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Elke ...
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...   Erstellt am 30.06.2007 - 11:43Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Schöne

- Eine Erzählung für Frauen, nicht nur im besten Alter -

Manchmal passieren Geschichten, die glaubt einem niemand. Sie wahrscheinlich auch nicht. Oder vielleicht doch?
Lesen und urteilen Sie selbst.
Vielleicht ordnen Sie die folgende Erzählung dem Reich der Fantasie zu, vielleicht beurteilen Sie aber auch den Wahrheitsgehalt anhand Ihrer eigenen Wünsche und Träume?
Ob es sich wirklich so zugetragen hat, ist nicht wichtig. Hauptsache, ich schaffe es, Sie für eine kurze Weile zu fesseln.

Es war eine dieser Zugfahrten, auf denen alles schiefging.
Als ich in den ICE nach Essen stieg, saß auf meinem reservierten Sitzplatz ein übergewichtiger älterer Herr. Auf meine Bitte, meinen Platz zu räumen, stand er auf und setzte sich schnaufend auf einen der freien, mir genau gegenüber. Dort packte er ein dickes Paket mit geschmierten Broten aus. Intensiver Geruch von Leberwurst und frischem Knoblauch, gleichmäßig verteilt durch die viel zu kalt eingestellte Klimaanlage, durchzog das Abteil.
Bäh, ich hasse Leberwurstbrote. Ich hasse dicke, alte Männer, die einem freundlich rülpsend ein Stück davon fast unter die Nase halten!

Aber das interessiert Sie sicher nicht. Ich erzähle lieber das Wesentliche, denn Sie wollen bestimmt erfahren, warum ich in diese Stadt reiste.

Vor ein paar Tagen wurde ich von meiner IT-Firma für meinen „Rund-um-die-Uhr-Einsatz“ bei einer Rechnerneukonfiguration mal wieder mit einem IBM-Lehrgang in Essen belohnt. Es handelte sich um einen dieser Kurse, bei denen man Seminar-Scheine für sein berufliches Fortkommen sammelt, ob man nun nur anwesend ist, aktiv mitgestaltend wirkt oder nur sporadisch erscheint. Das Beste an diesen Lehrgängen sind die „First-Class-Hotels, in denen wir untergebracht werden, von den bis in die Morgenstunden dauernden Ausflügen durch die Kneipen ganz zu schweigen. Es finden sich immer Kursteilnehmer, die aus ähnlichen Gründen an solchen Veranstaltungen teilnehmen und mir dabei Gesellschaft leisten.

Ich schweife ab. Entschuldigen Sie bitte. Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja, im Zug.

Die nächste Panne passierte unmittelbar vor dem Aussteigen am Essener Hauptbahnhof. Ein Henkel meiner Reisetasche riss – dann, des Gewichtes allein nicht mächtig, auch noch der zweite. Der Zug fuhr ein.
Mühsam schurrte ich die Tasche mit dem Fuß vor mir her zum Ausstieg. Dann fiel meine Kostümjacke runter, der nachfolgende Fahrgast latschte unbemerkt drauf und schob mich weiter. Der Zug stand. Ich provozierte einen Riesenstau, indem ich mich zu meiner Jacke zurückdrängelte, die Tasche mitten im Ausgangsbereich des Waggons stehen ließ und mein Koffer quer im Abteilgang das Aussteigen der Menschen verhinderte. Gemecker und Gebrummel erntete ich reichlich – aber niemand half mir! Tja, ich hätte wohl ein paar Jährchen jünger oder mindestens zwei Jahrzehnte älter sein müssen, um die Herren der Schöpfung zur Hilfe zu animieren.

Aber das interessiert Sie bestimmt nicht. Weiter im Text!

Irgendwer schleppte dann doch meinen Koffer und die Reisetasche auf den Bahnsteig.
Da stand ich nun: Meine schwarze Kostümjacke völlig eingesaut, der Kursausweis, den ich vorsorglich schon drangeklippt hatte, war zerknittert und das Lichtbild darauf zerkratzt. Egal, bis zum Lehrgangsbeginn würde ich im Hotel noch genug Zeit finden, um mich umzuziehen. Dann mussten die anderen Teilnehmer eben mit einer vorerst leger gekleideten Kollegin vorliebnehmen.
Das nächste Missgeschick ließ nicht lange auf sich warten: Während ich mich bückte, ging meine Haarspange auf, und ein Schwall vorher sorgsam – dem Anlass entsprechend – streng frisierter Haare nahm mir jegliche Sicht.
„Hi! Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine weiche Stimme.
Rotweiß gestreifte Nikes wippten neben meinen Haarspitzen auf dem Asphalt.
Ich richtete mich auf.
Vor mir stand der coolste Typ, den ich seit langem gesehen hatte, und grinste mich an. Er trug super enge, verwaschene Jeans, ein weißes, fast bis zum Bauchnabel aufgeknöpftes Leinenhemd, an dem eine Sonnenbrille klemmte und auf seiner glatt rasierten Brust glitzerte ein „Tigerauge“ an einem Lederband. Schwarze, in der Mitte gescheitelte Haare fielen wellig auf schmale Schultern. Sein Gesicht ähnelte eher dem eines frechen Jungen als dem eines erwachsenen Mannes. Aber das Faszinierendste waren seine hellen, bernsteinbraunen Augen, passend zu dem Mineral, und das selbstbewusste, kecke Grinsen.
Mein Gott! Was für ein Kerl! Bestimmt zwanzig Jahre jünger, zwei Köpfe größer als ich und wunderschön gebaut. Trotz der flirrenden Mittagshitze machte er einen absolut frischen Eindruck. Leichter Fahrenheit-Duft umgab ihn.
„Nein, nicht nötig“, stotterte ich, mir peinlich bewusst werdend, dass mir Schweißtropfen in den Nacken liefen und ich sicher im Gegensatz zu ihm einen bemitleidenswert verhuschten Eindruck machte. Ich versuchte wenigstens, den Wirrwarr meiner langen Haare irgendwie zu bändigen.
„Lassen Sie sie so! Das sieht doch toll aus. Frauen sollten ihre Haare immer offen tragen. Warum wollen Sie sie verstecken?“
Ich wich seinem direkten Blick aus und schaute mich suchend um.
„Gibt es hier keine Kofferkulis?“
"Nee, die hat man längst abgeschafft. Wurden doch nur beschädigt oder von Kids nachts auf die Gleise geschubst. Warten Sie, ich helfe Ihnen. Wo wollen Sie denn hin?“
„Mein Hotel liegt hier irgendwo gegenüber dem Bahnhof. Wenn Sie mir meine Tasche dorthin tragen würden? Das wäre nett!“
Wieder dieses aufreizende Grinsen und der frech-ironische Blick, der mich völlig konträr zu seiner weichen, jungenhaften Stimme taxierte.
„Aber gern, Madame!“
Madame … Das machte mir schlagartig bewusst, dass ich mindestens fünfzehn Jahre älter als er war. Oder vielleicht zwanzig?
Ade, lustvolles Ziehen im Bauch! Willkommen Frust!
Irgendwie schaffte er es, den Koffer, die kaputte Tasche und meinen Schirm zum Ausgang und weiter zur Rezeption des Hotels zu schleppen. Und irgendwie gab er mir durch sein Plaudern, seine Blicke und seine Nähe das Gefühl, dass er das nicht nur aus Gefälligkeit für mich tat.
Er roch so gut. Er faszinierte mich.

Nicht, dass Sie jetzt denken, ich hätte mich in die schwärmerische Verzauberung eines jungen Mädchens verstiegen. Nein, nein, keinesfalls. Es waren die realen, sexuellen Wunschträume einer erwachsenen Frau, die gerade dabei waren, jegliche Vernunft auszuschalten.

Ich wollte ihn haben. Ich wollte ihn ausziehen. Ich wollte mich von ihm küssen, ich wollte mich von ihm anfassen lassen. Ich wollte …
Die Ratio war längst gewichen, nur noch Gänsehaut und heiße Wünsche. Und dann berührte mich seine warme, weiche Hand. Kurz nur, wie zufällig!
„Nein, sie brauchen keinem Pagen zu klingeln. Ich bringe das Gepäck der Dame nach oben.“
Täuschte ich mich oder lächelte der Portier dem jungen Mann vertraulich zu? Nein! Es war sicher nur die aufgesetzte Freundlichkeit, die man Gästen entgegenbringt.
„Ich heiße übrigens Jonas. Und Du?“.
Wieder dieser wissende, leicht spöttische Blick. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock.
„Hier ist es. Zimmer 34.“
Ungefragt schob Jonas die Gepäckstücke an mir vorbei neben die geöffnete Badezimmertür und machte einen Schritt auf mich zu.
„Kann ich sonst noch was für Dich tun?“
Ich stand jetzt so dicht vor ihm, dass ich kleine, dunkelbraune Pünktchen in seinen Augen flirren sah. Eine verdrehte Locke hing über seiner rechten Augenbraue. Ich strich sie sanft zur Seite. Mit der anderen Hand zupfte ich seine Sonnenbrille aus dem Hemdausschnitt und setzte sie ihm auf die Nase.
„So ist’s besser! Deine Augen irritieren mich. Vielleicht kannst Du mir nachher den Weg zur IBM-Niederlassung zeigen. Die ist hier irgendwo ein paar Straßen weiter. In einer Stunde beginnt das Seminar. Nimm Dir aus der Zimmerbar, was du möchtest. Ich ziehe mich derweilen schnell um.“
„Nachher? …“ Jonas lachte hell auf. „Nachher soll ich Dir den Weg zeigen? Wann, nachher?“

Muss ich Ihnen jetzt detailliert die folgenden Stunden beschreiben? Diese immer aufs Neue von ihm entfachten Wahnsinnsgefühle? Sex und Begierde, Lust und Befriedigung? Zärtlichkeit und Verliebtheit vortäuschendes Flüstern? Kann man nicht beschreiben. Muss man auch nicht. Denken Sie die Geschichte weiter, wie sie Ihnen persönlich gefallen würde – mit Ihren Vorlieben, Ihren Wünschen, Ihren Träumen …

Das Ende ist schnell erzählt:
Jonas war das Beste, was mir in Essen passierte. Und er war das Geld wert, auch wenn mir für den Rest des Seminars kaum noch Spesen blieben. Ich verzichtete halt darauf, mit den anderen Teilnehmern das Essener Nachtleben kennenzulernen.

Als ich fünf Tage später auf dem Bahnsteig auf den heimfahrenden Zug wartete – ich hatte mir natürlich eine neue Reisetasche gekauft –, sah ich drüben auf der anderen Seite einen schwarz gelockten Mann, der einer elegant gekleideten Dame das Reisegepäck hinterherschleppte.

Ach, Jonas …

(c) Elke Kemna




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...   Erstellt am 01.07.2007 - 21:25Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Ach ja, der Duft von Fahrenheit! Ich werde es mir merken, wenn ich das nächste Mal mit dem Zug fahren muß...


Hallo Elke,

eines der typischen Merkmale einer Kurzgeschichte ist, daß sie keine Einleitung hat, sondern zumeist mitten in der Handlung beginnt. Der Leser sollte quasi direkt in die Geschichte reinfallen.
Deshalb wäre es besser gewesen, Du hättest die Anfangssätze weggelassen, bzw. sie wenigsten in einen Epilog gepackt und die Geschichte mit den Worten "Es war eine dieser Zugfahrten, auf denen alles schiefging" begonnen.

Zum Text ist mir Folgendes aufgefallen:

"auf einen der freien (Plätze), mir genau gegenüber." = Wort ausgelassen.

"und der frech-ironische Blick, der mich (-) völlig konträr zu seiner weichen, jungenhaften Stimme (-) taxierte." = Gedankenstriche (oder Kommas) einfügen.

Ansonsten finde ich die Geschichte recht gelungen. Du hast einen lebendigen Schreibstil, hast die Protagonisten gut beschrieben und die Szene recht bildhaft dargestellt.
Auch der Schluß ist Dir recht gut gelungen.

Duftende Grüße von Fahrenh.., ääh, ich meine natürlich: vom Mino





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Elke ...
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...   Erstellt am 01.07.2007 - 22:59Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Grins, grins, Mino!
Eigentlich benutze i c h immer Fahrenheit.
Egal. Richtig, bei der Einleitung habe ich gepatzt. Die Zugfahrt (ich liebe es halt, erst einmal was zu schreiben, was gar nicht zum Thema gehört), muss ich wieder rausstreichen. Da hast Du völlig recht.
Das macht zwar mir Spaß, so zu schreiben, aber Leser wollen direkt in die Geschichte hineingeschmissen werden.
Das Wort Plätze kann ich weglassen ... wenn die Einleitung wegfällt, ansonsten fehlt es. Ja.

Bei den frechen Blicken werde ich die Gedankenstriche wählen, das hebt die Aussage besser ab.

Danke schön.
Ich freue mich, dass Du die KG so intensiv gelesen hast - und besonders, dass sie Dir gefiel.
Dabei war das doch eine Geschichte für Frauen
Nun bin ich aber still, ehe ich weiter überlege, warum DU im Zug Fahrenheit benutzen willst ...

Grüßlies
Elke




Minotaurus ...
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...   Erstellt am 02.07.2007 - 21:15Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Elke schrieb
    Grins, grins, Mino!
    Eigentlich benutze i c h immer Fahrenheit.
    Nun bin ich aber still, ehe ich weiter überlege, warum DU im Zug Fahrenheit benutzen willst ...

Ups, dann habe ich ja jahrelang das falsche Parfüm benutzt?
Ich dachte immer, Fahrenheit (von Dior) wäre ein MÄNNERPARFÜM?
Schließlich hat es doch eine etwas herbe, moosige Duftnote.
Aber wenn die Weiber das jetzt auch schon verwenden, sag ich lieber nix mehr

Stille Grüße vom Mino





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...   Erstellt am 02.07.2007 - 23:02Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


I C H bin aber nicht "die Weiber"!





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