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Hilly ...
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...   Erstellt am 16.10.2007 - 16:16Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Titel: Der Gärtner

Samstag Abend, 8.43 Uhr, kurz nach Sonnenuntergang

Endlich zu Hause. Die letzten Wochen waren so hektisch, dass ich es kaum glauben kann, hier in der Einfahrt meines Hauses zu stehen.
Definitiv einer der interessantesten Fälle meines Lebens, aber auch einer der Anstrengendsten. Ich habe noch nie zu den Vampiren gehört, die sich aufs Wochenende freuen, aber jetzt erscheint es mir sehr verlockend.
Ich habe kaum den halben Kiesweg hinter mich gebracht, als die Haustür aufgestoßen wird. Sind sie wirklich schon aufgestanden, um mich zu begrüßen?
Tatsächlich kommt ein kleiner, kreischender Wirbelwind aus der Tür gestürmt, direkt auf mich zu. "Weerwölfe!!!", kann ich ihrem Gequietsche entnehmen.
"Hallo, Maria! Keine Angst, wir haben den bösen Werwolf dingfest gemacht."
Unbeeindruckt läuft meine kleine Tochter an meinen offenen Armen vorbei und in den Garten hinaus. Sowas ... aber was soll man von einem kleinen Mädchen erwarten, vermutlich hat ihr Bruder ihr wieder Schauergeschichten über meine Arbeit erzählt.
Natürlich. Wie bestellt steht auch mein Ältester in der Tür und schaut Maria hinterher. Er sieht sogar noch blasser aus, als sonst und das blaue Sweatshirt rutscht ihm fast von den Knochen.
"Johannes!" Ich will ihn mit einem Klapps auf die Schulter begrüßen, aber auch er wendet sich ab und mustert mich nur mit dem abweisenden Blick, den er in letzter Zeit für seinen Vater reserviert hat. Teenager.
"Du solltest mehr Trinken, Junge. Nur in Märchen sind Vampire weiß wie Laken," versuche ich die Situation zu retten, aber er scheint mich gar nicht mehr zu registrieren.
"Ich geh Maria beruhigen," flüstert er wie zur Entschuldigung und verschwindet hinter ihr her in den Garten.
"Soll ich dir suchen helfen?"
Wieder dieser spezielle Blick. Ich muss mich wohl einmal ernsthaft mit dem Jungen unterhalten.

Im Haus angekommen lasse ich erleichtert meine Aktentasche gegen eine Kommode sacken. "Schatz? Ich bin zu Hause. Und zwar gleich bis Sonntag!"
Die Entspannung kann ich auch dringend brauchen. Meine Elsbeth schimpft oft genug, das ich zu viel Zeit auf Arbeit verbringe.
Ein Hauch von Blut hängt in der Luft, als ich den Salon betrete.
Und nicht nur in der Luft.
Entsetzt lasse ich meinen Mantel neben die Tasche fallen. Meine Frau steht noch im Nachthemd auf den weißen Marmorfliesen, an ihrer Seite ein völlig aufgelöstes Zimmermädchen. Und auf dem Boden ...
"Igor?!" Instinktiv mache ich einen Schritt nach vorn, aber das hat natürlich wenig Sinn. Das der alte Mann tot ist, steht außer Zweifel.
Igor. Unser treuester Angestellter. Seit über 60 Jahren wohnt er in der kleinen Gärtnerlaube auf dem Grundstück.
"Wir haben ihn heute Abend so gefunden." Elsbeths Stimme klingt rauer, viel älter als ich sie in Erinnerung habe. "Er muss wohl ausgerutscht sein und mit der Stirn auf die Fliesen geschlagen."
Vorsichtig bahne ich mir einen Weg durch den Salon, um sie in den Arm nehmen zu können. Aber natürlich auch um einen genaueren Blick auf die Leiche zu werfen. Der Job steckt einem einfach zu tief in den Knochen.
Der arme Igor scheint tatsächlich ausgerutscht zu sein. Die großen, schlammigen Fußabdrücke auf den Fliesen weisen zumindest daraufhin, dass er gerannt ist. Mit einer Hand hält er immer noch seinen rostigen alten Spaten umklammert, die andere hat er nach vorn gerissen, wohl um den Sturz abzufangen. Und um seinen Kopf hat sich eine große Lache dunklen Blutes gebildet.
"Habt ihr auf dem Revier angerufen?" Kein Polizist, der Wert auf seine Karriere legt, würde sich mit dem Tod eines Sterblichen beschäftigen. Allein der Begriff sagt ja schon, wie zerbrechlich Menschen vor ihrem Biss zum Vampir sind. Aber Igor war auch ein alter Freund einiger Kollegen.
Elsbeth schüttelt stumm den Kopf. Ihre Lippen zittern nicht, aber sie muss merklich mit den Tränen kämpfen. "Maria hat ihn gefunden und zu schreien angefangen. Sie ist nach draußen gestürmt und du bist herein gekommen."
"Ich sollte die Kinder holen." Maria muss furchtbar verstört sein. Und auch Johannes kennt den alten Igor schon sein ganzes Leben.
Wieder dieser abschätzige Blick, diesmal von Elsbeth. "Sie rennt immer zum alten Apfelbaum, wenn sie Angst hat. Igor hat ihr erzählt, das Werwölfe dort nicht hinauf kommen."
"Nun, ein Werwolf kann es nicht gewesen sein. Nicht am helllichten Tag."
"Ein Vampir auch nicht." Johannes Stimme lässt mich aufsehen. "Er muss ausgerutscht sein."
"Nein."
Ich weiß nicht wie der Junge es schafft, jeden seiner Sätze in eine kleine Provokation zu verwandeln, aber sein untrügliches Gespür hat mich wieder einmal bei meiner Berufsehre gepackt.
Die Frauen starren mich schockiert an.
"Du glaubst wirklich, das jemand Igor ermordet hat?" Elsbeths Stimme wird immer dünner. Gut für ihre Gesundheit ist es sicher nicht, barfuß im kalten Salon zu stehen.
"Wieso sollte es ein Unfall gewesen sein?"
"Weil niemand Igor etwas Böses will vielleicht?" So trotzig Johannes' Antwort auch ist, sein Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Trotzdem.
"Und warum glaubst du, rennt der alte Mann mit einem Spaten in der Hand und ohne die Schuhe auszuziehen durchs Haus?"
Johannes zuckt nur mit den Schultern und ich muss zugeben, dass ich selbst keine Antwort darauf weiß. Noch nicht.
"Vielleicht hat sie was gesehen?" Alle zucken zusammen, als Maria sich zu Wort meldet. Am meisten das junge Zimmermädchen, auf das sie zeigt.
"Fräulein?" Wenn ich mir doch nur einmal die Namen von diesen jungen Dingern merken könnte. Aber sie kommen und gehen so schnell, das man dazu einfach keine Chance hat.
Unter den Blicken von vier Vampiren scheint sie auf Zwergengröße zusammenzuschrumpfen.
"Ich? ... Nein, ich bin heute Nachmittag gekommen und ... durch die Angestelltentür natürlich ... und ich hab erst in der oberen Etage aufgeräumt ..."
"Sie haben auch nichts gehört? Keinen Schrei? Haben sie vielleicht Staub gesaugt?"
Sie schüttelt ängstlich den Kopf und in meinem Hirn fängt es an zu arbeiten. "Dann nehme ich an, das Igor zu dieser Zeit bereits tot war ... Wann genau sind sie gekommen?"
"So gegen 2 ..." stammelt sie leise, als fürchte sie damit zur Hauptverdächtigen zu werden.
"Dann, meine Liebe, kochen sie uns doch bitte allen einen schönen heißen Tee."
Ich kann ein Seufzen nicht unterdrücken, als die anderen mich verständnislos anstarren. So leicht vergisst man, das man nicht unter Kollegen ist. "Es ist kalt und ihr tragt alle noch eure Schlafanzüge. In der Zwischenzeit schaue ich mir den Salon noch einmal an, dann können wir Igor nach draußen bringen" Ihre Blicke werden noch eine Spur entsetzter und eilig verschwinden sie nach oben. Das arme Ding von einem Zimmermädchen schleicht in die Küche. Ich habe schon oft gesehen, dass Sterbliche vom Anblick einer Leiche derart mitgenommen werden. Verstehe einer die Menschen.

Samstag Abend, 9.20 Uhr

Endlich bin ich allein im Salon. Es ist kaum zu glauben, sogar mich nimmt es mit, Igor so leblos am Boden zu sehen. Man hat den alten Gärtner doch lieb gewonnen.
Viel lässt sich diesem Tatort allerdings nicht entnehmen. Die Fußabdrücke sind so schlammig wie der ganze Garten. Wobei die famose Analyse, welcher Dreck unter den Schuhsohlen des Opfers klebt, ohnehin mehr aus Sherlock Holmes Romanen bekannt ist, als aus meinem Arbeitsalltag. In der nahen Stadt findet man an Schuhsohlen höchstens Hundehaufen und im gesamten Umkreis gibt es nur ein und denselben dunklen Schlamm zu sehen.
Zu bemerken wäre höchstens, dass die letzten zwei Fußabdrücke verwischt sind. Igor muss offenbar gestrauchelt sein und hat versucht das Gleichgewicht zurückzuerlangen.
Nachdenklich lasse ich meinen Blick über die Szenerie schweifen, als mir ein wuschliger kleiner Haarschopf in der Tür auffällt.
"Maria?" Vorsichtig schaut die Kleine um die Ecke. Sie hat sich nur in aller Eile ein Kleid über ihren Schlafanzug gezerrt und vermutlich noch nicht einmal Zähne geputzt. Ich winke sie zu mir heran und sie schlägt einen weiten Bogen um das Blut am Boden.
Sie ist überraschend ruhig. Ich muss Elsbeth fragen ob das Kind eigentlich schon zum ersten Mal getrunken hat. Irgendie passt es ganz und gar nicht, die eigene Familie an einem Tatort zu sehen.
"Ist alles in Ordnung?"
Maria schüttelt den Kopf und winkt mich zu sich hinunter. "Ich weiß, wer es war."
Erstaunt sehe ich zu ihr herab. "Bist du sicher?"
Die Kleine nickt. "Es war der Wolf."
"Der Werwolf?"
"Igor hat ihn gesehen. Jeden Tag um 12."
"Zur Werwolfstunde?"
Maria nickt wieder. Natürlich kenne ich Igors Werwolfgeschichten. Jedes Jahr hat er sich aufs neue beschwert, dass sie ihm die Kräuterbeete umgraben. Dass er einen gesehen hat, ist mir allerdings neu.
"Maria, tust du mir einen Gefallen? Kannst du dir hier alles ganz genau ansehen und mir sagen, ob sich etwas verändert hat?"
Schweigend dreht sie sich im Kreis und mustert den Raum. "Da drüben. Die Bücher sind umgefallen."
Ich nehme sie mit zu dem kleinen Regal, in dem jedes Buch ein wenig zur Seite gelehnt ist. "Irgendjemand ist da gegen gestoßen."
Ich verkneife mir die Frage, ob die Bücher vielleicht gestern schon schief standen. Elsbeth hätte das Zimmermädchen vermutlich zum Teufel gejagt, hätte sie das übersehen. Stattdessen beuge ich mich zu Maria hinunter. "Fällt dir etwas auf?"
Sie schüttelt wieder ihren Lockenkopf.
"Schau mal, da drüben ist die Haustür. Igor liegt in der Mitte des Raums, aber die Bücher hier an der gegenüberliegenden Wand stehen schief."
Das Mädchen zieht angestrengt die Stirn kraus. "Vielleicht hat er es mit dem Spaten erwischt?" Sie ist wirklich ein aufgewecktes Kind geworden.
Kritisch lasse ich die Finger über die Seite des Regals gleiten. "Nein. Schau mal, im Holz sind keine Kerben. Damit die Bücher umfallen hätte er aber stark dagegen schlagen müssen."
"Vielleicht hat der Wolf ..." Sie verstummt als sich die Küchentür öffnet und das Zimmermädchen zögerlich hinaus schaut. hr Blick fällt wieder auf Igor und ihr bleiben die Worte im Halse stecken. Aber der Geruch nach frischem Tee, den sie mitbringt ist genauso gut.
"Los Kleine, lass uns erstmal etwas Warmes in deinen Bauch bekommen." Allzu lange soll sie nun auch nicht auf die Leiche starren müssen. Aber sie hält mich fest und zieht mich wieder zu sich runter.
"Du, Papa..."
"Ja?"
"Fragst du gar nicht ob ich was gesehen hab?" Das macht mich stutzig. Ich weiß von Elsbeth, dass die Kleine für ihr Leben gern Krimis sieht.
"Hast du denn etwas gesehen?"
Sie schüttelt den Kopf. "Aber ich hab was gehört."
Erstaunt sehe ich sie an. "Und das hast du noch nicht gesagt?!"
"Gestern, zur Werwolfstunde." Sie flüstert so leise, als fürchte ich würde sie auslachen, aber ich schaffe es ernst zu bleiben. "Ich lag noch im Bett, als ich einen großen Knall gehört hab und Igor hat etwas geschrien. Ich dachte vielleicht hat er den Wolf erschossen. Ich hab mich nicht getraut aufzustehen."
Ich nicke abwesend. "Du bist sicher mit der Uhrzeit." Sie nickt. Natürlich. Seit sie die Uhr lesen kann, hat sie einen kleinen Wecker mit leuchtenden Zeigern neben dem Bett.
"Komm, Süße, lass uns erstmal den Tee trinken, bevor er kalt wird."

Samstag Abend, 9.50 Uhr

Elsbeth sitzt bereits am Küchentisch, als wir hereinkommen.
Sie schaut kurz von ihrer Tasse auf und runzelt die Stirn, als sie Marias eigenwillige Kleidung bemerkt. "Schatz, bitte wasch dir wenigstens die Hände ..."
Ich wende lieber nicht ein, das Maria die Leiche nicht berührt hat. Elsbeth sieht auch so schon gestresst aus.
"Es ist unglaublich oder?", flüstert sie, als ich mir ebenfalls eine Tasse einschenke. "Du glaubst wirklich jemand wollte den alten Igor umbringen?"
Ich nehme einen Schluck und sehe zu ihr hoch. "Vieles spricht dafür. Er ist mit einem Spaten bewaffnet hier rein gestürmt. Sonst kommt er doch nicht mal zum Essen ins Haus."
Sie starrt mich an, als hätte ich ihr gerade den Stuhl weggezogen. "Du meinst er hat jemanden mit diesem Spaten verfolgt?"
Die simple Logik, die hinter diesem Satz steht. Warum ist mir der Gedanke nicht gekommen? "Jemanden verfolgt ... Wen? Er ist wohl hier ins Haus gelaufen."
Ich sehe ihr das Wort Werwolf förmlich an und verdrehe nur die Augen. "Elli, Maria hat mir auch schon davon erzählt. Wenn Igor mit einem Spaten bewaffnet war, hat er vermutlich sogar geglaubt, einen Wolf zu verfolgen. Aber wer immer es war, ist tagsüber gekommen," wiederhole ich noch einmal. "Werwölfe jagen nur bei Vollmond, egal was die ganzen Ammenmärchen sagen."
"Du meinst ..." Unser beider Blicke fallen auf das kleine Zimmermädchen, das sich immer noch verstört in einer Ecke herumdrückt. Schwer vorstellbar, dass jemand ihre zierliche Gestalt mit einem Werwolf verwechseln könnte. Und Igor hat sich nie dafür interessiert, was unsere Angestellten tun.
"Mein Reich ist der Garten, wenn ihr sie da hinausschickt, schau ich sie mir an," hatte er immer gewettert, wenn ihn Elsbeth bat ein Auge auf sie zu haben.
"Wo ist eigentlich Johannes?", schießt es mir durch den Kopf. Elsbeth zuckt nur mit den Schultern. "Oben in seinem Zimmer. Man kann das Gekreische seiner Musik bis auf die Treppe hören."
Es fällt mir erstaunlich schwer, meine eigene Familie als Tatverdächtige zu sehen. Dabei müsste ich langsam wirklich professioneller sein.
"Vermutlich ist er ebenfalls verstört..."
"Oh bitte, Wilhelm." Elli schenkt mir ihren besten Weil-du-nie-da-bist-Blick "Das tut er schon seit Beginn der Ferien. Er verschwindet nach Mitternacht in die Stadt und kommt nicht vor Morgengrauen wieder. Und dann bleibt er bis Mitternacht in seinem Zimmer, um niemanden von uns sehen zu müssen."
Ich kann mir einen strengen Blick nicht verkneifen. "Und du erlaubst es ihm?"
Ein schwerer Fehler, wenn ich das Gift in Elsbeths Augen richtig deute. "Vielleicht würde er ja auf einen Vater hören, wenn sich einer an seiner Erziehung beteiligen würde."
„Schatz, jetzt wirst du unfair. Ich verdiene immerhin das Geld in der Familie.“
„Dann nimm endlich diese Beförderung an.“ Ein altes Thema. Wir haben es schon so oft durchgekaut.
„Ja, zu einem Schreibtischjob mit Papierstapeln und Anträgen ...“, erwidere ich automatisch.
„... und geregelten Arbeitszeiten.“
Maria rettet die Situation, als sie aufgeregt durch den Dienstboteneingang wuselt. "Paps! Paps! Ich hab es!"
Ihre Augen funkeln verschwörerisch und an ihren Händen und Haaren klebt jede Menge Gartendreck.
"Maria!" Elsbeth ist aufgestanden um das Mädchen sofort aus der Küche ins Bad zu schleifen, aber ich halte sie auf.
"Kleine, wo warst du?" "Ich hab nach Werwolfspuren gesucht", entgegnet sie, als würde ich gerade tiefste detektivische Unkenntnis offenbaren. "Draußen im Kräuterbeet, wo Igor sie auch immer gesehen hat!"
Ich tausche einen erschöpften Blick mit Elsbsth. "Hör zu, Maria. Ich komme mit raus und sehe mir die Spuren an, aber dann steckt dich deine Mutter sofort in die Badewanne.


Samstag Nacht, 10.30 Uhr

Was Maria Kräuterbeet nennt, würde ich eher als einen Haufen Unkraut bezeichnen. Aber andererseits kann ich in Sachen Gartenarbeit gerade einen Apfel von einer Birne unterscheiden, also glaube ich ihr einfach. Die stachligen Büsche, die Igor offenbar als Schutzwall gepflanzt hat, machen es nicht leicht die Beete zu erreichen. Die Tierspuren, die ich erwartet hatte, entpuppen sich jedoch als etwas viel interessanteres.
"Das waren Turnschuhe, Rillenprofil,“ flüstere ich erstaunt und ernte zum zweiten Mal einen überlegenen Blick von Maria.
"Natürlich. Werwölfe im Fernsehen tragen auch immer Turnschuhe."
Mit beeindruckender Geschicklichkeit fädelt sich Maria auf der anderen Seite durch das Gestrüpp. Im Gegensatz zu mir ohne einen einzigen Kratzer. "Schau, hier ist noch ein Abdruck."
Aber etwas ganz anderes hat bereits meine Aufmerksamkeit erregt. Zwischen den Ästen, etwa auf der Höhe von Marias linker Schulter hängt ein kleines dunkelblaues Stück Stoff. Neugierig stelle ich mich daneben. Hüfthöhe für einen ausgewachsenen Mann. Und ich bin ziemlich groß, also könnte es auch gut der Saum eines Pullovers gewesen sein. Triumphierend zeige ich Maria den Fetzen. "Und wer hat letzte Nacht einen dunkelblauen Pullover getragen?"
Zu spät geht mir auf, was ich da angedeutet habe. Ihre Augen weiten sich entsetzt und während ich mich noch durch Dornenbüsche schlage, ist sie mit dem Fetzen längst in Richtung Haus gestürmt.

Ich hole sie im kleinen Dienstbotenflur ein, wo sie ihrem Bruder anklagend ein kleines Stückchen Stoff unter die Nase hält. Auch Elsbeth steht bereits in der Tür - den Salon meiden sie wohl alle - als ich schnaufend ankomme.
"Papa hat es auch gesagt!", Marias schrille Stimme hallt hier nicht ganz so laut wie im Salon, aber ihren Effekt verfehlt es trotzdem nicht. "DU bist der Werwolf, DU warst im Kräuterbeet! Und deshalb verschwindest du auch jede Nacht, damit wir nicht sehen, wie du dich verwandelst!"
Ich trete meine Schuhe von den Füßen und will die Kleine wieder beruhigen, aber Elsbeth ist schneller. Eine schallende Ohrfeige und Maria verstummt. "Ich verbiete dir, so etwas über deinen Bruder zu sagen, junges Fräulein!"
Johannes sitzt immer noch schweigend auf dem Fußboden, den Schuh, den er gerade anziehen wollte, in der Hand. Ich kann mir nicht helfen, einen Blick auf das Profil zu werfen, aber es stimmt nicht überein.
"Wo willst du hin?"
Endlich sieht der Junge zu mir hoch. "In die Stadt." "Zu seiner Werwolffreundin", zischt Maria und fängt sich dafür einen strengen Blick ihrer Mutter ein.
"Maria, lass das, dein Bruder ist kein Werwolf," seufzend wende ich mich wieder meinem Sohn zu. "Warst du gestern auch?"
Er nickt.
"Wann bist du zurück gekommen?"
"Kurz vor Sonnenaufgang."
"Durch den Garten?"
Elsbeths Blick sprüht Funken und ich frage mich schon, ob ich der nächste Kandidat für eine Ohrfeige bin, aber Johannes antwortet mir trotzdem.
"Ja, durch den verdammten Garten. Irgendjemand hat es nämlich immer noch nicht geschafft, den Weg bis zur Bushaltestelle runter zu pflastern!"
Mein Gott, was wird mir heute Abend eigentlich noch alles vorgehalten. Ja unser Grundstück ist groß. Ja es würde wohl zehn Minuten länger dauern, darum zu gehen und die reguläre Einfahrt hoch zu laufen. An die unglaubliche Faulheit der heutigen Jugend hatten unsere Vorfahren wohl nicht gedacht.
"Aber nicht mit diesen Schuhen." Ich nicke in Richtung der strahlend sauberen Turnschuhe und Johannes verdreht die Augen.
"Wie viele Paar Schuhe hast du, Paps?"
Ein Seitenblick auf meine Frau verrät deutlich, das es günstiger ist, das Thema hier abzubrechen.
"Bevor du gehst, hilf mir noch kurz Igor hoch zu bringen."
Seine Augen werden groß und sein Gesicht noch viel bleicher, aber das ist eine Arbeit, die ich keiner der Frauen zumuten will.
"Soll er im Salon verrotten? Ich meine doch das er sich ein anständiges Begräbnis verdient hat, auch wenn er nur ein Sterblicher war. Und bis dahin will ich ihn nicht auf dem Boden liegen lassen."
Man sieht dem Jungen förmlich an, wie ihm das Frühstück hochkommt, aber da muss er durch. "Jetzt komm, wenn du jemanden beißt, muss auch der nächste Müllmann anfassen."
"Ich bin Vegetarier!", knurrt er mir hinterher, was ich geflissentlich überhöre.
"Elli, würdest du...?" Sie nickt traurig. "Ich schiebe die Tische im Wintergarten zusammen. Da könnt ihr ihn drauflegen."
Eine gute Idee. Der Platz hätte Igor sicher gefallen.

Samstag Nacht, nach 11 Uhr

Im Salon angekommen scheuche ich den Jungen zu Igors Füßen. Den blutigeren Teil mag ich ihm dann doch nicht zumuten.
Ich entwinde Igor den Spaten und versuche seine Hände zu greifen, ohne in die rote Lache zu treten, die auf den Fließen trocknet. Johannes sieht aus, als würde er jeden Moment das Bewusstsein verlieren, also sollten wir uns lieber beeilen.
"Auf drei hebst du ihn hoch, klar? Eins ... Zwei ..."
Igor ist schwer, soviel ist sicher. Trotz seines Alter ist er erstaunlich groß und kräftig. Das muss wohl an der Gartenarbeit gelegen haben. Mühsam heben wir die Leiche vom Boden und schaffen ein paar Schritte, als ich aus den Augenwinkeln etwas bemerke.
"Stopp." Ich lasse Igors Körper vorsichtig wieder zu Boden und Johannes scheint dankbar für die Unterbrechung. Bis er sieht, was meine Aufmerksamkeit erregt hat. Dort wo Igor gelegen hat, befindet sich ein weiterer verschmierter Fußabdruck. Einer, der zu klein ist, um von den mächtigen Gummistiefeln des Gärtners zu stammen. Und in dem verwischten Muster erkennt man noch klar und deutlich das Rillenprofil.
Ich sehe wieder zu meinem Sohn und der Blick, mit dem er mich beobachtet, trifft mich wie ein Messerstich. Nicht mehr das provozierende Funkeln eines Teenagers, nicht das gefährliche Lauern, das man in Fernsehkrimis sieht.
In diesem Moment ist immer der Ermittler das Raubtier und der Täter die Beute. Sein Blick ist vollkommen leer, sein Körper angespannt. Er wartet auf meine Reaktion.
In diesem Moment wünsche ich mir nichts sehnlicher, als Elsbeth an meiner Seite. Das ist mein Sohn! Sie wüsste sofort die richtigen Worte, sie würde ihn rügen und für den Rest seines Lebens auf sein Zimmer schicken, aber er wäre sofort wieder ein schmollender Teenager. Ich kann sowas nicht. Ich bin der Ermittler, der Detektiv. Ich gehe mit Indizien um, nicht mit Tätern.
Von diesem Punkt an verläuft jeder Fall gleich. Ich bewege mich, hebe einen Arm, mache einen Schritt nach vorn, und mein Gegenüber flieht.
Weit kommt er nicht, kaum aus der Haustür hab ich ihn erwischt, an den Ärmeln gepackt. Er schreit als wir zu Boden gehen und auf dem harten Kiesweg aufschlagen.
All das nehme ich in diesem Moment wahr wie ein Zuschauer, als wäre nicht ich es, der ihn festhält und wieder ins Haus schleift. Die ganze Zeit habe ich nur einen Gedanken - das ist mein Sohn. Es passt nicht, ein so vertrautes Gesicht zu sehen! Ich bin der Jäger, er ist die Beute. Aber wie kann ich mein eigenes Kind jagen!
Eigentlich müsste ich ihn zu Boden drücken, ihm Handschellen anlegen. Aber ich höre Elsbeths entsetzten Schrei und sie zieht den Jungen aus meinem Griff.
Ich bin ihr dankbar dafür. Zitternd schließe ich die Augen und versuche meinen Atem zu beruhigen. Ich höre uns Keuchen und Maria leises wimmern.
Als ich die Augen wieder öffne starren sie mich an. Maria und Elsbeth mit Entsetzen, Johannes mit dem scheinbar so todesverachtenden Blick eines Kindes, das auf seine Strafe wartet.
Erleichtert lasse ich mich gegen eine nahe Wand sacken. In Moment möchte ich am liebsten in Tränen ausbrechen, aber ich reiße mich zusammen.
"Was?!" Die Stimme meiner Frau bringt mich endlich wieder vollends in die Wirklichkeit zurück. Man sieht ihr an, dass sie längst begriffen hat, aber wie jede gute Mutter möchte sie das bestätigt haben.
Ich traue meiner Stimme noch nicht, aber Johannes murmelt ein leises. "Ich hab ihn nicht umgebracht."
Zwei zornig blitzende Augen bohren sich in meine. "Du glaubst nicht wirklich, das unser Sohn ein Verbrecher ist..."
Eine noch sehr freundliche Ankündigung, das jedes meiner nächsten Worte auf eine Goldwaage gelegt wird. Also schlucke ich all die üblichen Spekulationen hinunter.
Das hier ist meine Familie. Kein Mordfall auf dem Revier.
"Beginnen wir von vorn." Ich bemühe mich, meine Stimme nicht zittern zu lassen. "Maria sagte, sie hat gestern Mittag einen Knall und Igors Schreie gehört. Als das Hausmädchen kam, war Igor also bereits tot."
"Vorausgesetzt, sie sagt die Wahrheit." Wäre das arme Ding anwesend, hätte Elsbeths Stimme es wohl zu einem Häufchen Elend zusammensinken lassen.
"Das vorausgesetzt," stimme ich ihr trotzdem zu. "Im Garten waren außerdem Fußabdrücke und ein Stück Stoff von Johannes' Sweatshirt. UND ...", fahre ich fort, bevor jemand neue Einwände erheben kann. "Derselbe Abdruck wie draußen im Kräuterbeet ist dort an der Stelle, an der Igor lag. Ein einsamer Fußabdruck, mitten im Salon."
Ich sehe Johannes an, aber er weicht meinem Blick aus.
"Die eine Möglichkeit ... du bist dorthin geflogen und Igor ist zufällig auf dieselbe Stelle gefallen. Oder du hast die übrigen Abdrücke weggewischt."
"Johannes?" Unter dem Blick seiner Mutter hält der Junge nicht lange stand. Aber er stammelt nur wieder ein trotziges "Ich hab ihn nicht umgebracht!"
"Ich denke Letzteres ist wahrscheinlicher." Ich sehe mich im Salon um. "Igor ist dir also hier herein gefolgt. Dein Abdruck ist verwischt. Du bist ausgerutscht, oder? Und gegen das Buchregal gestoßen."
Johannes schaut schuldbewusst auf seine Hände und ringt offenbar nach Worten. "Er ist mir hinterher gerannt," flüstert er schließlich. "Dachte wohl ich wäre ein Werwolf."
Unsicher sieht er sich um, aber niemand sagt etwas.
"Ich hatte die Kapuze und eine Mütze auf und er hat mich nicht erkannt."
Nun, das Igor nicht mehr gut sah, ist ein offenes Geheimnis. Nur seine Ohren waren noch schlechter als seine Augen.
"Warum hast du dich denn dann nicht zu erkennen gegeben?" Elsbeth klingt, als wolle sie nicht begreifen, was sie da hört.
"Das konnte er schlecht. Mitten am Tag. Und vermutlich hat er dich auch nicht gehört."
"Ich wollte...", unterbricht mich Johannes. "Ich wollte ins Haus und die Kapuze abnehmen, wirklich. Aber er hatte den alten Spaten dabei und er hat ausgeholt ..."
Mehr sagt er nicht. Aber der Rest beginnt auch so, einen Sinn zu ergeben. Ich schaue noch einmal zu Igors Leiche und den Fußabdrücken. "Du hast nach ihm getreten hab ich recht? Die beiden verschmierten Fußabdrücke. Ich dachte Igor wäre gestrauchelt, aber du hast ihm die Füße weggetreten."
"Ich wollte ihn nicht umbringen...", flüstert der Junge noch einmal und seine Mutter zieht ihn in ihre Arme.
Normalerweise würde jetzt ein Gerichtsmediziner Igors Stiefel ausziehen und blaue Flecken an dessen Schienbeinen entdecken, aber diesen Anblick will ich meiner Familie wirklich ersparen.
"Eine Frage hab ich noch. Warum?" Mein Sohn wagt es nicht mehr, von seinen Händen aufzusehen, aber Elsbeth scheint mich verstanden zu haben und greift die Frage auf.
"Hast du nicht versprochen vor Sonnenaufgang zurück zu sein? Johannes, mitten am Tag draußen herumlaufen!"
Maria schielt hinter dem Rücken ihrer Mutter hervor. Sie hat Tränen in den Augen. Kein Wunder. Das hier ist nichts, was ein kleines Kind mitansehen sollte. Ich muss an ihre Theorie von Johannes' Werwolffreundin denken. Vielleicht auch ein einfaches Menschenmädchen. Das wäre sicherlich ein Grund, der einen Teenager bei Tageslicht vor die Tür locken könnte.
Erst als ich mich wieder auf die Füße kämpfe merke ich, dass ich erschöpfter bin, als nach jedem Fall meiner gesamten Karriere. Ich muss auf dem Revier anrufen. "Johannes?"
Ängstlich sieht er zu mir hoch. Vermutlich erwartet er Handschellen. Der Tod eines alten Mannes wird keinen Vampirpolizisten hinterm Ofen hervor locken.
"Hilf mir, Igor in den Wintergarten zu tragen."
Und danach werde ich sehen, ob es nicht doch noch einen ruhigen Schreibtischjob für mich gibt.





Signatur
Ohne Euch,
Ihr Gemeinschaft,
ihr Kleinen und
Großen,
Freunde und
Feinde,
Widersacher und
Liebende.
Wäre alles nicht so weit bekommen.
Wisset, dass es nicht an mir,
sondern an euch liegt.
Ich danke allen, die sich bei der Rettungsaktion beteiligt und solche Anstrengungen auf sich genommen haben.



Skia- bedenke, dass ich dich niemals hergeben werde. Du bist mein Engelchen und wirst es auch immer bleiben. Ich lieb dich


Flo- meine Altersgenossin *smile* nenn es ein Band, dass niemand zu durchdringen vermag! Ich werde dich nie vergessen. Und lieb dich.



Eine Vero, zum Musikhausaufgabendiktieren und zum Hawaiiiiiiiiiiihemd umschmeißen.




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