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raoulyannik ![]() Registriertes Mitglied ![]() Status: Offline Registriert seit: 14.07.2006 Beiträge: 12 Nachricht senden |
ich kann das jedenfalls, als Dinge, die falsch waren." Jürgen Trittin zu seiner Vergangenheit im Kommunistischen Bund ________________________________ „Denk ich an den 68er in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Geht es Ihnen auch so? Können Sie sich trotz erster Gedächtnislücken noch erinnern? Wissen Sie noch, warum er sich so entwickelt hat, warum er so geworden ist wie er ist, und wieso der Name an ihm haftet wie Sekundenkleber? Vieles liegt im Dunkeln der Geschichte, und das Wenige, das oft nur im engsten Familienkreis an die Kinder und Enkel weitergegeben wird, ist zu oft sentimental verklärt, wie die Erinnerungen eines Revolutionärs, der die Revolution verpasst hat, aber gern dabei gewesen wäre, wenn er hingegangen und gedurft hätte. Was ist das Besondere am Original-68er, dem unbekannten Wesen aus einer längst vergangenen Zeit? Stimmt das was über ihn, den revolutionären Original-68er, oft mit wehmütig weggedrücktem Wehmuts-Tränchen erzählt wird wirklich, oder ist alles nur ein Mythos? Es war einmal, vor unendlich langer Zeit, im letzten Drittel des letzten Jahrhunderts. Ganz Paris träumte von der Liebe und bei Capri versank an jedem Abend die rote Sonne im Meer. Das Inbus-Elchwunder von Eching, das die deutsche WG Wohnkultur nachhaltig revolutionieren sollte, lag noch in ferner Zukunft, und an die ordentlich verschlossenen Klo-Türen waren noch nicht die Poster von Zappa (dem Älteren) gepinnt. Nach den schweren Jahren verlief das Leben des rechtschaffenen Bundesbürgers wieder in geordneten, rechtsstaatlichen Bahnen. Zurückblickend, aber einige Jahre später hat John Lennon über die Zeit gesagt: „Leben ist das, was dir zustößt, während du eifrig dabei bist, andere Dinge zu planen.“ Die darauf folgenden Ereignisse sind bekannt und bedauerlich. Aber damals dachte man noch nicht an die Zukunft. Man war froh eine dunkle Zeit überstanden zu haben, und plötzlich weil unverhütet war er da, der 68er. Manchmal wird noch behauptet, dass der 68er, sozusagen als kleiner Vorgeschmack auf spätere Umstände, die Ursache für die Hälfte der Eheschließungen in diesen Jahren gewesen sei. Angeblich waren in den fünfziger Jahre bis zu 40 Prozent der jungen Ehefrauen beim Gang zum Standesamt und zur Kirche in gesegneten Umständen. Ich denke, dass es sich um ein Märchen aus grauer Vorzeit handelt, denn der Vollzug des Liebesakts war nur in der Ehe erlaubt, und wer durch Willkür die Weckung neuen Lebens verhinderte, verstieß gegen das Gesetz Gottes und der Natur, und die solches tun beflecken bekanntlich ihr Gewissen mit schwerer Schuld. Knaus-Ognio war von der Kirche auch nicht gern gesehen, außerdem mangels Aufklärung über die korrekte Anwendung ziemlich riskant. Kondome gab es beim Friseur oder mussten über Chiffre-Anzeigen bestellt werden. Die junge Beate Uhse war noch mit einem Vertreterköfferchen unterwegs um fachkundig selbst Hand anzulegen. Wen wundert es da noch, dass die Planung des 68ers nicht sehr sorgfältig, sondern nach dem Zufallsprinzip verlief. Das war von ihm nicht so beabsichtigt, das hatte sich so ergeben, denn die Gebräuche waren bekanntlich noch strenger als heute. Erwiesen ist, dass um das Jahr 1950 herum die Vorbereitungen zur Produktion des 68ers wegen beengter Nachkriegswohnverhältnisse oft im Grünen, eher selten in, öfter auf einem Käfer, der (hier ist ein Hinweis für die später Geborenen angebracht) ein schwarzes Auto (die abgerundete Autohaube war die ideale Freiluft-Bauchliegeunterlage) mit zweigeteilter Sicht nach hinten war und noch nicht unter strengem Naturschutz stand, stattfanden. Leider ist es mir trotz intensiver Recherchen nicht gelungen, das genaue Zeugungsdatum des allerersten 68ers, des sogenannten Beta-Modells zu ermitteln, aber ich denke, dass solche kleine Versäumnisse den Wert meiner Recherchen nicht schmälern werden. Unter den beschriebenen, erschwerten Voraussetzungen sah es anfangs nicht so aus, als ob sich der Original-68er zu einem progressiv-staatstragenden Erfolgsmodell entwickeln könnte. Führende Experten vermuten, dass damals, sozusagen in der Penetrationsphase, die ersten Fehler gemacht wurden, aber erwiesen ist es nicht. Unstrittig ist, dass er trotz ungünstiger Rahmenbedingungen robust war und gute Anlagen besaß. Viele der nicht zum Musikantenstadl abgewanderten Fossilien behaupten, es wäre sein neues Bewusstsein gewesen. Ausgehend vom spießbürgerlichen Mief der Adenauer-Ära, soll er angeblich der heranwachsende Stachel im Fleisch des wohlgenährten und anständigen Bundesbürgers gewesen sein. Waren es seine glorreichen, revolutionären Taten, die im kapitalistischen Großstadtdschungel, die Veränderungen der unhaltbaren Umstände im Nachkriegsdeutschland erst bewirkten? Hat der 68er hat mit seiner Love-and-Peace-Revolution die Welt tatsächlich und nachhaltig verändert, und wie konnte so etwas legal-Illegales im schwarzrotgoldenen Rechtsstaat geschehen? Hat die Aufregung um den 68er einen tiefen mythologischen Sinn, oder war es ein Irrweg, der nur zum bekannten Ikea-Regal-Irrsinn und nicht weiter geführt hat? Erwiesen ist, dass der Allerwelts-68er im Jahr 1968 in den Dörfern eher seltener, dafür in den Großstädten Berlin, München, Frankfurt und Hamburg, und nicht nur angeheizt von der meinungsbildenden Springerpresse, sondern auch von der BRAVO (einer populären Jugendzeitschrift) seine größte Verbreitung fand. Ein Merkmal an der Original-68er-Zeit ist augenfällig und soll nicht nur weil es der Wahrheitsfindung dient, sondern auch der Ordnung halber nicht unerwähnt bleiben. Damals gab es auch weibliche 68er(-innen). Ja verehrte Leserin, es ist keine Geschichtsklitterung. Es gab sie wirklich, die fanatisch-revolutionäre, vom Geist Rosa Luxemburgs und Clara Zetkins angehauchte, Gouloise Blondes rauchende und mit einem Palästinenser-Feudel geschmückte 68erin. Aber wie mir aus zuverlässigen Quellen, von anonymen Zeitzeugen und hautnah Dabei-Gewesenen zuverlässig berichtet wurde, waren weibliche, politisch aktive 68erinnen in den Kommunen, den Straßen und Brennpunkten der damaligen Szene eher exotische Randerscheinungen. Zwar wurden vom anonymen, langhaarigen Feld-, Wald- und Wiesen-68er die wenigen weiblichen Ikonen, wie zum Beispiel die berühmte Uschi O., deren frühe Bilder als Riesenposter an WG-Türen hängten, ohne die geringste Aussicht auf Erhörung oder andere greifbare Ergebnisse angebetet. Sie waren für den 68er-Normalo vollkommen unerreichbar, weil mit Jimi H., oder Mick J. beschäftigt. Die Mehrzahl der „sogenannten“ 68erinnen war politisch eher unbedarft und eher praktisch-schmückendes Beiwerk, vergleichbar mit den Chromzierleisten an den Autos, oder den Flokatis auf den Matratzen in diesen Jahren. Was ist aus dem 68er geworden? Was ist nur noch Erinnerung und bleibt das kollektive Grauen und die Melancholie beim Anblick von Schafen? Hat Rudi D. letztendlich nur bewirkt hat, dass Millionen deutscher Frauen in einen kollektiven Strickrausch verfielen und ihre Partner mit unsäglich hässlichen Ringelpullis mit selbstgezogenem Tee nervten? Für interessierter Leserinnen und Leser, die den langen Marsch durch die Institutionen (oder „Illusionen“) ohne größere Schäden überstanden haben, möchte ich Ihnen heute die Entwicklung des Original-68ers in einer gerafften, aber umso liebevoller recherchierten Form darlegen. Die Vorzeige-68er, wie zum Beispiel der Taxifahrer und Putzmacher Joschka (Turnschuh) F., das ehemalige Mitglied des Kommunistischen Bundes Jürgen T., Rainer (Schmuse-Lockenköpfchen) L., oder Rudi (Streifen-Pullover) D. mit seinen marxistisch geprägten Forderungen nach einer Einheitsfront von Arbeitern und Studenten, dazu die totale Befreiung der Menschheit von Krieg, Hunger, Unmenschlichkeit und Manipulation durch eine Weltrevolution, lasse ich in meinem Bericht aus, und konzentriere mich auf den klassischen, also den Original-Allerwelts-68er. Lautstark protestierend war er eines Tages, so um das Jahr 1950 herum da. Doch schon bald sollte er den Druck konservativer Enge zu spüren bekommen. Ungefragt bekam er den Segen der Kirche in Form von Wasser aufs Hirn getröpfelt. Vermutlich war diese in der frühkindlichen Prägungsphase widerfahrene Repressalie die Ursache für seinen späteren Drang sich von staatlichen Autoritäten pitschepatsche nassspritzen zu lassen. Sein Lebensweg im engen Rahmen der durch Adenauer geprägten, christlich demokratischen Grundordnung schien vorbestimmt. Mit nassen Windeln (damals gab es noch keine Pampers) empfand er laut protestierend die Umstände und die Lage beschissen, obwohl es ihm eigentlich gut ging. Nach den schweren Kriegsjahren, aber dank der von den Amerikanern erfundenen und vom Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard als behäbigen Leitfigur propagierten Sozialen Marktwirtschaft (die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch), ging die Genesung der jungen, aber durch vielerlei Umstände arg lädierten Bundesrepublik schnell voran. Anders als heutzutage war die Welt noch friedlich und heiter. Aus den Radios klang: „Das machen nur die Beine von Dolores“, und Nylonstrümpfe waren als Tauschware für Liebe nicht mehr begehrt, weil überall erhältlich. Nach den schweren Kriegsjahren wurde der der kleine 68er relativ gut und zu festen Zeiten ernährt. Er wuchs in einem behüteten, aber strengen Elternhaus auf, und auf den Straßen herrschte Ruhe und Ordnung. Die Familie, sofern sie durch die dunkle Zeit (über die man besser schwieg) nicht zu sehr dezimiert war, hielt noch fest zusammen. Atomkraftwerke gab es nicht, dafür kam der Strom aus der Steckdose und war darum noch nicht liberal gelb, aber dafür saubillig. Politisch gesehen war die bundesdeutsche (und auch die bayerische) Welt schwarz (die bayerische tiefschwarz) und der kleine 68er schlief in einem Kinderbettchen, das mit einer Farbe angestrichen war, von der man nicht ahnte, welche Zutaten darin steckten. Braune Soße gab es pünktlich zum Mittagessen auf dem Schweinebraten. Ohne Widerspruch wurde „gegessen wird was auf den Tisch kommt …“, und er aß ohne zu Murren das was auf den Tisch kam, denn das väterliche Machtwort: „Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst …“ galt in der Familie so unumstößlich wie eine päpstliche Bulle. Vielleicht erinnern sich meine älteren Leser noch daran, aber um das Jahr 1952 herum war es üblich, dass es um 12 Uhr mittags still auf den Straßen wurde. Fast wie im wirklichen Leben musste auch Gary Cooper (54) hinaus in die Welt, um für Recht und Ordnung zu kämpfen und einsame Heldentaten vollbringen. Weil die Rückkehr des Helden bis zum Schluss ungewiss war, stand am häuslichen Herd treu wartend und schmachtend seine siebenundzwanzig Jahre jüngere Filmpartnerin, fest im Glauben an einen guten Ausgang der Geschichte. Die Botschaft an die Werktätigen war unmissverständlich: Der Mann muss hinaus und jagen, die Frau gehört an den Herd. So wie es schon immer war, ist und immer sein wird. Das Publikum war begeistert und die Kinos, die es damals an jeder Ecke gab, trotz Foxens tönender Wochenschau überfüllt. In seiner Kinderzeit konnte der 68er den lieben langen Tag unbewacht auf den wenig befahrenen Straßen, den Hinterhöfen, oder falls er auf dem Land aufwachsen sollte, spielen, wo er wollte. Bären und Wölfe gab es schon lange nicht mehr, aber aufmerksame Beobachter konnten überall sehen, wie sich Fuchs und Hase am Hintern der Provinz eine gute Nacht wünschten. Die Mütter mussten die Kleinen noch nicht zu Schule fahren, weil Arbeiter keine Autos und der Führerschein für Frauen ein nicht notwendiges Übel war. Der Weg zum Kindergarten und der Schulweg war lang und oft im Morgengrauen stapfte der kleine 68er, bepackt mit seinem schweren Schulranzen und einem Butterbrot, mutig und allein den langen Weg zum Kindergarten oder zur Schule. Das ADS Syndrom war auch noch nicht erfunden, weil es noch keinen Fernseher, keinen Computer und keine Dattelspiele gab. Darum war der kleine 68er ein braver und aufmerksamer Schüler, und er lernte fleißig für das spätere Leben an Schippe und Spaten. Auch in die meinungsbildende Medienlandschaft kam Bewegung. Am Dienstag, den 24. Juni 1952 wurde die erste BILD Ausgabe mit vier Seiten und einer Startauflage von 455.000 Exemplaren verkauft. Eine Zeichnung der langbeinigen „BILD- Lilli“ mit kess wippendem Pferdeschwanz und zeichnerisch leicht angedeuteten Brüsten war das Zugpferdchen der BILD und wurde zur inspirierenden Vorläuferin der amerikanischen Barbie-Puppe, die das Idol einer ganzen Generation kleiner Mädchen werden sollte. Das BILD-Erfolgsrezept war einfach: Nicht tröge Politikeransprachen sorgen für Auflage, sondern der Kinderschänder und das Blutmesser des Frauenmörders. Sogar Konrad Adenauer war von der BILD-Zeitung begeistert und kommentierte seine Lektüre mit den Worten: „Weil ich als einfaches Gemüt immer sofort verstehe, was gemeint ist.“ Ob diese unternehmerische Erfolgsmischung Auswirkungen auf die Entwicklung des kleinen 68ers hatte, ist noch nicht erforscht. Aber ich behaupte, dass Lilli & Co. schon früh die Laufbahn des 68ers beeinflusst hat. James Bond gab es noch nicht, aber der Herr von Welt trug Karos, nach dem Modevorbild des Meisterdetektivs Nick Knatterton aus einem uralten Adelsgeschlecht bei Kyritz an der Knatter. Seine Gegenspielerinnen verfügten über voluminöse Brüste, was die Sittenwächter zu lautstarken Empörungsschreien veranlasste. Hierzulande weitgehend unbemerkt verkaufte 1956 der einundzwanzigjährige Elvis etwa zehn Millionen Schallplatten, aber unseren 68er interessierte das nicht, denn er war noch zu klein und Musik von der Befreier-Besatzungsmacht Amerika in rechtschaffenen, deutschen Familien verpönt. Sonntags, häufig auch noch an den späten Nachmittagen (weil doppelt hält bekanntlich besser), ging die Familie in die Kirche. Dazwischen und wenn das Wetter schön war, packte der kleine 68er brav seine Badehose und ging Hand in Hand mit der kleinen Conny ins Freibad, damit die Eltern auch mal unter sich sein konnten. Nie zuvor waren so viele Menschen unterwegs um die übriggebliebenen Verwandten zu besuchen, als in den 50er Jahren. Wenn das Wetter schlecht war kam die Familie und auch die weit entfernte Verwandtschaft zum Kaffeetrinken zusammen und an den Kaffeekannen waren noch lustige Tropfenfänger aus buntem Schaumstoff, die mit einem Gummibändchen befestigt waren. In der Schule lernte er das was zu lernen war, und die geschichtlichen Ereignisse in Deutschland endeten, weil im Felde unbesiegt, nach allgemeiner Lehrmeinung um das Jahr 1918 herum. Das war verständlich, denn unter den Talaren herrschte noch der Muff eines untergegangenen, tausendjährigen Reichs. Aber der heranwachsende 68er war noch zu klein, um über die spurlos verschwundenen, tausend Jahre nachzudenken. Oft und gern spielte er Fußball, so wie es Jungs in seinem Alter auch heute noch gern tun. Aufmerksam, mit kurzen Hosen und brav fassongescheitelt lauschte er den Worten im Religionsunterricht. Eigentlich war er ein braver, kleiner 68er, obwohl schon früh ein Hang zu subversiver Lektüre mit dem Anarchisten Donald Duck, der alleine lebenden Minnie Mouse (im bedenklich kurzen Röckchen) und ihrem Lover Mickey erkennbar war. Die Zeit verging fast wie im Flug. 1957 erschütterte der erste Sexskandal die Republik. Die vierundzwanzigjährige Edelhure Rosemarie Nitribitt wurde ermordet und auf ihrer Kundenliste befand sich ein repräsentativer Querschnitt der bundesdeutschen Nachkriegsprominenz. Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, kam 1959 im fernen Kuba Fidel Castro an die Macht. Er versprach in stundenlangen Reden seinem Volk ein befreites und glückliches Kuba, mit einer sozial gerechteren Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten der ärmeren Schichten der Bevölkerung. Nach einer etwa vier- bis zehnstündigen Ansprache erkannten die Kubaner den Ernst der beschissenen Lage. Sie waren einsichtig, denn sonst hätte der Máximo Líder (Übersetzt: „größter Führer“) noch einige Stunden weitergeredet, und Dixi-Toiletten damals noch nicht erfunden. Auch in der jungen Bundesrepublik gab es wieder einmal einen großen Redner an der Spitze der Republik. Der fünfundsechzigjährige Heinrich Lübke wurde zum Bundespräsidenten gewählt und erlangte mit seiner acht Jahre älteren, sich aber beharrlich als gleichaltrig ausgebende Ehefrau Wilhelmine und mit seinen konfusen Reden Weltruhm. Seine Ansprache bei einem Staatsbesuch 1962 in Liberia gehört bis heute zu einem Klassiker staatsmännischer Rhetorik, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Wie überliefert begann sie mit den Worten: „Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger …“, und endete anlässlich einer späteren Rede mit den Worten: „… die Leute müssen ja auch mal lernen, dass sie sauber werden.“ Auch das berühmte: „Equal goes it loose …“, wird Heinrich Lübke zugeschrieben, und das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ maulte sauertöpfisch: „Irgendwer muss Frau Wilhelmine Lübke auch sagen, dass sie auf Staatsbesuchen ihren Mann nicht mit dem Ruf 'Heini, wir gehen zu Bett' ins Quartier beordern kann.“ Das Jahr 1960 brachte für die Entwicklung des angehenden 68er nichts Außergewöhnliches, wenn man davon absah, dass Nikita Chruschtschow vor der UNO Vollversammlung mit seinem Schuh auf dem Tisch trommelte, und Clark Gable mit neunundfünfzig Jahren starb. Bedächtig ging das Jahr vorbei, und auch 1961 brachte keine größeren Überraschungen. Gerd Wendland sang: „Tanze mit mir in den Morgen“, und Rex Gildo spielte in dem Musical „My Fair Lady“ im Berliner Theater des Westens und trällerte sich mit „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen …“ in die Herzen der Fräuleins und Frauen. Die Deutschen zog es in Massen mit dem hochbepackten Volkswagen über die Alpen nach Jesolo (Italien). Ganz Mutige wagten sich auf den weiten Weg nach Spanien und Hemingway erschoss sich versehentlich mit einem Jagdgewehr. Wenn es nach den anständigen Bürgern in unserem Land gegangen wäre, dann hätte es immer so weiter gehen können (nicht mit Hemingway, der hatte Pech. Aber mit der Besetzung von Italien und Spanien). Apropos Hemingway: 2006 wurde durch die Recherchen eines FOCUS-Redakteurs bekannt, dass sich in Briefen und alten Biographien Hemingways Hinweise auf mehrfachen Mord an deutschen Kriegsgefangenen finden. Dabei soll er gegenüber dem verstorbenen amerikanischen Literaturprofessor Arthur Mizener von der Cornell-Universität gestanden haben, insgesamt 122 Deutsche erschossen zu haben. Aber das war vor der Geburt des 68ers und dürfte auf seine Entwicklung keinen Einfluss gehabt haben. 1960 sang Tony Sheridan mit paar jungen Liverpoolern, die sich The Beatles nannten und noch zu fünft auftraten. Unter der Leitung des Musikproduzenten Bert Kaempfert nahm Tony Sheridan 1961 mehrere Titel mit den Beatles auf, die aufgrund eines Einwandes der Plattenfirma bei dieser Aufnahme als Beat Brothers in Erscheinung traten. Darunter war der Titel „My Bonnie“, der Ende 1961 immerhin bis auf Platz 32 in der deutschen Hitparade kam und so den Erfolg der Beatles mitbegründete. Als Vorboten kommenden Unheils zogen 1962 die ersten Wolken am bis dahin wohlgeordneten Himmel deutscher Gemütlichkeit auf. Im Januar kamen vier schmächtige Jungs aus Liverpool, damals noch mit Stuart Sutcliff, zu ersten Probeaufnahmen in einem Studio der Londoner Plattenfirma Decca zusammen. Aber sie wurden mit der Begründung „Wir mögen den Sound nicht und außerdem ist Gitarrenmusik sowieso am aussterben“ abgelehnt. Dann, im Frühjahr 1962 sah man in Hamburg leuchtend rote Plakate mit der provokanten Ankündigung, dass die Zeit der Dorfmusik nun ein Ende habe. Am Freitag, den 13. April 1962 öffnete der Star Club auf der großen Freiheit 39 seine Türen zu Deutschlands allererster Rock und Twist Parade 62. Sieben Wochen, vom 13. April 1962 bis zum 31. Mai 1962 spielten die Beatles (mit Tony Sheridan) im Star-Club. Zu allem Unglück kam in diesem Jahr auch noch die Antibabypille auf den Markt und führende Kirchenvertreter warnten vor einer alles und insbesondere die westliche Zivilisation zerstörenden Sexwelle, weil man den Frauen, sexuell gesehen nicht so recht über den Weg traute. In Amerika dachte John F. Kennedy an Atombomben gegen Castro, besann sich dann aber eines Besseren und regelte die Kubakrise mit Bedacht. Die sechsunddreißigjährige Marylin Monroe, der man eine Affäre mit JFK nachsagte, sah im Spiegel die ersten Falten und nahm sich, was bis heute bezweifelt wird, mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Dann, im Jahr 1963 begannen sich die Ereignisse zu überschlagen. Am 3. Januar 1963 wurde Fidel Castro vom einundachtzigjährigen Papst Johannes XXIII exkommuniziert, der am 3. Juni 1963 starb. In England löste der Profumo-Skandal eine Regierungskrise aus, und das Call-Girl Christine Keeler gelangte mit intimen Geständnissen und freizügigen Fotos zu kurzfristigem Weltruhm. Der zum Bundeskanzler avancierte Ludwig Erhard versprach wieder Wohlstand für Alle, und das Schweigen führte dazu, dass sich in der Bundesrepublik Deutschland elf Millionen Zuschauer (jeder dritte Erwachsene) über zwei kurze Koitus-, und eine Masturbations-Szene empören konnten. In Amerika wurde John F. Kennedy in Dallas von drei Kugeln aus unterschiedlichen Richtungen, abgeschossen vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald, tödlich getroffen, und der beharrlich leugnende Mörder anschließend vom Nachtclubbesitzer Jack Ruby ermordet. Auch auf der Bonanza-Ranch wurde geschossen und aus unerfindlichen Gründen hauste ein Vater mit vier Söhnen in ordentlich gebügelten Hemden und Hosen, aber ohne Frauen. Von den komplizierten Ereignissen bekam der heranwachsende 68er nichts mit, denn er lebte in einer behüteten Welt zwischen Schule, Fußballplatz und der Angst vor dem Fegefeuer, oder dem Erziehungsheim mit katholischen Nonnen, falls er zu aufrührerisch war. Mit einem fröhlich gekrähten „Yeah, Yeah, Yeah“ kam endlich das Jahr 1964. Die Mädchen fielen Reihenweise in Ohnmacht und „Oben-ohne“, das erste öffentliche zeigen unbedeckter Brüste löste ein mediales Gezeter über „Freiheit für alle, auch für Möpse“ und den Verfall der Moral aus. Der 68er war interessiert und sah sich in den Freibädern um, aber er konnte weit und breit keine Oben-ohne-68erin entdecken. Die Zeichen waren nicht zu übersehen, und noch weniger zu überhören. Von den Religionslehrern in den Schulen, aber auch von den Kanzeln in den Kirchen klangen düstere Reden mit seltsamen Warnungen. Es ging um Selbstbefleckung, um kurze Röcke und Dinge von denen der junge 68er noch keine Ahnung hatte. Die Wiederaufnahmeanträge von Vera Brühne wurden abgelehnt und sie musste eine lebenslängliche Zuchthausstrafe antreten. Ansonsten war das Jahr 1964 eher ruhig, so ruhig wie die bekannte Ruhe vor dem gewaltigen Sturm. Wenigen ist es bekannt und häufig wird es vehement geleugnet, aber das Jahr 1965 kann man mit dem eigentlichen Erweckungsjahr des 68ers bezeichnen. Von strebsamen Eltern zunächst unbemerkt und wie über Nacht, hatte die alte, die geordnete Welt aufgehört zu existieren. Eines schönen Tages, es muss im Frühjahr 1965 gewesen sein, drangen aus den elterlichen Musiktruhen und Kofferradios (ja, liebe Kinder, so etwas gab es damals) seltsame, nie gehörte Klänge. Fünf Noten, ein einprägsamer Gitarrenriff und ein bis ins Mark dringendes „I can’t get no… satisfaction“ veränderten die heile Welt des pubertierenden 68ers. „My Generation“, der Schlachtruf des jungen 68er führte dazu, dass er die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen sah. Wenn er die Klänge hörte, begann er am ganzen Körper ekstatisch zu zucken. Sein sehnlichster Wunsch war eine elektrische Gitarre, oder falls der 68er ein junges Fräulein war, einen Freund mit langen Haaren und einer elektrischen Gitarre. Zwar wurde der junge Musikfreund zu oft von Geräuschen besorgter Eltern gestört, die mit dem barschen Hinweis: „Mach endlich die Negermusik aus …“, schwere, seelische Störungen bei ihm auslösten und vermutlich manch eine hoffnungsvolle Karriere als Beat-Star zerstörten. Aber die neue Zeit war nicht mehr aufzuhalten und nur noch der richtige Schnitt der LEE- oder Levis-Jeans für das zukünftige Leben des 68ers entscheidend. Am 15. September 1965 spielten die Rolling Stones in der Berliner Waldbühne und die Fans machten aus der Einrichtung kurzerhand handliches Kleinholz. Dann, am Samstag, den 25. September 1965 kam der Leibhaftige live und Wahrhaftig aus zehn Millionen registrierten Schwarz-Weiß-Fernsehern (es gab damals auch schon Farbfernseher. Dazu wurden grün-rot-blau Folien auf die Scheibe geklebt) und brach wie eine höllische Urgewalt in bundesdeutschen Wohnstuben ein. Es war keine Büstenhalterreklame, denn die war damals im deutschen Fernsehen noch verboten. Es war auch nicht Robert Lembke mit der Frage: „Welches Schweinderl wollen Sie haben?“. Es war der Beat-Club. Zwar wurde der ersten Sendung aus Bremen der seriös mahnende Aufpasser Wilhelm Wieben vorangestellt, der um das Seelenheil des älteren Publikums besorgt, eine Sendung mit tanzenden Jugendlichen und lauter Musik ankündigte. Mit salbungsvollen Worten und einem Gesichtsausdruck der die Jugendlichen in die Nähe von Geistesgestörten und debil Veranlagten brachte, bat er um Verständnis für die grauen Bilder und die nun kommenden, Geräusche. Eingeleitet mit „a Touch of Velvet a Sting of Brass“ von der heute vergessenen Gruppe „the Mood Mosaic“ und den Rattles mit dem entsetzlich falsch singenden Achim Reichel (der angeblich damals weder Englisch sprach, noch singen konnte) klang die Musik, die von entsetzten Eltern als „Hottentottenmusik“ oder mit anderen Namen belegt wurde, aus den Furnierholzkästen, die geschmückt mit Häkeldeckchen (den heutzutage etwas aus der Mode gekommenen Fernsehdeckchen) in den Wohnstuben standen. Jetzt, zur besten Kaffeezeit, in diesen wertvollen Minuten zwischen Abscheu und bedingungsloser Hingabe lernte der jugendliche 68er die erste wirklich wichtige Lektion, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Sie lautet, und liebe Eltern sie gilt auch heute noch und wird bis in alle Ewigkeit gelten: „Ist die Musik zu laut, bist du zu alt.“ Die glorreiche Zeit von Beat und Flower-Power war da. Plötzlich hasste der junge 68er Fußball. Die Pomade in seinen Haaren und der Plastik-Kamm verschwanden wie über Nacht und zuerst zaghaft, dann immer mutiger wuchsen die ersten Haare zuerst ganz vorsichtig über die Ohren und dann immer mehr. Der beste Friseur war der, der nichts abschnitt. Die jungen, zukünftigen 68er-Fräuleins kämpften derweil noch mit ihren Sloggis, hochtoupierten Frisuren und für die Pille und die ersten Strumpfhosen. Die engen Röcke begannen zuerst millimeterweise, dann immer schneller immer kürzer zu werden, und die Büstenhalter waren ersatzweise mit Tempo-Taschentüchern unterlegt und hatten immer noch Drahtbügel und eine eigenartig spitze Form, die sich unter engen Rippenpullis hervorhebend abzeichneten. Dem Phänomen fassungslos gegenüberstehend, befassten sich seriöse Wissenschaftler mit der kniefreien Mode und erkannten einen direkten Zusammenhang zwischen Wohlstand, Hochkonjunktur und kurzen Röcken. Aber die Lehrer und die Kirchen wollten die Vorteile nicht sehen und waren empört. Das war damals nicht, aber aus heutiger Sicht verständlich - sie waren ja keine 68er. Auch die Eltern verstanden die Welt nicht mehr und begannen sich besorgt Fragen zu stellen: „Ist der Junge mit seinen langen Haaren und seiner entsetzlichen Kleidung etwa ein Gammler, oder was noch schlimmer wäre, ein 175er?“ So wurde einige Zeit mehr oder weniger erfolgreich um längere Haare und kürzere Röcke gekämpft. „Under My Thumb“ war 1966 der Lieblingssong des 68ers und 1967 erschütterte der gewaltsame Tod des ersten, politischen Popstars die Seelen der wenigen weiblichen, angehenden 68erinnen. Der argentinische Freiheitskämpfer und Revolutionär Ernesto Ché Guevara verlor am 9. Oktober 1967 in Bolivien sein Leben. Zwar hatte er sich, anfangs zusammen mit Fidel Castro, in den bedingungslosen Dienst der Massen der Dritten Welt in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit gestellt, aber er war grandios gescheitert. Weder im Kongo, noch in Bolivien wollte die Menschen befreit werden, und was für ihn noch schlimmer war, die unterdrückten Massen dachten nicht im Traum daran, ihm, dem Messias einer neuen Zeit nachzufolgen. Der heutzutage angestaubt klingende Sponti-Spruch „stell dir vor es gibt Krieg (Revolution), und keiner geht hin“ bekam eine ganze neue Bedeutung. Ein post mortem Trost bleibt. Weniger wegen seiner verworrenen Theorien, aber mehr wegen charismatischer Bilder avanciert Chè zum glorreichen und heimlichen Jungmädchen-Star feuchter Finger-Nächte für den eigenen, heimischen Befreiungskampf von einem ungerechten ausbeuterischen System, und zum heimlichen Überlover einer vorwiegend weiblichen Fan-Schar, die sein Poster gern neben das vom dunkelhäutigen Jimi (Wuschelkopf) Hendrix übers Bettchen an die Wand pinnte. Chès (und Jimis) mediale Botschaft sprach direkt und ohne Umwege die zelebral-sinnliche Gefühlswelt weiblicher 68erinnen mit ausgeprägtem Hang zur Rettung der unterdrückten Massen vom Joch des Kapitalismus in der großen weiten Welt an. Auch Oswald Kolle erkannte die Zeichen der Zeit und die Kraft der Medien. Er schrieb mit durchschlagendem Erfolg seinen ersten Sexratgeber, bis in die Niederungen der BRAVO und der Alb, auf der es bis dahin keine Sünde gab. Und siehe da, die bundesdeutsche Sexwelle war geboren. Den jugendlichen 68er zog es im Sommer 1967 nach London, dem Mekka der neuen Zeit mit dem Zentrum der Bewegung, der Carnaby-Street. Es war einige Tage vor den Bank-Holydays. Ein heißer Nachmittag und er saß zusammen mit fünfzig oder mehr Jungs aus den Provinzen Deutschlands in einer langen Reihe auf dem Boden, mit dem Rücken an eine graue Hauswand gelehnt. Alle hatten alle olivgrüne Parkas an und waren das erste Mal in London. Siebzehn Jahre alt und das erste Mal raus aus den miefigen Kleinstädten. „Ich kann mich noch gut daran erinnern. Gleich gehen die Türen zum Marquee auf. In der Wardour Street, nicht in der Oxford Street wie oft behauptet wird. Auf dem orangeroten Plakat stand die Sensation des Nachmittags (damals traten die Gruppen noch nachmittags auf) John Mayall und die Bluesbreakers mit dem neuen Gitarristen Mick Taylor. In irgendeinem anderen Club der sich Crawdaddy nannte sollte auch noch eine neue Band (Ten Years After mit Alvin Lee) spielen, aber die kannte kein Mensch und war darum vollkommen uninteressant. David Bowie auch nicht, der beste Gig der Woche war John Mayall. Ein blondes langhaariges Mädchen im Minirock drängelt sich vor. Sie hat keinen Slip an und ich bin schockiert. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Dann die Treppe runter in einen miefigen Keller. Das Konzert war super, ich kann mich noch genau an die gestreiften Markisen über der Band erinnern, an die Musik leider nicht mehr. Am nächsten Tag, zum Sunbury Blues Festival, weit draußen vor London. Ich in London und weit und breit keine interessanten Gruppen. Irgendwo tritt ein Joe Cocker (vollkommen unbekannt) auf und Bob Dylan ist megaout seit der eine Band dabei hat. Also quer durch London zum Sunbury Blues Fesitval. Ich bin schockiert, die Kids sitzen auf den Autos und mein erster Gedanke ist „die zerkratzen ja den Lack“. Starke Bands treten auf, deren Name und Musik ich wieder vergessen habe. Als Vorgruppe eine zwei Mann Gruppe die sich Tyrannosaurus Rex nannte (das wissen die Wenigsten, aber die nannten sich am Anfang wirklich so und die waren zu Zweit) mit einem Sänger der Mark Bolan heißt. Ein ungewohnter Sound mit Bongos und unverstärkter Gitarre. Dann der Superstar, ein unglaublich fetter Tiny Tim mit Fistelstimme und als es dunkel wurde eine wenige Tage alte Gruppe die sich Jethro Tull nannte mit einem Verrückten in einem alten Soldatenmantel an der Querflöte. Alle anderen waren nur noch Anfänger, ein Song for Jeffrey geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Weit nach Mitternacht zurück quer durch London zum Campingplatz am Christal Palace. Am nächsten Abend ein schüchterner Flirt mit einer sechzehnjährigen Engländerin. Die Eltern sind unterwegs und ich durfte die ganze Nacht in den Wohnwagen zum knutschen. Damals wusste ich noch nicht, dass Sex etwas anderes ist. Heute weiß ich, woher der schlechte Ruf der Deutschen kommt ...“. Soweit der Original-Bericht eines Original 68ers der dabei gewesen war. Es ist nicht überliefert, ob er den smarten Fotografen in Antonionis „Blow-up“ beobachten konnte, wie er nach imaginären Tennisbällen griff. Garantiert hat er auch das spektakuläre Crashkonzert der Yardbirds verpasst und die Reste der zertrümmerten Gitarre auf der Oxford-Street übersehen. Aber sein Berufsziel hatte er klar vor Augen – er wollte nach der Reifeprüfung ein berühmter Fotograf werden, Mörder in englischen Parks überführen und dürre Groupies in bunten Strumpfhosen knipsen. Nach seiner Rückkehr brach er, wie unzählige Andere auch, auf in die Großstadt Berlin, um seinen Studien nachzugehen. Heutzutage wird oft und gern kolportiert, dass dieser Entschluss mit der politischen Entwicklung zusammen hing. Aber die gern verschwiegene Wahrheit ist, dass der angehende 68er keine Lust hatte, kurzgeschoren in der Bundeswehr mit der Waffe in der Hand zu dienen. Mit der ersten Stunde des Jahres 1968 kam endlich die zweite Geburtsstunde des revolutionären 68ers. Er war jetzt dabei – er war ein echter 68er mitten im Zentrum der Bewegung am Nabel der Zeit. Eigentlich begann das Jahr 1968 nicht anders als das Jahr zuvor, aber die Besonderheiten des Jahres kündigten sich schon früh an. Am 28. Januar 1968 traten die Notstandsgesetze in Kraft, und am 30. Januar 1968 begann im fernen Vietnam die TET-Offensive. Nordvietnamesische Truppen und Einheiten der Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, großzügig finanziert vom gütig lächelnden Mao Zedong überrannten die vollkommen überraschten Amerikaner. Für den politisch anfangsbewegten 68er war es ein wunderbarer Anlass an seinem ersten Event teilzunehmen. Mit viel Begeisterung und lautstark gerufenem „Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh“ begann sich der 68er jetzt gegen alles Imperialistische und den Satan Amerika zu engagieren. Er wollte im Sinne der KomIntern und der kleinen roten Mao-Bibel umstürzlerisch tätig werden, wusste aber noch nicht, dass Denkmäler innen hohl sind und die Sockel häufig eine neue Verwendung für neue Denkmäler finden. Es gab einige zerbrochene Fensterscheiben am Berliner Amerikahaus und die Wasserwerfer veranstalteten schöne Wasserspiele, von denen am Stammtisch auch heute noch gern erzählt wird. Er aß bei Aschinger am Zoo Bohnensuppe für eine Mark und beim Italiener in der Uhlandstraße ehrfürchtig seine erste Pizza aus der Hand. Dazu trank er Rotwein aus bauchigen Korbflaschen und später aus Solidaritätsgründen Tee in Teestuben die keine waren, sondern Studentenkneipen hießen. Zwischendurch verfolgte er den Prozess gegen Andreas Baader und Gudrun Ensslin wegen Brandstiftung in einem Frankfurter Kaufhaus. Er war mäßig empört, aber auch beim Schicksal des Studenten Benno Ohnesorg wollte sich die korrekte politische Gesinnung noch nicht einstellen. Den Geist der Zeit erkennend schwärmte er für Lenin und die Marxschen Werke, nicht wissend, dass der übelgelaunte Karl Marx einen Furunkel am Arsch hatte und nicht nur darum, sondern auch weil er nie eine Fabrikhalle von innen gesehen hatte, aber der Ahnung folgend Arbeit scheuend und auf Engels (vermögender Fabrikantensohn) Kosten lebend, seine Theorien zuerst an Mäusen ausprobieren hätte sollen, bevor er die Welt damit beglückte. Er las auch die aus den Theorien Bakunins die Schlagwörter und manchmal die ersten Seiten der Schriften von Marcuse, die kurzzeitig die Bibel der studentischen Bewegung war. Ausgestattet mit fundamental zusammengelesenem Wissen und einigen einprägsamen Sätzen konnte er nächtelang über die herrschenden autoritär-hierarchischen Strukturen und die Machtausübung des Staates gegen seine Bürger schwadronieren und den minderbelesenen Mädels aus den rechtschaffenen Pfarrersfamilien der westdeutschen Provinzen imponieren. Bald erkannte er, dass seine Schwärmereien für Marx und Mao, und seine Reden über die Bekämpfung bourgeoiser Strukturen bei den jungen 68er-Frauen aus wild-westdeutschen Landen gut ankamen. Zwar ahnte er damals nicht, dass Mao ein übler Stinker war, angeblich soll er sich sein Leben lang nie gewaschen, streng aus dem Mund gerochen, und ein Faible für sehr junge Chinesinnen im Doppelpack gehabt haben. Aber China war fern und der 68er hier und darum wusste er auch nicht, dass Mao grob geschätzte 10 bis 30 Millionen Chinesen einfach verhungern ließ. Der 68er wollte auch am studentischen Protest, sozusagen mittendrin als Aktivist mitwirken, aber so richtig verstand er das akademisch-soziologische Worthülsengeschwurbsel des genialen Agitators Rudi Dutschke und seiner Hofschranzen nicht. Das Orwellsche 1984 lag noch in ferner Zukunft, aber trotz seines Engagements gegen die Ungerechtigkeiten der Welt war der 68er (Version 1950), politisch gesehen noch ein Neutrum, mit einem Verstand, der sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium befand. Nicht nur der SDS, der sozialistische deutsche Studentenbund, auch der 68er träumte von der Aussicht auf eine baldige, erfolgreiche Revolution, die Jürgen Habermas viele Jahre später mit den einsichtigen Worten: „… das erfüllt den klinischen Tatbestand der Wahnvorstellung …“ kommentierte. Aber der revolutionäre 68er begann kritische Fragen zu stellen: „Ist es wirklich so, dass sich die Bundesrepublik zu einem reaktionären, faschistoidem Monstrum entwickelt hat, das als Marionette nach den Wünschen des Großen Bruders USA tanzt?“ Anfangs sah er es nicht, denn ihm fehlte der Durchblick, aber intuitiv spürte er schon früh, dass Dutschkes neomarxistisch orientierte Reden zu einer avantgardistischen Vereinsklüngelei führten, zu der alles drängt, was (nicht) denkt. Frauen-Power war plötzlich angesagt und die Frauenbewegung (gut, wenn sie schön gefühlvoll-leidenschaftlich war) fand sein frühes Interesse. Die Ursache für seine frühe Hinwendung zu Frauenthemen ist unbekannt, aber als am Samstag den 6. April 1968 Julie Driscoll und die Brian Auger Trinity im Beat-Club auftraten, war die Sensation perfekt. Julie Driscoll trug keinen BH. Zwar musste man ziemlich genau hinsehen, und Niemandem wäre es aufgefallen, wenn die seriöse Springer-Presse nicht darüber berichtet hätte, aber die ersten Anzeichen der Frauenbewegung waren im öffentlich rechtlichen Fernsehen angekommen. Der aufrührerische 68er spürte die Zeichen der Zeit. Als Zeichen seiner Gesinnung trug er jetzt einen Dufflecoat und war nächtelang mit Diskussionen über links orientierte Weltverbesserung durch Befreiung der Massen und anschließender Reifeprüfung in der Hitze der Nacht (oder am frühen Morgen) beschäftigt. Gern sprach er aus was er dachte: „Wer zweimal mit Derselben pennt, der gehört zum Establishment“, und zeigte demonstrativ seine revolutionäre Verachtung der deutschen „Sofakissendiktatur“. Ging es nun endlich zur Sache, Schätzchen? Wenn nicht mit der korsetttragenden Uschi Glas, der heutigen Sauberfrau der Nation, dann vielleicht mit seiner zehn Jahre älteren Geliebten? Die amerikanische Wirtschaft hatte andere Sorgen. IBM-Ingenieure fragten sich angesichts der Erfindung des Mikroprozessors „Aber für was ist das gut?“ Sie fanden keine Antwort und IBM steht vermutlich auch heute noch vor einem Rätsel. Das Forscherteam Masters und Johnson ließ in seinem Labor in St. Louis Paare (verheiratete und unverheiratet) kopulieren, um deren physiologische Reaktionen sekundenbruchteil- und millimetergenau festzuhalten. Der 68er wäre gern dabei gewesen, wenn er davon etwas geahnt hätte. Stattdessen versuchte er sich in Wohngemeinschaften und scheiterte an der Frage der Müllentsorgung und der Freundin, die nicht seine, sondern die eines anderen war und der bei freier Liebe keinen Spaß verstand, da es sich um die eigene Freundin handelte. Er raucht das erste Mal Haschisch und aß einen lila Haschischkuchen mit silbernen Liebesperlen um sein Bewusstsein zu erweitern und gelbe U-Boote zu sehen. Dann musste er kotzen und die Ereignisse überschlugen sich. Am 4. April 1968 wurde in Tennessee der Baptistenführer Martin Luther King ermordet. In der Springer-Presse gab es Schlagzeilen wie: „Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen, weg mit langbehaarten Affen!“, und am 11. April 1968 fügte Josef Bachmann dem Studentenführer Rudi Dutschke lebensgefährliche Schussverletzungen zu. Dann war alles vorbei. Das Jahr 1969 brach an, aber was ist aus dem 68er geworden und wie ging es weiter? Sind die Spuren der „freien Liebe“, zusammen mit seinen Träumen im Schlamm von Woodstock (wo er nie war) versunken? Hat die 68er Frauenbewegung die gewünschten Resultate gebracht, oder nur zu mehr Freizügigkeit am Strand von Malle geführt? Brachte ihn Bhagwan ganz entspannt im Hier und Jetzt weiter und trägt er immer noch seine lila (orangefarbene) Latzhose? Führte der Weg des 68ers zu einer haschischumnebelten Odyssee im Weltraum, 2000 Light Years from Home, mit der Sehnsucht nach dem nie endenden Rock and Roll-Circus, oder konnte der 68er das prophetisch Orwellsche 1984 gerade noch so verhindert? Viele Fragen sind noch offen und 68 versinkt im Dunkeln der Geschichte. Wir haben es erlebt und darum habe ich diesen Text geschrieben. © Copyright by Raoul Yannik www.raoulyannik.de _________________________________ Raoul Yannik Geboren im Oktober 1950 in der damals beschaulichen, schwäbischen Kleinstadt Sindelfingen. Nach Abitur und Ausbildung schloss sich ein längeres, aus heutiger Sicht ziemlich nutzloses Studium in Berlin an. Heute, nach einer kurzen Ehe und anderen Missgeschicken lebe ich aus Lebens- und Liebesgründen in Essen. Ich schreibe Essays, Kurzgeschichten und Romane über die Abgründe der Seele, über die Irrwege der Liebe, über das was sein könnte und was ist. Im Web: www.raoulyannik.de und kontakt@raoulyannik.de Mein Web-Tagebuch und Neues aus meiner Schreib-Werkstatt: Mein Web-Tagebuch Veröffentlichungen: HEXENMACHT Roman (560 Seiten) Schweitzerhaus Verlag ISBN-10: 3939475211 ISBN-13: 978-3939475217 im guten Buchhandel und bei www.Amazon.de u.a. _________________________________ Signatur Lieber Leser, alles stimmt nicht und kann nicht stimmen. Schüttle nicht gleich mit dem Kopf, wenn es bei dir ein bisschen anders ist – das ist ein Zufall. Wenn du aber sagst: „Das muss ich ausschneiden und Carsten schicken, dem Blödmann!“ dann ist der Autor reichlich belohnt. Zitat frei nach Kurt Tucholksky ![]() Hier geht’s zu meiner Website... | |||
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