Athene  Registriertes Mitglied


Status: Offline Registriert seit: 14.07.2006 Beiträge: 122 Nachricht senden | Erstellt am 11.08.2006 - 20:16 |  |
Eigentlich hätten mir diese Ärzte auch eine Ohrfeige geben können, das Resultat wäre wohl das gleiche gewesen. Erst war ich sprachlos, was selten genug vorkommt, dann zornig, dann am Boden zerstört. Das kann ja wohl nicht sein, nicht ich. Nein, ich ganz bestimmt nicht. Ich mache doch immer meine Vorsorgeuntersuchungen, bisher war alles paletti, niemals gab es einen Grund zur Besorgnis.
„Was ist das denn?“, meine Ärztin zeigt auf einen kleinen, runden Fleck an der rechten Wade. „Ein Leberfleck“, antworte ich leichtfertig, „habe viele davon“, ergänze ich noch. Genauso leichtfertig.
Sie sieht mir direkt in die Augen. „Ja, aber dieser hier sieht ganz anders aus als die anderen. Dieser hier ist schwarz.“
Ich betrachte mir das Ding jetzt etwas genauer. Tatsächlich, es ist mehr schwarz als braun, die Oberfläche uneben. „Ich gebe Ihnen eine Überweisung zum Hautarzt. Das Ding gefällt mir nicht. Und bitte nicht anstehen lassen, gehen Sie bald.“
Mit meiner Überweisung und dem seltsamen Bewusstsein, ein Ding am Bein zu haben, marschiere ich gleich zum Hautarzt. Immer noch guter Dinge. Immer noch mit guter Laune.
„Das ist ein Melanom“, sagt der Hautarzt, nachdem er das Ding minutenlang durch ein Vergrößerungsglas beäugt hatte. „ Ich gebe Ihnen eine Überweisung für das Klinikum. Das Ding muss schnellstens operiert werden.“
Die Kreisel in meinem Kopf hören auf sich zu drehen. Jetzt habe ich den Dreck. Melanom. Hautkrebs. Ende der Fahnenstange. Gänseblümchen von Unten ansehen. Den Löffel abgeben. Das große Finale. Scheiße.
Der untersuchende Arzt im Klinikum ruft gleich den Oberarzt. Gemeinsam beäugen auch sie das Ding durch das Glas. Rufen den Chefarzt. Kauderwelschen zu dritt vor sich hin. Denken wohl, ich verstehe eh nix. Irrtum, meine Herren, ich verstehe fast Alles. Kauderwelschen immer noch. Reden von mir und meinem Ding, als sei ich gar nicht vorhanden.
„Stopp!“, sage ich laut. „Bitte?“, meint der Herr Professor. „Meine lieben Herren Doktoren, ich bin durchaus körperlich und geistig anwesend. Wären Sie bitte so freundlich, mich direkt anzusprechen, mir die Diagnose zu erklären und vielleicht auch noch das weitere Vorgehen?“ Noch bin ich höflich, meine Stimme ist leise und deutlich. Ich könnte auch anders. Aber ich warte ab.
Die Herren in Weiß sind etwas konsterniert, Erleben sie wohl nicht oft, dass einer der Patienten nicht halb ohnmächtig vor Ehrfurcht das Schwert des Damokles auf sich nieder sausen lässt. Die Herren besinnen sich. Im Halbkreis sitzen sie vor mir. Ich lausche gespannt, was sie mir zu erzählen haben. Na also, es geht doch.
Jetzt sitze ich im Auto, fahre durch den strömenden Regen. Kalt ist es, mich friert, drehe die Heizung an. Ich bin ganz cool. Mein Puls ist bei mindestens 120.
Ich bin ganz cool. Irgendjemand versucht mich zu erwürgen, ich krieg keine Luft mehr. Ich bin ganz cool. Meine Hände zittern. Ich habe Angst. Angst vor einem lächerlichen Ding. Habe die Hosen voll. Bis oben hin.
Meine Gedanken fahren Karussell. Aber ich bin ganz cool. Nachdenken.
Variante eins. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Fertig.
Variante zwei. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Nicht fertig. Sicherheitshalber noch ein paar Bestrahlungen, weil das Gewebe um das Ding herum verdächtig ist.
Variante drei. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Noch lange nicht fertig. Ich habe Metastasen. Bedeutet, das Ding hat schon kräftig jung gemacht und lauter nette kleine Dinger in meinem Körper verstreut. Melanome seien äußerst bösartig. Wie gut das passt, das bin ich zwischenzeitlich auch. Bestrahlung. Chemotherapie. Den Gang zum Frisör kann ich mir dann sparen. Und außerdem habe ich mich jetzt verfahren. Fahre in die völlig falsche Richtung.
Variante vier. Das Ding wird raus geschnitten, die Wunde genäht. Die Sache wird niemals fertig. Sie amputieren den Unterschenkel, weil überall schon die Mini-Dinger sitzen. Schicken mich heim.
Es regnet wie aus Kannen. Was macht eigentlich ein Rollstuhlfahrer, wenn es regnet? Oder Jemand, der an Krücken geht? Ich muss mal einen Bekannten fragen, der sitzt schon lange im Rollstuhl, hat MS. Vor Jahren hat er mal zu mir gesagt, wenn er im Rollstuhl sitzt, hat er sich aufgegeben. Nun, er sitzt im Rollstuhl, aber ans Aufgeben denkt er nicht. Keine Spur. Und ich?
Das Auto. Ich brauche dann wohl einen Automatik. Ob sich das lohnt für die kurze Zeit? Aber immerhin, bei Aldi darf ich dann in die erste Reihe.
Meine Wohnung. Geht alles mit Rollstuhl. Küche müsste wohl umgebaut werden. Wieder drängt sich die Frage auf, ob sich das noch lohnt. Ich bin immer noch ganz cool. Ob ich wohl noch arbeiten kann? Die Dienststelle ist für Rollstuhlfahrer geeignet, also, warum nicht? Und wenn es mir ganz beschissen geht? Wer kümmert sich eigentlich um mich? Die Familie ist 40 km weg. Doch noch rechtzeitig umziehen? Was machen die eigentlich mit so einem halben Bein? Ein halbes Bein mit fünf blauen Nägeln, der große sogar mit Glitzer. Wird das beerdigt? Mit einem kleinen Stein auf dem Grab? Hier ruht das Bein, der Rest folgt nach. Bald. Jetzt fällt mir gerade ein, die Fußpflege sollte dann auch billiger werden. Ist ja nur noch ein Fuß. Und wie ist das eigentlich mit den Schuhen? Kriegt man die auch einzeln?
So, jetzt habe ich zum zweiten Mal die Abzweigung zur Schnellstraße verpasst. Noch eine Ehrenrunde, ich bin immer noch ganz cool.
Zum ersten Mal seit Wochen bin ich erleichtert, dass ich die Geschichte mit meinem Lover beendet habe. Soll ich es ihm trotzdem sagen? Ihm ein schlechtes Gewissen machen? Hallo Schätzchen, mir geht es prima ohne Dich. Ich habe jetzt so ein Ding. Kommst Du auf meine Beerdigung? Du darfst auch in der Kirche ganz vorne sitzen, bei den Ehrengästen. Wahrhaftig, die Versuchung ist groß. Nein, ich sage es ihm nicht. Ich will sein verdammtes Mitleid nicht.
Warum sind Tränen eigentlich salzig? Und warum ist bei mir immer alles so dramatisch? Meine Fantasie schlägt wieder Purzelbäume. Variante drei und vier sind äußerst unwahrscheinlich. Variante eins ist sicher, Variante zwei ist möglich.
An Variante drei und vier will ich nicht mehr denken. Nächste Woche habe ich einen Fußpflege-Termin. Werde schwarzen Lack nehmen, die großen Zehen mit Glitzer. Alle zehn Zehen. Meine Zehen. Keinen einzigen gebe ich her. Nur das Ding, das kann verschwinden.
[Dieser Beitrag wurde am 12.08.2006 - 08:37 von Athene aktualisiert]
Signatur Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!
(Indianerweisheit) |