leiblicher Vater zu sein?
Dieser zögerte etwas und erklärte ihm dann, daß er früher einmal selbst schon ernsthafte Zweifel daran gehabt hätte.
Der Grund dafür war folgender: Seine Frau und er hatten sich nämlich in jungen Jahren einmal eigene Kinder gewünscht, aber es hatte eben nie geklappt, bis bei einer Untersuchung festgestellt wurde, daß es nicht an seiner Frau lag, sondern daß ER zeugungsunfähig sei. Damals hätten ihn ernste Zweifel an seiner Vaterschaft überkommen, aber er war sich dann trotzdem sicher, daß wirklich kein Anderer in Frage käme als er. Er wisse sogar noch, wo „es" passiert war.
Es muß nach der Heuernte bei einem großen Bauern in der Umgebung gewesen sein, wo damals beide mitgeholfen hatten. Das war, noch bevor er seine heutige Frau kennengelernt hatte.
Die fehlenden Ähnlichkeiten wären ihm natürlich auch aufgefallen, da er sich aber durch seinen späteren Beruf an der Uniklinik bereits etwas näher mit Genetik und der Mendel´schen Vererbungslehre beschäftigt habe, wisse er, daß es durchaus genetisch möglich sei, daß äußerliche Körpermerkmale einfach eine Generation überspringen können.
Das Kind müsse also somit nicht zwangsläufig den Eltern ähnlich sehen, es könne in vielen Fällen auch den Großeltern ähneln. Ebenso sei es z.B. mit der Haarfarbe. Auch eine Zeugungsfähigkeit ist ja oftmals kein dauerhafter Zustand, er kann je nach Gesundheitszustand variieren, aber auch gänzlich zum Erliegen kommen.
Später irgendwann habe diese Frage dann sowieso keine Rolle mehr gespielt. Dadurch, daß beide berufstätig waren, spielte der gemeinsame Kinderwunsch nur noch eine untergeordnete Rolle.
Wenn ihm aber so sehr daran gelegen sei und er dies wirklich wünsche, so würde er einem erbbiologischen Gutachten zur nachträglichen Klärung der Vaterschaft natürlich zustimmen, er selbst sei jedoch heute nicht mehr brennend daran interessiert.
Dieses überraschende Angebot nahm er allerdings nicht an, obwohl er noch immer nicht völlig davon überzeugt war.
Im Grunde spielte es heute wirklich keine Rolle mehr, ob dieser Mann nun wirklich sein leiblicher Vater war oder nicht. Es deutete zumindest sehr vieles darauf hin und sowohl er, als auch seine Mutter hatte es ebenfalls glaubhaft bestätigt.
Die Rolle als Vater hatte dieser ohnehin nie wahrgenommen, er war also im besten Falle sein „Erzeuger". Es hatte somit keinerlei Bedeutung mehr.
Ohnehin war es nicht gerade ein erbauendes Gefühl, zu wissen, daß seine biologische Existenz eigentlich nur ein „bedauerlicher Betriebsunfall" war.
Dieser Danninger - also höchstwahrscheinlich doch sein leiblicher Vater - hätte ihn bereits als Baby kaltblütig verhungern lassen, wenn nicht sein Großvater noch rechtzeitig das Jugendamt eingeschaltet hätte.
Dieser Mann ging über Leichen und dies nicht nur in beruflicher Hinsicht, das wurde ihm in diesen Augenblicken ganz klar bewußt. Obwohl eigentlich ein warmer Frühlingstag war, fröstelte ihn etwas bei diesem Gedanken.
Kurz darauf verabschiedeten sie sich wieder, da sein Vater und seine Frau noch heute Abend nach Hause in die Landeshauptstadt zurückfahren wollten.
Wieder hatte er an die Beiden eine erneute Gegeneinladung ausgesprochen, von der er jedoch sofort wußte, daß sie niemals angenommen werden würde.
Auf dem Heimweg besuchte er noch das Grab seines Stiefvaters. Dort zündete er eine Kerze für ihn an und blieb noch eine Weile sehr nachdenklich an seinem Grab.
Dieser Mann war trotz Allem noch mehr sein Vater gewesen als dieser Danninger. Seine wirklichen Vaterfiguren und Vorbilder aber hatte er ohnehin ganz woanders gefunden: Bei seinem Großvater und bei Herrn Karl, seinem ehemaligen Lehrmeister.
Dies war übrigens auch das letzte Treffen mit ihm gewesen.
Sie schrieben sich gegenseitig noch einige Jahre per eMail unverbindliche Glückwünsche zu Weihnachten oder zum jeweiligen Geburtstag, bis auch dies irgendwann wieder einschlief.
Falls es überhaupt jemals irgendetwas gegeben hatte, worüber sein Vater mit ihm reden wollte, so war dies hiermit geschehen.
Sein Vater hatte bis zuletzt auch nie gewußt, an welchem Tage genau sein wirklicher Geburtstag war, obwohl sie mehrmals darüber gesprochen hatten.
Wahrscheinlich aber hatte es ihn ganz einfach nie interessiert...
Anmerkungen zur Kurzgeschichte:
Bei dieser Geschichte handelt es sich um den siebten Teil aus einer Autobiographie eines kleinen Jungen, der ohne Vater aufgewachsen war und ihn deshalb nie gekannt hatte.
Diese ganze Geschichte ist natürlich viel zu lang für dieses Forum, das ja eigentlich eher für Kurzgeschichten gedacht ist.
Deshalb habe ich die Geschichte in mehrere Kapitel unterteilt, um die Aufmerksamkeit des Lesers nicht mit einer Endlosgeschichte zu ermüden.
Selbstverständlich wurden auch diese Kapitel nochmals drastisch gekürzt, um sie auf ein - für den Leser - erträgliches Maß zu reduzieren.
Ich hoffe aber, damit die gesamte Geschichte nicht allzu sehr „zerstückelt" zu haben und die Übergänge zwischen den einzelnen Episoden einigermaßen „lesegerecht" ausgeglichen zu haben?
Die Titel der einzelnen Kapitel sind wie folgt:
1. Die Wurst
2. Das kleine Häschen
3. Verlust der Heimat
4. Die neue Schule und das Leben in der Stadt
5. Lehrzeit und erste Liebe
6. „Medi"
7. Der Vater
8. Alaska I (Auf nach Alaska!)
9. Alaska II (Der Duft rothaariger Frauen)
Den interessierten Leser bitte ich, diese Geschichten auf meiner Seite einfach anzuklicken.
Kommentare und Anregungen dazu sind natürlich herzlich Willkommen, selbstverständlich aber auch konstruktive Kritik!
Schließlich möchte man ja auch wissen, ob und wie die Geschichten beim Leser überhaupt ankommen?
Eigentlich schreibe ich ja viel lieber zynische, bissige und satirische Artikel.
Diese Geschichte ist deshalb sozusagen „Neuland" für mich.
Also, - keine falsche Zurückhaltung bitte!
.
[Dieser Beitrag wurde am 26.10.2006 - 18:28 von Minotaurus aktualisiert]
Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki) |