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Elke ...
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...   Erstellt am 21.06.2007 - 18:50Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Die Gnade der Geburt,
oder wie alles begann …

Der Krähenberg - niemand weiß, wer ihn so benannt hat. Selbst in den ältesten Kirchenbüchern gab es keine andere Bezeichnung für den kleinen, mit Gras bewachsenen Hügel zwischen dem alten Dorf Bösenberg und der kleinen Liegenschaft Woldeshof. Sieben kleine Ein- und Zweifamilienhäuser mit Nutzgärten und Kaninchenställen, eingezäunt von Ligusterhecken und Buchsbaum reihten sich aneinander, entlang einer schmalen, mit Katzenköpfen gepflasterten Straße. In einem dieser Häuser, nahe einer stillgelegten Tonkuhle, einer Ziegelei, drei Bauernhöfen und einem kleinen, mit Schilf bewachsenen See sollte ich aufwachsen.
Ein durchfurchter, lehmiger Pfad führte auf der einen Seite des Hügels sanft hinauf Richtung Dorf, auf der anderen steil hinab nach Woldeshof. Die kleine Anhöhe lag inmitten von Getreide-, Mais- und Rübenfeldern. Im Herbst und Winter krakeelten und hüpften dort Dohlen und Saatkrähen in Scharen zwischen umgepflügten Erdschollen und brachliegenden Wiesen umher. Jetzt, im April fehlten die Krähenschwärme, die diesem Hügel seinen Namen gaben.
Frühling!
Zeit des Nestbaus, Ausbesserns und Brütens. Die Rabenvögel hatten sich paarweise, wie in jedem Jahr, in ihre Nester im nahe gelegenen Pappelwäldchen zurückgezogen. Aber man hörte sie noch. Feldlärchen balzten in der Luft. Kiebitze umkreisten sich laut spottend in waghalsigen Flugmanövern. Dicke Erdhummeln brummten zwischen sattgelben Löwenzahnblüten herum, mit Blütenstaub bepudert. Der immer wiederkehrende schrill pfeifende Ruf eines Rotmilans, und das sich in weiter Ferne durch dumpfes Grollen ankündigende erste Frühlingsgewitter, begleiteten meine Geburt.
Auf einem alten verrosteten NSU-Fahrrad keuchte meine werdende Mutter in einem verwaschenen kurzärmligen Blümchenkleid die Anhöhe herauf. Sie wollte nach Bösenberg.
Käthe hauste mit ihren Eltern und zwei jüngeren Brüdern nahe Woldeshof. Arm und mittellos, wie alle Flüchtlinge aus dem Sudetenland, lebten sie in einem notdürftig hergerichteten Anbau auf dem Grundstück einer der reichsten Bauern des Dorfes. Man beschimpfte sie als Flüchtlingspack. Zwangsweise geduldet als billige Arbeitskräfte, die für ein paar Kartoffeln, Rüben und etwas Feuerholz Zugeharbeiten verrichteten, die Schweine versorgten und ausmisteten.
Das quietschende Rad, der einzige Familienbesitz, hätte etwas Öl auf der verrosteten Kette gebraucht, um die Steigung erträglicher zu bewältigen. „Öl kann nie schaden, Kind", pflegte meine Großmutter später immer zu sagen, wenn sie mir zeigte, wie man mit der Hand zwischen den Speichen hindurchschlüpfte, um mit dem schwarzfettigen Lappen die Nabe zu putzen. Die Kette polierte sie, als wäre es allerfeinstes Silberbesteck.
Käthe, die zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung von meiner Existenz hatte, erreichte die Kuppe des Krähenberges. Sie bremste, stieg ab und plumpste schwer keuchend am Rande des von Pferdefuhrwerken zerklüfteten Weges auf frisch grünen Löwenzahn und Huflattich. Sie drehte sich auf die Seite, stöhnte und zog die Knie an den gepeinigten Körper. Leise seufzend verkrampfte sie die Hände im Gras und schloss gemartert die Augen.
Unten in Bösenberg konnte man, kaum fünf Fahrradminuten entfernt, die Kühe voller Sehnsucht nach saftigen Frühlingswiesen in den Ställen muhen hören. Ein Hund blaffte wütend hell dazwischen, und irgendwo kreischte schrill eine Kreissäge. Zwei noch sehr kleine, in schmutzig braune Wollsachen gekleidete Kinder balancierten auf glitschig grünen Steinen am Ende des Weges im morastigen Schlick des dorfeigenen Feuerlöschteiches. Sie fischten mit zerbeulten, blind gescheuerten Aluminiumkannen hier und da Froschlaich. Laut lachend riefen sie sich dabei beliebige Schimpfwörter zu, die sie zwar nicht begriffen, aber von denen sie wussten, dass es verboten war, sie zu benutzen.
Es roch so gut.
Ein Meer von Löwenzahnblüten wiegte sich im lauen Frühlingswind. Schwarze flinke Laufkäfer wieselten zwischen grob zerquetschten Lehmborken umher. Ein mutiger Zitronenfalter taumelte, noch etwas ungeübt, in der wunderbar warm strahlenden Sonne neben Käthes Ohr. Hinter ihrem Rücken schob sich am Horizont ein schwarzgraues Wolkengebirge drohend zusammen.
Meine Geburt rückte näher.
Elfriede Baader kam auf ihrem sorgsam geputzten Fahrrad aus Richtung Bösenberg den Berg herauf gestrampelt. Sie lebte auch mit ihrem 20-jährigen Sohn in der kleinen Siedlung und ahnte nichts von ihrer Enkeltochter, die auf die Welt wollte. Rechts und links am Fahrradlenker pendelten riesige Leinentaschen mit dem wöchentlichen Einkauf. Bei Kaufmann Leskow wurde alles besorgt, was Schweine, Kaninchen, Hühner, selbst eingelegte Obst- und Gemüsevorräte, also Hof und Garten, nicht hergaben.
Auf dem Gepäckträger wackelte ein brauner, voll beladener Weidenkorb, der mit einer zerfaserten Hanfwäscheleine festgezurrt war. Sein Inhalt: Schlachtabfälle für den Hund, viel gebrauchtes weißes Einwickel- und rosa Packpapier des Kaufmanns. Wer hatte nach dem Krieg schon Geld übrig für Zeitschriften, die nach dem Auslesen für das tägliche Kochfeuer benutzt werden konnten?
Das etwas weichere rosa Papier wurde später in ihrer Küche sorgfältig geglättet, auf ungefähr doppelte Handgröße gefaltet, mit einem Messer zerschlitzt und aufgefädelt auf einem Hanffaden, an einen rostigen Nagel ins Klohäuschen hinter der Waschküche des Hauses gehängt. Dort benutzte man es später anstatt des weichen, gebleichten Klopapieres.
Elfriede keuchte und schwitzte. Die Steigung des Weges und das voll beladene Fahrrad verlangten viel Kraft. Trat sie in die linke Pedale, bewegte sich ihr gesamter Körper, Kopf und Lenker, samt Taschen zur linken Seite. Trat sie mit ihren dicken muskulösen Beinen, die rechte Pedale nach unten, schwankten Mensch, Fahrrad und Taschen nach rechts.
Eine magere, schwarze Katze lief seitlich neben ihr her, kreuzte jedoch nicht den Pfad. Elfriede fürchtete weder Tod noch Teufel: Ein streunender bösartiger Hofhund, der sich in ihre Waden verbeißen wollte, wurde mit einem gezielten Tritt in die geifernde Schnauze vertrieben. Einem wild schnaubenden ausgebrochenen Bullen - damals wurde noch auf natürliche Weise für Nachwuchs gesorgt - klatschte sie ihre alte, immer über dem Lenker hängende Strickjacke mit den dicken Holzknöpfen an die Nase. Jedoch, vor Wege kreuzenden schwarzen Katzen und mächtigen Frühlingsgewittern hatte sie einen Heidenrespekt!
Sie stieg ab.
Die Katze stob Böckchen springend, mit hoch aufgerichtetem Schwanz davon, das Gewitter nicht! Elfriede stöhnte vor Anstrengung - meine Mutter stöhnte vor Schmerz, als sie sich auf dem Kamm des Hügels begegneten.
„Kind, was machst du denn hier im Gras, bist du gestürzt? Ein Gewitter zieht auf. Mach, dass du nach Hause kommst. Nu´ stell dich nicht an. So schlimm wird es doch wohl nicht sein, dass du hier am Boden kleben bleibst!"
Käthe drehte sich vorsichtig auf die andere Seite.
„Ich hab so grauselige Bauchkrämpfe, schon seit heute Morgen …
… es wird und wird nicht besser …
… trotz Wärmflasche und Kamillentee …
… eher noch schlimmer …
… Ich will ins Dorf zu Doktor Wedemeier …
… Aber jetzt kann ich nicht mehr weiter, es zerreißt mir den Bauch …
… Vielleicht war das Schmalz gestern nicht mehr gut …
… oder der Pudding …
… Mir ist so schlecht, ich kann nicht mehr aufstehen …
… geschweige denn weiter fahren …
… Es tut so weh …."
In keuchenden Sätzen kam es zwischen Käthes zusammengepressten Lippen hervor. Elfriede wackelte ratlos mit dem Kopf, ihr Kopftuch wackelte mit.
Käthe bäumte sich auf, sie schrie, schrie und schrie, drehte sich auf den Rücken. Ihre Knie öffneten sich unter dem hoch gerutschten Rock und gaben den Blick auf einen nassen blutig getränkten Schlüpfer frei.
Sehr blutig und sehr nass.
„Oh nein, oh nein, Jesses, Maria und Josef!" Elfriedes Kopftuch wackelte stärker. „Sie wird doch nicht etwa hier ein Kind kriegen! Nein, nein, nein, schämen sollte sie sich, die Hergelaufene", murmelte sie halb angeekelt, halb bedauernd.
Im nächsten Moment war Käthe still.
Schlapp gemacht, in Ohnmacht gefallen, geflüchtet vor mir.
Eine sehr kleine Beule wölbte ihre Unterhose.
Mein Kopf.
Nachdem Elfriede meiner Mutter die Hose bis unter die Knie und vom rechten Bein gezogen hatte, platschte ich heraus, mehr Nabelschnur und trüb gelbliches Fruchtwasser, als ein gesundes Neugeborenes. Viel zu klein, rot, runzelig und hässlich.
Ein Baby!
Weder Schmalz noch Brot, noch Pudding hatten diese Pein verursacht, obwohl auch dieser Brei, halb verdaut, kurz vor der Geburt meine Mutter auf ganz natürlichem Wege verließ.
Wenn ein Küken aus dem Ei schlüpft, wird es auf das erste sich bewegende, Laut gebende oder stumme Wesen geprägt. Dieses wird sie als Mutter erkennen. Es kann sogar eine Katze sein - wenn das Federknäuel dies überlebt - was selten der Fall ist, aber es soll schon vorgekommen sein. Das Küken wird dem Wesen auf Schritt und Tritt folgen: Ich werde Elfriede folgen, lange Zeit auf Schritt und Tritt, Gedeih und Verderb ..., für lange, lange Zeit verdorben.
So begann ich also mein Leben.




Elke ...
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...   Erstellt am 21.06.2007 - 18:53Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der Krähenberg - 2. Teil

Blutverschmiert, mit bläulich gefärbter Nabelschnur und der schnell durch ein paar sehr heftige Nachwehen gelösten Plazenta, lag ich zwischen Käthes Beinen. Meine Ärmchen zuckend, mein Körper zusammengekrümmt, als wäre ich noch im warmen, beschützenden Bauch ..., er fehlte mir.
Also atmete ich nicht.
Noch nicht!
Elfriede atmete für uns beide, aufgeregt und schnell. Sie selbst hatte nur ein Kind bekommen, einen Sohn. Zu Zeiten meiner Geburt war es allerdings in den weit von einander entfernt liegenden Dörfern üblich, im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, bei jeder Niederkunft mit Rat und Tat Beistand zu leisten. Elfriede Baader hatte schon viele Neugeborene abgenabelt. Kälber, Fohlen und Kinder, in dieser Reihenfolge. Das tat sie jetzt auch.
Ein paar leise, zärtlich gemurmelte Worte, mit denen sie auch jedes frisch geborene Tier begrüßte, dann durchtrennte sie mit ihrem rostigen, immer bei sich geführten Löwenzahnstecher, „man weiß ja nie, welcher Tunichtgut einem auf einsamen Wegen auflauert", die noch pulsierende Nabelschnur. Nun sollte ich also eigenständig leben und atmen.
„Du kleines Ding, du. Machst´e denn für Sachen, du. Nu ´atme mal ein bisschen dalli!" Sie öffnete meinen Mund, bohrte mit ihrem schwieligen braun verfärbten Zeigefinger zwischen meinem Gaumen und meiner Zunge herum und befreite meinen Rachen von Fruchtwasser und Schleim.
Kälbchen atmen dann.
Ich nicht.
Also riss sie ein Grasbüschel mit einem vertrockneten, vorjährigen Distelblatt aus und massierte mit kreisenden Bewegung meine knochig-magere Brust und die faltigen, krebsroten Ärmchen.
Dann zog sie mich, wie eine professionelle Hebamme, mit einer Hand an den Füßchen hoch, in die Nähe ihres Gesichtes. Ich bekam zum ersten und nicht zum letzten Mal Dresche. Zugegeben, meinem zarten Alter entsprechend, sehr vorsichtig. Also gut, Großmutti, wie ich sie später nannte, lieber atmen und leben, als weiter gehauen zu werden.
Kein Ton, kein Wimmern entrang sich mir - aber, damit das Klapsen aufhören möge, ein leichtes zittriges Luftholen.
„Na also, wäre ja gelacht!"
Elfriede war zufrieden. Sie nickte, wie immer nickte ihr Kopftuch mit. Als sie es abnahm und mich darin einwickelte, hätte jeder die noch nicht bekannte Verwandtschaft sehen können: Ihr Haar, dunkelkupferfarben leuchtend, kurzlockig verschwitzt, mein Flaum hellkupferfarben, kraus und verklebt.
„Du bist so klein, du Würmchen, noch lange nicht fertig, wenn sie dich man durchkriegen. Vielleicht hätt´ste dir ja noch ein paar Wochen Zeit lassen können. Dann wärst du vielleicht auf ehrbare Weise geboren worden! Armes Wurm, armes."
Sie wackelte mit dem Kopf, das fehlende Kopftuch irritierte sie in ihrem Bewegungsablauf. „So'n kleines Wurm, kaum Fleisch unter der Haut!"
Ich atmete tapfer weiter.
Vorsichtig wurde ich nun neben meiner biologischen Mutter zwischen Löwenzahn, Gräsern, Bienen, Marienkäfern und andere Flora und Fauna gebettet. Dies sollte prägend für mein gesamtes Leben werden.
Auch heute noch, wenn ich mich irgendwo ins Gras lege, oder den Duft von Heublumenkissen einatme, und weit draußen vor der Großstadt selten gewordenes Gezwitscher von Feldlärchen höre, wird mir friedvoll ruhig zumute. Dann habe ich meine Wurzeln gefunden.
Käthe hatte sich, langsam wieder zu sich kommend, auf die Seite gerollt. Verschwitzt, mit nassen zerwühlten Haaren, tastete sie nach ihrem Bauch.
„Jetzt ist mir besser, mir ist wieder ganz leicht zumute, aber so schwach …
… ich glaube, ich war wohl ohnmächtig …
… Dieser schreckliche Durchfall …
… es ist mir so peinlich, Frau Baader …
… ich kann auch nicht aufstehen …
… Hoffentlich kommt jetzt niemand vorbei, bis ich einigermaßen ..."
Sie sackte wieder in sich zusammen und bemerkte nun erst das eingewickelte, rot verschrumpelte winzige Etwas neben sich, ohne recht zu begreifen. Auf dem Bauernhof hatte sie immer wieder tierische Paarungen beobachtet, auch die darauf folgende Geburten miterlebt. Aber sie wusste keinen Zusammenhang zwischen Zeugung und Geburt bei Menschen herzustellen. Jetzt brauchte sie keine Aufklärung mehr. Langsam dämmerte Käthe, dass das Produkt ihrer Bauchschmerzen demnächst noch viel größeren Kummer und Schmerz erzeugen würde.
Elfriede hatte ihre christliche Pflicht getan.
„Ich schick euch einen Wagen, wärm das Kind und lieg stille, sonst blutest du zu stark!"
Sie würdigte uns beide keines Blickes mehr, henkelte ihre vielen Einkaufstaschen wieder rechts und links an den Fahrradlenker, klappte den Ständer ein, schwang sich auf den ovalen abgewetzten Ledersattel, und radelte noch einmal zurück nach Bösenbeg, um Hilfe zu bestellen.
Ein Krankenwagen wurde telefonisch vom Kaufmannsladen aus alarmiert. Mit Blaulicht und Martinshorn jagte er kurze Zeit später den Hügel hinauf. Wie ein Lauffeuer hatte es sich derweilen im Dorf herumgesprochen: „Da oben, auf dem Krähenberg liegt eine Frau und ein Neugeborenes!"
Zu Fuß oder per Fahrrad, Handwagen mit Kleinkindern hinter sich herziehend, kamen sie. Mütter, Greise und viele, in diesen schlechten Zeiten arbeitslose Männer. Voran eine laut johlende Kinderschar. Sie wollten an dem aufregenden, nie da gewesenen, unaussprechlich peinlichen Ereignis teilhaben und die „Hergelaufene" mit ihrem Balg im Schmutz des Hügels sehen.
Man begaffte und bekicherte uns. Kopfschüttelnd, unter hämischen Blicken und dem leisen Flüstern der Dorfbewohner, luden uns zwei weiß gekleidete Krankenpfleger vorsichtig auf eine Trage in den Wagen.
Donner grollende, nun schweflig gelbgraue Wolken zogen über uns auf. Elfriede hatte längst Unterschlupf bei Bekannten im Dorf gefunden ….
Später im Krankenhaus wurde ich von meiner Mutter getrennt. Man brachte mich in die Säuglingsstation und mühte sich um mein Leben. Dort brauchte es zwei Monate, bis ich einigermaßen lebensfähig der Welt begegnen konnte.
Nach gelungener Kräftigung wurde ich in die Baracke zur Mutter, ihren Brüdern und den Großeltern entlassen. Man fütterte, badete und wickelte mich mit aller Sorgfalt, wie es der guten Christenpflicht entsprach.
Ich wurde in einem sauber ausgepolsterten Wäschekorb gebettet und lernte, tagein tagaus einsam brüllend, meine Lungen zu kräftigen. Bei schönem Wetter, ordentlich zugedeckt, schob man mich zum frühen Nachmittag, wegen der Abhärtung auf den Hinterhof. Dort wuchs ich während des Sommers neben dem, mit stinkendem Holzschutzmittel getränkten „Scheißhäusl", wie mein Großvater mütterlicherseits den Abort liebevoll nannte, zu einem kräftigen, dunkelrot gelockten Baby heran.
Hach, wie gut ging es mir da.
Viele Jahre später, als ich schon ein Schulkind war, erzählte mir meine Mutter, nicht ohne verständnisvolles Schmunzeln, dass der „Opa Heinrich", ihr Vater und mein Großpapa, mich jedes Mal heimlich besuchte, wenn er zum Abort ging.
Sich vorher nach allen Seiten umblickend, dass ihn ja keiner beobachtete, beugte sich Großpapa über den Korb, piekste mich mit seinem nikotingelb gefärbtem Finger vorsichtig in den Bauch, und sprach dabei leise, beschwörende Brabbellaute.
Mein Gebrüll verstummte.
Widmete er sich danach seiner langwierigen Verrichtung im Häusl, begann mein Geschrei von neuem, worauf er alsbald zurückkehrte und vorsichtig an meinem Korb herumwackelte. Fühlte er sich jedoch von Familienmitgliedern ertappt, richtete er sich sofort kerzengrade auf und stob eilends davon, mich keines Blickes mehr würdigend.
Ein uneheliches Kind. Schande und Asche über sein Haupt!
Nie würde er es zugeben, dass er sein „Madel" liebte.
„Siehst du, schon damals hast du dir Zuwendung mit deinem ohrenbetäubenden Gebrüll ertrotzt", schloss meine Mutter die Erzählung ab.
So begannen meine ersten Lebensmonate auf dieser schönen Erde: In Schande geboren, schreiend liegen gelassen, verleugnet und versteckt. Ungeliebt, sauber gewickelt und gut versorgt. Es war eine schwere Zeit in der ärmlichen Unterkunft. Zwei Zimmer in einer zugigen Baracke für sechs Personen. Kein fließendes Wasser. Nur ein eiserner Beistellherd zum Kochen und Heizen, immer zu wenig Brennholz und eine karge, nie sättigende Ernährung.

© Elke Kemna
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Minotaurus ...
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...   Erstellt am 21.06.2007 - 22:46Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Elke,

nun, Du hast Dir mit dieser Autobiographie vermutlich eines der schwersten Genres ausgesucht, welche die Literatur zu bieten hat.
Trotzdem möchte ich versuchen, meine Eindrücke zu formulieren und eine halbwegs brauchbare Kritik anzugeben.
Warum diese Geschichte nicht in einem Stück, sondern der zweite Teil im
Kommentarsystem des ersten Teiles steht, weiß ich nicht, deshalb zunächst zum ersten Teil:

Die Erzählung selbst ist sehr gut gelungen, lebhaft beschrieben und so farbig ausgemalt, daß man als Leser gut in die Geschichte eintauchen kann. Respekt!
Gerade einem Leser dieser Generation fällt es leicht, sich damit zu identifizieren.

Was mir dennoch aufgefallen ist, sind einige Logikfehler im Text:
Wahrscheinlich erinnert sich kein Mensch auf der ganzen Welt an seine eigene Geburt, schon gar nicht an die Zeit davor.
Trotzdem erscheint es mir aber wichtig, diese Eindrücke nicht einfach untergehen zu lassen, denn sie sind ein markantes Merkmal dieser Geschichte. Ja, ich würde sogar behaupten, daß die Geschichte davon lebt.
Vielleicht wäre es deshalb besser gewesen, diese Episode nicht als eigenes Erlebnis, sondern als gehörte Erzählung, bzw. Überlieferung zu konstruieren.
Dazu würde es genügen, einen vorausgehenden Vermerk einzufügen, z.B: "So wurde es mir erzählt:" Dann könnte der Rest der Erzählung unverändert so stehenbleiben.
Ferner ist es sehr unglaubwürdig, daß eine junge Frau bis zur Geburt ihres Kindes nicht merkt, daß sie schwanger ist, noch dazu, wenn sie nicht in der Isolation, sondern auf dem Land lebt. So viel Naivität hat es wohl zu keiner Zeit gegeben, nicht einmal nach dem Krieg.

Elke schrieb
    "eingezäunt von Ligusterhecken und Buchsbaum reihten sich..."

Hier würde ich den Satz umdrehen: "eingezäunt von Buchsbaum- und Ligusterhecken reihten sich..."
Das liest sich - meiner Ansicht nach - flüssiger und ist auch logischer (ein Buchsbaum ist keine Einzäunung).

Dann noch die Sache mit den Pedalen: (die Pedale = Mehrzahl, das Pedal = Einzahl)
Elke schrieb
    Trat sie in die linke Pedale, bewegte sich ihr gesamter Körper, Kopf und Lenker, samt Taschen zur linken Seite. Trat sie mit ihren dicken muskulösen Beinen, die rechte Pedale nach unten, schwankten Mensch, Fahrrad und Taschen nach rechts.

Mögliche Alternative:
Trat sie mit ihren dicken muskulösen Beinen in die Pedale, bewegte sich ihr gesamter Körper, Kopf und Lenker, samt Taschen zur jeweiligen Seite. Dabei schwankten Mensch, Fahrrad und Taschen jeweils nach links oder rechts. (Auf den zweiten Satz könnte aber evtl. auch verzichtet werden, da er keine weitere Information liefert, sondern nur den ersten Satz mit anderen Worten wiederholt)

Die Schlußbemerkung mit dem frisch geschlüpften Küken ist ebenfalls nicht logisch, denn diese Prägung passiert nur bei Küken, nicht aber bei Menschenbabys. Trotzdem würde ich es so stehenlassen, da es sich vermutlich nur um eine Metapher handelt, die recht gut als Schluß des ersten Teiles paßt.
An Wortwahl, Struktur und Satzbau gibt es nix zu mäkeln, diese Elemente halte ich für perfekt. Die Geschichte ist wohl schon etwas älter und sie wurde bereits überarbeitet?
So, ich hoffe, daß ich mit meiner Kritik nicht völlig auf dem Holzweg bin und Du damit etwas anfangen kannst?

Nostalgische, aber kritische Grüße vom Mino





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(Marcel Reich-Ranicki)

Brigitte ...
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...   Erstellt am 22.06.2007 - 13:58Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Minotaurus schrieb
    Ferner ist es sehr unglaubwürdig, daß eine junge Frau bis zur Geburt ihres Kindes nicht merkt, daß sie schwanger ist, noch dazu, wenn sie nicht in der Isolation, sondern auf dem Land lebt. So viel Naivität hat es wohl zu keiner Zeit gegeben, nicht einmal nach dem Krieg.

So kann wahrscheinlich nur ein Mann denken?
Auch wenn ich hier vielleicht in Gefahr gerate, für etwas doof gehalten zu werden, so behaupte ich, dass so etwas auch heute noch möglich ist.
Eine gute Freundin von mir war bereits im 7. Monat schwanger, bevor sie sich sicher war und ihre Eltern haben es erst bei der Geburt ihres Kindes mitgekriegt.
Es kann schon sein, dass sowas ein Einzelfall ist, aber unmöglich ist es nicht.
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Ich mag solche Erzählungen, auch wenn ich nicht mehr dieser Nachkriegsgeneration angehöre. Nur das mit den Pedalen hat mich ebenfalls etwas verwirrt.
Das könnte man vielleicht anders formulieren?

L.G. Brigitte





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Am liebsten ist mir derjenige, der gerade bei mir ist.
(Hermann Hesse)

Elke ...
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...   Erstellt am 30.06.2007 - 11:19Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


So, jetzt will ich endlich auf Deine Ausführungen, lieber Mino und auf Dein Posting, liebe Brigitte, antworten.

Zunächst ein paar Sätze über den Werdegang dieser Prosa.
Mit dem Schreiben an den in sich abgeschlossenen Geschichten habe ich vor zehn Jahren begonnen. Damals war es mein grundsätzliches Bemühen, "literarisch" zu formulieren - meint, so zu schreiben, wie ich es anhand von einigen Beispielen aus der klassischen Literatur kenne. Dazu gehörten Schachtelsätze genauso, wie das bildhafte Ausschmücken kleinster Begebenheiten. Um dem Ganzen, besonders der einleitenden Geschichte einen besonderen Stil zu geben, beschrieb ich meine Geburt in der Ich-Form.
Ich meine schon, dass genau dieser Art des Erzählens das Besondere ausmacht.

Du hast Recht, diese "KG" wanderte im Laufe der Zeit durch einige Foren und wurde recht intensiv und fachlich überzeugend auseinandergenommen. Gut so. Ich habe viel dadurch gelernt.
So, wie sie jetzt hier steht, ist sie einer Leseprobe auf meiner HP entnommen, die schon zwei Jahre alt ist. Sie sollte eigentlich auch nur als Beispiel dienen, wie ich die Zeit damals (als Kind) in ländlicher Umgebung empfunden habe.
Trotzdem, oder gerade wegen der verschiedentlichen Bearbeitung bin ich dabei, alles neu zu überdenken. Sämtliche, in sich geschlossene Geschichten, verändere ich grundlegend. Drei (ehrenamtliche) Lektoren haben sich an meinem "dreihundert-Seiten-Werk" versucht. Jeder hat mir andere Möglichkeiten des Ausdruckes und der Wirkung auf den Leser aufgezeigt. Jeder hat seine persönliche Sichtweise und seinen Stil einfließen lassen und genau da liegt die Schwierigkeit: Ich will einige Ratschläge annehmen, andere abweisen, weil sie, wie ich finde, den "Krähenberg" und meine eigene Schreibe allzusehr verfälschen.

Nun zu Deinen persönlichen Anmerkungen:
Absolut logisch, die Begriffe "Buchsbaum" und "Ligusterhecken zu drehen. So klingt es richtig!
Die Geburt aus meiner eigenen Sicht zu schreiben, s. o., werde ich nicht ändern. Das finde ich gerade reizvoll und ungewöhnlich.
WasDu über die radfahrende Elfriede geschrieben hast, passt. Ich habe mir eine Kopie Deines Vorschlages gemacht und ins (alte) Manuskript als Merksatz eingefügt. Danke schön, so etwa klingt es viel besser!
Auch mit der Prägung der Küken hast Du natürlich recht. Wer aber die weiteren Geschichten kennt, wird diesen Absatz als den annehmen, den er bedeuten soll: Die absolute Hörigkeit meiner Oma gegenüber eingangs zu beschreiben.
... Mein Schreibstil hat sich im Laufe der Jahre sehr gewandelt, ich hüpfe zwischen den Genren hin und her und Wie ich den "Krähenberg" neu schreibe, ist fraglich. Jedenfalls zur Zeit.

Und nun zur letzten Anmerkung betreff unbemerkter Schwangerschaft von Dir, Mino, und zu Deinen Ausführungen hierzu, von Dir, Brigitte.

Die Geschichte meiner Geburt ist tatsächlich so passiert. Das weiß ich aus den Erzählungen meiner Mutter. Obwohl Zeugungen und Geburten bei Tieren tagtäglich beobachtet wurden, klärte man junge Frauen (sie war damals 18) überhaupt nicht auf. Einerseits hatten sie Angst, vom Küssen schwanger zu werden, andererseits wußten sie nicht einmal, was die Menstruation bedeutete. Meine Mutter war sieben Monate schwanger, ohne dass irgendjemand etwas gemerkt hatte. Da sie rundum "recht füllig", die Kleidung damals nicht sehr figurbetont war, viel der zunehmende Bauchumfang kaum auf, bzw. wurde anders gedeutet.
Über die Mens, oder deren Ausbleiben sprach man nicht, das war ein "Pfui-Thema". Außerdem war die Mutter meiner Mama mehr damit beschäftigt, die Familie zu ernähren, indem sie arbeiten ging, dass ihr die Schwangerschaft der Tochter entging.

Danke fürs Lesen und Danke für die Auseinandersetzung mit dem Text.

Einen lieben, regentropfenden Gruß zum Wochenende
sendet Euch
Elke




Minotaurus ...
Hausherr und Gastgeber
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...   Erstellt am 01.07.2007 - 13:49Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Elke schrieb
    Drei (ehrenamtliche) Lektoren haben sich an meinem "dreihundert-Seiten-Werk" versucht. Jeder hat mir andere Möglichkeiten des Ausdruckes und der Wirkung auf den Leser aufgezeigt. Jeder hat seine persönliche Sichtweise und seinen Stil einfließen lassen und genau da liegt die Schwierigkeit: Ich will einige Ratschläge annehmen, andere abweisen, weil sie, wie ich finde, den "Krähenberg" und meine eigene Schreibe allzusehr verfälschen.

Das sehe ich genauso, liebe Elke. Jeder Kritiker kann nur seine ganz persönliche Meinung zum Ausdruck bringen und es gibt keine Garantie dafür, ob diese Vorschläge wirklich besser sind als die ursprüngliche Schreibe des Autors.
Letztendlich sollte jeder Autor immer selbst entscheiden, was zu seiner Art des Schreibens paßt, denn sonst macht man sich am Ende wahnsinnig (siehe Kritiker-Thread über das Schreiben).
Etwas Anderes ist es bei einem Lektor, der sich ausschließlich auf Zeitform, Stil und Grammatik beschränkt. Dort gibt es einfach allgemeingültige Regeln, um die man kaum herumkommen wird, wenn man sich ernsthaft mit dem Gedanken trägt, seine Texte als Buch zu veröffentlichen.
Da ich aber kein Lektor bin, konnte ich Dir nur meine Eindrücke als kritischer Leser mitteilen und ich hoffe, daß mir dieses einigermaßen gelungen ist.

Lesergrüße vom Mino





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...   Erstellt am 01.07.2007 - 16:47Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Na klar habe ich das verstanden, Mino. Bestens sogar!

Schützenfestliche Grüße aus Hannover
Elke





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