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| Erstellt am 05.02.2008 - 17:25 |  |
Mein Weg zu Christine Lavant
Wann mir erstmals Texte der Dichterin begegnet waren, läßt sich nicht erinnern. Gut zehn Jahre liegt mein anfänglicher Versuch zurück, ein Gedicht von ihr eurythmisch auszuarbeiten: "Geist der Erde..."
Es wurde deutlich, wie gerade die Eurythmie den Besonderheiten dieser Lyrik gerecht zu werden und sichtbaren Ausdruck zu geben vermag.
Mein sprach-künstlerisches Elternhaus sowie eine wunderbare Waldorfschulzeit mit viel Raum für Kunst und Literatur hatten Hören, Sprechen und Lesen geschult an Prosa und Lyrik vieler Stilepochen.
Die Ausbildung zur Eurythmistin verwandelte das Liebgewordene zum Gegenstand des täglichen Übens, besonders seit ich 1978 meine Tätigkeit an der heutigen Akademie für Eurythmische Kunst München aufnahm.
Christine Lavant - viele Gedichte las ich, wußte von früher Prosa, die jedoch, da seit den 50er-Jahren nicht neu aufgelegt, schwer zu bekommen und generell in Deutschland wenig bekannt war.
Das Thema wurde immer wieder von anderen überdeckt, blieb aber in tiefen Schichten ein ständiger Begleiter. Schließlich war es Christine Lavants Essay, "Die Stille als Eingang des Geistigen", sowie ein Portrait der Dichterin und der Blick auf die Lebensdaten, die den Plan reifen ließen, eine eurythmische Hommage zu versuchen, etwa zum 25. Todestag (7.6.1998) in dem Jahr, das nach geisteswissenschaftlicher Erkenntnis zu einer besonders wachen Auseinandersetzung mit Dunkelzonen und Abgründen in und um uns aufruft.
Wer war Christine Lavant ?
Gewiß ein dunkles Wesen, der Nacht eher zugetan als dem Tag aber durchdrungen von der Sehnsucht nach Licht, Wärme, Gemeinschaft und Freude.

Muss jetzt einen Singsang finden
für das bisschen Haut und Knochen,
und den gelben Schierling kochen
und das Seilchen richtig winden.
Jahr war voller Schlangenschlingen,
jeder Tag ein Löwenzähnchen –.
Finger zupft das rote Hähnchen,
bald wird es im Feuer singen.
Jemand hat das aufgetragen,
kam auf schwarzem Wolf geritten,
jemand hat das Seil beschritten
u nd ein Zelt ist aufgeschlagen.
„Sklavin!“ sagt der Augenlose,
mein Gesicht muss vor ihm knieen.
Schierling, Seil und Hähnchen fliehen,
Löwenzahn und Samenrose.
„Jede Stunde ist die erste“ –,
sagt wer mundlos, sät im Winde
taubes Korn für eine Blinde,
blühen wird das Allerschwerste.
II.
Wie gut, dass ich verborgen bin
und niemals wieder sichtbar werde.
Mein Kern – im Widerspruch zur Erde –
begab sich selbst zum Monde hin,
jetzt kannst du ruhig schlafen.
Der Ort, wo wir uns trafen,
war niemals wirklich in der Zeit.
Verzeih mir dies – aus Einsamkeit
herausgeschälte – Wissen.
Vielleicht fühlt sich dein Kissen
trotzdem auch manchmal tauig an,
vielleicht verkündet dir der Hahn
vom Hühnerbaum her oft zu grell,
dass jetzt der Morgen wieder hell
gläsern über deinem Dach
heraufsteigt, während du ganz schwach
und übernächtig bist?
Ich bin es nicht, die dich dann quält,
ich bin die Magd, die Äpfel schält
im Mond und keinen isst.
III.
Wer nimmt den wilden Salbei ins Gemüt
und lebt dann sanfter fort von seiner Farbe?
Vielleicht ein Kind, vielleicht ein stummer Narr,
dem Grün und Blau ein innres Wort ersetzen?
Klar hinterm Staunen fände man den Sinn
der frommen Zahl im schlichten Wiesenklee –.
Was knie ich da und such' das vierte Blatt
und lass' des Staunens Schwelle unbetreten?
So gehen Kind und Törin aus mir fort.
Für sie liegt Glück nicht in gesuchten Dingen –;
ein Stein, ein Halm und einer Rosenkugel
halbblindes Glänzen helfen ihnen lächeln.
Wir waren drei .... Jetzt bin ich eins im Raum,
wo hohle Spiegel alle Bilder brechen:
Da steht der wilde Salbei wie ein Tier,
auf dem die Schwermut durch den Mittag reitet.
IV.
Schwermütig geht mein Herz zur Ruh,
ich tröste es auch nimmer,
der Südwind schlägt die Türe zu und steht
bewegt im Zimmer.
Mit meinen Haaren spielt er zart,
fragt flüchtig, ob ich weine,
und ist schon wieder auf der Fahrt,
bevor ich noch verneine.
Auf einmal glänzt im Apfelbaum
ein Schlüssel, ganz ein gelber,
mein Herz verwendet ihn im Traum
und kommt dann zu sich selber.
Am Dachrand taut das letzte Eis,
das klingt so abgeschieden,
als bete jemand tropfenweis
um seinen Seelenfrieden.
Der Föhn kommt aufgebracht zurück,
verbirgt den Mondesschlüssel,
einschichtig gräbt mein Herz nach Glück
und füllt die Tränenschüssel.

Mir ist es oft, als ob die Erde sich
jetzt atemleise meinem Blick entzöge,
und eine fremde Landschaft tritt für sie,
wie eine Bilderschrift, um alles Schauen.
Wohl weiß ich noch die Namen mancher Dinge
und sage: Wolke,Tauwind, Birnbaum, Mond! -,
doch haftet jedem solche Sanftmut an,
wie früher nur dem Bild der toten Mutter.
Und auch die neue Gegend ist verschlossen,
gleich einem Garten, den ein Herr bewohnt,
der mich erwartet für viel spätre Zeit.
Das läßt mich nun in allem so allein,
daß ich mich manchmal aus mir selber hebe,
um was Vertrautes in den Raum zu tun,
aus dem die Erde atemleise flieht.
Christine Lavant
Gott verliert eine Spielerin
Aufzeichnungen der mysteriösen Christine Lavant
Die Dichterin Christine Lavant zählt zu den faszinierendsten und zugleich unbekanntesten großen Namen in der deutschsprachigen Literatur. 1915 als neuntes Kind in eine Bergarbeiterfamilie geboren, wuchs sie im Kärntner Lavanttal auf, das sie Zeit ihres Lebens kaum verlassen hat. Materielles Elend und ein von qualvollen Krankheiten gezeichneter Körper sorgten für ein Klima des Ausgeschlossenseins, das so endgültig schien, dass sie sich bereits früh darin einrichtete. Die intensive Suche nach menschlichem Zuspruch, angstvolle Todessehnsucht und verzweifelte Hoffnung auf göttliche Tröstung zeichnen sich als Konstanten ihrer hochangespannten Existenz ab. Es entstand ein Werk, dessen eigenartige Bilderwelt und gedankliche Tiefe so außergewöhnlich ist, dass Ludwig von Ficker, der ehemalige Mentor Georg Trakls, überzeugt davon war, zum zweiten Mal in seinem Leben einem Genie begegnet zu sein.
Die ungewöhnlich zurückgezogen lebende Künstlerin, die mit Strickarbeiten Geld verdiente und der das Dichten nach eigenen Aussagen "peinlich" war, erhielt nach ersten Veröffentlichungen bald die wichtigsten österreichischen Literaturpreise, zudem fand sie Kontakt zu anderen Dichtern wie Thomas Bernhard, Christine Busta, Paul Celan und Hilde Domin. An letztere schrieb sie 1966 jedoch: "Mir graut es vor meinen Gedichten und eigentlich vor aller Kunst. Sie passt nicht zu mir, war ein unbegreifliches Zwischenspiel". Dies war keine Attitüde, denn Christine Lavant war tatsächlich künstlerisch verstummt. Sie starb 1973 und hinterließ, neben einer umfangreichen Briefkorrespondenz, ein Lyrik- und Prosawerk, das im Salzburger Otto Müller Verlag veröffentlicht wird. Dort ist nun mit Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus ein Text erschienen, an dessen Existenz bis vor kurzem niemand mehr geglaubt hat.
"Das ist der erste Fall in meiner Praxis, der aus eigenem Antrieb zu uns gekommen ist" - so stellt der Oberarzt von Abteilung Zwei, der Beobachtungsstation für die "Leichteren", die neue Patientin vor. Ihre private Sorge ist es, als verrückt genug zu gelten, dass die Heimatgemeinde für die "Kur" aufkommt, zugleich aber das Privileg, das ihr als "Freiwilliger" in der Anstalt zugestanden wurde, nämlich die Erlaubnis zu schreiben, nicht zu verwirken. Sie hat einen schwierigen Stand, finden sich doch in der Klinik auch Hierarchien, die ein Oben und Unten, ein potentielles Dazugehören oder Ausgestoßensein mit sich bringen. Viel mehr noch als draußen scheint es in dieser abgeschlossenen Welt auf das richtige Verhalten anzukommen und ein falsches Kopfnicken, eine zu oberflächlich bedachte Reaktion kann die Zuteilung des Sonderkaffees durch die Schwester oder die ersehnte Anerkennung der "buckligen Königin", der Führerin der Wahnsinnigen, kosten. Auch hier wird der verrückte Tanz einer Kranken eher geschätzt als der hässliche Weinkrampf, wo den Patientinnen doch beides von derselben fürchterlichen Kraft eingegeben scheint. An dieser unerklärlichen, geradezu spirituellen Kraft scheidet sich der kranke Geist vom gesunden. Die Neue erkennt schnell, dass sie dem Wahn nicht anheim gefallen ist und folglich auch hier nicht dazugehört.
Die Patientin, die mit scharfer Beobachtungsgabe Aufzeichnungen über ihren sechswöchigen Aufenthalt macht, leidet an Erschöpfung, Schlaflosigkeit und hat, wie bald deutlich wird, einen missglückten Selbstmordversuch hinter sich. Mit der Bestimmtheit einer Mörderin ist sie angetreten, den Auftrag einer "abgründigen und hoffnungslosen" Liebe zu erfüllen: "Es muss sich herausstellen, wie weit Geliebte in Sicherheit und Unberührbarkeit leben, wie groß die Vorhöfe ihres Herzens sind, darin sich das Drama der Einlassbegehrenden abspielt, immer wieder, immer wieder." Die Schreibende gehört nicht zu den emotional Leichtgewichtigen, sie fordert Tribut für ihre Liebesmühe. Da sie leer ausgeht, kann sie das menschliche Leben bloß noch für ein unseriöses Spiel Gottes halten, dem es sich zu widersetzen gilt. "Gott hat sicher nichts dagegen, einen Spieler zu verlieren, wo ihm noch genug Rasende zur Verfügung stehen, die es besser und echter können."
Die Dinge nicht spielerisch, sondern mit unbeirrbarer Konsequenz genau zu nehmen, dies ist eine andere, spezielle Art von Verrücktheit, die den Leidenden zum Künstler prädestiniert. Die Schreibende beweist mit den Aufzeichnungen, dass sie das Wesentliche nicht nur zu sehen, sondern es auch auf eindrückliche Weise literarisch festzuhalten vermag. Zu lesen ist der Bericht einer Wegsuche, die mit unprätentiöser Klarheit fixiert wird. Dass dabei Wunder zu verzeichnen und Engel immerhin eine gedankliche Möglichkeit sind, ist angesichts der religiösen und auch literarischen Prägung der Autorin nicht verwunderlich. Der Kommentar, bemüht, den Text außerbiographisch zu verorten, vergisst bei der Eruierung möglicher Vorläufertexte leider Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (stattdessen wird in vorauseilendem Gehorsam über Lavants Einstellung zur Euthanasie gemutmaßt). Dabei steht Lavant am selben Punkt wie Malte, der schließlich auch "furchtbar schwer zu lieben" war und "fühlte, dass nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch nicht". Zugleich lässt sich hier das künstlerische Problem Lavants ablesen. Der Plan, die Aufzeichnungen unter dem Titel "Das Ziel der Verdammnis" weiter zu führen, auf einen "frommen Schluss" hin, wie ihn einst ein interessierter Verleger gewünscht hatte, war ihr unmöglich: "Ich kann ja nichts Unwirkliches schreiben und müsste also vorher die Hölle hinter mich gebracht haben und dem Ziel irgendwie nahe sein . . . Man müsste irgendwie so von der Gnade getroffen werden, dass man in der innersten Substanz verändert wäre zum Guten hin."
Den 1946 entstandenen Text, der auf einen 1935 tatsächlich erfolgten sechswöchigen Aufenthalt der jungen Christine Lavant in der "Landes-Irrenanstalt" nach einem Selbstmordversuch zurückgeht, ließ diese in den 50er Jahren von der Bildfläche verschwinden, weil sie ihn für zu persönlich für eine Publikation hielt. Immerhin war in London von Nora Purtscher-Wydenbruck bereits eine Übersetzung ins Englische angefertigt worden, und so konnte nun aus deren Nachlass das bislang für verschollen gehaltene 37-seitige Manuskript geborgen werden. Die Herausgeberinnen informieren in einem materialreichen Nachwort (unter dem unkommentierten Titel Out of Biography) über Geschichte und Hintergründe der Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus. Wenn der der Verlag den kurzen Text durch einen optisch nicht gerade ansprechenden Riesensatz auf ganze 112 Seiten gestreckt hat, so kann dies die Freude darüber nicht trüben, dass hier ein hochinteressantes Stück Literatur der Vergessenheit entrissen wurde.
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