CCHuber 


Status: Offline Registriert seit: 17.02.2007 Beiträge: 85 Nachricht senden | Erstellt am 20.08.2007 - 22:36 |  |
Brief an eine Schwester
@CC
Sei gegrüßt, meine Liebe,
oft hast Du mich gefragt, wie es mir so ginge. Nie konnte ich Dir eine Antwort geben, da mir die Worte fehlten, um zu erklären, was ich selbst nicht verstand.
Aber jetzt will ich Dir eine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Traumes, vielleicht ist es auch die Geschichte eines Schattens einer vergangenen Realität. Ich weiß es nicht, lies meine Worte und schaffe Dir selbst ein Bild. Vielleicht übersteigt es Deine Vorstellungskraft. Aber ich kenne Dich gut, ich habe die Hoffnung, dass Du die Wahrheit hinter den Worten erkennst.
Wir leben in einer perfekten Welt. Es ist alles da, was Du oder ich jemals brauchen könnten. Kein Wunsch, der sich nicht erfüllen ließe. Doch weißt Du noch, wie es war, als wir Kinder waren? Als die Alten Geschichten erzählten von Wasser, Flüssen und unendlichen Meeren? Vom Regen, der aus einem grauen Himmel auf die Erde fiel? Von grünen Wiesen, hohen, mächtigen Bäumen und von einer Sonne, die heiß und strahlend auf die Erde schien? Das sind Begriffe, von denen wir keine Vorstellungen mehr haben, die nur noch Worte sind. Unbekannte Begriffe, die wir nicht mehr greifen können.
Aber nun zu meinem Traum. Es schien noch früh am Morgen zu sein, als ich erwachte. Du kannst Dir mein Erstaunen vorstellen, als ich feststellen musste, dass ich keinesfalls in meinem Bett lag. Etwas Unbekanntes war um mich herum, Geräusche drangen an mein Ohr, die ich noch nie vernommen hatte. Langsam, zaghaft öffnete ich meine Augen. Das erste, was ich sah, war ein Himmel, so blau, wie ich es noch nie gesehen hatte. Kleine, weiße Wölkchen tanzten in dieser blauen Weite und aus dem östlichen Himmel schob sich eine Kugel aus purem Gold. Ihre Strahlen waren so grell und leuchtend, dass ich für einen Moment geblendet war und die Augen schließen musste.
Ich lag im hohem Gras. Ich wusste ganz einfach, dass es Gras war. Echtes Gras. Nichts kann den Duft beschreiben, der von diesem grünen Gewächs ausströmte und keine Worte können beschreiben, was ich empfand, als kleine, silberne und schillernde Kügelchen den Halm hinunter tanzten, um mit einem sanften Klopfen auf meinen Körper zu prallen. Lange suchte ich in meinen Erinnerungen, bis mir einfiel, dass dies der Tau des frühen Morgens war, der mich auf diese entzückende Weise wach küsste. Ich beobachtete, wie die Tropfen auf meinem Körper zerrannen, fühlte mit dem Finger die Nässe und ich schäme mich fast, es zuzugeben, ich habe diese Tropfen mit meiner Zunge aufgeleckt.
Schließlich stand ich auf und fand mich in einer Umgebung wieder, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte. Da waren richtige Bäume. Ach, meine Liebe, wie kann ich Dir nur beschreiben, wie die Blätter im Winde rauschten. Weiß ich doch, dass Du, wie bisher auch ich, Blätter nur von den alten Bildern kennst und Wind etwas völlig Unbekanntes ist.
Aber nichts hat meine Seele mehr erschüttert, als der kleine Bach, der über einen hohen Felsen stürzte und sich dann seinen Weg durch die Wiese bahnte. Es war gefährlich, das wusste ich. Aber Du kennst meinen Wagemut, ich konnte einfach nicht widerstehen. Nackt stellte ich mich unter diesen kleinen Wasserfall. Von diesem Moment an war meine Welt eine andere. Kühle Nässe, die prickelnd meine Poren füllte, Wasser, das wie Seide über meinen Körper glitt. Meine Zunge, die durstig wie tausend Höllenhunde das reine Nass auffing und schluckte. Eine Kehle, die nicht glauben konnte, welche Süße dieses Wasser in sich barg.. Mein Körper wurde gefüllt mit dem Köstlichsten, das ich mir jemals vorstellen konnte. Mein Körper gebadet in etwas, das reiner nicht sein konnte, meine Seele auf ewig gebunden an ein Sein, das jede Vorstellung sprengte.
In diesem Moment habe ich sterben wollen. Verzeih mir diesen Wunsch, meine Schwester. Aber es war wohl in meinem Schicksal noch nicht vorgesehen.
Hast Du eine Vorstellung davon, welchen Verlust ich erlitten habe, als der Traum mich widerwillig frei gab und ich erkennen musste, dass ich verloren hatte, was ich nie wirklich besaß? Ach herrje, meine Liebe, all meine Fantasie reicht nicht aus, um Dich fühlen zu lassen, was ich fühlte. Verzeih mir.
Ich weiß, es geht mir gut. Und doch, die Erinnerung an das Wasser lässt mich nicht mehr zur Ruhe kommen. Eingebrannt tief in den Grund meiner Seele ist sie so sehr Teil meines Seins geworden, dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, ohne die Gedanken an diese schönen Stunden noch derselbe Mensch zu sein als zuvor. Diese Erinnerung ist mir unendlich kostbar und ich werde sie hüten bis zum Ende meiner Zeit. Voll Sehnsucht ist sie, voll quälendem Verlangen, doch bin ich nicht gerade deshalb ein glücklicher Mensch? Durfte ich doch erfahren, was vielen Menschen nur noch eine verschwommene Erinnerung, ein Begriff aus alten Liedern ist.
So sei es, meine Liebe. Ich will nicht klagen. Besitze ich doch einen Reichtum, der mit nichts zu bezahlen und durch nichts zu ersetzen ist.
Sei nochmals gegrüßt und innig umarmt
Deine CC
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[Dieser Beitrag wurde am 20.08.2007 - 22:37 von CCHuber aktualisiert]
Signatur Setze dich an den Fluss und warte, bis die Leichen deiner Feinde vorbei schwimmen.
(Indianische Weisheit) |