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MadameKaya  Dieses Baums Blatt


Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2007 - 22:45 |  |
Chére Tante,
verzeih bitte mein langes Schweigen, aber in unserem provinziellen Leben gibt es nun mal wenig schreibenswertes.
Du wirst es kaum glauben- wir haben in unser Familie wohlhabende Leute.
Base Isabel hat uns zur Sommerfrische auf Schloß Wahn eingeladen. Eigentlich gehört das Schlößchen ihrem Oheim von Eltz- Rübenack. Den gestrengen alten Herren haben wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen, er hatte dringende geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen.
Das Maison de Plaisance, denn als solches wurde es vor 50 Jahren umgebaut, liegt im idyllischen Dörfchen Porz.
Eine hohe Backsteinmauer umgibt das Anwesen, der mittelaterliche Burgraben ist vor langer Zeit ausgetrocknet.
Also keine Mücken und kein Fieber im Sommer wie bei uns in Eulenbroich.
Der Park ist zwar klein, aber wunderschön im englischen Stil angelegt.
Satt- grün gewellte Rasenflächen und geschickt plazierte Baumgrüppchen aus einheimischen und exotischen Laub- und Nadelgehölzen ergeben den Eindruck eines friedliches Arkadiens.
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 00:51 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2007 - 22:59 |  |
Das Gebäude entspricht ganz dem franzöischen Gebäudetypus des entschwundenen Rokokos.
Im Erdgschoß die obligatorische Enfilade, mit dem achteckigen Gartensaal in der Mitte.
An dem Wänden oberhalb den Vertäfelungen ländliche Szene die das Zeitalter der Tändelei und Verlogenheit so sehr liebte: frohes wohlgenährtes bäuerliches Treiben , Schäferspiele und dergleichen..
Geht man nach rechts findet sich der Chinesische Saal, mit exotischen kräftig leuchtend gemalten Chinoiserien. Ein nettes Zitat einer fremde Welt!
Dort gibt es über den Türen noch Suppraporten die gepuderte halbnackte Rokoko Schönheiten zeigen.
Anschließend das Speisezimmer- mehr lang als breit, dafür sehr kühl zu dieser Jahreszeit. Genau wie in Eulenbroich gibt es die praktischen und robusten eingebauten Buffetschränke. Allerdings vollgestopft mit diesen Bustelli Figuren aus Meißen.
Der Oheim sammelt diese wohl.
A´la mode scheint er ja nun gar nicht zu sein. Jedermann der auf sich hält sammelt doch Antiken, Gemmen oder doch wenigstens nützliche Tabatiéren!
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2007 - 23:10 |  |
Geht man allerdings die Enfilade nach links findet man das nagelneue pompejanische Zimmer.
Trés chic!
Tante , das würde dir sicherlich gefallen, kein Stuck, kein Gold, ein schlichter weißer Plafond und diese Wandfarbe!
Das Gelb das Goethe so liebt! Leider konnten wir uns in dem frisch ausgemalten Raum nicht aufhalten der Geruch war zu stark.
Das Motto unseres fröhlichen Tages war der Mittsommer, leider suchte uns zur Teezeit ein Gewitter heim. Allein wir haben es unbeschadet überstanden, nur die Kerzen flackerten während des Essens immer so unheimlich.
Du kannst dir nicht vorstellen welch emsiges Personal es dort gab! Zwei flinke , propere ,wohlgemute Mamsellen.
Denke ich da an unsere buckelige lahme Lise zuhause...
Unermüdlich füllten sie die Karaffen und Kannen nach und legten das Essen vor.
Eine mir bis dahin unbekannte englische Mode wurde auch präsentiert: Eine Bowle.
Erdbeeren schwimmen in Weißwein und Sekt und ergeben ein ebenso erfrischend wie beschwipsendes Gertränk.
Also, geizig sind die Wahner wahrlich nicht.
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 00:53 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2007 - 23:34 |  |
Die Gäste von nah und fern trafen dann bis zur vierten Stunde ein.
Wie das so ist im westfälischen und bergischen, die meisten waren wohlbekannte und geschätzte Gesichter:
Die Charettes, die ihre Güter in Frankreich gottseidank noch nicht zurückbekommen haben- denn so bleiben sie unsere Gesellschaft doch länger erhalten. Madame hatte allerdings noch musische Verpflichtungen und mußte unsere Gesellschaft leider schon frühzeitig verlassen. Als Trost blieb er, der Beau Danseur ,zurück..
Justine wird dir bestimmt auch noch schreiben, die Farinots waren natürlich auch eingeladen.
Trotz des herzlichen Empfangs konnten wir unseren Neid nicht verhehlen. Neben Schloß Wahn sieht doch unsere Eulenbroich fast wie eine Bauernkate aus.
Desweitern trafen wir unsere lieben Cofflets, M. Marius hält so wunderbar an der Mode unserer Jugend fest- zwei Westen übereinander und der Frack mit breiten Aufschlägen.
Ach die Welt ist doch klein! Ich schrieb dir doch von der resoluten Amerikanerin Nanny Mac Dougall .
Sie war auch dort! Die Wiedersehensfreude war natürlich groß..
Ich wundere mich allerdings wie gutgekleidet die Menschen in den Kolonien doch sind.
Zu ihrem cremfarbenen Seidenkleid trug sie eine wunderschön bestickte Stola, feine durchbrochene Strümpfe und bestickte Schuhe.
Mit ihr den Park zu durchstreifen war natürlich wieder lustig.
Ein emfindsames Gewässer ließ sich leider nicht finden. Dafür stocherte die Mac Dougall im Unterholz herum und murmelte was von marodierenden Franzosen.
So wie ich sie kenne sucht sie wahrscheinlich immer noch nach der passenden Partie. Ihre Begleitung Mademoiselle Tanja, übrigens auch so eine fröhliche Amerikanerin erzählte die wundersamsten Geschichten aus diesem Land, dich ich dir jetzt aber nicht weitergebe.
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 00:57 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 11.06.2007 - 23:48 |  |
Nun, weitere Gäste waren der Herr Chirug aus Heidelberg und seine Gattin - Monsieur und Madame Hillig. Die interessanten Gespräche über chirugische Eingriffe am menschlichen Schädel klingen mir jetzt noch in den Ohren! Herrjee! diese kriegerischen Zeiten!
Apropos kriegerische Zeiten unser Held der Hungernden General Roda gab sich auch die Ehre natürlich gefolgt vom getreuen Chasseur.
Leider, leider hatte die schöne Generalin anderweitige Verpflichtungen.
Genau wie unsere lieben Damen Britta und Martina - die drei Grazien haben mir sehr gefehlt.
Du weißt ja wie sehr ich deren Pariser Klatschgeschichten und unverblümten Redensarten liebe!
Monsieur Axel und die anmutige Diana sind auch herübergekommen, sie wohnen ja fast in der Nachbarschaft.
M. hat sogar Wachtel mitgebracht. Nun so was essen wir ja auch nicht alle Tage.
Als der angetraute Osmane das Wachtelbein in meiner Hand sah, bemerkte er frecherweise: " Das ist Kannibalismus"
Er hatte wohl schlechte Laune, weil ich ihn bei den Mamsellen in der Küche erwischt habe.
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 01:14 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 12.06.2007 - 00:01 |  |
Den weitesten und beschwerlichsen Weg hatten die liebe Catherine ( in einer zart malvenfarbenen Kreation) und ihr Gatte, M. Thadewald.
Leider habe ich vergessen sie nach dem Impressionen des letztjährigen Wütens und Schlachtens in Jena zu fragen. Das hätte mich doch sehr interessiert!
Nun, Schlachten haben wir beim tanzen auch geschlagen( meine Schleppe!).
Justinchen schlägt sich überaus tapfer als Tanzmeisterin. Wird Zeit ,das mal der erste offizielle Tanz -Orden eingeführt wird!
Die Tänze waren natürlich wie üblich unsere altbewährten Lieblinge: die Indian Queen und der Walzer. Gottseidank war der Oheim aus dem Haus!
Den Walzer habe ich diesmal der Jugend überlassen.
Die blonde Recamière, Mademoiselle Claire ,hat mit den Herren jede Runde getanzt und die Mac Dougall konnte mal wieder nicht den Abstand halten.
Bei M. X lag der Arm bei seiner nicht in ehelicher Gemeinschaft verbundenen Tanzpartnerin überall, nur nicht auf dem Arm.
Ach ja, das Matronenleben am Rande der Tanzfläche hat auch seine Reize!
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 01:02 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 12.06.2007 - 00:11 |  |
Musikalische Begleitung auf dem Flügel übernahm ebenso gekonnt wie schwungvoll eine zartes russisches Persönchen aus Riga. Leider hatte ich keine Gelegenheit in einem Gespräch herausszufinden, was sie denn hierher verschlagen hat. Sie hat feine Gesichtszüge und ein vornehmes Wesen. Sie spielte den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht hinein.Wie mühevoll es für ein Frauenzimmer ist sich selbst ernähren zu müssen!
Beinahe hätte ich es vergessen- wir haben einen neuen Tanz erlernt, den "Sellengers Round":
Erst galoppierten wir lustig nach links, dann freudig nach rechts und schließlich ab durch die Mitte, die wir sinnvoll mit Aramis gemarkt hatten. Das ganze sprühte nur so vor Lebensfreude und veranlasste so manch übermütigen Herren zu wahren Luftsprüngen.
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 12.06.2007 - 00:26 |  |
Die schnellen Tänze und das drückende Klima forderten ihren Tribut. Wir ließen uns ermattet und bereitwillig im Gartensaal nieder und lauschten den Salonbeiträgen. Unsere werte Mme Lisette rezitierte ein blumig besinnliches Gedicht von Eichendorff:
Der alte Garten
Kaiserkron und Päonien rot,
Die müssen verzaubert sein,
Denn Vater und Mutter sind lange tot,
Was blühn sie hier so allein?
Der Springbrunnen plaudert noch immerfort
Von der alten schönen Zeit,
Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
Ihre Locken bedecken ihr Kleid.
Sie hat eine Laute in der Hand,
Als ob sie im Schlafe spricht,
Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt -
Still, geh vorbei und weck sie nicht!
Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
Streift sie die Saiten sacht,
Da gibt's einen wunderbaren Klang
Durch den Garten die ganze Nacht.
Sinnigerweise passte es gut zu den Blumengebinden im Speisezimmer, die mit der üppigen aber empfindsamen Pfingstrose geschmückt waren.
Base Isabels älteste Tochter Alicia fidelte uns auf der Violine die Bauernkantate von Bach, Auszüge aus der 9. Symphonie von Beethoven und Auszüge aus dem das Vilolinenkonzert das Beethoven letztes Jahr für den Geigenvitruosen Clement komponiert hatte.
Nanny gab uns trotz einer Verkühlung ,die sie sich auf der Überfahrt zugezogen hatte ,drei Lieder zum besten:
das gälische " Scarvorough Fair",
eine Serenade von Mozart " ihr geliebten Augensterne" und eine irische Weise " Cill Caish".
Ich liebe ihre traurigen Lieder, ein Kontrast zu ihrem sonst so resoluten Wesen...
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 01:04 von MadameKaya aktualisiert]
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Status: Offline Registriert seit: 14.10.2005 Beiträge: 742 Nachricht senden | Erstellt am 12.06.2007 - 00:49 |  |
Leider ist Cronos ein schlechter Gesellschafter und allzu schnell wurde es Zeit zum Souper.
Pardon! Buffet, wie es nun auch hier praktiziert wurde.
Unglaublich was es dort alles gab... auf Schloß Wahn wird wahrlich nicht gegeizt. aber das habe ich glaube ich schon mal erwähnt....
Feine und feinste Pasteten, Geflügel jeglicher Art, Reis in Weinblätter, frisch gebackenes Brot, Trauben- Kassler Spieße, besagte Wachteln, Sandwiches, eine Ananas, Mocca Mousse und noch so einiges mehr.
Meine Leber wurde doch arg belastet!
Nach dem Essen versammelten wir uns erneut im Gartensaal und walzten vergnüglich los. Der gute Wein, der erfrischende Cidre und die gebowlten Erdbeeren ließen die Füße wie von ganz alleine über das Parkett gleiten.
Beim Walzer wurde mir doch arg schwindelig und ich musste die Herren bitten kleine Schritte bei den Umdrehungen zu machen.
Die Terrasse lockte in den Tanzpausen, wir trugen die Schalen mit den Erdbeeren hinaus, schickten Seifenbläsen an tout le monde und ließen der Seele Glück angedeihen!
Zu später Stunde wurde der Gartensaal dann zur Theaterbühne. Das ( leider unvollständige) Thalia Ensemble gab sich die Ehre und charadierte Perönlichkeiten unserer Zeit:
Sophie Blanchard ,die hochdekorierte französische Aeronatin
Den Philantropen Pestalozzi
Die Tiroler Freiheitskämpferin Katharina Lanz
Unsere gute Luise, samt König und Minister Stein
Die Lebedamen Madame Recamière, Madame Tallien und die Stael.
Nach der Vorstellung verabschiedeten wir uns artig voneinander, neue Freundschaften beschwörend und auf ein baldiges Wiedersehen hoffend.
Liebe Grüße
deine Nichte
Svenja Kaya
[Dieser Beitrag wurde am 12.06.2007 - 01:05 von MadameKaya aktualisiert]
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