<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 06.03.2007 - 07:36 |  |
In meinem Kellerloch fühle ich mich sauwohl. Zwar symbolisiert es nach außen hin eine bürgerliche Katastrophe, doch das macht mir nichts aus, nicht mehr. Das kommt von den vielen Büchern, die ringsum aufgestapelt sind. Nichts macht einen Raum wohnlicher als Bücher.
Natürlich ist die Funktion Tausender Bücher nicht innenarchitektonischer Natur, sie sind vielmehr Manifestationen materialisierten Geistes. Ich liebe sie. Allerdings bin ich Platoniker, denn kaum eines habe ich gelesen. Das heißt, gelesen schon – doch auch verstanden?
Wer jedoch vermutet, dass diese Liebe, da ihr ein Orgasmusverzicht unfreiwilliger Art innewohnt, nicht glücklich ist, der irrt.
Denn hätte ich auf der letzten Erkenntnis beharrt, mir wäre nicht einmal ein zölibatäres Verhältnis zu meinen Geliebten beschieden gewesen. Ich würde heute noch an jenem Werk sitzen, das ich mir dereinst, in völliger Ahnungslosigkeit, als erstes vorgenommen hatte: Hegels „Phänomenologie des Geistes“.
Ich weiß nicht mehr wie ich ausgerechnet auf dieses Buch verfallen war, damals, als ich beschloss Leib und Seel´ der Philosophie zu widmen.
Möglicherweise wohnte mir ein unbewusster Hang zum Dunklen inne, denn der Inhalt dieses Werkes schien selbst das geringe Licht aufzuzehren, das durch mein winziges Kellerfenster drang.
Lange Zeit verbrachte ich mein Leben in beinahe völliger Finsternis, bis ich eines Tages herausfand, dass mein Anspruch in keinem günstigen Verhältnis zu meinem Intellekt stand. Keine einfache Erkenntnis, denn nach dem materiellen Desaster, war ein geistiges um so schwerer zu verkraften.
Schon nährte meine Verzweiflung finale Gedanken, als ich eine Idee hatte: eine neue Rezeptionstechnik!
Ihr Geheimnis bestand darin, dass ich zwar den Anspruch aufrecht erhielt einen Satz begreifen zu wollen, ihn aber nicht weiter verfolgte, wenn es mir nicht unmittelbar gelang. Ich las einfach weiter.
Diese Methode nannte ich „Phil-Art“. Sie beruhte ihrem Wesen nach auf der Erkenntnis, dass man sich seinem Gegenstand nicht mit dem Verstande – jedenfalls nicht a priori - sondern nur intuitiv nähern könne. Ähnlich der Kunst, die auf Verstehen verzichtet, da in der Tat auf der ganzen Welt kein Mensch jemals ein Kunstwerk richtig verstanden hat. Das war mein Standpunkt, an dem ich eisern festhielt.
Nun kam ich voran und es gelang mir in kürzester Zeit ganze Traktate zu verschlingen. Schon bald sah ich mich in der Lage auf einen stets wachsenden Bestand gelesener philosophischer Literatur verweisen zu können.
Allerdings tat sich schon nach relativ kurzer Zeit ein Problem auf: Bücher sind teuer. Wie aber sollte ich mir eine finanziell so anspruchsvolle Leidenschaft weiter leisten können? Woher nehmen und nicht stehlen, das war hier die Frage? Bis ich begriffe, dass es auch die Antwort war.
Von Stund an, war ich beinahe täglich in den Buchhandlungen der Stadt unterwegs. In relativ kurzer Zeit schaffte ich mir einen enormen Vorrat geistiger Konserven an, bis ich mich eines Tages gezwungen sah, mit der Bevorratung aufzuhören. Ich hatte einfach keinen Platz mehr.
Letztendlich war der Bedarf aber auch gedeckt. Denn ohne Zweifel war der gehortete Lesestoff so gewaltig, dass ich ihn Zeit meines Lebens nicht würde bewältigen können.
Ganz abgesehen davon, dass die Bücher mehrfach verwendbar waren, denn schon nach wenigen Monaten verflüchtete sich auch die letzten Reste ihres kostbarer Inhalt in meinem Kopf, so dass einem neuen Rezeptionserlebnis nichts mehr im Wege stand.
Die Jahre waren dahin gegangen und nun, aus heiterem Himmel, lockte mich „Adorno“. Keines seiner Primärwerke - die befanden sich selbstverständlich alle irgendwo unter den Stapeln - aber eine neue Biographie war erschienen. Vielleicht etwas Persönliches über dieses Frankfurter Genie, vielleicht eine zeitgemäße Deutung seiner Gedanken, oder war gar seine "Flaschenpost" angekommen.
Die alte Gier packte mich wieder. Endgültig wird man ja seine Obsessionen niemals los.
Am Gardarobenständer hing noch immer die bewährte Ausrüstung. Sie war in tadellosem Zustand. Ein heller Anzug, fliederfarbenes Hemd, rosa Krawatte; des weiteren ein leichter Sommermantel, ein Strohhut mit breiter Krempe und die passenden braunen Schuhe. Alles höchst elegant, selbst den schwarz lackierten Stock mit silbernem Griff, hatte ich noch nicht versetzt.
Fehlte nur noch eine dunkle Sonnenbrille.
Ich stutze meinen Bart ein wenig, verlieh dem seitlich zu langen Haar den verwegenen Schwung des Bohemiens und die Verkleidung war perfekt. Niemand würde auf die absurde Idee kommen, dass dieser distinguierte Herr Bücher stahl.
Als ich die größte, sich über mehrere Stockwerke erstreckende Buchhandlung der Stadt betrat, spürte ich es wieder, das alte Kribbeln.
Ich grüßte, den Hut lüftend, exaltiert und übertrieben freundlich zur Haupt-Kasse hinüber, stellte befriedigt fest, dass ich bemerkt worden war und strebte zielsicher dorthin, wo sich das Objekt meiner Begierde befand: zur Abteilung „Philosophie“ im 3. Stock.
Gewiss würde es sich auch im Bereich „Neuerscheinungen“ einen Stock tiefer finden lassen, aber da ich nun schon ein mal hier war, wollte ich auch gleich die Sartre-Biographie mitnehmen, die zur Zeit ebenfalls in den höchsten Tönen gelobt wurde.
Schon von weitem erkannte ich die „Göttlichen.“ Alle beide vom Einband ihrer Büchern mich anblickend, sehr erotisch, sehr begehrenswert: „Theodor W. Adorno“ - ein letztes Genie - und „Sartre“ - der Philosoph des 20. Jahrhunderts - Kostbarkeiten alle beide, wie ich unbesehen wusste!
Ich verlor keine Zeit, bemächtigte mich der Schätze, klemmte sie unter den rechten Arm, steckte die Hand in die Manteltasche, eilte - keinesfalls zu hektisch - die Treppen hinunter, winkte mit der linken Hand jovial zur Kasse hinüber und war im Nu auf der Straße.
Schon betrat ich das Cafe um die Ecke, nahm den Weg zur Toilette, ging zur Hintertür wieder hinaus, jetzt nur noch im Anzug, die Bücher unter dem über den Arm gehängten Mantel verbergend.
Vorsichtig peilte ich die Lage, heuchelte Interesse an den hier obwaltenden Obstständen, aber wie erwartet, war mir niemand gefolgt. Alles war gut gegangen.
Ich atmete nun doch, ob der mangelnden Routine in letzter Zeit, ein paar Mal kräftig durch und schlenderte beschwingt in Richtung des italienischen Eiscafes am alten Rathaus.
Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen, es war leidlich warm an diesem 13. September - und ich lebte noch. Ich meine, ich fühlte, dass ich noch da war, dass ich es war, der diesen Himmel wahrnahm, dem die Sonne ins Gesicht schien und der jeden einzelnen Schritt in den Beinen spürte.
Während ich dem köstlich bitteren Geschmack meines ersten Schlucks Camparie nachschmeckte, griff ich zu Sartre, der zufällig obenauf lag. Was für ein unvergleichliches Gefühl!
"Der Idiot der Familie“, war das letzte Buch des genialen Franzosen, das ich gelesen hatte. Ein Zweieinhalbtausendseitenepos über Flaubert, der bis zu seinem fünften Lebensjahr kaum gesprochen, dann sich aber in perfektem Ausdruck zu Wort gemeldet hatte. Was mochte dieser „Levi“ neues über das einstige „Gewissen der Franzosen“ zu berichten haben?
Als ich ein Glas später die Biographie Adornos aufschlug, begegnete mir, auf der ersten Seite folgender Satz: „Die magische Verfügung über Kindheit ist die Stärke der Schwachen...“
Dieser Satz berührte mich. Er erschütterte mich geradezu.
Außerstande weiter zu lesen, bestellte ich mir einen weiteren Camparie, und dann noch einen…
Schließlich stand ich auf, ging wie an unsichtbaren Fäden gezogen die paar Schritte bis zur Brüstung und warf die beiden Bücher in den tief unten gurgelnden Fluss.
Ich brauchte sie jetzt nicht mehr. Ich brauche überhaupt keine Bücher mehr. Ich würde mich nun - wie einst Proust - auf die Suche nach der verlorenen Zeit begeben. Was sonst!
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Chrissi 
      

Status: Offline Registriert seit: 12.02.2007 Beiträge: 510 Nachricht senden | Erstellt am 06.03.2007 - 16:46 |  |
Hallo Betonhof,
auf Deinen ersten Beitrag unter "Philosophisches" fiel mir ja schon nix ein. Jetzt sitze ich wieder hier und kann einfach nur feststellen, ich bin zu dämlich, Philosophie zu verstehen.
Ehrlich gesagt, ärgert mich das. Ich scheine auch noch nie in dieser Sparte irgendein Buch gelesen zu haben. Aber warum? Ich würde es, glaube ich, gerne verstehen. Zumal ich ja eine absolute Leseratte bin.
Den einzigen Satz, den ich für mich umsetzen kann ist folgender....
Betonhof schrieb
Ihr Geheimnis bestand darin, dass ich zwar den Anspruch aufrecht erhielt einen Satz begreifen zu wollen, ihn aber nicht weiter verfolgte, wenn es mir nicht unmittelbar gelang. Ich las einfach weiter. |
Siehst Du, und genau das kann ich nicht! Verstehe ich etwas nicht, lese ich den Kram zig Mal. Kenne ich ein Wort oder auch Fremdwort nicht, will ich es wissen. Gucke also z.B. im Duden oder auch mal bei Google, nach. Nein keine Angst, ich brauche nicht für ein Buch ein halbes Jahr, so oft kommt sowas nun auch nicht vor.
Konnte ich Dir jetzt vermitteln wie ich mich fühle? Verständnislos, hilflos und trotzdem dieses... Ich will es aber verstehen.
Na ja, ist schon ein eigentümlicher Kommentar, nur sagen wollte ich es Dir auch.
Dumme, unwissende aber trotzdem
liebe Grüße
Chrissi
Signatur Ein Tag ohne Lachen, ist ein verlorener Tag! |
<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 06.03.2007 - 17:40 |  |
Hallo Chrissi
Ich kann das sehr gut verstehen, ging es mir doch am Anfang auch nicht anders. Ich las viele Jahre auch deswegen Literatur, weil sich darin immer wieder einige Edelsteine der Philosophie einlagern. Nicht zuletzt deshalb war daher Dostojewski einer meiner Lieblinge, da seine Romane immer mindestens eine der großen Fragen der Philosophie von der hohen Abstraktion hinein ins Leben verlagern. Beispielsweise „Schuld und Sühne“, die Frage ob es erlaubt ist ein scheinbar minderwertiges Leben auszulöschen, um ein scheinbar höherwertiges zu retten. Diese Frage wird in dem Roman beantwortet und es handelt sich um eine großartige und spannende Geschichte. Aber war es nicht möglich, schneller Antwort auf solche Fragen zu erhalten, es gab doch deren so viele.
Als ich mich dann also der Philosophie pur widmen wollte, stand ich vor den gleichen Problemen wie du und ein wenig versuchte ich sie in der Geschichte vom Bücherdieb ja auch zu beschreiben. Später kam mir einer meiner beiden Söhne zu Hilfe, der sich zum Glück ebenfalls für dieses Fach interessierte und so begleitete ich ihn einfach bei seinem Studium.
So aber jetzt „zu der Sache selbst“:
Also wenn ich dir einen Rat geben darf, dann fange damit an, dass du dir eine kleine Geschichte der Philosophie kaufst – „Philosophie für Anfänger“ und so was kriegst du in jeder Buchhandlung.
Ich kann dir auch einige Titel nennen. Da wäre z.B. „Sophies Welt“ ein weltweiter Bestseller, der versucht eine Halbwüchsige in die Geheimnisse der Philosophie einzuweihen von Jostein Gaarder. Oder von Weischedel „Die philosophische Hintertreppe, von Jeanne Hersch „Das Philosophische Staunen“, von Karl Jaspers „Was ist Philosophie?“ Es gibt sogar einen dtv-Atlas für Philosophie oder den in meiner ersten Geschichte erwähnten Comic „Eine Bildergeschichte der Philosophie“ von Richard Osborn und noch viele andere Bücher von dieser Art.
Also, wenn du den Einstieg hinter dir hast, dann reden wir weiter. Auf keinen Fall bist du zu dämlich für die Philosophie, diesen Platz habe längst ich mir erobert. 
Beste Grüße, Betonhof
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<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 08.03.2007 - 14:29 |  |
Rodion Raskolnikow, die Hauptperson des Romans „Schuld und Sühne“, fragt sich, warum er, ein verarmter Student, der zu den größten Hoffnungen berechtigt und der gewillt ist sein Leben auf idealistische Weise dem Gemeinwohl seines Vaterlandes zu widmen, aus Mangel an Geld auf alle Zukunftspläne verzichten soll, nur weil eine ihm bekannte, alte Pfandleiherin, die in ihrem Leben ein Vermögen angehäuft hat, es Zeit ihres Lebens aber nicht mehr benötigt, jedoch nicht bereit ist ihm ein Darlehen zu gewähren.
Doch es geht dabei nicht nur um ihn, sondern auch um seine geliebte Schwester, für die er sich verantwortlich fühlt und die, sollte es ihm nicht gelingen zu Geld zu kommen, gezwungen sein wird einen ungeliebten und unehrenhaften Mann zu ehelichen.
Nachdem er noch mal die Pfandleiherin aufgesucht und sie händeringend gebeten hat, sieht er sich der bewussten Frage gegenüber.
Kann in einer solch existenziellen Situation das Tötungsverbot aufrechterhalten werden? Würde nicht ein Mann mit genialischem Mut und heldenhafter Entschlusskraft, alle kleinlichen Bedenken über Bord werfen, um sein und das Leben seiner Schwester zu retten? Zwei junge hoffnungsvolle Menschenleben liegen auf der Waagschale, gegen das einer geizigen, alten Frau, die ohnehin schon mehr tot als lebendig ist?
Er müsse nur den Mut aufbringen, genug Mut, um an eine Sache zu glauben, die doch eigentlich klar auf der Hand liegt. Hatte etwa Napoleon anders gehandelt, als er im Dienste seiner Pläne hunderttausende Menschen opferte?
Nein, die Antwort war eindeutig, Es war nicht nur eine Möglichkeit, sondern geradezu seine Pflicht diese Alte zu töten, um sich und seiner Schwester eine würdige Zukunft zu sichern.
Das ist der erste Teil des Romans, der in einem zweiten Teil enthüllt, dass es sich bei Raskolnikow nicht Napoleon handelte. Der auf die Tat folgende psychische Zusammenbruch zeigt, dass der Verstand, der seine Tat gelenkt hatte, nicht die einzige Schicht der menschlichen Persönlichkeit ist.
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