Daggi 
      

Status: Offline Registriert seit: 20.02.2007 Beiträge: 569 Nachricht senden | Erstellt am 24.04.2007 - 11:11 |  |
Zeit seines Lebens kannte ich ihn schon und er gehörte wahrlich nicht zu den Hunden, die ich gerne mochte. Ich hatte einfach Angst vor ihm und war immer sehr erleichtert, wenn ich heil an seinem Grundstück vorbeikam. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, er wartete nur auf mich, um sich dann ganz plötzlich aus dem Hinterhalt gegen die Gitterstäbe zu werfen und mir lautstark seinen Hass entgegen zu bellen. Ich befürchtete mehr als einmal, dass er sich eines Tages durch die Stäbe zwängen und mich anfallen würde.
Aber trotz allem tat er mir furchtbar leid. Schon immer sah das Tier sehr ungepflegt aus und nun wurde das schwarze, verfilzte und stumpf aussehende Haar um die Schnauze herum schon recht grau. Für seinen Besitzer war er nur der Wachhund, der dankbar zu sein hatte, dass er regelmäßig sein Futter bekam. Er kannte nur seinen Hof und seine Lebensaufgabe bestand darin, diesen zu verteidigen. Niemand beschäftigte sich mit ihm, niemand zeigte ihm, dass es auch ein Leben jenseits des Zaunes gab und niemand liebte ihn. Nein, dieses Tier hatte kein schönes Leben.
Ausgerechnet ich war es, die diesen Hund halbtot auf der Straße fand.
Es war noch früh und bitterkalt. Ich war auf dem Weg zur Arbeit und eigentlich spät dran, doch als ich das Fellknäuel mitten auf der Straße liegen sah und bemerkte, dass es sich noch bewegte, musste ich einfach anhalten. Erst als ich vor ihm stand, erkannte ich ihn. Mein erster Gedanke war, mich umzudrehen und einfach weiter zu fahren. Doch dann traf mich dieser Blick aus seinen weit aufgerissenen Augen und ich las in ihnen nur Schmerzen und unsägliche Angst… mein Mitleid siegte über meine eigene Furcht und vorsichtig beugte ich mich über den Hund.
Er fletschte die Zähne und knurrte leise, als ich meine Hand nach ihm ausstreckte, doch als ich ihn schließlich todesmutig berührte, glättete sich seine Nase und zitternd ließ er meine Berührung zu. Ich fühlte sein feuchtes verklebtes Fell unter meiner Hand und ungläubig hob ich sie mir vor die Augen und starrte entsetzt auf das Blut, das sich an ihr befand. Oh mein Gott, warum ich? Ich war schlicht überfordert und mit klopfendem Herzen überlegte ich, was ich tun sollte. Überlegen? Dafür war keine Zeit und ich beschloss, ihn erst einmal zum Auto zu schaffen und mit ihm zu meiner Tierärztin zu fahren. Zum Glück wusste ich, wo sie wohnte, denn um diese Zeit war sie ganz sicher noch nicht in ihrer Praxis. Oder sollte ich ihn doch besser nach Hause bringen und seinem Herrn übergeben? Besser nicht, der Hund brauchte dringend Hilfe.
Ein Auto näherte sich und hilfesuchend blickte ich ihm entgegen. Der Fahrer verrenkte sich zwar den Hals, fuhr aber vorbei, ohne langsamer zu werden. In diesem Augenblick fühlte ich mich unendlich allein. Doch Einsamkeit macht manchmal auch stark und so sah ich dem Auto nur hinterher und murmelte „blödes Arschloch“, ehe ich mich wieder dem verletzten Hund zuwandte.
Immer noch starrte er mich unverwandt an. Er winselte voller Panik, doch immerhin hatte er nicht versucht, sich meiner streichelnden Hand zu entziehen. Noch einmal streichelte ich über sein verfilztes Fell, ehe ich mich endlich fassen und aufrichten konnte.
Während ich die paar Schritte zum Auto lief, um eine Decke zu holen, zog ich meinen Mantel aus und schob die Ärmel meines Pullovers über die Ellenbogen. Wieder zurück breitete ich die Decke neben dem Hund aus und mit einem Stoßgebet kniete ich mich neben ihn und griff nun mit beiden Händen unter seinen Körper, um ihn aufzuheben. Ich war überrascht, wie leicht er trotz seiner Größe war. Er jaulte kurz auf, als ich ihn vorsichtig auf die Decke gleiten ließ und meine Arme unter ihm hervorzog. Dann schlug ich die Decke um seinen Körper, hob ihn wieder hoch und trug ihn zum Auto. Ich hatte die Kofferraumklappe offen gelassen und legte ihn nun vorsichtig in das Auto.
Die Tierärztin wohnte zum Glück nur drei Dörfer entfernt und als ich die Einfahrt hochfuhr, sah ich, dass das Haus schon hell erleuchtet war. Ich sprang aus dem Auto und klingelte, ehe ich wieder zum Auto eilte, um den Hund aus dem Kofferraum zu holen.
Als die Tür aufging, stand ich schon wieder mit dem Elendsbündel, aus dem nur noch ein leises Fiepen zu hören war, auf der Treppe. Mit einem Blick erfasste die Frau die Situation und trat zur Seite, um mich vorbei zulassen. Sie griff mit zu und gemeinsam schafften wir den Hund in die Küche. Sie bedeutete mir, ihn auf den Tisch zu legen, nachdem sie schnell zwei mit dampfendem Kaffee gefüllte Tassen beiseite geräumt hatte. Meine Entschuldigung wegen der frühen Störung wischte sie mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. Sie drückte mich auf einen Stuhl und während sie den Hund abtastete, hörte sie sich meine gestammelte Erklärung an.
Als ich seinen mageren Körper mit dem blutverkrusteten Fell dort auf dem Küchentisch liegen sah, seine rasselnden kurzen Atemzüge hörte und in seine ängstlichen Augen blickte, spürte ich, dass mir heiße Tränen in die Augen stiegen. Ich versuchte verzweifelt, sie zu bekämpfen, doch als die Ärztin schließlich hochsah und leicht mit dem Kopf schüttelte, verlor ich die Fassung. Ich schluchzte und hörte wie durch Watte die Worte der Ärztin. Mehrere Rippen gebrochen… Lungenflügel verletzt… Hüfte gebrochen… einschläfern.
Während sie aus der Küche lief, um eine Spritze zu holen, erhob ich mich niedergeschlagen und trat zu dem Hund. Die Tränen rollten über meine Wangen, als ich ihm sanft über den Kopf strich und ihn hinter den Ohren kraulte.
Als er dann die erlösende Spritze bekam, richtete er seinen Blick wieder fest auf mich und ich konnte so etwas wie Dankbarkeit und Ruhe in seinen Augen lesen. Ich weinte bitterlich, obwohl ich begriff, dass wir wirklich nichts anderes für den Hund tun konnten, als ihn von seinen Leiden zu erlösen. Ich streichelte seinen Körper noch, als er schon längst die Augen geschlossen hatte und sich sein Brustkorb nicht mehr hob und senkte. Es war vorbei.
Ich konnte mich nur schwer beruhigen und der mitleidige Blick und die abwinkende Geste der Ärztin, als ich nach den Kosten der Spritze fragte, machten mir die Sache auch nicht leichter. Sie würde sich um den Körper des Hundes kümmern und als sie mich zur Haustür begleitete, strich sie mir tröstend über den Arm und bat mich eindringlich, mich zusammen zu reißen und vorsichtig zu fahren.
Ich fuhr an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit. Stattdessen informierte ich noch am selben Vormittag seinen Besitzer über den Tod und Verbleib des Hundes. Seine einzige Bemerkung dazu war „der hätte es eh nicht mehr lange gemacht“.
Die Lieblosigkeit, die aus seinen Worten sprach, schockierte mich zutiefst. Ich schlich nach Hause, verkroch mich auf meiner Couch und bedauerte das furchtbare Leben dieses Hundes, welches im Nachhinein betrachtet, schlimmer gewesen sein musste, als sein Tod.
Erst drei Wochen später konnte ich wieder an dem Hof vorbei gehen, ohne einen großen Bogen um ihn zu schlagen. Fast konnte ich wieder das Gekläffe von dem einsamen Hund hören und ich meinte sogar, ihn sehen zu können, wie er im Schatten der buschigen Kiefern lauerte. Ich schüttelte den Kopf, wollte diese trüben Gedanken endlich los werden… Da sah ich ihn.
Mit schief gelegtem Kopf saß ein junger Schäferhund am Zaun, hechelte und wedelte zaghaft mit seiner Rute. Er stand auf, steckte neugierig seinen Kopf durch die Gitterstäbe und ließ sich von meinem Hund beschnüffeln. Der Kleine fiepte und drückte seinen flauschigen Körper an das Gitter, als ich mich voller Trauer nieder beugte, um ihn zu streicheln.
Obwohl ich es besser wusste, wünschte ich mir in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als dass ihm ein besseres Leben vergönnt war… ein Leben, das sein Vorgänger nie hatte.
Signatur Sei nicht traurig, wenn etwas vorbei ist - sei froh, dass es gewesen ist...
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