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...   Erstellt am 04.12.2008 - 13:30Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Bairisch macht schlau


Dialekt bietet außer dem schönen Klang viele weitere Vorteile – Von Peter von Cube

Einer Sache war sich Lion Feuchtwanger auch im amerikanischen Exil sicher: „Meine Staatsbürgerschaft kann man mir nehmen, meinen bairischen Dialekt nicht.“
Für den bayerischen Schriftsteller war ganz selbstverständlich, was ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod in Los Angeles zunehmend in Vergessenheit zu geraten droht: Wie wertvoll es ist, eine Muttersprache zu haben, ein Idiom, das einen von frühester Kindheit an begleitet und prägt.

Wenn jemand sagt: „Durch meinen Dialekt bin ich in meiner Heimat verwurzelt“, dann hat das mit verklärter Erinnerung nichts zu tun. Es gibt für diese Aussage handfeste Gründe: Die Geschichten, die die Großmutter immer erzählt hat, die gemeinsamen Erlebnisse in der Schule, der Trost der Mama nach den traurigen Ereignissen des Alltags: Alles war immer auch von der Muttersprache, also dem Dialekt begleitet.


Bairisch schafft Heimat. Aber es hat noch weitere Vorteile, sich zu seinem Dialekt zu bekennen, gleich ob aus Schwaben, Altbaiern oder Franken stammend. Bairisch macht schlau, kann man mit Fug und Recht behaupten.

Dialekt schadet den Zukunftsaussichten unserer Kinder nicht, im Gegenteil: Er verbessert sie. Die PISA-Studie ergibt immer wieder, dass die Schüler in denjenigen Bundesländern, in denen noch intensiv Dialekt gesprochen wird, besser abschneiden als anderswo. Baden-Württemberg, Sachsen und Bayern sind nicht von ungefähr weit vorn zu finden.

Das stete Umschalten zwischen den beiden Sprachebenen: süddeutsche Hochsprache und regionaler Dialekt – im Fachjargon code-switching genannt – regt das Gehirn an. Es bildet mehr Synapsen, vernetzt sich also besser und baut so die Auffassungsgabe aus. Die verbesserte Leistung des Gehirns nutzt nicht nur dem Sprachvermögen, sondern trägt auch in Mathematik und Naturwissenschaften Früchte. Kinder, die Dialekt sprechen, können mehr als Altersgenossen, die mit dem endsilbenverschluckenden, „denglischen“ Einheitssprachbrei aufwachsen.
Apropos Einheit: Der Freistaat bildet den größten zusammenhängenden Dialektraum Europas. So viele Dialekte gibt es sonst nirgends. Ost- und mittelfränkische Mundarten, Schwäbisch, Oberpfälzisch oder Niederbairisch und Oberbairisch – sie alle haben ihre eigene Art, die sich darüber hinaus in vielerlei ortstypischen Besonderheiten äußert. *)


Bairisch macht flink. Eine Untersuchung Regensburger Studenten belegt dies eindrucksvoll. Sie überprüften die Dialoge der Serie „Dahoam is dahoam“ und verglichen die hochsprachliche Version des Textes mit der Dialekt-Fassung. Und siehe da: Der Dialekt, wenn er authentisch gesprochen wird, kommt mit etwa der Hälfte der Silben aus, die in der Hochsprache benötigt werden, um ein und denselben Sachverhalt darzulegen. Vieles kann man im Dialekt wesentlich einfacher, treffender, kürzer ausdrücken als in der langatmigeren Hochsprache.

Da sage nochmal einer, wir Bayern seien maulfaul. Nein, wir reden einfach effizienter! Oder, wie es in einem bairischen Spruch heißt: De vo drobm oba verzähln ois, was denkan; mir aber denkan zerscht und gebm nachad as Ergebnis bekannt.

Bairisch zeichnet sich durch eine weiche, anheimelnde Sprach­melodie aus, die der Musikalität des Menschenschlags im Süden entspricht. Über seine Grenzen hinweg ist das Bairische beliebt, da sind sich Allensbach und Emnid in ihren Umfragen einig. Der Playboy kürte Bairisch sogar zum erotischsten Dialekt Deutschlands.


Bairisch bietet viele Vorteile. Eine Erkenntnis, die sich auch an den Schulen durchzusetzen beginnt. Lange Zeit war es die Maxime, die Schüler auf ein Einheitsdeutsch zu trimmen, grad, als sei Bairisch im Vergleich zum Hochdeutsch eine niedere Sprachform. Noch Bayerns Fußball-Kaiser Beckenbauer erinnert sich, wie ihn ein Lehrer mahnte: „Franz, lerne Hochdeutsch.“ Doch vor knapp drei Jahren betonte Sozialministerin Christa Stewens: „Wir bekennen uns bereits im Kindergarten klar zum bairischen Dialekt!“ Auch Siegfried Schneider hob als Kultusminister die Bedeutung des Dialekts für das Erleben von Heimat hervor. Sein Ministerium brachte sogar eine Lehrerhandreichung „Dialekte in Bayern“ für alle bayerischen Schulen heraus – jetzt müssten an den Schulen die Ziele nur noch umgesetzt werden. Immerhin: Dank der Nachfragen des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte gibt es zumindest die Aufforderung, „dem Schulamt zu melden, welche Aktivitäten an den Schulen stattfinden, die der Pflege des bayerischen Brauchtums dienen“.


Es braucht Mut, allen Vorurteilen zum Trotz die bairische Sprache zu pflegen. Und es braucht Können. Filmemacher wie Franz Xaver Bogner zeigen schon seit längerem, wie man bairische Stoffe im Fernsehen unterbringen kann. Marcus Hausham Rosenmüller hat mittlerweile einige hervorragende Filme im weiß-blauen Millieu gedreht und damit einen regelrechten Trend ausgelöst. Am Münchner Volkstheater ist und bleibt der „Brandner Kaspar“ eine Institution und befruchtet auch andere Produktionen in dem Haus. Schauspielerinnen wie Corinna Binzer und Johanna Bittenbinder haben die „Courasch“, privat Dialekt-Projekte auf den Weg (und auf die Bühne) zu bringen. Und kürzlich durfte man sich im Prinzregententheater daran freuen, wie sich die Allgäuer Volker Klüpfel und Michael Kobr für ihren Buchpreis Corine bedankten. Dialekt hat Witz, das hat man bei dieser Gelegenheit gesehen.


Es lohnt sich, gegen die Nivellierung der Sprache anzukämpfen und die Eigenständigkeit des Dialekts dagegenzusetzen. Bairisch soll eben nicht in die Bauerntheater-Ecke gedrängt werden, in der die Bayern oft genug zu Nationaldeppen degenerieren. Es darf auch nicht zu einem „Rotwelsch“ der Einheimischen werden. Es muss einfach wieder Umgangssprache sein. Vielleicht verbessert sich dann sogar unser Umgang miteinander – auf guad Boarisch.


Der Autor ist Geschäftsführer des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte. Bei der Unterscheidung von „bayerisch“ und „bairisch“ hielten wir uns im Zweifelsfall an seine Vorgabe.

Quelle: Bayernkurier.de


Anmerkung vom Mino: Ob man "bairisch" oder "bayerisch" sagt, das hat in erster Linie etwas damit zu tun, was damit gemeint ist.
Bairisch = Europäischer Kulturkreis und Sprache, die nicht an eine bestimmte Staatsangehörigkeit gebunden sind.
Bayern = Freistaat und Regierungsbezirk in Deutschland. Dort wird von der einheimischen Bevölkerung überwiegend (noch) bairisch gesprochen.
Alles klar?

*) hier hat der Autor leider etwas Wichtiges vergessen:
Bairisch (als Muttersprache) wird nicht nur in Bayern (als Regierungsbezirk) gesprochen, sondern auch in ganz Österreich und Südtirol, sowie in Teilen der Tschechischen Republik, Ungarn und in den Balkanstaaten.
Der bairischsprachige Sprachraum ist also noch wesentlich größer als von ihm beschrieben.
Als geographischer Mittelpunkt des bairischen Sprachraumes dürfte somit nicht München, sondern Salzburg betrachtet werden.
Hier der Beweis:
http://bar.wikipedia.org/wiki/Hauptseitn
http://de.wikipedia.org/wiki/Bairische_Sprache

Schlaue Grüße vom Mino an alle Diakektikhengste.

Hier erklärt uns Christoph Süß vom Bayerischen Rundfunk die besonderen Eigenheiten der bayerischen Urbevölkerung und der bairischen Sprache:
(Homo Bavariensis Simplex Simplex)

Und hier gibt´s noch akustisch was auf beide Ohren:
Die bairische Nationalhymne "Bayern, des samma mia!"

.

[Dieser Beitrag wurde am 05.12.2008 - 23:52 von Minotaurus aktualisiert]





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Worte, Worte, nichts als Worte! Dazwischen manchmal ein Gedanke.
(Marcel Reich-Ranicki)


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