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Minotaurus ![]() Hausherr und Gastgeber ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden |
Nie werde ich den Moment vergessen, als uns unser Lehrer einmal fragte, welchen Traktor denn unsere Schüler zuhause auf dem Hof haben, beziehungsweise, ob es denn überhaupt schon einen Traktor auf dem Hof gäbe. Einer meiner Mitschüler, ein gut genährter Bauernsohn, fühlte sich direkt angesprochen. Er erhob sich von seinem Platz, warf sich - mit durchgestrecktem Kreuz - in Positur und teilte es uns - nach einem kurzen Seitenblick - im Brustton der Überzeugung mit. „Aan Pfänt!!" (einen Fendt), war die stolze und selbstbewußte Antwort meines Mitschülers und mit einem triumphierenden Blick in alle Richtungen setzte er sich wieder auf seinen Platz. Dazu muß ich anmerken, daß es zur damaligen Zeit schon etwas Besonderes war, überhaupt einen Traktor zu haben, denn viele Kleinbauern ackerten immer noch mit Kühen. Nur die etwas größeren konnten sich ein Ochsen- oder gar Pferdegespann leisten und Traktoren waren damals so selten wie ein Ferrari in Neu Dehli. Erst recht natürlich Traktoren von Deutz oder gar Fendt, die allgemein als die besten, aber auch als die teuersten bekannt waren. An unserer Schule wurde damals - im Gegensatz zu heute - kaum Hochdeutsch gesprochen. Nur wenige Lehrer gaben sich Mühe, uns diese „Fremdsprache" zu vermitteln. Aber die Aussprache des besagten Mitschülers war keineswegs typisch für unseren normalen Sprachgebrauch, der natürlich überwiegend im Bayerwald-Dialekt stattfand, sondern er war ganz besonders „breit" und schwerfällig. Noch dazu war dieser Mitschüler mit seiner schlampigen Aussprache keineswegs eine besondere Leuchte im Unterricht. Ganz im Gegenteil. Wie oft habe ich mitbekommen, daß die Eltern dieses Genies an der Schule vorstellig wurden, oft kurz bevor die Zwischenzeugnisse oder die Jahreszeugnisse geschrieben wurden. Jedesmal mit einigen „Auszog´nen", also frischen Bauernkrapfen mit Rosinen und einem Stück ´"G´selcht´s", also geräuchertem Schinkenspeck in der Tasche, das anschließend möglichst beiläufig und unauffällig den Besitzer wechselte. Nicht wenige meiner Mitschüler - und selbstverständlich auch ich - bekamen lange Hälse ob dieser Köstlichkeiten, die wir bestenfalls vom Hörensagen kannten. Aber mit so kleinen Zerealien wurde so mancher „Fünfer" im Zeugnis der Bauernsöhne vermieden, der einem anderen Mitschüler mit weniger Protektion ganz sicher gewesen wäre. Wir hatten keinen Bauernhof, sondern waren nur ganz normale "Häuslleut", wie man so schön zu sagen pflegte. Im Grunde aber waren wir nicht einmal das, denn wir wohnten damals - unter katastrophalen Umständen - in einem alten Bauernhof am Rande der kleinen Stadt, der von seinem Eigentümer einfach notdürftig zu einem Mehrfamilienhaus umfunktioniert worden war. Ganze einundzwanzig Mietparteien aus aller Herren Länder teilten sich die beengten „Wohnräume" auf dem alten, heruntergekommenen Hof. Ohne Bad, aber dafür mit Etagen-Plumpsklo. Aber ich war nicht alleine in dieser beschissenen Lage. So einige meiner Mitschüler waren nicht viel besser dran als ich und wir „Barackler" wurden von den Bauernsöhnen stets herablassend behandelt. Je größer der Hof war, um so größer war natürlich auch die Arroganz gegenüber seinen Mitschülern, die viel weniger aufzuweisen hatten, obwohl wir bei den Schularbeiten kaum Unterschiede feststellen konnten, eher im Gegenteil. Bei dieser Gelegenheit wurde an unserer Schule der Begriff „Bauernfünfer" geprägt und der selbstbewußte, bzw. arrogante Mitschüler mit der schlampigen Aussprache wurde oft damit gehänselt, daß man ihm den „Pfänt" gepfändet habe, was ihn natürlich zutiefst ärgerte und entrüstete. Man braucht nicht allzuviel Phantasie, um sich vorstellen zu können, welchen Spitznamen er von uns „Baracklern" von da an übergebraten bekam. Er war der „Pfänt." Erst viele Jahre später, anläßlich eines Klassentreffens, hatte ich wieder Gelegenheit, mich an diese kleine Episode zu erinnern, denn der besagte Mitschüler, der „Pfänt", war auch anwesend. Aber nicht mehr mit stolzgeschwellter Brust, sondern eher ziemlich kleinlaut und zurückhaltend. Solche Klassentreffen sind ja immer sehr aufschlußreich, denn nirgendwo sonst wird so viel mit vermeintlichen Erfolgen, glücklichen Ehen und steilen Karrieren geprahlt als gerade zu solchen Anlässen. Erst im Laufe der Gespräche habe ich dann mitbekommen, daß er - als einer der wenigen - nach unserer Schulzeit keine Berufsausbildung gemacht, sondern nach dem Tode seiner Eltern den Hof übernommen hatte. Diesen aber hatte er nur wenige Jahre später in den Ruin getrieben. Der Wald, die Kühe und viele Grundstücke wurde schon vorher so nach und nach verkauft, denn damit konnte er seinem Status als „reicher Bauernbua" noch lange Zeit in jeder Gastwirtschaft gerecht werden. Jedenfalls bewahrheitete sich auf eine geradezu makabere Art die damalige Aussage meines ehemaligen Mitschülers. Nicht nur der Fendt, sondern der ganze Hof wurde gepfändet und anschließend versteigert. Ich weiß, es ist sehr unchristlich, solche Schadenfreude und Genugtuung zu empfinden, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht jede Minute dieses Klassentreffens ausgekostet habe. ![]() Signatur ![]() Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke. (Marcel Reich-Ranicki) | ||||
Elke ![]() Registriertes Mitglied ![]() Status: Offline Registriert seit: 25.12.2007 Beiträge: 53 Nachricht senden |
Hallo Mino, | ||||
Minotaurus ![]() Hausherr und Gastgeber ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden |
Danke für Deinen Kommentar! Auf Deine Geschichten bin ich ebenfalls schon gespannt. ![]() Neugierige Grüße vom Mino Signatur ![]() Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke. (Marcel Reich-Ranicki) | ||||
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