ragusaa2000

Status: Offline Registriert seit: 22.04.2008 Beiträge: 17 Nachricht senden | Erstellt am 02.05.2008 - 19:14 |  |
Bijou
Das Mädchen stand in der Mitte der Straße, unbeeindruckt vom dichten Feierabendverkehr, der gefährlich nahe an ihr vorbeirollte und in dessen Fahrtwind sich ihr schwarzes langes Haar sanft bewegte. Sie lächelte. Das hübsche Gesicht strahlte eine faszinierende Freundlichkeit aus. Niemand kümmerte sich um sie.
Martha arbeitete als Verkäuferin im Kiosk an der Bushaltestelle und sie war beunruhigt. Schon seit einigen Minuten beobachtete sie das Mädchen auf der Straße und sie fragte sich, warum es wohl so unbeeindruckt dort stand. Kein vernünftig denkender Mensch stellt sich bewegungslos und lächelnd in die Mitte der Fahrbahn einer viel befahrene Straße. Ein schlechtes Gewissen machte sich bohrend in Marthas Gedanken breit und wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Sollte sie tatsächlich einfach zusehen, wie sich eine offensichtlich hilflose Person solch großer Gefahr aussetzte? Eine innere Stimme lamentierte pausenlos: „Misch Dich nicht ein! Geht Dich nichts an! Schau einfach weg!“ Nach einiger Zeit siegte jedoch das Gewissen, und entschlossen verließ Martha den Kiosk, überquerte die Straße trotz des heftigen Verkehrs bis zur Mitte, blieb vor dem Mädchen stehen und sah sie an.
Ein unbestimmtes Gefühl, das Mädchen auf eine rätselhafte Weise zu kennen, verunsicherte Martha noch mehr. Das bezaubernde Lächeln, mit dem sie empfangen wurde, fegte jedoch sofort jeden Zweifel und die altbekannte Unsicherheit weg, die Martha immer hemmte, wenn sie auf fremde Menschen zugehen und sie ansprechen musste. Die Worte kamen fast von alleine.
„Sehen Sie nicht, dass es gefährlich ist, hier zu stehen?“ Das Mädchen schüttelte den Kopf und lächelte weiter, gab jedoch keine Antwort. Keine Spur von Angst war in den schönen, seltsam grünen, Augen zu entdecken. Im Gegenteil - sie strahlte eine Ruhe aus, als wäre sie in einer stillen, friedlichen Kirche. Das Mädchen war nicht viel jünger als Martha, jedoch kleiner und zierlicher, so dass sie fast kindlich wirkte. Ihre Kleidung war sehr ausgefallen. Die Hose schien aus den fünfziger Jahren zu stammen – eng anliegend, schwarz und knapp über den zarten Knöcheln endend. Turnschuhe aus Stoff mit weißen Gummikappen und dazu eine ärmellose, weiße Bluse.
Martha, die oft mit ihrem kräftigen Körperbau haderte, kam sich neben diesem grazilen Wesen, wie ein Bauerntrampel vor und sie fühlte sich linkisch und unbeholfen. Sie wusste jedoch, dass sie unmöglich hier stehen bleiben und Kopf und Kragen riskieren konnten, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis sie beide als Opfer in der nächsten Verkehrstotenbilanz auftauchen würden. Also nahm sie das Mädchen kurz entschlossen an der Hand und zog sie einfach mit sich – weg von der Straße und zum Kiosk. Die ganze Aktion hatte keine fünf Minuten gedauert aber der Verlust an Nerven war beträchtlich. Zurück in den sicheren vier Wänden des Kiosks beschloss Martha, dass eine gute Tasse Kaffee und eine Zigarette genau das Richtige wären und bot beides auch dem Mädchen an, was dieses jedoch mit einem graziösen Kopfschütteln ablehnte. Es deutete stattdessen schweigend auf die Milch.
Als Martha eine Tasse Kaffee vor sich, ein Glas Milch vor das Mädchen gestellt und den ersten Zug an ihrer Zigarette genommen hatte, fühlte sie sich etwas besser. Das Zittern der Hände ließ nach und das beängstigend heftige Herzklopfen hörte auf. Sie überlegte angestrengt, wie sie das Mädchen zum Sprechen bewegen könnte. Es zeigte sich jedoch, dass ihre Überlegungen überflüssig waren, denn ihre geheimnisvolle Besucherin begann ganz unvermittelt und unaufgefordert mit melodischer Stimme zu ihr zu reden. Martha vergaß zunächst ganz und gar, auf den Sinn der Worte zu achten, denn die Stimme vermittelte ihr ein bis dahin nie empfundenes Wohlgefühl. Obwohl sie sicher war, das Mädchen noch nie zuvor gesehen zu haben, schien es, als würden sie sich schon sehr lange Zeit kennen.
Langsam sickerte jedoch der Sinn der Worte in ihr verwirrtes Gehirn und sie begann sich zu fragen, ob sie sich an den Grenzen des Wahnsinns bewegte oder ob sie tatsächlich verstand, was sie da hörte….
„Ich weiß, dass es sehr schwer für Dich ist, mir zu glauben“, sagte das Mädchen. „Aber Du musst mir trotzdem gut zuhören, denn es ist sehr wichtig, dass Du nichts von dem vergisst, was ich Dir sage. Ich konnte in Deinen Augen und in Deiner Seele sehen, dass ich nicht fremd für Dich bin. Du erkennst mich nur nicht, weil Du mich so wie heute noch nie gesehen hast. Ich kann Deine Liebe zu mir sehen und ich wünsche mir sehr, dass auch Du meine Liebe zu Dir erkennst. Es ist heute etwas passiert, was Du vielleicht als schlimm empfinden wirst und ich bin hier, um Dir die Augen für die Dinge, wie sie wirklich sind, zu öffnen. Weil meine Liebe zu Dir so groß ist, habe ich die Erlaubnis, Dir für diesen einen Augenblick in dieser Gestalt gegenüber zu treten, um Deinen Schmerz zu lindern. Ich bin Bijou, Deine Katze. Vorhin wollte ich Dir nachlaufen, als Du das Haus verlassen hast, um zur Arbeit zu gehen. Ich habe das Auto nicht gesehen, das so schnell und so groß war und ich war abgelenkt, denn ich wollte Deine Spur nicht verlieren. Das Auto hat nicht einmal versucht, zu bremsen. Gnadenlos hat es mich getroffen und mir mein Leben genommen, das ich so gerne noch länger mit Dir geteilt hätte. Aber Du sollst nicht um mich trauern, meine geliebte Martha, denn wir Katzen sterben niemals wirklich. Meine Seele wird immer bei Dir sein und ein kleines Stück von mir steckt in allen Katzen dieser Welt. Obwohl wir viele sind, sind wir alle eins. Meine Liebe zu Dir wird immer leben – hier und in jeder Katze, die Dir begegnen wird. „
Als Martha endlich die Worte begriffen hatte, die ihr zunächst als sinnloses Aneinanderreihen von Lauten erschienen waren, und nach dem Mädchen greifen wollte, war sie alleine im Kiosk. Nur ein Glas Milch, eine Tasse Kaffee und eine erloschene Zigarette in ihrer Hand zeigten, dass sie nicht geträumt hatte. Sie weinte. Ihre Katze hat sie nie wieder gesehen.
Signatur Anthia |