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christianheynk 
Stifthalter


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...   Erstellt am 04.08.2007 - 14:27Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


DAS NORWEGEN ENIGMA
Von CHRISTIAN HEYNK


(Puzzle: das; -s;-s: aus vielen Einzelteilen in einem Geduldsspiel zusammenzusetzendes Bild)

Der Südzipfel Norwegens, unterhalb von Stavanger an der West- und Oslo an der Ostküste, ist ein mit wildem Gras überwuchertes Massivgestein, das sich mal in schwindelerregende Höhen emporstemmt, mal in Talsohlen unter den Meeresspiegel begibt. Es ist ein von mutigen Menschen spärlich besiedeltes Urgestein, das Gletscher, Fjorde, Bäche, Seen und Wasserfälle in Hülle und Fülle darbietet. Dermaßen, dass einem die Augen übergehen würden, wenn denn diese nicht ständig dem Verlauf der Serpentinen, die sich wie eine altersschwache Schlange nur mühsam am rauen Stein vorbei schlängeln, folgen müssten. Dass hier überhaupt so etwas wie Leben möglich ist, mutet fast bizarr an. Sogar vulkanisches Gestein wirkt fruchtbarer und leichter zugänglich als die Felsen, Klippen und Steinhänge Norwegens. Denn während im Vulkan das Feuer herrscht, gebietet hier nur die Kälte. Selbst im Sommer, wenn die Tage fröhlich und sonnig sind, meint der Fremde, der durch das Land irrt, zu wissen, dass Norwegen aus der Dunkelheit geboren wurde.

Nachbarn hatten gegen zehn Uhr abends die Polizei alarmiert. Seltsame Geräusche, so meinten sie, drängen aus dem Haus der Seiferts nebenan.
„Do hoats scho öfter Krach gehm“, meinte die alte Frau am Telefon lapidar.
Ein Streifenwagen war entsandt worden, doch dieser rief schnell nach Verstärkung, mit der Begründung, Schüsse wären aus dem Innern des Hauses abgefeuert worden und der Vater der Familie hätte damit gedroht, Frau und Kinder umzubringen. Ein SEK-Team aus München war unmittelbar zur Stelle, doch als sie am Haus eintrafen, glaubten die gerufenen Schupos, es sei schon zu spät. Mehr Schüsse, sagten sie, seien gefallen, und seitdem sei es ruhig gewesen.
Das SEK-Team ‚öffnete’ das Haus innerhalb von zehn Minuten, dann bestätigte der Einsatzleiter die Vermutung der Schupos. Der Familienvater hatte seine Frau und seine Kinder mit einer Schusswaffe hingerichtet und sich anschließend im Keller des Hauses selbst erhängt. Die SEK Männer hatten alle Mitglieder der Familie für tot erklärt. Erst als Hauptkommissar Wegener eintraf, also eine knappe halbe Stunde später, wurde erkannt, dass die zehnjährige Tochter Lena noch lebte. Ihr Vater hatte ihr in die Brust geschossen, aber die Verletzung war nicht tödlich. Fast eine Stunde hatte sie schwer verletzt neben ihrem toten Bruder gelegen und durch brechendes Licht die ganze Polizeiaktion mitbekommen. Diese für das Mädchen lebensgefährliche Schlamperei war anfangs vertuscht zu werden versucht, aber Hauptkommissar Wegener machte seinen Leuten und den Leuten vom SEK schnell klar, dass hier Offenheit nötig war.
„Mir hoam Mist gebaut“, sagte er. „Dos kloane Madel is beinah umg’komme, weil wir net aufpasst hoam. Des müssen mer zugem. Doa hülft nix“.

Ein Portemonnaie. Inhalt: Ein 20-Euro Schein, 180 norwegische Kronen, etwas Münzgeld in beiden Währungen, deutscher Führerschein, deutscher Personalausweis, Visakarte, Bankkarte, ein Foto. Auf dem Foto: Wahrscheinlich das Opfer, in jungen Jahren, daneben ein Mann, ebenfalls jung. Qualität des Fotos und Kleidung der abgebildeten Personen lassen darauf schließen, dass die Aufnahme in den 80er Jahren gemacht wurde. Die beiden Personen auf dem Bild stehen auf dem Preikestolen, Norwegens wohl berühmtester Felsplattform, am Lysefjord gelegen, 604 Meter über dem Abgrund.
Nachdem Gerichtsmediziner Ole Thomsen dem Opfer die Kleidung abgenommen hatte und in die Kiste mit dem Portemonnaie gelegt hatte, begutachtete er den geschundenen Körper der 41-Jährigen. Sie hatte mehrere Stunden im Wasser verbracht, was ihren aufgeschwemmten Körper erklärte. Die Wunden die durch den Aufprall entstanden waren, nahmen sich verhältnismäßig geringfügig aus. Ihr Körper war implodiert, nicht explodiert. Ein Sturz aus dieser Höhe bedeutete selbst bei wässrigem Boden einen Aufschlag wie auf Beton. Der Körper war augenblicklich kollabiert, alle Funktionen abgeschaltet. Aber die Gliedmaßen waren nicht abgetrennt worden.
German drama queen, dachte Thomsen, und wunderte sich nicht einmal, dass er es auf Englisch dachte. Anders konnte er sich diese Verzweiflungstat nicht erklären. Da fährt eine deutsche Frau Tausende von Kilometern um in den Freitod zu springen. Das war mehr als eine Verzweiflungstat. Das war ein geplantes, bewusst begangenes Unternehmen. Es war ein Zeichen.

An der Universität in Bamberg hatten sie sich kennen gelernt. Beide studierten Psychologie. In einem Seminar ergab es sich, dass sie gemeinsam ein Referat über John Bowlby und Mary Ainsworth und der von ihnen entwickelten Bindungstheorie machen sollten. Er erinnerte sich noch genau an den Moment, als er auf sie zugegangen war, nach dem Seminar.
„Frank Landers“, hatte er sich vorgestellt. Er mochte es kurz und knapp.
Sie blickte ihn an. Ironie lag in ihrem Lächeln.
„Anna Seggewiß“. Sie hatte ihn ein bisschen nachgeäfft in seiner militärischen Knappheit, in seiner leicht übertriebenen Sachlichkeit. Landers war sofort begeistert von ihr.
Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Mehr, als es das Referat erforderte. Nachdem sie ihr Referat fertig hatten, nachdem sie stundenlang über die Mutter-Kind Beziehung diskutiert und die verschiedenen Bindungstypen analysiert hatten, wagte Landers einen Vorstoß.
„Und“, fragte er, „was für ein Bindungstyp bist du?“.
Obwohl Landers diese Art der Fragestellung direkt peinlich und plump fand, lächelte Anna. Sie schaute auf die Liste mit den verschiedenen Typenbeschreibungen, dann tippte sie auf einen Typ.
„Hier“, sagte sie, „der D-Typ. Diese Kinder zeigen Kombinationen aus verschiedenen Bindungstypen und bizarre Verhaltensweisen; auch Erstarren, im-Kreis-drehen, das intensive Suchen nach Nähe und ebenso starke Ablehnung der Nähe. Das bin ich“.
Landers lachte. Anna blieb ernst.
Noch am selben Abend küssten sie sich das erste Mal.

Der Fall verursachte einen Riesenwirbel. Die ganze Sektion der Öttmaninger und Teile der Münchner Polizei gerieten unter Beschuss. Die Presse redete von Schlamperei, von miesen Vertuschungsversuchen und erklärte, wie das Familiendrama hätte verhindert werden können. Nach und nach kam heraus, dass der Familienvater schon früher von der Polizei besucht worden war. Mehrere Male hatten Nachbarn wegen Ruhestörung die Polizei alarmiert und zu Protokoll gegeben, dass sie die Kinder der Familie hätten schreien hören. Auch eine Lehrerin von Lena hatte das Jugendamt informiert, als sie zum ersten Mal blaue Flecken auf Lenas Rücken gesehen hatte. Diese Information war jedoch im Jugendamt versickert und nicht weiter bearbeitet worden.
„Wenn ich Lena fragte, woher die blauen Flecken kämen, nannte sie Ausreden. Sie sei hingefallen oder so“, sagte die Lehrerin in einem Interview mit dem Privatfernsehen. „Aber es war klar, dass Lena geschlagen worden war. Ich habe ihren Vater ja auch einmal persönlich kennen gelernt. Er war mir direkt unsympathisch. Mit seinen grobschlächtigen Pranken. Und wie er seine Frau behandelt hat. Wie ein Stück Vieh hat er sie vor sich her gescheucht. Und anzüglich ist er geworden. Mir gegenüber und auch einer jungen Kollegin gegenüber. Nein, also da hätte man was tun müssen. Die arme Lena“.
Die arme Lena. Sie war im Krankenhaus in ein künstliches Koma versetzt worden, um besser operiert werden zu können. Die Ärzte im Hospital hatten eine ganze Nacht um sie gekämpft. Am folgenden Tag trat der Chefarzt vor die Presse.
„Lena hat viel Blut verloren. Die Schusswunde hat die Lunge nur knapp verfehlt, was die Operation besonders schwierig machte. Auch die lange Zeit, die das Mädchen im Haus auf dem kalten Küchenboden gelegen hat, trug zur Schwere der Verletzungen bei. Sie wird körperlich keine bleibenden Schäden davontragen. Der Genesungsprozess wird allerdings viel Zeit in Anspruch nehmen. Noch weit größere Sorgen mache ich mir allerdings um ihr seelisches Befinden“.
Nachdem die Reporter abgezogen waren, fuhr der Chefarzt nach Hause. Dort angekommen, fiel er erschöpft und ausgelaugt ins Bett. Kein Kind sollte so etwas erleben müssen, dachte er, bevor er einschlief.

„Ich liebe dich. Warum ich das weiß? –Weil ich durch dich verstanden habe, dass es nur diese unsere Welt und nichts darüber hinaus gibt. Weil ich durch dich verstanden habe, dass die Zeit, die wir haben, knapp bemessen und wohl genutzt werden will. Weil ich erkannt habe, dass mein Leben ohne deine Gegenwart keinen Sinn ergibt. Wir beide, die Zeit, in der wir leben, die Fügung des Schicksals, die uns zusammengebracht hat, lassen mich nicht an ein Leben nach dem Tode glauben. Aber sie lassen mich an ein sinnvolles Diesseits glauben. Mit dir aufzuwachen, dich anzuschauen, deine Gegenwart zu spüren, das ist es, was mich zusammenhält. Die Geräusche der grausamen Welt, die wie das Kampfgeheul eines blutgierigen Werwolfes an mein Ohr dringen, verhallen in deiner Anwesenheit zu den dumpfen Tönen eines weit entfernten Kauzes. Wenn ich schlecht träume, wenn mich unsägliche Traurigkeit wie ein dichter Nebel umhüllt, dann bist du der Tag und die Sonne, die das alles vergessen machen. Ich lebe in dir, durch dich und mit dir. Ich kann mich ohne dich nicht vorstellen. Wir sind in meinen Augen zum Scheitern verurteilt. Aber weil wir gemeinsam scheitern werden, und in unserem Scheitern selbst noch Hoffnung glimmt, will ich es mit dir wagen. Immer und immer wieder. Bis zum bitteren Ende. Ich liebe dich!“.
Frank Landers saß bis tief in die Nacht an diesem Brief. Wieder und wieder las er ihn durch. Er versuchte, ihn psychologisch zu deuten. Er war sich bewusst, dass jeder Mensch für alles, was er tut oder sagt, ein Motiv hat. Was ist dein Motiv, fragte er sich selbst. Liebe? Einsamkeit? Langeweile? Ich fühle so tief wie ich noch nie in meinem Leben gefühlt habe, gab er sich selbst Antwort. Und ich versuche dieser Tiefe Ausdruck zu verleihen. Ich liebe Anna Seggewiß und sie muss das wissen.
Noch in derselben Nacht schickte er den Brief ab.

Nach zwei Wochen erwachte Lena aus dem künstlichen Koma. Das heißt, sie wurde erwacht. Die Ärzte meinten, dass die Operationen gut gelungen seien, und dass Lena nun auch ohne Intubationsschlauch atmen könne.
Eine Schwester war bei ihr, als sie die Augen aufschlug. Sie berichtete, dass Lena den Blick zuerst nur verschlafen und orientierungslos durch das Krankenzimmer hatte streifen lassen.
„Sie wusste im ersten Moment offensichtlich nicht, wo sie war“, erläuterte die Krankenschwester später dem Chefarzt. „Es dauerte eine Weile bis sie zu sich kam. Sie rieb sich die Augen, und tastete mit den Händen das Spannbetttuch ab. Dann aber, vielleicht zwei oder drei Minuten nachdem sie aufgewacht war, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck schlagartig. Sie verzog ihr Gesicht zu einer Fratze, panikerfüllt und voller Angst. Mit den Händen klammerte sie sich an das Bettgestell und ihr Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei. Wie bei diesem Bild von Edvard Munch. Das war nicht schön anzusehen. Es schien, als würden all die schrecklichen Erinnerungen plötzlich auf sie einprasseln. Ich legte ihr die Hand auf die Stirn und redete ihr gut zu. Ob es was geholfen hat, kann ich nicht sagen. Für den Moment vielleicht. Sie hat sich auch ein bisschen beruhigt danach, aber ich denke, dass es trotzdem eine gute Idee ist, die Dosis an Beruhigungsmitteln vorläufig zu erhöhen. Herrgott, ich wüsste nicht, ob ich so ein schreckliches Erlebnis verkraften könnte. Wie sieht das dann erst bei einem kleinem Mädchen aus?“.
Der Chefarzt dankte der Schwester für ihre Ausführungen. Als sie gegangen war, öffnete er Lenas Krankenakte und fixierte schriftlich die zuzuführende Dosis an Beruhigungsmitteln. Außerdem schlug er zur weiteren Behandlung vor, eine externe Psychotherapeutin zu engagieren, die Lena helfen sollte, das Trauma zu verarbeiten, oder zumindest damit leben zu lernen.

Im Sommer fließt das Schmelzwasser in atemberaubend wilden Wasserfällen von den norwegischen Gletschern in die Talmulden. Kleine und große Bergseen fangen die Klarheit des Wassers in ihren Becken auf und locken Fische, Touristen und Einheimische gleichermaßen an. Die Unbekümmerten steigen in das eiskalte Wasser. Sie machen ein paar Bewegungen, bis sie merken, dass selbst die Bewegung im Wasser dem Körper keine ausreichende Wärme verschafft. Nach ein paar spärlichen Zügen schwimmen sie wieder an Land und steigen aus dem Wasser. Sie fühlen sich frisch und erholt, denn sie haben die Kälte verlassen und nun erscheint ihnen selbst das durchwachsene Klima der Landschaft wie eine reinigende, tropisch anmutende Wohltat. Sie meinen, eine Sauberkeit und Reinheit zu empfinden, die ihnen keine Dusche und kein Bad verschaffen kann. Sie fühlen sich eins mit der Natur, denn sie haben in wenigen Minuten den Weg der Evolution nachvollzogen: Vom Wasser ans Land. Erst schwimmend, dann aufrecht gehend. Sie lassen die Zivilisation für einen Moment hinter sich, sie blenden die Großstadtszenerien aus und durchleben die Steinzeit. Sie sehen Steine, Felsen, Gras und Wasser. Sie sehen eine ursprüngliche Form von Leben und fühlen sich ihr zugehörig.

Gerichtsmediziner Ole Thomsen war selbst einmal mit seiner Frau auf den Preikestolen geklettert. Das war aber schon zwanzig Jahre her. Der Aufstieg, das wusste Thomsen noch, waren ihm und seiner Frau trotz der geeigneten Ausrüstung schwer gefallen. Zwei Stunden hatten sie gebraucht, bis sie auf der Aussichtssplattform angekommen waren. Preikestolen, der Predigtstuhl, hatte tatsächlich etwas Religiöses an sich. Tagtäglich strömten Menschen aus aller Welt auf diese Plattform, um vom hellen Granitfels in die Weiten des Lysefjords und auf die angrenzenden Berge des Rogalandes zu schauen. Das milde und feuchte Küstenklima erfrischte die Besucher ebenso sehr wie das Weihwasser aus Lourdes. Die Aussicht war grandios, und auch wenn die Wissenschaftler sich einig waren, dass der Preikestolen und die ihn umgebenden Felsformation vor zehntausenden von Jahren durch eine Frostsprengung, als die Kanten des Gletschers bis oberhalb des Felsens reichten, entstanden waren, konnte Thomsen damals nicht umhin, die Anwesenheit eines überirdischen Gottes zumindest zu vermuten.
In der Nacht träumte Ole Thomsen von der Frau. Er sah sie in einem Nachthemd auf der Plattform stehen. Es war dunkel, der Vollmond über dem Lysefjord verlieh ihrer Erscheinung einen gespenstischen Anstrich. Der Wind ließ das Nachthemd flattern, die Schemen des Körpers zeichneten sich durch den hellen, weißen Stoff ab. Ihre langen, offenen Haare schimmerten rötlich. Thomsen konnte ihr Gesicht nicht erkennen, aber er wusste, dass sie es war. Thomsen legte seine Handflächen auf die Wangen und schrie.
Er wachte auf. Schweißgebadet. Durch das abrupte Aufwachen konnte er sich noch an das soeben Geträumte erinnern. Er war gefasst, aber er wunderte sich dennoch. Schließlich war er seit siebzehn Jahren bei der Gerichtsmedizin, die Toten hatten ihm nur zu Anfang Albträume bereitet. Nach ein paar Monaten hatte er begonnen, die Menschen wie tote Tiere zu beachten, Kreaturen also, denen man weniger Empathie entgegenbrachte. Warum nur, fragte er sich, hing er dieser Frau nun in Gedanken so nach.

Von Psychologen behauptet man, sie studieren nur deswegen Psychologie, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend ein Trauma durchlebt haben. Frank Landers konnte von sich behaupten, dass diese These auf ihn nicht zutraf. Er hatte eine schöne Kindheit und Jugend verbracht und seine Eltern waren liberal und zugleich relativ streng mit ihm, seinem Bruder und seiner Schwester umgegangen. Er hatte schon mit sechzehn Jahren seine erste Freundin mit nach Hause bringen dürfen, und seine Eltern hatten ihn darüber aufgeklärt, dass er alleine verantwortlich für sein Tun war. Innerhalb der Familie hatte eine lebhafte, entspannte Atmosphäre vorgeherrscht. Sicherlich hatte es auch Streitereien gegeben, aber alles in allem meinte Frank Landers nach wie vor, dass es in seiner Familie viel Liebe gab. Er liebte seine Geschwister und seine Eltern, stand im regelmäßigen Kontakt mit ihnen, und ging ihnen bei Problemen und Fragen ebenso gerne zur Hand wie sie ihm. Und als Anna das erste Mal gemeinsam mit Frank die Eltern und Geschwister in ihrem Haus in der Nähe vom Bodensee besucht hatte, sagte auch sie, dass sie ungeheuer neidisch auf ihn sei, weil er aus so einer tollen Familie käme.
Anna selbst äußerte sich gegenüber Frank Landers nur selten über ihre Familie. Frank wusste, dass Anna Einzelkind war, dass ihr leiblicher Vater kurz nach ihrer Geburt gestorben war, und dass ihre Mutter neu geheiratet hatte, als sie drei war. Zu ihrem Stiefvater schien Anna kein gutes Verhältnis zu haben, ebenso wenig zu ihrer leiblichen Mutter. Als Frank und Anna schon über vier Jahre ein Paar waren, und Anna schon mehrere Male bei Franks Eltern gewesen war, Frank aber noch keinen von Annas Familienangehörigen kennen gelernt hatte, brachte er dieses Missverhältnis einmal zur Sprache.
„Ich weiß“, sagte sie, „dass die gesellschaftliche Konvention das verlangt, aber mir wäre es lieber, wir täten so, als sei ich ein Waisenkind. Ich habe nie ein besonderes Verhältnis zu meiner Mutter oder zu meinem Stiefvater gehabt. Wenn sie nicht meine Erziehungsberechtigten gewesen wären, würde ich keinen gesteigerten Wert auf ihre Bekanntschaft legen“.
Damit hatte Anna in wenigen Sätzen das Thema Eltern abgehakt. Frank verkniff sich weitere Fragen, aber er glaubte, dass Anna ein Geheimnis zu verbergen suchte. Auch sonst erkannte er in ihr ein paar Verhaltensweisen, die er auffällig fand. So vermied sie nicht nur Gespräche über ihre Eltern, auch bei anstehenden Klausuren und Prüfungen legte sie ein großes Verdrängungstalent an den Tag, was sie schon mehrere Male den Studienplatz hätte kosten können, wenn Frank ihr nicht so vehement zur Seite gestanden hätte. Und auch in körperlichen Dingen erschien ihm ihr Verhalten befremdlich. Mal kuschelte sie sich an ihn, als könne sie ohne ihn nicht einschlafen, mal stieß sie ihn von sich weg, als sei er ein Triebtäter. Frank fand es schwer, mit dieser Sprunghaftigkeit umzugehen, aber dennoch wurden all diese Probleme von seiner unzerstörbaren Liebe zu ihr überstrahlt.

Als Lena wieder einigermaßen zu Kräften gekommen war, begann das Tauziehen um ihre Zukunft. Man hatte entfernte Verwandte ausfindig gemacht, die sich bereit erklärten, Lena „im Notfall“ bei sich aufzunehmen. Das zuständige Jugendamt jedoch meinte, es müsse eine bessere Lösung gefunden werden. Sie schlugen ein Heim für traumatisierte Kinder vor, eine neue Einrichtung in München, die bestens ausgestattet war und die Kinder rundum versorgte. Die gemeinnützige Stiftung eines reichen Bankiers hatte dieses Haus bauen lassen. Die meisten Kinder waren Kriegswaisen aus dem ehemaligen Jugoslawien, insofern passte Lena nicht wirklich in das Schema, aber das Jugendamt argumentierte, dass diese Lösung immer noch besser sei, als das Kind zu entfernten Verwandten abzuschieben, die allem Anschein nicht erpicht darauf waren, ein traumatisiertes Kind bei sich aufzunehmen.
Dieser Kampf um die Verantwortung für Lena wurde im Krankenhaus so gut wie möglich totgeschwiegen. Die meisten Schwestern waren sehr angetan von Lenas Schicksal, und versuchten, ihr eine schöne Zeit zu bereiten. Sie kauften ihr aus eigenem Geld allerlei schöne Dinge, sie spielten mit ihr und lasen ihr abends Gute-Nacht-Geschichten vor. Die Krankenhauspsychologin allerdings kam nur selten vorbei. Sie war arbeitstechnisch ohnehin schon überlastet, und auch wenn sie das Schicksal Lenas tief berührte, konnte sie allein keine nachhaltige Therapie leisten. Bei ihren seltenen Besuchen merkte die Psychologin auch, dass Lena zeitweise nach außen relativ stabil und erholt wirkte, in Wirklichkeit aber noch immer in ihrem Elternhaus neben ihrem toten Bruder auf dem Küchenboden lag, und dass sie das Blut und das Geschrei dieses Tages nicht aus ihrer Erinnerung gelöscht hatte. Zeitweilig glaubte die Krankenhauspsychologin sogar, dass Lena ein hoffnungsloser Fall war.

Am nächsten Tag war Ole Thomsen pünktlich in der Osloer Gerichtsmedizin. Drei Leichen warteten auf ihn. Routiniert machte er sich ans Werk. Die erste Leiche kam auch aus dem Wasser. Ein etwa 70-jähriger Mann war beim Angeln in den Fluss gefallen. An einer Stelle, an der der Fluss mit Betonmauern begradigt worden war und an der es ein Gitter gab. Der alte Mann, der auch Alkohol im Blut hatte, war wohl eine Weile hilfesuchend herum geschwommen und hatte versucht, sich an den glatten Betonwänden festzuhalten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Er war ertrunken.
Thomsen nahm die Organe heraus und wog sie. Plötzlich hörte er auf, legte die Leber des Mannes zurück auf die Waage und ging in den Nebenraum, wo die Kühlfächer waren. Er ging zum Kühlfach 23, öffnete es und zog die lange Metallbahre mit dem toten Körper heraus. Er lüftete das Laken und schaute der Frau, von der er nachts zuvor geträumt hatte, ins Gesicht. Er verharrte eine Weile über ihrem Gesicht, dann schob er den Leichnam zurück in die Kühlbox. Er lief zum Telefon und wählte eine dreistellige Nummer.
„Verwaltung, Sorensen!“
„Ja, Thomsen, hier! Die Frau aus dem Lysefjord, hat man schon ihre Familie kontaktiert?“
Thomsen hörte am anderen Ende der Leitung das Rascheln von Papier.
„Ja, ihr Mann kommt in vier Tagen vorbei. Er will die Leiche nach Deutschland überführen!“
„Danke!“
Thomsen hängte auf.

„Guten Morgen, Lena!“
„Guten Morgen“.
„Wie geht es dir?“
Schweigen.
„Du hast vielleicht schon gehört, dass deine Stieftante und dein Stiefonkel dich zu sich nach Hausen nehmen wollen. Möchtest du das?“
Schweigen.
„Sieh mal, Lena, ich weiß dass du dich im Moment ganz komisch fühlst, und dass du am liebsten möchtest, dass ich dich in Ruhe lasse. Aber wir müssen jetzt ein bisschen an morgen und übermorgen und überübermorgen denken, verstehst du?“
Schweigen. Lena wendet den Blick ab, schaut aus dem Fenster des Krankenzimmers.
„Die Dame vom Jugendamt hat dir auch schon Fotos gezeigt von dem Heim, in das du gehen kannst. Das sah doch ganz nett aus, oder? Guck mal, und da gibt es ganz, ganz viele Kinder, mit denen du spielen kannst, ganz viele Kinder, und die meisten davon sind in deinem Alter. Möchtest du dahin?“
Schweigen. Dann, schließlich, ein zaghaftes, verschämtes Nicken.
„In das Heim? Möchtest du in das Heim, Lena?“
„Ja!“

Zum Laichen kommt der Lachs, der eigentlich im Meerwasser lebt, hoch in die norwegischen Flüsse hinauf. Die Frühjahrspopulation zieht bis in die Quellgebiete hinauf, der Hauptzug beginnt im Frühjahr und zeichnet sich durch die Sprünge über die Wasseroberfläche und Wehre aus. Im klaren Wasser der kalten Flüsse schwimmt der für sein Aussehen, seine Färbung und seine Eleganz bekannte Fisch majestätisch in das Land hinein. Gegen den Strom noch entwickelt er eine Schnelligkeit, die ihn wie ein König durch das Wasser gleiten lässt. Dieses Gebaren und sein guter Geschmack haben ihn unter Anglern zu dem begehrten Fang gemacht, den er in diesem Sport darstellt. Ein Naturschauspiel erster Güte bietet sich auch den Touristen, die in Norwegen eine willkommene Abwechslung zu den umgekippten Seen und verschmutzten Flüssen ihrer Heimatländer sehen. Wer einmal einen Lachs durch einen norwegischen Fluss ziehen sieht, mag sich berufen fühlen, die Umweltschützer mit ihren Szenarien von unglaublichen Umweltkatastrophen Lügen zu strafen. Denn in Norwegen ist die Natur rein, unbefleckt, ursprünglich und erhaben.

Nach dem Studium zogen Frank und Anna Landers nach München. Frank fand eine Anstellung in einer großen Autofirma, und leitete dort die Bewerbungsgespräche für Führungskader. Es gehörte zu seinen Aufgaben, Führungskader zu rekrutieren und diese auf ihre psychische Belastbarkeit hin zu überprüfen. Auch für die gewöhnlichen Angestellten, Trainees und Auszubildenden entwickelte er ein Prüfungsverfahren, in dem sie auf ihre Einstellung zum Beruf, ihre politischen Ansichten und ihre Eignung für die jeweils angestrebte Tätigkeit getestet wurden.
Anna spezialisierte sich auf Kinderpsychologie. Sie machte im Anschluss an ihr Studium eine Ausbildung zur Verhaltenstherapie und arbeitete in mehreren Stationen ihrer Wahl. Sie kümmerte sich vorwiegend um Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt waren und von ihren Eltern oder anderen nahen Verwandten geprügelt, misshandelt oder schlicht vernachlässigt worden waren. Frank merkte schnell, dass Anna sich diese Arbeit über Gebühr zu Herzen nahm. Abends erzählte sie pausenlos und tief bewegt von irgendwelchen Kindern, die sie therapierte. Sie klagte über die geringen Fortschritte.
„Da ist dieser kleine Junge“, erzählte sie, „der von seiner Mutter einfach allein gelassen wurde. Sie ist in Urlaub gefahren. Hat ihm ein bisschen Brot und Wasser dagelassen und ist dann mit irgendeinem Typen an die See gefahren, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen. Der Junge ist neun Jahre alt. Neun Jahre!“
So schlimm Frank das auch fand, so wenig konnte er doch die totale Entrüstung Annas verstehen. Immerhin war es ihre Aufgabe, professionell an die Sache heranzugehen, und mit Hasstiraden gegen die dämliche Mutter war dem Kind auch nicht geholfen.
„Du musst dem Jungen helfen!“, sagte er dann auch. „Vergiss die Mutter!“
„Aber verstehst du nicht“, sagte Anna. „Die Mutter ist das Problem. Egal, wie gut es dem Jungen jetzt geht, egal wie nett und liebevoll seine Pflegeeltern sein werden, er wird immer an seine Mutter denken, die er liebt und von der er geliebt werden will, und immer, immer wieder wird er sich fragen: War es meine Schuld? Der Junge ist kaputt, der wird nie mehr derselbe sein. Nach außen vielleicht, ja, aber nach innen…“

Ole Thomsen war auch einmal nach Deutschland gereist. Er hatte dort einen Teil seines Studiums absolviert. In Berlin.
Er hatte die Deutschen gemocht. Er fand die deutsche Kultur nicht sehr verschieden von der norwegischen, und er ging gerne in Bars und Kneipen ein Bier trinken. Einmal hatte er sich in einer Kneipe für Studenten mit einem Henrik Ibsen Fan unterhalten.
„Es heißt immer“, sagte dieser, „die Norweger mit ihren dunklen Seelen. Und dann nennen sie Ibsen und seine Stücke. Die Leute verkennen aber die Tatsache, dass Ibsen seine bedeutendsten Stücke im europäischen Exil geschrieben hat, in Italien, aber vor allem in Deutschland. Wer weiß, vielleicht hätte Ibsen ein Lustspiel nach dem anderen geschrieben, wenn er nicht nach Deutschland gekommen wäre!“
„Mag sein“, hatte Thomsen geantwortet.
„Ja, oder nicht?“, bohrte der besoffene Student nach. „Du, zum Beispiel! Würdest du sagen, dass ihr Norweger eine dunkle Seele habt? Hast du eine dunkle Seele?“
Thomsen hatte nicht auf diese Frage geantwortet. Aber er erinnerte sich ab und zu an diese Frage.

Lena kam schließlich in das Heim. Eine Psychotherapeutin, die neu in dem Heim war, wurde eigens für die Betreuung Lenas abbestellt. Dank der intensiven Betreuung dieser Therapeutin wurden erste positive Anzeichen in Lenas Verhalten bemerkt. Hatte sie anfangs gegenüber den Kindern reserviertes bis ablehnendes Verhalten an den Tag gelegt, ging sie nun bisweilen auf zwei bis drei Kinder ihrer Altersgruppe zu und schaute ihnen beim Spielen zu. Anfangs eher zurückhaltend, begann sie irgendwann auch wieder, mit diesen zu spielen. Nur im Umgang mit Erwachsenen, vor allem erwachsenen Männern war sie nach wie vor schreckhaft bis feindselig.
Nach diesen Fortschritten, die relativ schnell eintraten, stagnierte der Zustand Lenas.
„Es ist schwierig“, erläuterte die Therapeutin dem Heimleiter. „Sie hat auf eine bestimmte Art Vertrauen zu mir gefasst. Sie erzählt mir Dinge, sie öffnet sich. Aber auch wenn sie mir von den schrecklichen Dingen erzählt, die ihr Vater ihr angetan hat, hilft ihr das nicht, sich von diesen Geschehnissen zu befreien. Sie kann sich nicht wirklich davon lösen“.
„Nun“, erwiderte der Heimleiter, „dass die Therapie langwierig und schwierig werden würde, war uns allen klar. In sechs Monaten haben sie schon eine Menge bewegt bei ihr. Hoffen wir, dass die Stagnation nicht andauert, und dass Lena bald wieder Fortschritte macht.“
„Ich werde mein Bestes geben“, versprach die Therapeutin.
„Das weiß ich, Frau Landers“, sagte der Heimleiter.
Er zögerte. Dann sagte er doch noch etwas.
„Steigern sie sich nicht zu sehr in diese Sache. Zuviel Empathie mit Lena kann ihnen schaden“.
Die Therapeutin lächelte.
In der Folgezeit erwiesen sich die Hoffnungen des Heimleiters als pures Wunschdenken. Anstatt dass sich Lenas Verhalten verbesserte, verschlechterte es sich und wuchs sich zu einem großen Problem innerhalb des Heims aus. Lena begann aggressiv zu werden. Wenn sie beim Mühlespiel verlor, konnte es geschehen, dass sie dem Mädchen oder dem Jungen, gegen den sie verloren hatte, ins Gesicht schlug. Auf ihr Fehlverhalten angesprochen, wurde Lena bockig. Hausarrest innerhalb des Heims entpuppte sich auch nicht als gute Lösung, da Lena, wenn sie alleine in ihrem Zimmer war, sich selbst verletzte. Sie ritzte sich mit ihren bloßen Fingernägeln die Arme auf oder biss sich tief in die eigene Haut. Nicht einmal die Therapeutin fand mehr Zugang zu ihr und das war ein schlechtes Zeichen. Der Heimleiter ging mehr und mehr dazu über, Lena als hoffnungslosen Fall zu betrachten.

Am Dienstag kam der Mann aus Deutschland. Frau Lindstrom aus der Verwaltung kam mit Herrn Landers in die Gerichtsmedizin. Thomsen erkannte sofort, dass Herr Landers der Mann auf dem Foto war, das man bei dem Opfer gefunden hatte. Auch wenn die Aufnahme über zwanzig Jahre alt war, erkannte Thomsen die Charakteristika des Mannes auf dem Foto in Herrn Landers wieder. Das damals dunkle, nun leicht ergraute Haar war noch immer füllig, die hohen Wangenknochen stachen ebenso hervor wie damals. Ein gut aussehender Mann, dachte Thomsen.
„Guten Tag, Herr Landers“, begrüßte Thomsen den Mann auf Deutsch. „Es ist traurig, dass wir uns unter diesen Umständen kennenlernen“.
Landers nickte schwach.
„Wir haben zwar die Papiere bei ihrer Frau gefunden, aber es ist dennoch notwendig, dass sie die Leiche identifizieren. Ich sage ihnen gleich, dass das kein schöner Anblick ist. Ihre Frau hat mehrere Stunden im Wasser des Lysefjords gelegen.“
„Bringen wir es hinter uns“, sagte Landers lapidar.
Sie liefen zusammen in den Kühlraum, Thomsen öffnete nun zum wiederholten Male das Fach 23 und zog die Metallbahre mit dem toten Körper darauf heraus. Er schlug behutsam das Laken zurück.
Da lag sie. Die Wasserleiche. Von der einst wunderschönen Frau war nur noch ein aufgeschwemmter Körper geblieben. Das ist nicht mehr ihre Frau, dachte Thomsen. Das ist ein Körper, der schon lange von ihrer Frau verlassen wurde. Das ist hier nur eine irdische Formalität, mehr nicht.
Landers nickte.
Thomsen schlug das Laken wieder über ihrem Gesicht zu. Er schob die Metallbahre wieder zurück ins Fach, schloss das Fach und lief dann schweigend neben Herrn Landers her. Am Absatz der Treppe, die nach oben führte, gaben Landers und Thomsen sich die Hand. Landers sah Thomsen in die Augen, so etwas wie Dankbarkeit flammte kurz auf. Vielleicht, weil ich nichts gesagt habe, dachte Thomsen. Dann ging Landers die Treppe hoch. Thomsen blieb unten.

Lieber Frank,
ich habe aufgegeben. Ich habe aufgegeben, gegen das Leben anzukämpfen, das mir gegeben wurde. Sie werden reden. Gewiss werden sie reden. Sich das Maul zerreißen über meinen Freitod, über die ihm innewohnende Theatralik. Sie werden dich in den Dreck ziehen. Du hättest doch was merken müssen, werden sie sagen. Du hast dich nicht um mich gekümmert, werden sie sagen.
Du weißt, dass das nicht stimmt. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich niemals so lange ausgehalten. Mit dir verblassten die Erinnerungen an meine feige Mutter und an meinen Stiefvater. Mit dir verblasste das Martyrium, das ich als kleines Mädchen erleiden musste. Ich fasste Vertrauen in die Menschheit, weil ich Vertrauen zu dir fasste. Ich habe dich geliebt und werde dich immer lieben.
Sei mir nicht böse. Aber ich habe gemerkt, dass es für mich keine Hoffnung gibt. Lena hat mir das gezeigt. Ich habe krampfhaft versucht, ein normales Leben zu führen. Und oberflächlich ist mir das auch gelungen. Aber unter der Oberfläche war ich genauso traumatisiert wie Lena. Die Migräneanfälle, die Fieberträume, mein schreckhaftes Wesen, alles hat damit zu tun. Wenn ich mich dir nicht so anvertraut habe, dann lag das daran, dass ich fürchtete, du würdest meinem Stiefvater etwas antun. Das hätte alles noch schlimmer gemacht. Ich hätte mich wieder mit einer Sache befassen müssen, die ich seit Ewigkeiten zu verdrängen suche.
Ich liebe dich.

Anna


Im Juni 85’ waren Frank und Anna nach Norwegen gereist. Am 23. Juni, pünktlich zum Mittsommerfest, hatten sie den Preikestolen erreicht. Gegen Abend fand auf der Felsplattform das so genannte Sankt Hans Fest statt. Ein lokal bekannter Politiker hielt eine Ansprache, dann sangen die Norweger ein paar Volkslieder. Anschließend wurde ein Feuer abgebrannt. Die hohen Flammen loderten in die weiße Nacht hinein, die Luft war klar und warm, und Frank und Anna waren sehr verliebt. Eng umschlungen hielten sie einander fest, Tränen glitzerten in Annas Augen.
„Ich liebe dich!“, sagte Anna.
„Ich liebe dich auch“, sagte Frank.
„Vergiss das nie!“, weinte Anna und hielt sich noch stärker an Frank fest.
Die norwegischen Volksgesänge verklangen langsam, das lodernde Feuer wurde schwächer und schwächer, bis es schließlich ganz erstarb. Die Helligkeit der norwegischen Nacht gewährte immer noch einen atemberaubend schönen Blick auf das Lysefjord. Die warme Luft des Golfstromes zog zu den Felsen hinauf und hüllte die seligen Menschen in eine natürliche Geborgenheit. Eins mit der Natur standen sie alle am Abgrund des Preikestolen und fühlten, anstatt zu denken.




Torn ...
Literaturkenner


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...   Erstellt am 04.08.2007 - 15:58Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Gott, am Anfang konnte ich die verschiedenen Geschichten überhaupt nicht verbinden, es war schwer, von Geschehen zu Geschehen zu springen, und am Schluss hast du all die losen Stränge meisterhaft verbunden. Genial!

Auch dachte ich am Anfang, die Geschichte sei im Bereich "Liebe" falsch angesiedelt, doch am Ende wird klar, dass sich doch alles um die Liebe gedreht hatte.

Es steht ausser Frage, dass du einen grossen Wortschatz besitzt; Du hast auch kaum Rechtschreibe- oder Grammatikfehler gemacht.

Trotzdem fand ich, dass die Geschichte an manchen Stellen überladen wirkte. Durch die vielen zum Teil schwierigen Formulierungen hast du (mich persönlich) vom eigentlichen Thema abgelenkt, und bei manchen Zeilen musste ich mich zwingen, weiterzulesen. Dies kann aber auch daran liegen, dass mich die Topographie Norwegens nur bedingt interessiert.

Trotzdem ein sehr schönes Werk ^^





Signatur
Ich dachte immer, dass es leicht wär
Ich dachte immer, das ist doch kein Problem
Jetzt sitz ich hier, wie ein Kaninchen vor der Schlange
Und ich fühl mich wie gelähmt

Ich muss es sagen,
Ich weiss nur noch nicht wie
Ich muss es dir sagen,
Jetzt oder nie

Bitte geh noch nicht
Am besten gehst du nie
Ich hab's dir schon so oft gesagt
In meiner Phantasie
Bleib noch ein bisschen hier
Bitte geh noch nicht
Was ich versuche, dir zu sagen, ist

Ich liebe dich!

christianheynk 
Stifthalter


...

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...   Erstellt am 05.08.2007 - 19:23Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Vielen Dank für den Kommentar, Torn. Habe mich natürlich auch gefragt, ob ich den Leser nicht überfordere, indem ich parallel mehrere Geschichten erzähle, die erst zum Ende zusammen einen Sinn ergeben. Aber durch die Definition des Wortes PUZZLE am Anfang versuche ich den Leser ja schon auf die nicht unbedingt eingängige Struktur des Textes hinzuweisen.

Überladen, so, so. Tatsache ist, daß ich gerade erst aus einem Norwegen Urlaub komme und so begeistert von der Natur war/bin, daß ich die atemberaubende Landschaft in den Text einbauen wollte. Sie sollte auch zur düsteren Stimmung des Textes beitragen. Das scheint, zumindest bei dir, nicht gewirkt zu haben.

Aber trotzdem danke für das Feedback!!!





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