Stoermanoever  Moderator
              

Status: Offline Registriert seit: 16.08.2007 Beiträge: 169 Nachricht senden | Erstellt am 22.12.2007 - 17:40 |  |
.:: Mythos Rabe ::.
Der Kolkrabe ist für die Naturvölker des hohen Nordens ein Göttervogel.
Für den Ornithologen ist er die Krönung der Singvogelevolution.
Das Verhältnis von Menschen und Rabenvögeln ist seit eh und je eine Beziehung von
eigenartiger Zwiespältigkeit. Faszinierend war das äußerst vielseitige Verhalten, ihr enges
Sozialleben, das Auftreten in Schwärmen, die besondere Lernfähigkeit, die offenkundige
"Intelligenz".
Den Raben und Krähen wurde ein sagenhaft hohes Alter nachgesagt; dies erklärte den
Erfahrungsschatz der Vögel, die selbst menschliche Stimmen nachahmen können.
Unsympathisch aber machte die Rabenverwandten ihr schwarzes Gefieder; die rauhen,
krächzenden Stimmen und die Ernährung der "Todesvögel" von Aas und Leichen.
Ehrfurcht und Verteufelung
Unter den wildlebenden Tieren haben nur noch Eulen, Greifvögel, Wölfe, Bären, Luchse und
Fischotter einen ähnlich verbissenen Haß des Menschen auf sich gezogen wie die Rabenvögel.
In heidnischer Zeit überwog die Ehrfurcht:
In germanischen wie in iranischen Religionen sind Raben dem höchsten Gott zugeordnet. Für
die pazifisch-nordamerikanischen Indianerstämme ist der Rabe der große Schöpfer, Verwandler
und Held, ein Symbol göttlicher Kraft. Die jüdische und mehr die christliche Glaubensdogmatik
drängte diese Nähe zu Göttlichem immer mehr zurück.
Schon im alten Testament galten Raben als "unrein", so wurde einst aus den Göttern heiligen
Tieren die Inkarnation des Bösen, eine Brandmarkung, die bis heute in der Geschichte der
Verfolgung und des Schutzes der Rabenvögel niederschlägt.
Wissen und Aberwissen
Nachahmungstrieb und die Fähigkeit der Lautimitation, besonders natürlich die der
menschlichen Stimme, ist Gegenstand so mancher Geschichte. So berichtet Plinius, dass zu
Zeiten des Kaisers Tiberius ein junger Rabe in einer Schumacherwerkstatt Sprechen gelernt
habe. Das Tier wurde sehr populär, da es jeden Morgen auf das Forum flog und dem Kaiser
seine Reverenz erwies.
Als ein jähzorniger Nachbar den Raben erschlug, lynchte das Volk von Rom den Rabenmörder,
der Vogel aber wurde am 28.3. 35 n.Chr. mit einem königlichen Leichenbegräbnis geehrt.
Treue
Zoologen der Antike schlossen durch Beobachtungen auf die in der Rabenverwandtschaft weit
verbreiteten ehelichen Treue. Sie wurde sogar zu hoch eingeschätzt, wenn man glaubte, dass
sie verwitwet treu bleiben. Zwei Krähen galten den Griechen als ein Symbol der Ehe.
Vögel der Götter
Odin (Wotan oder Wodan) herrschte nach dem Glauben der Germanen über beide - Götter und
Menschen. Er verkündete höchste Weisheit, war der Gott der Schlachten und Kriege und selbst
siegreicher Held.
Auf seinen Schultern sitzen zwei Raben, Munin und Kunin (Hugin). Sie versinnbildlichen
Gedächtnis und Gedanken (Erinnerung). Jeden Tag fliegen sie aus und berichten Odin ins Ohr,
was dort geschieht. Als Boten des mächtigsten aller Götter waren Raben den Germanen heilig
und in Flug und Verhalten vor der Schlacht das wichtigste Omen. Den heiligen Tieren Wodans,
Wölfen und Raben, überließen sie daher auch die Toten der Schlachtfelder, die sie deshalb
unbestattet ließen. Sie waren das "Opfer" für die Mittler zwischen Mensch und Gott. Odin selbst
verwandelte sich gelegentlich in einen Raben.
In der persischen Mythologie waren dem Sonnengott zwei Raben als Boten heilig. Für die
Sumerer und Babylonier ist der Rabe wie im alten China Gottesvogel.
Die Elster wiederum ist der Vogel der nordischen Todesgöttin Hel. Die Krähen unterstanden im
alten Rom der Göttin Iuno, der Schützerin der Ehe, und waren damit als Symbol der Treue
ebenso höchsten Götterkreisen zugeordnet.
Der Rabe als Schöpfer
Von allen Kreaturen der Erde ist für die Indianer der nordwestamerikanischen Pazifikküste der
Rabe die wichtigste: Es war der Rabe, der große Verwandler, der Hüter und Bewahrer aller
Kultur, Schöpfer und gleichzeitig Übermensch, erscheinend in mannigfaltiger Gestalt, der die
Welt erschuf:
Er hängte Sonne, Mond und die Sterne an das Firmament, er füllte das Meer mit Fischen,
setzte Lachse in die Flüsse, alles Wild und alles Essbare ins Land. Der Rabe wies den
Flüssen, Seen, Bergen und den großen Fichten, Tannen, Zypressen und Lebensbäumen
ihren richtigen Ort. Er bevölkerte die Erde mit Menschen und gab ihnen Feuer. In den
Totems der verschiedenen Indianerklans symbolisiert er vor allem Ansehen und Prestige.
Bis heute wird besonders oft das Motiv des Raben verwendet, der die Sonne im Schnabel
trägt, um sie an den Himmel zu heften.
Gute Rabenvögel
Neben der zuverlässigen Wetterprophetie dienten Raben den Wikingern im 9. Jh. n. Chr. als
Wegweiser und Kompass während gefährlicher Seefahrt. Gott selber befahl den Raben, den
Propheten Elias in der Wüste mit Nahrung zu versorgen. "Und sie brachten ihm Brot und
Fleisch am Morgen und ebenso am Abend".
In Böhmen verrät das Schreien der Krähen den Dieb oder einen sonstigen Bösewicht im Wald.
Reste heidnischer Ehrfurcht finden sich Überlieferungen zur magischen Wirkung von Krähen-
oder Rabenfedern. Sie vertrieben Wanzen aus dem Bett.
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