Besucherzähler: bereits Kredit ohne Schufa Besucher auf dieser Plattform! © 2006 by Minotaurus

Herzlich Willkommen!

bei >Work of Art< ©

KUNST-WERK
Registrierungshinweis! News TRAKTORWELT Stichwortsuche Anmelden Einloggen
Wer ist gerade online ?

Für liebe Gäste und Besucher hier alle unsere Themen im Überblick:



Neuer Thread ...


ErstellerThema » Beitrag als Abo bestellenThread schließen Thread verschieben Festpinnen Druckansicht Thread löschen

Minotaurus ...
Hausherr und Gastgeber
...............



Status: Offline
Registriert seit: 13.06.2006
Beiträge: 1550
Nachricht senden
...   Erstellt am 20.08.2006 - 13:01Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Der deutsche Paß



Es war Anfang der 80er mitten im ehemaligen Jugoslawien, in der Nähe von Plitviča. Wir hatten zu viert eine mehrtägige Motorradtour gemacht, am Tag zuvor hatte es geregnet und die Straßen waren noch naß.
Da ich nicht zum erstenmal in dieser Gegend war, machte ich für meine Freunde den "Roadcaptain", also denjenigen, der vorausfuhr und somit die Strecke und das Tempo bestimmte. Es war nur wenig Verkehr, die kurvenreiche Straße war schlecht, voller Schlaglöcher und geflickter Stellen. Trotzdem kamen wir relativ gut und zügig voran.
Durch eine Unachtsamkeit geriet jedoch Boris - einer meiner Freunde - mit dem Vorderrad seiner Maschine in ein Schlagloch. Die Maschine brach aus, schleuderte und er landete im Straßengraben.
Es war jedoch nichts weiter passiert. Einige blaue Flecken, ein paar Kratzer an der Maschine, ein gebrochenes Blinkerglas und ein gebrochener Kupplungsgriff. Das war alles.
Bis auf den Schrecken war er also glimpflich davongekommen und die Reise konnte fortgesetzt werden. Schalten konnte man ja zur Not auch ohne Kupplung.
Nicht lange darauf hörte ich hinter mir ein Scheppern: Richard, der zweite von meinen Begleitern hatte sich mit seiner Sozia von der schlecht geteerten Straße über eine steile Böschung hinunter verabschiedet.
Er hatte an einer geflickten Stelle den losen Splitt übersehen und war daraufhin von der Straße abgekommen. Eine Leitplanke gab es nicht, nur Begrenzungssteine, von denen er aber glücklicherweise keinen erwischt hatte.
Trotzdem bot sich kein schönes Bild: Richard hatte sich beim Sturz das Schlüsselbein gebrochen und Gaby, seine Freundin konnte nicht mehr aufstehen. Sie hatte sich den Knöchel gebrochen, hielt sich vor Schmerzen den Fuß und wimmerte leise. Außerdem hatte sie heftige Hals- und Rückenschmerzen. Die Maschine lag ziemlich verbeult und mit verzogener Gabel einige Meter unterhalb.

In diesem Moment hörte man oben auf der Straße Motorengeräusch.
Ein alter Fiat stoppte mit quietschenden Bremsen. Boris und ich hatten unsere beiden Motorräder oben am Straßenrand stehenlassen, um uns um die beiden Verletzten zu kümmern.
Der Fahrer mußte wohl bemerkt haben, daß etwas passiert war. Er stieg aus und kam ebenfalls die Böschung herunter, um zu helfen. Es handelte sich dabei um einem kräftigen Mann mittleren Alters, der jedoch weder ein Wort Englisch, noch Deutsch verstand.
Auf Serbokroatisch gab er uns zu verstehen, daß er ganz in der Nähe wohnte. Von dort könne er das Krankenhaus in Zagreb oder Ljubljana anrufen, damit dieses einen Sanitätswagen schicken würde. Er meinte auch, daß es ratsam wäre, die Unfallspuren zu beseitigen, bevor die Polizei vorbeikäme.
Keiner meiner Begleiter sprach ein Wort Serbokroatisch und auch meine bescheidenen Sprachkenntnisse waren nicht gut genug, um alles genau zu verstehen, was er sagte. Die paar Brocken Serbisch und Tschechisch, die ich konnte, waren keine sehr große Hilfe.
Trotzdem konnten wir uns aber so leidlich damit verständigen. Der Rest erfolgte eben durch Gestik und Mimik, denn die ist International.
Dann nahm er von Richards Maschine die beiden abgerissenen Motorradkoffer, packte sie in seinen Kofferraum, um sich mit seinem alten Fiat auf den Weg zu sich nach Hause zu begeben und von dort einen Anhänger für das kaputte Motorrad zu holen.

Gaby hatten wir unterdessen den Stiefel ausgezogen und sie mit hochgelegtem Bein auf eine Plane gelegt, wo sie auf dem feuchten, moosigen Waldboden ruhig liegen konnte.
Richard - der ja selbst erheblich verletzt war - blieb bei ihr und versuchte sie zu beruhigen, während ich mit Boris die kaputte Maschine nach oben auf die Straße schaffte. Die Lederjacke hatten wir Richard unter Schmerzen ausziehen können und sie ihm über die unverletzte Schulter gehängt.

Wenig später sahen wir schon den Jugoslawen mit dem kleinen Fiat mitsamt einem Anhänger wieder ankommen und mit quietschenden Bremsen am Straßenrand halten. Ein älterer, hagerer Mann saß auf dem Beifahrersitz neben ihm.

Drago - so hieß der Fahrer - sagte mir, daß der Sanitätswagen aus Lubljana bereits unterwegs sei und er half uns, das kaputte Motorrad von Richard auf den mitgebrachten Anhänger zu verladen und dort zu verzurren.
Gerade als wir damit fertig waren, hörten wir aus der Ferne bereits die Sirene des Krankenwagens. Der ältere Mann war inzwischen ebenfalls ausgestiegen und stellte sich in sehr gutem Deutsch als der Vater von Drago vor.
Slobodán war sein Name, er mochte wohl die 70 schon überschritten haben. Bereitwillig übernahm er die erforderliche Konversation mit dem Notarzt und den beiden Sanitätern, die Gaby auf eine Tragebahre packten und hinten in den Krankenwagen verfrachteten.
Auch Richard wurde gleich mit ins Krankenhaus genommen, damit dort das gebrochene Schlüsselbein behandelt werden konnte. Vom Notarzt erhielt ich eine Visitenkarte mit der Anschrift und der Telefon- Nr. des Krankenhauses. Dann verschwand der Krankenwagen wieder in Richtung Ljubljana.

Wenig später fuhren wir hinter unseren beiden Helfern die paar Kilometer zu ihrem Haus.
Auf den ersten Blick war es das Haus eines Kleinbauern, wie es Hunderte in dieser Gegend gab. Unverputzte Bruchsteinmauern mit den üblichen Dachziegeln, ein Stall, eine Garage, ein Obstgarten und etwas eingezäunter Grund rundherum.
Der alte Mann brachte erst einmal eine Runde Flaschenbier.
"Nàzdrãvlje!, auf den Schrecken", meinte er, als er mit uns anstieß. Anschließend wies er seinen Sohn an, den Werkzeugkasten zu holen, um von Richards kaputter Maschine den noch intakten Kupplungshebel abzumontieren und an die Maschine von Boris anzubauen, damit dessen Kupplung wieder funktionierte.
Unterdessen unterhielten wir uns etwas über das Woher und Wohin dieser Reise, über Gott und die Welt und überhaupt.

Erst jetzt hatte ich Gelegenheit, den alten Mann etwas genauer zu beobachten.
Er war eine sehr interessante Persönlichkeit: Groß und hager, volles, silbergraues Haar, einen ebenso grauen, gepflegten Schnurrbart in einem Gesicht, das beinahe aristokratisch wirkende Gesichtszüge hatte. Schlanke, feingliedrige Hände und trotz seines Alters eine stolze, aufrechte Körperhaltung. Dazu sehr wache, graublaue Augen, die in dieser Region doch ziemlich ungewöhnlich waren. Außerdem hatte er eine sehr feste, klare Stimme, die nur wenig Widerspruch zuließ.
Er sprach sehr gutes Deutsch mit einem leichten Akzent und er hatte eine gewählte Ausdrucksweise. Etwas distanziert, ohne jedoch dabei arrogant oder gar überheblich zu wirken.
Dieser Mann war ganz sicher kein Bauer aus der Gegend.

Aber was war er dann?

Natürlich hatte er mein Interesse geweckt. Ich versuchte also, das Gespräch darauf zu bringen, wieso er denn so gut Deutsch sprach, aber mehrmals wich er gekonnt meinen Fragen aus.
Schließlich fragte ich ihn geradeheraus, ob er denn früher als Gastarbeiter in Deutschland gearbeitet und gelebt hätte?
Er sah mich durchdringend an, holte tief Luft und schwieg vorerst einen Augenblick. Seine Antwort kam sehr zögerlich und ich werde sie wahrscheinlich mein Leben lang nicht vergessen:

"Nein, nicht als Gastarbeiter", meinte er schließlich mit veränderter, belegter Stimme.
Und nach einem weiteren Zögern: "Ich habe mehrere Jahre im KZ Dachau verbracht, bis ich 1945 von den Amerikanern befreit wurde. Dort habe ich euere Sprache erlernt."
Dabei hatte er seinen Blick von mir abgewendet und seine Augen in die Ferne gerichtet, so als ob er dort hinter dem Horizont irgend etwas suchen würde.

Ich dachte, im Erdboden versinken zu müssen. Was war ich nur für ein Arschloch!
Mit meinen penetranten Fragen hatte ich dem alten Mann eine Antwort aufgezwungen, die er mir gerne erspart hätte.
Sicher, - wir wußten in diesem Moment beide, daß ich viel zu jung war, um an dem Geschehen vor Kriegsende irgendeinen Anteil haben zu können. Ich selbst hatte mich immer energisch dagegen verwahrt, eine sogenannte "Kollektivschuld des deutschen Volkes" zu tragen. So etwas hatte es in meinem Verständnis nie gegeben.
Weder ich, noch mein Vater, noch mein Großvater hatten mit diesen Schweinereien damals etwas zu tun. Mein Vater war damals noch viel zu jung, um bei der Wehrmacht eingezogen zu werden oder politisch tätig werden zu können. Nicht einmal für den Volkssturm hatte es gereicht.
Mein Großvater dagegen hatte im 1. Weltkrieg in Serbien gedient, war mit einer schweren Kriegsverletzung nach Hause gekommen und war während des Dritten Reiches im "Passiven Widerstand", falls es diesen Begriff überhaupt gibt. Will heißen, daß er die Nazis und ihre Politik zwar nie unterstützt, aber auch nicht aktiv bekämpft hatte.
Er hatte eine sehr weltoffene und liberale Gesinnung, war nie Parteigänger der NSDAP, sondern hatte sogar noch vor Kriegsende sowohl russische und französische Kriegsgefangene, als auch desertierte deutsche Soldaten der Waffen-SS in seinem Heuschober versteckt, was ihn damals durchaus hätte den Kopf kosten können. Die politischen Strukturen waren ja bis kurz nach Kriegsende noch weitgehend intakt und der Reichsgauleiter hätte garantiert keinerlei Verständnis für solche Aktionen gehabt. Sehr viele solcher "Vaterlandsverräter" wurden einfach ohne ein reguläres Gerichtsverfahren exekutiert, sogar noch lange nach der Kapitulation Deutschlands.
In einem Nachbarort zum Beispiel hatte der Pfarrer beim Einmarsch der amerikanischen Truppen vom Kirchturm aus die weiße Fahne gehisst, um damit den Ort vor der Zerstörung zu bewahren. Er wurde später von nachrückenden Schergen der SS an der Friedhofsmauer erschossen.
Lange Zeit war mir deshalb das seltsame Verhalten meines Großvaters ziemlich unverständlich. Auch der Umstand, wieso er sich ohne Not in diese Gefahr begeben hatte.

Erst viel später - lange nach seinem Tode - wurde mir an Hand von alten Dokumenten klar, warum dies so war und ich konnte somit seine Einstellung besser verstehen: Durch seine Heirat mit einer tschechischen "Halb - Arierin" stand er selbst im Kreuzfeuer der damaligen Reichsführung und er hatte große Mühe, den tschechischen Mädchennamen seiner Frau nachträglich "eindeutschen" zu lassen, damit ihren gemeinsamen Kindern daraus kein beruflicher und gesellschaftlicher Nachteil entstand.
Aus Kolárčová wurde (mit deutschem Gruß und reichlich Schmiergeld bei dem sudetendeutschen Pfarrer, der zugleich Standesbeamter war) einfach Kollarz gemacht.

Ich selbst hatte weder mit Nazis, noch mit sonstigen Extremisten anderer Couleur jemals etwas gemeinsam, sondern ebenfalls schon immer eine sehr liberale Gesinnung, ohne mich jedoch in irgendeiner politischen Partei zu engagieren. Trotzdem war ich beschämt wie noch nie vorher in meinem Leben und das alleine durch den Umstand, daß ich Deutscher war.
Da bot uns ein Mann seine Gastfreundschaft und alle nur erdenkliche Hilfe an, obwohl er die besten Jahre seines Lebens in einem deutschen KZ zugebracht hatte.
Ein alter Mann, der diese Zeit vielleicht nur deshalb überlebt hatte, weil amerikanische Truppen den Mördern der SS zuvorgekommen waren?
Ich spürte meinen deutschen Reisepaß wie Feuer in meiner Jackentasche brennen und hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, diesen ganz weit wegzuwerfen. Irgendwohin in eine Jauchegrube oder so etwas ähnliches, denn noch schmutziger konnte er ohnehin nicht mehr werden.

"Nàzdrãvlje! Wie werdet ihr denn nun die Angelegenheit handhaben?", riß mich Slobodan´s Stimme aus meinen Gedanken.
Er mußte meine Verlegenheit bemerkt haben, daß ich in Gedanken ganz woanders war und er wollte nun endlich gerne das Thema wechseln.
Ich stieß mit ihm und Drago an und meinte: „Nun, wir wollten zunächst natürlich erst einmal nach Ljubljana fahren, um zu sehen, wie es unseren beiden Verletzten geht und ob wir etwas für sie tun können. Dürften wir das defekte Motorrad denn einige Tage bei Ihnen unterstellen?"
Das war kein Problem und Drago bot sich sogar an, uns mit seinem Auto vorauszufahren, damit wir in Ljubljana das Krankenhaus sofort finden würden.
Dieses Angebot nahm ich gerne an, bestand aber darauf, zumindest die Spritkosten dafür zu übernehmen.

Der Oberarzt und eine Stationsschwester dort sprachen so leidlich Deutsch und somit war die Verständigung kein allzu großes Problem. Richards Schlüsselbeinbruch war mittlerweile geschient und eingerichtet. Gaby hatte außer einem angebrochenen Knöchel und einem Schleudertrauma keine weiteren Verletzungen davongetragen, sie mußten jedoch beide vorerst in stationärer Behandlung bleiben.
Der Rückreise von Boris und mir nach Deutschland stand also nichts im Wege. Wir kamen allerdings erst weit nach Mitternacht nach Hause.

Richard und seine Freundin Gaby hatte ich zwei Tage später mit meinem Kombiwagen aus dem Krankenhaus in Ljubljana abgeholt und zurück nach Deutschland gebracht. Seine kaputte Maschine hatte ich zuvor bei Slobodán abgeholt und auf einen Anhänger geladen.
Dabei hatte ich ihm und seinem Sohn Drago als kleines Dankeschön für ihre Hilfe jeweils eine Flasche Bärwurz- Schnaps aus unserer Region mitgebracht. Über diese nette Geste hatten sie sich beide sehr gefreut.

Bis heute weiß ich nicht, wer der alte Mann wirklich war, weshalb er mehrere Jahre in einem deutschen KZ zugebracht hatte und ich wollte es auch nie erfahren.
Meinen deutschen Paß habe ich immer noch, aber jedesmal, wenn ich ihn in der Hand halte, fällt mir diese Geschichte wieder ein.
Ich bin nicht stolz darauf, ein Deutscher zu sein, schäme mich aber auch nicht mehr dafür.
Es ist ein neutraler Umstand, zu dem ich selbst überhaupt nichts beigetragen habe, weder im positiven, noch im negativen Sinne. Es wurde durch meine Geburt so bestimmt.
Genauso gut könnte ich Italiener, Franzose, Japaner, Neger oder Jude sein, wenn ich einen anderen Vater gehabt hätte.

Der Umstand, zufällig Deutscher zu sein, hat seitdem eine etwas andere Qualität erhalten. Eine sogenannte "Kollektivschuld" lehne ich jedoch - trotz dieser beschämenden Geschichte - weiterhin ab.

Im Grunde habe ich mich damit getröstet, daß ich ja nicht wirklich ein Deutscher bin, sondern ein Bayer.



Anmerkungen zur Kurzgeschichte:

Sollte jemand, der mehr "nationales Ehrgefühl" oder "Nationalstolz" besitzt als ich, sich von diesem Bericht auf den Schlips getreten fühlen, so würde ich ihm dringend eine längere Auslandsreise empfehlen und zwar Inkognito.
Sich nicht nur selbstverliebt im Spiegel zu betrachten, sondern sich auch einmal durch die Augen von Menschen anderer Nationalität zu sehen, würde manchmal sicher nicht schaden.
.

[Dieser Beitrag wurde am 03.07.2009 - 04:49 von Minotaurus aktualisiert]





Signatur

Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki)


Ähnliche Themen:
Thema Erstellt von Antworten Forumname
Das deutsche Gesundheitswesen steht vor dem Kollaps johnnyrebel 1 kunst_werk
Neue Deutsche Welle (NDW) und Austropop Minotaurus 4 kunst_werk
Die schreckliche deutsche Sprache Minotaurus 0 kunst_werk
Neuer Thread ...



Die letzten 20 Neubeiträge bei KUNST-WERK lauten:


Pauschalreise Menorca günstig buchen.


Impressum

Dieses Forum ist ein kostenloser Service von razyboard.com powered by:
Geizkragen Preisvergleich. Top-Produkt im Preisvergleich: Tamron SP AF 60mm F/2.0 Di II
Wollen Sie auch ein kostenloses Forum in weniger als 2 Minuten? Dann klicken Sie
hier!



Verwandte Suchbegriffe:
deutsche kunstwerk | großvaters geflickter stiefel | motorradkoffer 1 weltkrieg
blank