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...   Erstellt am 14.06.2006 - 23:55Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Care- Paket nach Leipzig


Es ist ja nun schon eine Weile her, als ich noch zur Schule ging.
An eine Begebenheit allerdings kann ich mich noch sehr gut erinnern, das muß wohl so um 1962 oder 1963 gewesen sein? Jedenfalls war ich noch ein kleiner Bub.

An unserer Schule wurde damals eine Sammlung für die „armen Leute in der DDR" veranstaltet. Auch unsere Klasse hatte sich - auf Anregung unseres Lehrers hin, der selbst aus Schlesien stammte - an dieser Sammlung beteiligt.
Dies alleine wäre ja noch nichts Ungewöhnliches gewesen, da ja ständig für irgend etwas gesammelt wurde.
Ob es nun für die Caritas, das Kinderhilfswerk, die Kriegsgräberfürsorge oder Misereor war, es war eine reine Inflation an diversen Sammlungen, die uns dauernd überrollten.
Diese Sammlung jedoch wurde uns von unserem Klassenlehrer ganz besonders ans Herz gelegt. Er erklärte uns, daß die armen Menschen „drüben" jetzt eingemauert waren und deshalb nichts mehr zu Essen hatten.
Wir waren alle tief betroffen von dem grausamen Schicksal, das diese armen Menschen in der DDR getroffen hatte.
Gewiß, auch die Negerkindlein in Afrika hatten großen Hunger, der Pfarrer Roßmadl hatte uns ja oft genug Bilder davon gezeigt, wenn er wieder einmal die Missionshefte von Misereor im Austausch gegen gute Noten in Religion verkauft hatte.
Aber Afrika war weit weg und diese Kinder waren wenigstens nicht eingemauert.
Jeder Schüler spendete deshalb von seinem kleinen Taschengeld, so viel er konnte.
Viele Schüler jedoch - darunter auch ich - bekamen überhaupt noch kein eigenes Taschengeld.
Der Lehrer hatte uns aber aufgetragen, in diesem Falle die Eltern um einen Betrag von wenigstens einer Mark zu bitten, damit in der Klasse ein Gesamtbetrag von mindestens 30 Mark für das Paket zusammenkam.

Dazu muß ich sagen, daß ich in einem kleinen Waldbauerndorf aufgewachsen bin, wohin sich das sogenannte „Wirtschaftswunder" wenn überhaupt, dann erst viel, viel später verirrte.
Meine Mutter war deshalb alles andere als begeistert, als ich ihr von der Forderung unseres Lehrers erzählte.
Wir waren drei Kinder, der Vater hatte als Saisonarbeiter im Steinbruch nur ein kleines Einkommen und das Geld reichte hinten und vorne nicht.
Am schlimmsten war es deshalb immer im Winter, als die ganze Familie nur von dem geringen Stempelgeld leben mußte.
Ziemlich Unwirsch hatte er deshalb dieses Anliegen abgeschmettert mit den Worten: „Die Lehrer und die Pfaffen sollten sich doch ihre verdammten Sammlungen selbst bezahlen!"

Wie konnte er nur? Hatte er denn gar kein Herz?
Schließlich waren doch diese armen Menschen eingemauert und mußten womöglich sogar jämmerlich verhungern.
Also versuchte ich es wenig später noch einmal bei meiner Mutter.

Meine Mutter war im Grunde derselben Ansicht wie Vater. Auch sie wußte oft nicht, wie sie am Monatsende die Rechnung beim Krämer bezahlen sollte.
Trotzdem gab sie mir aber heimlich eine Mark, damit ich vor den anderen Mitschülern wenigstens nicht als Außenseiter dastand.

Der Klassenlehrer hatte das Geld eingesammelt und im Krämerladen die Waren besorgt.
Als wenig später im Klassenzimmer das Paket verpackt wurde, bekamen viele Schüler lange Hälse.
Was waren da nur für Kostbarkeiten drin:
Bohnenkaffee, Kekse, Schokolade, auserlesene Wurstwaren und sogar echte Butter.
Die meisten Dinge davon kannten viele Schüler nur vom Hörensagen, selbst hatten sie so etwas Köstliches noch nie gegessen.
Zuhause gab es im besten Falle Malzkaffee und Margarine auf´s Brot.
Fleisch gab es damals nur einmal in der Woche - am Sonntag.
Trotzdem waren alle Schüler ganz besessen davon, ein gutes Werk zu tun.
Kraut und Kartoffeln hatte es nämlich immer schon genug gegeben und wirklich hungern mußte deshalb kaum einer von ihnen.

Einige Wochen später kam von der Empfängerin des Klassenpaketes ein Dankschreiben an die Schule, welches der Lehrer vor der ganze Klasse laut vorgelesen hatte.
Es handelte sich dabei um eine Witwe aus Leipzig, die sich sehr über dieses Paket gefreut hatte und sich nun mit diesem Brief bei der ganzen Klasse sehr herzlich bedankte.
Ihr Mann war im Krieg an der Ostfront gefallen, sie war von Beruf Straßenbahnschaffnerin in Leipzig, wo sie auch eine kleine Plattenbauwohnung hatte.
Viele Kinder - darunter auch ich - wußten überhaupt nicht, was das überhaupt ist, aber der Lehrer erklärte es uns, daß eine Straßenbahn so eine Art Mischung zwischen einem Omnibus und einem Zug ist, der auf Schienen durch die Stadt fuhr.
Eine Plattenbauwohnung dagegen war so etwas ähnliches wie ein Hasenstall oder ein Taubenschlag, nur eben für Menschen und deshalb etwas größer.
Wir waren alle tief beeindruckt davon, daß eine Frau so ein Monstrum fahren konnte. Gleichzeitig tat sie uns leid, daß sie in so einem Taubenschlag wohnen mußte.
Diese arme Frau!

Ganz heimlich aber war jeder von uns unheimlich stolz darauf, daß durch seine Mitwirkung andere Menschen vor dem sicheren Hungertod bewahrt wurden.
Und sogar persönlich bedankt hatte sie sich dafür bei der ganzen Klasse!
Das war bei den Negerkindlein aus Afrika noch nie passiert, aber die konnten ja auch nicht schreiben.

Erst viel später - lange nach dem Fall der Mauer - hatte ich Gelegenheit, über diese Geschichte noch einmal nachzudenken.
Es war anläßlich eines Urlaubes in Südfrankreich, wo wir u.A. auch die Stadtfestung Carcassonne besuchten.
Diese trug im Stadtwappen ein aufgeschlitztes Schwein, welches von den Bewohnern der Burg über die Mauer geworfen wurde.
Eigenartig !?!?

Als ich daraufhin nachfragte, was denn dieses eigenartige Stadtwappen zu bedeuten hatte, wurde mir erklärt, daß die Stadt im Mittelalter längere Zeit von kriegerischen Heeren belagert wurde. Aufgrund der starken Mauern war die Stadt jedoch Uneinnehmbar.
Es herrschte jedoch durch die lange Belagerung bereits eine große Hungersnot in der Stadt und die Übergabe an den Feind konnte nur noch eine Sache von wenigen Wochen sein.
Da kam einer der Ratsherren auf den Gedanken, das letzte noch lebende Schwein der Stadt mit dem letzten, noch verbliebenen Korn zu mästen.
Dann sollte das prallgefüllte Schwein den Belagerern vor die Füße geworfen werden, um ihnen die Sinnlosigkeit der weiteren Belagerung vor Augen zu halten.
Genau so wurde es gemacht. Das Schwein wurde über die Mauer geworfen, so daß es aufplatzte und den (ebenfalls hungrigen) Belagerern der schöne Weizen um die Ohren flog.
Daraufhin sei das feindliche Heer abgezogen und das Schwein wurde in das Wappen der Stadt aufgenommen.

Sie fragen sich jetzt, wo die Parallele ist?

Diese Frau aus Leipzig hatte sich zwar bestimmt sehr über das Paket gefreut, gehörte aber als Straßenbahnschaffnerin mit einer eigenen Plattenbauwohnung ganz sicher nicht zu dem wirklich bedürftigen Personenkreis.
(falls es diesen in der ehemaligen DDR überhaupt jemals gegeben hatte)
Vielleicht hatte sie ganz einfach nur das richtige Parteibuch gehabt?
Was also sollte das Ganze überhaupt???
Da wurden Schüler aus einer armen Region dazu angehalten, ihr kleines Taschengeld zu spenden, um z.B. einer Frau aus der DDR, die ganz sicher nicht Bedürftig war, ein Carepaket zu schicken.
Sollten wir ein gemästetes Schwein über die Mauer werfen, obwohl wir doch selbst auch nicht mehr zu Essen hatten als „die drüben"?
Wozu???
Wem - um Himmels Willen - hätten wir denn mit diesen Paketen eigentlich demonstrieren sollen, wie unvergleichlich gut es uns doch im Westen ging?
War diese ganze Aktion vielleicht nur ein politisches Spektakel?

Heute weiß ich, daß dies ganz sicher der Fall war.
In der damaligen DDR mußte nämlich niemand wirklich hungern und es war auch niemand eingemauert, wie man es uns dummen Kindern damals vermitteln wollte.
Woher die Lehrer damals diese Adressen erhalten haben, darüber hatten wir als Kinder nie nachgedacht, es ist mir jedoch heute noch ein Rätsel.

Das Gefühl der Überlegenheit, das uns damit bereits als Kind eingeimpft wurde, hatte bei vielen von uns fatale Auswirkungen im späteren Leben.
Es war zu einem großen Teil später derselbe Personenkreis, der nach der Wende von unseren neuen Mitbürgern als „Besserwessie" bezeichnet wurde, und dies ganz gewiß nicht völlig ohne Grund.
Wir hatten eben die Mentalität dieser „Jammerossies" nie wirklich verstanden.

Ohnehin ist unsere Generation nicht mit dem Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit aufgewachsen.
Die DDR war in unserem Verständnis immer ein souveräner Staat gewesen, dessen Bewohner ebenfalls Deutsch sprachen, genau wie auch z.B. Österreich oder die Schweiz.
Obwohl ich bereits vor der Wende viele Bürger der DDR (z.B. in der ehemaligen Tschechoslowakei) kennen- und schätzengelernt habe, war ich nie ein Verfechter einer Hau-Ruck- Vereinigung.
Eine Konföderation zweier souveräner deutscher Staaten - vielleicht auch mit einer Wirtschafts- und Währungsunion - hätte wesentlich besser in mein Weltbild gepaßt.
Die Bürger der DDR hätten ihre Würde behalten und gemeinsam hätten wir vielleicht die Absatzmärkte im Osten erhalten können.

Unsere Politiker und die Bürger der DDR hatten sich jedoch anders entschieden.
Die einen wollten die Macht, die anderen die langersehnte D-Mark.

Schade um die verpaßten Chancen...



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