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Athene ...
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...   Erstellt am 27.08.2006 - 19:03Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Depression


Schon seit Wochen das gleiche. Absolute Euphorie, ich könnte Bäume ausreißen, mit der Weltkugel Billard spielen oder wenigstens aus dem Mond einen Tennisball machen. Nächte verbringe ich vor dem Computer, telefoniere Stunden um Stunden, habe für jeden ein offenes Ohr. „Bist du denn niemals müde?“ werde ich manchmal gefragt. Ich doch nicht, in meinen Adern fließt Lava, in meinem Inneren brodelt ein Vulkan. Ich brauche keine Energie, ich bin Energie in ihrer reinsten Form. „Geht nicht, gibt`s nicht“, dieser blöde Werbespruch ist das Motto meines Lebens. Habe ich den aus der Werbung oder die Werbung von mir? Zwei Stunden Schlaf und ich bin topfit. Für das morgendliche Gähnen meiner Kollegen habe ich nur ein Schulterzucken, es ist mir absolut unverständlich.

Ich kenne kein 11-Uhr-Loch, nicht den Wunsch nach einem Nachmittags-Schläfchen und wenn ich um vier Uhr Feierabend mache, drehe ich erst so richtig auf. Auf dem Heimweg noch schnell einkaufen, viel brauche ich ohnehin nicht, Cola, Kaffee und Zigaretten sind das Wichtigste. Der erste Griff zuhause ist der Griff an den Einschaltknopf am PC. Mails abfragen, beantworten, zwischendurch ein Telefongespräch. Gedanken festhalten, schnell was aufschreiben. Ach ja, schalte noch Musik ein, lass mich sanft berieseln. Fernsehen mag ich nicht, ich kann nicht so lange untätig sitzen, ich muss was tun.

Früher habe ich jeden Abend meditiert, das kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen. Nichts denken, völlig unmöglich, meine grauen Zellen tanzen Boogie! Die Abende sind straff durchorganisiert, sonst schaffe ich mein Zeitmanagement nicht.

Samstag ist mein freier Tag. Morgens den Haushalt, waschen, vielleicht noch mal einkaufen. An diesem Nachmittag zwingt mich meine Freundin zu einem Spaziergang. Verlorene Zeit, ich schaue auf die Uhr. Habe ich nicht irgendwo einen Zettel in der Tasche, ich muss mir unbedingt was notieren, was mir gerade eben so durch den Kopf ging. Sie besteht darauf, dass ich mit ihr zu Abend esse. Ich bin unruhig, rutsche auf meinem Stuhl hin und her, unaufhaltsam geht der Zeiger der Uhr, ich weiß, ich muss unbedingt noch was erledigen, aber ich weiß nicht mehr, was es war. „Wollten wir nicht heute Abend ins Kino?“ Mein Kopf ist leer, alles ist durcheinander. „Was machen wir morgen“ fragt sie. Morgen? Was ist morgen? Ich kann nicht mehr richtig denken, alles verschwindet. Wohin? Ich weiß es nicht.

„ Ich bin hundemüde“, sage ich zu ihr, „ich fahre nach Hause, lege mich in die Wanne und geh mal früh zu Bett“. Sie schaut mich etwas ungläubig an, aber es ist die Wahrheit. Ich bin wirklich total erledigt. Wie bin ich eigentlich nach Hause gekommen? Unterwegs, durch den Wald, hatte ich eine Panikattacke. So dunkel, die Bäume versuchen das Auto zu verschlingen. Grelle Lichter kommen mir entgegen, rauschen vorbei und ich bin schon wieder in dieser gnadenlosen Dunkelheit. Wenn jetzt der Motor ausgeht. Der Schweiß bricht mir aus, ich zittere, weine vor Angst. Es regnet so fürchterlich, ich sehe fast nichts mehr. Wenn ich stehen bleibe, bin ich verloren. In der Dunkelheit wartet etwas Grauenhaftes auf mich. Böse Augen schauen durch die Fenster, ich will schreien, aber ich kann nicht. Dieser Wald, er will gar nicht aufhören. So viel Finsternis und dieses Wispern! Ich will es nicht mehr hören!

Endlich, ich stelle das Auto auf dem Parkplatz ab. Das Haus ist dunkel. Die Fensterhöhlen grinsen mir kalt und feindlich entgegen. Ich renne zur Haustür, öffne, drücke schnell die Tür hinter mir ins Schloss. Endlich Licht, Wärme, Sicherheit.

Schon in der Wanne schlafe ich ein, ich wache erst auf, als das Wasser kalt wird. Mit letzter Kraft schleppe ich mich ins Schlafzimmer. „Wer bist du denn?“ fragt mein Bett. „Frag nicht so blöd“ antworte ich, schlüpfe hinein und schon bin ich weg. Seltsame Träume geistern durch meinen Schlaf „du hast was vergessen, du hast was vergessen, schlaf nicht, schlaf nicht, schlaf nicht“ Entsetzt wache ich auf, kalter Schweiß läuft an mir herunter, ich habe Durst. Um etwas zu trinken, müsste ich allerdings aufstehen. Ich sollte auf die Toilette, aber dann müsste ich aufstehen. Das Telefon läutet, aber ich mag nicht aufstehen. Ich stehe nie mehr auf, ich habe keine Lust mehr.

Es ist elf Uhr am Sonntag, als ich endlich aus meiner Ohnmacht aufwache. Ich habe 15 Stunden geschlafen, bin immer noch todmüde. Weitere zwei Stunden sitze ich vor meiner Kaffeetasse, rauche eine Zigarette nach der anderen und plötzlich weiß ich, alles ist falsch in meinem Leben. Ich bin falsch, meine Gedanken sind falsch. Jede Bewegung ist mir zuviel, meine Arme und Beine sind zentnerschwer, ich starre Löcher in die Wand. „Wer bist du, was tust du eigentlich hier? Gibt es irgendeinen Menschen, der sich für dich interessiert?“ Bohrende Fragen in meinem Kopf. Ich will sie nicht hören, ich gehe lieber wieder ins Bett und schlafe, dann brauche ich nicht zu denken. „Deine lächerlichen Geschichten und Gedichte, gibt es irgendjemand, der diesen Schwachsinn wirklich lesen will?“ Ich will auch nicht auf die Fragen antworten, alles ist so sinnlos. „Dein so genannter Freund, da machst du dir auch nur Illusionen und unnötige Hoffnungen. Das wird nie was, der liebt dich gar nicht. Schau dich doch an, du alte Fregatte, wer will dich schon lieben?“ Ich ziehe mir die Decke über den Kopf, das Tageslicht tut meinen Augen weh. „So alt, so blöd, so hässlich, so dumm!“

Ich will es nicht hören, ich halte es nicht mehr aus! Ich will schlafen, nichts mehr hören, nichts sehen. Tränen stürzen aus brennenden Augen, ich fühle mich so hilflos. Etwas umklammert mein Herz. Es wird immer enger, ich kann nicht mehr atmen. Es zieht mich nach hinten, als will die Wand mich verschlingen. Rückzug, nur weg aus dieser Welt, die mich nicht will. Die ich nicht mehr will.

Ich träume von einem Sumpf. Es stinkt nach Moder, nach Fäulnis. „ du brauchst dich nur fallen lassen, dann ist alles vorbei“. Ich bin so müde.
„Lass dich fallen, es vermisst dich ohnehin keiner“. Ich bin wirklich müde. „Lass dich endlich fallen, es wartet doch niemand auf dich, du bist alleine.“
Das Telefon läutet. Lasst mich in Ruhe, ich will niemanden sehen, ich will nicht sprechen, ich will vergessen. Die Türglocke läutet. Ich lasse sie läuten, es wird schon aufhören. Ich bin nicht da. Ich will nicht da sein. Es klopft heftig an die Terrassentür, jemand ruft einen Namen. Was für einen Namen? Ich kenne niemanden, der so heißt. Ich bin ein Niemand.

Es hört auf zu läuten und zu klopfen. Totenstille. Nur das Wispern in meinem Kopf. Ich sitze auf meinem Bett, die Arme um die Knie geschlungen. Ich wiege mich hin und her, hin und her, hin und her. Zeit verrinnt, ist nicht mehr da, geht einfach dahin. Keine Welt, kein Schmerz, kein Leben, keine Hoffung. Nichts mehr.





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...   Erstellt am 27.08.2006 - 19:39Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Athene schrieb
    „Wer bist du, was tust du eigentlich hier?
    Gibt es irgendeinen Menschen, der sich für dich interessiert?“
    „Deine lächerlichen Geschichten und Gedichte, gibt es irgendjemand, der diesen Schwachsinn wirklich lesen will?“

Drei Fragen, die sich ziemlich leicht beantworten lassen:
Zu 1: Du bist Athene und Du schreibst hier gute (sehr gute) Kurzgeschichten.
Zu 2: Ja, es gibt Menschen, die sich für Dich interessieren.

Zu 3: Ja, es gibt auch jemanden, der diesen "Schwachsinn" lesen möchte und ich glaube, es sind gar nicht Wenige.

Wenn du noch weitere von solchen "schweren" Fragen hast, dann frag mich einfach.

Erklärbärenhafte Grüße vom Mino.





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...   Erstellt am 27.08.2006 - 19:50Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Mino,
es ist schon eine Weile her, daß ich diese Geschichte geschrieben hatte. Aber die Reaktionen zeigen, daß ich damit einen "Nerv" getroffen habe, daß viele nachvollziehen können, wie das so ist, wenn man in diesem schwarzen Loch hockt. Aber man kommt auch wieder raus.
Danke Dir, ich bin die letzten 5 Minuten etwas gewachsen.
Athene

[Dieser Beitrag wurde am 27.08.2006 - 19:51 von Athene aktualisiert]





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...   Erstellt am 28.08.2006 - 20:08Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hi Chrissie,
nicht daß du denkst, ich wollte Komplimente einfangen, aber da Du die Situation auch kennst, erinnerst Du Dich vielleicht, daß als allererstes der Selbstwert abstürzt und Du alles, was du bist und tust in Frage stellst. Und Tabletten helfen wirklich nicht. Man muß den Keller aufräumen.
Danke Dir
Athene





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...   Erstellt am 28.08.2006 - 21:06Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Athene schrieb
    Man muß den Keller aufräumen.

Ja, und den Dachboden!
Den Dachboden sollte man nie vergessen. Er ist ganz wichtig, denn dort wird alles alte Gerümpel verstaut, das man noch nicht wegschmeißen möchte, in der Hoffnung, es irgendwann vielleicht noch einmal brauchen zu können.
Das ist natürlich blanker Unsinn, dann was dort länger als ein Jahr (siehe Trauerjahr) herumgelegen hat, braucht niemand mehr.
Sowohl in der Psychologie, als auch in der Traumdeutung verkörpert der Dachboden unser "Oberstübchen", also den Kopf, das Gehirn, wo sich die bewußten Denkprozesse abspielen.
Der Keller hingegen wird eher mit dem Unterbewußten assoziiert, mit der Angst vor Dunkelheit und damit vor dem eigenen Seelenleben.

Viele Grüße, auch von Lisbeth.





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