<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 26.03.2007 - 09:42 |  |
Da saß er nun, an der Stirnseite der eleganten Geburtstagstafel, die das Hotelpersonal vorzüglich gestaltet hatte, und blickte über die Häupter seiner Lieben.
Er hatte sich herumkriegen lassen.
„Dein Siebzigster muss würdig begangen werden. Da genügt es nicht beim Nachmittagskaffee mal kurz anzustoßen“, hatten sie gesagt. Alle hatten sie es gesagt, sogar Antonia, seine Frau - zu seiner maßlosen Verblüffung. Niemals zuvor hatte sie sich in einer „wichtigen Frage“ gegen ihn gestellt. Er war der Mann im Haus, sein Wort hatte zu gelten. So eine Frau war sie und er war’s zufrieden gewesen.
Dann verlegten sie auch noch die ganze Feier nach Teneriffa. Eine Gelegenheit endlich mal wieder die Familie und die guten alten Freunde um sich zu versammeln, hatten sie gesagt; viele Gelegenheiten werde es ohnehin nicht mehr geben, vielleicht war diese die letzte, auch das hatten sie gesagt.
Und wie sollte in der nasskalten Novemberatmosphäre dieses Landes schon eine wirklich schöne Geburtstagsstimmung aufkommen können?
Schließlich hatte er sich nicht mehr gewehrt. Warum sollte er ihnen die Freude verderben? Ja, ein wenig war er sogar gerührt, von all der Mühe, die sie sich mit ihm gaben. Es war sicher nicht einfach, die vielen Termine unter einen Hut zu bringen.
Zwei Söhne, eine Tochter mit ihren Gattinnen und Gatten, vier Enkelkinder, sein ältester Freund Adi, der nun allein im Leben stand, da ihm seine Frau Gertrud, die er miserabel behandelt hatte, endlich davongelaufen war. Ingolf, der sich selbst als Gesamtkunstwerk betrachtete, mit seiner Dritten, die er bisher noch gar nicht richtig kennen gelernt hatte und last but not least, Fred und Hilde, die Schwiegereltern seines Ältesten, mit denen er sich ausgezeichnet verstand, sie waren es nun, die in diesem Augenblick mit ihm zusammen an der Geburtstagstafel in Teneriffa saßen.
Niemals hätte er sich, wenn er auf den Anfang seines Lebens nach dem zweiten Weltkrieg zurückblickte, auf all die Armut und das Elend, ein so pompöses Ende vorgestellt.
Die hier versammelten Menschen waren irgendwann in sein Leben getreten und bis heute an seiner Seite geblieben. Außer seiner Familie, nicht viele, in Anbetracht der langen Zeit, die es doch immerhin gewährt hatte.
Er nippte ein wenig an dem Wein, den ein Kellner gerade nachgeschenkt hatte und beantwortete ein Lächeln seine Enkelin Lara.
Zwei der Freunde waren schon gestorben. Herman, der Freund seiner Kindheit, der sich mit knapp vierzig in den Rhein-Main-Donaukanal gestürzt hatte und Wilfried. Ihn hatte vor drei Jahren ein Schlaganfall dahingerafft, kurz bevor er wieder nach Thailand hatte aufbrechen wollen, wohin er immer vor dem deutschen Winter geflohen war.
Ach ja, und Georg, den er mit achtzehn aus den Augen verloren hatte, der seiner Mutter stets ein Dorn im Auge gewesen war, weil sie ihren Sohn durch ihn gefährdet sah, der ihm aber vielleicht am nächsten gestanden hatte. Auch er war schon in der Mitte seines Lebens verstorben, wie er erst Jahre später erfahren hatte.
Sein ältester Sohn Michael, Rechtsanwalt und mittlerweile Partner einer erfolgreichen Wirtschaftskanzlei, in dessen Händen die Organisation des Festes gelegen hatte, klopfte an sein Glas und forderte damit die in muntere Gespräche vertiefte Geburtstagsgesellschaft auf, ihm einen Augenblick Gehör zu schenken.
Er dankte allen, dass sie der Einladung gefolgt waren, wünschte schöne Tage und äußerte den Wunsch, das Geburtstagskind möge doch einiges aus seinem langen Leben zum Besten geben, denn zweifellos habe sich jede Menge Erzählenswertes angesammelt.
Der Siebzigjährige, der während der Ansprache des Sohnes mit seinem vierjährigen Enkel, Jonathan, Grimassen ausgetauscht hatte, war ein wenig überrascht über dieses Ansinnen, war er doch nicht darauf vorbereitet, denn eigentlich wusste jeder, dass er sich zwar leidenschaftlich gerne in Diskussionen erging, doch es hasste Reden zu halten.
Da nun aber alle Augen auf ihn gerichtet waren, blieb ihm nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten. So erhob sich denn bedächtig, ließ seinen Blick gemächlich von einem zum anderen wandern und sagte schließlich:
„Ja, meine Lieben, ich kann es kaum glauben. Und doch kommt es mir vor, als habe mein Leben nur aus einem einzigen Augenblick bestanden. Und was kann man schon von einem Augenblick berichten - ehe man sich versieht, ist er schon vorbei“.
Die Anwesenden, die sich auf die Tour d´Horizon eines langen Lebens gefasst gemacht hatten, staunten nicht schlecht, als der Redner noch einmal seinen Blick von einem zum anderen schweifen ließ und mit bedauerndem Achselzucken verkündete:
„Ja, das war’s. Wie gesagt, ein einziger Augenblick - und in die Stille hinein, die nun folgte, fragte der Enkel, mit dem er gerade noch Grimassen geschnitten hatte:
„Kann ich auch einen Augenblick haben, Opa“?
Da lachten sie alle, erhoben ihre Gläser und stießen miteinander an… Der Augenblick war vorbei.
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