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Heather ...
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...   Erstellt am 10.03.2006 - 21:06Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Diese Story orientiert sich sehr an DQ. Ich hoffe sie gefällt euch.
Zusammenfassung:
Magkenzie, ein junges Mädchen verliert ihre Eltern durch einen tragischen Unfall. Ihr Onkel wird ihr Vormund und es scheint, als könnte Magkenzie wieder glücklich werden, doch nach und nach verändert sich ihr Onkel. SChließlich muß sie einen schweren Entschluß fassen, doch zum Glück ist sie nicht mehr alleine, denn sie hat einen Freund gefunden.


22.August 1881

Die Leere füllt meinen gesamten Kopf und ich kann an nichts anderes denken, als an diesen einen Tag. Das Liebste, was ich besaß wurde mir genommen.
Vor zwei Wochen starben mein Vater und meine Mutter durch einen Reitunfall. Jetzt, wo die Trauer mich ergriffen hat und die Wut über diesen Verlust nachläßt, kann ich langsam darüber nachdenken, was es nun heißt, Waise zu sein.
Ich bin noch nicht volljährig und so wird mein einziger Verwandter, Onkel Charles, nach dem letzten Willen meiner Eltern, mein Vormund werden. Ich kenne Onkel Charles, der ein Großonkel meiner Mutter gewesen war, nur von wenigen Familienfeiern, bei denen er mir immer Geschenke von seiner Baumwollplantage in Richmond (Virginia) mitzubringen pflegte.
Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser elegante Herr Ende fünfzig mir nun sagen soll, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich spekuliere jedoch damit, daß er mich weitestgehend alleine erwachsen werden läßt.
Ich las einst ein Gedicht, von einem weniger bekannten Schriftsteller und verstand die Worte nicht, doch jetzt fallen mir die Verse wieder ein, als ob es gestern gewesen wäre, als ich über sie nachdachte.

Der Himmel singt sein einsames Lied

Der Himmel singt sein einsames Lied
Niemand kann ihn trösten.
Wie große Tränen fallen Tropfen zur Erde,
und auch ich fühle, daß ein Teil von mir verloren geht.
Der Wind singt sein trauriges Lied
und ich bin ein Teil davon.
Zarte Dunkelheit umhüllt mich
und ich weiß, das Ende ist nah.

Ich konnte damals die Gedanken dieses Poeten nicht verstehen, doch jetzt, wo mein ganzer Schmerz mein Herz zerreißt, weiß ich, wie er sich gefühlt haben muß, als er das Gedicht schrieb.
Nachdem mir Marta, mein Kindermädchen, die schreckliche Nachricht überbracht hatte, dachte ich zuerst, sie scherzte, doch in ihren traurigen Augen, erkannte ich die Wahrheit. Wie eine erwachsene Dame ging ich langsam aus dem Salon, ehe ich die Treppe hinauf in mein Zimmer lief und mich dort ganz trotzig auf mein Bett warf.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort lag, bis Marta kam und mir etwas zu essen brachte. Als ich sie mit meinen verquollenen Augen ansah, verließ sie fast fluchtartig mein Zimmer, doch alles was ich von ihr wollte, war etwas Kraft, die sie mir für diese schwere Zeit geben sollte, doch nicht einmal nahm sie mich in den Arm oder sagte ein paar tröstende Worte zu mir.
Ich wollte mir jedoch nicht eingestehen, daß ich ihre Hilfe brauchen würde, doch vermißte meine Eltern so sehr, daß ich selbst an Gott zweifelte.
Nach der Bestattung meiner Eltern, ging ich fast jeden Tag in die Kirche und betete, Gott möge mir meine Eltern wiedergeben. Doch so sehr ich mir auch die Knie wundbetete; sie kamen nicht wieder und ich muß mich mit diesem Gedanken arrangieren.

Ich wünschte, ich hätte jetzt einen Bruder oder eine Schwester gehabt. Wir hätten unsere Trauer teilen können und uns gegenseitig unterstützen können, doch meine ältere Schwester starb schon kurz nach ihrer Geburt. Ich habe sie somit nie kennengelernt.
Wenn ich nun zum Friedhof gehe, besuche ich nicht nur ihr Grab, wie ich es immer mit meinen Eltern gemacht habe, sondern auch das meiner Eltern, welches direkt daneben liegt.
Oft sitze ich stundenlang in der Kälte neben dem eisigen Stein und rede mit ihr. Manchmal ist es so, als würde Charlotte mir zuhören und mir manchmal auch ein Zeichen senden. Ich glaube fest daran, denn so macht sie es mir einfacher.

Danke, Charlotte für deine Hilfe. Ich weiß, daß auch wenn ich dich nie kennengelernt habe, ich in dir eine Schwester habe, die mich versteht und mit der ich reden kann. Manchmal sogar besser als mit jedem anderen Menschen.

Deine dich liebende Schwester, Magkenzie.


03. November 1881

Nachdem Onkel Charles Ende Oktober bei uns eingezogen ist, ist nun die Routine eingekehrt.
Mein Tagesablauf unterscheidet sich nicht sehr stark von denen früher. Ich stehe morgens in aller Frühe auf, damit ich mit Onkel Charles frühstücken kann, darauf hat er nämlich bestanden. Dann geht jeder von uns seinen eigenen Weg. Der Unterricht bei meinem Hauslehrer beginnt um acht Uhr. Wir pauken fünf Stunden Algebra, Französisch, Musik, Englisch, Biologie und Philosophie, bis mir der Kopf raucht und es endlich Mittagessen gibt. Dieses nehme ich jedoch alleine ein, weil Onkel Charles wichtige Geschäfte zu erledigen hat.
Was auch immer das für Geschäfte sind, ich bin froh, daß sie ihn so sehr in Anspruch nehmen, denn so kann ich meine Nachmittage frei gestalten. Ich gehe in den Park oder auf den Friedhof. Jetzt wo das Wetter schlechter wird, will Marta nicht, daß ich alleine durch die Straßen Bostons schlendere, doch ihr schmerzen bei diesem Wetter immer die Glieder, deshalb kann sie mich zum Glück nicht begleiten.
Ich bin sehr froh, daß Onkel Charles mich weiter unterrichten läßt, denn das ist bei meinem Alter nicht mehr selbstverständlich, doch wozu brauche ich Algebra, Musik und Biologie, wenn ich nicht studieren und in einem angesehenen Beruf arbeiten darf?
Mum hätte jetzt gesagt <<Der Herrgott zeigt nicht jedem seinen Weg zu Beginn. Manchmal muß man auf alles gefaßt sein.>> Aber ich glaube nicht, daß der liebe Gott etwas Großes mit mir vorhat, zu dem ich Algebra benötige. Ich jedoch weiß, wie mein Leben aussehen wird.
Thomas van Bruckner hat ein Auge auf mich geworfen. Bei einem der jährlich stattfindenden Tanztees wird er mich auffordern mit ihm zu tanzen und dann werde ich ihn den Rest meines Lebens nicht mehr los.
Es hätte mich jedoch schlimmer treffen können. Zum Beispiel wie Mary-Ann Gilbert. Sie ist nur ein Jahr älter als ich und ihre Eltern hatten sie schon früh versprochen. Nun sitzt sie Tag für Tag bei ihrer gräßlich Schwiegermutter und hat schon drei Kinder auf die Welt gebracht.
Ich, für meinen Teil, werde meine Freiheit noch solange genießen, wie ich sie habe und Marta kann erzählen was sie will.

Beim Abendessen schweigen Onkel Charles und ich uns eigentlich nur an, was sehr peinlich ist. Ein paar Mal hatte ich versucht etwas über seine Geschäfte zu erfahren, doch er war mit seinen Gedanken ganz wo anders und erzählte nur soviel, wie ich schon wußte, nämlich, daß er eine Baumwollplantage besaß und mit Baumwolle und Wein handelte.
Auch an diesem Abend war das Abendessen wieder ein kompletter Reinfall. Ich habe Onkel Charles gesagt, ich wäre müde und konnte mich somit früher vom Tisch stehlen, als sonst. Jetzt liege ich auf dem Bett und schreibe dir, Charlotte. Mum und Vater fehlen mir so unglaublich, daß ich mich manchmal selbst töten möchte, nur um bei euch zu sein, doch meine Feigheit hält mich noch davon ab.
Ich lese traurige Gedichte und sehe mir manchmal Opern an, die mein Innerstes widerspiegeln: Trauer, Angst, Ohnmacht und Verzweiflung.



***Ich hoffe euch gefällt der erste Teil. Würde mich über eine kurze Antwort sehr freuen. Heather***





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...   Erstellt am 10.03.2006 - 21:21Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


hab sie schonmal abgespeichert und werde sie heut Abend lesen.





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Heather ...
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Ich danke dir, die ist auch etwas länger





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Hab morgen "Kinderfrei", da kann ich den ganzen Tag am PC sitzen und lesen. hihi





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Uuuih!!! Vielleicht sollte ich noch ein paar Kapitel hochladen???





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...   Erstellt am 10.03.2006 - 22:07Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Na kannst du gerne machen, wenn du willst.





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...   Erstellt am 10.03.2006 - 22:09Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Okay, für Marjorie!!!

10. November 1881

Heute habe ich einen Brief von einer guten Freundin von Mum bekommen. Laure Garland, früher Laure Fisher, lebte in einem Nachbarhaus nicht weit entfernt von der Stelle an der ich nun bin. Wenn ich aus meinem Fenster sehe, kann ich noch die Dächer des alten viktorianischen Hauses in der Nähe sehen.
Laure war nach ihrer Heirat nach Missouri gezogen und hatte sich dort ihr Leben aufgebaut. Ich wußte nicht viel über Laure, doch nachdem ich Mums gesamte Tagebücher gelesen hatte, war mir vieles klarer.
Laure hatte erst kürzlich von dem Tod meiner Eltern erfahren und schrieb nun:

Liebe Magkenzie Ema,

mit Erschütterung haben wir erfahren, daß deine geliebten Eltern von uns gegangen sind. Wir fühlen mit dir und versuchen dir etwas Trost in dieser schweren Zeit zu senden.
Du hast dich sicher seit meinem letzten und leider einzigen Besuch bei euch, sehr stark verändert. Auch wenn meine liebe Freundin, deine Mutter, nun nicht mehr unter uns weilt, wollen wir die Verbindung nicht abreißen lassen.
Liebe Magkenzie, du bist bei uns, hier in Kansas, immer herzlich willkommen. Wir würden uns freuen, wenn du uns besuchen würdest. Es wäre schön, wenn du dann auch meine Familie kennen lernen würdest. Novlene spricht von nichts anderem mehr, als daß eine „echte Großstädterin“ zu uns kommt.

Herzliche Grüße senden dir Laure, Raymond, Leon mit Familie, Novlene, Elia und Damian Garland

Ich wußte, daß ich nicht zu ihnen fahren würde. Sie waren fremde Menschen für mich und sicher hätte Onkel Charles etwas dagegen, wenn ich so eine lange Reise alleine antreten würde. Ich habe vor ihm nicht von dem Brief zu erzählen. Ich bin sicher, er weiß nicht einmal, daß ich ihn bekommen habe, so braucht er sich auch keine Gedanken machen, was darin stehen würde.

Ich schlage Mums Tagebücher auf und sehe ihre wunderschöne geschwungene Handschrift. Tränen rollen mir über die Wangen und ich fange sie schnell auf, ehe sie auf die Tinte treffen.
Schon früh verlor ich meinen Grandpa, Mums Vater, aber dieser Schmerz, den sein Tod in mir hinterlassen hatte, ist nicht zu vergleichen mit meinen derzeitigen Qualen. Fast jede Minute denke ich an sie beide und wünschte mir, Gott hätte mich zu sich genommen, doch dann schalt ich mich selbst, weil ich so töricht bin, zu glauben, Gott hätte nicht seine Gründe gehabt.

Nach dem Tod von Grandpa zogen Mum, Dad und ich wieder in das Haus ein, in dem Mum schon als Kind gelebt hatte.
Ich habe Mums alte Tagebücher aus der Zeit gefunden, in der sie Laure kennengelernt hatte. Zu Beginn mochte sie Laure nicht. Eigentlich mochten sie sich gegenseitig nicht.
Sie schrieb über sie:




Ich konnte kaum glauben, daß so zwei verschiedene Mädchen die besten Freundinnen werden könnten, doch irgendetwas hatte Mums Meinung über Laure ändern lassen. Darüber hatte sie natürlich nichts in ihren Tagebüchern geschrieben. Von einem auf den anderen Tag waren Laure und Mum unzertrennlich.
Es muß etwas Wichtiges gewesen sein; etwas, was niemand anderes wissen durfte. Es war etwas, was die beiden für immer verband. Aus Mums Tagebüchern werde ich nicht schlauer und wenn ich weiter lese, wenn ich lese, wie sie Pa kennengelernt hat, kommen mir wieder die Tränen und ich sehe schon jetzt ganz verheult aus.
Mein Augen sind ganz geschwollen und rot. Onkel Charles sagt nichts, wenn er mich so sieht. Ich weiß nicht einmal, ob es ihm auffällt. Wir reden kaum mehr miteinander. Wenn wir zu Abend essen, hat er eine Menge Unterlagen neben sich liegen, die er immer wieder liest und durchblättert.
Nur Marta, die auch mit uns ißt, sieht mich immer mit einem strafenden Blick an, der sagt . Ich habe Marta noch nie gemocht, doch jetzt wünschte ich mir, sie würde einen Mann finden, der sie heiraten würde, doch das wird in näherer Zukunft nicht passieren.
Marta ist einfach unausstehlich. Sie hält zuviel auf Etikette und hochgestochenes Gehabe, obwohl sie nur meine Gouvernante ist und nicht einmal selbst eine solche Erziehung genossen hatte.
Ständig hat sie an mir etwas auszusetzen und verbietet mir viele alltägliche Dinge, doch ich setze mich immer öfter über ihren Kopf hinweg.
Ich bin bald erwachsen und möchte auch, daß man mich dementsprechend behandelt.

Ich werde Laures Brief zwischen die Wand und meinen großen Schrank stecken, damit Marta ihn nicht lesen kann. Sie schnüffelt mir ständig hinterher und ich kann fast keine Geheimnisse vor ihr haben. Auch Mums Tagebücher muß ich in Sicherheit vor ihrer Nase bringen.
Würde ich so kleinlich sein, wie Marta, müßte ich sie eigentlich ermahnen, vielleicht sogar entlassen, denn nach ihr, darf keine Dame der Gesellschaft klatschen, spionieren, lügen und schlecht über andere reden.
Leider weiß ich, daß sie keine Dame der Gesellschaft ist.


26. Dezember 1881

Stille Nacht, furchtbare Nacht.
Eigentlich sollte man meinen, Weihnachten wäre ein ruhiges und besinnliches Fest. Doch mein erstes Weihnachten ohne meine Eltern war der reinste Horror. Ich habe nicht viel von diesem Tag erwartet. Ich hatte mir von Onkel Charles gewünscht, daß er mit mir in die Main Church, gehen würde.
Marta „mußte“ natürlich mit, obwohl ich eigentlich gehofft hatte, mit meinem Onkel wenigstens etwas Zeit alleine zu verbringen.
Nach einer wunderschönen Predigt gingen wir zu dritt zurück, denn ich wollte nicht mit der Kutsche fahren. Es war eine sternklare Nacht und Eiskristalle glitzerten, wo man nur hinsah. Schnee war am morgen gefallen und bedeckte nun Dächer, Straßen und Bäume.
Ich genoß die Stille, als wir durch die leeren Straßen nach Hause gingen und auch Onkel Charles sah heut etwas zufriedener aus, als in den letzten Wochen.
Alles war bezaubernd, bis Marta sich mit ihren Stöckelschuhen auf der spiegelglatten Straße, auf den Po setzte.
Ich konnte mein Lachen kaum unterdrücken, doch ich vergrub mein Gesicht soweit in meinen Schal, bis man mein Grinsen nicht mehr sah.
Onkel Charles eilte ihr mit einem amüsierten Gesicht zu Hilfe. Den ganzen Weg nach Hause sagte Marta nichts, doch als wir in der Vorhalle standen und Onkel Charles wieder in sein Arbeitszimmer verschwand, brach eine Schimpftirade über mich ein.
Was ich mir denn dabei denken würde, sie so lächerlich zu machen. Und welche Boshaftigkeiten ich mir noch ausgedacht habe.
Ich konnte meine Gedanken kaum sammeln, um ihr etwas zu antworten, da gab sie mir eine schallende Ohrfeige.
Ich hielt mir meine Wange und kühlte mit meinen kalten Fingern die berennende Haut. Noch nie wurde ich wegen einer solchen Nichtigkeit geschlagen.
Mir platzte der Kragen.
Noch mit meinem dicken Mantel bekleidet, lief ich durchs Haus, zu Onkel Charles. Marta versuch mich aufzuhalten, doch ich war zu flink.
Ich sagte im sachlichen Ton mit starker Stimme zu Onkel Charles: „Onkel Charles, ich wünsche, daß du diese Dame entläßt. Ohne einen Grund schlug sie mich. Von mir aus kann sie noch die Feiertage bleiben, doch ich möchte sie nie wieder in meinem Blickfeld sehen.“
Onkel Charles zog die Augenbrauen hoch und sah mich an. Ich wußte, daß man die Abdrücke ihrer Finger auf meiner Wange noch sehen konnte und das, was ich mir jahrelang, auch noch zu Lebzeiten meiner Eltern wünschte, geschah endlich.
Mein Onkel entließ meine verhaßte Gouvernante zum 3.Januar 1882.
Marta sah mich an, als ob ich ihr gerade ein Messer in den Rücken gestoßen hatte und es nun genüßlich umdrehte. Sie verließ ohne viel Aufregung das Zimmer und ich sah sie im Leben nie wieder. Es war fast, als wäre sie gestorben.
Es war trotz der Aufregung, ein schöner Tag seit langem.



Am nächsten Morgen, kurz vor sechs Uhr, stand Magkenzie auf und wusch sich, um mit ihrem Onkel zu frühstücken.
Draußen rieselte leise der Schnee auf die gefrorene Erde und bedeckte alles, wie mit einer Puderschicht. Die Straßen waren leergefegt und es war noch dunkel.
Magkenzie fröstelte leicht, als sie aus ihrem warmen Bett kam. Sie trug nur ihr leichtes Nachthemd und dicke Wollsocken, da ihre Bettdecke etwas zu kurz war oder anders herum gesagt, Magkenzie war für ein Mädchen ihres Alters etwas zu groß geraten.
Sie entfachte das Feuer in ihrem Kamin wieder und rieb sich die Hände. Es war eine Überwindung die jetzt schon eiskalten Hände, in das Wasser zu stecken, denn an diesem Tag, den 25. Dezember, hatte ihr Onkel den Dienstboten freigegeben und nun mußte Magkenzie alles alleine machen.
Die Morgentoilette wurde zu einer Katzenwäsche und selbst die Hose und das Hemd, welches Magkenzie anzog, wärmten im ersten Moment nicht. Als sie sich ihr Korsett anzog und mehr oder weniger erfolgreich zu schnüren begann, wurden ihre Finger endlich warm. Darüber zog sie sich den Halbunterrock, die Hemdhose und die wärmende Wäsche, denn das Thermometer war in dieser Nacht bis auf Minus zehn Grad gefallen. Heute entschied sie sich für das dunkelgrüne Kleid, daß sie von ihrer Mutter zu ihrem 16. Geburtstag in diesem Jahr bekommen hatte. Traurig dachte sie an diesen schönen Tag zurück. Damals hätte sie nie denken können, daß mit einem Mal ihr gesamtes Leben sich verändern würde.
Als sie ihre braunen Haare endlich in einem Zopf geflochten hatte, war es fast halb sieben. Sie mußte sich beeilen, wenn sie nicht alleine frühstücken wollte. Ihr Onkel war stets pünktlich in die wenige Zeit, die beide zusammen verbrachten, wollte Magkenzie nutzen.
Obwohl sie wußte, daß ihr Onkel ihr nichts schenken würde, hatte sie ein Geschenk für ihn gekauft. Die goldene Krawattennadel mit seinen Initialen CJH hatte sie extra anfertigen lassen und sie hoffte, er würde sich über diese Kleinigkeit freuen.
Schnell nahm sie die kleine Schachtel an sich und verließ ihr Zimmer. Im ganzen Haus war es ruhig. Nirgends hörte man Dienstboten herumwirtschaften und Magkenzie wußte, daß sie heute ihre Fähigkeiten testen konnte, wie gut sie ihrem Onkel und sich ein Frühstück bereiten konnte.
In der großen, geräumigen Küche angekommen, machte sie sich sofort daran, den Herd anzufeuern und setzte Wasser auf. Dann briet sie Eier und Speck, röstete Brot und stellte die fertigen Köstlichkeiten auf das Tablett in den Lastenaufzug.
Um sieben nahm ihr Onkel gewöhnlicherweise sein Frühstück ein und kurz vor sieben war endlich das Wasser fertig und sie konnte den Kaffee, den Onkel Charles extra von seiner Plantage aus Richmond mitgebracht hatte, aufgießen.
Im Frühstückssalon deckte Magkenzie schnell den Tisch für zwei Personen, holte das Tablett aus dem Aufzug und stellte alles liebevoll auf die weinrote Tischdecke.
Sie stellte die kleine Schachtel mit der Krawattennadel neben seinen Teller und setzte sich ihm gegenüber auf ihren Stuhl.
Sie brauchte nicht lange warten, da öffnete sich schon die Tür und Magkenzies Onkel trat ein. In der einen Hand einen Stapel Akten, in der anderen eine Schachtel, die mit dunkelblauem Papier umhüllt war.
Magkenzie stand auf und trat auf ihn zu.
„Ich wünsche dir ein gesegnetes Weihnachtsfest“, sagte Magkenzie und gab ihrem Onkel die Hand, nachdem er die Akten beiseite gelegt hatte.
„Das wünsche ich dir auch, meine liebe Ema“, erwiderte ihr Onkel.
Magkenzie mußte lächeln. Seit sie sich erinnern konnte, nannte ihr Onkel sie bei ihrem zweiten Vornamen, Ema, denn er meinte, Magkenzie wäre kein Name für ein Mädchen.
„Ich habe leider nur eine Kleinigkeit, mein Kind, denn du weißt, daß ich in der letzten Zeit viel zu tun hatte.“
Er gab ihr das Päckchen und setzte sich auf seinen Platz. Vorsicht öffnete Magkenzie das Band und schlug das Papier beiseite.
Zum Vorschein kam ein nagelneuer roter Mantel, den sie sofort anzog. Sie drehte sich vor ihrem Onkel hin und her, bis sie seine Zustimmung fand.
„Oh ich danke dir, Onkel Charles. Er ist wunderschön. Aber nun mach doch bitte mein Geschenk auf.“
Der Onkel nahm sich seine Brille von der Nase und öffnete sein Geschenk. Auch wenn es nur eine Kleinigkeit war, so freute er sich, von seiner Großnichte so ein schönes und persönliches Geschenk zu bekommen.
Doch damit war die Weihnachtsfeier auch schon zu Ende.
Onkel Charles vergrub sich zuerst in seine Zeitung und dann in seine Akten. Er merkte nicht einmal, daß es Magkenzie und nicht eine der Angestellten war, die ihm den Kaffee einschenkte.
„Onkel Charles“, versuchte Magkenzie zu ihm vorzudringen, doch er grummelte nur etwas vor sich hin. „Onkel, darf ich heute Nachmittag zu Mutter und Vaters Grab gehen und ihnen eine frohe Weihnacht wünschen?“ doch anstatt ein Antwort zu bekommen, murmelte Onkel Charles nur etwas von zu stark gefallen.
Magkenzie ließ das nicht auf sich sitzen und interpretierte sein Gemurmel als Zusage.
So ging sie nach dem Frühstück wieder in ihr Zimmer, putzte sich kurz die Zähne und setzte sich dann einen Hut auf.
Sie zog sich den neuen Mantel an und fand vor ihrem Spiegel, daß er ihre schlanke Taille wunderbar zur Geltung brachte. Sie wickelte sich in ihren dicken Schal ein und zog ihre Stiefeletten an. Danach nahm sie sich noch ihre Handschuhe und eine Tasche und machte sich ohne einen Abschiedsgruß auf den Weg zu dem Friedhof, auf dem ihre Mutter, ihr Vater und ihre Schwester begraben lagen.



27. Dezember 1881
Heute wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben, wie eine richtige, erwachsene Frau behandelt.
Ich ging heute, obwohl die Straßen spiegelglatt und zugeschneit waren, zum Friedhof. Schon als ich unsere Straße herunterging, bereute ich meinen Entschluß, denn ich rutschte mehr, als daß ich ging.
Doch ich wollte Mum und Dad wenigstens erzählen, wie mein erstes Weihnachtsfest ohne sie war.
Ich bog gerade in die Baker Street ein, als mich eine Windböe erfaßte und ich auf dem Gehsteig zu rutschen begann. Es gab nichts, woran ich mich hätte festhalten können und ich wäre unsanft gefallen, wäre nicht ein junger Mann vorbeigekommen und hätte mich davor bewahrt.
Ich muß bei dieser Peinlichkeit rot angelaufen sein, doch er war ein Gentleman und fragte, wohin ich wollte. Ich antwortete ihm und ohne weiterzufragen bot er mir galant seinen Arm an und geleitete mich zum Friedhof.
Ich kam mir noch nie so erwachsen vor, als ich an seinem Arm durch die Straßen rutschte. Es machte unwahrscheinlich viel Spaß und das, obwohl wir uns zum Gespött der Leute machten.
Ich verbrachte wegen ihm nur kurze Zeit bei Mum und Dad. Ich habe es ihnen erklärt und ich hoffe, sie werden es verstehen.
Mein Retter schlug vor, einen kleinen Umweg durch den Park zu machen und dort kamen wir ins Gespräch. Er heißt Alexandre Livingston und ist 23 Jahre alt. Zurzeit studiert er Jura und will, wie sein Vater Rechtsanwalt werden.
Vom sehen kannte ich ihn, denn schon oft hatte ich ihm von meinem Fenster aus nachgesehen. Ich hätte nie gedacht, daß er sich für mich interessieren würde, doch wir verbrachten fast zwei stunden im Park, bis ich meinen zitternden Körper nicht mehr verbergen konnte.
Sofort geleitete er mich nach Hause, doch als ich ihn bat, mit hineinzukommen und Onkel Charles kennenzulernen, meinte er, ich müßte erst einmal ein heißes Bad nehmen, damit ich keine Erkältung bekommen würde und davor wollte er mich nicht abhalten.
Er wünschte mir vor unserer Haustür noch ein schönes Weihnachtsfest und küßte mich leicht auf meine behandschute Hand.
Ich schwebte wie auf Wolken in mein Zimmer, in dem mich jedoch die Realität wiedereinholte.
Ich mußte, bevor ich baden konnte, um endlich meinen Schüttelfrost loszuwerden, mir das heiße Wasser aus der Küche holen und die Wanne konnte mit zehn oder fünfzehn Kannen gefüllt werden.
Jetzt habe ich solange gebadet, daß meine Haut ganz schrumpelig wurde, doch wärmer ist mir jetzt immer noch nicht.
Ich habe mir etwas zu Essen aus der Küche geholt und mich bei Onkel Charles für das Abendessen entschuldigt. Jetzt liege ich im Bett und rufe mir immer wieder in Erinnerung, wie er ausgesehen hat.
Charlotte, ist das Liebe oder bin ich nur geblendet, durch die Liebenswürdigkeit eines netten, jungen Mannes?
Ich wünschte, du wärst hier und könntest mir eine Antwort auf all meine Fragen geben. Ich habe mir über mein Nachthemd schon zwei Umhänge geschlungen und liege unter der dicken Decke, doch ich zittere immer noch.
Ich hoffe, daß ich keine Erkältung bekomme, doch das würde mir ein paar freie Tage von meinem Privatlehrer verschaffen.
Ich werde mir jetzt etwas zu lesen nehmen.
Wieso ist die Liebe im wahren Leben nicht so einfach zu finden, wie in den vielen Büchern, die ich immer lese?

Vielleicht, weil das wahre Leben ganz anders ist, als es in Büchern beschrieben ist.
Dennoch hoffe ich, daß Alexandre sein Versprechen, mich wiederzusehen, wahrmacht.


19. Januar 1882
Jetzt ist es schon fast vier Wochen her, seitdem sich Alexandre von mir verabschiedet hatte und mir versprach wiederzukommen.
Vielleicht liegt es daran, daß ich die letzte Woche im alten Jahr im Bett verbracht habe. Nach meinem kleinen Spaziergang mit Alexandre, bekam ich eine furchtbare Erkältung.
Mir war heiß, dann wieder kalt. Ich hatte hohes Fieber und meine Nase lief unaufhörlich. Ich mußte im Bett bleiben und der Arzt verschrieb mir eine ekelhafte Medizin, die nicht geholfen hatte.
Die meiste Zeit über schlief ich und träumte wirre Sachen. In vielen meiner Träume kamen meine Eltern vor, doch dann dachte ich immer, wieso träume ich von meinen Eltern, wenn sie neben mir stehen und mir die Hand halten und jedesmal bin ich voller Hoffnung aufgewacht, doch es war nur Onkel Charles, der neben meinem Bett saß.
Als ich das erste Mal wieder aufstehen durfte und ich mich im Spiegel sah, erschrak ich sehr. Mein Gesicht wirkte ganz grau und meine Haare hingen strähnig daneben herunter.
Aber jetzt, nach dieser langen Zeit, fühle ich mich schon wieder besser, obwohl mein Herz schwer wird, je weiter die Zeit voranschreitet.
Ich habe mir einfach zu viel vorgemacht.
Es war ein ganz normaler Spaziergang mit einem jungen Mann. Nichts weiter.
Ich werde damit leben müssen.


01. März 1882
Ich habe lange nicht geschrieben, weil es sich nicht lohnte zu schreiben. Mein Leben ist einfach sehr langweilig. Ich habe Schule, gehe auf den Friedhof und manchmal in die Oper oder ins Theater.
Doch heute war ein wundervoller Tag, der es wert ist, daß ich alles genau aufschreibe.
Es war heute ein wunderschöner Frühlingstag, daß ich mich im Garten unter den großen Kirschenbaum setzte und Jules Verne las. Es wehte eine leichte Brise, die nach Sommer roch und ich schloß die Augen, um etwas in meinen Gedanken zu hängen und zu träumen, als ich plötzlich spürte, daß ich beobachtet wurde.
Schnell öffnete ich die Augen und konnte kaum meinen Augen trauen.
Alexandre stand direkt vor mir, in unserem Garten.
„Mr. Livingston!“ rief ich, da ich ihn ja nicht in aller Öffentlichkeit mit dem Vornamen anreden darf.
Und er antwortet ganz wie ein Gentleman „Miss Thomson? Darf ich sie zu einem kleinen Spaziergang entführen?“
Er bot mir seinen Arm an und ich überlegte nicht lange.
Ich warf mir ein Tuch um die Schultern, nahm seinen Arm und gemeinsam gingen wir in den Park, in dem wir Weihnachten waren. Überall war der frühling ausgebrochen. Kleine Jungen ließen auf dem See ihre Boote fahren, elegante Damen und Herren schlenderten unter den Bäumen entlang und hier und da fütterten ältere Damen die Vögel.
Dann konnte ich nicht mehr aushalten. Wir hatten den ganzen Weg nicht miteinander geredet und nun wollte ich es wissen.
Ich fragte ihn also, weshalb er sich nicht gemeldet hatte. Doch seine Antwort verwirrte mich.
Er sagte, er hätte sich bei unserem Portier erkundigt, ein paar Tage nach unserem Treffen.
Aber unser Butler meinte, ich würde ihn nicht mehr sehen wollen und so ging er wieder.
Als ich ihm gestand, daß ich mich freute ihn zu sehen, war er überglücklich und strahlte über das ganze Gesicht.
Wir schlenderten schweigend am See entlang, als wir eine Gruppe junger Männer Baseball spielen sahen. Mich hatte dieser Sport schon immer fasziniert und wenn ich allein in unserem Garten war, habe ich mit einem einfachen Stock und Steinen geübt. Dennoch wünschte ich mir nichts mehr, als eines Tages einmal richtig dieses Spiel zu spielen.
Wir sahen den Jungs eine Weile zu, bis sie eine Pause machten und Alexandre mich in das Café einlud.
Je länger wir redeten, desto mehr hatte ich das Gefühl, ich würde ihn schon länger kennen, als nur ein paar Tage. Ich sprach seit langen wieder mit jemandem über den Tod meiner Eltern.
Auch Alexandre hatte seine Mutter verloren. Sie starb bei seiner Geburt, deshalb kannte er sie nicht und sein Vater heiratete darauf schnell wieder. Alexandre erzählte mir, daß er zu seiner Stiefmutter ein sehr gutes Verhältnis habe und er sie sogar mit Mum anredete, genau wie seine drei jüngeren Brüder.
Ich unterhielt mich prächtig mit ihm und die Zeit verging wie im Flug.
Als wir auf dem Heimweg waren, fragte ich vorsichtig, ob und wann ich ihn diesmal wiedersehen würde.
Er blieb stehen und erst dachte ich, ich hätte ihn verärgert, doch dann sah er mir in die Augen und sagte, daß ich das merkwürdigste Mädchen sei, daß er jemals kennengelernt hätte.
Ich dachte zuerst, daß er das als Mahnung oder Rüge meinte, doch er lachte auf und meinte, daß ich völlig unkonventionell und selbstbewußt sei, wie sonst niemand.
Das machte mich sehr stolz, daß er das zu mir gesagt hatte.
Alexandre begleitete mich wieder bis vor die Tür, doch diesmal küßte er nicht meine Hand, sondern beugte sich leicht vor und hauchte mir einen zarten Kuß auf meine Wange.
Ich wußte gar nicht, wie mir geschah. Ich sah ihm nach, bis er um die Ecke verschwunden war und ging dann erst ins Haus.
Ich hatte mir meine Gefühle wohl doch nicht eingebildet, oder Charlotte? Ich bin so glücklich, wie seit langem nicht mehr.


***Hoffe es gefällt***

[Dieser Beitrag wurde am 10.03.2006 - 22:19 von Heather aktualisiert]





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Nachdem mein Compi dreimal beim hochladen abgestürzt ist, habe ich eigentlich keine Lust mehr, aber warum sollte ich treue Leser vergraulen. Viel Spaß beim nächsten Kapitel, hoffe, daß es diesmal mit dem ersten Versuch klappt.
Also, Versuch eins





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Hoffe es gefällt, Heather. Viel Spaß


Magkenzie ging schweigend durch das Haus. Seit Wochen regnete es nun schon unaufhörlich. Dicke Tropfen platschten gegen das Fenster, als sie herausschaute. Sie wusste nichts mit sich anzufangen, denn wenn sie nur einen Schritt vor die Tür gemacht hätte, wäre sie sofort bis auf die Haut nass gewesen. Alexandre hatte sie schon lange nicht mehr besucht. Seit ihrem gemeinsamen Ausflug im März waren sie zwar noch ein paar Mal dort gewesen, doch Magkenzie hatte das ungute Gefühl, dass ihr Onkel die Beziehung nicht gutheißen würde.
Obwohl Magkenzie immer darauf achtete, dass zwischen ihnen beiden nichts passierte, merkte sie, wie unruhig Alexandre wurde. Sie ließ es zu, dass er sie auf die Wange küsste, doch mehr traute sie sich nicht.
Magkenzie fehlten die langen Gespräche, die die beiden immer führten. Öfters war es schon vorgekommen, dass sie über die Rolle zwischen Mann und Frau sprachen. Auch wenn Magkenzie von ihren Eltern so erzogen worden war, dass sie sich als Frau durchsetzen konnte, hielt sie sich trotzdem an die vorherrschenden Regeln.
Alexandre fand diese jedoch, was für einen jungen Mann sehr selten war, veraltet und setzte sich dafür ein, dass mehr Frauen Jura studieren konnten. Er hielt Vorträge über die „moderne Frau im 19. Jahrhundert“ und schrieb öfters Artikel für eine kleine Zeitung.
Magkenzie konnte bei seinen Ideen nur den Kopf schütteln. Er hatte ihr versprochen, dass eines Tages Frauen die gleichen Rechte wie Männer hätten; sie wählen konnten, alleine Kinder großziehen und die gleiche Arbeit verrichten konnten wie Männer.
Jetzt, wo sie in das triste Grau draußen sah, musste sie bei den Gedanken an ihn lächeln.
Mehrmals hatte sie schon darüber nachgedacht, was sie machen würde, wenn er um ihre Hand anhalten würde. Alexandre hatte gerade seinen 24. Geburtstag gefeiert und würde bald mit seinem Studium fertig sein.
Magkenzie schlenderte weiter, bis sie merkte, dass sie zum Arbeitszimmer ihres Onkels ging. Dieser war in letzter Zeit immer seltsamer und verschlossener geworden. Magkenzie sah ihn jetzt nur noch zum Frühstück, denn Mittag- und Abendessen nahm er in seinem Zimmer ein. Er sprach selten mit ihr und dann auch nur über das Wetter, ihre Leistungen in der Schule oder anderen unwichtigen Dingen.
Leise klopfte sie an die wundervoll verzierte Mahagonitür und trat, als nichts zu hören war, ein.
Früher war dies einmal das Arbeitszimmer für ihren Vater gewesen. Ihr Vater war ein erfolgreicher Banker gewesen und hatte sich Anwesen und Vermögen beim Anlegen von Aktien verdient.
Damals war dieses Zimmer voller Wärme und Geborgenheit gewesen. Magkenzie konnte sich noch daran erinnern, welche Gemälde an den Wänden gehangen hatten.
Sie waren alle nacheinander verschwunden. Wo sie geblieben waren, wusste sie nicht. Nur das Portrait von ihrem Vater hing noch einsam über dem Kamin. Dieser war an, obwohl ihr Onkel nicht im Zimmer war.
Auf seinem Schreibtisch lagen Aktenstapel und zerrissene Blätter lagen überall auf dem Fußboden.
Sie stellte sich hinter den Schreibtisch und begann die Stapel ordentlich zu schichten. Dabei rutschten ihr einige aus der Hand und fielen auf den Boden. Sie hob sie auf und sah, was darauf geschrieben stand. Es war die Hypothek für das Haus, ihr Haus.
„Onkel Charles hat eine Hypothek auf mein Haus aufgenommen?“ fragte sie sich selbst und grübelte nach. „Hatte Onkel Charles Geldprobleme?“
Sie konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn in diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und ihr Onkel betrat den Raum. Schnell legte sie die Hypothek unter einen Stapel anderer Papiere und ging auf ihren Onkel zu.
„Onkel Charles, ich wollte fragen, ob du Lust hättest, heute Abend mit mir in die Oper zu gehen. Es wird „Der eingebildete Kranke“ von Molière aufgeführt“, Fragte sie ihn.
„Nein, mein Kind. Ich habe noch sehr viel zu tun. Würdest du mich bitte entschuldigen?“ fragte er sie.
Langsam verließ sie den Raum.
Die beantragte Hypothek ließ ihr keine Ruhe mehr.



14. Juli 1882
Den Unabhängigkeitstag habe ich heute zum ersten Mal mit Alexandres Familie gefeiert. Er stellte mich seinen Eltern ganz offiziell vor und ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Seine Mutter (ich soll sie schon bei ihrem Vornamen Ashley nennen) nahm mich sofort in die Arme, als wäre ich schon die Verlobte ihres Sohnes. Wahrscheinlich denken sie das auch, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich will. In zwei Monaten werde ich 17 und eigentlich suchen die Mütter, die Mädchen in diesem Alter haben einen geeigneten Mann aus, doch Onkel Charles wird sich nicht darum kümmern. Außerdem kennt er keine Leute in Boston. Ich habe ihn nur mit Geschäftspartnern reden sehen und diese waren in seinem Alter.
Als ich in Alexandres Familie so herzlich aufgenommen wurde, fiel sogleich die gesamte Last von mir ab, die sich gesammelt hatte, seit Alexandre mich gefragt hatte, ob ich den Unabhängigkeitstag mit ihm feiern wollte.
Zu siebt sahen wir uns das Feuerwerk im Hafen an, denn Alexandres Brüder waren auch mit. Wir haben viel herumgealbert und gelacht und zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, dass mir in der ganzen letzten Zeit etwas fehlte und nun weiß ich auch was: das Lachen.
Alexandre s Bruder Theodore war der Scherzbold unter den dreien. Ich musste mir den Bauch halten, so habe ich gelacht und danach war mir richtig schwindelig. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich ein neues Kleid anhatte und das Dienstmädchen mein Korsett sehr eng geschnürt hatte.
Alexandre machte mir auf dem Nachhauseweg, für den er und ich die Kutsche seines Vaters bekommen hatten, viele Komplimente, doch als er mir vor unserer Haustür auf den und küssen wollte, drehte ich mich schnell weg. Er war, glaube ich, enttäuscht, doch er ließ es sich nicht anmerken.
Oh, Charlotte, was soll ich bloß tun. Ich traue mich nicht Alexandre Onkel Charles vorzustellen, denn ich habe Angst, er könnte mir verbieten ihn zusehen und dann wüsste ich nicht, was ich machen würde.
Aber vielleicht sollte ich noch warten und ihm erst alles sagen, wenn feststeht, welche Beziehung Alexandre und ich haben werden.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass alles gut ausgehen wird. Hoffe ich doch.


23. August 1882
Heute war Onkel Charles‘ Geburtstag. Er wurde 50., doch wir feierten allein. Jedenfalls schien es fast so. Ich hatte extra einen Kuchen gebacken und das Gartenhaus schön hergerichtet. Um Onkel Charles Alexandre endlich vorzustellen, hatte ich ihn ohne das Wissen meines Onkels eingeladen.
Er kam pünktlich um drei und sah einfach wunderbar aus. Er hatte sich extra fein gemacht, einen Frack angezogen, obwohl dieser sehr unnatürlich an ihm wirkte.
Ich wäre ihm fast in unserem Garten um den Hals gefallen, doch der Anstand verbreitete es mir. Ich trug hingegen das luftige Sommerkleid aus feinster Pariser Spitze, welches ich im Schrank meiner Mutter gefunden hatte. Es sah einfach wunderschön aus und so konnte ich es im Andenken an Mum tragen.
Ich deckte gerade den Tisch, als Onkel Charles kam. Ich musste ihn am Tag zuvor überreden am Nachmittag in den Garten zu kommen, denn sonst wäre er den ganzen Tag in seinem Zimmer geblieben.
Er schlurfte über den Rasen und da fiel mir auf, wie sehr sich seine Gestalt in den letzten Monaten verändert hatte. Früher war er etwas beleibter gewesen, doch nun hingen sein Hemd und seine Weste an ihm herunter, wie an einer Vogelscheuche. Sein Haar war noch grauer und weniger geworden und unter den Augen hatte er dicke Tränensäcke.
Ich ging auf meinen Onkel zu und hakte mich bei ihm unter.
„Lieber Onkel Charles, ich möchte dir einen sehr guten Bekannten vorstellen. Das ist Mr. Alexandre Livingston“, sagte ich und stellte die beiden einander vor.
Danach setzten wir uns ein wenig steif an den Kaffeetisch und ich hatte Mühe das Gespräch in Gang zu halten. Nicht, weil Alexandre so still war, sondern weil Onkel Charles immer einsilbiger wurde und von sich aus nichts mehr sagte.
Nach einer guten halben Stunde Quälerei gab ich schließlich auf und unterhielt mich alleine mit Alexandre. Mein Onkel schien das nicht zu stören, denn nachdem er seinen Kuchen aufgegessen hatte, ging er wieder ins Haus.
Ich sah ihm nach, doch Alexandre meinte, er fände ihn ganz nett.
„Du kanntest ihn vorher nicht. Er war wie sonst kein anderer, den ich kannte. Immer wenn er früher gekommen ist, hatte er mir Spielsachen mitgebracht. Er klingelte nie an der Haustür, sondern pochte laut dagegen. So wusste ich schon, dass er kam und lief ihm entgegen. Er hielt seine Arme auf, damit ich hineinlaufen konnte und warf mich dann so oft in die Luft, bis meine Mutter ihn bat endlich aufzuhören. Danach war mir immer ganz schwindelig.“
Ich stockte. Damals, ja damals war Onkel Charles ganz anders gewesen. Nicht nur seine Erscheinung hatte sich verändert, auch innerlich war er ein ganz anderer Mensch geworden.
Ich muß ziemlich lange in meinen Gedanken gefangen gewesen sein, denn inzwischen fielen große, dicke Tropfen auf das Dach des Pavillons.
„Was machen wir jetzt?“ fragte mich Alexandre, doch ich hatte schon meine Sandalen ausgezogen und lief barfuss durch den warmen Regen.
Er sah mich etwas belustigt an, doch als ich ihn aufforderte zu mir zu kommen, stand er langsam auf und kam zu mir in den Regen.
Ich streckte die Hände in den Himmel und begann mich zu drehen.
Es war unglaublich. Ich hatte das Gefühl zu schweben, bis ich wieder die Augen öffnete und die Erde sich vor meinen Augen drehte. Ich taumelte durch den Garten, als wäre ich betrunken und wie bei unserer ersten Begegnung fiel ich in Alexandres Arme.
„Es ist wohl unser Schicksal, dass du mich jedes Mal auffängst?!“ sagte ich und als er mich wieder auf meine eigenen Beine stellte, kamen sich unserer Gesichter ganz nah. Ich wollte, dass er mich jetzt küsste. Ich war bereit für meinen ersten wirklichen Kuss, doch mit einem Mal war die romantische Stimmung weg. Alexandre sah schnell zu unserem Haus, nahm Abstand von mir und ging wieder in den Pavillon.
Jetzt ist es fast Mitternacht und es kommt mir vor, als wäre der ganze Tag nur ein Traum gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob das alles wirklich passiert ist, denn nachdem wir uns wieder artig in das Gartenhaus gesetzt hatten, redeten wir genauso wie vorher über belanglose Dinge.
Es gibt einen Kinderreim, der meine Gefühle einfach und doch präzise wiedergibt:

Everbody needs somebody
Everbody needs somebody to love
Someone to love
Sweetheart to miss
Sugar to kiss

Ich wünschte mir, es wäre alles so einfach, wie dieser Reim.

Jetzt bin ich auf noch über meinem Tagebuch eingeschlafen. Der peinlichste Moment war, als ich mich heute Morgen im Spiegel gesehen habe. Ich habe auf meiner eigenen Schrift geschlafen und die Tinte hatte auf mein Gesicht abgefärbt.
Ich musste mich zweimal waschen, damit man nichts mehr sah. Es wäre auch wirklich zu peinlich gewesen, wenn man meine privatesten Gedanken auf meiner Wange lesen könnte.
Ich werde heute noch zum Friedhof gehen, doch zuerst muss ich mit meinem Lehrer die Frage erörtern, ob der Mensch Gottes Ebenbild ist und warum der Mensch dann fehlerhaft ist.
Furchtbar...





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...   Erstellt am 10.03.2006 - 22:24Zum Seitenanfang Beitrag zitieren Beitrag melden Beitrag verändern Beitrag löschen


Super, Versuch eins geglückt. Hier kommt gleich das nächste





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