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<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 15.03.2007 - 18:40 |  |
An diesem Frühlingsmorgen, direkt auf dem Weg zur Arbeit, geschah es, dass Marie, eine allein erziehende Mutter dreier Kinder, endgültig den Entschluss fasste ein neues Leben zu beginnen. Schon lange hatte dieser Gedanke wie ein terroristischer Schläfer auf seine Stunde gewartet, die nun schlagartig gekommen war.
Einen Augenblick blieb Marie unschlüssige stehen, dann lenkte sie ihre Schritte nicht wie ursprünglich beabsichtigt, zu dem kleinen, heruntergekommenen Schulungszentrum, in dem sie seit Jahren viel zu faulen und viel zu dummen Schülern, für viel zu wenig Geld Nachhilfestunden in Mathematik erteilte, sondern sie überquerte entschlossen die Straße in Richtung Innenstadt.
Dort würde sie von ihrem Bankkonto alles Geld, das sie besaß, abheben, sich neu ausstaffieren, den nächsten Flieger nach Venedig nehmen, um ihrem Leben eine völlig neue Richtung zu verleihen.
„Ich bin ein freier Mensch. Ich kann tun und lassen, was ich will“, stieß sie laut zwischen den Zähnen hervor, ohne sich um die Leute zu kümmern, die sich verwundert nach ihr umdrehten.
Ha, ich werde es allen beweisen, die sollen mich kennen lernen. Weder andere Menschen, noch Konventionen, weder Moral, noch ein Gewissen besitzen Macht über mich. Alle Fesseln werde ich sprengen. Ich werde frei sein, frei, frei, frei!
Wieder sahen die Leute auf sie, auf Marie, die verrückt geworden zu sein schien und weiter laut vor sich hin bramarbasierte: „schließlich habe ich nur dieses eine Leben und das werde ich jetzt bis zur Neige auskosten. Nach mir die Sintflut“! Ha.
Als sie in die Fußgängerzone einbog, mündete die Straße in einen großen Platz, dessen linke Seite von der imposanten Barockfassade der Martinskirche gesäumt wurde, der genau gegenüber sich schon seit Jahrzehnten ein italienisches Eiscafe befand, vor dem, über den halben Platz verteilt‚ Tische und Stühle aufgebaut waren. Es hatten sich bereits zahlreiche Menschen niedergelassen, die offenbar um diese frühe Stunde Zeit genug hatten, ihr Gesicht mit blinzelnden Augen der warmen Frühlingssonne entgegenzurecken. Diesem einladenden Bild, wollte Marie - der neuen Freiheit eingedenk - nicht widerstehen und steuerte spontan und mit heimlicher Erregung auf den nächsten freien Platz zu.
Trunken vom Freiheitsgefühl, schnorrte sie von einem älteren Herrn am Nachbartisch eine Zigarette, schenkte ihm, während er ihr Feuer gab, einen lasziven Blick und bestellte sich ein Glas Camparie…Auf Venedig, auf die Freiheit!
Dann hielt auch sie ihr Gesicht in die warme Frühlingssonne, entspannte sich, blickte auf den „Canale Grande“ und nickte, wegen zu großer emotionaler Erschöpfung, ein.
Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als sie plötzlich aufschreckte, einen hastigen Blick auf die Uhr warf und davon stürmte. „Verdammt Marie! Wieder einmal kommst du zum Unterricht zu spät“.
Als sie durch die Straßen hastete, fiel ihr ein Satz des Philosophen Arthur Schopenhauer ein, den sie irgendwann einmal gehört hatte:
„Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will“.
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Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 432 Nachricht senden | Erstellt am 15.03.2007 - 19:39 |  |
Hach! Maries wollen genau das, was sie wollen! Das unterscheidet sie von den Schopenhauers und Poppers und Wittgensteins und ...
Den Spruch habe ich nämlich irgendwann einmal gelesen (in einem Philoforum) und den habe ich GRÜNDLICHST analysiert. Rein denkerisch funktioniert das natürlich nicht. Aber es gibt ja auch noch andere ... ähm Dingsbums und so. Und Geschichten über das Reich der Freiheit!
Na ja, vielleicht geht's auch nicht. Nein doch! Nein, doch nicht!
"He Daniel! Kann man das wollen, was man will?"
"Scheiß Philoquestions!"
"Und, kann man's?"
"Jo."
"Hä, was?"
"Jo!"
Betonhof schrieb
Wieder sahen die Leute auf sie, auf Marie, die verrückt geworden zu sein schien und weiter laut vor sich hin bramarbasierte: „schließlich habe ich nur dieses eine Leben und das werde ich jetzt bis zur Neige auskosten. Nach mir die Sintflut“! Ha.
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Nein, nein. Die singen immer, die Maries. Aber sicher, die Leute schauen dann recht verdutzt. Wen kratzt's?
BRAMARBASIEREN??? Cool! Was auch immer das ist, man sollte es mal tun. 'Man sollte überhaupt alles mögliche mal getan haben.' Hey super, Philosophie is voll einfach, ey! 
Betonhof schrieb
... in dem sie seit Jahren viel zu faulen und viel zu dummen Schülern, für viel zu wenig Geld Nachhilfestunden in Mathematik erteilte... |
Jaja, so stellt sich das vielleicht ein Sartre vor. Nicht, dass er nicht manchmal Recht hätte. ABER, da sitzen lauter zukünftige Philosophen und Lebenskünstler und so.
Beispiel 1:
Lehrer: "Wie hast Du das im Kopf gerechnet? Das kann ja nicht mal ich!"
Schüler: "Ich hab eh lang gebraucht."
Beispiel 2:
L: "Warum muss man als Köchin soviel Französisch lernen in einer Mathenachhilfestunde?"
S: "Weil es sein könnte, dass ein Kollege nicht Englisch kann."
Beispiel 3 zu Ethik und so
L: "Und, kannst schon alles?"
S: "Ja, sicher!"
L: "Könntest dann bitte mal was Besseres als einen Vierer schreiben?"
S: "Nein, weil dann müsst ich mich an die Regeln des Lehrers halten."
L: "Warum willst Du das nicht?"
S: "Weil er nicht darum bittet."
L: "Aha. Na ja, mach's halt aus Rücksicht."
S: "Rücksicht ist nichts für Egoisten wie mich."
Betonhof schrieb
Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als sie plötzlich aufschreckte, einen hastigen Blick auf die Uhr warf und davon stürmte. „Verdammt Marie! Wieder einmal kommst du zum Unterricht zu spät“.
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Das kann ich mir gut vorstellen. Verdammt!!!
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Chrissi 
     

Status: Offline Registriert seit: 12.02.2007 Beiträge: 441 Nachricht senden | Erstellt am 16.03.2007 - 13:24 |  |
Hi Betonhof,
nein ich habe "Sofies Welt" noch nicht gelesen. Bücherei steht erst in ca. 3 Wochen an.
Aber hier wage ich mich mal ohne angelesenes "Wissen" ran.
Betonhof schrieb
eine allein erziehende Mutter dreier Kinder, endgültig den Entschluss fasste ein neues Leben zu beginnen. |
Ist das nicht manchmal der Traum einer jeden Mutter von 3 Kindern? Egal ob Alleinerziehend oder mit so ´nem Teil gesegnet den sie auch noch befriedigen darf? Befriedigen? Hört sich irgendwie komisch an. Also ich meine Wäsche, Essen, Bier holen usw. für ihn erledigen.
Im Berufsleben nennt man es doch "Bornoutsyndrom" oder so? Einfach abhauen, alles stehen und liegen lassen. Schöner Traum!
Beto schrieb
.....weder Moral, noch ein Gewissen besitzen Macht über mich. Alle Fesseln werde ich sprengen. Ich werde frei sein, frei, frei, frei! |
Wäre ich dann frei? Viele dieser selbst geschaffenen Fesseln kann Mann / Frau doch los werden.
Mit einem bisschen Mut, klappt das! Auch mit Gewissen und ein bisschen Moral.
Beto schrieb
Es waren noch keine zehn Minuten vergangen, als sie plötzlich aufschreckte, einen hastigen Blick auf die Uhr warf und davon stürmte. „Verdammt Marie! Wieder einmal kommst du zum Unterricht zu spät“. |
Diese 10 Minuten Aufenthalt in ihrem "Wunschtraum" haben Marie sicher gereicht um ihr "wirkliches" Leben für längere Zeit wieder lebenswert zu empfinden?
Hoffentlich liege ich mit meinen eigenen Gedanken jetzt nicht so völlig daneben.
Liebe Grüße
Chrissi
Signatur Ein Tag ohne Lachen, ist ein verlorener Tag! |
<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 16.03.2007 - 15:12 |  |
"Ist das nicht manchmal der Traum einer jeden Mutter von 3 Kindern? Egal ob Alleinerziehend oder mit so ´nem Teil gesegnet den sie auch noch befriedigen darf? Befriedigen? Hört sich irgendwie komisch an. Also ich meine Wäsche, Essen, Bier holen usw. für ihn erledigen.
Im Berufsleben nennt man es doch "Bornoutsyndrom" oder so? Einfach abhauen, alles stehen und liegen lassen. Schöner Traum"!
Genau! Fast jeder Mensch hat immer wieder solche Gedanken. Und wenn man sie nicht realiert, wird man durch irgendetwas daran gehindert, sie in die Tat umzusetzen. Man ist dann nicht frei zu tun, was man wollen will. Wenn man wollte, könnte man es tun, denn man tut immer, was man will. Der Wille an sich ist also frei, doch das, was man wollen will, eben nicht.
Der freie Wille ist also bei Schopenhauer nicht in Frage gestellt, doch folgt die Freiheit dem Willen und nicht der Wille der Freiheit. Zu ähnlichen Resultaten kommt heute die Hirnforschung.
Das heißt, wäre Marie nach Venedig gefahren, wäre sie ebenso ihrem freien Willen gefolgt, wie im Falle ihres Hierbleibens. Die Bejaung eines freien Willens beantwortet also nicht die Frage, nach der menschlichen Freiheit an sich.
Wäre ich dann frei? Viele dieser selbst geschaffenen Fesseln kann Mann / Frau doch los werden.
Mit einem bisschen Mut, klappt das! Auch mit Gewissen und ein bisschen Moral.
Ja, so scheint es zu sein. Da es aber keine absolute Freiheit gibt, denn das Absolute verliert sich im Nichts, begibst du dich im gleichen Augenblick, in dem du deine alte Fesseln abstreifst, sogleich in neue hinein. Bei der Freiheit scheint es sich daher nicht um etwas konkretes zu handeln, sondern lediglich um eine Art innerer Haltung, von der Sarte behauptet: Wir sind zur Freiheit verdammt. Womit er meint, dass ich als Mensch nicht umhin kann, die Idee der Freiheit, um meiner selbst Willen zu akzeptieren. Menschsein bedeutet in Freiheit Verantwortung zu übernehmen.
Insofern, hat sich Marie in der Geschichte, als freier Mensch erwiesen, obwohl sie scheinbar zu ihren Fesseln zurückkehrte. Das meint Betonhof. 
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Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 432 Nachricht senden | Erstellt am 18.03.2007 - 19:36 |  |
Betonhof schrieb
...von der Sarte behauptet: Wir sind zur Freiheit verdammt... |
Still und heimlich las ich mal ein bisschen Sartre, da amüsierte ich mich auch schon über diesen Satz. Nicht, dass ich ihm nicht zustimmen würde. Ich hätt nur noch was ang'hängt: ..., wie wir überhaupt zu allem Möglichen verdammt zu sein scheinen.
"Ja komisch, is des ned absurd?" hätt da wer anderer gefragt. Aber der sprach ned ordentlich österreichisch, drum hat er ganz was anderes gesagt, wahrscheinlich.

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<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 19.03.2007 - 06:34 |  |
"Ja komisch, is des ned absurd?" hätt da wer anderer gefragt. Aber der sprach ned ordentlich österreichisch, drum hat er ganz was anderes gesagt, wahrscheinlich.
Auch Albert Camus, auf den du hier offenbar anspielst, hatte eine ähnliche Haltung zur Freiheit. In "Der Mythos von Sisyphos" beschreibt er wie der Held, den die Götter damit bestraften einen schweren Stein nach oben zu wälzen, wohlwissend, dass er wieder nach unten rollt, die Strafe annimmt und damit sein Schicksal verbindet. So entzieht er den Göttern die Macht über sich, er ist frei.
Indem er dieses Schicksal verachtet, findet er seine Würde wieder. Dieser Stein kann ein Menschenherz ausfüllen. Wenn er wieder nach unten schreitet, um seine Last von neuem aufzunehmen, schlägt die Stunde des Bewusstseins. Sein Schicksal ist absurd, weil er sich dessen bewusst ist. In diesem Augenblick, muss man sich Sisyphos jedoch als glücklichen Menschen vorstellen.
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Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 432 Nachricht senden | Erstellt am 19.03.2007 - 07:42 |  |
Und das am Montagmorgen! Wo's eh schon schneit. Zeit, meine Weihnachtswunschliste bekanntzugeben. Kannst Du, Betonhof, bitte das ganze Forum anfüllen mit herrlichen Camussätzen.
Betonhof schrieb
Sein Schicksal ist absurd, weil er sich dessen bewusst ist. |
Wieso deswegen? Was wär's denn sonst?
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