Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 454 Nachricht senden | Erstellt am 23.04.2007 - 10:47 |  |
Whow!
Whow! Whow! Whow!
Ist das erste, das mir zu ihm einfällt. Ein warmes Gefühl in der Bauchgegend lenkt mich ab. Nicht unangenehm. Oh ja, ein Wunder der Natur!
Wer hätte das gedacht, dass sich im Internet solch ein dermaßen vorzeigbares Exemplar versteckt! Groß, muskulös, mittellanges, glattes Haar, das kokett ein Auge verdeckt. Und was für eines! Ich meine, wenn ich davon ausgehe, dass es, wie das sichtbare, dunkelbraun groß und glänzend mich fixiert.
Da schreitet er dahin, langbeinig, lässig und ich wische nervös ein paar nicht vorhandene Krümel vom Ecktisch in der verborgen verschwiegenen Nische, die mir das Cafe netterweise reserviert hat. Was für ein Kerl! Jeans, weißes Hemd, dunkles Jackett, sogar die Kleidung stimmt. Sicherheitshalber öffne ich den obersten Knopf meiner grünen Bluse.
Whow!
Whow! Whow! Whow!
Und das passiert ausgerechnet mir!
Kurz kneife ich meine Augen zusammen und schüttle den Kopf. Gott sei Dank nur kurz. Denn jetzt steht er vor mir. Lächelt zu mir herunter, die ich stocksteif … Nein, nein, halt das passt nicht! Locker erhebe ich mich, verziehe meine Mundwinkel, das soll ein Gegenlächeln sein und kracks … der blöde Cafehausstuhl kippt um.
„Zuhause habe ich ein stabileres Bett!“ kontere ich dem Lärm und schon beiße ich auf meine Lippen. Altes neurotisches Leiden, schwer abzugewöhnen.
„Hi!“ sagt er.
Whow!
Whow! Whow! Whow!
Er scheint international bewandert zu sein.
„Griasdi!“ entschlüpft es mir, bevor ich mir einen anständigen Gruß überlegen kann.
Na, wenigstens schließe ich den Mund danach gleich wieder. Wenn auch unter gröbsten Schwierigkeiten. Irgendwie scheinen da plötzlich Kilometer zu liegen zwischen Ober- und Unterkiefer. Naja, Biologie war noch nie mein Lieblingsfach. Kann ich eigentlich schwanger werden heute Nacht?
„Was?“
„Wartest Du schon lange?“
„Wawa? Auf dich, meinst du?“
Whow!
Whow! Whow! Whow!
Er benimmt sich ausgesprochen höflich. Nur ich dumme Gans denke schnöde an Körperlichkeiten.
„Schön, wenn Du kommst!“ reiße ich mich endlich am Riemen und öffne den zweiten Knopf meiner oberen Oberbekleidung.
„Ich hatte noch im Büro zu tun.“
Im Büro! Whow! Wie kriegt man dort solche Oberschenkel? Whow! Im Büro!
„Aha.“
„Meeting.“
„Aha.“
„Ja, wir stecken mitten in den Verhandlungen mit einem neuen Konzern ….“
Ping! Ich glaube, der Typ schlägt ein bei mir wie ein Blitz nach dreissig schwülen Sommern.
Bevor es weh tut, erreicht uns endlich die nette Kellnerin im blütenweißem Schürzchen..
„Ja, ich will!“ antworte ich, bevor sie auch nur eine lästige Frage stellen kann. Sieht sie denn nicht, dass wir mitten in … ähm ja … was eigentlich … stecken?
„Einen Kakao, bitte. Nicht zu heiß.“
Was? Kakao trinkt der? Warmen? Schonend erhitzte Milch mit Schokolade? Gesüßt?
Nein! Nein, nein, nein! Nicht wirklich!
Er steht auf Kuheuter!
Oh nein!
Den armen, kleinen Kälbchen die dringend benötigte Grundnahrung weg nuckeln!
Wie kann er nur!
Ich sehe sie schon liegen, in minderwertigem, sparsam ausgestreuten Stroh, mit großen, anklagend dunklen Kälbchenaugen. Die Haut spannt über ihren zarten Rippchen, tiefe Kuhlen dazwischen, kein Fleisch, das sie ausfüllt. Keine tagtäglich stärker werdende Muskulatur, die es niedlich dahinstaksen lässt auf seinen zierlichen Beinchen. Kein braun weiß geflecktes Fell in zartem Neugeborenemglanz, nichts, nur spärlich stumpfe Borsten. Der ganze streichelweiche Rest, ausgefallen, zuwenig Vitamine.
Und dann dieser kalte Luftzug im Stall. Nur weil man zu geizig ist, die alten Fenster mal auszuwechseln.
Nicht mit mir! Sicher nicht! Auf keinen Fall!
So ein schöner Mensch! Kälbchenmörder!
Schade.
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