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Athene ...
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...   Erstellt am 18.07.2006 - 19:28Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Das Leben geht weiter

So ein Unglück. Was hatten wir doch noch so viele Pläne. Jetzt, wo wir in Rente, die Kinder aus dem Haus, die Schulden für unser Häuschen so gut wie bezahl sind.

Ich fass es nicht. Wie kann er mir das antun? Er kann mich jetzt doch nicht alleine lassen? Der Urlaub ist schon gebucht, endlich mal nach USA, mit dem Trailer durch Texas, das war doch immer sein Traum.

Das Ticken der Geräte macht mich krank. Zwei Tage und Nächte sitze ich jetzt hier. Gerade vorhin war die Schwester da, fragte, ob ich nicht mal nach Hause wollte, ein paar Stunden schlafen, duschen, etwas essen. Wie wenn ich jetzt essen könnte. Schon der Gedanke daran zieht mir den Hals zu. Oder schlafen. Das geht doch nicht. 34 Jahre sind wir verheiratet, nie war ich einen Tag oder eine Nacht alleine. Durch Dick und Dünn sind wir zusammen gegangen, haben viele kleine, manch größere Probleme miteinander gelöst.

Die siamesischen Zwillinge haben sie uns genannt. Auf jedem Dorffest, beim Kegeln, auf den Geburtstagen unserer Freunde, überall sind wir gemeinsam hingegangen. Ich bin noch nicht einmal alleine ins Kino. Da wollte er nämlich nicht mit, unsere Geschmäcker waren sehr verschieden. Seine doofen Wildwest-Filme habe ich mir immer angesehen, meine geliebten Horror-Filme haben ihn nicht interessiert. Wenn mich nicht ab und zu einer meiner Söhne mitgenommen hätte, wäre ich nie in den Genuss eines neuen Filmes gekommen.

„Warte doch einfach ab“, hat er immer gesagt, „in einem Jahr kommen die alle auf Premiere.“ Ja, nur, wann habe ich schon mal die Gelegenheit, Premiere zu gucken? Da läuft doch immer sein blöder Sport. Wenn kein Fußball läuft, dann bestimmt Leichtathletik, Boxen oder irgendwas anderes in dieser Richtung.

Die Schwester kommt wieder, wechselt die Glukoseflasche der Infusion aus.
„Der Arzt kommt gleich zu Ihnen“, flüstert sie mir ins Ohr. Warum flüstert sie denn, er kann doch sowieso nichts hören. Oder doch? Man sagt ja, dass Menschen im Koma vielleicht aus dem Unterbewusstsein heraus noch ihre Umgebung wahrnehmen.

Schlaganfall, hat der Arzt nach seiner ersten Untersuchung gesagt. Die nächsten Tage werden zeigen, ob er überlebt. Und wie er überlebt. Jetzt sind zwei Tage vergangen, die Chancen, dass er ohne Behinderung bleibt, schwinden von Stunde zu Stunde.

Ich habe es ja kommen sehen. Jeden Abend einen halben Liter Wein. Sein Blutdruck war immer hoch, seine Tabletten hat er auch nicht regelmäßig genommen. Von den Schnäpsen will ich gar nicht reden. Die sind für die Verdauung, hat er immer gesagt. Blödsinn. Wie wenn er was für die Verdauung gebraucht hätte. Er saß doch auch so fünf Mal am Abend auf dem Klo, die Geräusche waren deutlich zu hören. War mir immer peinlich, speziell, wenn Besuch da war.

Wir hatten nicht oft Besuch. Besuch hat ihn gestört. Egal, wer kam, er saß vor dem Fernseher, die Beine auf der Coach, in der Hand ein Glas Wein. Und dann dieser Qualm in der Wohnung, mindestens 40 Zigaretten am Tag. Ich werde jetzt erst mal die Vorhänge waschen müssen, damit ich diesen Gestank loswerde.

Der Arzt kommt. Er nimmt meine Hand: „Ich habe keine guten Nachrichten für Sie. Es ist wohl so, dass die cerebrale Schädigung irreparabel ist. Ihr Mann wird ein Pflegefall sein. Gut, dass Sie jetzt nicht mehr arbeiten. Er wird eine Rundumversorgung brauchen, Sie müssen sich rechtzeitig nach geeigneter Hilfe umsehen. Ich gebe Ihnen nachher ein paar Adressen von Pflegediensten. Das schaffen Sie nicht alleine.“

Schwätzer, der kennt mich nicht. Was weiß dieser Arzt schon, was ich alles organisieren kann, wenn man mich nur lässt.

Ich wasche meinem Mann das Gesicht ab, tupfe ein wenig Wasser auf seine aufgesprungenen Lippen. Armer Kerl, das hat er wirklich nicht verdient.

Ich setze mich wieder auf den Stuhl neben seinem Bett, streichle seine Hand. Irgendwann bin ich wohl eingeschlafen. Habe geträumt. Von einem tollen Urlaub mit einem wundervollen, weißen Sandstrand. Ich alleine. Einen giftgrünen Cocktail in der Hand. Nie sind wir im Urlaub ans Meer gefahren. Immer in die Berge. Wandern. Es war zum Kotzen.

Das Bild wechselt. Eine Bar. Lachende Menschen, ich mittendrin. Beim Tanzen. Mein Gott, wie lange habe ich schon nicht mehr getanzt. Er wollte ja nie ausgehen, hätte ja immer was im Fernsehen versäumt. Alleine ausgehen, mit einer Freundin? Undenkbar, da war er zu eifersüchtig. „Was willst Du in Deinem Alter noch tanzen gehen? Kümmere Dich um Deinen Enkel oder putz die Fenster, die haben es nötig. Oder willst Du einen Kerl aufreißen? Bin ich Dir nicht mehr gut genug?“

Wenn ich ehrlich bin, nein. Die drei Mal im Jahr, wo er mehr oder weniger seine Pflichtübungen erledigt hat? Du lieber Himmel, ich bin doch erst 55, da ist man doch noch nicht jenseits aller Bedürfnisse.

Aber ich bin immer brav zu Hause geblieben. Schön blöd, hat meine Freundin immer gesagt, aber was macht man nicht alles um des lieben Friedens willen.
Wäre ich trotzdem gegangen, hätte er mir nur wieder eine gelangt. Danke, davon hatte ich genug, da verzichte ich lieber auf das Ausgehen. Jetzt, wo man diese großen Sonnenbrillen nicht mehr hat, sieht man die blauen Augen auf den ersten Blick. Soll ich mich auch noch dem Gespött der Nachbarschaft aussetzen und dem Getuschel?

Ja, verzichten werde ich jetzt wohl auf vieles müssen. Pflegefall. Scheiße. Das habe ich mir so nicht vorgestellt. Wenn er wenigstens gleich gestorben wäre.
Immerhin gäbe es eine saftige Lebensversicherung. Zusammen mit der Witwen-Rente könnte es mir so richtig gut gehen. Vielleicht würde ich auch das Haus verkaufen, für mich alleine ist es ohnehin zu groß. So eine schicke Eigentumswohnung würde mir völlig reichen. Ich könnte dann auch mal die Einladung dieses netten Herrn Müller annehmen, den ich kürzlich an der Tankstelle kennen gelernt habe. Die Handy-Nummer habe ich ja. Das ist ein Mann, muskulös, volle Haare, kein so ein glatzköpfiger Hungerhaken wie dieses Elend, das hier vor mir im Koma liegt.

Langsam drehe ich die Sauerstoffzufuhr ab, warte, bis das Röcheln verstummt ist, drehe wieder auf und rufe der Schwester. Dann geht alles sehr schnell. Der Totenschein wird ausgestellt, meine Kinder helfen mir, die persönlichen Sachen meines Mannes zusammen zu packen. Um alles weitere kümmert sich dann ein Bestattungsinstitut.

„War wohl besser so“, meinte der Arzt. „Kopf hoch, Sie sind ja noch jung, das Leben geht weiter.“ Allerdings, jetzt schon, dafür habe ich gesorgt. Mein Leben geht weiter.





Signatur
Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!
(Indianerweisheit)

<Gast>
unregistriert

...   Erstellt am 19.07.2006 - 19:47Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Athene, eine großartige Geschichte, die diesem neuen Forum zur Ehre gereicht.
Nebenbei gesagt, ich wollte meine Frau würde in der gleichen Situation mit mir genau so verfahren, höchstwahrscheinlich hätte sie sogar ähnliche Gründe dafür.

Beste Grüße





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