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Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 553 Nachricht senden | Erstellt am 10.06.2007 - 07:03 |  |
Teil 9
Die kargen Sonnenstrahlen fielen durch die Baumkronen, während der kalte Wind durch die Blätter raschelte und wie eine Eishand unter die Haut fuhr. Adam beugte sich keuchend vor und zog seine Sportjacke etwas fester um sich. Sein Blick wanderte verärgert zum Sportlehrer, der sich in eine warme Jacke eingehüllt hatte und grad mit einigen seiner Klassenkameraden plauderte. Klar, wenn man so ein fettes Teil an hatte, störte einen der Wind kein Stück. Adam richtete sich wieder auf und blickte über den Sportplatz. Nur weil es heute nicht regnete und die Sonne ab und zu zwischen den dunklen Wolken hervorblitze, dachte der Typ, er könnte seine lieben Schüler nach draußen jagen, damit sie ein paar Bahnen rannten. Anscheinend war es ihm völlig egal, dass man sich bei dem Wetter umso leichter erkälten konnte, wenn man sich durch sportliche Betätigung erwärmte. Leise vor sich hinfluchend stapfte Adam zu seiner Wasserflasche, immer noch leicht fröstelnd. Kaum hatte er ein paar Schlucke genommen, hörte er auch die liebliche Stimme von Mister Ich-bin-der-Lehrer-ich-sage-wo-es-lang-geht.
„Adam, keine Pausen machen! Du musst noch fünf Runden laufen! Auf, dalli, sofort!!!“
Na, trinken war anscheinend auch nicht mehr erlaubt. Adam schenkte ihm ein kurzes Funkeln, warf seine Flasche wieder auf ihren Platz und betrat die Bahn. Außer ihm war nur noch ein anderer Mitschüler am Laufen. Gedämpft schimpfend setze er sich in Bewegung. Nur weil er sich nicht bei jeder Gelegenheit bei diesem Sack einschleimte, wie es die taten, die gerade um ihn herum standen und nicht mal die Hälfte der vorgegebenen Runden hinter sich hatten, es machten, wurde er von diesem korrupten Arschloch bei jeder Gelegenheit nieder gemacht. Aber gut, dass konnte ihm ja egal sein. Wenn er wollte, dass er rannte, würde er rennen. Schließlich joggte er mehrmals die Woche, die paar Runden würden für ihn gewiss kein Problem darstellen.
Im Gegensatz zu seinen Leidensgenossen, wie es schien. Er lief mehrere Meter vor Adam, so dass dieser einen guten Blick auf ihn hatte. Selbst aus dieser Entfernung hörte er sein Keuchen, und er hielt immer wieder mal an, um sich zu erholen. Bald hatte Adam ihn überholt. Er verlangsamte sein Tempo und sammelte kurz die Informationen in seinem Gedächtnis zusammen, die er über den Jungen hatte.
Es waren nicht viele.
Sein Name war Muse, er stammte aus der Parallelklasse und gehörte zu der Sorte Mensch, auf der immer rumgehackt wurde. Wie Adam es mitbekommen hatte, war er das Lieblingsopfer der Klassenbosse, und auch der Sportlehrer behandelte ihn wie den letzten Dreck, da man bei ihm nicht gerade von Sportlichkeit reden konnte. Es kursierten haufenweise Gerüchte über ihn, die von Mafiazugehörigkeit über Massenvergewaltigungen bis zu Prostitution und Selbstmordversuchen reichten. Die Wahrheit kannte keiner, da sich noch keiner mit ihm näher befasst hatte. Und so was wie Freunde schien er nicht zu haben.
Muse war ein Außenseiter wie Adam. Nur das Adam sich nicht von anderen fertig machen ließ.
Innerlich zuckte er mit den Schultern. Er wollte mit ihm eigentlich auch nichts zu tun haben. Ihm konnte es schließlich egal sein, wenn jemand nicht den Mumm aufbrachte, sich zu wehren. Und er wusste zu wenig Fakten über ihn, als das er ihn interessieren würde. Er war nur ein flüchtiger Gedanke, um die Langeweile zu vertreiben.
„Hey, Schwuchtel.“ Adam zuckte leicht zusammen. „Adam, ihr könnt aufhören. Die Stunde ist vorbei.“
Ah, er war gar nicht gemeint gewesen. Adam schielte kurz zu Muse hin. Stimmt, das hartnäckigste Gerücht bestand darin, dass er schwul sei. Von der Seite her musterte er ihn. Er sah nicht wie der typische Klischeeschwule aus und von sich aus wäre Adam nie drauf gekommen. Groß, schlank, ein wenig knochig, aber in keinster Weise feminin. Seine Wangenknochen stachen etwas hervor und er ließ sich einen Spitzbart wachsen. Die schulterlangen, dunkelblonden Haare hingen ihm meistens ins Gesicht, da er eine leicht geduckte Haltung hatte. Würde er mit mehr Selbstbewusstsein auftreten und aufrecht gehen, würde ihn keiner nieder machen.
Einige Schritte hinter ihm betrat Adam die Umkleidekabine. Die anderen Jungs hatten sich bereits geduscht und den Raum längst verlassen. Klar, der Lehrer hatte für seine Lieblinge den Unterricht schon früher beendet. Wenn er jetzt darüber nachdachte, hatte Muse sich tatsächlich immer erst dann zum Umziehen begeben, wenn die anderen alle schon fertig waren. Aus Rücksicht, weil er ihnen kein unangenehmes Gefühl vermitteln wollte? Aus Angst, zu sehr von den nackten Männerkörpern erregt zu werden? Was war an diesem Gerücht dran?
„Stimmt es, dass du schwul bist?“
Man sollte keine unbeantworteten Fragen mit sich herumschleppen.
Er hatte sich seinem Spind zugewendet und Muse nicht angeschaut, und hörte jetzt nur, wie eine Flasche zu Boden fiel. Zum Glück war sie aus Plastik, so dass sie nicht zerbrach. Mit einem Unschuldsblick drehte er sich zu ihm um und schaute in sein halb verärgertes, halb geschocktes Gesicht, dass ihn einige Momente lang anstarrte. Abrupt drehte der Junge sich wieder zu seinem Spind.
„Das geht dich nichts an.“
Seine Stimme klang heiser, ein wenig verängstigt. Adam fiel auf, dass er sie bis jetzt so gut wie nie gehört hatte.
„Na ja, willst du lieber, dass ich einem Gerücht glaube?“ Er drehte sich komplett zu ihm um und trat einen Schritt auf ihn zu. „Ist doch besser, wenn ich dich dann direkt frage.“
Muse gab einen verächtlichen Laut von sich. Er hatte sich immer noch nicht von seinem Spind weggedreht.“ Wenn ich es verneine, wirst du mir ja doch nicht glauben. Und wenn ich es bejahe, rennst du gleich los und erzählst es überall rum, nicht wahr?“
„Wieso sollte ich so was tun?“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte schief. „Mir liegt absolut nichts daran, den Anderen noch mehr Futter zu geben, um auf dir rumzuhacken.“
„Und wieso willst du es dann wissen? Vor allem, jetzt, plötzlich. Du hast mich doch sonst nicht mal mit dem Arsch angeschaut.“
„Es interessiert mich halt.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Und mir ist eben gerade das Gerücht über dich eingefallen. Ich hab mich noch nie mit der Materie auseinander gesetzt, und du bist der erste eventuell Schwule, der mir über den Weg läuft und den ich fragen könnte. Also, bist du oder bist du nicht?“
Langsam, wie in Zeitlupe, drehte sich Muse zu ihm. Einige Augenblicke starrte er nur in Adams Gesicht, ließ seine Augen von einem Punkt zum anderen schweifen, als ob er etwas bestimmtes suchen würde.
„ja, bin ich.“
Adams Lippen verzogen sich zu einen freundlichen, aber sehr mit sich selber zufriedenen Lächeln.
„Siehst du, so schwer war das doch gar nicht. Und ich werde jetzt sicher auch nicht zu den anderen rennen und irgendwas erzählen. Geht die schließlich nichts an.“ Er drehte sich zu seinem Spind um und kramte nach ein paar Klamotten, während er weiter sprach. „Ich hoffe, es stört dich nicht, wenn ich dich dann ab und zu diesbezüglich was frage. Du hast ja sicher Erfahrung, ne?“
„Wieso?“ Muse setzte sich auf die Bank und beobachtete Adams Rücken. „Wieso interessierst du dich dafür? Bist du etwa auch... schwul...?“
Adam hielt kurz in seiner Bewegung inne und warf einen Blick nach hinten.
„Keine Ahnung.“ Er zuckte mit den Schultern. „Da gibt es jemanden. Einen Kerl. Aber... keine Ahnung, ob es nur Neugier ist. Irgendwie. Und... ach, keine Ahnung.“
„Du... hattest noch nie was mit einem Mann, oder?“ Adam schüttelte den Kopf. „Und mit einem Mädchen?“ Wieder Kopfschütteln. „Vielleicht bist du ja auch bi.“
Schulterzucken.
„Ich weiß es nicht.“
Er ließ sich ebenfalls auf der Bank nieder, gegenüber von Muse. Ein wenig wunderte ihn seine plötzliche Redefreude, aber vermutlich konnte Muse nie mit irgendwem darüber sprechen und war jetzt einfach froh, so was wie einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Adam sollte es nicht stören. Ein Knie an sich gezogen, starrte er einen Punkt auf dem Boden an.
„Ich weiß es echt nicht. Mir ist in meinem ganzen Leben bis jetzt noch nie jemand untergekommen, in den ich mich verliebt hätte. Egal ob Mann oder Frau.“ Er schwieg einen Moment. „Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich tatsächlich in ihn verliebt bin. Er... er lässt einem irgendwie gar keine Wahl. Wenn du was mit ihm zu tun hast, bist du von ihm gefangen. Definitiv.“
Muse hörte ihm schweigend zu. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Erleichterung ab, anscheinend, weil Adam ihn nicht mit Vorurteilen überhäufte.
Adam lachte etwas verunsichert auf.
„Sorry, dass ich dich hier so zutexte. Ich mein, wir haben ja sonst nie sonderlich miteinander gesprochen. Hast du nen Freund?“
Muse zuckte zusammen. Sein Gesicht erstarrte förmlich.
„Mhm.“
Er wendete den Blick ab, so als ob er nicht drüber reden wollte. Schien keine sonderlich glückliche Beziehung zu sein. Adam lächelte kurz und entschied, es vorerst dabei zu belassen. Vorerst. Seine Neugier würde früher oder später sowieso wieder siegen.
„Ich geh dann mal Duschen.“
Er wartete einen kurzen Moment, doch Muse blieb sitzen. Hatte er Angst, aufdringlich zu sein? Nun, jedem das seine.
Vorsichtig tappte er in den Duschraum, um auf den kalten und feuchten Fliesen nicht auszurutschen, zog sich aus und stellte sich leicht fröstelnd unter den Duschkopf. Genussvoll drehte er den Wasserhahn auf. Warmes Wasser benetzte seine schweißbedeckte Haut, während er die Augen schloss und sich langsam einseifte. Kaum hatte er die Augen geschlossen und seine Gedanken schweifen lassen, kamen sie auf Leon, obwohl er sich eigentlich mit Muse hatte beschäftigen wollen. Leon und das Treffen am Nachmittag. Er wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er wusste nicht, was Leon machen würde. Ihm zur Begrüßung wieder küssen? Oder es gar nicht erst erwähnen? Es als gängigen Abschiedskuss abtun? Verdammt. Er könnte diesem Kerl den Hals umdrehen. Er würde es vermutlich sogar tun, sollte Leon so was nochmal machen. Mit einem kurzen Knurren drehte er das Wasser wieder zu und schüttelte sich kurz, so dass die Wassertropfen von seinen Haaren in alle Richtungen flogen. Nein, er würde Leon nicht den Hals umdrehen. Inzwischen kannte er seine Reaktionen auf Leon schon so gut, dass er sich sicher war, er würde sich nicht mal annähernd wehren, sondern genauso wie am Samstag völlig erstarrt dran stehen und es über sich ergehen lassen. Das Handtuch um die Hüfte wickelnd verließ er den Duschraum, auf dem Boden nasse Spuren hinterlassend. Muse saß immer noch so dran, wie er ihn verlassen hatte, mit trüben Augen ins Leere starrend.
Adam tippte ihn leicht an die Schulter. Er zuckte zusammen, die Augen erschrocken aufgerissen. Ein Lächeln breitete sich auf Adams Lippen aus, während er mit dem Daumen hinter sich deutete.
„Ich bin fertig. Du kannst also.“
„Oh, ehm. Ja, danke.“ Sein Blick kehrte schnell zum Boden zurück.
Adam lachte leise auf.
„Es stört mich nicht, wenn du mich anschaust. Ich glaube, du hast deine Hormone soweit im Griff, dass du mich nicht gleich überfällst, nicht wahr?“ Er tätschelte kurz seinen Kopf. „Ich bin nicht wie die anderen. Mir kommt es auf den Menschen an, nicht auf seine Sexualität.“
Muse sah auf. Sein Blick glich dem eines getretenen Hundes, der eine Streicheleinheit von einer unbekannten Person bekam. Oh je, Adam hatte eigentlich nicht vor gehabt, zum guten Samariter aufzusteigen. Aber gut, wenn der Junge jemanden brauchte, an den er sich wenden konnte... es kostete ihn ja nichts. Und vielleicht war er ja auch ganz sympathisch.
„Na ja, ich muss langsam mal los. Hab heute Nachmittag noch was vor.“ Er ging zu seinem Schrank und holte seine Klamotten raus. „Wir sehen uns ja vielleicht morgen, ne?“
„Ja.“ Muse stand auf und strich sich mit einer Hand über den Oberarm, ein wenig unsicher. „Bis morgen.“
Er verschwand zögernd im Duschraum, so als ob er Adam noch nicht gehen lassen wollte. So als ob er Angst hätte, würde er jetzt gehen, würde er ihn nicht mehr wiedersehen oder mit ihm reden können. Adam drehte sich nochmal zu ihm um. Irgendwie hatte er ein schlechtes Gefühl bei ihm. Einen schalen Nachgeschmack auf der Zunge, sozusagen. Es war keine gute Idee, sich mit ihm anzufreunden. Es war auch keine gute Idee, irgendetwas mit ihm zu tun zu haben. Trotzdem. Jetzt war es zu spät, und Adam wollte es auch nicht anders. Wenn er Fragen hatte, konnte er sich an ihn wenden, immerhin war er darin schon etwas erfahrener. Und es gab jemanden, bei dem er sich wegen Leon auskotzen konnte. Auch wenn seine Mutter immer ein offenes, verständnisvolles Ohr für ihn hatte, sie war weder männlich noch schwul. Das war ein entscheidender Unterschied.
Mit einem Seufzer zog er sich an und ging in die kühle Mittagsluft raus. Der Wind wehte durch seine nassen Haare und ließ ihn frösteln. Mit einem unzufriedenen Knurren stülpte er sich seine Mütze über den Kopf, kuschelte sich noch mehr in seinen Halbmantel und machte sich auf dem Heimweg. Zum Glück war Sport die letzte Stunde, so dass er sich nicht noch irgendein langweiliges Fach antun musste. Jedoch war seine Freude darüber sehr getrübt, da er immer noch Leon vor sich hatte. Er konnte sich besseres für diesen Nachmittag vorstellen...
Der Wind blies immer noch heftig, als er einige Zeit später in Leons Einfahrt einbog. Kein Wunder, es war Oktober. Das Wetter wurde immer miserabler. Und der liebe Herr Künstler konnte ihn natürlich nicht abholen, nein, er musste bei dieser Kälte durch die halbe Stadt latschen, sich eventuell die Grippe holen und... Gut, auch egal. Adam seufzte. Er wollte ja gar nicht, dass Leon ihn abholte. Es war schon hart genug, mit ihm zwei, drei Stunden alleine im Atelier zu verbringen, da musste er sich nicht noch eine einsame Autofahrt antun. Vor allem nicht nach dem letzten Mal. Nein, wirklich nicht.
Zögernd trat er vor die Tür und starrte sie an, als ob sie eine giftige Schlange wär. Es würde doch bestimmt keinem auffallen, wenn er sich jetzt umdrehen und gehen würde. Oder?
Adam ließ langsam seine Luft aus seinen Lungen weichen. Es half alles nichts. Was sein musste, musste sein. Würde schon schief gehen. Und das seine Hände zitterten, und das sein Herz wie wild klopfte, das würde er einfach ignorieren. Nebensächlichkeiten. Absolute Nebensächlichkeiten. Leon würde das sicher nicht bemerken. Ganz bestimmt. Er hatte ja schließlich keine Adleraugen, denen jede noch so unwichtige Kleinigkeit auffiel. Ne, hatte er nicht.
Mit einem Gefühl, als ob er zum Galgen gehen würde, drückte er zögernd auf die Klingel und vergrub dann beide Hände tief in seinen Hosentaschen. Gespielt gelangweilt schaute er die Auffahrt entlang, während er innerlich tausend Tode starb. Wie zum Teufel sollte er ihn begrüßen?
Es vergingen einige Augenblicke, dann hörte er Schritte, die sich näherten. Er schluckte einmal, um seine trockene Kehle zu befeuchten, und wendete seine Augen langsam der Tür zu, die sich öffnete. Schlimmer hätte es kaum kommen können. Für einen Moment blieb wieder einmal die Zeit stehen.
Auf Leons vollen Lippen lag der Hauch eines Lächelns. Einige Strähnen seines nassen Haares fielen ihm in die Stirn. Ein Wassertropfen glitt seinen Hals entlang nach unten, über sein Schlüsselbein und verschwand irgendwo unter seinem halboffenem Hemd. Die goldene Kreole an seinem Ohr blitzte kurz auf, als er seinen Kopf leicht drehte und Adam für wenige Sekunden schweigend musterte.
„Hi!“
Seine Stimme klang ruhig, vermittelte unangenehme Schauer. Unangenehm für Adam.
„Du holst dir den Tod, wenn du bei diesem Wetter in so einem Aufzug rumläufst.“
Adams Fingernägel gruben sich in sein Fleisch. Wieso musste er nur mal wieder so verdammt gut aussehen? Langsam hatte er ernsthaft das Gefühl, dass Leon das absichtlich machte. Die Vorstellung, ihm den Hals umzudrehen, schien doch angenehmer als erwartet. Es hatte doch bestimmt niemand was dagegen, oder?
Leon lachte kurz auf. „Danke, dass du so um meine Gesundheit besorgt bist, aber ich denke, ich kann ganz gut auf mich selber aufpassen.“
„Das bezweifle ich irgendwie.“
Während sein Gastgeber zur Seite wich, glitt Adam an ihm vorbei ins Haus.
„Willst du eine heiße Schokolade?“ Leon schloss die Tür und ging in Richtung Küche. „Ich hab dir welche gemacht. Ist schließlich kalt draußen.“
„Ja, danke.“
Adam zog seine Jacke und Schuhe aus, legte die Mütze und den Schal auf die Korridorkommode und folgte ihm. An der Tür blieb er kurz stehen und fixierte seinen Rücken, so lang er sich mit den Getränken auseinander setzte.
Nichts. Kein Wort. Nicht mal eine Andeutung. Würde das noch kommen? Oder hatte Leon es unter „nie passiert“ abgelegt? Unwichtige Sache? Nicht weiter erwähnenswert? So ein Kuss hatte keine Bedeutung?
Wäre Adam davor noch froh gewesen, wenn Leon nichts über den Kuss gesagt hätte, machte ihn jetzt das Schweigen wütend. Konnte man so was einfach vergessen? Einfach tot schweigen? Oder als nichtig abstempeln? Verärgert biss er sich auf die Zunge. Würde er sich darüber aufregen, würde Leon es nur missverstehen. Würde vielleicht denken, ihm würde der Kuss was bedeuten oder er hätte ihm gefallen. Oder sonst etwas in die Richtung. Und das wollte er auf jeden Fall verhindern. Leon war jetzt schon so von sich selber überzeugt, er musste dem nicht noch absichtlich Nahrung geben.
Einmal tief durchatmend ließ er sich auf einen Stuhl nieder und legte seine Hände um die Tasse, die ihm Leon kurz darauf hinstellte.
„Der Winter sollte verboten werden.“ Er starrte seine Tasse an, als ob sie für alles verantwortlich wäre.
„Du bist eine Frostbeule.“ Leon strich ihm im Vorbeigehen durch die Haare und holte aus einem Schrank ein paar Kekse raus. „Es ist noch nicht mal Winter. Der Herbst hat ja noch nicht mal richtig angefangen.“
„Na und, kalt ist es trotzdem. Wieso kann es nicht immer Sommer sein?“ Adam setzte einen Schmollmund auf. Wieso mussten sie sich über solche Nichtigkeiten unterhalten?
„Zieh in den Süden. In Afrika wirst du nicht frieren.“ Leon lehnte sich gegen den Tisch und musterte Adam über seine Teetasse hinweg.
„Da wär ich mir nicht so sicher. Ich bin empfindlich.“
„Stimmt, ein kleines Sensibelchen.“
„Hey!“ Adam warf ihm einen verärgerten Blick zu. „Ich bin nicht sensibel. Nur empfindlich. Das ist ein Unterschied!“
„Schon gut, schon gut, Kleiner.“ Leon lachte kurz auf. „Komm, lass uns nach oben gehen. Dort ist es auch ein wenig wärmer.“
Kleiner? Adam hatte nicht mal die Zeit, eine Antwort zu geben, so schnell verließ Leon die Küche, doch so war es wohl auch besser. Die Antwort hätte nur zu Unannehmlichkeiten geführt. Also verbiss er sie sich und folgte seinem Meisterkünstler ins Atelier, in einer Hand die Tasse, in der anderen den Teller mit den Keksen. Wenn sie schon mal da waren, konnte man sie schließlich auch mitnehmen.
Tatsächlich, oben war es um einiges wärmer. Leicht verwundert stellte Adam seine Mitbringsel auf einem kleinen Tischchen ab, während Leon ein paar Sachen zusammen suchte. Wärmer als normal. Er wollte gerade danach fragen, doch Leon war schneller.
„Zieh dich aus.“
Komplett überrumpelt verschluckte er sich an einigen Kekskrümeln und starrte Leon fassungslos an.
“Was?“
“Du sollst dich ausziehen.“ Leon lächelte ihn an, also ob diese Aufforderung das Normalste auf der Welt war. „Denk nichts Falsches. Ich hab schon genug Skizzen von dir, bei denen du angezogen bist. Wenn ich jedoch irgendwas Vernünftiges zeichnen will, brauch ich auch einige von deinem nackten Körper. Na ja, einige viele.“
Adam rührte sich nicht. Diese Antwort sickerte nur langsam in sein Bewusstsein. Natürlich, dass war eine logische Erklärung. Völlig logisch. Aber trotzdem...
„Du musst dich auch nicht ganz ausziehen.“ Leon verdrehte leicht die Augen. „Oberkörper reicht mir vorerst. Also, hopp, hopp.“
Ohne ein weiteres Wort kramte er nach einem Haargummi und flocht sich einen lockeren Zopf, verschränkte dann die Arme und blickte Adam abwartend an.
Dieser drehte sich langsam um, so dass er Leon im Rücken hatte und nicht anschauen musste. Vorerst der Oberkörper? Vorerst? Sollte ihm diese Einschränkung gefallen?
Mit gemächlichen Bewegungen zog er sich seinen Pullover über den Kopf. Es war peinlich. Es war unheimlich peinlich, obwohl es nur der Oberkörper war. Obwohl er im Sommer regelmäßig vor allen möglichen Menschen so rumlief. Am liebsten hätte er das Haus sofort verlassen. Oder zumindest das Zimmer. Oder seinen Körper. Nur nicht mehr Leons Augen auf sich fühlen.
Als ob er alle Zeit der Welt hätte, knöpfte er das Hemd, das er unter dem Pullover trug, auf und ließ es nach unten gleiten. Er zitterte. Ganz leicht, kaum merklich, aber er zitterte. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Wärme. Der Wärme der Person, die zu ihm getreten war und jetzt mit einem Finger sein Rückgrat entlang strich.
„Du treibst viel Sport, kann das sein?“ Er spürte Leons Atem am Hinterkopf. „Du bist sehr durchtrainiert.“
Seine Fingerspitzen wanderten über sein Schulterblatt weiter nach unten und blieben kurz über dem Hosenbund stehen. Langsam legte Leon seine Hand auf die Hüfte.
„Sehr schön.“ Adam konnte sein zufriedenes Lächeln hören. „Wirklich sehr schön.“
„Ein faszinierendes Modell. Für dich als Künstler. Nicht wahr?“ Aus Adams Stimme triefte der Sarkasmus.
„Ja, allerdings.“ Die Fingerspitzen glitten wieder nach oben, über die Schulter nach vorne zu Adams Kinn und hoben es leicht an. „Sehr erotisch. Für mich als Künstler.“ Langsam drehte er sein Gesicht zu sich. „Für mich als Mann“, er legte die andere Hand auf Adams Hüfte und schob den Daumen unter den Hosenbund, während er lächelnd die wütend funkelnden Augen seines Modells betrachtete, „unwiderstehlich.“
Gemächlich zog er ihn an sich und küsste ihn. Sanft. Genüsslich. Absolut von sich selbst überzeugt.
Adam erstarrte. Langsam schloss er die Augen, während ihm sein Herz bis zum Hals hochschlug. Seine Hände, die nutzlos an seinen Seiten herunter hingen, verkrampften sich, ballten sich zu Fäusten. In ihm breitete sich unerträgliche Hitze aus. Das Zittern wurde stärker.
Mit einem Ruck drehte er sich um und stieß sich von Leon weg.
„Lass das!“
Es war nicht viel mehr als nur ein Keuchen. Aber Leon hatte verstanden. Er trat einen Schritt zurück und musterte Adam ruhig, schweigend, während dieser alle Mühe hatte, sich wieder zu fassen.
„Lass das!“, wiederholte er und blitzte Leon wütend an. „Ich bin nicht dein Spielzeug. Ich steh dir Modell, mehr nicht. Absolut nicht mehr. Also hör, Gott verdammt noch mal, auf mit mir zu spielen. Du magst einen anderen Eindruck von mir haben, aber ich bin kein Püppchen, mit dem du machen kannst, was du willst. Verstanden? Hast du verstanden?“
Er zitterte immer noch wie verrückt. Wieso machte ihn dieser Mann nur so wahnsinnig? Wieso konnte er ihm nur so schwer wiederstehen? Würde es so weiter gehen, würde er ihm komplett verfallen, noch mehr als jetzt. Würde es so weiter gehen, würde er ihn wie eine kleine Porzellanfigur zerbrechen.
Leon trat zu ihm und zog ihn an sich, mit einer Hand über sein Haar streichelnd. Adam versteifte sich leicht.
„Ganz ruhig, Ich hab verstanden.“ Er drückte in sanft von sich weg, ließ seine Hände jedoch auf seinen Schultern liegen. „Ich werde dich nicht mehr anfassen. Nicht mehr so.“ Leon lächelte, ein selbstsicheres Lächeln. „Aber glaube nicht, dass die Sache damit abgehakt ist. Du bist unwiderstehlich, in deiner ganzen Art. Und so leicht werde ich nicht aufgeben, was dich angeht.“ Er beugte sich vor und drückte ihm zärtlich seine Lippen auf die Stirn. „Früher oder später wirst du mir gehören. Vergiss das nicht.“ Einige Schritte zurück tretend strich er sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht. „Ich geh nach unten. Sobald du dich beruhigt hast, machen wir weiter.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ den Raum. Adam schaute ihm nach, ohne ihn wirklich zu sehen. Verdammt. Verdammt. Verdammt!!! Er ließ sich auf den Boden fallen und verkrallte seine Hände in seinen Haaren. Verdammt noch mal. Ein bisschen mehr, und er wär eine hilflose, willenlose Puppe in seinen Händen gewesen. Er hätte alles mit sich machen lassen. War das Liebe? Oder Verlangen? Verdammt.
Mit einem Seufzer legte er sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Nur noch ein bisschen mehr... Wie hätte das geendet? Hätte Leon es bei dem Kuss belassen? Oder wär er weiter gegangen? Hätte er es komplett durchgezogen? Und danach? Wären sie Lover geworden? Oder nur ein One-Night-Stand? Oder doch ein Paar? Nein, niemals. Nur ein Püppchen, nur ein Spielzeug. Eine Herausforderung, die es zu meistern galt. Und danach? Nur einer unter vielen. Mehr nicht.
Die Zähne zusammen gebissen schlug er mit der Faust kurz auf den Boden. Das war es nicht, was er wollte. Er wollte was anderes. Und er würde es kriegen. Entweder das... oder gar nichts.
Mit einem selbstironischen Lächeln sprang Adam auf und atmete einmal tief durch. Seine Finger strichen kurz über seine nackte Brust. Er würde Leon in den Wahnsinn treiben. Und als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen.
Seine Miene wurde entschlossen.
Schließlich war er ein Kampftiger.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 553 Nachricht senden | Erstellt am 16.06.2007 - 19:45 |  |
Uups... Mittwoch vergessen ^^°
Teil 10
„Das ist doch nicht dein ernst, oder? Das sieht absolut scheiße aus!“
„Ich hab doch nur... du musst dich nicht gleich so rabiat ausdrücken.“
„Ist doch wahr!“
Adam nahm den Pullover aus Muse’ Händen und begutachtete ihn noch einmal. Dann schüttelte er mit einem fast angeekelten Gesichtsausdruck den Kopf.
„Ne, das geht doch auf keine Kuhhaut, vergiss es. Darin würdest du wie ein 90-jähriger Opa aussehen.“ Mit einem letzten ablehnenden Blick stopfte er den Pullover an seinen Platz zurück und schaute sich kurz um. „Ich glaub nicht, dass wir in dem Laden was finden. Außerdem hab ich Hunger. Gehen wir was essen, dann können wir weiter schauen.“
„Okay.“
Muse’ Antwort kam ein wenig kleinlaut. Adam warf ihm einem Blick zu. Muse würde zu nahezu allem Ja und Amen sagen, was Adam vorschlug, soviel hatte er inzwischen mitbekommen. Er hatte ja von Anfang an gewusst, dass Muse nicht gerade das Selbstbewusstsein in Person war, aber wie gering es dann tatsächlich ausfiel, dass erstaunte ihn immer wieder aufs Neue.
Egal was er sagte, ob es „Gehen wir ins Kino“ oder „Hol Stöckchen“ war, Muse würde es machen, so als ob er Angst hatte, seinen neuen Freund durch eine Weigerung zu verärgern und zu verlieren. Eigentlich kein Wunder, schließlich hatte er bis jetzt nicht sonderlich viele Freunde gehabt, trotzdem war es Adam fast schon unangenehm.
Mit einem innerlichen Schulterzucken dackelte er aus dem Laden, Muse im Schlepptau. Seit sie das erste Mal miteinander ins Gespräch gekommen waren, hatten sie häufiger mal die Pausen miteinander verbracht. Zuerst war es Adam gewesen, der sich fast schon aufgedrängt hatte, aber inzwischen, obwohl nicht mal eine Woche vergangen war, suche Muse von selber seine Gegenwart. Adam störte es in keinster Weise, so hatte er nicht nur ein wenig Gesellschaft, sondern auch einen Zeitvertreib. Und, vor allem, jemanden, der ihn von seinen Gedanken ablenkte. Gedanken, die ihn in jeder einsamen Minute quälten.
Nach der letzten Auseinandersetzung mit Leon hatten sie kaum noch ein Wort gesprochen, doch Leons Blicke hatten sich förmlich in Adams Körper eingebrannt. Jedes Mal, wenn er an ihre letzte Begegnung dachte, an die Berührung der Fingerspitzen, an den Atem, den er warm an seinem Hinterkopf gespürt hatte, an die weichen Lippen, an das angenehmen Gefühl des Körpers, den er im Rücken gehabt hatte, jedes Mal stand er kurz vorm Durchdrehen, davor, allen Stolz und allen Widerstand über Bord zu werfen und sich in Leons Arme zu schmeißen. Einzig, dass er weder eine einmalige Angelegenheit für Leon sein wollte, noch wusste, was er für diesen arroganten Künstler eigentlich empfand, hinderte ihn daran. Leise seufzte er. Das Leben konnte so hart sein.
„Hey, hörst du mir zu?“
Muse sah ihn fast ein wenig vorwurfsvoll an. Fast, nicht ganz, aber man durfte ja nicht zu viel verlangen.
„’tschuldige, was hast du gesagt?“ Adam strich sich leicht verwirrt einige Strähnen aus dem Gesicht. Dieser dämliche Leon hatte sich mal wieder wie eine fiese, kleine Schlange in seine Gedanken geschlichen und seine grauen Zellen nicht mehr losgelassen.
„Wo willst du essen?“ Muse trat ein wenig ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Sonderlich viel Auswahl haben wir ja nicht.“
„Nope.“ Adam runzelte überlegend die Stirn. „Wie wär’s, wir schnappen uns nen Döner und setzten uns dann in den Park? Ist ja warm genug für.“
Es war eher eine rhetorische Frage. Muse würde eh zustimmen, und so war es auch. Der Blondschopf hatte gerade mal Zeit, kurz zu nicken, da zog ihn Adam auch schon am Ärmel mit sich. Einige Minuten später hatten sie es sich bereits im Park auf einer Wiese bequem gemacht, in den Händen ihr Essen.
Konzentriert und schweigend widmeten sie sich ihren Kebabs, doch Adam konnte es nicht unterlassen und warf Muse immer wieder von der Seite Blicke zu. Er versuchte es gar nicht zu verbergen, so das Muse es merkte, ohne jedoch es zu erwähnen. Schließlich, Adam war mit seinem Essen fertig, sprang er auf, kniete sich hinter Muse und raffte seine Haare zusammen. Noch bevor der Junge sich wehren konnte, hatte er seinen Kopf zu sich gedreht und musterte ihn von allen Seiten.
„Willst du nicht mal was mit deinen Haaren machen?“ Adam legte den Kopf schief, kramte ein Haargummi aus seiner Tasche und band die Haare zusammen. „So sieht das viel besser aus. Nicht so ungepflegt. Schon mal daran gedacht?“
„Eh... würdest du das bitte lassen!“ Muse versuchte, ihm seinen Kopf zu entziehen, scheiterte jedoch kläglich. „Ich mag es so, wie es ist.“
„Du oder dein Lover?“
Er drehte weiterhin den Kopf von seinem Freund hin und her. Erst jetzt fielen ihm seine Augen auf. Muse selber war nicht grad der Schönling von nebenan, doch seine Augen hatten eindeutig eine verzaubernde Wirkung. Ein dunkles, schokoladiges Braun, lange Wimpern, die äußeren Augenwinkel schmal und ein wenig nach oben gezogen.
„Ich.“ Es klang ein wenig wie ein Knurren. „Außerdem ist er nicht mein ‚Lover’!“
„Ja ja. Schon gut.“ Er starrte einen Moment länger nachdenklich in sein Gesicht, ließ es dann los und setzte sich im Schneidersitz dann vor ihn.
„Was ist?“ Muse wich ein wenig zurück. „Starr mich nicht so an.“
Er drehte seinen Kopf abrupt zur Seite, so dass sich einige Haarsträhnen lösten und wieder vor sein Gesicht fielen, doch Adam störte sich nicht daran.
„Darf ich was ausprobieren?“ Fragen kostet nichts.
„Was?“ In Muse’ Stimme schwang ein starker Hauch von Misstrauen mit.
„Darf ich dich küssen?“
Hätte er jetzt was getrunken, Muse hätte es sich bestimmt verschluckt. Oder im weiten Bogen ausgespuckt. Statt dessen fielen ihm fast die Augen aus dem Kopf und sein Mund klappte runter. Es sah nicht wirklich toll aus, eher wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten war, aber Adam störte sich nicht daran. Er hatte es sich jetzt in den Kopf gesetzt und wollte es auch durchziehen.
„Wie...wieso?“, stotterte Muse leise.
“Na ja... ich will wissen, wie es ist.“, meinte Adam lapidar. Wieso auch sonst?
„Mich zu küssen?“
„Nen Mann zu küssen.“
„Hast du... hast du diesen einen Kerl noch nicht geküsst oder wie?“ Muse entspannte sich ein wenig, blieb aber trotzdem in Hab-Acht-Stellung, so als ob Adam sich gleich wie ein wildes Tier auf ihn stürzen würde.
„Das ist kein Mann, das ist eine fiese, kleine Schlange. Außerdem, ich will einen Vergleich haben. Ob auch andere Kerle so ne Wirkung auf mich haben.“
„Ich hab nen Freund.“
„Na und? Der wird schon nicht gleich wegen einem Kuss ausflippen.“
„Ja, schon, aber... hier?“
„Hier ist keiner.“ Adam sah sich demonstrativ um. „Uns wird keiner sehen.“
Muse’ Blick blieb skeptisch. „Muss das sein?“
„Ja.“ Adam wusste, dass es fies war, Muse so auszunutzen, vor allem, da der Junge sich in keinster Weise wehren würde. Aber, trotzdem, er war der einzige, den er fragen konnte. Außer seinem Vater hatte er keine anderen, männlichen Bekannten, und sein Vater... nun, er kam nicht wirklich in Frage.
„Okay.“ Muse wand sich ein bisschen. „Aber nicht lang. Und nicht mit Zunge, klar?“
„Erks... keine Sorge, ich hatte noch nie mit Zunge und will’s auch nicht mit dir ausprobieren.“
Adam atmete einmal tief durch, nahm dann Muse’ Gesicht zwischen seine Hände und drückte seine Lippen auf seinen Mund, so wie er es von Leon kannte. Die Augen geschlossen, versuchte er sich ganz auf das Gefühl des fremden Geschmacks zu konzentrieren, doch immer wieder funkten ihm die Erinnerungen an Leons Küsse dazwischen. Das Gefühl, das er da gehabt hatte. Das Herzklopfen. Der Stillstand der Zeit. Die intensiven Eindrücke seiner Umgebung. Das Zittern seiner Finger. Leons Duft. Leons Wärme. Leon.
All das fehlte.
All das wollte er aber haben.
Jetzt.
Plötzlich drang das fast schon panische Kläffen eines Hundes an ihr Ohr. Mit einem Ruck trennten sie sich und schauten sich beide mit weit aufgerissenen, erschrockenen Augen um. In nicht allzu weiter Ferne stand eine ältere Dame, das Gesicht in einem Zustand des markerschütternden Schocks, in der Hand die Leine eines nervtötenden, kleinen Kläffers. Eine Augenblicke starrten sie sich gegenseitig an, dann erwachte die Spaziergängerin aus ihrem Schockzustand, zischte einige Sachen vor sich hin, die weder Muse noch Adam hörten, die sich aber sehr nach Beschimpfungen anhörten, und stakste auf ihren knallroten Pumps davon. Wie hypnotisiert schauten sie ihr hinterher, bis sie aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Wie in Zeitlupe drehten sie ihre Köpfe einander zu, tauschten einen skeptischen Blick und brachen dann beide in lautes Lachen aus.
Adam ließ sich nach hinten auf den Rücken fallen und rollte sich halb über die Wiese, während Muse sich vorbeugte, sich den Bauch hielt und sein Lachen in einem atemlosen Keuchen erstickte.
„Hast du ihren Blick gesehen? Zu geil.“, japste Adam.
„Ja, sie sah fast aus wie ihr Kläffer.“
„Aber voll, von oben bis unten. Hast du die Haare gesehen? Wie die abstanden?“
„Haben sich durch den Schock aufgestellt!“
„Yes, und kurz vorm Kläffen war sie auch.“
„Sie wollte mit dem Köter sicher im Partnerlook gehen.“
„Yeah, bestimmt!“
Es dauerte eine Zeit lang, bis sie sich beruhigt hatten. Immer noch ein wenig außer Atem drehte Adam sich auf den Bauch, die Lippen zu einem fetten Grinsen verzogen, und schielte zu Muse hoch.
„Ich küss dich nie, nie, nie wieder!“
„Na, Gott sei Dank!“ Muse grinste zurück. „Jetzt bin ich aber wirklich erleichtert. Du kommst nicht mal annähernd an meinen Lover ran.“
„Und du nicht an Leon.“
„Dann sind wir uns ja einig.“
Wieder prusteten sie wie zwei kleine Jungs los.
Erst nach einigen Minuten verfielen sie in einvernehmliches Schweigen, lagen beide auf dem Rücken und starrten in den Himmel, still, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. Die Sonne schien auf sie herunter, in einem klaren, wolkenfreien Blau. Es war ausnahmsweise Mal ein warmer Tag, vermutlich einer der letzten des Jahres. Der Wind raschelte leise in den Wipfeln der Bäume, während einige Vögel vor sich hin zwitscherten.
„Absolute Idylle.“ Muse grinste.
„jap. Wie aus einem Bilderbuch.“ Adam streckte sich. „Wollten wir nicht eigentlich noch shoppen gehen?“
„Find das Gras grad so gemütlich.“
„Ja, und die Ameisen erst, die auf mir rumkrabbeln.“
Muse zog sarkastisch eine Augenbraue hoch. „Red keinen Scheiß, da sind keine Ameisen.“
„Doch, klar, siehst du die nicht? Die drei schwarzen Punkte, die grad auf deiner Stirn rumkrabbeln?“
„Ja, ich sehe die wirklich nicht. Hab keine Stilaugen, sorry.“
Adam lachte kurz auf und sprang dann auf die Füße.
„So, hopp, hopp. Ich brauch noch nen warmen Pullover für den Winter, sonst lauf ich als Eiszapfen durch die Gegend.”
„Kannst dich ja von deinem Leon wärmen lassen.“ Muse stand ebenfalls auf und klopfte sich sporadisch die Kleidung ab. „Macht der sicher gern.“
„Nee, lieber nicht. Der will mir sonst gleich an die Wäsche.“
„Und? Sagst halt Nein.“
Adam warf ihm einen selbstironischen Blick zu. „Ich könnte nicht Nein sagen, dass weiß ich jetzt schon.“
„Tja... das nenn ich Pech.“ Muse streckte ihm kurz die Zunge raus und strich sich ein paar Strähnen aus der Stirn. „Musst halt Selbstbeherrschung lernen.“
„Pff... du hast gut reden, du kennst ihn ja gar nicht. Du würdest ihm niemals widerstehen können.“
„Will ich vielleicht auch nicht.“
Sich weiter kabbelnd verließen sie den Park und stürzten sich fröhlich in den Shoppingwahn. Die Stimmung hatte sich komplett geändert, und Adam genoss es in vollen Zügen. Muse benahm sich nicht mehr wie ein kleiner Hund, der seinem Herrchen folgen musste, sondern öffnete sich immer mehr, machte Witze oder flapsige Bemerkungen und stellte sich als sehr sympathischer Typ raus. Auch wenn man ihm immer wieder seine Unsicherheit anmerkte, so fühlte sich Adam bei ihm pudelwohl. In ihm breitete sich das Gefühl aus, dass er sich tatsächlich mit dem schüchternen Jungen anfreunden könnte, das sie vielleicht beste Freunde werden könnten. Innerlich seufzte Adam. Abwarten und Tee trinken, aber er hoffte, dass es klappen würde.
Es war bereits spät, als sie sich trennten. Muse nahm den Bus, während Adam entschied, nach Hause zu laufen. Er winkte Muse noch zu und trabte dann los. Die Nachtluft war kalt, er fröstelte leicht, doch irgendwie war er zufrieden. Zwischen den Wolken, die inzwischen aufgezogen waren, schaute immer wieder der Mond hervor, tauchte die Straße in silbriges Licht und warf schemenhafte Schatten auf den Asphalt. Es war nicht sonderlich viel los, so das Adam nur wenige Menschen traf. Er ließ seine Gedanken schweifen, doch sie beinhalteten nichts bestimmtes. Nichts, außer wieder Leon. Diesmal jedoch auf angenehme Weise, nicht dieses beängstigende, drängenden, sondern wohlig warm, angenehm.
Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden änderte er seinen Weg, der schließlich vor Leons Haustür endete. Adam zog die Jacke enger um sich. In der Küche brannte Licht. Es ging aus, einige Zeit blieb alles dunkel, dann ging es in einem Zimmer im ersten Stock wieder an.
Adam schloss kurz die Augen, atmete tief durch und drückte dann zitternd die Klingel. Es war fast zehn Uhr abends, er würde Leon eigentlich morgen wieder sehen. Eigentlich hatte er ihn auch gar nicht vorher sehen wollen. Eigentlich halt.
Die Hände wieder tief in die Taschen vergraben, an einer Seite die Einkaufstüte baumelnd, den Schal um das Gesicht gewickelt, bereute er es schon wieder gekommen zu sein. Das er jetzt hier war, würde Leon doch nur noch selbstsicherer machen. Und auf dumme Gedanken bringen. Adam würde wie ein süchtiges Hündchen wirken, dass von seinem Herrchen nicht los kam. Oder wie ein kleiner, dummer, bis über beide Ohren verknallter Junge. Fehlte nur noch, dass er einen Strauß Blumen in den Händen hielt und schüchtern auf den Boden blickte.
Aber er blickte nicht schüchtern, als die Tür nach einiger Zeit aufging. Und Leon blickte nicht selbstsicher. Oder in irgendwelchen Vermutungen bestätigt. Sondern überrascht. Überrascht und... erfreut.
„Hi.“ Mehr brachte Adam nicht raus. Er wusste gar nicht, was er eigentlich hier gewollt hatte. Leon sehen, ja. Und weiter? Ihn sehen und dann wieder gehen? Wohl kaum.
„Hi.“ Leon lächelte. Freundlich. Sanft. Unwiderstehlich. „Willst du eine heiße Schokolade?“
„Mhm.“
Leon stellte keine weitere Fragen, doch das wunderte Adam nicht. Es war in Ordnung so. Es passte so. Dann musste er sich zumindest nicht irgendwelche Antworten aus den Fingern saugen.
Langsam schl0ß er die Tür hinter sich und zog sich in der Eingangshalle aus, während Leon bereits in der Küche verschwunden war.
„Geh nach oben ins Wohnzimmer. Dort, wo das Licht brennt.“ Er steckte nur kurz den Kopf aus der Tür und winkte ihn hoch. „Ich komm gleich nach.“
Adam nickte nur und folgte der angewiesenen Richtung. Das Zimmer war nicht schwer zu finden, da es eines der ersten auf dem ersten Stock war. Er blieb für einen Moment im Türrahmen stehen und betrachtete alles. Wie auch der Rest des Hauses war alles sehr geschmackvoll eingerichtet. Die Möbel waren in dunklem Braun gehalten, das ein wenig antik wirkte, während der Teppich hellgrau war. An einer Wand hing ein großer Flachbildfernseher, unter dem ein DVD-Player und eine Stereoanlage standen, und an der linken Seite konnte man durch eine breite Fensterfront nach draußen schauen. Cremefarbene Vorhänge waren kunstvoll an den Seiten drapiert, und auf dem Fensterbrett reihten sich drei hübsche, Adam unbekannte Pflanzen auf. Um den gläsernen Wohnzimmertisch in der Mitte gruppierten sich eine weiche kamelbraune Couch und zwei Sofas in der selben Farbe. Auf den kleineren Schränken und in dem größeren Vitrinenschrank befanden sich mehrere Figuren aus Glas und Porzellan. Einige Kerzenständer mit langen, weißen Kerzen waren aufgestellt und angezündet, so dass die Flammen den Raum in ein warmes, orangenes Licht tauchten.
Auf dem Tischchen stand eine Tasse mit heißem Tee, daneben lag ein aufgeschlagenes Buch. Anscheinend hatte Leon es sich gerade bequem machen wollen, als Adam ihn in seiner Ruhe gestört hatte. Er strich sich kurz durch die Haare und ließ sich auf der Couch nieder, einen Fuß unter sich gezogen, während er den anderen auf dem Boden abstellte.
Adam hatte sich kaum gesetzt, da kam auch schon Leon ins Zimmer, in den Händen ein Tablett, auf dem Kekse und Adams heiße Schokolade waren. Er stellte es auf dem Glastisch ab, setzte sich ebenfalls auf die Couch und reichte Adam seine Tasse, alles, ohne auch nur ein Wort zu sagen.
Den Blick gesenkt, nippte der Junge an seinem Getränk. Und jetzt?
Er spürte, wie Leon ihn musterte, fand es jedoch angebrachter, seine Tasse intensiv zu betrachten.
„Hast du was dagegen, wenn ich ein bisschen lese?“, frage Leon leise.
Adam schüttelte den Kopf. Er war hier ja unverschämterweise einfach unangemeldet aufgetaucht, wie könnte er da was dagegen sagen? Und so würde Leon ihn zumindest nicht dauernd anschauen, nicht mit diesen durchdringenden Blicken, sondern seine ganze Aufmerksamkeit seinem Buch widmen.
Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie Leon sein Buch nahm, doch anstatt sich zurückzulehnen, drehte er ihm den Rücken zu und legte sich nach hinten. Adam registrierte es erst so richtig, als er bereits das Gewicht von Leons Kopf auf seinem Oberschenkel spürte. Überrascht zuckte er zusammen, doch Leon würdigte ihn keines Blickes, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf seine Lektüre, als ob nichts ungewöhnliches daran wäre, Adams Schenkel als Kopfkissen zu nutzen.
Schweigend legte Adam seine Hände noch fester um die Tasse und sah auf Leon hinunter. Mit den Augen fuhr er seine Züge nach, die Linien der Wangenknochen, das markante Kinn, die langen Wimpern. Bei seinen vollen Lippen, die jetzt leicht geöffnet waren, blieb er einen Moment stehen, bevor er zu den einzelnen Haarsträhnen des offenen Haares wanderte, die sich wie kleine, weißblonde Wasserfälle auf den Teppich ergossen. Die Seiten des Buches raschelten, als Leon sie umblätterte, und Adams Aufmerksamkeit wechselte zu den schlanken Fingern mit den gepflegten Nägeln. Er musterte sie etwas genauer. Am Mittelfinger der rechten Hand trug er einen silbernen Ring, in den Efeublätter graviert waren, und am linken Daumen glitzerte ein Reif aus Gold und Silber, mit einigen kleinen, hellblauen Steinchen besetzt.
Adam biss sich leicht auf die Unterlippe. Leon war ein Kunstwerk an sich, kein Wunder, dass er so von sich überzeugt war. Nur, wieso interessierte er sich so sehr für Adam, wenn er doch jeden anderen auf dieser Welt mit einem Fingerschnipsen haben könnte?
Vorsichtig löste er eine Hand von seiner Tasse und fuhr die Konturen von Leons Ohr nach, die äußere Ohrmuschel, das Ohrläppchen, die drei Kreolen. Leon sagte nichts, tat aber auch nichts mehr. Und Adam ließ sich nicht stören. Völlig in dessen Anblick versunken strich er über seine Schläfe zu seinem Hals hinunter und seinen Kiefer entlang. Bei seinem Kinn hielt er kurz inne und hob es dann in seine Richtung an.
„Du hast nur diese Schlacht gewonnen.“ Adam schaute in Leons Augen, die sich jetzt auf ihn gerichtet hatten. „Nur diese Schlacht. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei.“
Leon lächelte nicht. Er schaute ihn nur an. Ohne Erwartung, ohne Gefühl. Er schaute ihn einfach nur an.
Langsam beugte Adam sich vor, strich mit seinen Lippen vorsichtig über seine Stirn, über seine Wangenknochen. Das heiße Gefühl in seinem Inneren ignorierte er. Das Herz, das fast aus seiner Brust brach, auch. Und die Vernunft hatte er sowieso schon lange weggeschmissen. Er nahm einfach nur auf. Leons Geruch. Leons Geschmack. Er wanderte mit den Lippen langsam das Kinn entlang. Die Tasse stellte er währenddessen auf den Tisch. Mit den Fingerspitzen beider Hände strich er über Leons Hals, an seinen Ohren entlang, über seine Schläfen. Nach einigen Augenblicken spürte er Leons Hand in seinem Haar, ein sanfter Druck, der in noch näher zu sich zog. Ohne einen weiteren Gedanken küsste er ihn.
Ganz kurz.
Dann nochmal.
Ein bisschen länger.
Adam schlang seine Arme um Leons Oberkörper.
Und dann blieb er dort. Bei diesen weichen Lippen. Bei diesen warmen Lippen.
Keiner von beiden bewegte sich mehr.
Die Welt hörte auf sich zu drehen.
Es schien wie eine Ewigkeit, bis Adam sich von Leon löste. Er zitterte nicht. Aber er konnte nichts sagen. Er wollte nichts sagen. Ohne den Blick von Leon abzuwenden, ohne sich von dessen Blick zu lösen, leckte er sich vorsichtig über die Lippen. Langsam wendete er den Kopf und stand auf. Leon hob nur kurz seinen Oberkörper an, um ihn aufstehen zu lassen, und ließ sich dann nach hinten sinken. Er schloss die Augen, während Adam nochmal kurz an der Tür stehen blieb.
„Das wiederholt sich nicht nochmal.“
Es kam ihm seltsam vor, das zu sagen. Leon antwortete nicht.
„Bis morgen.“
Leon antwortete wieder nicht.
Adam hatte keine Eile, als er das Haus verließ. Gemächlich zog er sich an und trat in die Kälte hinaus. Der Wind war wieder etwas stärker geworden, jagte die Wolken über den Himmel. Die Blätter raschelten, durchbrachen die Stille der Nacht. Und flüsterten ihm immer wieder das Gleiche zu.
Wieso hatte er das getan?
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 553 Nachricht senden | Erstellt am 17.06.2007 - 13:31 |  |
Schön im versprochenen Rhythmus ^^°
Teil 11
Der Regen prasselte gegen die Fensterscheibe, während der Wind durch die Bäume heulte und einige lange Äste gegen das Fenster schlug. Adam starrte mit einem finsteren Blick nach draußen in die Dunkelheit, ohne dem Geschirr, das er gerade wusch, auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu widmen.
„Ich versteh ihn einfach nicht.“ Ziemlich rabiat stellte er die Tasse, die er gerade bearbeitet hatte, ab und griff nach einem Teller, den er ins Waschbecken tauchte. „Er ist so ein Arschloch. Egoistischer Bastard. Mann, welche verdammte Laus ist ihm denn über die Leber gelaufen?“
„Du scheinst ja doch ziemlich in ihn verknallt zu sein.“ Muse nahm die Tasse, trocknete sie ab und stellte sie auf den Tisch. „Oder?“
Er duckte sich leicht, als Adam ihm einen bitterbösen Blick zuwarf.
„Nein, bin ich nicht. Es ärgert mich nur.“ Er ließ einen Stapel Besteck ins Wasser plumpsen und beobachtete, wie es langsam im Schaum versank. „Ich hätte erwartet, dass er zumindest irgendwas macht. Oder sagt. Irgendwas. Aber, gar nichts. Der ist mir noch nicht mal Nahe gekommen. Und er hat mich auch nicht so angeschaut wie sonst.“ Mit einem Seufzer drehte er sich um, lehnte sich mit dem Rücken gegen das Spülbecken und verschränkte die Arme. „Im Gegenteil.“ Seine Stimme wurde etwas ruhiger. „Er war kalt, absolut kalt. Er hat mich wirklich nur wie ein Modell, wie eine Ware behandelt. Mehr nicht. Kein Lächeln, keine Anmache. Gar nichts.“ Mit einem unzufriedenen Laut strich er sich durch die Haare. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich ihn mit dem Kuss irgendwie verärgert haben könnte.“
„Vielleicht war es nicht der Kuss, sondern, dass du nach dem Kuss gegangen bist.“ Muse nahm eine weitere Tasse, während Adam sich an den Tisch setzte. „Willst du nicht weiter waschen?“
Adam schüttelte nur den Kopf, die Lippen zu einem leichten Schmollmund verzogen, und spielte an einem kleinen, ausgehöhlten Kürbis rum, in dem ein Teelicht brannte. Es war Halloween, eine Woche, nachdem Adam diesen verhängnisvollen Besuch getätigt hatte. Er hatte Muse zu sich nach Hause eingeladen, um sich mit ihm einen gemütlichen Abend mit Horrorfilmen zu machen. Sie hatten zusammen mit seinen Eltern zu Abend gegessen, doch da diese zu einer Halloweenparty eingeladen waren, hatten sie nicht nur bereits das Haus verlassen, sondern ihnen auch mit einem schadenfrohen Lächeln den Abwasch überlassen.
Eigentlich hatte Adam auch nicht vor gehabt, wieder an Leon zu denken, aber seit einer Woche drehte sich alles in seinem Kopf. Die letzte Sitzung war die reinste Katastrophe gewesen, jedenfalls für ihn. Er hatte einen Leon kennen gelernt, wie er nicht gedacht hätte, dass es möglich gewesen wäre. Kalt, unnahbar, unfreundlich. Vielleicht lag es nicht an ihm, vielleicht hatte den Künstler etwas anderes verärgert, aber so recht konnte er nicht daran glauben. Dazu hatten die rauchgrauen Augen ihn zu hart, zu kalt angeschaut. Und morgen sollte er wieder dahin. Eine ätzende Vorstellung.
„Jetzt mach dir darüber keine Gedanken.“ Muse stellte vorsichtig einen Teller neben die Tassen und setzte sich zu Adam. „Vielleicht lag es ja wirklich nicht an dir. Vielleicht ist es morgen ganz anders. Oder du sprichst es einfach an, dann erklärt er es dir vielleicht.“
Adam gab einen unzufriedenen Laut von sich. „Kannst du nicht morgen mit mir was unternehmen? Dann hab ich nen Grund, ihm abzusagen.“
„Kannst du doch auch so machen.“ Muse stützte seinen Kopf auf seiner Hand ab. „Oder willst du ihn nicht anlügen?“
„Nee... will ich nicht.“
„Tja.“ Der Blondschopf zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Morgen ist Allerheiligen. Wir gehen immer die Gräber besuchen, ich kann da nicht einfach so wegbleiben.“
„Schon klar.“ Adam stand mit einem Ruck auf und widmete sich wieder seinem Abwasch. „War auch nicht wirklich ernst gemeint. Ich werde ihn morgen einfach mal fragen.“
Einfach mal. Leichter gesagt als getan. Er wüsste nicht, ob er bei diesem kalten Blick, der ihm einen Gänsehaut über den Rücken jagte, überhaupt den Mut aufbringen würde zu fragen.
Muse nickte nur. Kurz legte er die Hand auf Adams Schulter und drückte sie, bevor er sich wieder seiner Aufgabe widmete. Adam schluckte. Diese Kälte machte ihm mehr aus, als er zugeben wollte. Diese Ablehnung traf ihn mehr, als ihm lieb war. Verdammtes Arschloch! Hätte er an diesem einen Abend nicht einfach zu Hause bleiben können? Dann hätte er diesen egoistischen Bastard niemals getroffen.
Mit einem Seufzer ließ er das Wasser aus dem Becken laufen und warf kurz einen Blick zu Muse. Wieso konnte er sich nicht in so einen netten Kerl verlieben wie Muse? Der war zumindest lieb, nett und umgänglich.
Plötzlich stutzte er. Schaute sich kurz unsicher um, so als jemand im Raum hätte sein können, der seine Gedanken las. Hatte er gerade was von „verliebt“ gedacht? Hatte er sich in Leon verliebt? Hatte er sich so einfach damit abgefunden auf Männer zu stehen? War er tatsächlich schwul?
„Arg!!!“
Erschrocken zuckte Muse bei Adams Aufschrei zusammen und starrte ihn an wie ein Kaninchen die Schlange.
„Was ist los?“
„Ach, nichts, verdammt.“ Adam trocknete mit einer rabiaten Bewegung die Hände ab und sah Muse auffordernd an. „Gehen wir die Filme schauen. Ich brauch Ablenkung.“
„Ehm... okay.“ Muse’ Gesichtsausdruck blieb skeptisch, aber er folgte ihm wie ein braves Hündchen ins Wohnzimmer, wo Adams Mutter bereits Knabberzeug und Getränke bereit gestellt waren.
„Du bist um deine Eltern zu beneiden.“ Muse begutachtete alles mit einem sehnsüchtigen Blick.
Adam zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß. Deswegen würd ich die auch niemals eintauschen. So, was schauen wir zuerst?“
Es wurde ein amüsanter Abend. Trotz des Wetters, das eine unheimliche Stimmung verbreitete, zogen sie jede erdenkliche Szene ins Lächerliche und nahmen ihr den Schrecken. Sie kabbelten sich, alberten rum und ließen ihrer guten Laune freien Lauf, so dass es bereits sehr spät war, als sie schlafen gingen. Doch im Gegensatz zu Muse, der schon nach wenigen Minuten ruhig atmete, fand Adam keinen Schlaf. Nachdem er sich einige Zeit ruhelos rumgewälzt hatte, stand er auf, machte sich eine heiße Schokolade und setzte sich ans Fenster im Wohnzimmer. In der Hand die warme Tasse, die Stirn an die Scheibe gelehnt, starrte er nach draußen.
Die Kälte, die Muse mit seiner Abwesenheit für kurze Zeit vertrieben hatte, kam wieder zurück.
Der Wind peitsche die Regentropfen immer noch mit unverminderter Heftigkeit gegen die Fensterscheibe. Es würde wohl am Tag auch nicht besser werden. Vorsichtig legte er die Fingerspitzen auf das Glas und fuhr die Spur eines Tropfens nach. Sah aus wie eine Träne. In was zum Teufel noch mal hatte er sich da verstrickt? Ihm waren andere Leute doch bis jetzt immer egal gewesen. Egal, was sie dachten, egal, wie sie sich ihm gegenüber benahmen, egal, wie sehr sie ihn begehrten. Die Mädchen in seiner Klasse hatten nicht nur einmal versucht, ihn zu einem Date zu überreden. Und sie waren wirklich hübsch. Nett. Liebevoll. Nicht egoistisch, arrogant und voll von sich selber. Wieso nur er? Wieso nur dieser egozentrische Künstler? Wieso Leon? Es gab auf dieser Gott verdammten Welt so viele Menschen. So viele.
Gequält schloss er die Augen, seine ganze Handfläche auf das Fenster legend, als ob er eine Stütze suchte.
War es dieses Zittern, wenn er ihn berührte?
War es dieses Herzklopfen, wenn er ihm nah kam?
War es dieses Flattern im Magen, wenn er mit ihm sprach?
War es diese zugeschnürte Kehle, wenn er an ihn dachte?
War es das, was man Liebe nannte?
Langsam ballte er die Hand zur Faust. Er würde ihn nach dieser Kälte fragen. Und dann würd er dafür sorgen, dass sie verschwand. Diese Eiseskälte, die ihn gefrieren ließ.
Die Nacht verging nur langsam, während er in seinem Bett lag, die Decke anstarrte und dem Regen lauschte. Er stand auf, als es langsam dämmerte und der Himmel ein wenig aufklarte, machte Frühstück und wartete, bis Muse aufstand. Sie redeten nicht mehr viel, und kurze Zeit später war Adam wieder allein im Haus. Ein wenig verloren streunte er von einem Zimmer zum anderen. Die Zeiger der Uhr blieben nicht stehen, tickten stetig weiter, und umso trockener wurde seine Kehle.
Er wollte nicht zu Leon gehen. Es würde definitiv unangenehm werden. Die Antwort würde bestimmt unangenehm werden. Trotzdem, die Zeit blieb nicht stehen.
Es wehte ein kalter Wind, als Adam am späten Nachmittag das Haus verließ. Die Sonne drang mit ihren Strahlen kaum durch die dunklen Regenwolken und in der Luft lag Feuchtigkeit. Es würde heute wieder regnen. Später, irgendwann.
Seine Schritte wurden langsamer, je näher er Leons kleiner Villa kam. Jedoch stutzte er, als er schließlich bei der Haustür ankam. Sie stand offen. Nicht weit, nur einen schmalen Spalt breit, aber sie stand trotzdem offen.
Vorsichtig stieß Adam sie etwas weiter auf und lugte ins Innere. Es war alles still.
„Leon?“
Es war absurd zu glauben, dass er ihn in diesem Haus hören könnte, aber versuchten konnte er es ja mal. Er bekam, wie nicht anders erwartet, keine Antwort. Leise schloss er die Haustür hinter sich. Vielleicht hatte Leon einfach nur vergessen, sie gescheit zu schließen. Man musste ja nicht immer vom Schlimmsten ausgehen.
Trotzdem beunruhigt zog er seine Sachen aus und tappte auf Socken in den ersten Stock. Ohne sich umzuschauen wollte er schon Richtung Atelier laufen, als er plötzlich ein leises, gequältes Stöhnen vernahm. Überrascht drehte er sich zu Leons Zimmertür, von wo der Laut gekommen war. Ohne ein Geräusch zu verursachen tappte er vorsichtig zum Zimmer und öffnete die angelehnte Tür komplett.
Das Innere war in Dämmerlicht gehüllt. Die Vorhänge, die vor die Fenster gezogen waren, sperrten das spärliche Sonnenlicht aus, blähten sich jedoch immer wieder durch den Wind auf, da die Fenster gekippt waren. Zwei volle Weinflaschen lagen auf dem Boden, während eine weitere, fast leere neben dem Bett stand. Adam wollte einen weiteren Schritt rein gehen, hielt jedoch inne, als er etwas auf dem Teppich glitzern sah.
Glasscherben. Rote Weinflecken auf dem Teppich. Ein weiterer, suchender Blick zeigte ihm auch die Flecken an der Wand. Das Glas war wohl gegen die Wand geschmettert worden.
Vorsichtig umging er die Splitter und trat zum Bett, auf dem Leon lag, den rechten Unterarm über die Augen gelegt, den linken Arm vom Bett runter baumeln lassend. Seine Haare waren ordentlich zu einem Zopf geflochten, seine Kleidung wirkte jedoch unordentlich, als ob er sich mehrmals auf dem Bett rumgewälzt hätte.
„Bist du unter die Alkoholiker gegangen?“ Adam sah ihn ungläubig an.
Leon zuckte zusammen. „Was machst du denn hier?“ Seine Stimme klang nicht sonderlich erfreut.
„Uhm... ich hatte eigentlich vor, dir Modell zu stehen. Schon vergessen?“
Er ging in die Knie und nahm Leons Arm weg, um ihm in die Augen zu sehen. Sie wirkten ein wenig glasig, doch nicht annähernd so abwesend, wie er es erwartet hätte.
„Heute ist Donnerstag?“ Mit einer fahrigen Bewegung tastete Leon neben sich auf der Kommode herum und starrte einige Sekunden auf die Uhr, die er dort fand. „Und es ist schon so spät?“
„Jep, ist es. Vielleicht solltest du nicht so früh am Tag mit dem Trinken anfangen, wenn du noch was von ihm haben willst.“
„Wo ist Sachiko?“ Leon ließ sich wieder zurück aufs Kissen fallen und gab einen unerfreuten Laut von sich. „Mir ist schlecht.“
„Also, Sachiko hab ich nirgendwo gesehen. Und wenn du kotzen willst, bitte sag vorher Bescheid. Meine Klamotten sind frisch gewaschen.“ Adam wusste nicht, ob er Lachen oder Weinen sollte. Er hatte ja mit einigem für diesen Nachmittag gerechnet, aber sicher nicht mit so was.
„Nein, will ich nicht.“ Er ließ sich wieder auf die Kissen zurück fallen. „So schlimm steht’s dann noch nicht um mich. Kannst du mir ein bisschen Wasser holen?“
„Ja, klar.“
Adam stand auf, nahm die drei leeren Flaschen noch an sich und trottete nach unten in die Küche, vorsichtig um die Glassplitter herum tänzelnd. Gerade als er mit einem vollen Wasserglas zurück in die Halle trat, klingelte es an der Tür. Ohne groß nachzudenken ging er hin und öffnete. Sachiko starrte ihn einen Augenblick entgeistert an, mit Wind zersausten Haaren und einem schnell übergeworfenen Mantel, und wich dann einen halben Schritt zurück.
„Was machst du denn hier?“, fragte sie, anscheinend völlig schockiert.
Na, danke auch, seine Anwesenheit war heute wohl von keinem großartig erwünscht. „Krankenschwester spielen.“, meinte er trocken und verdrehte leicht die Augen. „Ich geh schon mal hoch zu Leon, er braucht sein Wasser. Ich nehm mal an, du weißt, dass er leicht angetrunken ist?“
Er wartete eine Antwort gar nicht erst ab, sondern trottete direkt wieder zu Leon ins Zimmer, hörte jedoch noch ein sarkastisches „Leicht?“, dass sich stark nach einen unfreundlichen Knurren anhörte, hinter sich. Bei seinem Schützling angekommen, wollte er ihm das Wasser hinhalten und ihm beim Trinken helfen, doch Leon stieß ihn nur unfreundlich weg.
„Das kann ich selber.“ Mit einer fast schon eleganten Bewegung schwang er seine Beine über den Bettrand und nippte an dem Glas. „War das Sachiko?“
„Jep. Frisch vom Wind reingeweht.“ Adam setzte sich rücklings auf einen Stuhl und betrachtete Leon. Seine Augen hatten einen toten Glanz, der nicht vom Alkohol herrührte. Wieso zum Teufel hatte er sich so gehen lassen?
„Na, das hast du ja mal wieder ganz toll hingekriegt.“
Adam zuckte bei Sachikos Stimme zusammen. Er hatte sie gar nicht kommen hören. Der Teppich schluckte jedes Geräusch. Ohne die Splitter vor der Tür auch nur eines Blickes zu würdigen, trat sie zu Leon, hob sein Kinn ein wenig hoch und musterte sein Gesicht.
„So viel war es gar nicht.“ Es klang fast wie die Rechtfertigung eines kleinen Jungen.
„Ich hab die Weinflaschen unten gesehen.“ Sachikos Stimme klang kalt.
Die zwei starrten sich einige Momente lang an. Es lag irgendwas in der Luft, irgendwas war zwischen ihnen, was Adam nicht so recht benennen konnte. Aber er spürte es. Und es jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Hätte er es nicht besser gewusst, er hätte die zwei für Todfeinde gehalten, nicht für alte Freunde.
Mit einem Ruck drehte Sachiko sich zu ihm um.
„Entschuldige, kannst du vielleicht ein bisschen Tee machen? Ich glaub, dass hilft Leon besser als das Wasser da.“
Sie lächelte ihn bittend an und er nickte nur schweigend. Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer, schloss jedoch die Tür nicht ganz hinter sich und blieb auch nach einigen Schritten im Flur stehen. Für wie blöd hielt sie ihn eigentlich? Auch wenn Neugier keine gute Eigenschaft war, diesmal wollte er wissen, worüber sie sprachen. Erfahren, wieso Leon sich in diesem Zustand befand.
Es verstrichen einige Augenblicke.
„Was macht er hier?“ Sachikos Stimme klang ungehalten, obwohl sie versuchte, leise zu sprechen.
„Wir haben Donnerstags unsere Sitzungen.“, meinte Leon gelangweilt. „Ich hab vergessen, dass er heute kommt.“
„Erzähl mir nichts, Leon. Du vergisst so was nicht. Es war dir schlicht und ergreifend egal.“
„Na, und wenn schon, was geht es dich an?“
„Ich will nicht, dass du mit ihm spielst.“ Sie sagte das leise, fast bedrohlich. Es klang wie das Zischen einer Schlange. „Wenn er für dich nur ein Spielzeug ist, dann hör auf damit. Sag ihm, er soll nicht mehr kommen.“
„Er ist kein Spielzeug, verdammt. Er ist mein Modell.“ Es lag Wut in seiner Stimme, unterdrückte Wut.
„Also nur ein Objekt?“
„Du verstehst das nicht, Kas. Du kannst das gar nicht verstehen.“
„Oh doch, ich verstehe sehr, sehr gut. Besser, als du denkst. Ich kenn dich, Leon, schon seit Jahren. Und ich beobachte dich seit Jahren. Und ich sehe, was du jetzt, mal wieder, für Scheiße baust!“
„Mal wieder, was soll das heißen, mal wieder?“ Leon versuchte gar nicht mehr, seine Stimme zu dämpfen.
„Das weißt du ganz genau.“ Sachiko klang eisig. Kalt wie ein Eisstachel. „Die gleiche Scheiße wie mit...“
„Erwähn seinen Namen nicht! Erwähn seinen Gott verdammten Namen nicht!“
„Beruhig dich, Leon, und schrei mich nicht an.“
„In meinem Haus schreie ich an, wen ich will.“, meinte er, jetzt jedoch wieder ruhig, frostig.
„Mich nicht.“ Adam hörte Schritte. Sie schien zu Leon gegangen zu sein. „Nochmal, spiel nicht mit ihm, Leon. Ich hab gesehen, wie du ihn angeschaut hast. Wie du ihn beobachtet hast. Er ist dir bereits jetzt verfallen, und das weißt du ganz genau. Nutz es ja nicht aus. Ich mag ihn, ich will nicht, dass du ihm weh tust.“
„Hm.“ Ein verächtlicher Laut. „Wer tut hier bitte wem weh, hm?“
„Höchstens du dir selber. Wenn du dauernd den Schatten der Vergangenheit nachrennen willst, bitte, tu dir keinen Zwang an, aber zieh Adam nicht mit hinein.“
“Adam, Adam... meine Güte, wenn dir der Kleine so wichtig ist, geh, sprich mit ihm, dass er nicht mehr zu mir kommt. Dann werde ich deinem süßen, kleinen Spielzeug auch nicht mehr weh tun können.“
„Das ist nicht meine Angelegenheit. Letztenendes müsst ihr zwei das unter euch ausmachen. Ich will dir nur einen Rat geben.“ Sie seufzte. „Er ist anders. Und das weißt du.“
„Er ist nicht anders. Er ist genauso. Klein und jämmerlich. Zerbrechlich.“
„Dann pass auf, dass du ihn nicht zerbrichst.“
„Und was, wenn ich genau das machen will?“
„Willst du wirklich auf ewig ein arrogantes Arschloch bleiben? Willst du auf ewig einen Zaun aus Stacheldraht um dich herum aufstellen? Willst du wirklich jeden verlieren, der dir wichtig ist?“
„Du bist mir wichtig und dich werde ich nicht verlieren.“ Es klang fast ein bisschen jämmerlich.
„Aber nur, weil ich dich nicht liebe, jedenfalls nicht auf diese Weise.“
„Pff... er liebt mich doch auch nicht. Er ist nur fasziniert von mir, meinen guten Aussehen, meinem charismatischen Benehmen. Aber lieben tut er mich nicht.“
„Das weißt du nicht, Leon.“ Sie sagte das sanft, sehr sanft. „Und das wirst du nie erfahren, wenn du so weiter machst.“
Es breitete sich Stille aus und nach einigen Augenblicken setzte Adam seinen Weg in die Küche fort. Mit fahrigen Bewegungen suchte er die Tassen und Teebeutel zusammen, stellte heißes Wasser auf, starrte gedankenlos auf den Dampf, der hochstieg. Sein Herz schlug nicht. War es stehen geblieben? Er setzte sich auf einen Stuhl und wartete. Seine Gedanken waren eingefroren.
Mit einer plötzlich heftigen Bewegung fegte er das Tablett und das Besteck vom Tisch. Es klirrte, doch nichts ging zu Bruch. Und selbst wenn, es wäre ihm egal gewesen.
Was sollte er von diesem Gespräch halten? Ein Spielzeug? Ein Objekt? War er wirklich nur DAS für Leon? Mehr nicht? Er schluckte schwer, um die Tränen zu unterdrücken. Hatte er sich so geirrt? Hatte er Leons Aktionen wirklich so falsch interpretiert? War dieses Lächeln, das er ihm ab und zu geschenkt hatte, das so liebevoll und warm gewirkt hatte, nur geschauspielert gewesen? Ein Lächeln, das man auch einem kleinen Hund geben würde? Er vergrub sein Gesicht in einer Hand. Und wer war ER? Wer war dieser obskure Jemand, dessen Namen Sachiko nicht erwähnen sollte? Ein Ex-Lover? Einer, der Leon vielleicht verlassen hatte? Eine einseitige Liebe?
Verdammt. Verdammt.
Es war doch wirklich mehr als Bewunderung. Es war mehr als nur Verlangen. Es war mehr, viel mehr.
Das Pfeifen des Wasserkochers ließ ihn aus seinen Gedanken aufschrecken. Er starrte das Gerät einige Momente an, bevor er sich endlich entschloss, aufzustehen und Wasser einzufüllen. Fast automatisch hob er das Tablett und das Besteck auf, stellte Tassen und Teebeutel drauf und stakste nach oben. Vor der immer noch angelehnten Zimmertür blieb er für einen Augenblick stehen und schluckte schwer. Er hatte das Gespräch nicht mitbekommen. Adam versuchte, sein Gesicht zu entspannen. Er hatte nichts von alledem mitbekommen. Vorsichtig betrat er das Zimmer. Er wusste von nichts.
Sachiko und Leon sahen auf, als er eintrat. Sachiko hatte sich gegen das Fenster gelehnt, während Leon auf dem Bett saß, die Ellbogen auf den Oberschenkeln abgestützt und ein wenig nach vorne gebeugt.
„Das hat aber lang gedauert.“ Sachiko lachte leise auf. „Hast du dich verlaufen?“
„Na ja, nicht ganz. Hab die Tassen nicht gleich gefunden.“ Es erfüllte ihn fast schon mit Stolz, dass seine Stimme nicht zitterte, nicht bebte, sondern völlig normal klang.
„Ach so.“ Sie lächelte, doch es wirkte ein wenig gezwungen. Irgendwie nervös strich sie sich über einen Oberarm. „Na ja, ich werde dann auch mal gehen. Du versorgst ihn ja ganz gut, Adam, nicht wahr?“
Adam nickte, übersah jedoch nicht Leons Blick, der Sachiko anbettelte. Sie ignorierte es geflissentlich.
„Gut. Bleibt ruhig oben, ihr braucht mich nicht nach unten begleiten. Und du, Leon, bekommst hoffentlich einen deftigen Kater. Selbst schuld, wenn du soviel säufst.“
Ohne Eile ging sie zu ihm hin und drückte ihm einen Kuss auf den Mund, drehte sich dann zu Adam, der immer noch mit dem Tablett in der Hand an der Tür stand, und küsste ihn im Vorbei gehen auf die Stirn. Sie winkt noch kurz und schloss dann die Tür hinter sich.
Adam sah ihr einen Moment lang nach, trat dann an die Kommode und setzte sein Tablett ab.
„Welchen Tee willst du?“ Er brachte es nicht über sich Leon anzuschauen, wusste jedoch, dass er sich nicht einen Millimeter bewegt hatte.
„Erdbeer.“ Seine Stimme klang leise. Langsam wanderte sein Blick zu Adam. „Es ist besser, wenn du auch gehst.“
Überrascht drehte Adam sich zu ihm und zog eine Augenbraue hoch. „Sicher, dass du das alleine schaffst? Ich mein, du bist immer noch betrunken.“
„Ja, es geht schon.“ Ein wenig schwankend stand er auf. „Entschuldige, dass du völlig umsonst gekommen bist. War keine Absicht.“
Wenn er Sachikos Interpretation glauben durfte, war es irgendwo schon Absicht gewesen. Aber das dachte er nur.
„Hm, schon okay.“ Er stellte die Tasse, in die er gerade Zucker gefüllt hatte, ab. „Ich find den Weg schon nach draußen, du musst mich nicht begleiten.“
„Ich bin der Hausherr hier.“, meinte Leon ein wenig unwillig. „Wenigstens einen Gast sollte ich zur Tür begleiten.“
Adam zuckte nur mit den Schultern. Ihm war es egal, also tappten sie beide schweigend nach unten, Leon immer einige Schritte hinter sich. Genauso wortlos zog Adam sich an, doch er merkte, dass Leon ihn beobachtete, jede seiner Bewegungen, jeden Atemzug, so schien es ihm.
„Wir sehen uns dann nächste Woche.“, sagte Leon leise.
„Jap, Ciao.“
Adam nickte noch und trat dann durch die Tür, die Leon ihm aufhielt. Es hatte inzwischen wieder zu Regnen angefangen und der Wind war fast noch heftiger als zuvor. Die Kälte drang durch seine Jacke, durch seine Haut, bis ins Innerste.
Plötzlich schlangen sich zwei Arme um ihn und er wurde nach hinten gerissen, mit dem Rücken gegen Leons Brust gedrückt. Er spürte seinen Atem an seinem Ohr, den Alkoholgeruch, gemischt mit Leons eigenem, herben Duft. Die Wärme seiner Haut. Die weichen Haare an seinem Hals. Ein leises Flüstern an seinem Ohr.
Genauso plötzlich ließ Leon ihn wieder los, trat einige Schritte zurück und schloss die Haustür. Adam bewegte sich nicht.
Die Blätter raschelten, wie ein Seufzer, wie ein Flüstern. Der Regen prasselte ohrenbetäubend auf den Boden, verschluckte die ganze Welt hinter einem grauen Schleier. Der Wind heulte herzzerreißend, schien Trauer und Verzweiflung in den Himmel zu brüllen.
Und immer, immer wieder wiederholten sich diese drei Worte in seinem Kopf.
Ich hasse dich.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 553 Nachricht senden | Erstellt am 20.06.2007 - 23:19 |  |
Teil 12
Adam zog seine Mütze noch etwas weiter nach unten und schlang seinen Schal fester um sich. Die Kälte biss sich in der Kleidung fest und wollte sie gar nicht mehr los lassen. Zumindest war es nicht windig. Und es regnete nicht. Ein Blick nach oben machte ihm wieder die düstergrauen Wolken bewusst, die schon seit Tagen keinen Sonnenstrahl durchgelassen hatten. Der Wetterbericht hatte ja was von Schnee gesagt, aber so recht wollte er nicht dran glauben. Eher wieder Regen. Wie schon seit Ewigkeiten. So kam es ihm jedenfalls vor.
Den Halbmantel noch enger um sich ziehend warf er einen Blick um sich herum Er saß auf dem alten, abgedeckten Steinbrunnen im Park, da die Sitzbänke von Familien, greisen Spaziergängern und Cliquen von Jugendlichen besetzt waren. Normaler, nachmittäglicher Betrieb, doch da er so selten hier war, war es für ihn sehr ungewohnt. Menschenaufläufe konnte er einfach nicht ausstehen.
Mit einem Seufzer linste er auf sein Handy. 14:57 Uhr. Immer noch. Wieso konnte die Zeit nicht ein bisschen schneller vergehen? Er schaltete zu der SMS, die er in der Früh erhalten hatte.
„Komm um drei in den Park. Hab Lust was zu unternehmen. Leon.“
Leon. Allein schon, wenn er an den Namen dachte, bekam er einen halben Anfall. Es war natürlich mal wieder typisch, dass er ihm quasi keine Wahl ließ, ob er kommen wollte oder nicht. Mal wieder typisch. Und er folgte ihm. Er lehnte sich zurück und starrte in den Himmel. Nach dem letzten Mal hätte er eigentlich komplett den Kontakt zu ihm abbrechen sollen. Hätte ihn ignorieren sollen. Oder irgendwas anderes in die Richtung. Und nicht wie ein folgsames Hündchen springen, wenn er rief. Mal davon abgesehen konnte er es sich beim besten Willen nicht erklären, wieso er gerade ihn sehen wollte. Hatte er, Leon, nicht selbst gesagt, dass er ihn hasste? Es ihm leise, wie einen Fluch, wie eine Drohung ins Ohr gewispert? Und jetzt, plötzlich, wollte er mit ihm was unternehmen? Das war doch paradox, absolut paradox. Wusste der Kerl nicht, was er wollte?
Mit einem lauten Aufatmen lehnte Adam sich wieder nach vorne und schaute auf sein Handy. 14:59 Uhr. Wie pünktlich kam ein exzentrischer, egoistischer und absolut arroganter Künstler?
Plötzlich spürte er zwei Hände auf seinen Schultern. Sie übten nur ganz sanft Druck auf ihn aus, zogen ihn nach hinten, bis er gegen einen menschlichen, warmen Körper stieß. Er musste nicht mal nach hinten schauen, um zu wissen, wer es war. Er musste auch nicht fragen oder seine Stimme hören. Er konnte seinen Geruch riechen. Er konnte seine Wärme spüren.
„Du bist sogar pünktlich.“ Seine Augen waren immer noch auf den Display seines Handys gebannt.
„Du auch.“ Seine Stimme klang ruhig, leise, ein wenig amüsiert. Sie verursachte Schauder auf Adams Haut.
Langsam drehte er sich um und musterte Leon einige Augenblicke. Er hatte sich über die Brunnenabdeckung hinweg angeschlichen und kniete jetzt vor ihm. Adam saß ein wenig niedriger als Leon, so dass er zu ihm hochsehen musste.
Leon lächele. Mit den Augen, mit dem Mund. Ein komplett anderer Mensch als letzten Donnerstag. Komplett anders. Welches Gesicht war sein richtiges?
„Was willst du von mir?“
Adams Frage klang giftig. Er wollte sich einfach nicht von Leon wieder einfangen lassen. Nicht mehr, nicht wieder.
„Hab ich das nicht geschrieben?“ Leon sprang auf den Boden runter. „Etwas unternehmen. Irgendwas. Ich wollte einfach mal raus aus dem Haus.“
„Und Sachiko hatte gerade keine Zeit oder was?“, fragte Adam, noch eine Spur bitterer.
„Ehm... keine Ahnung. Ich hab Sachi nicht gefragt. Ich wollte mit dir weg.“ Leon lächelte wie ein unschuldiger, kleiner Junge, nichts böses denkend, nichts böses kennend.
„Mit... mir?“ Adam konnte nicht anders als ihn ungläubig anstarren. „Und... was war mit dem, was du mir letzten Donnerstag gesagt hast?“
„Was hab ich denn gesagt?“ Leon zog eine Augenbraue hoch.
Konnte er sich denn wirklich nicht erinnern?
„Na, das, wo du mich umarmt hast.“
War das sein Ernst?
„Ich hab da nichts gesagt. Das musst du dir eingebildet haben.“
Konnte man sich das einbilden?
Konnte es tatsächlich nur das Rauschen des Regens gewesen sein?
Das Heulen des Windes?
Das Flüstern der Blätter?
Konnte er sich wirklich das alles nur eingebildet haben?
Oder war Leon einfach nur ein begnadeter Schauspieler und Lügner?
„Du hast gesagt, dass du mich hasst.“
Seine Stimme zitterte, aber Adam sah Leon nicht an. Selbst wenn es nicht stimmte, selbst wenn er es sich nur eingebildet hatte, der Gedanke, es wäre möglich, tat zu sehr weh. Und er wollte einfach nicht Leons Reaktion darauf sehen. Wollte nicht sehen, wie vielleicht für den Bruchteil einer Sekunde die Zustimmung in seinen Augen aufblitzte. Wie er vielleicht eine Maske aus Unschuld anzog. Er wollte es nicht sehen. Und sich diese Hoffnung, es möge nicht stimmen, erhalten.
„Wieso sollte ich so etwas sagen?“
Er wollte lieber an eine Lüge glauben.
„Du hasst mich nicht?“
Er wollte lieber bei diesem Schauspiel mitmachen.
„Nein.“
Nein. Ernst. Ruhig. Emotionslos.
„Nein.“, wiederholte Adam leise und sah auf.
Leon stand direkt vor ihm und betrachtete ihn. Emotionslos. Sein Blick war nicht zu deuten.
Lüge?
Wahrheit?
War das nicht egal?
Adam ließ sich von diesem Blick, von diesen grauen Augen gefangen nehmen. Starrte sie an. Lange, sehr lange.
War nicht dieses komplette Gespräch unwichtig gewesen?
Wäre es nicht besser, es einfach zu vergessen?
Alles einfach zu vergessen?
Wäre es nicht leichter, viel leichter?
Seine Hände zitterten, weswegen er sie in den Jackentaschen vergrub. In seinem Inneren breitete sich ein Gefühl aus. Stark, übermächtig. Unmöglich, es zurück zu drängen. Hoffnung. Erleichterung. Absolute, unbändige Freude.
Sanft glitt Leon mit den Fingerspitzen über Adams Wange, sein Ohr entlang nach unten zu seinem Kinn und hob es leicht an.
„Du bildest dir interessante Sachen ein.“ Mit dem Daumen strich er über seine Unterlippe. „Wir sollten langsam mal gehen, meinst du nicht? Der Park ist bei dem Wetter nicht gerade angenehm.“
Und das Gefühl, sich selbst zu belügen.
Abrupt stand Adam auf und drehte sich weg. Seine Kehle war wie zugeschnürt, ausgetrocknet.
„Ja.“ Heiser, erstickt. „Ja, gehen wir.“
Mit steifen Schritten stakste er voran, schnell und zackig.
Er hasst mich nicht.
Er wusste nicht, ob Leon ihm folgte oder nicht, aber im Moment war es ihm auch egal.
Er hasst mich nicht.
Leon sah ihm kurz etwas überrascht an, holte dann jedoch sehr schnell auf und hielt ihn am Ärmel fest.
Er hasst mich nicht!
Mit einem Ruck drehte er ihn zu sich um. Es herrschte Stille. Hierher, zwischen die Bäume, verirrten sich kaum Menschen. Die Geräusche drangen nur gedämpft ans Ohr, übertönt vom Rascheln der Blätter.
Leon hob langsam seine Hand, legte die Fingerspitzen auf Adams Wange. Adam bewegte sich nicht. Stocksteif, wie erstarrt, schaute er ihn nur an. Schaute nur, aus leicht geweiteten Augen. Die Wimpern warfen zarte Schatten auf die Haut, die helle, weiche Haut.
Mit einem Finger strich Leon vorsichtig die Träne weg. Beugte sich vor, fing die andere mit seinen Lippen auf. Berührte Adam nur sanft, nur zart, wie Glas, wie Porzellan. Wie einen Schmetterling, dessen Flügel zu reißen drohen.
„Macht dir der Gedanke so viel aus, dass ich dich hassen könnte?“
Nur ein Flüstern, ein Wispern. Wie der Wind.
Adam zuckte mit den Schultern. Würde er auch nur ein Wort sagen, könnte er sich nicht mehr beherrschen. Könnte die Tränen nicht mehr zurück halten.
Mit einem Lächeln zog Leon ihn an sich, fuhr mit einer Hand durch Adams Haar, während dieser seinen Kopf in seiner Halsbeuge vergrub. Sich langsam vortastend, legte er seine Arme um seine Hüfte, schloss die Augen, achtete nicht auf die Tränen, die jetzt ungehalten über sein Gesicht flossen. Nahm Leons Geruch wahr, sog ihn in sich auf. Herb und rau. Zigarettenrauch, Aftershave. Leons Geruch.
Leon ließ ihn nicht los. Hielt ihn fest, streichelte immer wieder über sein Haar und seinen Rücken. Wartete, bis die stillen Tränen versiegt waren, hielt ihn weiterhin fest.
Langsam, nach einiger Zeit, in der sie einfach nur beieinander gestanden waren, löste Adam sich von ihm, trat ein paar Schritte zurück und strich sich über das Gesicht. Er lächelte zittrig und warf einen Blick zu Leon.
„Entschuldige.“ Etwas unsicher holte er eine Packung Taschentücher raus. „Dein Mantel... er ist nass.“
„Schon in Ordnung.“ Leon lächelte zurück. Ruhig. Abwartend. „Brauch ich nicht.“
„Okay... okay.“
Er steckte die Packung wieder weg und wischte sich nochmal über die Augen. Hilflos sah er sich um, nicht wissend, wohin er sein Augenmerk richten sollte. Leon strich sanft eine Strähne aus seiner Stirn.
„Alles in Ordnung? Was war denn los?“
Adam zuckte nur mit den Schultern.
„Nichts. Keine Ahnung. War einfach zu viel in letzter Zeit.“
Wie könnte er ihm auch sagen, dass es Erleichterung war? Dass sich die Anspannung in ihm gelöst hatte? Wie konnte er sagen, dass es Leons Schuld war? Wie?
„War es der Gedanke, dass ich dich hassen könnte?“
Adam schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, irgendwie... nein.“
Das war es wirklich nicht. Nicht allein. Nicht nur.
„Hm.“ Leon legte den Kopf leicht schief und musterte ihn. „Macht es dir dann vielleicht Probleme, dass du schwul bist?“
„Was?“ Mit einem Ruck schaute Adam auf und starrte ihn ungläubig an. „Ich bin nicht schwul.“
„Nein?“ Er zog zweifelnd eine Augenbraue hoch. „Etwa bi?“
„Ich... sag mal... wann hab ich denn bitte behauptet, ich würde auf Männer stehen, he?“
„Tust du nicht?“ Leon sah ihn irritiert an. Und kurz, ganz kurz, verdunkelte sich sein Blick.
„Nein, tu ich nicht!“
Sein Kampfgeist erwachte wieder. Wie konnte Leon so was behaupten? Der hatte doch überhaupt keine Ahnung!
„Hm.“ Überlegend tippte sich der Grund für Adams wütende Gedanken ans Kinn. „Und wieso hast du mich dann geküsst?“
„Wie... was... wieso?“ Adam sah ihn wortlos an, den Mund ein wenig aufgerissen. „Weil... weil...“ Ja, wenn er das nur selber wüsste. Er konnte sich für diese spontane Tat immer noch in seinen Allerwertesten beißen. „Weil... einfach so. Das heißt ja nicht, dass ich auf Männer steh. Ich hab mich jedenfalls noch nie zu einem Mann hingezogen gefühlt.“
„Aha.“, meinte Leon nur lapidar, verschränkte die Arme und musterte Adam von oben bis unten. „Aber von einer Frau?“
„Eh... ehm... nein.“ Adam errötete leicht. Musste dieses Gespräch wirklich sein? Wie zum Teufel hatte er es nur mal wieder geschafft, es in so eine unangenehme Richtung zu lenken?
Leons höchst überraschter, höchst ungewohnter Blick machte es jedoch wett. Seine Augen weiteten sich leicht und der Unglaube in seinem Gesichtsausdruck steigerte sich ins Unermessliche. Adam hätte fast zu Lachen angefangen, wenn er nicht der Grund für diesen Unglauben gewesen wäre.
„Du hattest noch keine Freundin?“
„Nein.“
„Sex?“
Die Röte in Adams Gesicht vertiefte sich. „Nein.“
„Hast du denn wenigstens geküsst? Also, bevor du mich getroffen hast?“
Inzwischen musterte der Junge höchst fasziniert seine Schuhspitzen. „Nein.“
„Ehm...“ Anscheinend hatte er es geschafft, Leon die Sprache zu verschlagen. „Onanierst du?“
Empört riss Adam den Kopf hoch und durchbohrte Leon wütend mit seinem Blick. „Das geht dich ja wohl einen feuchten Scheißdreck an!“
„Also nein.“
„Das hab ich nicht gesagt.“
„Also ja?“
„Das hab ich auch nicht gesagt. Es geht dich nichts an.“
„Also doch nein.“
„Arg, hörst du mir überhaupt zu?“
Inzwischen hatte Adam seine Hände zu Fäusten geballt. Und am liebsten hätte er eine von ihnen direkt in Leons arrogantes und selbstsicheres Gesicht geschmettert. Was ging ihn das alles an?
„Natürlich hör ich dir zu.“ Leon stupste kurz gegen seine Stirn und lächelte dann süffisant. „Ich wusste ja schon immer, dass du sehr naiv bist, aber für so jungfräulich und unschuldig hätte ich dich dann auch wieder nicht gehalten.“ Sein Lächeln wurde noch etwas breiter und in seine Augen trat ein höchst erfreuter Glanz. „Das heißt ja, dass mir dein erster Kuss gehört hat.“ Selbstzufrieden zählte er an den Fingern ab. „Und dein zweiter und dein dritter. Ich kann höchst zufrieden mit mir sein, wie ich sehe.“
„Oh, du bist so ein arroganter, selbstverliebter Bastard, das passt ja auf keine Kuhhaut mehr!“ Adam verschränkte zornig die Arme und fixierte Leon. „Bei dem ersten Kuss war ich unvorbereitet, sonst hättest du ihn nicht bekommen. Und den dritten hatte jemand anders, also bild dir nichts drauf ein.“
Überrascht zog Leon eine Augenbraue hoch. „Wer?“
„Ein Freund von mir.“ Adam grinste ihn verspottend an. „Ein sehr guter Freund.“
„Männlich? Und du willst nicht schwul sein?“
„Ich hab nicht gesagt, dass mir der Kuss gefallen hat.“
„Und wieso hast du das dann gemacht?“
Um einen Vergleich zu dir zu haben. Aber das sagte Adam nicht.
„Einfach so, mir war langweilig.“
„War dir auch langweilig, als du mich geküsst hast?“
„Arg... sag mal, musst du dauernd drauf rumreiten? Ich könnt dich genauso gut fragen, ob dir langweilig war, als du mich geküsst hast.“
„Stimmt, könntest du. Und meine Antwort wäre, nein, ich hab das gemacht, weil es mir gefällt, dich zu küssen.“
Adam wand sich. Das hatte er jetzt eigentlich nicht wissen wollen. Mal wieder verfluchte er sich selber für seine dummen Antworten. Und Leon für seine Fragen. Und seine Antworten. Eigentlich, um genau zu sein, für seine gesamte Art.
“Schön für dich. War bei mir halt anders. Punkt. Könnten wir das Thema bitte lassen?“
„Uhm...“ Leon legte gespielt nachdenklich den Kopf zur Seite. „Nein. Ich möchte jetzt doch wissen, was du bist.“
„Und wieso, zum Teufel nochmal?“
„Na, weil ich wissen will, ob es sich überhaupt lohnt, mich an dich ranzumachen. Wenn du eigentlich nur auf Frauen stehst, kann ich mir die Mühe sparen.“
Adam blieb die Spucke weg. Dieser... dieser eingebildete Fatzke.
„Du brauchst dich gar nicht an mich ranmachen. Es bringt nichts, selbst wenn ich stockschwul wäre. Glaubst du, ich will, dass du dich in mich verliebst?“
Leon grinste leicht und schaute ihn aus großen, unschuldigen Kulleraugen an. „Vielleicht will ich dich auch nur ins Bett kriegen.“
Und DAS sagt der einem einfach frech ins Gesicht?
„Boah, du gehst mir so was von auf den Geist, du arroganter Bastard!“
„Du wirst langweilig. Lass dir mal etwas neues einfallen außer ‚arrogant’ und ‚Bastard’.“ Nachdenklich tippte er sich an die Unterlippe. „Wie wär’s mit ‚selbstverliebt’, ‚Arschloch’, ‚Mistkerl’, ‚egoistisch’, ‚Ratte’? Streng dich an, sei kreativ!“
„Kann es sein, dass diese Beschimpfungen schon mal jemand vor mir gebraucht hat?“
„jep.“ Ein unschuldiger, engelsgleicher Blick aus rauchgrauen Augen. „Sehr, sehr häufig.“
Adam stand inzwischen kurz vor der Explosion, und dieser letzte Satz machte es nicht gerade besser. Wie konnte man mit so einem Blick zugeben, dass man ein Arschloch war? Wie konnte man sich dessen so sicher sein, die Krone der Schöpfung zu sein? Wie konnte man von sich selber denken, einfach unwiderstehlich auf andere zu wirken? War der Kerl denn wahnsinnig?
Ja, wahnsinnig von sich selbst überzeugt.
Er atmete einmal tief durch und schloss die Augen. Ruhe, nur Ruhe bewahren.
„Du solltest das nicht machen.“ Er spürte Leons Hand an seiner Wange. „Das wirkt so einladend.“
Abrupt riss er die Augen auf. „Ich lade dich zu gar nichts ein!“
Leon war einen Schritt näher getreten. Nahe, zu nahe. Er konnte wieder seinen Geruch riechen. Viel zu nahe.
„Wir sollten gehen. Diese Diskussion führt zu nichts. Sie ist beendet.“
Mit einem Ruck drehte Adam sich weg. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals hinauf und seine Kehle fühlte sich ausgetrocknet an. Das Schlucken fiel ihm schwer, viel zu schwer. Konnte sich nicht die Erde auftun und Leon darin verschwinden? So als kleines Geschenk des Himmels?
„Du hast Recht.“
Adam sah es nicht, doch er spürte, wie Leon lächelte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, trotzdem ging er weiter, ohne sich umzudrehen. Plötzlich fühlte er Leons Hand in seiner.
„Ich weiß auch schon, wohin.“
Leon zog ihn vorwärts, ohne seine Hand loszulassen. Erst jetzt merkte Adam, wie kalt es war. Wie sehr er gefroren hatte. Geistesabwesend starrte er auf ihre Hände. Wie warm Leons Hand war. Es gab keinen Grund, sie loszulassen. Oder?
Wütend auf sich selber knabberte er auf seiner Unterlippe herum. Wieso musste er so schwach sein? Es fühlte sich zu gut an, um etwas dagegen zu unternehmen, ja, aber konnte er nicht wenigstens ab und zu seine Abwehr gegenüber diesem Bastard aufrecht erhalten?
Von schräg hinten betrachtete er Leons Profil, die entspannten Gesichtszüge, den Blick nach vorne. Sein Lächeln, der freudige Glanz in seinen Augen, seine sanfte Berührung, seine leise wispernde Stimme... das alles machte es wert, ab und zu die Abwehr zu verringern. Eine Lüge zu Glauben. Und die Wahrheit zu leugnen. Ab und zu.
„Wohin willst du?“
Vorsichtig, fast mit Bedauern löste Adam seine Finger aus Leons Hand und trottete ihm wie ein braver Hund hinterher. Die einzige Reaktion Leons war, dass er seinen Schritt verlangsamte, bis Adam auf seiner Höhe war. Ansonsten nichts, absolut nichts.
„In ein Café hier in der Nähe. Es ist etwas erhöht, man hat einen guten Überblick über den Park.“
„Und wofür brauchen wir den?“ Adam zog eine Augenbraue skeptisch hoch. „Wüsste nicht, dass dieser Anblick so berauschend ist.“
„Doch, ist es.“ Leon lachte leise auf. „Lass dich einfach überraschen.“
Der Junge zuckte nur mit den Schultern. Leon würde sowieso seinen Willen durchsetzen, egal was war, wieso sollte er also widersprechen? Vor allem bei so einer unwichtigen Sache. Besser, er sparte sich seine Kräfte für andere Dinge auf.
Mal wieder merkte Adam, wie selten er doch draußen in der Stadt war, als sie vor dem Café standen. Es hatte zwei Stockwerke und war anscheinend die Anlaufstelle für Jugendliche und junggebliebene. Schüler, Studenten, junge Pärchen und gelangweilte Jungarbeiter tummelten sich zuhauf in der unteren Etage, die mit Spielautomaten, Billardtischen, Kickergeräten und ähnlichen Zeug für die Kurzweil ausgestattet war, während sich das eigentliche Café im ersten Stock befand. Es sah recht hübsch gestaltet aus, mit zahlreichen Pflanzen, die als eine Art Trennwand zwischen den einzelnen Tischen aufgestellt waren, einen hellen Boden und hellblauem Mobiliar. Auf der der Tür gegenüberliegenden Seite befand sich eine breite Fensterwand, durch die man einen allumfassenden Blick über den Park und den Platz vor dem Gebäude hatte.
„Wusste gar nicht, dass es hier so etwas gibt.“, meinte Adam, während Leon ihn zu einem freien Tisch direkt am Fenster führte.
„Tja, und dabei bin ich es doch, der erst seit etwas mehr als einem Monat hier wohnt.“ Leon setzte sich, überschlug seine Beine und zündete sich eine Zigarette an. „Lass mich raten, du willst eine heiße Schokolade?“
„Oh, kannst du hellsehen oder was? Woher wusstest du das nur?“ Adam riss gespielt überrascht seine Augen auf, widmete seine Aufmerksamkeit dann aber schnell der Aussicht, die sich ihm von diesem Platz aus bot.
Sie saßen eine Weile schweigend da, bis die Bedienung sowohl ihre Bestellung aufgenommen wie auch gebracht hatte. Dann wand sich Adam Leon zu.
„Und wieso wolltest du jetzt genau hierhin?“
„Wegen dem Ausblick.“, meinte dieser nur lapidar und nahm einen Zug von seiner Zigarette.
„Haha... das ist ja wohl nicht dein Ernst, oder?“ Adam schnaufte kurz. „So scharf bin ich auf diese Aussicht auch wieder nicht.“
„Aber von hier aus kann man gut die Leute beobachten.“
„Wer hat gesagt, dass ich das will?“ Der Junge zog skeptisch die Augenbrauen hoch.
Leon antwortete nicht, sondern beugte sich nur zum Fenster und deutete dann auf ein recht hübsches Mädchen, das unten auf einer Bank saß und sich mit einigen Freunden unterhielt.
„Wie gefällt sie dir?“
„Was?“
„Wie gefällt sie dir?“
Leon sah Adam abwartend an, während dieser ihn nur verwirrt anstarrte.
„Wofür willst du das wissen?“
„Uhm... sieh es als kleines Spiel an.“ Leon lehnte sich zurück und lächelte. „Ich nenn dir ein paar Leute, die du anschauen sollst. Stell dir vor, du würdest mit denen eine Beziehung anfangen. Du würdest sie küssen, du würdest mit ihnen ins Bett gehen. Den Charakter lassen wir mal außen vor. Dann sag mir, ob es dir gefällt oder nicht.“
„Und was genau soll das bringen?“
„Na ja, wenn du dir partout eine Beziehung mit einer Frau nicht vorstellen kannst, wirst du wohl auch kaum hetero sein, oder?“
Adam klappte leicht den Mund auf.
„Ist das alles, weswegen du mich hierher geschleppt hast? Weil du wissen willst, worauf ich steh?“
„Jep, absolut korrekt. Du bist dir doch selber nicht sicher, oder? Also helfe ich dir ein bisschen. Erleichtert dir bestimmt auch ein bisschen die Partnersuche, wenn du weißt, worauf du eigentlich stehst.“
„Eh... eh...“
Adam sah ihn nur wortlos an und seufzte dann tief. Na, wenn es ihn glücklich machte. Leon würde sowieso nicht locker lassen, bis er ein zufriedenstellendes Ergebnis von ihm hatte. Mit einem weiteren Seufzer zuckte er die Schultern und musterte das Mädchen. Im Gedanken spielte er jedes Szenario durch, das Leon ihm vorhin aufgezählt hatte. Dann schüttelte er den Kopf.
„Nope. Die interessiert mich so sehr wie ein toter Fisch.“
„Und die da?“
Er wiederholte den Gedankengang. Das Ergebnis war das Gleiche.
„Und der?“
Adam betrachtete den Jungen, den Leon ausgesucht hatte, etwas genauer. Schlank, groß, markante Gesichtszüge. Er hatte was.
„Vielleicht.“
Ihm war es unangenehm, diese Antwort zu geben, aber er wusste, es würde nichts bringen, wenn er sich selber belog. Wenn er sich dieser Prozedur unterzog, wollte er zumindest auch ein realistisches Ergebnis bekommen.
Sie wiederholten das Spielchen noch mehrmals mit immer wieder verschiedenen Typen von Frauen und Männern jeden Alters. Das Ergebnis stellte sich als ziemlich klar heraus.
„Du bist stockschwul.“
Ohne eine Miene zu verziehen, nippte Leon an seinem Tee und betrachtete Adam über den Tassenrand hinweg.
„Anscheinend.“
Adams Stimme war ruhig, leise. Er hatte seine Stirn gegen die Fensterscheibe gelehnt und starrte nach draußen, fast komplett blind für das, was dort abging.
Schwul.
Absolut schwul.
Eigentlich hätte es ihm schon längst klar sein müssen. Wieso hatte er sich nicht früher darüber Gedanken gemacht? Wieso hatte es ihn nie gewundert, dass er die ganzen Mädchen, die hinter ihm her waren, abgewiesen hatte? Das er keine einzige interessant gefunden hatte? Er war fast 18 Jahre, verdammt. Da sollte sich doch normalerweise beim Anblick eines hübschen Mädchens was regen. Wobei, es hatte sich auch beim Anblick eines hübschen Jungen nichts geregt. Absolut nicht, nie.
Sein Blick wanderte zu Leon, der ihn immer noch über die Tasse hinweg musterte.
Langsam nahm er jedes Detail auf. Die langen Haare, die glänzenden Strähnen, die über die Schulter nach vorne fielen. Den Ring an seinem linken Mittelfinger, die silbernen Ohrringe in Form von Obelisken. Die vollen Lippen, die sich gegen den Tassenrand drückten, die rauchgrauen Augen, denen nichts zu entgehen schien. Die Wangenknochen, die ein wenig herausstachen, das Kinn, das so stur und arrogant wirkte.
Er war schwul, hatte aber erst bei diesem Anblick angebissen. War Hals über Kopf auf diesen egozentrischen Künstler eingegangen. Und litt wegen ihm wie ein Hund, immer und immer wieder.
Mit einem Seufzer nahm er seine Tasse und trank einen Schluck.
Seine Sexualität tangierte ihn im Moment nicht sonderlich. Sie war unwichtig, zweitrangig, denn er hatte nicht vor, auf Partnersuche zu gehen. Er wusste, er würde niemanden finden, der ihm gefiel. Es war unmöglich.
Sein Blick wanderte zu Leon.
Es war unmöglich, diesen elenden Bastard in irgendeiner Weise zu toppen.
Mit einem tiefen Seufzer blickte er wieder aus dem Fenster, während er auf seinen Oberschenkel, nicht sichtbar für Leon, mit dem Finger schrieb. Etwas, das er sich bis jetzt nicht hatte eingestehen wollen, etwas, das er bis jetzt in die tiefste Ecke seines Bewusstseins gedrängt hatte, um ja nicht darauf aufmerksam gemacht zu werden. Etwas, was er am liebsten ersticken würde. Und etwas, das er niemals vor einem anderen zugeben würde.
Adam liebt Leon.
Signatur Frei leb' ich dieses Leben,
Frei meiner Worte wegen,
Frei geh ich meinen Weg,
Bis diese Zeit zu Ende geht.
Lass dir die Worte bringen,
Sie in deinen Ohren klingen,
Bis Du sie dann verstehst,
Und dann sei der Poet! |
Elehn Literaturkenner

Status: Offline Registriert seit: 19.01.2007 Beiträge: 474 Nachricht senden | Erstellt am 07.07.2007 - 15:13 |  |
Wird mal wieder Zeit, einen Kommentar abzugeben, auch wenn er nur ganz klein ist *nach oben push*
Du erzählst eine wunderbar lebhafte Geschichte, dein Schreibstil ist einfach so. Ich meine, du würdest bestimmt Erfolg haben, wenn du mal ein Buch veröffentlichst. Soviel dazu. Schreib mal wieder was! Will lesen! 
Du kannst mich übrigens nochmal hauen. Hat trotzdem eine gewisse Ähnlichkeit zu Gravitation 
Signatur Wake up! Wake up! There's an angel in the snow!
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Harlekin Moderator
    

Status: Offline Registriert seit: 15.12.2006 Beiträge: 553 Nachricht senden | Erstellt am 08.07.2007 - 22:47 |  |
Huch... danke schön ^___^ Ja, ich hab das mit dem Posten in letzter Zeit etwas vernachlässigt.. hab irgendwie keinen Peil mehr, welcher Tag ist..
Möp... *gravitation nicht mag* Möp....
Teil 13
Mit einem Ruck klatsche Adam sich das eiskalte Wasser ins Gesicht. Er zuckte zusammen, doch diese Abkühlung war bitter nötig gewesen. Sich mit beiden Händen auf dem Becken abstützend, hielt er für einige Momente inne und betrachtete sich fast wütend im Spiegel. Seine tiefschwarzen Haare fielen ihm ins Gesicht und tropften ein wenig, seine Wangen waren leicht gerötet, das strahlende und kristalline Blau seiner Augen wurde von einem sanften, dunklen Schimmer überlagert. Vorsichtig streckte er seine Finger aus und berührte sein Spiegelbild, fuhr die weichen Züge nach, den schmalen, blassroten Mund, strich zu seinem Hals nach unten, zu seinen Schlüsselbeinen.
Abrupt drehte er sich weg und atmete tief durch. Zum Glück kamen nicht sonderlich viele Leute in die Männertoiletten des Cafés, ansonsten hätte man ihn vielleicht noch für einen selbstverliebten Narzissten gehalten. Auch wenn er wusste, dass er attraktiv war, selbstverliebt oder narzisstisch konnte man ihn gewiss nicht nennen. Eher das Gegenteil.
Leicht auf die Unterlippe beißend, schlug er kurz mit der Faust gegen den Beckenrand. Sein ganzes Leben lang hatte es ihn nicht ein bisschen interessiert, ob er gut aussah, ob er begehrenswert war oder mit anderen mithalten oder sie gar ausstechen konnte. Sein ganzes, verdammtes Leben lang, genau siebzehn Jahre, elf Monate und Gott verdammte zwei Wochen. Und das hatte sich mit einem Schlag geändert. Er wollte der Beste, Schönste, Charmanteste sein, den die Welt je gesehen hat. Er wollte mit einem einzigen Lächeln Herzen höher schlagen lassen, durch Wortwitz und Intellekt bezaubern, von Wissen nur so strotzen. Und das nur wegen einer einzigen, dummen Erkenntnis. Fast schon amüsiert schüttelte er den Kopf.
Er hatte sich verliebt.
Unsterblich.
Hals über Kopf.
Bis über beide Ohren.
Er, der jahrelang nicht mal großartig Sympathie für andere empfunden hatte.
Dabei hatte er sich immer so lustig darüber gemacht, wenn er beobachtete, wie sich seine Klassenkameraden auf den Kopf gestellt hatten, um ihrem Schwarm nahe zu kommen. Wie sie wie verrückt herum gesimst hatten, sich extra für die Person ihres Herzens neue Hobbies zulegten oder eine komplette Stilumwandlung machten.
Und jetzt war er selber kurz davor.
Mit einer einzigen Ausnahme. Er war seinem „Schwarm“ schon nahe. Sehr nahe. Nur noch nicht nahe genug. Und am liebsten hätte er diese verteufelten Schmetterlinge in seinem Bauch umgebracht. Einen nach dem anderen gegen die Wand klatschen oder drauf rumtrampeln. Irgendwas. Hauptsache, sie hörten damit auf, seinen Bauch auf den Kopf zu ste |