Dani  Champions League
     

Status: Offline Registriert seit: 22.06.2005 Beiträge: 4172 Nachricht senden | Erstellt am 08.09.2005 - 14:23 |  |
"Wie sieht der Alltag der Leute aus, die beim VfB Stuttgart dafür sorgen, dass der Laden läuft? Folge fünf unserer "Betriebsführung" beschäftigt sich mit Andreas Brehme: Als Weltmeister unter den Co-Trainern bewohnt er eine Suite im Schlossgartenhotel. Moustafa al-Hadji Diallo, 19, steht mitten auf dem VfB-Übungsplatz und macht zehn Minuten lang tapfer das Beste aus dem Hagel der Bälle, die ihm die Trainer Trapattoni und Brehme zuschieben. Das Feingefühl, das der junge Senegalese im Fuß hat, scheint beachtlich zu sein - doch alles ist relativ. Jedenfalls stiehlt ihm einer der alten Knaben die Show. Andreas Brehme ist 44, aber beim Härtetest in Form des verschärften Balljonglierens zeigt er dem staunenden Moustafa an diesem Vormittag, was ein ehemaliger Weltmeister ist. Eigentlich ist zum Probetraining in diesen Tagen der Afrikaner beim VfB, doch blitzschnell wird klar: begabter ist immer noch der Co-Trainer. Egal, ob Brehme den Ball mit links oder rechts nimmt, volley mit dem Spann oder hüfthoch mit dem Außenrist - er kommt an. Überhaupt wirkt Altmeister Andy topfit. Er muss sich über Nacht blendend erholt haben. Denn tags zuvor ist ihm noch so speiübel gewesen, dass er für den Prozess vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Kaiserslautern gegen die der Steuerhinterziehung verdächtigte Exklubführung des FCK um Atze Friedrich absagen musste - es geht dort um die Frage, ob womöglich auch an Brehme in seiner Lauterer Zeit versteckte Lohnzahlungen geleistet wurden. "Ich weiß gar nicht", rätselt der, "was die von mir wollen." Jedenfalls hat er sich jäh krank gemeldet. "Leichtes Fieber", sagt Andy. Doch nun ist ein anderer Tag, und das Fieber ist wie verflogen. In Brehmes Suite im Schlossgartenhotel, in dem auch die italienischen Trainerkollegen Trapattoni, Rossi und Bardin wohnen, hat wie immer morgens um sieben der Wecker geschellt, er ist aus der Matratze geschnellt und hat gefrühstückt, das Übliche. Brehme: "Ein Espresso." Ein Vollmahlzeit ist das nicht. Aber mit leerem Magen liest sich morgens womöglich die Zeitung leichter. Zu viert machen sich die Kollegen als Erstes über die "Gazzetta dello Sport" her, die in der VfB-Kabine ausgelegt ist - wobei Brehme keineswegs zuständig ist für die flankierende Lektüre der deutschen Presse. "Giovanni", schüttelt er den Kopf, "fragt da gar nicht." Vorsichtshalber passt Olli Schraft, der Mediendirektor, auf und macht notfalls Meldung - so wie neulich, als in der "Bild"-Zeitung stand, dass es zwischen Trapattoni und Torwart Hildebrand in der Kabine zum Krach gekommen sei. Maulwurfalarm? Brehme zuckt mit den Schultern. Er ist nicht da, um undichte Stellen zu suchen, durch die Interna nach draußen entweichen - er ist für das Training da. Diese Woche ist es einfach. Die Nationalspieler sind weiträumig unterwegs. Es sind fast mehr Trainer als Kicker da. "Bewegungstherapie ist angesagt", sagt Brehme. Im Härtegrad ähnelt es der Gymnastik für werdende Mütter, und der Cheftrainer und sein Co-Trainer krümmen sich synchron. Auch beim Laufen bewegt sich Andy Brehme neben Giovanni Trapattoni im Gleichschritt. Der war, ist und bleibt sein Chef. Drei Jahre lang war er unter ihm Spieler bei Inter Mailand, Trapattoni hat ihn zum italienischen Meister und italienischen Fußballer des Jahres gemacht. Und nun auch noch zum VfB geholt. "Ich würde ihm", sagt Andy Brehme, "nie reinreden." Aber ist es nicht schwierig, als gelernter Cheftrainer plötzlich nur der Co-Trainer sein zu dürfen? "Für mich ist das keine Herabsetzung", sagt Brehme, "nicht unter Giovanni." VfB-Klubheim. Mittags. Man fragt sich spätestens jetzt, ob Brehme das Hungern für einen, der sich drei warme Mahlzeiten am Tag leisten könnte, nicht übertreibt - es ist immer noch der Espresso von morgens um sieben, der ihn auf den Beinen hält. "Manchmal", sagt er, "bestelle ich mir einen Salat." Oder er holt sich etwas Obst aus dem Südfruchtkühlschrank von Zeugwart Kostas in der Kabine. Zwischendurch geht er ins Hotel, um die Autogrammpost zu erledigen oder übers Telefon das Familienleben des Legionärs zu pflegen. Pilar, seine Frau, lebt mit den Söhnen Ricardo, 17, und Alessio, 11, in München. Das andere Haus ist in Kitzbühel. In Stuttgart ist der Familienvater sozusagen auf Montage. Und fährt nach München, sooft es halt geht. Letztes Jahr, erzählt er, war die Tragödie mit Ricardo. Herzstillstand. Koma. Ursache war eine versteckte Mandelentzündung, und während er tagelang um das Leben des Sohnes zitterte, sagt Brehme, habe ein sensationsgieriges RTL-Kamerateam bei dessen Schulkameraden geforscht: "Nimmt er Drogen?" Es waren die schlimmsten fünf Tage in Brehmes Leben. "Man steht auf dem Platz und versucht zu trainieren - mit Tränen in den Augen." Ein Jahr später steht er nun auf dem Platz mit Moustafa, dem jungen Senegalesen, und lacht wieder. Die anderen sind schon beim Duschen, aber zu so einer Extraschicht mit dem Ball sagt ein alter Ballzauberer niemals Nein. Wie man sich unterhält? "Englisch", verrät Brehme. Hinterher stellt sich heraus, dass es doch eher Französisch war, aber das macht nichts - die Fußballersprache ist international. Jedenfalls wird beim VfB perfekt Italienisch gesprochen. Und Italienisch gegessen - abends, wenn Andy Brehme endlich Zeit und Hunger hat. Manchmal setzt er sich mit seinen Italienern auch noch nett zusammen, und sie plaudern. Über Gott und die Welt? "Nein", lacht Andy Brehme, "da geht´s nur um Fußball, den ganzen Tag." Sein leichtes Fieber, das ihn gelegentlich am Wickel hat, ist deshalb in Wahrheit ein ansteckender Fall schweren Fußballfiebers - jedenfalls sind alle jetzt schon gespannt, ob er der Kaiserslauterner Strafkammer, die seine Vernehmung auf nächsten Montag verschoben hat, nicht wieder mittels Krankmeldung absagen muss."
Signatur ...alles wird vorüber gehn...
...man kann nicht ändern was zu ändern nicht gemacht ist... |