Gudrun
     

Status: Offline Registriert seit: 01.03.2007 Beiträge: 454 Nachricht senden | Erstellt am 23.06.2007 - 19:35 |  |
An die Feinkosttheke wurde sie also versetzt, mein heimlicher Liebling unter den Angestellten dieses Nah(erholungs)supermarktes.
Erleichtert atme ich auf. Zeit wird’s. Das Debakel meines Stars unter den Konsumgüterandreherinnen letztens an der Kasse war ja auch wirklich unerträglich mit anzusehen. Wie sie sich abmühte mit der neuen Zettelrolle, die einfach nicht richtig in der hochtechnisierten Rechenmaschine landen wollte. Und die Blicke der Kolleginnen an den Nebenkassen. Wie sie einfach nur zuguckten und hämisch grinsten.
„Aber, aber Frau Pfandl, wie oft müssen wir Ihnen das noch zeigen!“ oder „Gut, dass heute nicht viel los ist, nicht wahr, Kollegin?“ Wie gehässig sie das sagten. Und wie sie lächelten.
Und der Gipfel, als nach einer Viertelstunde eine von Ihnen die zufällig vorbeitänzelnde, gar wichtige, Filialleiterin auf die Ungeschicklichkeit von Frau Pfandl aufmerksam machte.
Deren Schimpfen und Ermahnungen diese fast zum Weinen brachten. Geduckt saß sie da, den Blick auf die bockige Papierrolle in ihrer schwitzenden Hand gesenkt. Am liebsten hätte ich mitgeheult. Gott sei Dank hatte ich gerade Schnupfen und konnte mein Gesicht so völlig unverdächtig hinter einem Taschentuch verstecken.
Gesagt habe ich auch nichts. Wie sie. Nur, dass sie sonst immer ein paar freundliche, persönliche Worte für mich fand.
Ich war froh, als mich die an der Nachbarkasse mit meinen paar Artikeln zu ihrem Förderband winkte. Und rasch und geschickt abfertigte. Ohne viele Worte, mit einem Paradelächeln, das sie jedem Kunden gönnte, sobald sie ihm das Wechselgeld in die Hand drückte.
Die Delikatessenliebhaber bilden eine lange Schlange vor der Buddel.
Mein Einkaufswagen findet gerade noch Platz und ich sehe, wie vier Bedienstete geschäftig hin und her eilen; Käse schneidend, Gebäck vertütend, Wurstaufschnitt fabrizierend.
Mitten unter ihnen – schon eingelebt? – Frau Pfandl.
Es fällt zwar auf, dass sie immer die letzte ist, die an der Schneidemaschine drankommt, aber gut. Wenigstens wird sie hier nicht gehänselt.
„Jetzt passen Sie doch einmal auf, Frau Trampelpfad!“, schubst sie da eine jugendliche Mitarbeiterin beiseite, als sie beide gleichzeitig nach der Aktionswurst greifen wollen.
Also, das ist doch die Höhe! Mein Mund klappt auf und gleich wieder zu.
Okay, allein schon aussehensmäßig ist sie wohl der Losertyp. Altes Eisen, Rost angesetzt.
Mickrige Dauerwelle, wahrscheinlich von der Krankenkasse finanziert, grauer Haarnachwuchs am Scheitel. Ansonsten gefärbt in einem wahrlich unvorteilhaften Rotbraun.
Rot macht nun mal aggressiv und wo sie doch sowieso schon alle auf dem Kieker haben.
Heute wenigstens hat sie Glück, denn nun bin ich an der Reihe. Humanistin, wie sie im Buche steht. Mir ist nichts Menschliches fremd und Unmenschlichkeit zutiefst verhasst, ein Gräuel!
Aber wirklich!
„Was hätten’s denn gern, gnä Frau?“
„Fünf Semmerl und drei Kornweckerl und je ein Mohnflesserl und ein Salzstangerl, bitte!“
„Gerne.“
„Aber bitte Frau Pfandl: Alles einzeln verpackt und die Preiszetterl pro Sackerl. Ist mir lieber so.“
Es ist mir in meiner aufmerksamen, sensiblen Art natürlich nicht entgangen, dass das hier nun mal Usus ist. Kann nur von Vorteil sein, wenn ich ihr das schnell beibringe.
„Natürlich!“ Sie eilt, sie sucht im Gebäckkorb herum, sie verwutzelt die braunen Papiertüten beim Kassazettelantackern, sie überreicht mir strahlend zehn Tüten. „Sonst noch Wünsche?“
Hm, denkt sie denn, bei uns würde nur trocken Brot gegessen?
„Natürlich, liebe Frau Pfandl! Fünfzehn Deka vom „Waldheimat’s Stinkkäse“, bitte. Wenn’s nicht’s ausmacht.“
„Hahahaha, aber selbstverständlich nicht, sofort!“
Mühsam wuchtet sie den altertümlich großen Käselaib aus der Vitrine. Der Duft, als sie die lieblich bedruckte Folienverpackung aufschneidet - mitten durch Rosegger’s Konterfei übrigens – lässt nicht nur mich erschauern. Entsetzt prallen Kunden und Kundinnen aufeinander, als sie ruckartig und gleichzeitig zwei Schritte zurück torkeln.
Auch Frau Pfandl rümpft die Knollennase. Ja, tut mir leid, die hat sie nun mal. Humanismus bedingt nicht automatisch Idealismus.
„Schön, dass der Regen nun doch etwas nachgelassen hat.“, versuche ich unverdrossen einen auf Gut Wetter zu machen.
„Nicht wahr, wunderbar!“ säuselt sie, während sie mit vereinten Kräften und vor Anstrengung verzerrtem Mund den Käse auf der blitzblanken Schneidemaschine hin und her bewegt und rums und rums.
Die Kolleginnen Miesepeter blicken bereits vorwurfsvoll herüber. Der einen scheint ein nettes Wort schon auf der Zunge zu liegen ... Zu spät! Frau Pfandl hat’s geschafft. Sorgsam und langsam hüllt sie die muffeligen Scheibchen in Butterbrotpapier.
„Könnten’s mir vielleicht noch je drei Deka von den verschiedenen Schinkensorten? Mein Mann liebt es einfach so gemischt.“ Ich bin Single, aber das weiß sie nicht, und sie soll mich nicht für ein verwöhntes Arschloch halten.
„Freilich! Wenn’s der Gatte so mag. Extra fein geschnitten?“
Hatte die immer schon so eine süßliche Stimme? Wer sagt denn heutzutage noch Gatte?
„Sie verstehen mich, liebe Frau Pfandl!“
Listig blicke ich an ihr vorbei mitten in die ang’rührten Ganserlgesichter ihrer lästigen Kolleginnen. Hah! Seht ihr’s, auf wessen Seite ich kämpfe?
„Danke, sehr schön verpackt, Frau Pfad – äh, Pfandl! Ich wünsche Ihnen noch ein schönes ... Oh, nein, was sehe ich denn da! Sie hätten doch die acht Schinkensorten nicht mischen sollen. Das hätte ich doch zuhause, auf einer Silberplatte .. . Naja, Irren ist menschlich!“ Den letzten Satz sage ich betont und laut. Für die, die hier was lernen sollten!
Mit einem vertraulichen Zwinkern in Richtung meines armen, unterdrückten Lieblings – hoffentlich konnte ich sie ein wenig aufbauen – wende ich mich dem Gang zur Kasse zu.
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