Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 544 Nachricht senden | Erstellt am 17.06.2008 - 16:55 |  |
Knuffig? Oh, da gibts ja zum Glück vieles.. wobei ich Yamane nicht als knuffig bezeichnen würde *lach*
So früh ist das eigentlich nicht oô Gut, ich hab auch schon in der Grundschule geschrieben, aber so richtig eben auch nur seit ich... 17 oder 18 bin oô Aber danke für das Kompliment *lächel* Trotzdem hab ich es noch nicht geschafft, etwas zu veröffentlichen... da sind hier einige im Forum wesentlich weiter =3
Jippie Dann kommt auch gleich mal der nächste Teil *lach*
Teil 23
Die Uhr tickte leise, nervtötend vor sich hin, unterbrach die Stille, unterstrich sie noch viel mehr. Der Schnee vor dem Fenster bedeckte sanft den Boden und schmolz fast sofort wieder dahin. Durch die Tür dröhnte der Beat der lauten Musik, das Geschrei der Menschenmenge, die aus vollen Kehlen mitsang oder versuchte, eine Unterhaltung zustande zu bringen, doch hier war man davon nahezu komplett abgeschirmt.
André strich sich durch die Haare und starrte auf die Kaffeetasse vor sich. Die Nacht hatte gerade erst angefangen, es war kurz nach zwölf. Eigentlich müsste er jetzt auf einem der Podeste stehen und sich an einer der Stangen räkeln, die Menge durch seine Tanzeinlage noch mehr anheizen, doch durch die lange Zugehörigkeit zu diesem Club hatte er den Status der Narrenfreiheit und konnte sich seine Pausen willkürlicher als andere setzen. Und natürlich hatte er sie sich zu dem Zeitpunkt gewählt, zu dem Muse und Adam, sein geliebter Adam, auch Pause hatten.
Hätte er es doch nur sein lassen.
„Ich frag mich ernsthaft, wieso du so geschockt bist.“ Muse beugte sich nach vorne und stützte seinen Kopf auf seinen Handflächen ab. Fast gelangweilt rührte er in seinem Kaffee. „Du hast dich doch Donnerstag erst noch gewundert, wieso sie noch nicht miteinander geschlafen haben. Und jetzt haut’s dich um?“
André schwieg für einen Moment und zuckte dann mit den Schultern. Er wollte eigentlich nicht darüber reden, aber Muse abzuweisen, der sich ernsthaft sorgte und helfen wollte, wäre nicht gerade die feine englische Art gewesen. Trotzdem, am Liebsten hätte er sich irgendwo verkrochen und ein paar Runden geschmollt, ohne mit diesem Thema konfrontiert zu werden.
„Nachdem ich gehört hatte, dass sie noch nicht hatten... na ja, da hab ich wohl gedacht, ich hätte doch noch Chancen.“
„Vorrausgesetzt, du schaffst es, schneller bei Adam zu landen als Leon? Kaum zu glauben, dass du so blauäugig bist.“
Blauäugig? Ja, das war er vielleicht tatsächlich gewesen. Irgendwie hatte er sich wohl der Illusion hingegeben, Leons Charisma würde bei Adam nicht wirken. Er hatte sich geirrt, so sehr geirrt. Aber ein letzter Funken Hoffnung war geblieben. Obwohl er es eigentlich hätte besser wissen müssen. Beharrlich, die ganze Zeit, und trotzdem von einem zum anderen Moment verpufft. Wenn schon nicht Leons Charisma, seinen Fähigkeiten im Bett konnte man nicht widerstehen. Wie er selber bereits am eigenen Leib erfahren hatte.
Trotzdem warf er Muse einen leicht verletzten Blick zu. „Ich bin nicht blauäugig, verdammt. Ich sehe nur nicht ein, die Hoffnung aufzugeben, bevor etwas feststeht.“
„Und jetzt bist du bereit aufzugeben? Nur weil sie miteinander geschlafen haben?“ Muse schüttelte leicht verwundert den Kopf. „Ich versteh dich nicht. Du bist bis über beide Ohren in Adam verknallt, hast aber bis jetzt noch nichts in die Richtung gemacht. Außer die Küsse, aber die sind nur Begrüßung und Verabschiedung und zählen nicht. Weder eindeutige Avancen kamen von deiner Seite, noch hast du versucht, ihn Leon vergessen zu lassen. Klar, dass du so nicht weit bei ihm kommst.“
„Willst du denn, dass ich was mach?“ André sah ihn kritisch an. „Ich mein, klar, ich kann schwerere Geschütze auffahren...“
„Solang du fair bleibst.“ Er zuckte mit den Achseln und nippte an seinem Kaffee. „Du weißt nur, ob du etwas hättest bewirken können, wenn du es ausprobierst. Und du bist mir als Partner für Adam alle mal lieber als Leon. Aber, eben, solang du fair bleibst. Irgendwelche Intrigen oder so was will ich nicht sehen.“
„Als ob ich das machen würde.“ Der Tänzer lachte kurz auf. „Aber du klingst grad wie eine Glucke, die ihr Kind ermahnt. Oder der große Aufpasser.“
„Na, irgendwer muss ja auf euch aufpassen. Ihr wisst doch selber nicht, was ihr wollt.“
André lächelte nur leicht und wendete seinen Blick nach draußen, zum Schnee, der still und leise zu Boden fiel. Nachdem Adam freudestrahlend von seinem ersten Mal erzählt hatte, hatte André ihn postwendend Zigaretten holen geschickt. Eine andere Möglichkeit, den Kleinen einige Minuten lang nicht zu sehen, war ihm nicht eingefallen. Und wäre Adam hier geblieben, hätte er bestimmt gemerkt, wie sehr sein Tete-a-tete mit Leon ihm, André, zusetzte. Er würde bald zurück kommen. Zu bald.
„Meinst du wirklich, ich sollte was machen?“, fragte André leise, fast schon verunsichert.
Er bekam keine Antwort, doch die hatte er auch nicht wirklich erwartet.
Muse hatte Recht. André lehnte sich zurück und starrte an die Decke. Solang er nicht ernsthaft irgendetwas tat, um Adam zu erobern, würde dieser mehr und mehr Leon verfallen. Wie ein Schmetterling, der sich immer mehr im Netz der Spinne verfing. Einer Spinne mit Namen Leon. Auch wenn es ihn weder glücklich noch zufrieden machen würde, wäre ihm jeder andere lieber denn Leon. Er erinnerte sich noch zu gut an die Zeit, bevor der Künstler für vier Jahre aus der Stadt verschwunden war. Ein Charmeur war er gewesen, ein Spieler, der nicht sonderlich lange bei ein- und demselben Spielzeug blieb. Hatte er erst mal das Objekt seiner Begierde erobert, ließ er es genauso schnell fallen, wie er es verführt hatte. Sowas wie Beständigkeit oder Treue gab es für ihn nicht. Und diese Lässigkeit, Sorglosigkeit, mit der er mit den Gefühlen anderer Menschen umging, hatte schon so manches Leben zerstört, in tausend kleine Splitter zerschlagen. Seine Bettgenossen hatten dieser Seifenblase, die Leon kurzzeitig erschaffen hatte, geglaubt, hatten seine süßen Worte für bare Münze gehalten, ihre ganzen Hoffnungen hinein gelegt. Wie viele waren verzweifelt aus diesem Traum erwacht, als er seine Zuwendung jemand anderem schenkte? Wie viele waren ihm so sehr verfallen, dass sie den Boden unter den Füßen komplett verloren?
Der Tänzer biss sich auf die Unterlippe. Adam verdiente dieses Schicksal nicht. So unschuldig, so naiv er war, würde er sich mit ganzem Herzen diesem Mann hingeben. Und als zerbrochene Persönlichkeit zurück bleiben, sobald Leon sein Interesse auf jemand anderen richtete. Obwohl noch kein Wort von Liebe über Leons Lippen gekommen war, obwohl sie nur miteinander geschlafen hatten, glänzten seine Augen trunken vor Glück. Als ob er das ganz große Los gezogen hätte. Und nicht nur eine versteckte Niete.
Andrés Blick bekam einen entschlossenen Ausdruck. Egal wie, er würde dafür sorgen, dass Adam diese Niete entlarvte, dieses Los, dass er bekommen hatte, fallen ließ. Er würde diese Unschuld, diese Naivität bewahren, bevor Leon sie komplett zerstören konnte. Egal wie, er würde dafür Sorgen, dass Adam Leon vergaß.
Es schneite immer noch. Die weißen, kleinen Flocken bedeckten seine Schultern, wirkten wie feiner Puderzucker auf seiner dunklen Jacke. Adam warf einen kurzen Blick nach oben in den Himmel und zog den Schal noch ein wenig enger um sich. Die Kälte kroch immer tiefer unter seine Haut, ließ seine Muskeln verkrampfen und sich zusammenziehen. Seine Arbeitsklamotten wärmten nicht sonderlich und er hatte sich auch nicht die dickste Jacke mitgenommen. Langsam hatte er das Gefühl, dass er langsam aber sicher zu einem Eisklotz wurde, nach und nach, von unten nach oben. Und das er nie wieder auftauen würde. Wobei... Er musste unwillkürlich lächeln. Jep, in Leons Bett, an seinen warmen Rücken gekuschelt, von weichen Decken umgeben, da würde er bestimmt wieder auftauen. Im Hintergrund würde vielleicht leise Musik laufen. Bestimmt Dido, die hörte Leon schließlich so gern. Haut an Haut würden sie einschlafen und dann irgendwann von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werden, gemächlich und sanft. Sie hatten alle Zeit der Welt.
Seine Träumerein sorgten dafür, dass sich in seinem Bauch langsam ein Schwarm von Schmetterlingen aus ausbreitete, der ein angenehmes Kribbeln verursachten. Allein der Gedanke, wie sie heute morgen aufgestanden waren, versetzte ihn in eine Art Rausch, durch den seine Augen funkelten, tausend Sternen gleich, und sein Gesicht fröhlich leuchtete. Tatsächlich hatte er, trotz des Stresses auf Arbeit, kein einziges Mal aufgehört zu Lächeln, im Gegenteil. Jeder Gast wurde von ihm angestrahlt, als ob er ein ganzes Nuklearkraftwerk kurz vor der Explosion vor sich hatte. Er wünschte sich nichts mehr, als so schnell wie möglich wieder zu seinem Künstler zu kommen. Die Tatsache, dass er ihn bald abholen würde, ließ sein Herz noch einen Tick schneller schlagen. So schmeckte wohl absolutes Glück.
Plötzlich zuckte er zusammen, aus seinen Gedanken gerissen, als Fingerspitzen sich auf seine Wange legten.
„Ist das süß. Deine Wangen sind vor Kälte ja ganz rot.“
Er konnte den kleinen Stich der Enttäuschung nicht verhindern, als er die Stimme erkannte. Natürlich hatte er für einen kurzen Moment gedacht, es wäre Leon. Und natürlich hatte er sich geirrt. Trotzdem freute er sich, den Tänzer zu sehen.
„Was machst du denn hier draußen?“ Er warf einen Blick zu André, als dieser in eine schwarze Lederjacke gehüllt, neben ihn trat. Sein nackter Oberkörper blitze kurz hervor. „Ist dir nicht kalt?“
„Es geht. Ich bin noch von drinnen aufgewärmt. Außerdem muss ich dich doch noch verabschieden. Du hast mir nicht Tschüss gesagt.“
„Du warst beschäftigt, hast getanzt. Ich kann ja wohl schlecht aufs Podest steigen.“ Adam lachte kurz auf.
„Wär’ doch mal was.“ André konnte sich ein anzügliches Grinsen nicht verkneifen. „Und dann würden wir eine heiße Tanzeinlage liefern. Die Gäste wären sicher begeistert.“
„Ja, bestimmt. Begeistert davon, dass ich mich wie ein jämmerlicher Hampelmann bewegen würde. Ich kann ja nicht mal mehr gescheit stehen, geschweige denn tanzen. Meine Einlage würde also nicht sonderlich berauschend werden.“
Der Tänzer lachte nur kurz auf und lehnte sich dann neben Adam an die Wand. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zündete sie mit einem schlichten schwarzen Feuerzeug an und zog genießerisch mit leicht geschlossenen Augen daran. Den Rauch blies er in die kalte Luft hinaus. Adam sah dem grauen Dunst nach und ließ seinen Blick dann zu der Zigarette wandern. Marlboro. Er hatte es sich schon vorhin gedacht, als er die Zigaretten holen gegangen war. Leon rauchte Davidoff. Dieser kleine Unterschied kam ihm vor wie zwei verschiedene Welten. André und Leon. Es waren zwei verschiedene Welten. Er mochte sie beide.
„Muse hat mir erzählt, Leon würde dich abholen?“
Adam löste sein Augenmerk von Andrés Zigarette und wendete es auf die kleinen Menschengrüppchen zu, die sich auf der Straße vor dem ‚Paradise Hill’ sammelten. Viele von diesen Männern, die hier standen, sich unterhielten, flirteten, hatten nur Beziehungen für eine Nacht. Oft genug kannten sie noch nicht mal den Namen von demjenigen, mit dem sie ins Bett gingen. Oder es lief auf eine reine Sexbeziehung hinaus. Bei ihm war es was anderes. Auch wenn es keine Liebe von Leons Seite gab, jedenfalls nicht die, die sich Adam wünschte, so war es doch mehr als nur reiner Sex. Wieso auch immer, er hatte das zumindest im Gefühl. Er bedeutete Leon etwas. Er bedeutete Leon vielleicht mehr als die ganzen Partner, die er zuvor im Bett gehabt hatte. Und er konnte einfach nicht daran glauben, dass das nur ein Luftschloss war, das er sich selber aufbaute. Es war mehr als nur ein Wunsch. Ein bisschen mehr.
„Jep.“
Wie sehr konnte man sich denn tatsächlich in einem Menschen täuschen, selbst wenn dieser Mensch Leon Constal hieß? Wie gut konnte jemand schauspielern? Das intuitive Gefühl eines anderen täuschen? Er hatte sich schon so häufig diese Fragen gestellt, und immer noch keine Antwort erhalten. Er musste vertrauen. Seiner Intuition, sich selber und, vor allem, Leon. Vertrauen, dass ihm seine Sinne keinen Streich spielten.
„Na dann...“ André stieß sich von der Wand ab und drehte sich halb zu Adam. „Ich sollte wohl auch wieder rein. Du meldest dich unter der Woche irgendwann?“
„Jap, mach ich.“
Der Tänzer nahm seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, atmete noch einmal aus und beugte sich runter, um Adam den obligatorischen Abschiedskuss zu geben. Adam, wie üblich, streckte sich ein wenig. Er spürte Andrés warme Lippen auf seinen eigenen. Wie üblich. Doch diesmal war irgendetwas anders. Der Kuss dauerte einen Moment, den Bruchteil einer Sekunde länger als normal. Die Lippen waren einen Millimeter weiter geöffnet. Der Geschmack einen Tick intensiver. Das Gefühl eine Nuance tiefer. Irgendetwas war anders. An diesem Kuss, an der Haltung des Tänzers, an André selber. Es blieb ein bitterer Nachgeschmack.
Und dann erst bemerkte er ihn. Diesen Blick. Diesen eiskalten, stahlharten Blick.
Erschrocken fuhr er zurück und drehte seinen Kopf zur Seite. Betete noch innerlich, für einen kurzen Moment, dass er sich getäuscht hatte. Betete vergeblich.
Wie durch einen dünnen Schleier sah er Leon dort stehen, einige Meter von ihm entfernt. Der Schnee bedeckte seine blonden Haare, die er sich zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Sein Hals wurde von einem dünnen, weißen Schal bedeckt, und er trug einen knöchellangen, enganliegenden cremefarbenen Mantel und weiße Handschuhe.
Er wirkte wie ein Wesen des Lichts, wie eine Gestalt aus der Geisterwelt. Absolut unwirklich und fehl am Platz zwischen all den anderen Leuten. Wie ein reiner, vollkommener Engel.
Ein Engel mit dem Blick eines Teufels. Das warme, weiche Rauchgrau war verschwunden. Harter Stahl blitzte ihm entgegen, kalter Stahl. Kein Gefühl, keine Regung. Nur Härte. Und Wut. Eiskalte Wut.
Die Zeit schien für einen Augenblick still zu stehen. Für einen ewigen Augenblick bohrte sich Leons Blick in Adams eigene, kristalline Augen. Klagte ihn an. Schmetterte ihm seinen ganzen Zorn entgegen. Und, kurz, ließ ihn seine Verletzlichkeit spüren.
„Lange nicht mehr gesehen.“
Erst Andrés Stimme riss Adam von Leons Anblick los, löste den Zauber, den Bann, der ihn gefangen genommen hatte. Durchbrach kurz die Angst, die ihn hatte erstarren lassen.
„Hätte länger sein können.“
Leon schaute André gar nicht an, während er tonlos antwortete, sondern fixierte weiterhin Adam, mit diesen kalten, wütenden Augen. Er hatte die Kiefer aufeinandergepresst. Seine gesamte Mimik schien wie eingefroren zu sein. Dann, völlig abrupt, drehte er sich auf dem Absatz um und schritt davon, mit seinem ganzen Körper Verachtung ausdrückend.
Adam zuckte erschrocken zusammen. Konnte Leon wirklich wegen einem Kuss so wütend werden? Konnte er es so sehr missverstanden haben?
“Wie theatralisch.“ André nahm einen Zug von seiner Zigarette. „Renn ihm nicht nach. Du gehörst ihm schließlich nicht.“
Adam schüttelte nur den Kopf, ohne überhaupt Andrés Worte zu registrieren, und rannte los. Leon war gerade bei seinem Wagen angekommen, da packte er ihn am Handgelenk und drehte ihn zu sich herum.
„Was soll das?“ Seine Stimme bebte. Er wusste nicht warum, aber sie bebte.
„Was soll was?“, erwiderte Leon nur kalt und schüttelte Adams Hand weg.
„Das. Dein Blick. Dein Ausdruck. Deine Wut. Wieso bist du wütend?“
„Wieso?“ Er gab einen abfälligen Laut von sich. „Ich stehe mitten in der Nacht auf, komme her, um dich abzuholen, und sehe, wie du fröhlich mit einem anderen Kerl rumknutschst. Und da soll ich nicht wütend werden?“
„Nein.“ Adam biss kurz die Zähne zusammen. „Du, ich... wir sind nicht zusammen, korrekt?“ Wieso stellte der Kerl jetzt plötzlich Besitzansprüche? „Das heißt, du kannst rummachen, mit wem du willst, ich kann rummachen, mit wem ich will.“ Wieso? „Keine Rechte, keine Pflichten, korrekt?“
„Ach, interessant.“ Adam hatte nicht gewusst, dass eine Stimme so kalt klingen konnte. Jetzt wusste er es. „Ich hab dich anscheinend ziemlich falsch eingeschätzt. Hätte nicht gedacht, dass du so ein Flittchen bist. Aber gut zu wis...“
„Flittchen? FLITTCHEN?“ Er ballte seine Hände zu Fäusten. Unbändige Wut vertrieb die Angst, die sich vorher in ihm festgesetzt hatte, und breitete sich langsam in seinem ganzen Körper aus. „Wen nennst du hier bitte ein Flittchen? Soweit ich den Erzählungen der anderen glauben kann – und ich denke, das kann ich – bist du es doch, der dauernd, aber wirklich dauernd wechselnde Partner hat. Keine festen Beziehungen, keine Kontinuität, gar nichts. Du fickst, mit wem du willst, du küsst, wen du willst. Ich werde wohl kaum der Erste sein, den du mitten auf der Straße ansprichst und zu sich nach Hause einlädst? Den du zum Modell stehen haben willst? Den du so sanft, so verflucht...“ Er stockte kurz. „Den du so verführst? Verführt hast? Nicht der erste und nicht der letzte, nicht wahr? Oder willst du mir ernsthaft sagen, dass du nicht mit anderen ins Bett gehst? Während du mich kennst, während du mich angemacht hast? Oder? Sag nicht, ich sei der einzige!“
Er wartete kurz, atemlos, doch von Leon kam keine Antwort. Der Künstler sah ihn nur wortlos an. Mit starrem, ausdruckslosen Blick.
„Siehst du. Wirf mir bitte nichts vor, was du doch selber machst. Wir sind nicht zusammen, verdammt. Ich kann also rummachen, mit wem ich will.“
„Geht es dir nur darum?“
Adam stutze. „Was?“
„Geht es dir nur darum, ob wir zusammen sind oder nicht?“ Leon wiederholte die Frage fast tonlos.
„Na, es... also... natürlich... also... das ist doch wichtig...“, stammelte er etwas hilflos. Was sollte das? Was sollte diese Frage?
„Dann sind wir halt zusammen. Wenn dich das davon abhält, mit anderen Kerlen rumzuknutschen, sind wir halt zusammen.“
Noch bevor er es selber registrieren oder aufhalten konnte, landete seine Faust mit einem lauten, dumpfen Geräusch in Leons Gesicht.
„Willst du mich verarschen, du abgefuckter Bastard?“ Er bemühte sich nicht mehr, seine Stimme zu dämmen. Im Gegenteil, er schrie jetzt. Irgendwas war in ihm endgültig explodiert, irgendwas komplett gerissen. „Das ist doch nichts, was man aus einer Laune heraus entscheidet. Oder so leicht nimmt. Man ist nicht mit jemandem zusammen, um ihn zu besitzen oder einen Grund zu haben, auf Treue zu pochen. Oder sonst irgend so ein Scheiß. Man ist mit jemandem zusammen, weil man ihn liebt. Aber doch nicht... ach, verdammt, das ist dir doch eh fremd, nicht wahr? Du weißt doch gar nicht, was Liebe ist. Du hast doch noch nie jemanden geliebt, nicht wahr? Dir geht es nur um Sex. Sex und Besitz, mehr brauchst du gar nicht. Du bist ein Arschloch. Ein egoistisches, egozentrisches, besitzergreifendes Arschloch. Hast du eigentlich jemals, jemals in deinem ganzen, Gott verdammten Leben daran gedacht, wie sich andere fühlen, wenn du sie benutzt? Hast du jemals an jemand anderen gedacht als an dich selbst? Nein, nicht wahr? Alle anderen sind nur dein Spielzeug. Und wenn eins dieser Spielzeuge kaputt geht, holst du dir ein neues. Gibt’s ja genug von. Es muss nur dir gut gehen, nur du musst dich gut fühlen. Es geht nur um dich, dich, dich, nicht wahr?“ Er hielt inne, holte einmal tief Luft. „Ich will nicht dein verdammtes Spielzeug sein, Leon. Und ich werde es nicht sein. Du kannst benutzen, wen du willst. Mich nicht.“
Mit einem Ruck drehte er sich um, stapfte an dem ziemlich verdutzten André vorbei, während er diesen gleichzeitig am Ärmel packte und hinter sich her zog, und stürmte förmlich in das ‚Paradise Hill’ zurück. Die Kälte, die ihm vorhin zu schaffen gemacht hatte, war verschwunden. Im Gegenteil, ihm war heiß, verdammt heiß. Sein Herz raste, pochte gegen seine Brust, als ob es gleich herausbrechen wollte. Seine Wangen glühten und die Hand, die so zielsicher Leons Gesicht getroffen hatte und die immer noch zur Faust geballt war, schmerzte. Schmerzte mehr, als sie es durch den Schlag eigentlich tun dürfte.
Er stoppte erst, als er im Gemeinschaftsraum der Mitarbeiter angekommen war. Ohne es wirklich zu merken, ließ er André los und setzte sich auf einen Stuhl. Und vergrub sein Gesicht mit einem verzweifelten Aufschrei in seinen Händen.
Zerstört. Alles, was er sich so mühselig aufgebaut hatte, diese Beziehung zu Leon, dieses feine, dünne Band zwischen ihnen, hatte er mit diesem jämmerlichen, jähzornigen Ausbruch zerstört. Wie ein Kartenhaus fiel alles vor seinen inneren Augen in sich zusammen. Wie sollte er jetzt noch mit ihm reden? Wie sollte er zu ihm kommen, sich mit ihm verabreden, sich an ihn kuscheln? Ihn küssen?
Und gleichzeitig war diese unbändige Wut in seinem Bauch, diese Wut, die einfach nur nach draußen wollte, sich Gehör verschaffen wollte. Er litt wie ein kleines Kind, litt, weil er nicht wusste, was Leon für ihn empfand, was er für ihn war. Er wollte mit ihm zusammen sein, wollte von ihm geliebt werden. Wollte in der Früh neben ihm aufwachen und wissen, dass er zu ihm gehörte, dass sie zusammen gehörten. Jedes einzelne Wort von sich drehte und wendete er, um sich eventuelle Möglichkeiten darauf nicht zu verbauen. Jede einzelne Bewegung überlegte er sich abertausende Male, um Leon nicht abzustoßen. Und dann das.
Dann sind wir halt zusammen.
So als ob er entschied, ob er die schwarzen oder die weißen Socken anziehen wollte. Dann sind wir halt zusammen. Ohne jegliches Gefühl, mit einem Herz aus Stein. Kein Kribbeln im Bauch, keine freudige Erleichterung, keine aufgeregten, feuchten Hände. Eine Entscheidung, die nicht weiter wichtig war. Eine Entscheidung, deren einziger Sinn darin bestand, sein Spielzeug, sein Hündchen noch länger an sich zu binden, noch länger für sich allein zu behalten. Und dann, wenn man es nicht mehr brauchte, wenn man es schon komplett abgenutzt hatte, ließ man es gehen, warf man es weg. Trennte man sich einfach wieder von ihm. So einfach war das. So jämmerlich einfach.
„Adam?“
Er zuckte nicht mal zusammen, obwohl er Andrés Anwesenheit fast vergessen hatte. „Ich hab alles kaputt gemacht, nicht wahr?“ Wie ein kleiner, getretener Hund sah Adam zu André hoch. „Ich hab alles kaputt gemacht. Aber ich hatte doch Recht, oder? Ich hatte doch Recht?“
„Natürlich.“ André ging in die Knie und strich ihm einige Haare aus der Stirn. „Natürlich. Trotzdem war es etwas... heftig. Ich hätte nicht gedacht, dass du so reagieren würdest.“
„War wohl einfach zuviel.“ Aus einem Impuls heraus vergrub er sein Gesicht in Andrés Halsbeuge. „Ich will ihn. Ich will ihn so sehr. Und jetzt ist er weg. Ich werde ihm nie wieder in die Augen schauen können.“
„Weil du dich schämst oder“, André hielt kurz inne, „weil du so wütend bist?“
„Beides.“ Er zuckte nur mit den Schultern. „Ich hab ihm sogar eine runtergeschlagen. Verdammt, ich war so wütend. Ich BIN so wütend. Und trotzdem... ich bin so jämmerlich.“
„Nein, bist du... bist du nicht.“
Adam löste sich langsam von dem Tänzer, lehnte seinen Kopf nach hinten und rieb sich über die Schläfen. Seine Gedanken und Gefühle schlugen wilde Purzelbäume, drehten sich im Kreis, ohne auch nur das Geringste zu bringen. Wieso konnte er sich nicht einfach in einem Mauseloch verkriechen, sich dort verbarrikadieren und die nächsten paar Jahrzehnte nicht mehr rauskommen? Das wäre doch das einfachste.
Wobei ihm ein warmes Bett mit einer weichen Decke vorerst reichen würde. Ein Bett...
„Verdammt!“
Erschrocken zuckte André zusammen, als Adam abrupt aufstand, und sah ihn fragend an.
„Was ist denn los?“
„Wo soll ich denn schlafen?“ Der Junge wendete seinen verzweifelten Blick seinem Freund zu. Verzweifelt, dass er in diesem Moment an so etwas lächerlich Unwichtiges dachte.. „Ich kann unmöglich zu Leon, aber mein Hausschlüssel liegt bei ihm. Ich müsste erst zu ihm. Das kann ich doch nicht machen.“
„Ehm, nein, wirklich nicht.“ André runzelte die Stirn. „Du kannst heute bei mir schlafen. Meine Schicht dauert zwar noch ein bisschen, aber das kannst du bestimmt noch abwarten, oder? Heute schläfst du bei mir, und morgen... na ja, kannst du vielleicht zu Leon und zumindest deine Sachen holen. In Ordnung?“
Langsam nickte Adam. „Du bist meine Rettung.“ Kraftlos ließ er sich wieder auf seinen Stuhl sinken und schaute André entschuldigend an. „Du musst doch wieder raus, nicht wahr? Entschuldige, dass ich dich aufgehalten habe.“
„Kein Problem.“ Mit einem sanften Lächeln drückte er ihm einen Kuss auf die Stirn. „Mach dir mal keine Sorgen, es wird schon alles gut. Soll ich dir noch was zu trinken bringen? Du siehst fertig aus.“
„Danke, nein, schon okay. Ich brauch nur etwas... Ruhe... Sorry.“
“Schon okay.“ André lächelte sanft. „Ich bin dann draußen. Schlaf nicht ein in der Zeit.“
„Mach ich nicht.“
Adam sah ihm noch kurz nach, bevor er dann alleine zurück blieb. Von draußen hörte er noch dumpf die laute Musik, doch hier drinnen herrschte Stille, absolute Stille. Einzig unterbrochen vom nervtötenden Ticken der Uhr und dem steten Tropfen des Wasserhahns. Mit einem Seufzer stand er auf, ließ sich ein Glas mit Leitungswasser voll laufen und drehte dann den Hahn so fest wie möglich zu. Das Tropfen hörte auf. Das Ticken blieb. Aber die Uhr konnte er schlecht abstellen.
Unruhig trat er ans Fenster. Der Schnee fiel immer noch, genauso wie davor, wie vor einigen Augenblicken. Vorhin war er noch schön, sanft gewesen. Aber jetzt sah er nur noch den Dreck, den er hinterließ, sobald er taute. Verdammt. Vor seinen Augen tauchte Leons Gesicht auf. Sein Blick, als er Adams Vorwürfe gehört zu hören bekommen hatte. Waren sie eigentlich berechtigt? Konnte er wirklich sagen, dass Leon ein egoistisches Arschloch war? Hätte er sich denn in ihn verliebt, wenn dem denn so gewesen wäre? Er musste an ihr erstes Mal denken. Daran, wie sanft, wie zärtlich und verständnisvoll Leon gewesen war. Und er verstand es nicht. Ja, er war arrogant, ja, er bezog alles auf sich. Aber das, was die Leute ihm erzählten, deckte sich nicht mit dem, wie er ihn kannte. Von seinem zärtlichen Lächeln hatte ihm noch keiner erzählt. Von seiner Fürsorge, seiner Art, wie er ihn hegte und pflegte, der Wärme in seinen Augen. Das hatte noch keiner erwähnt.
Und dann tauchte wieder der Leon von heute auf. Der Leon, der ihn besitzen wollte, egal wie. Der, der verletzt war, wenn jemand mit seinem Spielzeug spielte. Der Leon, dessen Gesicht vor Zorn zu einer ausdruckslosen Maske wurde. Weit entfernt, schier unerreichbar.
So hatte er es nicht gewollt. So hatte er es absolut nicht gewollt.
Und trotzdem, die Wut blieb. So Leid ihm sein Ausbruch auch tat, die Wut blieb. Er würde nicht zum Spielzeug verkommen. Er wollte nicht nur zu einem Püppchen werden, zu einem unter vielen, den man nicht wirklich registrierte, vergaß, noch bevor er ganz weg war.
Adam lehnte seine Stirn gegen die Scheibe und schloss die Augen. Er hatte sich geschworen, Leons Liebe zu erringen, und diesen Schwur wollte er n nicht brechen, würde er nicht brechen. Entweder ganz oder gar nicht.
In diesem Spiel würde er keine Kompromisse eingehen.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 544 Nachricht senden | Erstellt am 28.06.2008 - 06:34 |  |
*lach* Danke für das Lob 
Und hier, zur frühen Morgenstunde, gleich mal den nächsten Teil:
Teil 24
Mit einem unwilligen Knurren zog Adam die Decke noch fester über seinen Kopf. Die Sonne, die feuchtfröhlich durch die riesigen Fenster schien, kitzelte frech an seiner Nase und versuchte ihn zum Aufstehen zu zwingen. Tatsächlich, wie ihm erst jetzt auffiel, war sie gar nicht so hell wie er gedacht hatte, doch seine Müdigkeit und seine empfindlichen Augen gaukelten ihm vor, dass es schlimmer sei als es dann tatsächlich war. Träge kramte er nach seinem Handy, das auf dem kleinen Tischchen nebenan lag, und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Später Nachmittag. Fast Abend. Super toll. Das erklärte zwar die Schwäche der Sonne, machte ihn aber nicht sonderlich glücklicher. Er hatte fast den ganzen Tag verschlafen. Oder, besser gesagt, damit zugebracht, sich von einer Seite auf die andere zu wälzen, denn von Schlafen konnte nicht wirklich die Rede sein. Im Gegenteil, er war zwar ab und zu eingedöst, wurde aber immer Recht schnell von seltsamen Träumen, an die er sich zum Glück nicht mehr erinnern konnte, geweckt. Und die Gedanken, die er ins einem Kopf hin- und hergewendet hatte, trugen ebenfalls einen großen Teil zu seiner Gerädertheit bei. Schien so, als ob es ein beschissener Tag werden würde. Oder der beschissene Rest eines Tages.
Ein genervtes Stöhnen entwich seinen Lippen, während er sich vorsichtig aus dem Bett tastete. Plötzlich zuckte er zusammen, als er das abrupte Ende des Bettes registrierte, und noch bevor er irgendwas dagegen tun konnte, war er schon schmerzhaft auf den Boden geknallt.
„Wie ich höre, bist du aufgewacht.“
Seine schmerzenden Stellen reibend richtete er sich auf und sah aus halb verschlafenen Augen in Andrés Richtung, der an seinem Computer saß und sich mit dem Drehstuhl zu Adam gewendet hatte.
„Hab vergessen, dass ich bei dir bin. Und das ich auf der Couch geschlafen habe.“ Völlig ausgelaugt strich er sich durch die Haare. „Wieso hast du mich nicht geweckt? Ich wollte nicht den ganzen Tag im Bett zubringen.“
„Ich wecke keine Gäste.“ André lächelte ihn an und sprang von seinem Stuhl auf. „Hast du gut geschlafen? Willst du was Essen?“
„Nein, hab ich nicht, und nein, im Moment nicht. Später vielleicht. Ne Dusche wäre mir lieber. Ich stink zum Himmel.“
„Ich leg dir ein paar Kleider raus. Die werden zwar zu groß sein, aber besser als nackt rumzulaufen, nicht wahr?“
„Ja. allerdings.“
Adam rieb sich über die Augen. Er war immer noch nicht ganz wach, hoffte aber, dass es nach einer Erfrischung besser werden würde. Während André ein paar Klamotten aus seinem Schrank kramte, schaute Adam sich um, etwas, zu dem er bei ihrer Ankunft früh morgens nicht wirklich Lust gehabt hatte. Andrés bescheidenes Zuhause war ein weitläufiges, geräumiges Loft. Es standen nicht viele Möbel darin, denn er hielt den Platz in der Mitte für Tanzübungen frei, doch dadurch und durch die großen Fenster wirkte es noch größer und luftiger.
An der rechten Seite, wenn man zur Tür hereinkam, befand sich die Küchenzeile mit einer Theke davor, sowie in der rechten Ecke vor den Fenstern der Computertisch. Direkt daneben stand die weiße, schon etwas abgewetzte Couch ein wenig in den Raum geschoben, so dass man genug Abstand zum Fernseher hatte, der etwas weiter links aufgestellt war. In der linken Ecke kam der altwirkende, schwarzfarbene Kleiderschrank und davor lud das Doppelwasserbett zum drauf Schlafen ein. Und daran schloss sich, durch eine dünne Wand getrennt, das Bad an. Die breite Schiebetür bestand aus Milchglas, und im Inneren konnte man sich wunderbar in einem Eckwhirlpool entspannen.
Tatsächlich und realistisch gesehen konnte dieses Loft in keinster Weise mit Leons Kleinvilla mithalten, weder von der Einrichtung noch von der Größe her. Doch irgendwie hatte es eine gemütliche Atmosphäre, die Adam ein wenig an sein eigenes Zuhause erinnerte. Bei Leons Möbeln und gesamter Einrichtung hatte er immer Angst gehabt, er könnte irgendetwas aus Versehen kaputt machen, doch durch das Alter und die sichtbare Abnutzung der Gegenstände hier hatte er keine Hemmungen, sich einfach irgendwo hin zu fläzen oder vielleicht sogar mal ein Getränk zu verschütten. Der Parkettboden ließ sich leicht säubern, die Couch schien sowieso schon einiges mitgemacht zu haben, und die Stühle an der Theke würden sich leicht ersetzen lassen. Das Wertvollste im ganzen Raum, neben dem Bad, war wohl Andrés Stereoanlage und seine beträchtliche CD-Sammlung, die sich neben der Tür befanden und sein ganzer Schatz zu sein schienen.
Irgendwie menschlich. Verdammt menschlich. André war, mal von dem Loft an sich abgesehen, so herrlich normal, dass es die reinste Wohltat war. Keine superteuren Klamotten, keine exquisiten Nippesfiguren, keine edlen Markenmöbel. Einfach normal, wie jeder andere gottverdammte normale Mensch auch.
„Ah, hier. Das könnte vielleicht so halbwegs passen.“
Adam zuckte leicht bei Andrés Stimme zusammen, tappte dann zu ihm und nahm ihm die Klamotten aus der Hand.
„Handtücher?“
„Liegen im Bad bereit. Ich dachte mir schon, dass du wohl unter die Dusche willst. Bedien dich einfach.“
„Okay. Danke.“
Er machte nicht mal die Tür richtig zu, als er das Bad betrat. Es juckte ihn im Moment wirklich herzlich wenig, ob André ihn womöglich nackt sehen würde. Sollte er doch, würde es vielleicht zumindest einer zu schätzen wissen.
Mit einem Grummeln tief in seiner Brust streifte er seine Klamotten ab und stieg unter die Dusche. Er zuckte erschrocken zusammen, als zuerst kaltes Wasser heraus kam, doch es wärmte sich schnell auf, so dass er schon bald einfach nur dran stand, den Kopf nach hinten gelegt, und das warme Perlen über seinen Körper genoss. Seine Laune stieg trotzdem nicht sonderlich. Die Ereignisse der Nacht konnte er nicht so einfach wegspülen wie den Schweiß und die Müdigkeit. Sie hatten sich in seinem Kopf festgesetzt, in seinen Gedanken, und würden so lange nicht weggehen, bis er eine Lösung, einen Ausweg gefunden hatte. Doch eine Lösung schien ihm im Moment weit entfernt, weiter entfernt, als ihm lieb war. Falls sie denn überhaupt existierte.
Die Gedanken, die ihn schon um den Schlaf gebracht hatten, kamen wieder auf, wieder und wieder. Wie sollte das gehen, wie sollte er sich wieder mit Leon versöhnen? Er kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er von sich aus eine Aussprache suchen oder sich gar entschuldigen würde. Niemals, das verbot ihm sein elender, egozentrischer Stolz. Doch er selber, Adam, hatte ihn auch, diesen Stolz. Er würde bestimmt nicht angekrochen kommen und um seines Gottes Gnade bitten. Er wollte ihn nicht wie ein hirnloser, treudoofer Hund nachlaufen. Aber er wollte auch diese Beziehung, die sie aufgebaut hatten, dieses dünne Band, das langsam entstanden war, nicht komplett zerstören, nicht einreißen. Verdammt, er liebte diesen Kerl, so sehr es auch weh tat. Er wollte ihn nicht einfach gehen lassen.
Mit einen Seufzer legte Adam seine Hand gegen die Wand und lehnte seine Stirn dagegen. Er spürte immer noch ein leichtes Pochen, obwohl er gar nicht so stark zugeschlagen hatte. So sehr hätte sie eigentlich gar nicht weh tun dürften. Tat sie aber trotzdem. Verdammter Mist.
Sein Leben war so schön ruhig gewesen, bevor er Leon getroffen hatte. So verdammt schön ruhig und ereignislos. Zum wievielten Mal verfluchte er jetzt eigentlich diese Spätsommernacht, die ihn nach draußen getrieben hatte? Er wusste es nicht, aber jetzt konnte er auf jeden Fall noch ein paar Mal mehr hinzufügen.
Langsam seifte er sich ein, den Duft des herben Männerduschgels auf sich einwirken lassend. Andrés Geruch. Hm. Auch nicht schlecht. Er mochte diesen Duft. Er mochte das Herbe, das Männliche darin. Und André war männlich, da konnte man sagen was man wollte. Auf gewisse Weise männlicher als Leon. Wieso bevorzugte er dann diesen bescheuerten Künstler? Wieso ihn?
„Aaaaarg!“
Es brachte nichts. Er machte sich durch dieses Gedankengewälze nur selber verrückt. Total kirre. Wahnsinn. Purer Wahnsinn.
Nachdem er sich kurz abspülte, stieg er aus der Dusche und hüllte sich in eins der großen, bereitliegenden Handtücher an. Die Sachen, die André ihm gegeben hatte, waren eine alte, leicht abgewetzte Jeans und ein übergroßer dunkelblauer Rollkragenpullover plus Socken. Auf Unterwäsche würde er wohl verzichten müssen, bis er seine eigenen Klamotten von Leon geholt hatte. Er seufzte, zog sich an und trat dann aus dem Bad.
Die Sonne war inzwischen komplett untergegangen und von draußen leuchteten nur einige Straßenlaternen hinein. André hatte sich auf die Couch gefläzt und zappte wahllos im Fernsehprogramm herum, drehte sich jedoch gleich zu ihm, als er ihn kommen hörte.
„jetzt Hunger?“
„Mhm. Was hast du anzubieten?“
„Ehm...“
André stand auf, ging zum Kühlschrank und sah hinein. Dann starrte er den Inhalt erst mal einige Augenblicke lang an.
“Nicht viel. Brot mit Salami vielleicht?“
Adam musste auflachen. Irgendwie war klar, dass der Kühlschrank des Tänzers nicht sonderlich gefüllt war. Er trat zu ihm und schaute ihm neugierig über die Schulter.
„Ja, ich denke, ich werde mich damit begnügen.“
Die Alternativen waren noch Käse, irgendein Aufstrich und ein Joghurt. Wirklich, von was ernährte sich der Kerl? Luft und Liebe?
„Ich mach dir gleich was. Heiße Schokolade hab ich auch anzubieten. Willst du? Zwar nicht die Qualität, wie du es in nem Café kriegst...“
„Wusstest du, dass ich komm, oder wie? Klar, immer doch.“
Adam grinste und setzte sich an die Theke, während André geschäftig rumwurschtelte. Im Hintergrund lief der Fernseher, dessen unbedarftes Geplapper irgendwie eine angenehme Atmosphäre erzeugte. Hier konnte man sich eindeutig wohlfühlen.
„Bist du etwas wacher? Du sahst vorhin ziemlich verschlafen aus.“
„Jep, war ich auch. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber jetzt geht’s schon. So ne Dusche kann echte Wunder bewirken.“ Während er sprach, krempelte er die Hosenbeine seiner Jeans hoch. André war halt doch ein bisschen größer als er. „Und ich wette, heute Nacht werde ich wie ein Toter schlafen. Hoffe ich zumindest.“
„Denk ich mir.“ André hielt kurz inne. „Ach ja, dein Handy hat vorhin geklingelt. Ne SMS, wenn ich mich nicht irre.“
Adam hob überrascht seine Augenbrauen. Muse konnte das nicht sein. Er hatte nicht wirklich mitbekommen, was in der Nacht vorgefallen war, da er an der Theke voll ausgelastet gewesen war, und hatte dann nur gemeint, er würde erst morgen vorbeischauen. Und Leon... nein, niemals Leon. Bestimmt nicht.
Er rutsche vom Barhocker, tapste zu seinem Handy und klickte neugierig die Nachricht an. Nein, nicht Leon.
„Hey, hast du Zeit? Ich würde gerne mit dir reden. So gegen 18 Uhr in der Regenbogenkatze? LG Sachiko. PS: Ja, es geht um Leon.“
Was sollte man dazu sagen? Er stellte sich gerade vor, wie Leon wohl mitten in der Nacht bei Sachiko angerufen und ihr mit jämmerlicher Fiepstimme sein Leid geklagt hatte. Dass sein süßes kleines Schoßhündchen ihn angebrüllt und ihm eine runtergeschlagen hatte. Eine lächerliche Vorstellung. Eine Vorstellung, die bestimmt nicht zutraf. Die Adam aber trotzdem ein fast schadenfrohes Lächeln auf die Lippen zauberte.
„Nur Sachiko.“, meinte er an André gewandt, während er eine Antwort tippte. „Sie will mit mir wegen Leon reden.“
„Wer ist Sachiko?“ Der Tänzer stellte die Tasse mit der heißen Schokolade und das Brot auf die Theke und sah ihn etwas verdutzt an. „Kenn ich nicht.“
„Wie, kennst du nicht? Das ist Leons Busenfreundin. Seit klein auf, wie ich verstanden habe.“ Adam zog leicht erstaunt eine Augenbraue hoch. „Sie scheinen jedenfalls ziemlich unzertrennlich sein.“
„Kenn ich trotzdem nicht. Es gab zwar durchaus... Leute, die immer um Leon herum waren und als seine Dauerbegleitung angesehen werden konnten, aber das waren keine Frauen. Auch keine Sachiko.“
„Hm.“ Adam zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es dir nur nicht aufgefallen. War ja auch anscheinend auf der Schule von denen, nicht unbedingt im ‚Paradise’.“
Andrés Blick blieb skeptisch. „Ich war aber mit ihm auf der gleichen Schule. Und mir wäre eine Sachiko bestimmt aufgefallen.“
„Die Welt ist klein, kann das sein? Wieso warst du mit ihm auf einer Schule? Ist doch ne Kunstschule.“ Er nahm einen Schluck von seiner Schokolade. Heiß. Aber gut. Angenehm wohltuend.
„Für Kunst jeder Art, ja. Also nicht nur Malerei, sondern auch Sänger, Schauspieler, Bildhauer, Fotografen, Grafikdesigner, Modells und, eben, auch Tänzer. Ich hab dort Tanz gelernt, sozusagen.“
„Oh. Okay.“ Adam biss sich leicht auf die Unterlippe. Ihm fiel erst jetzt auf, wie wenig er eigentlich über André wusste. Wie wenig er im Allgemeinen über die Leute in seiner Umgebung wusste. „Und was machst du jetzt? Eigentlich? Ich mein, du tanzt nicht nur im ‚Paradise’, oder?“
„Nein, ich bin Tanzlehrer. An der International Art School.“ André grinste. Es wirkte irgendwie bubenhaft. „Ich bleib meinen Wurzeln eben treu.“ Er zuckte mit den Schultern. „Naja, egal. Triffst du dich mit ihr?“
Er nickte. „Vielleicht kann sie mir helfen. Sie scheint Leon besser zu kennen als jeder andere. Ich will es nicht bei dieser Situation belassen und sie kann mir vielleicht raushelfen. Hoffe ich zumindest.“
André senkte zustimmend den Kopf. „Wann gehst du?“
„Sobald ich gegessen hab. Sie will sich um Sechs mit mir treffen. Ich darf die Klamotten doch auch draußen anbehalten, oder?“
„Naain, da musst du sie wieder ausziehen. Ich wollt schon immer mal nen tief gefrorenen Adam sehen.“
Adam streckte ihm nur kurz die Zunge raus, ignorierte komplett das freche Grinsen und widmete sich seinem Abendessen. Sie verbrachten die Zeit noch mit seichtem Geplänkel, dann räumte Adam sein Zeug ab, zog seine Jacke an und atmete einmal tief durch.
“Ich mag nicht. Ich hab so das Gefühl, dass sie mir irgendwelche schlechten Nachrichten erzählen wird.“
„Sei nicht so pessimistisch. Vielleicht kann sie dir tatsächlich helfen.“ André schlang einen dicken Wollschal um Adams Hals und Schultern und zog ihn mit den Schalenden zu sich heran. Sanft drückte er ihm einen Kuss auf die Lippen und blieb dort einige Sekunden, bevor von ihm abließ. „Aber schau, dass du nicht zu spät kommst oder dass sie dich herfährt. Du bist immer noch nicht ganz gesund.“
„Ja, Mama.“, erwiderte Adam unter halb gesenkten Lidern mit einer Kleinmädchenstimme. Dann grinste er, hauchte André noch mal einen Kuss auf die Lippen und tapste dann aus der Tür. „Danke. Bis später.“
Er bemerkte Andrés sehnsüchtigen Blick nicht. Im Moment zählte für ihn nur, dass er möglichst schnell zu Sachiko kam. Und dass er möglichst viele hilfreiche Tipps von ihr bekam.
Es war bitterkalt. Atemwölkchen bildeten sich vor seinem Mund und der Frost überzog langsam die kahlen Äste. Tief in den Schal eingemümmelt, schritt Adam schnell voran, ohne großartig auf die Leute oder die Umgebung um ihn herum zu achten. Im Moment gab es wichtigeres, weitaus wichtigeres. Mal davon abgesehen, dass er sich schöneres vorstellen konnte als in dieser Kälte draußen herumzustapfen. So schaffte er es fast in Rekordzeit, bei der ‚Regenbogenkatze’ anzukommen. Es war noch genauso wie bei seinem ersten Besuch, versteckt durch mehrere Büsche und Bäume, aber da sie diesmal etwas kahler waren als damals im Herbst, hatte er geringe Probleme, den Eingang zu finden. Vorsichtig öffnete er die Tür und lugte in das schummrige Dämmerlicht rein.
Sachiko war bereits da. Er sah sie sofort. Sie saß an einem der Tische, nippte an einer Tasse und rauchte währenddessen. Ihre Haare hatte sie mit einer Lotusblütenspange nach oben gesteckt und dezenter Goldschmuck funkelte im gedämmten Licht des Cafés. Mit der cremefarbenen Bluse und dem dünnen Seidenschal um ihren Hals sah sie aus wie eine richtige Lady. Adam kam sich mit den alten Jeans und seinen normalen Outfit ein bisschen schäbig vor. Wieso musste er sich auch in die Gesellschaft von High-Society-Leuten begeben?
Leise betrat er das Café, nickte dem Mann hinter der Theke, der ihn das letzte Mal so herzlich begrüßt hatte, zu und glitt dann auf den Stuhl gegenüber Sachiko.
„HI!“
Sie lächelte ihn sanft an. Anscheinend hatte sie seine Anwesenheit schon am Eingang gemerkt, denn sie wirkte kein bisschen überrascht. „Hi. Du siehst müde aus. Schlecht geschlafen?“
„Kann man wohl sagen.“ Er atmete einmal tief durch. „Was hat... Leon erzählt?“ Wieso sollte er seichten Smalltalk führen, wenn sie doch beide wussten, wieso sie sich getroffen hatten? „Ich mein, wie geht’s ihm? Welche Stimmung... also... ach... du weißt schon...“
„Er hat jedenfalls einen hübschen Fleck auf seiner linken Gesichtshälfte. Du hast gut zugeschlagen, dass muss man dir lassen.“
Sie lachte leise auf, doch Adam sank das Herz ein Stückchen weit nach unten. Das war nicht wirklich seine Absicht gewesen. Und auch nicht wirklich erfreulich.
„Er ist wütend?“
„Das ist nicht so der richtige Ausdruck.“ Sie strich sich überlegend über das Kinn. „Geschockt... nein, hm... es ist schwer zu beschreiben. Eine Mischung aus beleidigt, geschockt, stink sauer, verletzt, amüsiert... na ja, wie gesagt, schwer zu beschreiben. Zumindest hat er nichts getrunken, so schlecht kann es ihm also gar nicht gehen.“
„Oh. Gut.“ Mist. Es hätte ihm ruhig ein wenig schlechter gehen können. „Fein...“
„Dafür hat er einige seiner schönsten Gläser zerdeppert. Ich liebe seine Wutausbrüche, sind wirklich göttlich.“ Ihr Lächeln wurde noch eine Spur sarkastischer. „Danach heißt es immer, neue Sachen einkaufen gehen. Nächste Woche ist also wohl shoppen angesagt.“
Irgendwie konnte Adam darin nichts Gutes sehen. Das alles hörte sich sehr unversöhnlich an. Sehr, sehr unversöhnlich.
„Er hasst mich, kann das sein?“
Sachiko musterte ihn einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. „Leon macht sich nicht die Mühe, jemanden zu hassen. Er kann bestimmte Leute vielleicht nicht ausstehen, weil sie ihm auf den Wecker gehen oder etwas in der Art, aber hassen tut er niemanden.“ Sie strich sich einige Strähnen zurück. „Und dich schon gar nicht. Ich will mich nicht aus dem Fenster herauslehnen und sagen, du würdest ihm viel bedeuten, aber egal bist du ihm nicht. Sonst wäre er jetzt nicht in diesem absolut ungewöhnlichen Zustand. Ja, ehrlich, ich hab ihn so noch nie erlebt.“ Für einen kurzen Moment hielt sie inne. „Du willst dich wieder mit ihm versöhnen, oder?“
„Sowas in der Art, ja.“ Adam wusste nicht, ob er Sachikos Worte positiv auffassen sollte. War es gut, dass Leon noch nie in diesem Zustand gewesen war? Oder doch eher schlecht? „Ich... liebe ihn, aber ich will mich nicht zu seinem Spielzeug degradieren lassen. Ich bin immer noch ein eigenständiges Wesen, das Gefühle und Wünsche hat. Und das verletzt werden kann. Auf eine Art, die nicht so schnell heilt. Ich bin nichts, was man einfach so besitzen kann.“
„Mhm.“ Sachiko nippte an ihrem Kaffee. „Wieso sagst du ihm das nicht?“
„Wa... was?“
Sie wurden kurz von einer Kellnerin unterbrochen, die Adams Bestellung aufnahm. Dann wendete er sich wieder der jungen Frau vor sich zu.
„Was soll ich ihm sagen?“
„Das du ihn liebst. Zum Beispiel.“
„Bist du wahnsinnig?“ Adam sah sie ungläubig und absolut fassungslos an. War das ihr Ernst? Ne, oder? „Ich kann doch nicht... ich kann ihm das doch nicht so einfach sagen. Ich mein... ich... mein...“
„Du würdest dich damit nur noch verletzlicher machen?“ Sie lehnte sich zurück und legte den Kopf ein wenig schief. „Das stimmt. Wenn man seine Gefühle preisgibt, macht man sich immer ein Stückchen verletzlicher. Aber wenn du etwas haben willst, musst du auch einen Preis dafür zahlen. Wenn du Leon haben willst, musst du vielleicht diesen Preis zahlen. Und wenn der Preis der Stolz ist, den du überwinden musst... Tja, ist er dir das wert?.“
„Und wieso kann er nicht einen Preis zahlen, weil er mich haben will?“ Er rieb sich über die Stirn. „Wieso kann er seinen Stolz nicht überwinden?“
„Vielleicht, weil er dich noch nicht so haben will, wie du ihn.“
„Weil er mich also nicht liebt? Danke auch, das wollte ich hören.“ Rosige Aussichten. Er hatte sich ein bisschen was besseres erhofft.
Sie atmete einmal tief durch und legte ihre Fingerspitzen sanft auf seine Hand. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was er für dich empfindet. Anfangs dachte ich, um ehrlich zu sein, dass er nur mit dir spielen will. Aber so langsam zweifle ich daran. Ich weiß nicht, ob er dich liebt. Um genau zu sein, bezweifle ich das sogar sehr. Aber du bedeutest ihm sehr viel. Er war noch nie, noch nie so wütend, nur weil sein Betthäschen mit jemand anderem rumgeknutscht hat. Oder weil sein Betthäschen ihm die Meinung gegeigt hat. Noch nie. Deswegen... ich glaub, da ist mehr dahinter. Ich weiß nur noch nicht was.“
„Und wieso kann es nicht Liebe sein?“ Seine Stimme klang wie ein Betteln, wie ein Flehen. Er wusste nicht, an was er sich sonst klammern konnte, wenn nicht an die Worte von der Person, die Leon wohl am Besten kannte und am Nächsten war.
Vorsichtig nahm sie ihre Hand wieder runter und verschränkte ihre Finger miteinander. „Ich glaub, er ist noch nicht bereit dafür. Jedenfalls nicht dafür, dich zu lieben. Es ist kompliziert. Und ich will und werde es jetzt auch nicht erklären.“ Ihr Blick, ihre dunklen Augen verfinsterten sich noch um eine Nuance mehr. „Wenn du ihn wirklich erobern willst, wirst du sehr viel Geduld mitbringen müssen. Geduld, Zeit und Belastbarkeit.“
Adam verkniff es sich, nach diesem ominösen Suo zu fragen. Auch wenn sich sein Verdacht, Leons Verkorkstheit hatte etwas mit ihm zu tun, immer mehr verstärkte, so hielt Sachikos verschlossener Blick ihn doch davon ab, dieses Thema anzuschneiden. Ein anderes Mal, zu einem besseren Zeitpunkt vielleicht.
„Niemand hat behauptet, er wäre einfach zu handhaben, nicht wahr?“ Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln. „Niemand hat behauptet, es würde leicht werden.“
„Nein, das hat wirklich niemand behauptet. Und das werde ich dir immer wieder bestätigen können. Er ist nicht einfach zu handhaben. Er ist egoistisch, egozentrisch, arrogant, selbstverliebt, eigen. Aber“, sie erwiderte sein Lächeln, „genauso kann er wundervoll zärtlich, sanft und fürsorglich sein. Das dürftest du ja schon selber mitbekommen haben, nicht wahr?“
Er nickte, schüttelte dann aber gleich darauf den Kopf. „Ich werde aber nicht den ersten Schritt machen, Sachiko. Ich werde nicht zu ihm angekrochen kommen und ihn darum bitten, mich wieder aufzunehmen.“
„Das erwartet auch keiner von dir. Das will ich auch gar nicht, wirklich.“ Sie lehnte sich zurück und nahm wieder einen Schluck von ihrem Kaffee. „Ich will nur, dass, wenn er zu dir kommt und mit dir reden will, du ihm auch zuhörst, egal was er zu sagen hat. Das du ihn nicht abweist, egal wie sehr dir vielleicht danach ist.“ Ein fast schon fieses Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Glaub mir, ich will gar nicht, dass du es ihm so leicht machst. Er hat es verdient zu erfahren, dass er nicht alles kriegen kann. Und das er sich ab und zu selbst in Bewegung setzten sollte, wenn er etwas haben will.“
„Du bist ja fast schon richtig gemein und schadenfroh.“ Adam pfiff leise durch die Lippen, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen.
„Natürlich. Ab und zu muss das einfach auch sein.“, meinte sie nur lapidar, ohne mit der Wimper zu zucken.
Müde legte er den Kopf nach hinten und strich sich mit beiden Händen durch die Haare. „Das heißt, ich soll lieber nichts großartiges machen außer ehrlich sein? Ihn zappeln lassen und auf seinen nächsten Schritt warten?“
„Mhm, so in etwa.“
„Gut. Okay.“ Er schloss kurz die Augen. „Ich werde ihn vermissen. Ich werde ihn jeden Tag, den ich ihn nicht sehe, so verdammt vermissen. Verdammt.“
„Ich weiß. Aber wenn du ihm die Arbeit abnimmst, wird er wieder nichts draus lernen. Glaub mir, warte ab. So ist es am besten.“ Sie seufzte leise. „Leon zu lieben bedeutet geduldig in einer Ecke zu sitzen und zu warten, bis er zu dir kommt. Wie eine Spinne, die darauf wartet, dass sich der Schmetterling im Netz verfängt. Du spinnst dein Netz, setzt dich dann in eine Ecke und wartest.“
„Ich hab noch nichts davon gemerkt, dass ich irgendwas spinne. Höchstens hier oben.“, erwiderte er lakonisch und tippte sich an die Schläfe.
„Du machst es eher unbewusst.“ Sie grinste. „Sowohl das eine wie auch das andere. Wir sind doch alle ein bisschen bluna.“
Adam sah sie für einen Moment verdattert an und brach dann in haltloses Gekicher aus. So einen ordinären, jugendlichen Satz aus ihrem Mund zu hören, war ungewöhnlich, verdammt ungewöhnlich. Und zeigte, dass sie doch normaler war als er dachte. Ihre Anwesenheit tat einfach nur gut.
„Danke.“ Er sah sie von unten her an. „Danke für deine Hilfe.“
„Gern geschehen. Ich tu das nicht nur für dich oder Leon, sondern auch für mich. Schließlich bin ich die Leidtragende, wenn Leon mal nicht so gut gelaunt ist.“
„Joah, glaub ich dir aufs Wort.“
„Lass uns das Thema wechseln. Wir haben dem großen Künstler schon genug Tribut geleistet, wir müssen nicht noch mehr über ihn reden.“
Adam nickte, und obwohl er mit den Gedanken immer wieder zu Leon zurück kehrte, genoss er die zwanglose Unterhaltung mit Sachiko. Bisher hatte er sie schließlich immer nur im Zusammenhang mit Leon kennen gelernt, und die Tatsache, dass sie auch als eigenständige Person durchaus sein Interesse gewann, freute ihn. Sie war offen und ehrlich, sehr erwachsen in ihrem Benehmen, aber anscheinend trotzdem für jeden Spaß zu haben. Jemand, mit dem man rumhängen und chillen konnte. Und, im Gegensatz zu den meisten weiblichen Wesen in seinem Alter, war sie definitiv nicht die typische Schickimicki-Zicke. Eine Wohltat sondergleichen.
Es war schon spät, als sie schließlich aufbrachen. Sachiko chauffierte Adam zu André, ohne auch nur das geringste Wort darüber zu verlieren, dass er sich bei der Person aufhielt, die Leon so wütend gemacht hatte. Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete sie sich, und kurz darauf sah Adam nur noch die Rücklichter ihres Wagens. Er seufzte, rückte den Schal zurecht und betrat dann das Haus, in dem sich Andrés Loft befand. Während er langsam mit dem Aufzug nach oben fuhr, lehnte er sich gegen die Wand und schloss die Augen.
Abwarten und Tee trinken. Abwarten, was Leon machen würde. Er hasste es zu warten. Auch wenn er definitiv bei Leon vorbei musste, um seine Sachen zu holen, schien es nach Sachiko eher so, dass Leon da wohl nichts machen würde. Wie lange sollte Adam also warten? Tage? Wochen? Länger? Er vermisste ihn jetzt schon. Mit leerem Blick strich er sich über seine pochende Hand. Er vermisste ihn jetzt schon so verdammt, verdammt schmerzlich, dass er wohl noch wahnsinnig werden würde. Wahnsinniger als er es sowieso schon war.
Mit einem ‚Pling’ hielt der Aufzug. Er trat vor die Tür und wollte gerade klingeln, da wurde sie auch schon mit einem Ruck aufgerissen. Erschrocken zuckte Adam zusammen.
„Eh... da bin ich wieder.“, stammelte er etwas unsicher. Hatte André die ganze Zeit gewartet?
„Ist wohl später geworden, was?“ André lächelte.
„Ja. Wir haben uns verquatscht.“ Er schlüpfte am Tänzer vorbei und zog seine Jacke und Schuhe aus. „Aber zumindest, na ja... geht’s mir jetzt doch ein bisschen besser. Und ich bin müde, totmüde.“
„Na, immerhin. Hunger hast du wohl auch keinen?“ Der Tänzer nahm ihm die Jacke ab und hängte sie über den Kleiderständer.
„Nein, nicht wirklich. Willst du mich mästen oder was?“
Er streckte ihm kurz die Zunge raus. „Ich mach mir nur über dein körperliches Wohlbefinden Sorgen. Irgendjemand muss das ja tun, wenn schon nicht du selber.“
Adam sah ihn für einen Moment ausdruckslos an. Dann verzog sich sein Mund zu einem verschmitzen Grinsen, ohne das er ein weiteres Wort sagte. Es tat gut zu wissen, dass man Leute um einen herum hatte, die sich so um ihn kümmerten. Für ihn war es ungewohnt, denn bisher hatte er nur seine Eltern gehabt. Andere Menschen brauchte er nicht, hatte er gedacht. Und sich ziemlich geirrt, wie er jetzt merkte. Er brauchte sie, diese kleinen Wohltaten von Freunden, von Menschen, die nicht seine Familie darstellten, sondern einfach nur aus Sympathie und Zuneigung gut zu ihm waren. Und er konnte sich glücklich schätzen, dass er solche Leute tatsächlich getroffen und für sich gewonnen hatte. Wirklich, wirklich glücklich.
„Was?“ André sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Dein Grinsen ist mir suspekt.“
„Nichts. Nichts weiter.“ Adam streckte sich. „Ich will im Moment eigentlich nur noch ins Bett. Hast du was dagegen?“
„Nein. Absolut nicht. Aber“, er zog das Wort ein bisschen, „wie wär’s, wenn du bei mir im Bett schläfst? Die Couch ist nicht wirklich gemütlich, und ich will nicht, dass du dich wieder erkältest.“
„Wah, ne Nacht auf nem Wasserbett? Na, da sag ich bestimmt nicht nein.“ Sein Grinsen wurde noch etwas breiter und ohne lange zu fackeln tappte er zum Bett und schmiss sich genüsslich drauf. „Ich glaub, so was muss ich mir auch mal zulegen. Wobei, ist da der Sex nicht etwas sehr... eh, seltsam?“
„Probier’s doch aus.“
„Ha, klar. Soll ich Leon anbetteln, ich will es mal auf einem Wasserbett probieren oder was?“
André öffnete kurz den Mund, als ob er etwas sagen wollte, klappte ihn aber gleich darauf wieder zu. „Geld genug hat er ja.“, meinte er dann schlicht. „Er könnte sich so was bestimmt zulegen.“
„Ne, ne, ein andermal vielleicht.“
Der Tänzer nickte, holte Adams Bettzeug von der Couch und breitete es auf dem Bett aus, während Adam eine lockere Jogginghose, die André für ihn bereitgelegt hatte, anzog. In einer Jeans zu schlafen war nicht wirklich das Bequemste, wie er fand.
Er bemerkte die Blicke Andrés, die auf seinem nackten Körper ruhten. Wie sie langsam über seine helle Haut glitten, seinen Rücken nach unten. Sanft seine Pobacken und die Schenkel streichelten. Das tat gut, das tat so verdammt gut. Er war begehrenswert, definitiv. Und das nicht nur für notgeile, exzentrische Künstler, sondern auch für den normalen, männerliebenden Teil der Bevölkerung. Zufrieden zog er die Jogginghose hoch und kroch unter die Decke, sich tief in die Kissen einkuschelnd. Es war angenehm warm, und es wurde noch einen Tick angenehmer, als er Andrés Körper an seinem Rücken spürte und den starken Arm, der sich wie selbstverständlich um seine Schultern legte. Sein Atem strich ihm sanft über seinen Nacken.
„Gute Nacht, Adam.“
„Gute Nacht.“
Die Wärme und das angenehme Gefühl der Geborgenheit breiteten sich langsam in seinen Gliedern aus. Das Licht der Straßenlaternen warf seltsame, skurrile Schatten an die Wände, doch obwohl er das erste Mal in diesem Raum war, das erste Mal diese Schatten sah, fühlte er sich nicht fremd, im Gegenteil. Es war okay. Weil André hier war, eine Person, die er mochte, bei der er sich wohl fühlte und fallen lassen konnte, war es okay. Er schmiegte sich noch etwas enger an ihn und schloss die Augen.
Es würde alles gut werden, bestimmt. Es würde am Ende alles gut werden. Auf die ein oder andere Weise.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 544 Nachricht senden | Erstellt am 13.07.2008 - 23:21 |  |
Jep, Adam ist manchmal blind auf beiden Augen XD" Und macht nichts, wenn der Kommi länger dauert.. ich freu mich umso mehr darüber ^_^
Und hier auch der nächste Teil:
Teil 25
Der Himmel war grau. Adam schloss die Augen und lehnte sich für einige Momente gegen die Tür. Nassgrau. Vielleicht würde es sogar regnen. Kalter, nasser Schneeregen. Der Schnee auf der Straße würde dann zu grauem Matsch werden. Noch grauer und dreckiger als der Himmel es jetzt war. Die Leute würden sich in ihren Häusern verbarrikadieren und nicht mehr rauskommen, bis die Sonne wieder zum Vorschein kam. Oder zumindest der schöne, weiße Schnee. Obwohl er eher das Gefühl hatte, dass es nicht mehr weiß, nicht mehr sanft schneien würde. Nicht mehr so wie der erste Schnee dieses Jahres gewesen war. Unschuldig und rein. Das gehörte, so schien es ihm, einer anderen Zeit an. Einer Zeit, als er sich noch über den weißen Schnee freuen konnte.
Gemächlich drehte er den Kopf, fixierte aus halb geöffneten Augen die Türklingel, die er eigentlich schon längst hätte drücken sollen. Er wusste nicht, wie er es anstellen sollte. Wie er es schaffen sollte, Leon zu begegnen. Gestern, nach dem Gespräch mit Sachiko, war er noch voller Zuversicht und Optimismus gewesen. Doch dieses Hochgefühl hatte nicht lange angehalten. Die Kälte, die gesamte Einsamkeit hatte ihn plötzlich befallen. In den letzten Wochen hatte er sich so sehr in dieses neue Gefühl, dass er nicht kannte, hineingesteigert, in seine unerschöpfliche Liebe zu Leon, dass er gar nicht bemerkte, wie er sich gleichzeitig auch wahnsinnig abhängig davon gemacht hatte. Ohne Leon litt er die reinsten Höllenqualen, vermisste ihn wie verrückt. Seine einhüllende Wärme, seine ruhige Stimme, sein warmes Lächeln, sein unverwechselbarer Geruch. Selbst seine arrogante Art, seine neckenden Worte oder die Wut, die ab und zu in seinen Augen aufblitze, fehlte Adam.
Und mitten in der Nacht war das alles über ihn hereingebrochen, hatte ihn förmlich aus dem Schlaf gerissen. Die Tatsache, dass er ihn eine gewisse, unbestimmte Zeit nicht mehr sehen würde. Oder, wenn es komplett schief lief, er ihn nie wieder sehen würde. Nur noch von Ferne, ein Bekannter, eine kurzfristige Leidenschaft, die man schnell vergaß. Die nicht weiter wichtig war. Er wollte das nicht. Er wollte das auf keinen Fall. Der Gedanke, Leon durch seinen Ausbruch vielleicht verloren zu haben, hatte ihn schier aufgefressen. So allein, so einsam hatte er sich gefühlt. Mitten in der Nacht, in einem fremden Raum, der nur von Straßenlaternen erhellt wurde. Und dann hatte er einen großen Fehler begangen. Einen Fehler, den er nicht mehr rückgängig machen konnte. Und der noch einige unangenehme Dinge nach sich ziehen würde.
Er schluckte und öffnete wieder komplett die Augen. Nicht dran denken, hieß die Devise. Jetzt musste er sich erst einmal Leon stellen. Ihm kam es schon jetzt wie ein Spießrutenlauf vor. Mit ihm reden, ihn sehen, sein Haus besuchen, dort, wo Leon in jeder Ecke, in jeder Nische zu spüren war. Sein Refugium. Die Höhle des Löwen. Adam lachte kurz trocken auf. Wie passend.
Mit einem Ruck drehte er sich zur Tür und musterte sie. Er durfte nur nicht aufgeben. Er durfte nur nicht seine eigenen Prinzipien vergessen und sich hinreißen, verführen lassen. Nein, er musste ehrlich sein. Zu Leon. Und zu sich selber.
Langsam hob er die Hand und legte die Fingerspitzen auf die Klingel. Zögerte noch einmal kurz, bevor er dann den Druck verstärkte. Er hörte den hellen Glockenton durch die Eingangshalle schallen. Soweit er wusste, hörte man die Klingel nur im Atelier nicht. Dort, wo Leon auf keinen Fall gestört werden wollte. In seinem kleinen, privaten Heiligtum. In seinem Ein und Alles.
Es regte sich nichts. Keine Schritte, keine Türen, die geöffnet wurden. Konnte es tatsächlich sein, dass Leon gar nicht da war? Nein. Irgendwie glaubte er das nicht. War er in seinem Atelier? Schon wahrscheinlicher. Vielleicht versuchte er sich an einem neuen Meisterwerk oder hatte sogar eins seiner Modells bei sich. Er seufzte. Die Kälte kroch ihm unter die Jacke, tief in sein Innerstes. Er hatte keine Lust zu frieren. Bevor er jedoch noch mal klingeln konnte, wurde die Tür geöffnet. Nicht aufgerissen, als ob jemand ungeduldig auf ihn gewartet hätte. Nein, nur geöffnet, als ob man alle Zeit der Welt hätte. Als ob es nicht weiter wichtig wäre. Er hatte nicht mal Schritte gehört.
Sie sahen sich einen Moment, einen sehr, sehr langen Moment nur an. So als ob sie sich das erste Mal sahen und nicht wussten, wo sie das Gesicht des Anderen einordnen sollten. So als wären sie sich fremd und doch wieder nicht.
Adam nahm sich die Zeit, ihn zu mustern. Seine rauchgrauen Augen ruhten genauso auf ihm, nicht neugierig, eher abwartend. Nicht wütend oder verletzt, nicht mal amüsiert. Kein einziges der Gefühle, die Sachiko erwähnt hatte, waren darin zu sehen. Ruhe, nur innere Ruhe. Wie ein Bergsee, in dessen Wasser sich der graue regnerische Himmel spiegelte. Seine Haare hatte er locker zusammen gebunden. Einige wenige glitzernde Strähnen fielen in sein Gesicht, umspielten seine markanten Züge. Der blau-violette Fleck, der sich über seinen Wangenknochen erstreckte, tat seiner Schönheit, seiner Ausstrahlung keinen Abbruch. Es war fast das Gegenteil der Fall, er machte alles noch interessanter, in seinem Kontrast zum sonst makellosen Gesicht alles nur reizvoller.
Adams Blick wanderte weiter nach unten, seine Kinnpartie entlang zu seinem Hals. Er trug ein schwarzes, schlichtes Seidenhemd, dessen oberste Knöpfe offen waren und die Konturen seines Schlüsselbeins freigaben. Die gebräunte Haut blitze unbewusst verführerisch hervor. Irgendetwas, tief in Adam drin, zog sich zusammen. Er hatte sie berührt, diese Haut. Er hatte sie gestreichelt und geküsst, ihre Wärme gespürt. Er hatte seine Male dort hinterlassen. Ob sie wohl noch da waren? Die Male seiner Küsse? Die Male seiner Liebe?
Er schluckte. Das es schwer werden würde, Leon gegenüber zu stehen, war klar. Doch das es so schwer sein würde, hatte er nicht erwartet. Seine Hände zitterten und er vergrub sie noch tiefer in seinen Jackentaschen.
„Ich...“ Er räusperte sich kurz. „Ich will nur meine Sachen holen.“
Seine Stimme klang schwach, nicht wie er selber. Am liebsten hätte er sich ihm in die Arme geworfen, hätte sein Gesicht in seine Halsbeuge geschmiegt und seinen Duft tief in sich aufgesogen. Wer hatte nur solche Dinge wie Stolz und Selbsttreue erfunden? Sie schmerzten doch nur, taten weh.
Leon glitt zur Seite und gab ihm den Weg in die Eingangshalle frei.
„Du kennst den Weg.“, meinte er nur emotionslos. So als ob er einen unliebsamen Gast vor sich hatte, den er möglichst schnell loswerden wollte.
Adam nickte, schlüpfte hinein und zog seine Sachen aus, während Leon sich schon abgewendet hatte und zur Küche ging. Der Junge sah ihm einen Moment nach, sah seinen Rücken, der sich ihm so kalt zugewendet hatte. Wie konnte er noch glauben, dass Leon von sich aus zu ihm kommen, ihn aufsuchen würde? Lächerlich. Naiv und lächerlich.
Bedächtig stieg er die Treppen empor, sah sich um, sog jedes Detail in sich auf. Ja, man spürte den egozentrischen Künstler in jeder Ecke. Wie die Möbel aufgestellt waren, welche Bilder an den Wänden hingen oder welche Nippes die niedrigen Kommoden zierten. Der weiche Teppich unter seinen Füßen erzählte von Leons Vorliebe für Bequemlichkeit, die feinen Vorhänge vor den Fenstern von seinem erlesenen Geschmack. Das gesamte Haus war von seinem Duft, von seiner Präsenz erfüllt. So nah. So verdammt nah, und trotzdem so weit entfernt als ob er auf einem anderen Stern wäre.
In dem Gästezimmer, das kurzzeitig Adams Schlafraum gewesen war, fand er seine Sachen. Selbst die Klamotten, die er am Samstag in der Früh so achtlos in Leons Zimmer gelassen hatte, waren jetzt fein säuberlich auf dem Bett zusammengelegt. Seine Tasche, seine Schulbücher, die er sicherheitshalber mitgenommen hatte, seine ganzen Habseligkeiten. Er musste nur noch alles packen und konnte gehen. Konnte dieses Haus, das er so lieb gewonnen hatte, verlassen. Er wusste, tief in seinem Inneren, dass er mit diesen Gefühlen übertrieb, dass es schließlich kein Abschied für immer sein musste, dass dieses Haus immer noch gerade mal einen kleinen Fußmarsch von ihm entfernt war. Aber er konnte dieses Gefühl der Einsamkeit und Endgültigkeit einfach nicht abschütteln. Ein kleiner Streit. Eigentlich würde doch eine simple Entschuldigung, eine Aussprache alle Probleme beiseite wischen. Eigentlich. Wenn nur dieser dumme, sture Stolz nicht wäre. Sein und Leons Stolz. Er wusste nicht, welcher das größere Problem darstellte.
Es dauerte nicht lang, alles fertig zu machen. Mit einem tiefen Seufzen schmiss er sich die Tasche über die Schulter und tappte wieder nach unten. Aus der Küche hörte er geschäftiges Geklirre. Nun, er konnte sich ja noch verabschieden.
Seine Sachen auf dem Boden abstellend, ging er leise zur Küchentür, schob sie lautlos auf und blieb im Türrahmen stehen. Die Küche war von dämmrigen, grauen Licht des schwindenden Tages erfüllt. Es hüllte alles in schummrigen Nebel, der irgendwie unwirklich erschien. Leise, klassische Musik ertönte, die Adam nicht zuordnen konnte.
Leon bemerkte ihn nicht. Er war damit beschäftigt, einige Trinkgläser verschiedenster Formen, aber von feinster Aufmachung und Qualität, mit einem Tuch abzuwischen und in den Küchenschrank einzuräumen. Adam konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. Anscheinend hatte Leon Sachiko gleich heute schon zum Shoppen geschleppt. Seine Gläser mussten ihm ja wirklich wichtig sein, immerhin würde er sie bei seinem nächsten Wutausbruch bestimmt wieder brauchen.
Adams Grinsen wich wieder einer ernsten Miene. Er würde vermutlich nicht mehr der Grund für seine Ausbrüche sein.
„Ich bin fertig.“
„Ah, okay.“ Leon drehte sich nicht mal zu ihm, sondern rieb ungerührt an einem hartnäckigen Fleck.
„Ist das alles?“
Der Künstler warf ihm einen kurzen Blick zu. „Was soll denn noch sein?“
„Willst du mir nichts sagen?“ Adam stockte kurz. „Hast du mir denn wirklich gar nichts zu sagen? Irgendwas zumindest?“
„Wieso sollte ich?“ Er drehte sich nicht einmal zu ihm, putze weiter an seinen Gläsern. „Du hast dich ausgekotzt, deine Wut über mich freigelassen. Und? Mit dem, was du gesagt hattest, hattest du ja auch Recht. Was soll ich also noch großartig sagen?“
„Und das ist dir alles egal?“ Er sah ihn ungläubig an. Konnte das tatsächlich sein?
Leon zuckte nur mit den Schultern. „Was willst du eigentlich, Adam?“ Er bequemte sich doch noch, sich zu ihm zu drehen und ihn anzuschauen. Erst jetzt merkte Adam, wie müde er eigentlich wirkte. Nicht niedergeschlagen, nur müde und erschöpft. „Du solltest mich doch kennen, wissen, wie ich mit anderen umgehe. Also, was willst du?“
„Ich will nicht, dass du mich als Spielzeug ansiehst. Oder als Besitz.“ Sein Mund fühlte sich mit einem Mal wie ausgetrocknet an, und sein Innerstes zog sich auf unangenehme Weise zusammen. Er spürte, wie ihm langsam heiß wurde. „Ich will nicht, dass du mit mir nur deswegen zusammen bist, damit ich nur dir gehöre, damit du Ansprüche auf mich hast.“
Leon schnaubte kurz auf. Verächtlich? Ungläubig? „Und weswegen sonst?“
„Vielleicht, weil du mich liebst? Der einfachste, ordinärste Grund?“ Er sprach etwas schneller. Ehrlich sein, hatte Sachiko gesagt. Gut, dann würde er ehrlich sein. Adam atmete einmal tief durch und fing Leons Augen mit seinem Blick ein. „Ich liebe dich, Leon, aber ich will nicht von dir benutzt werden.“
Zuerst kam gar nichts. Keine Reaktion, so als ob Leon nichts gehört hätte. Dann, langsam, weiteten sich seine Augen. Ein verwirrter, ungläubiger Ausdruck trat in sie, überzog wie ein Schatten das hübsche Rauchgrau. Er schüttelte den Kopf, als ob das grad gehörte nur ein Wahn, eine irre Idee gewesen wäre.
„Das ist lächerlich, Adam. Verheddere dich nicht in irgendwelche Wunschgespinste.“ Vorsichtig stellte er das Glas, das er gerade in der Hand gehalten hatte, ab. „Schon allein deswegen, weil ich sie nicht erwidere. Gar nicht erwidern könnte.“ Mit einigen wenigen Schritten war er zu ihm gekommen und drehte ihn um. „Du solltest gehen. Du hast alles, nicht wahr?“
Adam konnte nur nicken. Am Liebsten hätte er laut losgelacht. Was hatte er sich eigentlich eingebildet? Das Leon voller Freude zu ihm springen und sagen würde „Ich dich auch“? Er hatte gewusst, dass Leon es nicht erwiderte. Er hatte es doch gewusst. Wieso tat es dann trotzdem so verdammt, verdammt weh? Wieso fühlte es sich dann trotzdem so an, als ob sein Herz gerade in tausend kleine Teile zersprungen wäre? Wieso, verdammt noch mal, wieso?
„Was ist mit dem Modell stehen?“ Leons ungerührte Frage kam, als sie schon direkt bei der Tür waren. „Kommst du trotzdem noch? Ich wollte dein Bild eigentlich für eine Ausstellung benutzen.“
Leichter Unglaube machte sich in Adam breit. Wie konnte er einfach nur so drüber hinweg gehen? Er hatte ihm gerade seine Liebe gestanden und ihn interessierte nur das Bild? Das war doch so was von scheißegal. So absolut egal. Und so typisch Leon.
Aber ihm fehlte die Kraft, noch irgendwie wütend zu reagieren.
„Vorerst nicht.“ Langsam zog er seine Sachen an und hob die Tasche hoch. „Vielleicht in zwei, drei Wochen. Oder später. Keine Ahnung, ich meld mich dann.“
“Hm. Ich verstehe.“
Nichts verstehst du, du gefühlloser Hornochse. Gar nichts. Gibt es für dich denn nichts wichtigeres als deine Kunst? Als dich selber?
Adam konnte ihm nicht ins Gesicht schauen. Wollte es einfach nicht. Nicht jetzt.
„Also dann. Viel Spaß noch.“
Leon antwortete nicht. Auch egal. Langsam öffnete er die Tür ein Stück weit. Draußen hatte es zu schneien angefangen. Schneeregen, wie er es prophezeit hatte. Es konnte ja nur noch besser werden.
Plötzlich knallte Leon seine Hände gegen die Tür, so dass sie wieder ins Schloss zurück fiel. Adam zuckte erschrocken zusammen. Spürte Leons Atem an seinem Hinterkopf. Zögernd drehte er sich um, mit dem Rücken zur Tür. Leon war nah, viel zu nah.
Einen Augenblick später spürte er seine Lippen auf den eigenen. Ein warmes Gefühl überflutete ihn. Er hatte es vermisst, so sehr vermisst. Diese Süße, die ihn fast um den Verstand brachte. Weiche Lippen, ein warmer Körper nah an seinem. Seine Beine fingen an zu zittern. Konnte er das wirklich so einfach hinter sich lassen? Wollte er das wegen seinem Stolz wirklich aufgeben?
Leons Zunge glitt gemächlich in Adams Mund, umspielte zärtlich seine Zähne, drang etwas tiefer und streichelte seinen Gaumen. Umgarnte Adams Zunge, langsam, bedächtig. Sie hatten alle Zeit der Welt.
Mühsam unterdrückte er den Drang, seine Tasche fallen zu lassen und die Arme um Leons Nacken zu schlingen, ihn noch enger zu sich zu ziehen.. Stattdessen umklammerte er ihren Griff fester, ließ sich gegen die Tür fallen, gab sich dem Kuss hin. Genießen. Einfach nur genießen. Und sich hingeben.
Er spürte, wie sein Widerstand langsam bröckelte, sein Stolz sich zu verabschieden suchen. Er hatte es so sehr vermisst. So sehr. Verdammt!
Mit einem Keuchen drückte Adam Leon von sich, löste ihre Münder von einander.
„Das war jetzt wohl der Abschiedskuss, was?“ In seiner atemlosen Stimme schwang ein Hauch von Lachen mit. Selbstironisches Lachen. „Ich brauch dein Mitleid nicht.“ Ohne aufzuschauen, kramte er seinen Schlüsselbund aus seiner Tasche, löste Leons Hausschlüssel davon und legte ihn ihm in die Hand. „Den brauch ich auch nicht mehr.“
Mit einem Ruck drehte er sich zur Tür und riss sie auf. Für einen Moment blieb er stehen.
„Wenn du so scharf auf mich bist,“, er zitterte, „wenn du wirklich so scharf auf mich bist, dann such nach einem Weg, mich wieder zu erlangen. Auch wenn ich nicht weiß, wie das gehen sollte. Oder ob es dir überhaupt die Mühe wert ist. Aber eins verspreche ich dir: Ich werde nicht angekrochen kommen und deine Fußspitzen lecken. Ich werde nicht dein Spielzeug sein.“
Ohne auf eine Antwort zu warten trat er nach draußen und zog die Tür hinter sich zu. Ein Windstoß fegte einen Regenschauer in sein Gesicht, das er angewidert verzog. Die Kälte kroch unter seine Jacke, bis tief in sein Innerstes. Drinnen war es warm gewesen, angenehm warm. Sein Blick wanderte nach oben, zum grauen Himmel. Wieso hatte er ihn jetzt küssen müssen? Er hatte ihm mit aller Brutalität wieder vor Augen geführt, was er von sich wegstieß. Und ihm seine Liebe wieder und wieder bewusst gemacht. Diese Liebe, die ihn überschäumte, einfing und nicht mehr losließ. Diese gottverdammte Liebe. Sie hatte ihn gewärmt.
Trotzdem, er fühlte sich hier draußen wohler. Hier konnte er atmen. Hier konnte er frei und er selber sein, ohne nach Leons Pfeife tanzen zu müssen.
Keine Kompromisse, nicht wahr? Er musste sich selber verteidigen, durfte seine Ideale und Prinzipien nicht verraten, durfte nicht zu einem schwächlichen Spielball Leons werden. Keine Kompromisse. Jetzt war Leon am Zug.
Er fühlte sich gut.
Doch trotzdem benässten Tränen seine Wangen.
Und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Musik Suos Pianospiel gewesen war.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |