Forum für Kurzgeschichten, Gedichte, Philosophisches, Fotografien, Gemälde oder einfach zum quatschen.

Das Boot - Albertcamus

Glückwunsch liebe Helga Bilderelse!

RSS-Feed

Uebersicht    Mitglieder    Registrieren    Login


Neuer Thread ...


ErstellerThema » Beitrag als Abo bestellenThread schließen Thread verschieben Festpinnen Druckansicht Thread löschen

ragusaa2000 



...

Status: Offline
Registriert seit: 22.04.2008
Beiträge: 17
Nachricht senden
...   Erstellt am 02.05.2008 - 19:14Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Bijou

Das Mädchen stand in der Mitte der Straße, unbeeindruckt vom dichten Feierabendverkehr, der gefährlich nahe an ihr vorbeirollte und in dessen Fahrtwind sich ihr schwarzes langes Haar sanft bewegte. Sie lächelte. Das hübsche Gesicht strahlte eine faszinierende Freundlichkeit aus. Niemand kümmerte sich um sie.

Martha arbeitete als Verkäuferin im Kiosk an der Bushaltestelle und sie war beunruhigt. Schon seit einigen Minuten beobachtete sie das Mädchen auf der Straße und sie fragte sich, warum es wohl so unbeeindruckt dort stand. Kein vernünftig denkender Mensch stellt sich bewegungslos und lächelnd in die Mitte der Fahrbahn einer viel befahrene Straße. Ein schlechtes Gewissen machte sich bohrend in Marthas Gedanken breit und wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Sollte sie tatsächlich einfach zusehen, wie sich eine offensichtlich hilflose Person solch großer Gefahr aussetzte? Eine innere Stimme lamentierte pausenlos: „Misch Dich nicht ein! Geht Dich nichts an! Schau einfach weg!“ Nach einiger Zeit siegte jedoch das Gewissen, und entschlossen verließ Martha den Kiosk, überquerte die Straße trotz des heftigen Verkehrs bis zur Mitte, blieb vor dem Mädchen stehen und sah sie an.

Ein unbestimmtes Gefühl, das Mädchen auf eine rätselhafte Weise zu kennen, verunsicherte Martha noch mehr. Das bezaubernde Lächeln, mit dem sie empfangen wurde, fegte jedoch sofort jeden Zweifel und die altbekannte Unsicherheit weg, die Martha immer hemmte, wenn sie auf fremde Menschen zugehen und sie ansprechen musste. Die Worte kamen fast von alleine.

„Sehen Sie nicht, dass es gefährlich ist, hier zu stehen?“ Das Mädchen schüttelte den Kopf und lächelte weiter, gab jedoch keine Antwort. Keine Spur von Angst war in den schönen, seltsam grünen, Augen zu entdecken. Im Gegenteil - sie strahlte eine Ruhe aus, als wäre sie in einer stillen, friedlichen Kirche. Das Mädchen war nicht viel jünger als Martha, jedoch kleiner und zierlicher, so dass sie fast kindlich wirkte. Ihre Kleidung war sehr ausgefallen. Die Hose schien aus den fünfziger Jahren zu stammen – eng anliegend, schwarz und knapp über den zarten Knöcheln endend. Turnschuhe aus Stoff mit weißen Gummikappen und dazu eine ärmellose, weiße Bluse.

Martha, die oft mit ihrem kräftigen Körperbau haderte, kam sich neben diesem grazilen Wesen, wie ein Bauerntrampel vor und sie fühlte sich linkisch und unbeholfen. Sie wusste jedoch, dass sie unmöglich hier stehen bleiben und Kopf und Kragen riskieren konnten, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis sie beide als Opfer in der nächsten Verkehrstotenbilanz auftauchen würden. Also nahm sie das Mädchen kurz entschlossen an der Hand und zog sie einfach mit sich – weg von der Straße und zum Kiosk. Die ganze Aktion hatte keine fünf Minuten gedauert aber der Verlust an Nerven war beträchtlich. Zurück in den sicheren vier Wänden des Kiosks beschloss Martha, dass eine gute Tasse Kaffee und eine Zigarette genau das Richtige wären und bot beides auch dem Mädchen an, was dieses jedoch mit einem graziösen Kopfschütteln ablehnte. Es deutete stattdessen schweigend auf die Milch.

Als Martha eine Tasse Kaffee vor sich, ein Glas Milch vor das Mädchen gestellt und den ersten Zug an ihrer Zigarette genommen hatte, fühlte sie sich etwas besser. Das Zittern der Hände ließ nach und das beängstigend heftige Herzklopfen hörte auf. Sie überlegte angestrengt, wie sie das Mädchen zum Sprechen bewegen könnte. Es zeigte sich jedoch, dass ihre Überlegungen überflüssig waren, denn ihre geheimnisvolle Besucherin begann ganz unvermittelt und unaufgefordert mit melodischer Stimme zu ihr zu reden. Martha vergaß zunächst ganz und gar, auf den Sinn der Worte zu achten, denn die Stimme vermittelte ihr ein bis dahin nie empfundenes Wohlgefühl. Obwohl sie sicher war, das Mädchen noch nie zuvor gesehen zu haben, schien es, als würden sie sich schon sehr lange Zeit kennen.

Langsam sickerte jedoch der Sinn der Worte in ihr verwirrtes Gehirn und sie begann sich zu fragen, ob sie sich an den Grenzen des Wahnsinns bewegte oder ob sie tatsächlich verstand, was sie da hörte….

„Ich weiß, dass es sehr schwer für Dich ist, mir zu glauben“, sagte das Mädchen. „Aber Du musst mir trotzdem gut zuhören, denn es ist sehr wichtig, dass Du nichts von dem vergisst, was ich Dir sage. Ich konnte in Deinen Augen und in Deiner Seele sehen, dass ich nicht fremd für Dich bin. Du erkennst mich nur nicht, weil Du mich so wie heute noch nie gesehen hast. Ich kann Deine Liebe zu mir sehen und ich wünsche mir sehr, dass auch Du meine Liebe zu Dir erkennst. Es ist heute etwas passiert, was Du vielleicht als schlimm empfinden wirst und ich bin hier, um Dir die Augen für die Dinge, wie sie wirklich sind, zu öffnen. Weil meine Liebe zu Dir so groß ist, habe ich die Erlaubnis, Dir für diesen einen Augenblick in dieser Gestalt gegenüber zu treten, um Deinen Schmerz zu lindern. Ich bin Bijou, Deine Katze. Vorhin wollte ich Dir nachlaufen, als Du das Haus verlassen hast, um zur Arbeit zu gehen. Ich habe das Auto nicht gesehen, das so schnell und so groß war und ich war abgelenkt, denn ich wollte Deine Spur nicht verlieren. Das Auto hat nicht einmal versucht, zu bremsen. Gnadenlos hat es mich getroffen und mir mein Leben genommen, das ich so gerne noch länger mit Dir geteilt hätte. Aber Du sollst nicht um mich trauern, meine geliebte Martha, denn wir Katzen sterben niemals wirklich. Meine Seele wird immer bei Dir sein und ein kleines Stück von mir steckt in allen Katzen dieser Welt. Obwohl wir viele sind, sind wir alle eins. Meine Liebe zu Dir wird immer leben – hier und in jeder Katze, die Dir begegnen wird. „

Als Martha endlich die Worte begriffen hatte, die ihr zunächst als sinnloses Aneinanderreihen von Lauten erschienen waren, und nach dem Mädchen greifen wollte, war sie alleine im Kiosk. Nur ein Glas Milch, eine Tasse Kaffee und eine erloschene Zigarette in ihrer Hand zeigten, dass sie nicht geträumt hatte. Sie weinte. Ihre Katze hat sie nie wieder gesehen.





Signatur
Anthia

Stefan ...
Admin


...

Status: Offline
Registriert seit: 12.02.2007
Beiträge: 828
Nachricht senden
...   Erstellt am 03.05.2008 - 00:18Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Dein Märchen macht mich doch sehr traurig. Wohl auch weil es mich an unsere erste Katze erinnert.

Deswegen hätte ich mir wohl auch einen "märchenhafteren" Schluß gewünscht.

Das heißt aber nicht, dass mir Dein Märchen nicht gefallen hat. Ganz im Gegenteil, ich war richtig gespannt und sehr überrascht, wer das Mädchen war bzw. ist.

Macht mich neugierig auf mehr Märchen und "andere" Geschichten von Dir.

Liebe Grüße

Stefan





Signatur
Macuser sind nicht eingebildet. Sie sehen einfach besser aus....

ragusaa2000 



...

Status: Offline
Registriert seit: 22.04.2008
Beiträge: 17
Nachricht senden
...   Erstellt am 04.05.2008 - 16:05Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Stefan,

ich habe das Märchen geschrieben, weil es mich an meine Freundin Karoline erinnert - sie war viele Jahre lang mein Hund und vor ein paar Wochen mussten wir uns endgültig trennen. Wir haben viel erlebt und zusammen meine Kinder, den zweiten Hund und die Katzen erzogen. Auf ihrem letzten Gang war ich bei ihr und trotzdem spüre ich immer noch ihre Nähe.

Viele Grüße





Signatur
Anthia

Bilderelse ...

.........

...

Status: Offline
Registriert seit: 17.02.2008
Beiträge: 173
Nachricht senden
...   Erstellt am 05.05.2008 - 10:36Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Hallo Ragusaa,

ein schön geschriebenes Märchen hast Du uns vorgestellt.
Ja, es ist allerdings mehr real als ein Märchen. Denn wer kann schon auf eine arme Katze achten, die sich auf den Fahrdamm verlief. Der Verkehr ist so rasant, dass eine Vollbremsung sicher auch unglaublich viel anrichten kann. Tiere auf der Straße haben kaum eine Chance. Mir ist einmal eine Katze an der Ampel ins Auto gelaufen. Bei Grün fährt man los. In dem Augenblick wollte die Mieze über den Fahrdamm. Das war scheußlich. Ich konnte nichts machen. Was soll ich sagen: Freiheit hat einen hohen Preis. Mein Hund ist auch einmal angefahren worden. Die Schuld ist beim Tierhalter zu suchen und zwar immer. Das klingt alles nicht so gut und wahrscheinlich hartherzig aber das Leben ist grausam für Tier und Mensch.
Oh, ich bin ein wenig abgewichen.
Dein Märchen gefällt mir natürlich. Märchen sind meist sehr grausam aber das Gute siegt, deshalb ist es ein Märchen.

Lieben Gruß
Helga-Bilderelse





Signatur
Erkennen wollen
ist der erste Schritt des Verstehens.
Zunächst im Selbstversuch!


Neuer Thread ...



Kalenderblatt


Impressum

Dieses Forum ist ein kostenloser Service von razyboard.com powered by:
Geizkragen Preisvergleich. Top-Produkt im Preisvergleich: Samsung PS-42C7H
Wollen Sie auch ein kostenloses Forum in weniger als 2 Minuten? Dann klicken Sie hier!



blank