| Ersteller | Thema » Beitrag als Abo bestellen |  |
Republicain  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 522 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 14:06 |  |
Dein Beitrag erscheint mir als sehr geeignet und hilfreich:
1.
Gentilhomme = Herr
Man muss beachten, dass die Anrede "Herr" damals nur wirklichen Herren zuteil wurde, die über ein EIGENES Haus oder andere EIGENEN Besitztümer verfügten. Somit begrenzt sich ja in der Tat die Zahl der Gentilhommes auf die finanziell unabhängigen und genügend begüterten Personen männlichen Geschlechts. Dass deren Zahl nicht so groß war, erkennt man vielleicht aus der Zahl der scheinbar Wahlberechtigten bspw. 1795 die bei ca. 26-28Mio. Einwohnern bei unter einer Million liegt. Wenn man annimmt, dass von der Million ein großer Teil reiche Handwerker etc. waren kommen wir zum Kern - der Gruppe von Menschen, die sich tatsächlich Gentilhommes aufgrund ihres Besitzes nennen durften. (natürlich waren alle Citoyens zu der Zeit, ob sie wählen durften oder nicht)
2.
gentil = edel (moralisch)
Eine gewisse Ausbildung zeichnet den Gentilhommes aus, der es ihm ermöglicht, in der Gesellschaft zu brillieren in Umgangsformen, Reiten, Fechten usw.. Die, wenn auch Adeligen vorbehaltenen, Ritterakademien des 17./18.Jh darf man als meinungsbildend für das Bild vom Gentilhomme gewiss auch nicht aus den Augen verlieren.
Versteht man also auch, dass diese geschliffene Umgangsform und Höflichkeit den Gentilhomme gegenüber seiner Umwelt auszeichnet, dann ist es auch klar, weshalb beim Leibdiener vom "gentlemen's gentlemen" und bei der Zofe von der "gentlewomen's gentlewomen" die Rede ist. Diese Dienstboten genossen häufig eine ausgesprochen gute Ausbildung, welche ihren Status so hervorrückt.
Der Aspekt des "Gentlemens durch Bildung" (so will ich ihn hier mal nennen) erlaubte ja auch den Aufstieg eines Dienstboten, der über genug Geschick verfügte, zum Gentlemen. Ein ehemaliger Sklave, der von Gainsborough portraitiert wurde, und später selber Gentlemen wurde, mag Beweis genug für das Unwahrscheinliche sein.
Signatur ... Das Sturmläuten, das nun anheben wird, ist kein Alarmsignal, es bedeutet den Generalangriff auf die Feinde des Vaterlandes. Um sie zu besiegen, brauchen wir Mut, meine Herren, Mut und nochmals Mut; dann ist Frankreich gerettet. |
|
|
Edward  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 31.01.2006 Beiträge: 79 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 14:58 |  |
Aber, gibt es hier nicht vielleicht einen Unterschied zwischen dem "gentil homme" und dem englischen "gentleman" (Nicht, das wir hier anfangen, Äpfel mit Birnen zu vergleichen).
Ich für meinen Teil habe einmal versucht die Vorrausetzung für einen britischen Gentleman
zusammenzufassen: 1. Er hat genügend Geld und somit Zeit
2. Er kann sich daher dem Fechten, Reiten, Jagen, Spiel und dem Tanz widmen
3. und auch seine gesellschaftlichen Umgangsformen ständig verfeinern
4. Kämpft er für die Krone, ist er per se Gentleman. Einige der unter 2. genannten Aktivitäten sind als "matter of fact" im Felde obsolet. Sieht man einmal von fechten ab.
Korrekt?   
Signatur Das Glück, dem scheußlichen Gemetzel lächelnd, schien des Rebellen Hure, doch Held MacBeth
-wohl ziemt ihm dieser Name- das Glück verachtend mit geschwungnem Stahl,
der heiß von Blut und Niederlage dampfte, haut er sich Bahn bis er dem Schurken gegenüberstand. |
Justine_de_Farinot  Administrator


Status: Offline Registriert seit: 11.10.2005 Beiträge: 678 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:21 |  |
Oh, Mr. Daaaarcy 
Signatur Der Charakter offenbart sich nicht an großen Taten; an Kleinigkeiten zeigt sich die Natur des Menschen.
(Rousseau) |
Marianne  Der Blätter zwey


Status: Offline Registriert seit: 10.03.2006 Beiträge: 24 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:35 |  |
Justine_de_Farinot schrieb
Oh, Mr. Daaaarcy 
|

Äh..zum Thema. Sehe ich genauso, Edward 
Signatur Run mad as often as you chuse; but do not faint. |
Edward  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 31.01.2006 Beiträge: 79 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:37 |  |
Also, wenn ich die Gentleman-Sache mal kritisch/polemisch unter die Lupe nehme, ist die Grundvorraussetzung Geld (früher Adel). Geld ist Zeit, ergo: wer Geld hat kann für sich arbeiten lassen und hat somit Zeit, sich den oben genannten Aktivitäten zu widmen.
Aber woher nahmen die Gentlemen/Gentil Hommes dieses Geld.
Haben sie es sich verdient, müssen sie zumindet vor ihrem Dasein als Gentleman sehr hart gearbeitet haben!
Oder waren sie gar im Hauptberuf "Sohn"?
Oder hatten sie einmal einen reiche Erbonkel?
Lässt es sich überhaupt miteinander vereinbaren als Gentleman zu arbeiten? Kann ich mich dann noch genauso bedingslos den Aktivitäten widmen, denen ein Gentleman sich für gewöhnlich widmet?
Signatur Das Glück, dem scheußlichen Gemetzel lächelnd, schien des Rebellen Hure, doch Held MacBeth
-wohl ziemt ihm dieser Name- das Glück verachtend mit geschwungnem Stahl,
der heiß von Blut und Niederlage dampfte, haut er sich Bahn bis er dem Schurken gegenüberstand. |
Nanny  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 12.10.2005 Beiträge: 656 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:43 |  |
Oh weh!
Einige werden wohl von Beruf "Sohn" sein/gewesen sein. Allerdings hat Papa dann irgendwo Haus/Schloß mit Land und Pächtern, die ja dann arbeiten und Geld abgeben dürfen. Der Grundbesitzer wird wohl auch was tun: z. b. dem Verwalter auf die Finger schauen oder so (vielleicht sehe ich das jetzt auch etwas naiv?) Auch wenn sie in die Politik gingen wurden sie doch dann vom Staat bezahlt.
Das war dann direkt die 2. Variante neben dem "Sohn-sein"
Die Dritte ist dann: ziemlich bankrott sein und es einfach nur gut zu tarnen wissen. Im schlimmsten Fall geht man zum Heer/Navy oder in die Kolonien....
PS: ...oder heiratet reich!
[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2006 - 15:44 von Nanny aktualisiert]
|
Republicain  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 522 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:44 |  |
Ich kann da keine Unterschiede zum englischen Gentlemen erkennen.
Außer man will Libertin des Rokoko (Valmont) mit Gentlemen des Empire (Darcy) vergleichen. Daran dass es unterschiedliche Epochen sind, erkennt man die Schwierigkeit der Vergleichbarkeit.
Nehmen wir uns Goethes Helden der "Gegenwart", sie alle sind Gentlemen, ob mit Gamaschen zu Fuß ("Die schöne Melusine" oder zu Pferd und sie alle ähneln den engl. Gentlemens zum Verwechseln.
Natürlich fragt sich, wieviel von unseren Vorstellungen von dem gekennzeichnet ist, was damals gewünscht war und die Werke auch Jane Austens (na da wimmelt es ja von schmucken Offiziere der Marine wie der Landarmee) bestimmte, und in wie weit der Mann der Zeit, willens war, diesen Anforderungen zu entsprechen.
Man muss acht geben den Gentilhomme des 18.Jh. nicht mit dem des Empire und den nicht mit dem des 19.Jh. zu verwechseln.
Insgesamt erscheint der Herr des 18.Jh. weitaus rustikaler, als wir uns das vorstellen. Ich denke da an Bilder wie die "Austernmahlzeit" von de Troy und die üblichen Bemerkungen, die freilich zwischen den Zeilen stehen.
Handkuss galt als etwas aufdringliches bzw. der Ausdruck einer Gefühlswallung, den Schlag der Kutsche einer Dame zu öffnen sowieso. Mann war der Diener der Frau in Wort und Brief, aber doch nicht auf der Straße.
Gibt es denn Quellen, die irgendwelche Unterschiede zwischen dem Gentilhomme in Frankreich und dem Gentlemen in England belegen? 
Signatur ... Das Sturmläuten, das nun anheben wird, ist kein Alarmsignal, es bedeutet den Generalangriff auf die Feinde des Vaterlandes. Um sie zu besiegen, brauchen wir Mut, meine Herren, Mut und nochmals Mut; dann ist Frankreich gerettet. |
Republicain  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 522 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 15:51 |  |
Ein echter Gentlemen, wie ich den Eindruck habe, hat Geld, am besten geerbt, aber das allerbeste ist es, wenn er Geld hat und man weiß garnicht woher es kommt. (siehe Jules Verne: "In 80 Tagen um die Welt" oder Balzac "Der Graf von Monte Christo"
Leute, die sich das Geld erarbeitet haben erscheinen besonders ordinär, (wie der Adel des Kaiserreiches eben )
Signatur ... Das Sturmläuten, das nun anheben wird, ist kein Alarmsignal, es bedeutet den Generalangriff auf die Feinde des Vaterlandes. Um sie zu besiegen, brauchen wir Mut, meine Herren, Mut und nochmals Mut; dann ist Frankreich gerettet. |
Edward  Zweig


Status: Offline Registriert seit: 31.01.2006 Beiträge: 79 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 16:03 |  |
Also: Mittlerweile denke ich, das der Unterschied zwischen einem englischen und französischem Gentleman wenn überhaupt, dann wohl nur sehr gering war.
Auch die Grenze zwischen dem 18. Jahrhundert, dem Empire und dem späterem 19. Jahrhundert ist mir vollkommen bewusst.
Mir drängt sich nun eine andere Frage auf:
Oscar Wilde, einer der letzten großen Dandies definierte sein Dandy-Sein über die Abgrenzung zum Gentleman. ("Wenn ein Gentleman über die Straße geht, bemerkt es keiner. Gehe ich über die Straße spricht am anderen Tag die ganze Stadt darüber!" )
Gab es im Empire/Regency auch schon diese Abgrenzung zwischen Gentleman und Dandy. Oder galt gar ein Beau Brummell, über den die Geschichte später urteilte, er habe das Dandytum neu erfunden, im Regency als Gentleman?
Und wie ist das mit den ganzen "ritterlichen" Werten, die wir heute mit einem Gentleman verbinden (und die auch heute meist nur Wunschvorstellungen oder Ideale sind): Galten die auch damals schon für den Gentil Homme?
[Dieser Beitrag wurde am 15.03.2006 - 16:03 von Edward aktualisiert]
Signatur Das Glück, dem scheußlichen Gemetzel lächelnd, schien des Rebellen Hure, doch Held MacBeth
-wohl ziemt ihm dieser Name- das Glück verachtend mit geschwungnem Stahl,
der heiß von Blut und Niederlage dampfte, haut er sich Bahn bis er dem Schurken gegenüberstand. |
Marianne  Der Blätter zwey


Status: Offline Registriert seit: 10.03.2006 Beiträge: 24 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2006 - 16:04 |  |
Geld zu haben, bzw. so zu tun scheint mir immer die Grundvorraussetzung. Dennoch würde ich hier auch eine Unterscheidung zwischen Gentleman und Dandy ziehen. Der Dandy, siehe Beau Brummel und Anhänger und auch die Erben Ende des 19. Jahrhunderts, frönten dem Müsiggang und hatten natürlich Geld aber wehe, man wusste woher das kam oder man arbeitete dafür. Meiner Meinung nach, also nur mein Eindruck, konnte ein Gentleman schon arbeiten, wie z.B. an der Börse spekulieren oder Investitionen tätigen oder sei es nur ein Auge auf die Verwaltung seiner Güter haben, was ich dem Dandy vollkommen abschreiben würde.
Literatur zum Dandy aus einer Hausarbeit von mir zu dem Thema:
1.) Baudelaire, Charles: „Der Dandy” (1868), trans. John Oldenburg in: Stein, Gerd (Hrsg.) Dandy – Snob – Flaneur (FfM: Fischer, 1985), S.42-45
2.)Klee, Wanda G., „Das Konzept des Dandysme“ in: Uhlig, Claus/ Haas, Rudolf (Hgg.), Leibhaftige Dekandenz (Diss. Universitätsverlag C. Winter Heidelberg GmbH, 2001), S.89-113
3.) Robins, Stephen, How to be a Complete Dandy (London: Prion Books, 2001)
4.)Walden, George: Who’s a Dandy? (London: Gibson Square, 2002)
Signatur Run mad as often as you chuse; but do not faint. |