mam Moderatorin a.D.
  

Status: Offline Registriert seit: 29.06.2006 Beiträge: 572 Nachricht senden | Erstellt am 09.07.2006 - 14:27 |  |
Chatterus domesticus
(Die in Latein bewanderten Leser und Leserinnen mögen bitte über die Fehler in der folgenden Kolumne hinweg sehen)
Der Chatterus domesticus (gezämter Chatter) ist ein recht possierliches und harmloses Internet - Tierchen und treibt sich mit Vorliebe in mehreren Chats gleichzeitig herum. Er ist vorwiegend tagsüber anzutreffen. Erst am Abend widmet er sich seiner Familie.
Der Chatterus domesticus bevorzugt für sich am liebsten die einfache Bezeichnung „Chatter“, während sein größter natürlicher Feind, der Chatterus Pottsauus (Internet-Pottsau) die Bezeichnung „User“ für sich in Anspruch nimmt.
Chattera domestica (die Weibchen Form des Chatterus domesticus) gehört zu der Spezies „Sekundäre Ovabetüdeler“ (vernachlässigte Eierbetreuung), denn zwischen chatten, realer Hausarbeit, realer Kinderbetreuung und dem Zumüllen aller vorhandenen Internet-Haushaltsforen mit ihren gut gemeinten Ratschlägen und Kochrezepten bleibt ihr kaum noch Zeit, sich um die Probleme ihrer Nachkommenschaft zu kümmern.
Allerdings präsentiert sich Chattera domestica im Internet immer und zu jeder Gelegenheit als Mater omnipotenta (allmächtige Mutter), ungeachtet dessen, dass während ihres Chattens das Essen (in der realen Küche) anbrennt, sich die Schmutzwäsche schon bis zur Decke stapelt, ihr Mann sie schon seit Monaten verlassen hat, weil sie die Chattersprache real übernommen hat (lol, mom. away, rofl) und sie am liebsten die Türschlösser austauschen will, solange ihre Kinder noch in der Schule sind.
Der Chatterus domesticus ist ständig den Machtkämpfen des Chatterus pottsauus, sowie der Geduld des Chatterus omnipotentus (auch Forenbetreiber genannt) ausgeliefert, denn erst Genannter gehört zur Kategorie der Intelligenzbesserwisserklugscheißer (die eifrigen Kolumnenleser unter Ihnen können mir geistig folgen) und zweit Genannter hat die Macht, sämtliche mit Blut und Schweiß aus anderen Foren kopierte Einträge des Chatterus domesticus mittels „alles markieren“ und „entfernen“ zunichte zu machen.
Der Chatterus domesticus ist außerdem ein fleißiger Hausbauer. Zuerst beschränkt er sich dabei auf den Bau eines einzigen Heimes, das er liebevoll „Home“ nennt und stellt sein Home auf eine „Page“. Voller Stolz präsentiert er seine „Homepage“ im Internet und verlinkt deren Adresse auf jede Nickpage seiner zahlreichen Comeunityzugehörigkeiten.
Seine Homepage wird von Tausenden von blinkenden Lichtlein illuminiert, beziehungsweise angestrahlt. Der Hintergrund besteht aus entweder riesigen Blumen (wie sie meine Großmutter vor ca. 50 Jahren auf ihren Kleidern zu tragen pflegte), gif.-animierte, winkende oder hüpfende Teddybärchen oder sonstigen Tüdelkram oder aber er hat einen pechschwarzen Hintergrund, (mit nur wenigen blinkenden Sternchen) auf dem in dunkelblauer Schrift die Einzelheiten seines geistigen Unvermögens aufgeführt sind. Bei letzterem Verbrechen kann man den Text nur lesen, wenn er markiert ist.
Natürlich besitzt der Chatterus domesticus auf seiner Homepage auch ein eigenes Haushaltsforum, aus dem er allerdings akribisch alle unliebsamen Beiträge der anderen entfernt, mit denen er selbst jeden Forumsbetreiber zur Verzweiflung bringt. Er hat schließlich die Macht!
Ist der Bau des ersten Heimes abgeschlossen, beginnt der eifrige Bau weiterer Doppelhaushälften für seinen Nachwuchs. Angetrieben von folgendem Dialog im Chat: „Ich bin schwanger.“ - „Geil! Mach doch schon mal ne Homepage für dein Kind.“ begibt sich Chatterus domesticus auf die Suche nach weiteren HTML vorgefertigten Bauwerkzeugen, um eine noch scheußlichere Homepage erstellen zu können.
Wie Eingangs erwähnt, ist Chatterus pottsauus der größte Feind des Chatterus domesticus. Er macht sich einen persönlichen Spaß daraus, die Unzulänglichkeiten des Chatterus domesticus bloß zu stellen, knackt dessen Internetzugang mittels dafür eigens erstellter Programme und präsentiert der Internet - Öffentlichkeit alle intimen Daten. (inklusive Chatlogs mit einem virtuellen Liebhaber, zu dem sich der Chatterus domesticus in einem schwachen Moment gutmütiger weise hingezogen fühlte)
Spätestens nach dieser Blamage löscht Chatterus domesticus seinen „Nickname“, um sich ganze 7 Sekunden später wieder mit einem ähnlich klingendem Namen in besagter Community anzumelden. So erhält „SchwarzeRose“ (nur als Beispiel genannt) im Laufe der Zeit alle möglichen Farben und „Mutter“ wechselt ihren Namen in Mommy, Mom, Madre, Mami, Mutti oder auch Oberglucke.
Der Nick „mam“ ist übrigens ein Kürzel des Wortes „Madame“.
Chatterus domesticus hat ein riesiges Mitteilungsbedürfnis und meldet jede seiner Aktivitäten schriftlich an.
C-D hat sich abgemeldet (Klo)
C-D hat sich abgemeldet (duschen)
C-D hat sich abgemeldet (Brot backen)
C-D hat sich abgemeldet (Suppe streng beobachten)
C-D hat sich abgemeldet (... und aus einer tiefen weiten Höhle erklingt ein schauriges: „Mama, ich muss mal“
Chatterus pottsauus (User) dagegen protzt mit Abmeldungen wie:
C-P hat sich abgemeldet (5. Rechner neu konfigurieren)
C-P hat sich abgemeldet (MP3-Player installieren)
C-P hat sich abgemeldet (Pics downloaden)
Wen zum Teufel interessiert es, warum sich ein Chatter abmeldet? Ein einfaches „afk“ (away from Keyboard) tut es auch.
Nein! In diesem einem Punkt sind sich Chatterus domesticus, sowie Chatterus pottsauus einig. Jeder Internet-Fuzzi hat ein Recht darauf zu erfahren, warum sich „BlackRose“ oder „Filewalker“ abgemeldet haben. Schließlich ist die Funktion der Abmeldung nicht nur als solche anzusehen, sondern auch als einer weiteren Quelle von Information, die die Welt nicht braucht.
In der freien Internet-Wildnis meidet der Chatterus domesticus den Lebensbereich des Chatterus pottsauus, obwohl er ihn heimlich bewundert. Gerne hätte er seine Macht und Stärke.
Allerdings gibt es zwei Ausnahmen, in denen er die Hilfe des Chatterus pottsauus erfleht und auch in Anspruch nimmt.
1. Chatterus domesticus hat ein technisches Problem mit seinem Computer oder Internetzugang und kein Geld für einen Techniker.
2. Ein Chatterus intrigus (extrem fieser Chatter) oder ein Chatterus flavus (Blondtussi) taucht im Chat auf und bringt den natürlichen Lebensweg aller Chatter durcheinander.
In diesen beiden Fällen gibt es eine außergewöhnliche Verbrüderung der beiden Todfeinde. Allerdings hält diese Symbiose nur solange an, bis die Probleme gelöst sind.
Sie fragen sich, warum Chatterus pottsauus Chatterus domesticus bei einem Computerproblem behilflich ist? Ganz einfach. Auch der Chatterus pottsauus hat ein natürliches Geltungsbedürfnis und nimmt von daher jede Gelegenheit wahr, sich im Internet profilieren zu können.
Was Punkt 2 anbetrifft, so wissen beide, Chatterus domesticus, sowie auch Chatterus pottsauus, dass ein Chatterus flavus mit nur wenigen Sätzen im Chat soviel Unruhe stiften kann, dass dem bedauernswerten Chatterus omnipotentus schlussendlich nichts anderes übrig bleibt, als seinen Chat zu schließen. Und wo sollten sich dann Chatter und User weiterhin bekriegen können?
Bleibt zum Schluss allen Chattern zu wünschen übrig, dass sie die Raffinesse des Chatterus flavus besitzen, die Kenntnisse des Chatterus pottsauus, aber die Gutmütigkeit des Chatterus domesticus.
In diesem Sinne: chattet und vermehret euch.
Signatur Praesis ut prosis, non ut imperes (Stehe an der Spitze um zu dienen, nicht um zu herrschen) |
Minotaurus  Hausherr und Gastgeber
    

Status: Offline Registriert seit: 13.06.2006 Beiträge: 1550 Nachricht senden | Erstellt am 26.08.2006 - 12:55 |  |
Hallo, Chatterus domesticus marinus (CDM),
für einen eifrigen Chatter ist ein oft ein großes Problem, im "richtigen Leben" wieder zum "normalen" Sprachgebrauch zurückzufinden.
Auch ich bin leider nicht völlig frei davon und aus diesem Anlaß möchte ich eine kleine Begebenheit erzählen, die mir kürzlich in einem Internet - Café passiert ist.
Aber lest am besten selbst:
Gestandene Männer hätten vor Jahren bei dem Wort "Brieffreundschaft" an Groschenromane gedacht und forsche Frauen den Computer lediglich für einen überflüssigen Staubfänger gehalten.
Heute ist alles anders: Die Chats im Internet gehören zu den beliebtesten Treffpunkten. Stunden- und nächtelang unterhält man sich, oft in der Hoffnung, daß es "mehr" wird.
Meine Freunde hatten ohne Zweifel recht: Ich sollte nicht hinter meinen Computer versumpfen, sondern hinaus ins feindliche Leben gehen. Die Nächte der letzten drei Monate erhellte der Schein des Monitor mein Zimmerchen, während ich in den Chats des Internets auf hochinteressante Leute traf.
So manches, tiefschürfende Gespräch hatte ich geführt, Anteil genommen an den Problemen anderer, Hilfeleistungen gegeben, wenn PC-Systeme abgestürzt waren oder irgendein Dödel nicht mit der Bedienung des Boards klarkam.
Auch eine eigene Homepage für Autoren und andere "Künstler" hatte ich gebastelt.
Das alles war gut und schön - aber doch nicht das, was ich eigentlich wollte.
Jedenfalls fühlte ich mich stark genug, nun auch wieder Kontakte im wirklichen Leben zu knüpfen.
Ganz in meiner Nähe war auch eine sehr nette Kneipe, die ich eines Abends aufsuchte. Offensichtlich hatte diese Kneipe einen Gastzugang, denn ich kam ohne die Nennung eines Nutzernamens und Paßworts anstandslos rein.
Ja, hier pulsierte das Leben! Leute befanden sich im intensiven Plausch, sogar Soundunterstützung und eine 3D-Einrichtung war geboten. Es gefiel mir nicht übel!
An einem Tisch bemerkte ich ein Mädel, das in eine Zeitung vertieft war, und ohne große Umstände setzte ich mich dazu.
Ich begrüßte sie mit einem kurzen "Hi", sie schaute kurz auf, nickte mir zu, sagte ebenfalls "Hi" und vertiefte sich wieder in ihre Zeitung. Das war okay so, der Anfang eines Chats war ja schließlich immer ein wenig holprig. Deshalb fragte ich weiter:
"Darf ich dich stören, oder bist du gerade zu beschäftigt?"
Ich wußte, es gehörte sich, erstmal zu fragen. Mädels werden oft von fünf oder sechs Chatpartnern gleichzeitig angetickert. In solchen Fällen antworteten sie immer nur kurz und die Gespräche waren nicht sehr ergiebig. Andererseits konnte ich sonst niemand an unserem Tisch sehen.
Entsprechend antwortete sie auch: "Schon okay, was möchtest du denn?"
Na ja, keine sehr geistreiche Frage, aber man konnte ohnehin erst nach einem längeren Chat abschätzen, wie der andere wirklich war.
"Na, mich ein wenig unterhalten, lächel."
Zu dumm, ich hatte hier nichts, womit ich ein Smiley zeichnen konnte.
"Du bist aber sehr direkt", meinte sie und legte ihre Zeitung weg.
"Nein, nein, keine Angst, ich bin völlig harmlos, big-smile! Woher kommst du denn?"
"Woher soll ich kommen? Aus Passau natürlich."
Ah, ein Volltreffer! Sogar eine Gesprächspartnerin, die aus der gleichen Stadt wie ich kam!
"So ein Zufall! Ich bin auch aus Passau! Das muß gefeiert werden. Ich geb' eine Runde Sekt aus!"
Gewöhnlich zeichnete ich an solchen Stellen ein sehr hübsches Sektglas, mit ">", "-" und "|".
Das ging hier leider nicht, aber trotzdem kam plötzlich Leben in die Kneipe, denn der Wirt hinter dem Tresen hatte mich ebenfalls gehört und sofort reagiert.
Mein Gegenüber schaute mich nachdenklich an und meinte: "Du bist schon ein merkwürdiger Kerl ..."
Das nahm ich kurzerhand als Kompliment. Mir fiel ein, daß ich mich noch gar nicht vorgestellt hatte: "Übrigens, ich bin Kuschelbär52."
Sie stutzte und erwiderte: "Schön, ich bin Helga, 44."
Ah - wir lagen sogar altersmäßig ungefähr auf einer Linie. Manchmal unterhält man sich ja, ohne es gleich zu merken, mit Kids um die 13 oder Gruftis um die 70 - alles schon dagewesen.
Wie gerufen kam gerade ein pakistanischer Rosenverkäufer an unserem Tisch vorbei. Ich zog eine aus seinem Strauß und reichte sie ihr.
Eine Rose kann man übrigens sehr schön zeichnen mit *->->-, aber wie gesagt, das ging hier ja nicht.
Noch ein anderer Unterschied fiel mir auf: Der pakistanische Rosenverkäufer ging nicht eher, bis ich die Rose bezahlt hatte.
Sie nahm die Rose mit den Worten: "Oh, ein Romantiker!"
"Ja", sagte ich, "das bin ich wohl, leicht-errötend-werd."
"Leichterrötendwerd? Sag' mal, willst du mich hier veräppeln oder arbeitest du für eine Comiczeitschrift?"
Ich war verwirrt. Wieso kam sie denn auf diesen Gedanken?
"Nein, nein, ich hab' mit Computern zu tun, wie die meisten wohl hier."
Sie schaute sich um. Offensichtlich nahm sie mir nicht ab, daß auch die Teilnehmer in der EDV-Branche arbeiteten, obwohl das doch die Regel war, wie meine Erfahrung zeigte.
Okay, wir waren hier in einem Hardrock-Café und auch ich fand es irgendwie komisch, daß die meisten mit Lederjacken und Tattoos herumliefen.
Ich beschloß nach dem guten Anfang, einen Gang höher zu schalten: "Damit du auch weißt, mit wem du hier überhaupt sprichst: Ich bin 1,76m groß, Brillen- und Barträger."
Helga44 lehnte sich zurück und musterte mich von oben bis unten.
"Ach? Das hätte ich jetzt aber nicht gedacht."
"Nein? Ja, man macht sich oft so seine eigenen Vorstellungen, mit wem man sich unterhält. Vielleicht willst du dich auch mal beschreiben?"
Ich wußte, das war eine heikle Frage - aber probieren konnte man es ja mal.
"Mich beschreiben? Wie meinst du das? Meine Interessen, meinen Charakter oder was?"
"Helga44, das auch, aber ich dachte jetzt erstmal mehr an dein Äußeres."
Sie lehnte sich noch weiter zurück.
"Mein Äußeres?" fragte sie gedehnt. "Wie meinst du das?"
Die Frau war offensichtlich geistig nicht so ganz auf dem Damm, schade. Aber gut, ich bin nicht so, schließlich mußte ich schon ganz andere Sachen quasi "zu Fuß" erklären.
"Na ja, so Größe, Haarfarbe, Figur usw. Oder ist dir das zu persönlich? Wie gesagt, ich will nicht aufdringlich sein."
Sie schaute mich lange nachdenklich an, dann sagte sie: "Sehschwäche?"
Das brachte mich durcheinander, und ich beschloß, das Thema zu wechseln.
"Übrigens, Helga44, hast du hier auch ein Postfach?"
"Postfach? Komische Idee, natürlich nicht. Mein Briefkasten ist zu Hause, wie sich das gehört."
Ah, sie war hier also nicht Stammgast.
"Und Deine E-Mail-Adresse? Verrätst du mir die? Vorsichtig-mal-anfrag."
Sie zog die Luft ein. "Wie käme ich dazu?!"
"Na ja, Helga44, ich mein' ja nur so. Oder ich geb' dir meine, dann kannst du mir ja bei Gelegenheit mal ein Bild schicken ... frech-grins."
Sie nahm ihre Tasche, zahlte und gab mir ihre Visitenkarte: "Ich hab da eine viel bessere Idee. Du besuchst mich mal. Hier ist meine Adresse. Und bitte möglichst bald." Damit ging sie.
Ich war noch ganz benommen. Eine Verabredung zu einem Blind-Date gleich am ersten Abend - das war selten! Überglücklich zahlte ich auch (wobei ich mich über die drei Lokalrunden schon sehr wunderte) und verließ die Kneipe.
Zuhause schaltete ich sofort meinen Computer ein, um die kostbare Adresse in meine Datenbank einzugeben.
"Dr. Helga v. Eckenfels, Dipl.-Psych., Landesheilanstalt Passau" stand da. Ich schaltete meinen Computer still wieder aus und verkroch mich in mein Bett ...
Geduldige Grüße vom Chatterus oimnipotentus *rotwerd* 
C-OP meldet sich ab. (er muß aus dem Haushaltsforum noch einige Beiträge entfernen, sowie eine weitere, boshafte Satire schreiben)
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[Dieser Beitrag wurde am 26.08.2006 - 13:25 von Minotaurus aktualisiert]
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(Marcel Reich-Ranicki) |