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Ayeme ![]() Hobby-Autor Status: Offline Registriert seit: 15.09.2006 Beiträge: 77 Nachricht senden |
Diese Geschichte ist, ohne es zu übertreiben, mein Leben. Ich schreibe daran seit fast 10 Jahren. Ich habe sie dauernd verändert und überarbeitet und bin grade dabei, alle Einzelteile und Kapitel zu einem ganzen zusammen zu fassen. Ich will versuchen sie zu veröffentlichen. Ein Krankenwagen heulte schrill durch die Stadt. Ein Schrei hallte durch die vor Hitze flimmernde Luft. Jemand weinte. Dann wurde es still... Die ersten zaghaften Strahlen der Sonne tauchten die wenigen Blätter der mächtigen Bäume in herbstliche Farben, obgleich der Winter erst vor wenigen Wochen dem Frühling gewichen war. Frühnebel kroch dem Mädchen dicht am Boden entgegen und wirbelte bei jedem ihrer Schritte auf wie weißer Rauch. Ein schwacher Windhauch durchwühlte ihr langes, hell blondes Haar und ließ das alte Laub auf dem duftenden Waldboden rascheln. Durch das dünne Blätterdach drang heller Sonnenschein, welcher sich im frischen Tau auf Gräsern und Büschen widerspiegelte und den Wald glitzern ließ wie ein Juwel. Ihr Weg führte sie entlang eines Trampelpfades, der sich wie eine Schlange durch die Baumstämme wand und irgendwann auf die gepflasterte Straße zur Hauptstadt traf. Doch so weit wollte sie nicht gehen. Schon bald verließ sie den Pfad und begab sich in das Unterholz, in der Hoffnung das zu finden, was sie sie suchte. Auf ihrem Weg streifte ihr Blick einen Teil des Waldes, welcher im letzten Sommer aufgrund eines Blitzschlages abgebrannt war. Nun erwachte auch dort wieder das Leben, denn zwischen den verkohlten Baumstümpfen ragten junge Sträucher in den Himmel, um ein wenig Sonnenlicht zu ergattern. Das nahe gelegene Dorf beklagte sich seit geraumer Weile über eine Bande von Wegelagerern, welche die durchreisenden Händler verscheuchten. Angeblich sollte sich ihr Lager dort irgendwo befinden. Viele hatten versucht, sie davon abzuhalten, an diesem Morgen in den Wald zu gehen, aus Angst, ihr könnte etwas geschehen. Wie erbärmlich. Für wen hielten sie sie? Den Weidenkorb locker in den Händen haltend schlenderte sie zum Ufer des nahe gelegenen Baches und ließ sich dort auf die Knie nieder. Mit der hohlen Hand schöpfte sie sich Wasser ins Gesicht. Unauffällig ließ sie dabei ihren Blick schweifen. Zehn, vielleicht ein knappes Dutzend... Langsam erhob sie sich, klopfte sich die Erde von ihrem blass roten Kleid, wandte sich um und stieß mit etwas zusammen. Ein raues Lachen erklang und als das Mädchen den Kopf hob blickte sie in das bärtige und dreckige Gesicht eines Mannes, der sie mit einer Reihe gelber und teils verfaulter Zähne im Mund angrinste. Der Gestank, der ihr aus seinem Hals und seiner Kleidung entgegen kam verschlugen ihr den Atem. Langsam wich sie vor ihm zurück, kam jedoch nicht weit, denn plötzlich schien es, als verbarg jeder Baum in diesem Wald einen Banditen. Überall traten Männer hinter dicken Stämmen hervor, einige davon waren bewaffnet mit kleinen Dolchen, Knüppeln oder auch Schwertern, andere wiederum hatten keine Waffen nötig, denn ihre Fäuste schienen die Größe von Köpfen zu haben. Die meisten von ihnen lachten und entblößten dabei die gleichen verfaulten Zähne wie der Mann, über den das Mädchen als erstes gestolpert war. Dieser trug als einziger sichtbaren Schmuck in Form eines gewaltigen Ringes an seiner Rechten. Das er nun als erster das Wort erhob bewies zusätzlich, dass er der Anführer der Gruppe war. „Wen haben wir denn da?“, fragte er amüsiert. „So ganz alleine unterwegs? Es ist gefährlich hier, vielleicht sollten wir Euch ein Stück des Weges begleiten. Hier soll sich ein Haufen übler Gesellen herumtreiben.“ Er erntete raues Gelächter aus mindestens ein Dutzend Kehlen. Das Mädchen sah sich hektisch nach allen Seiten um wie ein Tier, dass in die Enge getrieben worden war. Und mehr war sie wohl auch nicht für diese Männer. Beute. Gut so... „ Isaac!“ Der bärtige Anführer nickte einem seiner Kameraden zu, der zwischen den vielen, breitschultrigen Männern durch seine gedrungene und drahtige Statur stark auffiel. Er hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit einem zu groß geratenen Affen. Er trug einen Wurfdolch zwischen den Zähnen und kicherte wirr, als er auf das Mädchen zugerannt kam und ihre Arme ergriff, um diese hinter ihrem Rücken zu verschränken. Sein Griff war so stark, dass sie vor Schmerz aufkeuchte. Isaac kicherte wieder und hauchte ihr seinen stinkenden Atem über die Schulter ins Gesicht. Der Bärtige trat auf sie zu und grinste hämisch. „Ihr braucht wirklich keine Angst vor mir zu haben, hübsches Ding.“ „ Zwei hübsche Dinger“, kicherte Isaac, der eindeutig ihre Brüste meinte. Nun fing er an, mit seiner freien Hand die wenigen Taschen ihres einfachen Kleides zu durchsuchen. Dabei ließ er keine Gelegenheit aus, sie unsittlich zu berühren. Nein, noch nicht... Als er fertig war, spuckte er den Dolch in seine freie Hand und schüttelte den Kopf. „Nichts... Nicht einmal eine Kupfermünze.“ Dennoch schien er oder seine Kumpanen keineswegs enttäuscht zu sein. "Aber sie ist noch unschuldig!" Während er das sagte, hob er ihr Kleid an ihrem rechten Bein so hoch, sodass jeder die blasse Haut ihrer Schenkel sehen konnte. Ein vorfreudiges Raunen ging durch die Männer und als Isaac sich dann auch noch über ihre Schultern beugte und mit seiner Zunge über ihre Wangen fuhr, brachen die Banditen in zustimmendes Grölen aus. Reiß dich zusammen, noch nicht! Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Gebt Ruhe. Wir nehmen sie mit. Dann könnt ihr euch mit ihr vergnügen“, rief der Anführer und wandte sich grade um, als ein Pfeil nur um Haaresbreite an seinem Gesicht vorbeischnellte und sich bis zum gefiederten Schaft in den nächsten Baum bohrte. Nervös erhoben einige der Männer ihre Waffen und sahen sich nach allen Seiten hin um. Etwa fünfzig Schritte von ihnen entfernt lehnte ein Mann von jungen Jahren an einem Baum. Er trug ein einfaches, weißes Hemd und eine braune Hose aus groben Leinen, sein Schulterlanges, pechschwarzes Haar war locker mit einem Lederbändchen zusammengebunden. Er hielt in der einen Hand einen Jagdbogen und in der anderen einen zweiten Pfeil. Er machte jedoch keine Anstalten ein weiteres Mal zu schießen. Noch nicht. „Normal mische ich mich nicht in die Belange Euresgleichen ein Kalan, doch würdet Ihr mit der Entführung eines Menschen nicht ein wenig zu weit gehen?“ Die Worte des Mannes waren eindeutig an den Anführer gerichtet und mit diesem sprach er in einem fast freundschaftlichen Tonfall. Kalan seufzte genervt, doch war ihm auch deutlich Nervosität anzumerken. Mit der rechten Hand spielte er immer wieder mit seinem Ring, den er dort am Daumen trug. „Nicht Ihr schon wieder. Unsere Geschäfte gehen Euch rein gar nichts an. Geht Eurer Wege. An früheren Tagen habt Ihr uns auch nie dergleichen behelligt.“ „Das mag sein, dennoch habt ihr heute etwas erbeutet, dass ich euch nicht überlassen kann.“ „Sagt bloß, Ihr wollt es für Euch beanspruchen, was wir erbeutet haben?“ Kalan grinste nun verschwörerisch. "Ihr habt einen erlesenen Geschmack. Wir können sie uns teilen, wenn ihr wünscht. " „Ihr seid abartig, Kalan. Ich vergreife mich nicht an wehrlosen Frauen. Lasst sie gehen und ich verschone euch. Ansonsten werde ich das nachholen, was ich bei früheren Begegnungen nicht getan habe“, sagte er immer noch mit einer beinnahe fröhlichen Stimme. Genau dies verunsicherte zusehends die Banditen, denn einige von ihnen wichen bereits vor dem Fremden zurück. Kalan, der dies natürlich bemerkte und selber anscheinend ebenso kurz davor war die Flucht zu ergreifen, wollte jedoch nicht seiner Feigheit nachgeben, sondern zog im Gegensatz dazu auch noch sein Schwert. Die Wut, die er nun in seine Stimme legte, war alles andere als echt. "Ich lasse mir von Euch keine Befehle erteilen. Geht endlich, ehe ich mich ver-" Bevor er diesen Satz beenden konnte ragte ein Pfeil zitternd aus seiner Kehle. Das letzte, was er von sich gab, war ein röchelndes Gurgeln, welches von einem Schwall Blut begleitet wurde. Dann sank er fast langsam auf die Knie und kippte zur Seite auf den feuchten Waldboden. Dies gab endgültig den Ausschlag für die Männer, die nun Hals über Kopf schreiend und anscheinend völlig ziellos in den Wald rannten. Jeder in die Richtung, die er für die besten hielt, Hauptsache weit weg von dem Fremden. Nur Isaac war geblieben und sein Griff, mit dem er das Mädchen in seiner Gewalt hatte, hatte sich um ein vielfaches verstärkt. Ihre Aufmerksamkeit galt jedoch nicht ihm, sondern den flüchtenden Männern. Als der Fremde nun näher trat, schrie der letzte Bandit wutentbrannt los. „Verschwindet! Sie gehört mir!“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen hob er nun seinen Dolch an ihre Kehle. Ohne, dass nun aber der Fremde oder auch Isaac selbst begriffen, was geschah, riss sich das Mädchen scheinbar ohne sichtliche Mühe los und ließ ihren Ellbogen so schnell in das Gesicht des Mannes schnellen, dass der Schädel knackend brach. Schlaff und ohne einen Laut von sich zu geben, fiel er tot zu Boden. Dann kehrte Stille ein. Der junge Mann starrte sie fassungslos an und ließ beinahe seinen Bogen fallen. Der eben noch angsterfüllte und kindliche Blick des Mädchens wandelte sich in eisige Kälte und die Stimme, mit der sie nun sprach, war völlig ohne Gefühl. „Ihr habt meine Pläne durchkreuzt“, sagte sie ruhig, trat auf ihn zu und ergriff mit ungewöhnlicher Kraft seinen Hemdkragen. „Das war sehr dumm von Euch.“ Ohne das es jemand gesehen hatte, hatte sie den Dolch von Isaac an sich gebracht und drückte diesen nun an die Kehle des Mannes. Noch bevor aber mehr als ein einzelner Blutstropfen an der Klinge hinab laufen konnte erklang von sehr nahem das regelmäßige Geräusch eines herannahenden Pferdes. Ohne darauf zu achten verstärkte sie den Druck der Klinge. „Kommandantin“, ertönte die Stimme eines jungen Mannes. „Es gibt Probleme!“ Mit einem Ruck wandte sich das Mädchen um, ohne ihren Griff zu lockern und starrte in die Richtung des Pfades. Darauf war ein Reiter erschienen, der mit einer groben Bewegung sein Tier zum halten brachte und zu ihnen hinüber blickte. Sie nahm den Dolch zurück und sah ihrem Gegenüber in die Augen. Dieser starrte sie immer noch regungslos an, in seinem Blick lag nun mehr Verwirrung als Angst. Sie zog ihn an seinem Kragen, sodass ihre Gesichter nur noch einen Wimpernschlag voneinander getrennt waren. „Ihr habt Glück... Er hat Euer Leben gerettet.“ Sie ließ von ihm ab und lief dem Reiter mit schnellen Schritten entgegen. Dieser sah sie leicht verwundert an. „Du tötest ihn nicht?“ „Nein...“, sagte sie schlicht und schwang sich galant hinter ihm auf das Pferd. "Aber das nächste mal... " Der Reiter warf noch mal einen fragenden Blick zu dem Fremden und zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst.“ Dann gab er dem Tier die Sporen. Die Sonne stand hoch im Zenit, als sie Grau Karmas erreichten und obgleich es Mittag und somit eigentlich ruhig im Dorf hätte sein müssen, waren fast alle Bewohner auf den Straßen. Einige von ihnen kamen dem Reiter und seiner Begleiterin entgegen gerannt und in jedes Gesicht, in dass das Mädchen blickte erkannte sie Sorge und Mitgefühl. Sie selbst, die von Vardro bereits den größten Teil der Geschehnisse berichtet bekommen hatte, trug den gleichen Gesichtsausdruck, wie sie ihn dem Fremden mit dem Bogen entgegen gebracht hatte. Den gleichen, den die jedem entgegen brachte. Als sie das Haupttor passierten sprang sie noch während sich das Pferd in einem schnellen Trab befand von seinem Rücken und drängte sich im Laufschritt durch die Reihen der Anwesenden, ohne auf die Vielzahl von Stimmen zu achten, die alle ihre Aufmerksamkeit forderten. Sie überquerte den Platz vor den Stallungen und durchschritt das Tor zum Haupthaus des Dorfes, wobei sie beinahe mit Xaver zusammengestoßen wäre. Der Hauptmann gab ein erleichtertes Seufzen von sich. „Da bist du ja! Wir warten schon auf dich. Gathok ist-“ „Ich weiß bescheid“, unterbrach sie ihn mehr murmelnd als laut und lief an ihm vorbei, ohne darauf zu achten ob er ihr folgte, oder nicht. Sie stieß brutal die große Holztür des Hauses auf, welche krachend gegen die Wand flog, wobei eine der Angeln beträchtlich knarrte, und rannte nun durch den einfachen Speisesaal auf die Treppe zu, an dessen Ende auf der weitläufigen Galerie bereits Marie und einige der obersten Kommandanten auf sie warteten. Als die stattliche Haushälterin das Mädchen erblickte legte sich eine tiefe Erleichterung in ihren sorgenvollen Blick. „Kind! Rin sei Dank, da bist du ja! Wir warten schon auf dich.“ Ohne jedoch von ihr oder den Männern Notiz zu nehmen lief sie an ihnen vorbei auf die Tür zu, vor der sie warteten. Einen Moment zögerte sie, bevor sie den Türknopf langsam drehte und in den dahinter liegenden Raum eintrat. Sofort umschloss sie eine tiefe, beunruhigende Dunkelheit. Die Fenster des weitläufigen Zimmers waren allesamt und sehr penibel verhängt worden. Die Luft war warm und stickig, es roch durchdringend nach Krankheit und Blut. Außerdem, so schien es dem Mädchen, war ein weiterer Geruch in diesem Raum, den sie erst später als das erkannte, was es war. Tod. Eine einzelne Kerze ruhte auf einem kleinen Tisch. Diese schwache Lichtquelle reichte kaum aus, mehr als das Bett und einen kleinen Schemel zu erhellen, auf dem ihr Kharn, der Dorfarzt, einen für seinen Beruf üblichen "Wer-wagt-es-die-Ruhe-des-Patienten-zu-stören?" Blick zuwarf. Selbst, als er sie erkannte, und sich ein Hauch von Furcht in seinen Blick einschlich, blieb seine Wut bestehen. Zumindest äußerlich. „Was erdreist Ihr Euch hier einfach so reinzuplatzen? Ihr willst wohl nicht, in welchem Zustand sich der Hauptmann befindet?“, zischte er leise mit bebender Stimme. Das Mädchen achtete nicht auf seine Worte, trat neben ihn an das Bett und warf ihm einen Blick zu, unter dem der Arzt sichtlich blasser wurde. „Verschwindet.“ Immer noch mit leichtem Widerwillen erhob sich Kharn und wandte sich nur Tür. Seine Beine zitterten deutlich. Bevor er den Raum jedoch verließ, warf er ihr einen fast drohenden Blick zu. "Regt ihn nicht zu sehr auf. So leid es mir tut, das sagen zu müssen, aber er ist ein sterbender Mann." Dann ging er und wurde draußen bereits mit dem aufgeregtem Geschnatter Maries empfangen. Dafür brachte die junge Kommandantin kein Interesse auf. Stattdessen schob sie den Schemel neben dem Bett beiseite und kniete sich an dessen Stelle. Während ihre Hände an der Bettkante ruhten berührte sie diese noch mit der Stirn. Das übliche Ritual für einen Kranken, um ihm eine schnelle Genesung zu wünschen. Eine große, braungebrannte Hand legte sich schwer auf ihren Kopf und ließ sie aufsehen. Das erste Mal, seit sie das Zimmer betreten hatte, wagte sie es, einen genauen Blick auf die Person zu werfen, die sie Vater nannte. Sein grobes, wettergegerbtes Gesicht war aschfahl und schweißnass, in seinem braunen Vollbart und seinem gleichfarbigem Haar klebten die Reste von Blut, ebenso auf seinen Schulter und den Armen. Das Mädchen wusste, dass der Rest seines Körpers noch mit weitaus mehr Blut befleckt sein würde, doch dieser befand sich unter einer weißen Wolldecke, seine Atmung darunter war kaum mehr zu erkennen. Seine Augen blickten sie, trübe geworden und fast glanzlos, traurig und liebevoll an. Ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf seinen zitternden Lippen ab. „Diese Geste... ist nicht mehr von Nöten“, keuchte Gathok und hustete gequält. Sterbend. Er fuhr mit seiner Hand über ihre Wangen, streifte ihr Haar und blieb schließlich auf ihren Händen ruhen, die ihren Platz an der Bettkante noch nicht verlassen hatten. Seine Haut war kalt, fast schon wie tot. „Sprich nicht, Vater. Das strengt dich an“, sagte sie leise. „Unsinn“, sagte er und brachte ein stockendes Lachen zu Stande, an dessen Ende er abermals husten musste. „Ich höre bereits die Glocken von Sharani's Reich.“ Er schenkte ihr ein warmes Lächeln und sah an die Zimmerdecke. „Ich wusste schon lang, dass meine Zeit in dieser Welt dem Ende entgegen geht. Du musst deswegen nicht traurig sein.“ „Höre nicht auf Kharns Geschwätz. Der Neid nagt an ihm seit du unser Hauptmann wurdest. Er sieht mit Absicht keine Hoffnung für dich!“ „Seit wann zweifelst du an meinem Urteilsvermögen?“ Gathok schüttelte langsam, aber durchaus entschieden den Kopf, als sie etwas erwidern wollte. „Es gibt nun wichtigeres zu besprechen.“ Schwerfällig und mit schmerzverzerrtem Gesicht setzte er sich ein wenig auf, schob ihre helfenden Hände beiseite und wies mit einer knappen Bewegung auf den kleinen Nachttisch. Neben der flackernden Kerze lag ein in kleines Kästchen aus einfachem Holz. Das Mädchen nahm es mit zitternden Fingern und öffnete es zögerlich. Darin, auf unerwartet prachtvollem, purpurnen Samt lag eine silberne Kette, an der eine rote Murmel hing. „Du wirst dich vielleicht nicht mehr daran erinnern, doch als ich dich damals fand, trugst du diesen Gegenstand um den Hals. Seither habe ich es verwahrt.“ Mit einem fragenden Blick in die Richtung ihres Vaters nahm sie die Kette aus dem Kästchen und drehte den Anhänger im sachten Schein der Kerze. Die Farbe des darin gebrochenen Lichtes erinnerte an Blut. Seltsame Schatten tanzten im Innern der Kugel und lösten in dem Mädchen ein seltsames Gefühl aus, dass wage an Hass erinnerte. „Du spürst es, oder? Natürlich tust du das. Du warst schon immer etwas ganz besonderes. Anders, als die anderen und das ist gut so. Andererseits würde ich das Folgende niemals von dir verlangen.“ Er schüttelte sachte den Kopf als sie etwas sagen wollte und lächelte sanft. „Ich habe dich behandelt wie meine eigene Tochter. Du warst meiner Nachfolge würdig. Nur du und keiner dieser Narren dort draußen, die nicht wissen, wie sie mit einer Dame umzugehen haben!“ Gathoks Lachen daraufhin wandelte sich schnell in ein gequältes Husten. Augenblicke vergingen, ehe er sich wieder dazu in der Lage sah weiter zu sprechen. In dieser kurzen Zeit flackerte das Licht der Kerze deutlich stärker als zuvor und ein zarter Luftzug strich durch das kleine Zimmer, obgleich kein Fenster und keine Tür geöffnet waren. „Dieser Anhänger... Bewahre ihn gut. Er ist der Schlüssel zu deiner Vergangenheit und der Weg in deine Zukunft. Und finde die anderen sechs, bevor sie es tut... Geh jetzt.“ „Aber-“, begann das Mädchen, wurde jedoch von Gathok gleich wieder unterbrochen. „Bitte. Ich will nicht, das du siehst, wie ich sterbe. Sharani weilt bereits in diesem Raum. Ich möchte sie nicht länger warten lassen. Geh, verlasse dieses Haus, diesen Clan und wende dich nach Osten.“ Gathok schloss seine Augen. „Meine geliebte Ayemé.“ Ohne ein weiteres Wort stand die junge Kommandantin auf und wandte sich zur Tür, den Anhänger so kraftvoll an die Brust pressend, dass ihre Fingerknöchel weiß hervor traten. Als sie den Raum verließ, spürte sie, wie es ihr der letzte Hauch des Lebens in der Finsternis gleich tat. Draußen auf den Flur versuchte Marie, eine Anzahl Männer, Freunde von Gathok, engste Berater und Mitglieder des Clans, davon abzuhalten, das Zimmer zu betreten. Und dabei machte sie nicht nur von ihrer Stimme gebrauch. „ Schert euch weg! Ihr könnt nichts mehr unternehmen. Lasst ihr den kurzen Augenblick.“ Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter und erblickte Ayemé, die soeben die Tür hinter sich schloss. Ihr Haar war ihr ins Gesicht gefallen, ihre Augen nicht zu erkennen. Marie schien zu wissen, was geschehen war und gab ihr Unterfangen auf die Männer abzuhalten. Das war auch nicht mehr nötig. Sie rührten sich nicht, waren still, in Erwartung auf das, was jetzt kam. Das Mädchen rührte sich nicht, blickte zu Boden. „Kind, ist-“ Zu mehr kam Marie nicht, denn Ayemé setzte sich plötzlich mir raschen Schritten in Bewegung und das so schnell, dass die Männer auf dem Flur hastig beiseite treten mussten, um ihr den Weg frei zu machen. Schweigend lief sie bis zum anderen Ende der Galerie und verschwand dort lautlos und schnell in ihren Zimmer. Drückendes Schweigen breitete sich aus, niemand wagte es seine Stimme zu erheben. Jeder wusste bereits, was geschehen war. Am oberen Ende der Treppe sah ihr Vardro fragend hinterher. „Hat sie geweint?“, frage er an Marie gewandt. „Geweint?“ Marie schüttelte den Kopf und lächelte traurig. „Ich glaube nicht, dass sie zu einer solchen Gefühlsregung fähig ist.“ Vardro nickte und warf einen Blick zum Zimmer des Hauptmannes. „Was geschieht jetzt?“ Ehe die Haushälterin antworten konnte trat Ayemé wieder aus ihrem Zimmer. Ihr Äußeres hatte sich auf drastische Weise geändert. Das noch eben hell blonde Haar war nun von einem so hellem blau, dass es fast weiß war. Sie hatte sich in Windeseile die Tinktur aus den Haaren gewaschen, die sie immer bei Aufträgen benutzte, um nicht erkannt zu werden. Weißhaarige, junge Mädchen gab es nicht viele und sie war bereits als Söldnerin bekannt genug, um selbst bei einfachen Wegelagerern aufzufallen. Das blass rote Kleid hatte einem schwarzen, bis oben hin zugeknöpftem Mantel Platz gemacht, in der rechten trug sie ein langes, zierliches Schwert, dessen Klinge in einer schwarz glänzenden Scheide ruhte. Ohne ein Wort schloss sie die Tür hinter sich und wandte sich zur Treppe. „Was hast du vor?“, rief Vardro und vertrat ihr den Weg. „Du willst uns doch jetzt nicht im Stich lassen?“ Unter ihnen im Speisesaal hatte sich bereits der größte Teil der Bewohner Grau Karmas' eingefunden und sahen fragend zu ihnen hoch. Xaver stand am Fuß der Treppe und sah sie Ernst an. „Jeder hier weiß, dass du Gathoks Nachfolgerin werden solltest. Warum also gehst du?“ Schweigen war das, was nun folgte und eine gespannte Stimmung lag in der Luft. Augenblicke vergingen, ehe wieder ein Wort gesprochen wurde. Und es war Marie, die nun die Stimme erhob. „Wer seid ihr eigentlich, sie aufhalten zu wollen?“, rief sie wütend. „Sie handelt recht! Gathok selbst wies ihr diesen Weg, also lasst sie gewähren.“ Sie nickte Ayemé zu, die wiederum die ganze Zeit schweigend zu Boden gestarrt hatte. Nun setzte sie sich in Bewegung und legte Vardro im Vorübergehen eine Hand auf die Schulter. „Dein sei Grau Karmas!“, flüsterte sie und ging. Ohne weitere Widerworte zu hören und ohne dass ihr jemand hinterher sah ging sie durch die Menge und verließ das Haus, ging zum Stall, nahm sich ihr Pferd und kehrte dem Ort den Rücken zu, den sie lange Zeit ihr Zuhause genannt hatte. Insgesamt muss das Kapitel noch länger und ausführlicher geschrieben werden! Nur so als kleine Anmerkung^^ Signatur Bitte klicken! http://spielwelt3.knightfight.de/?ac=vid&vid=77023972 | |||
Lykanthrop ![]() Administrator ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 07.09.2006 Beiträge: 2037 Nachricht senden |
Huhu... Schön, dass du wieder da bist. Signatur ![]() | |||
Ayeme ![]() Hobby-Autor Status: Offline Registriert seit: 15.09.2006 Beiträge: 77 Nachricht senden |
Ja, mich gibts noch^^ Signatur Bitte klicken! http://spielwelt3.knightfight.de/?ac=vid&vid=77023972 | |||
Lykanthrop ![]() Administrator ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 07.09.2006 Beiträge: 2037 Nachricht senden |
Habs gelesen. Finde die Texte sehr gelungen. Signatur ![]() | |||
Ayeme ![]() Hobby-Autor Status: Offline Registriert seit: 15.09.2006 Beiträge: 77 Nachricht senden |
Ja, hast recht mit dem Fehler... Ich verlasse mich einfach zu sehr auf mein Rechtschreibprogramm, da übersehe ich solche Fehler dauernd!! Signatur Bitte klicken! http://spielwelt3.knightfight.de/?ac=vid&vid=77023972 | |||
Lykanthrop ![]() Administrator ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() Status: Offline Registriert seit: 07.09.2006 Beiträge: 2037 Nachricht senden |
Ach, das passiert. Signatur ![]() | |||
Honigdieb ![]() Hobby-Autor Status: Offline Registriert seit: 08.01.2007 Beiträge: 152 Nachricht senden |
Diese Geschichte hört sich sehr interessant an. Mit deiner Erlaubnis werde ich sie mir ausdrucken, durchlesen und dir dann einen hoffentlich ausführlichen Kommentar hinterlassen. :3 Signatur I dream, the vision is behind, of a life to find... nevermind... | |||
Ayeme ![]() Hobby-Autor Status: Offline Registriert seit: 15.09.2006 Beiträge: 77 Nachricht senden |
klar kannst du dir das ausdrucken! freu mich immer wenn den leuten meine storys gefallen Signatur Bitte klicken! http://spielwelt3.knightfight.de/?ac=vid&vid=77023972 | |||
Torn ![]() Literaturkenner Status: Offline Registriert seit: 21.07.2007 Beiträge: 329 Nachricht senden |
Gott, ich liebe diese Geschichte! Signatur Ich dachte immer, das ist doch kein Problem Jetzt sitz ich hier, wie ein Kaninchen vor der Schlange Und ich fühl mich wie gelähmt Ich muss es sagen, Ich weiss nur noch nicht wie Ich muss es dir sagen, Jetzt oder nie Bitte geh noch nicht Am besten gehst du nie Ich hab's dir schon so oft gesagt In meiner Phantasie Bleib noch ein bisschen hier Bitte geh noch nicht Was ich versuche, dir zu sagen, ist Ich liebe dich! | |||
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