<Betonhof> unregistriert
| Erstellt am 16.02.2007 - 09:23 |  |
Seit Wochen quäle ich mich nun schon herum. Kaum bin ich eingeschlafen, wache ich wieder auf. Ein Blick auf das Weckradio zeigt, dass ich gerade mal eine dreiviertel Stunde geschlafen habe. Blinzelnd taste ich mich ins Bad. Dort verrichte ich tröpfelnd ein Quantum, das nicht der Rede wert ist. Habe ich Glück schlafe ich wieder ein, doch spätestens gegen vier Uhr in der Früh, sitze ich am PC und surfe im Internet herum. So geht es Nacht für Nacht, es muss etwas geschehen.
Ich entschließe mich meinen Urologen aufzusuchen. Er leistete mir schon einmal Beistand, als mir vor einigen Jahren ein Nierenstein die Hölle heiß machte. Zwar hatte er mir nicht wirklich helfen können, doch er verbreitete Zuversicht und legte auf diese Weise den Grundstein zu meiner Genesung. Diese hatte ich dann allerdings meiner Frau zu verdanken.
Jedenfalls beließ ich es bei dieser Sprachregelung. Immerhin war sie es, die mir den mit „Schwedenkräutern“ getränkten Wickel um die Hüften geschnürt hatte. War ich auch skeptisch, so handelte es sich doch um eine auffällige Koinzidenz.
Seither kam diesem Kraut aus dem Norden Europas in unserer Familie die Bedeutung eines letzten Rettungsankers zu und kam bei allen möglichen Beschwerden zum Einsatz. Magen, Darm, Muskeln, Rheuma, Herz und als eines Tages meine Kopfhaut von einem wuchernden Ekzem befallen ward, griff ich ebenfalls zu den Schwedenkräutern, wenn auch der unweigerlich eintretende Erfolg keine reine Freude für mich war, kosteten er mich doch beinahe den gesamten Rest meines blonden Haupthaares.
Dieses Mal jedoch, wollte ich mich nicht auf die Schwedenkräuter verlassen, dieses Mal wollte ich genau wissen, was mir fehlt.
Nach der Anmeldung an der Rezeption wurde mir beschieden, dass es länger dauern könne, schließlich sei ich ohne Vereinbarung gekommen. Ich ersparte mir die Bemerkung, dass Beschwerden sich mitunter nicht terminieren ließen und begab mich ins überfüllte Wartezimmer.
Beim Suchen nach einer Sitzgelegenheit stellte ich erstaunt fest, dass ein Großteil der Wartenden Frauen war. Ich fragte mich, weswegen die nicht zum Frauenarzt gingen und spürte einen leichten Unwillen in mir aufkommen.
Unmittelbar neben den Kinderspielsachen Platz findend, grübelte ich über dieses Phänomen noch eine Weile nach und da ich keine Erklärung fand, sah ich mich nach einer Illustrierten um. Leider waren sie alle in festen Händen. Doch genau mir gegenüber lachte mein Lieblingsfilmstar, Renee’ Zellweger, von der Titelseite. Sie war mal wieder dicker geworden.
Ich nahm mir vor den Moment nicht zu verpassen, in welchem die Zeitung ihre Aufgabe bei der augenblicklichen Leserin erfüllt haben würde.
Kurze Zeit verfiel ich in dumpfes Brüten, als sich obligatorisch meine Blase wieder meldete. Noch konnte ich den Drang beherrschen, doch die Frage war: wie lange? Da ich wusste, dass generell jedem Patienten eine Urin Probe abverlangt würde, musste ich jeder Zeit ein ausreichendes Quantum an Flüssigkeit parat haben. Es galt also gezielt damit umzugehen.
Eine unangenehme Situation, ausgerechnet dann nicht zu können, wenn man sollte, vor allem da darüber coram publico kommuniziert wurde.
Am liebsten wäre ich wieder nach Hause gegangen.
Doch just in diesem Augenblick hörte ich meinen Namen rufen.
Erleichtert begab ich mich zum Ort der Erleichterung. Dort entnahm ich der Durchreiche einen mit meinen Daten gekennzeichneten Plastikbecher, den man, wie ich vermutete, mit Inhalt gefüllt wieder zurückzustellen hatte. Selbstverständlich nicht randvoll, eher etwas mehr als die Hälfte – zu Viel oder zu Wenig wäre nicht sehr praktikabel für die Person, die die Auswertung vorzunehmen hatte.
Als ich das Wartezimmer wieder betrat, fand ich meinen Platz besetzt. Er wurde von einer "Dame" frequentiert, deren stattliche Hüften das Volumen des Sessels auf eine Weise ausfüllten, die zur Sorge Anlass gab, ob sie ihn je wieder loswurde. Daneben hatten sich unverkennbar ihre beiden Kinder breit gemacht, so dass ich stehen musste. Ich mag fette Kinder nicht, vor allem nicht, wenn sie Erwachsenen den Sitzplatz wegnehmen.
Meine Gedanken mussten mich verraten haben, denn das Muttertier machte Anstalten mich zu attackieren.
Ich konnte mich gerade noch der Zellweger-Illustrierten bemächtigen und hinter ihr in Deckung gehen, weil die Besitzerin in diesem Augenblick zum Doc gerufen wurde.
Erst nach einer halben Stunde, wagte ich eine Erkundung über meine gefährdete linke Flanke. Da war es aber auch schon wieder Zeit die Toilette aufzusuchen.
Es geschah nicht das letzte Mal, bevor ich dem Herrn Urologen endlich die Hand schütteln durfte. Als ich die Hosen runterließ, zog er sich Handschuhe an, was mir angesichts der weiteren Prozedur vernünftig schien.
Es war weiß Gott kein angenehmes Gefühl, dennoch oder gerade deswegen drängte sich mir die Frage auf, inwieweit der Tastende eigentlich die von Haus aus divergierenden Größen des untersuchten Organs - auch wegen der jeweils individuellen Umgebung und der daraus wiederum resultierenden unterschiedlichen Relationen - in seiner eventuellen Abnormität zuverlässig zu beurteilen in der Lage sei.
Oder anders ausgedrückt, ich zweifelte heftig an der Sinnfälligkeit der Untersuchungsmethode.
Der Experte aber schien kein Problem zu sehen, denn er verkündete im Brustton tiefster Überzeugung, dass meine Prostata in schönster Ordnung sei. Ebenso seien meine Nierenausscheidungen, unter allen nur möglichen Gesichtspunkten, ohne Beanstandung.
Auf meine Frage: was es dann wohl mit meinen Beschwerden auf sich habe, zuckt er nur die Schultern und meinte lakonisch: man müsse eben weitersuchen. Abgesehen davon, dass man mir heute noch Blut abnähme, solle ich in den nächsten Tagen Häufigkeit und Quantum meiner Blasentätigkeit beobachten und analysieren. In jeder gewöhnlichen Küche seien Messbecher vorhanden, die sich dazu hervorragend eigneten. Des Weiteren solle ich mir einen neuen Termin geben lassen.
Schließlich reichte er mir, die mittlerweile wieder ungeschützte Hand und nach gerade mal zehn Minuten stand ich wiederum im Wartezimmer. Ich war erleichtert - bis auf diesen unseligen Drang, der sich nun auch schon wieder bemerkbar machte.
Zuhause ging ich sofort ans Werk. Ohne Schwierigkeiten fand ich einen Messbecher, der ein Fassungsvermögen von 2000 ml aufwies. Und da es ohnehin gerade mal wieder soweit war, brachte ich ihn unmittelbar zum Einsatz. Das Ergebnis war angesichts der Dringlichkeit der Alarmierung, eher mickrig zu nennen: Mehr als 50 ml waren beim besten Willen nicht drin.
Die Verrichtungen und Beobachtungen meines Wasserhaushaltes, nahmen mich in den nächsten Tagen völlig in Anspruch.
Ich baute in „Excel“ eine Graphik auf, die es mir erlaubte, selbst auf kleinste Veränderungen zu reagieren. Aber es gab keine. Tag für Tag und Nacht für Nacht blieb alles gleich und so zeigte auch das Diagramm nur eine einzige lange Gerade, was mich dazu veranlasste den Gedanken an eine Power Point Präsentation wieder fallen zu lassen.
Die Häufigkeit bewegte sich weiter auf hohem Niveau, die jeweilige Menge war äußerst bescheiden, wie immer. Das gesamte Tagesquantum bewegte sich im normalen Rahmen.
Nach einigen Tagen begann mein Leidensdruck wieder zu wachsen, vor allem weil ich kaum mehr aus dem Haus gehen konnte, ohne gleich die nächste Toilette resp. brauchbare Ausweichmöglichkeiten anzupeilen -ganz zu schweigen von den schlaflosen Nächten, in denen ich mich vergeblich mit der Frage beschäftigte, was Frauen zum Männerarzt trieb.
Bald fand ich mich wieder in der Praxis meines Urologen ein. Auch dieses Mal hatte ich mit einer Illustrierten kein Glück, doch immerhin ergatterte ich einen Sitzplatz.
Von den Strapazen meines Leidens erschöpft, nickte ich ein. Mir träumte, dass sich die Zellweger einer Blasenspiegelung unterziehen müsse... als ich von einer Sprechstundenhilfe geweckt wurde, die mir mitteilte, dass ich mich einer Blasenspiegelung unterziehen müsse.
Meine panische Flucht mag sich nicht als Zeichen besonderer Tapferkeit ausnehmen, sogar an Klugheit mag es ihr mangeln. Aber hätte ich mich wirklich einer solchen Tortur unterziehen sollen?
Lieber wollte ich sterben...
Doch das war nicht nötig. Wieder einmal halfen die Schwedenkräuter, die mir meine fürsorgliche Gattin – in diesem Fall oral - verabreichte.
Kaum genesen, lud ich sie in den neuen "Zellwegerfilm" ein, schließlich war ich ihr das schuldig – der Zellweger.
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