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CarpeNoctem ...



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...   Erstellt am 21.10.2008 - 13:37Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


SERIELLES TRINKEN

Huang Xiao Gang hatte über die Zeit gesprochen - darüber, daß sie in der Musik schrumpfen und sich dehnen konnte.
Er hatte wieder hackende Bewegungen vollführt, dazu mit dem Kopf leicht genickt und dargelegt, daß Zeit unterteilt und verschoben werden könne.

Musik sei nicht linear, wie einige Leute uns einreden wollten. In den beiden monumentalen Sätzen der Sonate op. 111 von Beethoven könne die Zeit ganz und gar stillstehen - wie bei einem Yogi, der seinen Herzschlag verzögere.

Der Arietta-Satz sei Musik von einem anderen Planeten - von einem anderen Zeitmaß - gehöre zu den Gestirnen, frei von den Gesetzen der Zeit und des Raumes. Ganz gleich, wie oft er das Adagio molto semplice e cantabile höre, jedesmal sei er gezwungen zu akzeptieren, daß die Welt, wie unser Platz in ihr, unendlich geheimnisvoll sei.

Nach dem Seminar führten ihn die Studenten zur Crown Bar, einen trinken.
Voller Stolz zeigten sie ihm das bemerkenswert gut erhaltene viktorianische Interieur mitsamt Gaslampen und Klingelknöpfen.
Etwa zehn von ihnen, darunter auch Catherine, zwängten sich in ein Separee.
Sie blieben den ganzen Nachmittag über dort, tranken Flaschen-Guinness und heißen Whiskey.

Außerhalb der Universität wirkte Huang Xiao Gang entspannter.
Sie lachten sich alle halbtot. Catherine schaffte nur zwei Glas.
Das Gefühl, sich nicht in der Gewalt zu haben, war ihr verhaßt. Oder sich übergeben zu müssen. Huang Xiao Gang spielte auf einer Art Glasharmonika; er kniete sich auf den Boden, statt mit den Fingern über die Ränder der Guinness-Flaschen zu streichen, blies er darauf.
Je nach Bierpegel erzeugte jede Flasche eine andere Tonne. Insgesamt zwölf.

Serielles Trinken nannte er es. Er behauptete, nur Busonis Diktum zu folgen, wonach man alle Errungenschaften früherer Experimente überprüfen und ausnutzen müsse, um sie in feste schöne Formen zu verwandeln oder, wie in diesem Fall, in schöne Drinks in einem schönen Pub mit schönen Menschen.

Jedenfalls nahm Catherine an, daß er das sagen wollte. Er ließ sich zwei weitere Runden ausgeben, dann kippte er um. Catherine und ein junger Bursche namens McGrillen - die einzigen, die noch nüchtern waren -brachten ihn zurück ins Studentenwohnheim.

Im Fond eines schwarzen Taxis schlief er ein, den angegrauten Kopf an Catherines Schulter gelehnt. Meine Lady Macbeth, nannte er sie.


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